Ich habe nie begriffen, was an geschichten gut sein soll, „wie das leben sie schreibt“. soweit ich weiß, schreibt das leben vor allem banale geschichten, solche, die kein verleger drucken würde. nehmen wir beispielsweise das ende einer der letzten diktaturen europas, das land spielt keine rolle, da gab es eine friedliche umwälzung, der regierungspalast wurde von einer fröhlichen menschenmenge gestürmt, der regierungschef war damit faktisch abgesetzt; niemand griff ein, das militär nicht, die polizei nicht, kein schuß fiel, niemand kam zu schaden, und als die bürger sich stunden später verblüfft die augen rieben, war eine regierung, ein system und eine ära zu ende. so weit so gut. aber jetzt kommt das wahrhaft schöne, das, was dieses ereignis zu einer geschichte macht, oder gemacht hätte, wenn es wahr wäre: es hieß nämlich bereits wenige stunden später, die bewegung der am fuß der treppe wogenden menge die stufen hinauf und ins innere des palastes hinein sei durch ein kleines kind ausgelöst worden, das sich aus der hand seines vaters befreit hatte und, die kühnheit seiner schritte nicht ahnend, die stufen erklommen habe, so daß der vater ihm nachgesprungen sei; und dieser bewegung hätten sich sogleich einige und schließlich viele spontan angeschlossen, bis im schneeballeffekt der palast regelrecht gestürmt worden sei.
eine schöne geschichte, wie gesagt, wenn sie wahr wäre. denn nicht das leben hatte sie geschrieben, sondern irgendein nach geschichten hungernder geist (der sich vielleicht an eine schlange und ein blankgezogenes, in der sonne blitzendes schwert erinnert hatte); jedenfalls konnte sie so nicht bestätigt werden. so schön ist das leben nun einmal nicht, und deshalb, warum sonst, braucht es geschichten, als entwurf einer wahreren welt. und das schöne ist: diese innere wahrheit kann niemals angezweifelt werden. vielleicht hat es das kind auf den treppenstufen des palastes gegeben, vielleicht nicht. daß aber die schlacht zwischen Artus und Mordred durch ein leichtfertig gezogenes eisen ausgelöst wird, oder daß Philemon und Baucis in bäume verwandelt werden, ist unbezweifelbar „wahr“. indessen wäre aber eine geschichte, in der der böse wolf von rotkäppchen geküßt und in einen schönen prinzen verwandelt wird, nicht „falsch“ (in welchem sinne denn auch?). man könnte nicht ausrufen, „das stimmt doch gar nicht!“, höchstens „die geschichte geht anders“, was nicht dasselbe ist. insofern ist jede geschichte wahr, sobald sie erzählt wird. deshalb ist, auf ihre weise, auch die geschichte vom kind auf den stufen des regierungspalastes wahr, dann nämlich, wenn man sich die geschichte vom kind auf den stufen des regierungspalastes erzählt; sie ist so wahr, wie es eben nur eine geschichte sein kann. nicht eine, wie das leben sie schrieb. sondern wie man sie sich manchmal für das leben wünscht.
0:33
Ich bin wohl einer von denen, die selbst einer verlorenen Sache immer noch die Treue halten, und sei es auch aus reiner Halsstarrigkeit, sogar dann, wenn ich selbst es war, der das zu Fall gebracht hat, dem ich jetzt, halsstarrig und überflüssigerweise, die Treue halte. Wen kümmert’s und was hoffen wir davon zu haben, jetzt oder dereinst? Liegt es in unserer Natur? Können wir nicht anders? Erst zerschlagen wir alles, dann bauen wir einen Tempel den Scherben, der Asche, den Briefen, die wir selber geschrieben haben, und die wir jetzt lesen, wieder und wieder, solange, bis das Papier so dünn geworden ist, daß die Buchstaben spinnwebfein in der Luft hängen und zu wackeln beginnen, wenn man keine ruhige Hand hat.
Nein, liebe Hersteller des E*e*a-Bio-Wertkost-Müslis, Spelzen im Müsli sind kein Zeichen von Natürlichkeit, schonender Verarbeitung oder ökologischer Verantwortung, sondern ein Zeichen schlampiger Arbeit und mangelnder Sorgfalt, sonst gar nichts. Versuchen Sie nicht, mir etwas anderes weiszumachen und Ihre Schlamperei mit dem Öko-Deckmäntelchen zu tarnen. Federn oder Schalen sind auch natürlich; trotzdem haben sie auf dem Brathähnchen und in der Nußmischung ebensowenig verloren wie Spelzen in der Flockenmischung.
Allmähliches Umkreisen der wirklich schwierigen Szenen. Ich schreibe um den heißen Brei (in dem Fall sogar die heiße Liebe) herum und lege Kreis um Kreis an Ausweichmaterial um das Noch-zu-Schreibende, den Kern, das Gravitationszentrum. So gruppiert sich die Geschichte allmählich aus lauter infinitesimalen Annäherungen um ein Nichts herum, um ein noch zu füllendes, alles entscheidendes Nichts. Je näher ich aber komme, desto mehr bleibt noch. Sich zu zwingen, täglich zu schreiben, das kann die unerwünschte Wirkung haben, daß man Beliebiges zusammenstoppelt, nur um irgendwas zu sagen. Auf diese Weise kann es bis zur ersten Berührung noch etwas dauern, vom ersten Kuß (den es nicht geben wird, oder wenn, dann ist es ein anderer) oder gar weiteren ersten Dingen ganz zu schweigen.
Nicht daß ich beabsichtige, in diesen Punkten allzu explizit zu werden, ohnedies.
Die Stadt: Dachschicht
„Dämmerung glitt über die Dächer. Auf den Schindeln lag gegen Westen noch ein wäßrigtrüber Schimmer, der die Dächer zu transparentem Glänzen brachte, die Flächen milchig emporhob und verdünnte, und bis an den Ostrand dieser Steinflächenlandschaft das Relief Ziegel für Ziegel schuppiger und deutlicher hervortreten ließ, ehe er abriß und gegen den dunklen Nachthimmel fortbrach. Ziegelsteine und Schornsteinrohre verklammerten sich mit dem Himmel, ihr Kupfer ermattet und schwarz und drauf und dran, in die Silhouetten der Dächer zurückzuschrumpeln. Ein leichter Wind kam auf. Gerüche von vergangenen Sommern stiegen herauf, Duft ohne Blüte, Wasser ohne Tiefe, süßer Moder. Plötzlich ein Tapsen, ein Scharren, das Fiepen eines Vogels: Eine Katze, ein zuckendes Federbündel im Maul, erschien im Ausschnitt des Fensters. Sie verhielt kurz, und Vogel wie Raubtier starrten R. einen langen Augenblick an, Räuber und Opfer gleichermaßen wie erschrocken über das Unerwartete, das da in ihr uraltes Drama hereinkam. Die Katze wartete lange Sekunden, während derer der Vogel völlig stillhielt; sah mit jenem gelassenen Schrecken, wie nur Katzen ihn hinkriegen zum Fenster, und huschte dann übers Dach davon. Erst bei der letzten Bewegung begann auch der Vogel wieder zu zucken. Aus der Straße tönten hallende Stimmen herauf, die Laternen hatten da einen Milchsee ausgebreitet, der die Backsteinmauern der gegenüberliegenden Gebäude mit weißlichem Schein anhauchte. Der Rand eines beleuchteten Werbeplakats ragte ein kleines Stück aus der Tiefe. Von dort, gedämpft und in der Luft hin- und hergerissen, drang Marschmusik von Blechbläsern, ein schleppendes Ostinato, spitze Flötenschreie, darin das Gejammer einer Klarinette, ein quitschtrauriger Lärm, der sich langsam entfernte, noch einmal aufheulte, erstarb. Eine Autotür schlug zu. Ein Motor sprang an.
Da fühlte R. plötzlich eine tiefe Sehnsucht in sich aufwachsen, wie nach einer vergessenen Melodie, die ihm in diesem Augenblick, während eine Stimme unten mit anderen lachte, aus dem Vergessen heraus unerkannt zugeblinzelt hatte. Eine Stimme rief. Ein Tuch wogte aus dem Fenster gegenüber. Die Silben eines Traumes wirbelten auseinander, eine Katze trug einen Vogel im Maul, und ein aufgeflackertes, gerade wieder entschwundenes Wort ließ eine dürre Wehmut zurück. Drüben, in einem anderen Fenster, bauschte sich ein Vorhang.
Er zog die Gardine wieder vor.
Als er später im Bett lag, kam es zurück. Es war plötzlich wieder da, wie die Silben eines Wortes, das sich aus einem Traum herausschälen will; ein Flackern der Ränder des Bewußtseins; warm und aufmerksam und verheißungsvoll, wie der Blick einer Frau mit einer wundervollen, den Mund freilassenden Maske, die, quer durch einen Raum voller belangloser Menschen, dich und nur dich trifft und treffen wollte. Und so wie der Blick sich, kaum erwidert, abwendet um nicht mehr oder vielleicht doch noch einmal zurückzukehren, so floh diese Sehnsucht vor ihm.“
Ich sah auf. „Hast du etwas gesagt? Ich habe doch etwas gehört. Aber gelacht, gelacht hast du doch! Oder geweint wenigstens?“
Nichts. Die Gardine bauscht sich. Aus den Fenstern, schwer von Nacht, trat mir mein Spiegelbild entgegen.
Aus unruhigen Träumen (ein Auto, ein fremdes Land, Gefahr von Anschlägen, von Kugelhagel) erwacht zu unbestimmtem Unwohlsein. War es Übelkeit? Atemnot? Eine Art von Beklemmung, als hätte ich abgestorbene Luft geatmet. Das Zimmer, das Fenster, die Nacht totenstill, warm, unbeweglich.
Ich riß das Fenster ganz auf, atmete mehrmals tief durch, reckte mich und legte mich vorsichtig wieder hin. Ein Weilchen blieb ich noch wach, prüfend, ob die Übelkeit wiederkäme, schlief dann aber schnell wieder ein.
Später ein weiterer Traum. Nicht daß ich je solche Träume gehabt hätte, als ich wirklich eine Abschlußarbeit schrieb. Träume, in denen ich am Tage einer Premiere nicht eine einzige Zeile Text konnte, hab ich auch immer erst Jahre nach der Aufführung geträumt. –
Wann denn der Termin für die Anmeldung sei? frage ich im Traum einen Kommilitonen.
Ach, da könne man immer vorbeigehen, das ganze Jahr durch.
Nein, nein, wann denn die Frist sei?
Im April sei das gewesen für den Wintertermin; das paßt mir gar nicht. Ich überlege. Dann muß ich den Sommertermin nehmen. Das heißt, es wird April, Mai 2009. So lange noch!
Ich tröste mich mit dem Gedanken, daß ich ja, angemeldet oder nicht, schon einmal anfangen könnte zu schreiben, da ist der Traum zuende und ich erwache.
Wirst du groß sein, wenn es fertig ist?
Nein. Ich werde nicht groß werden, egal wieviele bücher ich nicht mehr schreibe.
Sommerepigramm, II, 6
Zwischen Frühstem und Frühem wachsen den Stunden die Bilder:
Was die Haut nicht begriff, bleibt mir als Traumlicht zurück.
Provinzbahnhöfe (1)
Man fragt sich, wer dort wohl wohnt. Ein Fenster mit Gardine. Eine Blumenampel, quietschrote Pelargonien. Wer lebt da, zum Winken nah, auf Augenhöhe mit den Oberleitungen, mit dem Rattern und den zuckenden Blitzen unter den Füßen?
Ein Alltag in der Ausnahmewelt des Reisenden: Auch hier gibt es Mülleimer und Kioske, Werbetafeln und das Geflimmer auf Bildschirmen. Auch hier gibt es einen Supermarkt, der Teppichvorleger verkauft und Grillanzünder und Katzennahrung, auch hier gibt es Nach-hause-Wege und Briefschlitze.
Bahnhöfe wie einer Spielzeugwelt entstiegen, mit einer Ortstafel in wilhelminischen Lettern, Holzbänken im Schatten und einem hübschen Bahnwärterhäuschen, erbaut in Zeiten, da man ein solches Gemäuer noch liebevoll mit Gesimsen, Türmchen und Mauerbögen über den Fenstern verzierte. Zwischen Bahnsteig, Garten und Straße steht es, mit einem Fahrradladen im Erdgeschoß und Mietern im ersten Stock. Die Namen heißen Bensheim, Goarshausen, Welgesheim-Zotzenheim oder Urft. Schlichtländliche Einsilbigkeit. Haltepunkte im scheinbaren Nirgends, aufgewürfelte Häuser in einem Schnitt zwischen Äckern oder Wein, wo es über Gräben silbrig distelt und auf den Umfriedungen Katzen in der Sonne dösen. Hart steigt darüber das Tal an, der Fluß heißt Lahn oder Ahr oder Rhein, und das Licht ist staubig von Feldern. Im Wartesaal ist es kühl im Sommer und eisig im Winter. Der Putz bricht von den Wänden. Abfahrtpläne wellen sich hinter trübem Glas, verlieren ihre Farben und ändern sich jahrzehntelang nicht. Vielleicht gibt es sogar noch einen Schalter, wo hinter einem Doppelglas mit Drehdurchreiche ein Bahnwärter Kaffee kocht. Sommers tritt man aus dem dämmrigen Raum mit verhallendem Schritt in die Sonne, da flimmern die Schienen der Ferne entgegen, und anstelle einer Halle wölbt sich über den Geleisen ein von Schwalben durchzuckter Himmel.
Sommerepigramme II, 5
Barfuß, mit tropfenden Flechten, betratst du, Sommer, die Küche,
zogst einen Kreis mit dem Zeh, lachtest. Und warst eine Frau.
De Melancholia Panica
Gezielte Übermüdung, um mit der panischen Melancholie (also der Schwermut, die den Gott Pan manchmal befallen muß) fertig zu werden. Nach Mitternacht ins Bett, morgens um sechs raus. Kaffee trinken (vier satt gehäufte Teelöffel auf einen Becher, schwarz, etwas Zucker), schreiben, Radio hören, Amselgeflöte in sich sickern lassen. Nebenwirkung: Irgendwelche ermüdeten Synapsen, die sonst das freie Strömen von Syndesen und Syndyaden, numinoser Nebulae, fluider Phainomena, subtiler Sibilantia und anderer somnambuler Akrochoreographien verhindern, das Kurzschließen von gegensätzlichen Ufern blockieren und so alles in farbloser Voraussagbarkeit halten, diese Synapsen geben jetzt auf, so daß die Kobolde der Hirnrinde anfangen, loszugackern, Vergrabenes aus Klein- und Stammhirn an Oberflächen quillt, wo es sonst nix zu suchen hat, und ein Dauerfeuer über das Corpus Callosum hinweg einsetzt, daß es nur so knistert zwischen den Welthälften, mit anderen Worten: Genau. Denn das ist es schon. Andere Worte. Neues. Ungedacht-Gedachtes. Qietschendes, Reibendes, Funkelndes tritt ins Bewußtsein und ist plötzlich da, war es eigentlich schon immer.
Aber das, wie gesagt, ist Nebenwirkung.
Wer müde ist, denkt anders. Nicht für jedes Denken braucht es Konzentration, manchmal ist sie sogar hinderlich. Der Ausgeschlafene denkt in starren Bahnen, ihn lenken die abrufbereiten Erfahrungen und eingespielten Muster. Lenken ihn — aber führen ihn auch leicht in die Irre, oder in einen Kreis. Der Wache empfindet aber auch die Schwermut stärker, sie betrifft ihn, sie fordert ihn heraus. Für den Ermüdeten ist sie erträglich, die Schwermut, sie ist da, aber sie will nichts. Bei Schlafentzug sind die Empfindungen verfeinert, aber insgesamt abgedämpft, heruntergefahren und weichgezeichnet, das Grobe und Scharfe geht einen nichts mehr an, alles wird erträglich. Kummer wird zu einem kosmischen Prinzip, an dem man nur wie zufällig teilhat. (Man könnte stolz darauf sein); Sehnsucht wird fast in Schönheit verwandelt; ein Verlust läßt sich literarisch zerdenken und mit Sinn behaften, matter Liebeskummer einfach wegwachen. Heimweh wird sanft und geschmeidig und in die Vorfreude der Heimkehr verwandelt.
So verwandelt sich auch die panische Schwermut, dieser träge, süßliche Sommernachmittagsschmerz, Baumharz, Zikaden, Feigen und Salz und schöne Frauen, das plötzliche Bewußtsein, an einem amoenen Orte zu sein, und dann kann man ihm nichts abgewinnen, an einem Ort, der so schön ist, daß ihm alles fehlt, was froh machen könnte, ein Ort, der gleißt und schmerzt. Da ist es ein Glück, übermüdet sein zu dürfen, und dieses wahrnehmende Selbst – das Selbst, das denkt, „dies ist ein schöner Ort“, den Sitz der Melancholie – einfach zu verdünnen und transparent zu machen durch eine Schläfrigkeit, die so genau ausgemessen ist, daß man gerade noch widersteht. Das mildert die Schärfe des Seins, glättet die Flächen, stumpft die Kanten ab und legt über die schroffen Tatsachen den leuchtenden Mantel des Tagtraums. Fast ein Glück, gerade noch bei Bewußtsein und noch nicht im Schlaf, ein Wandeln an der Grenzfläche, akrypnobatisch, nach beiden Richtungen blicken zu können, in beider Abgrund, des Wachens und des vergessenden Schlafs, und dazwischen zu fühlen nach den leuchtenden Wörtern.
Solstitium, eine Elegie
Tauben sahen mich an am Morgen, als alles zu früh war.
Wo ich gewesen sei? Müde hob ich die Hand.
Licht schoß von unten herauf. Die Menschen, als hätten sie ihren
Koffer verloren im Zug, nichts war begreiflich, die Bahn
kam nirgends an, die Tauben flogen davon, und das Türschild
schwieg. Und als letzter Verlust stimmten die Wörter genau.
Du hieß „du“ und „ich“ war ich, genau wie wir hießen.
Wort für Wort ein Verlust. „Nie“ hieß „vorbei“ und war „je“.
Einmal betratst du ein Zimmer, hattest von je eins besessen,
Zimmer und Sternstaub und Nacht. Ich aber löste mich auf,
hatte mich schon verloren, in Städten, in zuvielen Leben
zuvieler Zeit, die je zuviele Läufe begann
nie zu erreichender Marken. Du erst, als längst schon kein Ort war,
hobst noch im Fallen es auf, schenktest den Leib mir zurück.
Eines strahlendsten Morgens verließ dich das Sternenstaubzimmer,
sparte der Raum dich aus, wo ich zu früh mich erhob.
Nun, wo warst du? fragten die Tauben, zertraten die Spuren,
zogen zu zweit durch die Luft, ließen gesegnet mich hier.
Entgegen des Zeitgeistes
„Unsere Erbanlagen sind entgegen unseres bisherigeren Verständnisses in ständigem Wandel begriffen …“
Die ZEIT, Online-Ausgabe dieser Woche.
Statt sich in geschraubtem Zeitungsjargon zu ergehen und die unmöglichsten Verbiegungen zu machen, um nur ja keinen bösen Dativ zu benutzen, wo die Sprache ihn durchaus vorgesehen hat, könnte man auch einfach gelassen bleiben und ein bißchen des natürlichen Sprachgebrauchs entgegenkommen.
Wahrscheinliches Szenario
Ich werde eine alte Ratte.
Erhofftes Szenario
Ich werde eine weise Spinne.
Sommerepigramme, II, 4
Regen, du warst der Anfang. Bevor noch ein Erstes sich höbe,
hattest du schon getönt. Wo aber Zeit wieder floß,
war alles früher. Ein jeglicher Blick, das Licht in den Gläsern,
jeder spätere Kuß. War schon und war doch noch nie.
Störer
„Entschuldigung, darf ich mich hierhin setzen?“ spricht mich der Anzugsfritze an und deutet auf den Nebensitz, wo ich meinen Rucksack abgestellt habe.
Nein, denke ich, nein, dürfen Sie nicht. Sie stören. Sie rücken mir auf die Pelle. Deswegen habe ich ja gerade meinen Rucksack genau dort abgestellt, daß Sie eben nicht auf den Gedanken kommen, sich hier hinzusetzen. Im übrigen ist ein Sitz weiter auch noch ein Platz frei.
Statt es zu sagen, nehme ich wortlos den Rucksack, erhebe mich und suche mir eine Stelle, wo ich den Rest der Fahrt wenigstens bequem stehen kann. Der andere wundert sich nicht einmal, und zu meiner Wut über die Störung tritt nun noch der Zorn auf die Selbstverständlichkeit, mit der er den Umstand hinnimmt, daß er mich vertrieben hat aus meinem Territorium, ein Gewinner, denke ich, ein Störer. Ich koche innerlich. Er sieht mich nicht einmal an, vielleicht hat er nicht einmal bemerkt, daß ich aufgestanden bin, und es läßt mir keine Ruhe, daß er nicht gesagt hat, bleiben Sie doch sitzen, bleiben Sie doch … „Es ist mir zu nah“, hätte ich dann erwidern können.
Aber wahrscheinlich hätte er das nicht verstanden. Hätte er die dafür nötige Empfindlichkeit, er hätte sich von vornherein nicht neben mich setzen wollen.
Ich schweige und köchle. Und komme zu dem Schluß: Die Welt gehört den Störern, die sich selbst an nichts stören. Den Autofahrern, den Rauchern, den Lärmern und Schulterreibern.
Sommerepigramme II,3 In horto sinensi
Abdruck wie feuchtsüßer Schlaf, ein Gitter von Stoff auf der Schulter.
Schlaf. Dein Schlaf, und mein Traum. Bloßer Gedanke: des Wegs
Kühne Raffung. Die Finger schon knospend von Tastung und Schweißfilm –
Nur im Gedanke, im Wort. Keusch war die Luft, war der Raum.
Fairer Handel
Als ich kürzlich ich in einem Dritte-Welt-Laden, der politisch korrekt jetzt „Eine-Welt-Laden“, oder knapp einfach nur „Weltladen“ heißt, fair gehandeltem Espressokaffee erstand, äußerte ich (ahnungslos) der Mitarbeiterin gegenüber mein Bedauern, daß zwar im Supermarkt schon seit langem fair gehandelter Filterkaffee, leider aber nicht der von mir sehr geschätzte Espressokaffee angeboten werde. Woraufhin mich die Mitarbeiterin etwas säuerlich anlächelte und erwiderte, es müsse ja auch irgend etwas geben, das nur in Weltläden zu haben sei, andernfalls solche Läden ja überflüssig wären.
Wie bitte?
Prüfen wir doch mal die Konsequenzen dieser leichtfertig hingeworfenen Bemerkung. Die Mitarbeiterin des Ladens wünscht sich für diesen und ähnliche Läden eine Art von Exklusivität, einen Unterschied, ein Merkmal, das ihn von anderen Geschäften, Supermärkten etc. unterscheidet: Einen Wettbewerbsvorteil. Fragen wir nun nach der Art dieses Wettbewerbsvorteils. Was verkauft ein Weltladen? Fair gehandelte Produkte aus ungerecht behandelten Ländern der Erde. Worin unterscheidet sich der Kaffee im Weltladen vom Kaffee im Supermarkt? Durch den Umstand, daß er nicht unter ausbeuterischen Umständen produziert wurde; er ist etwas teurer, weil beispielsweise bei seiner Produktion akzeptable Löhne bezahlt wurden. Worin liegt also der Mehrwert? Doch wohl darin, daß dieser Kaffee, im Gegensatz zum Supermarktkaffee, sich einem gerechten, eben „fairen“ Handeln verdankt. Was die Weltläden demnach verkaufen, ist: Gerechtigkeit. Oder einen Unterschied in der Gerechtigkeit. Dieser Unterschied ist ihr Wettbewerbsvorteil gegenüber Supermärkten, die in diesem Sinne „ungerecht“ sind, weil sie Produkte anbieten, die ihren niedrigen Preis einer Ungerechtigkeit verdanken.
Fair gehandelte Produkte sind also nach Meinung dieser Mitarbeiterin ein Gut, daß es im Weltladen gibt, und auch nur dort geben sollte, damit der Weltladen überlebt und weiter – Gerechtigkeit verkaufen kann? Nun ist aber Gerechtigkeit kein relatives Gut wie Aroma, Ergiebigkeit, Koffeingehalt undsoweiter, sondern ein absoluter Wert, der nicht verhandelbar und also auch nicht handelbar ist. Welche Absicht steht denn hinter den Weltläden und Fairhandelsgenossenschaften? Doch wohl eine gerechtere Art des Handelns und im weitesten Sinne eine bessere, weil gerechtere, Welt. Gäbe es in einer Welt, die den Betreibern und Gründern von Weltläden, Fairhandelsmarken etc. vorschwebt, noch Bedarf an einem Weltladen, an Fairhandelsmarken etc.? Die Antwort ist nein. Es gäbe dann nämlich überall „gerechte“ Produkte, weil es überhaupt nur noch „gerechte“ Produkte gäbe.
Die Aussage der Mitarbeiterin kann aber so umformuliert werden: „Es soll andernorts Ungerechtigkeit herrschen, damit wir weiter Gerechtigkeit verkaufen können.“
Und noch schärfer:
„Es muß andernorts ungerecht zugehen, damit wir weiter dafür sorgen können, daß es gerechter zugeht.“
Aha, ich verstehe: Nur in einer Welt der Ungerechtigkeit können Weltläden sich durch die Fairneß ihrer Produkte auszeichnen – und daran arbeiten, daß die Welt gerechter wird. Freilich nicht so gerecht, daß es Weltläden nicht mehr geben müßte. Die Welt muß schon ungerecht bleiben, damit sie gerechter werden kann. Wer das für widersprüchlich hält, könnte recht haben.
das wahre Leben
Manche Orte mit einer Ausstrahlung, als hätte ich sie nur eher finden müssen, als sei ich seit je am falschen ort gewesen, und hier, gerade hier, hätte es sein müssen und dürfen, das andere, das wahre Leben.