Frühprotokoll: Schlecht geträumt

 
Morgenstunde. Ein Schlaf voller Fremdheit. Ein Schweben an Felsen, sturzbereit. Stimmen. Blütenränder, die wie Siegel in der Dämmerung liegen.

Unfertig der Morgen. Als rückten die Techniker im Verborgenen noch an den Kulissen herum. Unfertig auch die Träume. Schrille Schreie toter Insekten, gelbes Blut auf essigweißen Tellern, aufgeplatzte, geschwollene, geschundene Körperchen. Obwohl nichts mehr zappeln dürfte, zappeln die Beinchen immer noch.

Ich verschlafe das Kaffeekochen. Duft eines geduschten Körpers füllt den Raum, bevor ihn der Kaffeeduft füllt. Decke über den Kopf, bevor das Licht angeht.

Später Pläne, Verabredungen, Projekte. Ich habe für alles zuviel Zeit oder zu wenig, jedenfalls ist es die falsche Zeit, die falsche Stunde, ein Acker voller Disteln. Wie ein unfertiges Kreuzworträtsel widersetzt sich der Tag, geht vorne und hinten nicht auf.

Leer liegt die Wohnung, am falschen Ende des Kusses. Feder, Flaum und Schnabel. Gußform von Schreien. Blutleere Lüfte. Bäume nesteln an den Wurzeln, erheben sich, wechseln in die Arbeitskluft des Tages.

Frühprotokoll mit Streichern

Im Radio einer meiner Lieblingsmoderatoren. Daniel Finkernagel erklärt, warum er neulich im Konzert fast gebuht habe. Es sei ein gemischter Abend gewesen, ein bißchen Komik, ein bißchen klassische Musik, ein bißchen Varieté, und das ganze zusammengehalten von einem Conférencier, der natürlich, das gehört sich ja so, die Mitglieder des auftretenden Streichquartetts folgendermaßen vorgestellt habe: „Erste Geige: … Zweite Geige: … Dritte Geige: … Cello: …

Gebuht hätte ich wohl auch nicht, aber gekichert hätte ich sicher. Weniger entrüstet als zufrieden darüber, daß es genügend Analphabeten auf der Welt gibt, von denen man sich großherzoglich unterscheiden kann.

Ich habe auch nie verstanden, warum man bitte Jugendliche oder bildungsferne Schichten oder sonstwen für klassische Musik erwärmen sollte. Gute Musik ist überall wohlfeil zu haben, es gibt keine anderen Hindernisse als den eigenen Anspruch an Kunst. Der Weg zu Streichquartett und Sinfonie ist frei, wer das nicht will, bitte schön. Die Konzertsäle und Opernhäuser sind auch ohne Krethi und Plethi voll. Allen Bemühungen aber, neue Hörerkreise für klassische Musik zu erschließen, haftet in meinen Augen etwas zutiefst Anbiederndes inne. Klassische Musik wurde an Fürstenhöfen ersonnen. Es ist Musik für Fürstenohren. Also bitte!

*****

Seltsam, wie man eine starke Abneigung oder Zuneigung gegen bestimmte Radiostimmen entwickeln kann. Es gibt einen Moderator meiner Lieblingssendung, den ich absolut nicht ausstehen kann, ich kriege Pickel im Ohr, wenn ich den höre. Es ist nicht einmal, weil er den Namen Poulenc wie Poulonc ausspricht, aber das macht es natürlich nicht besser.

Was mir ebenfalls Ohrenschmerzen bereitet, ist eine bestimmte Tonlage und Intonation, die vom WDR in letzter Zeit gern für Ankündigungen benutzt wird. Konzerte in NRW – die große Sommerreihe! Oder: WDR-Konzerte live erleben! Oder einfach nur: WDR3-Aktuell! (WDR-Sprech für „Nachrichten“). Es klingt immer so, als wolle die Sprecherin gleich noch ein jetzt nur einen Euro neunundneunzig! folgen lassen. (Falls hier jemand mitliest vom WDR: Ich bitte Sie inständig, ändern Sie das. Kultur ist kein Kräuterquark! Und verzichten Sie in der Kulturwerbung bitte auf die Vokabeln erleben, genießen und Event. Danke!)

Demselben so oft geschmähten Kultursender verdanke ich indes eine Empfehlung, die ich an Sie weitergeben möchte. Dorothee Mields und die Lautten Compagney spielen Liebeslieder von Henry Purcell. Unbedingt anhören!

Frühprotokolle. Muskelkater

 
Der Morgen aufgestuhlt, ausgefegt, hallend von einem einsam tropfenden Wasserhahn. Aufgewacht mit einem fremden Socken am Fuß.

Vogelnamen aufzählen. Zungen archivieren. Wälder imaginieren, Hügel ins Flimmern bringen hinter den Wimpern des Forstes.

Wie ein müder Athlet streckt der Stiefel die Schnürsenkel von sich. Im Baum zählen die Raben ihr Beutegeld.

Das Wetter ein verrückter Einfall von gestern, der am Morgen absurd erscheint. Jetzt hängen wieder die Wolken über den leeren Bahnsteigen. Abgeknickte Schirme stecken den Kopf in Abfallbehälter. Die Forsythie hat einen schmutzigen Schuh aufgespießt.

Wie geht es weiter? Der Himmel riecht nach Flugzeugen. Die Braunelle zwitschert eine Endlosschleife aus Pausen.

Frühprotokoll. Sommerzeit

 
Mit den Vögeln wach werden. Hausrotschwanz, Singdrossel, Amsel. Im Traum fliegen den Dingen wieder die Namen zu, Wolke, Weißdorn, Rauch, Kiesel, Weide, Gras. Der Tag ist wie ein kühler Ärmel, in den man fröstelnd schlüpft.

Hellere Wege. Was auch immer unter dem Winterlaub lauerte, ist jetzt fort. Die Sonne dreht eine Rose ins Schloß. Die Räume häuten sich und kehren die Fleischseite nach außen.

Als schwebten Fledermäuse langsam zu Boden, so kehren nach der nächtlichen Jagd die Bücherstapel zurück zum Tag. Der Fenstergriff, eine schwirrende Libelle, schwebt über den Schatten des Glases. Unter den Wolken indes breitet bequemer das Land sich aus.

Blinzeln des Rolladens. Die Kirschzweige im Fenster sind wie ein gekritzelter Gruß, den man am Frühstückstisch findet, wenn man zu spät erwacht.

Einverleibungen

 
[…]
Die Räume waren offen, die Zukunft war eine Bibliothek. Man würde nicht alle Bücher lesen können, aber man hatte unendlich Auswahl. Und alle Bücher, die hier versammelt waren, wären der Lektüre wert. Nichts, was man begönne, wäre je vergebens. Es gab keine Zeit zu verlieren. Es gab aber auch keine zu vergeuden. Man konnte nur gewinnen.
So war damals die Zukunft.

Eine Anmutung von Fremdheit

Als wäre das Laufen nicht mehr dieselbe Tätigkeit, als hätte sich, was ich als Laufen bezeichnete, wenn ich es tat, klammheimlich aus der Hülle des so Bezeichneten entfernt. Zu sagen, es ist nicht mehr dasselbe, trifft diese Verwandlung nicht, denn ich weiß nicht mehr, wie es vorher war. Es ist, als sei ein Schleier zwischen mein Laufen heute und mein Laufen vor, sagen wir, zehn Jahren getreten.

Es geht mir noch mit anderen Tätigkeiten so. Sie fühlen sich auf unheimliche Weise fremd an, oder ich selbst als Erlebender und Handelnder fühle mich in ihnen fremd an, als sei meiner Aufmerksamkeit ein weiterer Zuschauer gewachsen, unter dessen Augen und im Bewußtsein seines Zuschauens mir das Vertraute zu etwas sanftmütig Fremdem gerät. Selbst Küsse. Selbst das Liebesspiel. Selbst das Vertrauteste bekommt in diesem Argwohn die Anmutung von etwas Fremdartigem. Bin ich sicher, daß ich immer schon so umarmt, so geküßt habe? Ich weiß, was ich tue, ich fühle, was ich vermeintlich immer gefühlt habe. Aber plötzlich schiebt sich der zarte Schleier einer Unsicherheit zwischen mich und das Erleben. Es ist, als probierte ich den Geschmack von Dingen, die ich seit sehr langer Zeit entbehrt habe. Das merkwürdige aber ist, ich habe nichts entbehrt, es gibt ein Kontinuum ohne Brüche. Ich habe nie mit dem Laufen aufgehört, und auch mit der Liebe nicht, zum Glück.

Es ist etwas ungeheuer Plausibles in den Dingen, die wiederkehren. Plausibel und überraschend zugleich. Wenn überhaupt etwas, dann sind es die Gerüche und Geräusche der Jahreszeiten, die Textur eines bestimmten Frühlings- oder Herbstmorgens, die Dichte der Luft, die Transparenz des Raums, der Glocken, die darin schlagen, das geringste Gewicht des Lichts auf einer Anemone, die jenseits jeden Zweifels wahr sind, uralt und unveränderlich jung in ihrem Wiederauftreten. Spürt man, wie man alt wird, an ihrem Jungbleiben? Die Jahreszeiten werden nicht mit uns alt, mit niemandem.

Insofern ist jedes Erlebnis eines Frühlings, diese plötzliche Haupterhebung, daß man in der Frühe aus dem Haus tritt und sich wie gesalbt fühlen darf von der über Nacht geheiligten Luft, der Verweis auf alle Frühlinge, die man zuvor erlebt hat, und dadurch, daß so ein Morgen als etwas Bekanntes, als etwas, das man schon einmal erlebt hat, in Erscheinung tritt, und zwar als ganz genau dieselbe Erscheinung, gibt sie mir das Bewußtsein meines Alterns ein. Ich erinnere mich ja. Der Frühling ist neu und unverändert. Aber indem ich mich erinnere, daß genau der gleiche Frühling schon einmal war, ja, indem er mir überhaupt als etwas Bekanntes begegnen kann, fühle ich meine eigene Bewegung durch die Zeit.

Vielleicht ist es ein verändertes Bewußtsein von den Dingen, für die Dinge, für mein selbst in der Begegnung mit den Dingen. Eine Schärfung, nicht der Wahrnehmung selbst, sondern der Selbstwahrnehmung. Ein Argwohn gegenüber dem allzu Selbstverständlichen. Noch ist mein Laufen selbstverständlich, das Musikhören, das Betrachten einer Waldlandschaft, der Geruch geschlagenen Holzes, Stuhlgang, das Gefühl von feuchter Kiefernborke, Fieber, ein Weinrausch; aber es ist nicht mehr selbstverständlich, daß es selbstverständlich ist; daß es selbstverständlich so ist. Plötzlich könnte es auch anders sein. Plötzlich könnte es früher ganz anders gewesen sein als jetzt. Ich erinnere mich; aber die Erinnerung enthält nur Bilder, die zu allem passen, was ich jetzt erlebe. Die Erinnerung enthält ja nur Dinge, die man nicht mehr erleben kann, man kann nur die Erinnerung erleben. Nie kann ich in einen Lauf von vor fünfzehn Jahren zurückkehren, oder in eine vergangene Liebesnacht. Das Schöne an einem Frühlingsmorgen aber ist vielleicht, daß er selbst keinerlei Erinnerung hat an all die anderen Frühlinge vor ihm, die nur wir in ihm wiederfinden.

 
*Es muß etwas mit dem Gegensatz von Kratzigem und Glattem zu tun haben. Wolle, dem Augenschein nach weich, unter den Fingern rauh; und die warme Glätte von Haut, warm nicht zuletzt durch die rauhe Wolle; diese Dopplung der Empfindungen beim Schlupf unter einen fremden Wollärmel, den man vielleicht vorher außen gestreichelt hat; rauh und neutral gleitet die Wolle am Handrücken vorbei, während unter den Handflächen, verwirrend, weich und verbindlich, die fremde Haut glüht, und beide Empfindungen, in einer einzigen Bewegung zusammengebracht, die einem, vielleicht aufgrund des Mutes, den sie erforderte, erst gar nicht richtig einleuchten mag, so sehr ist das Tasten mit sich selbst beschäftigt und mit der Frage, wie weit es gehen darf, in welche Bezirke zwischen Wolle und Haut – diese beiden gegensätzlichen Taktilia prägen sich ein, rufen beim Anblick eines Wollpullovers an einer Frau unvermeidbar ein Assoziations- und Erinnerungsprogramm auf, in der der Stoff durch den bloßen Anblick erinnerungsweise beinahe spürbar wird. Als kratzte etwas auf der eigenen Netzhaut. So erwarten die Fingerspitzen die ersehnte, spannende Glätte der darunter warmgehaltenen Haut. Und je intensiver dieses Gefühl ausbleibt, desto stärker wird der Drang, hinzuschauen um die Finger mit dem Gesichtssinn für die verlorene Empfindung zu entschädigen, vielleicht.

Ferner: Wollstoff, der sich über Brüsten spannt, ist Haar über Stellen, wo keine Haare zu erwarten sind, ein weiterer Gegensatz, der ein bißchen schwindelerregend ist, wie für einen mittäglichen Faun vielleicht. Ein Verweis auf die Tiernatur des Menschen, insofern als Körperhaar, echtes wie nur aufgelegtes, immer ein Verweis auf die Tiernatur, und mithin auf die Geschlechtlichkeit des Menschen ist. Haar finden wir verwirrend, störend, peinlich, ja, abstoßend, wenn es, jede kulturelle Überformung ignorierend, die Grenzen der zivilisatorischen Zähmung ebenso überschreitet wie den vorgegebenen Bezirk des Bikinis, unkontrollierbar wächst, an den falschen Stellen auftritt, seine Form und Farbe, seine Textur und Länge selbst bestimmt, wuchert, klebt, strähnt, verfilzt und im falschen Moment grau wird – oder gar ganz ausgeht. Das urwüchsige, wild sprießende, unkontrollierbare Haar steht für das Irrationale, für das Triebhafte, für den niederen Instinkt, weswegen wir es nur dulden, wo es frisiert, gekämmt, pomadiert oder in Form gezupft ist. Wenn überhaupt: Dem schärfsten Zwang unterwirft das Haar, wer es rasiert oder ganz ausrupft. Zugleich wird dabei aber auch eine Machtlosigkeit demonstriert. Wer töten muß, der hat die Kontrolle verloren, dem ist die Zähmung nicht geglückt.

Ferner: Haar ist in mehr als einer Hinsicht eine peinliche Erinnerung daran, daß wir Tiere sind: Haardrüsen produzieren Fett und Duftstoffe, Haare halten Schweiß fest, Haare riechen entweder selbst, oder sie sorgen dafür, daß Gerüche sich gut ausbreiten können. Manche Biologen meinen gar, die Verbreitung von Duftstoffen sei die ursprüngliche Funktion des Haars gewesen; erst nachdem es sich für diesen Zweck entwickelt hätte, habe es dann sekundär die Aufgaben übernehmen können, an die man beim Haarkleid zuerst denkt, den Schutz vor Kälte und Nässe. Immerhin haben geschlechtsreife Menschen bis auf den heutigen Tag Reste eines primordialen Fells genau an den Stellen behalten, wo es immer noch riecht und wahrscheinlich auch riechen soll, denn der natürliche Körper- und Drüsengeruch ist nach wie vor, allen Anfeindungen und Kriegserklärungen der Kosmetikindustrie zum Trotz, das stärkste Stimulans, wenn es zur Paarung gehen soll. Scham- und Achselhaar sind Überbleibsel von Fell, da ändert kein Rasierer was dran. Und Wolle, dieses sublimierte Fell, dieser Tierpelz, verweist in seiner Haarigkeit eben genau darauf zurück, durch Gegensätzlichkeit auf das Kahle von Brust, Schultern und Bauch ebenso wie durch Verwandtschaft auf die Stellen knisternden Fells, die er bedeckt.

Ferner: Wolle riecht. Nasse Wolle zumal kann einen strengen, scharfen Geruch annehmen, nach Tier und Geschlechtlichkeit, einen Duft, den ich sehr mag, ebenso wie den Geruch der Tiere selbst, von denen die Wolle stammt.

Ferner: das gezähmte Tier. Gereinigt, entfettet, gekämmt, kardiert, in Farbe getaucht, gestrickt, gewalkt, gewebt, mit Parfum besprüht, mit Weichspüler gewaschen, in menschliche Form gebracht, künstlich um Arme, Schultern, Brüste drapiert. Und doch: ein Regenschauer, und das Tier macht sich sofort bemerkbar. Und in diesem Wollduft verborgen der persönliche Duft der Frau, die den Wollstoff trägt, eins aus dem andern herleitend, wenn beide Düfte tief im innersten Bezirk einander wieder ähnlich werden.

 
Aus der lärmigen Stadt hinunter ins Tal zu den Mühlen und den schwarzen Bächen. Schiefer, zart wie Aquarell, zerbirst unterm Trommelfeuer des Spechts. Aus den Tiefen sickert Farbe zu Tal. Da heißt es hinaus zu den Straßen, den Brücken zwischen Wolken und Wasser, mit zittrigem Stift in die Luft gemalt, hängen sie wie kaum faßbare Gedanken über der Schlucht. Alles hat es eilig, selbst die Bäume machen sich den Platz streitig, bemühen sich, als erste den Hang zu erklimmen. Langsam dreht sich Licht in der schmalen Angel einer Birke. Schwanken wie von Toren, aus denen Moder zum Trocknen ins Freie strömt. Meisen und Spatzen fallen durch die Zweige, Postkarten gleiten in verrostete Briefschlitze, Schatten bohren sich in den Grund, munter tauchen die Schuhe unter den Weg, der Himmel springt von Ast zu Ast, und leise, leise faucht der Wald vor sich hin, wie ein alter Seehund, der heimlich Arien übt.

 
(Quietschen der Lüftungsklappe, ein sich in die Länge ziehendes Gespräch mit dem Wind, wie Leinen, die gegen einen Fahnenmast schlagen; die dunklen Kerzen, zum Fenster geneigt, als streckten sie sich nach Licht. Hinter dem Sessel ein Bausch Wolle, über dessen Natur man in einer morgendlichen Träumerei sich den Kopf zerbricht, es könnte ein fremder Pullover sein, eine einzelne Socke, deren Partnerin verlorengegangen ist, oder ein einzelner Handschuh, der, man weiß nicht wie, in die Reisetasche gelangt ist, die man gestern abend ausgepackt hat.

Gestern auf Reisen, gegenüber im Zug eine junge Frau in schwarzem Rock, Strumpfhose und weißem Wollpullover. Es ist ein Ensemble, zusammen mit einer kleinen, goldenen Armbanduhr, das mich seltsam entführt, in eine frei schwebende Erinnerung an einen ähnlichen Pullover, an so einen kurzen Rock, aber wo war das, und wann? Wer? War es überhaupt? Am Ende erinnert es mich nur an eine weitere solche Beobachtung auf Reisen, oder an unzählige, nicht in einzelne Ereignisse auflösbare Beobachtungen, vielleicht nur auf einer Photographie … Selbst die Hände der Frau stimmen überein mit einem inneren Bild, mit dem sie sofort ins Gespräch kommen. Draußen der Rhein, Schiffe, winterkahle Hänge, und auch das stimmt irgendwie.
 
Ein Schluck Kaffee, und los. Auf dem Teppich liegt ein Wollknäuel für Strickarbeit. Im Fenster, über der Terrasse des Nachbarn, leuchtet es blau, freigeblasen wie eine Glasschale von Staub, ein Himmel, der, fällt einem so ein, auf in der Ferne winzige Segelschiffe herabblicken könnte.)

 
(Ich mag diesen Blick an Sommertagen aus einem Fenster nach Norden. Das Licht im Garten wie auf einer Bühne, während der Zuschauerraum, mit Stuhl, Schreibtisch, Sofa im Schatten liegt. Leises Frösteln; das Fenster eine kühle Folie vor der auswärtigen Hitze der Luft. Langsam wächst der Schatten des Hauses über die Kiesel dem Abend zu, auf Blumen und leuchtendes Grün zu, auf Insekten, auf windbewegte Zweige zu, und auf die Kinder zu, weit entfernt, die Hände bis zum Ellenbogen im Sand.)

Knackende Funkgeräte

Hubschrauber über der Stadt. Kreisen, schweben auf der Stelle, kreisen weiter. Verbreiten eine Anmutung von Raubvögeln. Das Geräusch ist natürlich nervtötend; weniger störend als vielmehr beunruhigend ist das Zeichen von Macht. Keine Demonstration von Macht, das hat die Macht nicht nötig, die echte nicht. Es ist das, was sich von ihr beiläufig zeigt, wenn sie waltet. Behörden, Apparate, Staatsorgane. Ich werde schon nervös, wenn sie wieder an der Luxemburger Straße stehen, im Bus, mit Helmen und Kampfanzügen, und einzelne Fahrzeuge rauspicken. Verkehrskontrollen sind das nicht, so viel steht fest.
Einmal flogen einen ganzen Abend lang Helikopter über mein Stadtviertel, hin und her, in Richtung Wald, wo sie verschwanden, von dort wieder herannahend zurück nach dem Fluß, alle fünf Minuten ein Fluggerät, bis weit nach Einbruch der Dunkelheit ging das so. Unterdessen drehte ich meine Runde im Wald. Unweit eines von Stacheldraht geschützten, mitten im Forst liegenden Gebäudes unklaren Zwecks tauchten plötzlich Lichter auf dem von mächtigen Reifen zerfurchten Waldweg auf. Mehrere Fahrzeuge standen dort an einer Kreuzung, mit ihrer Breite den gesamten Weg einnehmend. Aufgeblendete Scheinwerfer, zuckendes Gelblicht, dazwischen die Schemen von Menschen, im Herannahen deutlich werdend: Uniformen, Helme, Kopfhörer, eine riesige Antenne, Konsolen, laufende Motoren, und über den Baumwipfeln immerfort das Knattern der Rotorblätter, das ich schon den ganzen Abend gehört hatte. Ich drückte mich vorbei, sie ließen mich. Ich schreibe das mit Absicht: Sie ließen mich.
Die Macht manifestiert sich, sie wird sichtbar. Sie erscheint auf der Folie einer Wirklichkeit, die sie, die Macht, formen und benennen und damit definieren kann. Wer ein Gefährder, was ein Gefährder, was ein Störer, ein unwillkommenes Subjekt ist, definiert die Macht. Wer harmlos ist, definiert die Macht, oder sie läßt das absichtlich offen. Die Macht legt den Rahmen fest, innerhalb dessen ein Handeln unauffällig ist. Sie kann diesen Rahmen jederzeit ändern. War das unauffällig, bei Einbruch der Dunkelheit durch den Wald zu laufen? Natürlich darf man das. Aber glaube ich auch, daß ich es darf?
Gleichzeitig bleibt ihre Intervention, ihr Sichtbarwerden, in den Absichten undurchschaubar. Die Macht zeigt sich als Macht, nicht unbedingt als Absicht. Darin gibt sie sich das Wesen einer göttlichen Erscheinung. Der Hubschrauber, der Einsatzwagen tritt in Erscheinung als Zeichen, aber nicht als Offenbarung. Der Hubschrauber ist das Handeln selbst, dessen Urheber verborgen bleibt. Eine Faust ohne Gesicht, ein Schlag ohne Faust.
Überwachungskameras. Einsatzwagen. Helikopter. Absperrbänder. Knackende Funkgeräte. Man sieht das Zeichen, aber das Zeichen schaut nicht zurück.

Muß lernen weh tun ….

Am schönsten ist der Nachhilfeunterricht, wenn Schüler anfangen zu verhandeln. Doch, das haben wir aber so gelernt!
Mag ja sein, es ist trotzdem falsch. Neulich wollte mir einer weismachen, studere heiße „studieren“. Der betreffende Satz war: Quintus Curius et M. Porcius Laeca Ciceronem necare student., „Quintus Curius und Marcus Porcius Laeca versuchen, Cicero zu töten.“ Zugegeben, studere ist im Deutschen manchmal kaum wiederzugeben. „Sich bemühen“, „nach etwas trachten“, „auf etwas sinnen“, „versuchen“, „sich anstrengen“ sind mögliche Übersetzungen. Nur eins heißt es so gut wie nie, nämlich „studieren“. „Das steht aber so im Buch!“
Und zum Beweis wird gleich das Vokabelverzeichnis aufgeschlagen, als glaube der Schüler im Ernst, ich würde mich irren.
Ich gestehe, daß solches Verhalten meine Geduld überstrapaziert. Ich verstehe ja, daß Lernen anstrengend ist; ich verstehe auch, daß Fehlerkorrekturen ebenso anstrengend und noch dazu frustrierend sind, weil etwas, das man bereits gelernt zu haben glaubte, noch einmal von vorne gelernt werden muß. Aber ist Lernen nicht genau der Punkt? Ich habe manchmal den Eindruck, hier wird gefeilscht um jedes Faktum, um jede Vokabel, um jeden Zusammenhang, um jede Formel. Um jedes Datenbit, das zusätzlich noch zu memorieren ist, als müsse der Schüler es mit blanker Münze bezahlen. Wenn ich etwas erkläre, merke ich genau, wie das, das ich erkläre, einfach nur abgenickt wird. Verstehen kostet zuviel Mühe, und warum sollte ich mir die machen, wenn ich auch so davonkomme? Bedeutet für mich als Lehrer: Ich muß jeden Scheiß mit Übungen abfragen. Das aber macht mir Mühe und dem Schüler auch keinen Spaß.
Was ich aber noch weniger begreifen kann, das ist die Sturheit mancher Schüler, die, statt eine Korrektur wenn auch zähneknirschend, so doch akzeptierend zur Kenntnis zu nehmen, darauf beharren, recht zu haben, als gälte es sonstwas. Was glauben die eigentlich, welchen Hanswurst sie vor sich haben? Der zweite Schüler an diesem Tag schlägt mir jetzt zum dritten Mal currere als Wort für „eilen“ vor, im Kontext, Die Königssöhne eilten nach Delphi, um das Orakel zu befragen. Nein, lieber D., die Königssöhne laufen nicht per pedes, sie lassen sich tragen und nehmen das Schiff, und wenn du noch so viele Vokabellisten findest, wo currere mit „laufen, eilen“ wiedergegeben ist.
Ich meine, was erwarten die? Daß sie triumphierend recht behalten werden? Oder ist das nur ein Trick, wertvolle Unterrichtszeit zu schinden?

Rumms!

Es ist nicht das erste Mal, daß ich davon aus dem Schlaf gerissen werde. Aber noch nie war es so schlimm, so katastrophenartig beängstigend, was sich da ein Stockwerk über mir abspielte, wie vor ein paar Tagen.
Was mich weckte, war ein Knall, ein dumpfes Aufprallgeräusch mit einem harten, häßlichen Kern, als würde etwas Schweres, Massives umgeworfen, ein Tisch etwa, ach was, ein Schrank. Dazu das Geschrei. Ein Gebrüll, überkippende Stimmen, Laß mich in Ruhe, Halt die Klappe, zwei Stimmen, eine männliche, eine weibliche, aber man versteht nur ihn, er ist lauter, er brüllt sie nieder, Brüll mich nicht an, brüllt er, bis sie nur noch schluchzen kann, und beiden Stimmen, seinem Gebrüll, ihrem Geheul, nichts Menschliches mehr innewohnt, und vielleicht ist es das, die Fratze in Menschengestalt, oder das Menschliche in der Fratze, diese Entstellung der Normalität, was so furchtbar, so ohne Maß grauenhaft ist, daß ich am ganzen Körper erstarre und mir der Puls rast. Und während sich die Stimmen, das Gebrüll, jetzt auch harte Polterschritte quer durchs obere Stockwerk in einen abgelegenen Teil der Wohnung entfernen, frage ich mich nicht zum ersten Mal, ob jetzt nicht endlich das Ausmaß erreicht ist, wo man vernünftigerweise die Polizei holen sollte.
Eine Tür fällt ins Schloß. Ein letzter Knall, dann herrscht Stille, und man denkt, jetzt ist es zu Ende, zu Ende, alles.
Und dann geht es weiter, geht es einfach immer weiter, bis zum nächsten Rumms ein paar Wochen später.

Eine Bahn später

Als zöge die Sonne das Gebirge aus der Schlucht herauf. Ein Vorgang voll großartigen Lärms, doch in der weiten Entfernung lautlos. Gräben füllen sich mit Licht, Eis kracht unter dem Druck des Himmels, über der Ebene steht der Rauch still, als trüge er all das Blau auf seinen abgeflachten Spitzen.

Die Rückseite vom Dunst sind Waldränder. Wie wenn man einer Photographie die Folie abzieht, die Farben frisch und noch nicht ausgehärtet, das Feuchte von Kiefern und Moos.

Fahrende Lieblingsorte. Besondere Plätze in der Straßenbahn oder im Bus, meist irgendwo am Rand, ganz hinten im Bus, vorne (gegen Fahrtrichtung), hinten (in Fahrtrichtung) in der Straßenbahn. Plätze, von denen sich alles im Blick halten läßt, selbst wenn man übers Buch gebeugt ist, wie ich meistens. Der leise Unwille, wenn so ein Platz schon besetzt ist; als hätte einem einer was weggenommen, das einem eigentlich selbst zugestanden hätte.

Der besondere Ort des Waldrands. Überblick auch hier. Anschnitt des Lichts, Schichtung der Luft, eine Art höhere Ordnung, ins Sichtbare gerückt. Einer meiner Lieblingsorte: ein Waldrand mit Kiefern, der Grund zwischen den Stümpfen vor langer Zeit gefällter, wie in silbrigen Fels verwandelter Bäume nadelbedeckt, trocken wie Bürsten, eine Lichtung zum Schauen, ein umgehauener Stamm zum Sitzen. Diesen Ort gibt es nicht mehr, der Wald hat ihn sich einverleibt, das Licht durch eine Ordnung von Schatten ersetzt. Farn wächst hüfthoch, wo ich einmal einen Nachmittag verträumt habe. Das ist so lange her, daß ich gar nicht mehr weiß, wann das war. Was einmal jener Ort war, Farne jetzt, merkwürdige Bodenschwellen wie Gräber, mannshohe Doldenblütler, frisch aufgeschossene art- und gattungslose Bäume, liefert keinen Anhaltspunkt. Selten habe ich mich so sehr von der Zeit im Stich gelassen gefühlt wie an dem Tag, als ich nach langem Suchen begriff, daß ich die Stelle längst wiedergefunden hatte. Ich hatte sie nicht erkannt. Die Wege hatten mich immer daran vorbeibugsiert, geh weiter, gibt hier nichts zu sehen, das ist nicht mehr deine Zeit, das ist nicht mehr dein Leben.

Ganz woanders, aus dem Fenster der Bahn zu betrachten, liegen jetzt die Waldränder oben an einem Hügelscheitel in der Sonne wie Gesichter, die sich der Wärme zuwenden. Die Schatten gehen nach hinten raus. Alle Wege sind kurz da hinauf, leicht zu beschreiten, mit Baumreihen als Stütze für den Blick, Alleen, entlang von steifgefrorenen Zehen.

Und natürlich Straßen. Ich wohne in einem Nest von Straßen, die mich eigentlich nur widerwillig dulden, was habe ich schon mit ihnen zu schaffen? Straßen, Kreuzungen, Verkehrsschilder, Warnhinweise. Werbetafeln, die ich als Fußgänger nur von der Rückseite sehen muß. Die Straßen und ich: Ich werde es sein, der als erster nachgibt, davongeht oder verschwindet, eines Tages nicht mehr da sein wird, die Straßen, sie werden mich überleben. Aber die Waldränder werden die Straßen überleben, denke ich, und schaue da hinauf, Wiese, Ackerrand, Weg, dann die roten, säulenartigen Stangen der Kiefern, wie der Tempel eines urwüchsigen, längst verschwundenen Volks, man könnte dort schön wandern und wäre vor allem Unheil sicher, in der Hand vergessener Götter, die aber ein besseres Gedächtnis haben als die Menschen. Man wäre ein winziges Körnchen, geborgen in Schichten und Schichten aus Zeit.

Mir schräg gegenüber sitzt eine elegant gekleidete Frau. Hohe, braune Schaftstiefel, Strumpfhose, Rock. Sie liest in einem E-Book-Reader. Sie lächelt still vor sich hin. Vielleicht sitzt sie auf ihrem Lieblingsplatz. Das Lächeln ist glücklich, amüsiert, gelassen. Unerreichbar für jede Beobachtung. Sie hat die Beine übereinander geschlagen, die schwebende Stiefelspitze wippt rhythmisch. Ein beringter Finger tippt auf den Schirm, blättert vor und zurück, das Lächeln verändert sich nicht, bleibt heiter und gelöst, wie von einer etruskischen Statue, die, ganz im Irdischen verwurzelt, dennoch von nichts Irdischem mehr überrascht werden kann.

Die Orte von der Rückseite erreichen, vom Bühnen- und Lieferanteneingang, wo die Beleuchtung schlecht ist und die Rohre verlaufen. Durch einen niedrigen Gang gehen, eine Tür aufstoßen, sagen, ich bin da.

Die Ebene löst sich vom Rauch.

Drüben sinken die Berge zurück in den Mittag.

Kaffee

Der erste Kaffee am Morgen, seit Jahren geliebtes Ritual. Der geschützte Raum am Saum zwischen Tag und Nacht, wo beides noch gleich möglich ist, Dunkelheit und Licht, alle Wege offen, Schlaf oder Wachsein, Traum oder Wirklichkeit ununterscheidbar. Das Schweigen von der Straße her. Die leisen Stimmen aus dem Radio. Das in sanftes Lampenlicht getauchte Zimmer, tröstlich in seiner Vertrautheit, als habe es mit seinen Möbeln und Büchern und Zetteln und Krims und Krams auf mein Wachwerden gewartet. Und der bittere, je nach Lage der Dinge verheißungsvolle oder beruhigende oder lockende oder anfeuernde Duft aus der Tasse, der schwarze Geschmack mit dem irden-warmen Abgang, bald: dieses innere Leuchten, das nur eine gute Dosis Methyltheobromins hervorrufen kann, die gute Laune, Göttergedanken: Was wäre ich ohne Kaffee? Ein Normalsterblicher, der morgens aufstehen muß.

Die erste Tasse Kaffee, die beste des Tages. So heiß, so dampfend, so schwarz gelingt keine zu einer anderen Tageszeit, ausgenommen höchstens spät nachts. Aber wer, der seines Verstandes mächtig, würde nachts Kaffee trinken? Die Nacht ist zum Schlafen da, der Morgen, na ja, zum Kaffee. Der Kaffee ist ja überhaupt der Grund für den Morgen. Irgendwo habe ich gelesen, dem Trinker schmeckt das letzte Bier der Nacht am besten. Das stimmt doch nicht! Es ist das erste Bier, das am besten schmeckt, und es ist der erste Kaffee des Tages, der unvergleichlich besser ist als jeder andere.

Das Klemmlämpchen am Bett taucht das Zimmer in mildes Licht. Ich stelle die dampfende Tasse (gestrichener Löffel Zucker, keine Milch) auf den Nachttisch, schlüpfe zurück in die noch warmen Decken, lege mir den Rechner auf die Knie. Es ist fünf oder sechs, ich bin als erster wach, ich bin allein in meiner Kapsel, die beiden Straßen, vorne und hinten ums Eck, schlafen noch. Stille ist manchmal nur zu erreichen, indem ich wach bin, wenn es kein andrer ist. Nur von fern, überbracht von freundlichen Stimmen, dringt die Welt durchs Nadelöhr des Radios an mein Ohr, jederzeit auf Abstand zu halten, filterbar, ausblendbar, beherrschbar. Ich nehme den ersten, brühheißen Schluck und beginne zu arbeiten.

Nicht beherrschbar: die Zeit. Aber in dieser Hülle aus Licht, in dieser Kapsel aus Schweigen, in der man wie unter einer tiefen See am Meeresgrund ruht, in dieser vom Kaffee, vom Ritual herausgehobenen Stunde, in der solche Gedanken möglich sind, die mir zu keiner andern Stunde einfielen: läßt sich die Zeit umgehen, indem man ihr durch die Wiederholung ein Schnippchen schlägt und diese Stunde oder zwei herauslöst aus dem verbundenen Strom, so daß sie jeden Morgen als die gleiche Abmessung, die gleiche Aussparung von Ewigkeit wiederkehrt. Wiederkehrt, sich, erneuert und erfrischt, wiederschenkt, dieselbe, die nicht vergeht. Ich fange das Gestern, das Vorgestern an genau demselben Punkt heute wieder an, knüpfe wieder an den Faden an, kehre heim auf eine Insel, in der, so lange ich will, immer dieselbe Stunde bleibt, fünf oder sechs, am Saum zwischen Tag und Nacht.

Noch einmal Neujahr

.
Ein Gang über winterliche Gefilde, wir zählen zwei und zwei die fünf Bäche zusammen.

Ehe sie sich vereinigen, unterirdisch, unbeobachtet in conspirativen Kanälen, aus denen die feuchte Kälte rauscht.

Gebäude stellen die Topologie voll. Es ist schwierig, den Überblick zu behalten.

Wir behalten ihn. Wir krempeln dem Talgrund den Ärmel auf. Landschaft, an den Häusern vorbeigeschmuggelt. Ich mag es, deinen Augen zuzusehen, wenn wir vom Wandern sprechen.

Ein weggeworfenes Mühlrad neben der alten Mühle, mahlt Schnee mit schwarzen Schaufeln. Eine Fremde tritt auf den Weg zur Mühle, sieht sich um, stumm, wir grüßen auch nicht. So stehen wir jedes für sich vor der Vergangenheit, die für alle gleich ist.

Der Mühlteich verlandet; Wasserpflanzen stoßen ans Eis, wie Lippen von Kindern, die eine Fensterscheibe küssen.

Noch eine neue Schicht Weg übern Weg gelegt. Eine tröstliche, neue Schicht, noch einmal Feiertagskerzen in den Fenstern.

Der Schnee wie frische Farbe in den Zimmern eines neu zu beziehenden Hauses. Zu Hause in der Welt, wieder zu Hause da, das wär was.

Überall schon die Meisen, als hingen die Bäume voller Fahrradklingeln.

„Was hast du für kalte Hände!“, sagst du, und dann ist es wirklich Zeit, nach Hause zu gehen.

Die Dinge behaupten sich

Ich schaue mir schräge Dinge an. Der Drehschalter am Elektroherd, damit fängt es an. Eine Bewegung, eine Haltung, die auf andere Dinge abstrahlt, von ihnen aufgenommen, weitergegeben, variiert wird. Ein paar Küchenhandschuhe, schräg an ihrem Haken, leer wie verschmähte Kollektebeutel. Ein abgeleckter Löffel, schräg neben der Tasse. Eine Möhre auf dem Schneidbrett. Eine sich neigende Hyazinthe, wie ein müdes Kind, die Stirn auf dem Tisch.

Alles, was ist, denke ich. Alles, was ist. Reflexe, Schattierungen, Schatten. Tiefen und Flächen, Oberflächen. Dinge, die sich in der Welt behaupten, einfach so, mühelos, so selbstverständlich, daß es mich vor ihnen in Frage stellt. Ich bin kein Ding, ich denke, ich denke zuviel. Ich bin Empfindung, Schmerz, Sorge, Einsamkeit. Ich bin Verschwinden. Weniger als ein Tier.

Wie die Dinge sich neigen, die aufgehängten Löffel, Kartoffelstampfer, Pfannenwender, war da nicht schon ein Rutschen im Gewürzregal, auf dem Tisch, die Teller, Tassen, als kränge das Zimmer wie ein Schiff, nicht nur das Zimmer, das Haus, und alles, als hörte jetzt jede bekannte Ordnung auf, um durch eine völlig neue, aberwitzige, unbegreifliche Unordnung ersetzt zu werden.

Zeit und Maß. Das Ticken der Uhr, das Grollen des Kühlschranks. Autos auf der Straße, An- und Abschwellen von Geräusch. Räume, ausgedehnt hinterm Fenster, so riesig und unabmeßbar, daß man sagen kann, das ist alles, das enthält alles, was es gibt. Nacht, aus der Tag wird, und wieder Nacht, ich bin Verschwinden und Haltlosigkeit, und alles, was gut und sicher wäre, jeder Halt, jeder Trost, ist unerreichbar, in mir nicht zu erreichen und außer mir auch nicht.

Frühprotokoll: eine Bahn früher als sonst

Die Hügelkette wie aus dem nassen Acker mit einem schmutzigen Daumen an den Horizont geschmiert. Ein Überlauf an Schatten. Die Fahrzeuge sind fortgewandert, wie Herden, die woanders Weidegrund gefunden haben. Wege, verschlammt wie Kinder, spielen Fangen auf dem Feld. Ein Kirchturm hält Wache.

Eine Bahn früher als sonst. Ein Anspannung weicht. Sich einen Finger vors Gesicht halten und die Sehschärfe einstellen, Hügelkette, Finger, Finger, Horizont. Irgendwann ist alles zum Greifen.

Die Gesichter so weich und lebhaft. Vor mir zwei alte Frauen, so fein und bunt, so schwarzrotgoldenblaß, gäbe es Barbie für Greise, sie müßten genau so aussehen. Sie sprechen rheinischen Dialekt, der Singsang mit den seltsam langen Vokalen macht einen merkwürdigen Absatz mit der gesuchten Eleganz ihres Äußeren. Man würde etwas Gezierteres vermuten, Vokale, die sich mit kaum geöffneten Lippen artikulieren lassen, mit gespitztem Mund.

Schuhe beobachten. Ich muß allen Leuten auf die Schuhe gucken. Immer. Meistens graut mir vor dem, was ich erblicke, ich tue es trotzdem. Heute gefallen mir diese schwarzweißen Sneaker, aber die sind nur bei Frauen mit kleinen Füßen hübsch. Ab einer gewissen Schuhgröße sehen die nur noch albern aus.

Mephisto-Schuhe dagegen sehen egal in welcher Größe albern aus.

Manche Schuhe gleichen Rennautos oder vielleicht Hochtechnologie-Staubsaugern. So mit Röhren und Abgasleitungen drumrum. Ein weißer Belag fällt der Trägerin solcher Sportschuhe von der Sohle. Hat es draußen geschneit, oder löst der Schuh sich auf?

Draußen nur Schlamm, der bis zu den Fenstern reicht. Ein Traktor versinkt in der Dämmerung. Wie trockene Pizzaränder liegen die Gehöfte verstreut in der Ebene. Das Licht tut sich schwer mit Hecken und Bäumen, als schmerzte die Stirn. Den Kopf wieder ins Buch stecken. Nur nicht aufstehen müssen! Schon gar nicht für Mephistoschuhträger. Während die Bahn sich füllt, lasse ich mich in den Tag ziehen vom muntern Gewicht griechischer Verse.

Peace of mind

Nachmittag um vier, eine schmale Straße zum Bahnhof, ein Gelähmter auf Krücken kommt mir entgegen. Ich vermeide den Blick, weiche aus, ohne meinen Schritt zu verlangsamen, weiche aus, ohne den Anschein zu geben, daß ich ausweiche. Ich bin schon zwei Meter weiter, da höre ich es hinter mir rufen, „Hallo? Entschuldigung?“, und ich weiß schon, es ist der Mann mit der Lähmung. Ich bleibe stehen; und in diesem Moment ist die Entscheidung für alles weitere bereits gefallen, ich kenne mein Skript so gut wie der Gelähmte es kennt, und indem ich stehengeblieben bin, anstatt kopfschüttelnd weiterzugehen, keine Zeit, keine Zeit, habe ich in meine Rolle eingewilligt in dem Stück, das wir jetzt aufführen werden. Ich drehe mich um.
Kleine Statur, Brille mit dicken Gläsern, dunkle, südländische Haut, die Kleidung gedecktes Blau, unauffällig elegant.
„Entschuldigung“, ruft der Gelähmte noch einmal, „darf ich Sie was fragen? — Sind Sie von hier?“ Ich bejahe. „Kennen Sie sich hier ein bißchen aus?“ Ich bejahe abermals. Zu meiner Rolle gehört jetzt auch, daß ich noch kurz die Hoffnung haben muß, der andre werde mich nur nach dem Weg fragen, obwohl schon vollkommen klar ist, daß diese Fragen zur eröffnenden Strategie eines Vollprofis gehören. Vertrauen erschleichen, das Gefühl vermitteln, wichtig zu sein, gebraucht zu werden. Hat man jemanden dazu gebracht, zweimal ja zu sagen, wird er höchstwahrscheinlich bei der dritten Frage, die nach dem Geld nämlich, auch ja sagen. Die höchst abenteuerliche Geschichte von einem verlorenen Zugticket, von einer Epilepsieerkrankung und einem alle drei Stunden einzunehmenden Medikament ist dann eigentlich nur noch Nebensache, eine notwendige Formalität. Das Skript sieht es so vor, und so geschieht es auch. Ich greife nach dem Portemonnaie, runzele meiner Rolle gemäß ein wenig die Stirn, damit es nicht allzu bereitwillig aussieht, ziehe einen Zehner heraus, reiche den dem Gelähmten, „Wieviel brauchense denn?“ Irgendetwas in meinem Betragen muß mein Gegenüber jedoch übermütig gemacht haben, denn er beschließt, das Skript ein wenig in seinem Sinne zu ändern. Jammernd stößt er hervor, „Das Ticket kostet sechzundfünzig Euro“. Und plötzlich steht da ein weinender Mann vor mir.
Nun gut, ich bin stehengeblieben, er schreibt das Stück, ich habe eingewilligt, und Tränen kann ich unmöglich widerstehen, nicht einmal falschen. Im Skript steht, daß ich erst protestiere („Sechsundfünzig Euro? Also hörnsemal!“), daß der andre beteuert, so etwas sei ihm noch nie passiert, ich müsse ihm bitte glauben, er habe wirklich ein Problem! Und daß ich ihm dann alles gebe, was ich noch habe, vierzig Euro, „Ich hoffe sehr, daß Ihre Geschichte stimmt“, kann ich mir nicht verkneifen zu sagen, und er: „Ich kann’s Ihnen auch zurückschicken … “, und auch das steht im Skript.
„Vergessen Sie’s“, murmele ich und wende mich ab.
Der Bahnsteig war voller Menschen. Ich ging unter ihnen herum, einer, der gerade einem Betrüger aufgesessen war. Ich stellte mir vor, man hatte die Szene beobachtet. Schämte ich mich? Kam ich mir blöd vor? Reute es mich? Ich hatte in vollem Bewußtsein, daß ich betrogen werde, in den Betrug eingewilligt: Also schämte ich mich weder, noch reute es mich im geringsten.
Bei Patti Smith lese ich ein Geschichtchen von einer Busreise in Spanien: Ein Losverkäufer verkauft ihr in einer Autobahnraststätte ein überteuertes Lotterielos, bestellt sich von den sechs Euro ein Essen, setzt sich zu ihr an den Tisch und verspeist es in ihrer Gesellschaft. Das Los ist eine Niete. Ob sie glaube, zuviel für das Los bezahlt zu haben?, wird sie von Teilnehmern der Reisegruppe gefragt. Smith verneint: You never can pay too much for peace of mind.