Rumms!

Es ist nicht das erste Mal, daß ich davon aus dem Schlaf gerissen werde. Aber noch nie war es so schlimm, so katastrophenartig beängstigend, was sich da ein Stockwerk über mir abspielte, wie vor ein paar Tagen.
Was mich weckte, war ein Knall, ein dumpfes Aufprallgeräusch mit einem harten, häßlichen Kern, als würde etwas Schweres, Massives umgeworfen, ein Tisch etwa, ach was, ein Schrank. Dazu das Geschrei. Ein Gebrüll, überkippende Stimmen, Laß mich in Ruhe, Halt die Klappe, zwei Stimmen, eine männliche, eine weibliche, aber man versteht nur ihn, er ist lauter, er brüllt sie nieder, Brüll mich nicht an, brüllt er, bis sie nur noch schluchzen kann, und beiden Stimmen, seinem Gebrüll, ihrem Geheul, nichts Menschliches mehr innewohnt, und vielleicht ist es das, die Fratze in Menschengestalt, oder das Menschliche in der Fratze, diese Entstellung der Normalität, was so furchtbar, so ohne Maß grauenhaft ist, daß ich am ganzen Körper erstarre und mir der Puls rast. Und während sich die Stimmen, das Gebrüll, jetzt auch harte Polterschritte quer durchs obere Stockwerk in einen abgelegenen Teil der Wohnung entfernen, frage ich mich nicht zum ersten Mal, ob jetzt nicht endlich das Ausmaß erreicht ist, wo man vernünftigerweise die Polizei holen sollte.
Eine Tür fällt ins Schloß. Ein letzter Knall, dann herrscht Stille, und man denkt, jetzt ist es zu Ende, zu Ende, alles.
Und dann geht es weiter, geht es einfach immer weiter, bis zum nächsten Rumms ein paar Wochen später.

0 Gedanken zu „Rumms!

  1. Schwierig, die Grenze des Einschreitens (direkt/indierekt) zu überschreiten. Schwer auch festzustellen, an welchem Punkt die Notwendigkeit dazu besteht, um nicht der unterlassnen Hilfeleistung anheimzufallen …

    Nur: Früher wurde erst geholfen und danach gab es Gewissensbisse; heute verhindern Gewissensbisse und Überlegungen das Helfen (manchmal, oft, meist …).

    1. So merkwürdig das klingt, aber es ist in meiner Wahrnehmung nicht nur etwas Gräßliches und Zerstörerisches zwischen den beiden, sondern auch etwas zutiefst Intimes. Ich scheue mich, als Beobachter dieses Intimen sichtbar zu werden, indem ich die Polizei rufe. (Oder wen auch immer, denn alleine gehe ich da nicht hoch.)

  2. Furchtbar. Sehr,s ehr schwierig die Grenze auszumachen bei der die Polizei dann auch wirklich kommt. In meiner alten Wohnung in Berlin gab es das ähnlich und dazu noch einen sich bis zur Besinnungslosigkeit kläffenden Hund in all dem Gebrüll und Geschrei.

  3. Herrje, ich erkenne diese Beklemmung.
    Bei uns, in einem Haus voller Studenten-WGs, gab es einen Prügler und seine polnische Freundin; sie sprach schlecht Deutsch, und manchmal saß sie weinend vor unserer Tür. Wir haben sie reingeholt, Tee gekocht, mit ihr geredet; von Polizei wollte sie nichts wissen, und sie ist immer wieder, immer wieder zurückgegangen. Was da tun? Helfen geht nur, wo Hilfe gesucht wird oder doch zumindest angenommen.

  4. Ich habe mit meinem Partner auch schon schwierige Phasen gehabt und bei mancher Auseinandersetzung dachte ich nebenbei (das geht!), ob die Nachbarn uns wohl hören. Schränke und Sonstiges haben wir aber nicht umgeschmissen, das möchte ich betonen.
    Das ungewollte Eindringen in anderer Leute Privatsphäre irritiert. Dabei war es früher wahrscheinlich normal, man kriegte viel mehr mit voneinander als heute in unseren modernen, schallisolierten Wohnungen.
    Ich höre immer unsern Nachbarn husten. Nachts vor allem, er hat ein unheilbares Lungenleiden, auch nicht schön. Menschen leben eben. Und manchmal hört mans auch.

      1. Wenn Kampfszenen zu vermuten sind, würd ich aber schon die Polizei rufen. Angenommen einer der beiden kommt zu Schaden, und alle Nachbarn haben zugehört, als es noch nicht zu spät war …
        Man kann auch die Polizei auch anrufen und fragen, was in so einem Fall zu tun ist. Sollen die entscheiden, ob sie kommen wollen oder nicht. Wenn es wirklich brachial zugeht, würd ich wahrscheinlich reagieren.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.