Alpwach

Kälter jetzt und noch dunkler, die Dämmerung strenger, der Tagesanbruch wie eben frisch aus dem Kühlschrank geholt, naßfremd und versiegelt. Ich verzichte auf die Lampe, ich will schauen, wie weit ich ohne Licht ins Jahr komme. Wenn ich den Weg nicht mehr sehen kann, ist es soweit. Vorher nicht. Es ist viel zu warm für künstliches Licht.

So wie die Einbildung aus der Sicht der Realität völlig unglaubhaft scheint, scheint ebenso unglaubhaft die Realität aus der Sicht der Einbildung. Wach liegen und sich ein Geräusch einbilden, nein, ein Geräusch hören: Jemand schleicht ums Haus, jemand atmet laut vor der Tür, jemand hockt unterm Fenster und knistert mit einer Plastiktüte. Überzeugt sein, gegen alle Vernunft, daß es so sein müsse, daß es gar nicht anders sein kann. Oder noch schlimmer: Die Silhouette eines Kopfes im Fenster. Alles ist wahrscheinlicher als die Deutung, daß es wirklich ein Kopf ist, aber keine andere Deutung fällt einem ein. Und am schlimmsten: sich plötzlich krank zu fühlen, Übelkeit, Halskratzen, Schmerz, so echt und furchterregend, daß es absolut unglaubhaft, daß es entgegen der tatsächlichen Verhältnisse als ferne Einbildung scheint, vielleicht doch gesund zu sein.

Wenn man im Dunkeln losläuft, scheint der Tag mit Sonnenschein und Mittagswärme eine ferne Einbildung; so wie die kühlen Wege in der Dämmerung, die verhangenen Felder und tintigen Wiesenstreifen zwei Stunden später schon, beim Warten an der Straßenbahnhaltestelle, eine traumartige Beschaffenheit angenommen haben; eins wie das andere erscheint bis zur Unzugänglichkeit entfernt. Die Laufschuhe stehen im Flur, schon abgekühlt und trocken, wie etwas, das man vom Grund eines Sees herausgeholt hat; etwas Reales von einem im Grunde irrealen Ort.

Nachts an einem irrealen Ort voller Schmerzen gefangen sein, dabei wach sein, schlimmer als Träume, aus denen man immerhin aufwachen könnte. Ich muß warten, bis die Nacht erwacht und zum Tag wird, mich wie den bösen Traum, der ich mir selbst bin, vergißt und mich mitnimmt dorthin, wo Rettung ist. Aber der Morgen ist vielleicht, wie bei Prousts einsamem kranken Hotelgast, der, aus kurzem Schlummer erwachend, die Abend- für die Morgendämmerung hält und glaubt, bald Hilfe bekommen zu können, dann aber erkennt, daß die Dunkelheit erst begonnen hat, und „er die lange Nacht wird durchleiden müssen“ –: dieser Morgen ist vielleicht noch fern.

Und auch dann gibt es vielleicht keine Rettung.

Endlich ist es hell, schütteln sich die Wege frei. Ein paar glattgestrichene Wolken stehen starr am Himmel, als hätte die Nacht sie dort zum Trocknen aufgehängt und vergessen. Am Horizont Pferde vor Waldsäumen, weiß, unbeweglich, Pinselstriche auf dunkler Leinwand. Plötzlich das Schwirren einer gefährlich nahen Raubvogelschwinge direkt an meinem Ohr, fast meine ich, den Luftzug auf der Wange zu spüren, in Kopfhöhe teilt der unglaubhaft schwere Körper die Luft wie ein Schiffsbug, hebt sich davon, empor zu einem Waldrand, wo ich ihn aus den Augen verliere. Es ist derselbe Vogel, denke ich mir, der hier schon zweimal vor mir geflohen ist, beide Male aus dem Unbemerktsein herausgeflogen wie ein Steinschlag aus Luft. Morgen, nehme ich mir vor, wird er mich abermals entlassen aus der Nacht in den wartenden Tag.

(Wie betäubt im Immernochtraum nach der durchwachten Nacht zur Haltestelle gestolpert. Die Gesichter der anderen Wartenden so klar, die Blicke so scharf, als wären sie schon immer wach gewesen in ihrem eigenen Traum.)

Life-Photoalbum

Es ist merkwürdig, sich einem Ort zu nähern, den man, früher oft und gern frequentiert, seit ein paar Jahren nicht mehr betreten hat. Es ist, als habest du den Ort vergessen. Aber der Ort erinnert sich besser an dich als du dich an den Ort. Du fühlst dich wiedererkannt. Das heißt nicht, daß du schon willkommen bist, und wer bist du denn eigentlich und stiefelst hier herum, als gehörtest du dazu? Du wirst taxiert. Du bist fremd geworden, du bist hier ganz allein, allein mit deinem Packen Zeit, das du mit dir rumschleppst, und mit dem du dir so lächerlich vorkommst, als trügest du die Mode eines vergangenen Zeitalters: Mache ich auch alles richtig? Man möchte das irgendwie loswerden, diesen Ballast. Und hier wie zum ersten Mal erscheinen, am kurzen Mittagsschatten einer Erzählung, die jetzt erst anfängt. Aber hier ist ja alles herbstlich. Wie ein abgelassenes Schwimmbecken, an dessen regenfeuchtem Grund Laub liegt, die Umkleidetüren sind abgeschlossen, die Duschen abgedreht, der Eiswagen dichtgemacht, auf den Tischtennisplatten liegen Ahornsamen und Vogeldreck. Der Ort liegt verlassen und seines Zwecks verlustig da, wie ein Freibad im Winter.

Es ist ein Freibad! Aber es ist Sommer, abermals Sommer, doch nicht mehr dein Sommer, nicht mehr einer jener Sommer, du weißt schon. Als die Zukunft vibrierend überall bereit lag, man mußte nur zugreifen. Als es noch nicht schnell genug gehen konnte mit ihr. Als sie noch unendlich war und in dieser Unendlichkeit sich für jedes Unglück ein Trost, für jede Niederlage ein Sieg, für jeden Verlust ein anderer Reichtum finden ließ. Es würde alles, alles gut werden, lachte diese Zukunft, nach jedem schwierigen Stück Wegs ist immer noch genug von mir da für ein leichtes, für jede triste Zeit hab ich immer noch genug in mir für eine heitere, du kannst auf mich und zu jeder Zeit immer noch einen Tag hinzuzählen, der alles wieder wettmacht, aufhellt, überwindet, was dir an Argem zustoßen wird. Einmal hat dich ein Mädchen auf der Liegewiese angelächelt, und dann warst du zu schüchtern. Das beschäftigte dich eine Weile, aber dann machte es nichts. Es gab ja die Zukunft, und wofür du heute zu gehemmt warst, morgen würde es sicher klappen, wie überhaupt genug Zeit für alles war, um einmal einzutreffen und sich zu zeigen. Schüchtern sein, sich nicht trauen, es war nur die andere Seite der Stärke, die andere Seite von Mut, der Anfang vom Werden und Wachsen, über dich hinaus, so weit, bis du ein ganz anderer Mensch geworden sein würdest, der Mensch, der du immer sein wolltest, der Mensch, der du hättest werden sollen, der Mensch, der du ja eigentlich immer schon warst – in der Zukunft würdet ihr beide endlich eins werden, du und dieser Mensch. Wenn nicht morgen, dann nächstes Jahr, und dann würdest du, denn die Zukunft hielt so viele Wiederholungen bereit, wie du brauchtest, wieder hier liegen, das Mädchen würde dir zulächeln, und wie im Film deines eigenen Lebens würdest du dann aufstehen, zu dem Mädchen hingehen und ganz genau wissen, was du zusagen hättest, das Zauberwort.

Das warst du. Das war hier. Hier. Zwar war es auch andernorts, doch hier, hier hat es der Ort wie nirgendwo sonst aufgehoben. Und der Ort spiegelt es dir wieder zurück: als einen Betrug, dem du damals aufgesessen bist. Du kommst zurück in dieses alte Schwimmbad, in dein Lieblingsbad, das erste, das du, noch ganz neu in der Stadt, ausprobiertest, in das Bad, in dem du so oft verliebt warst oder vor Sehnsucht nach dem anderen, nach dem gänzlich fremden Glück schmachtetest, wo du im Hochgefühl des eigenen jungen Körpers, geschmeidig gemacht und aufgeladen durch Wasser, Bewegung und Sonnenhitze, einen ebenso glühenden, dir aber als etwas gänzlich Fremdes, als warmes, lebensechtes Anderssein begegnenden Leib imaginiertest (wie du und doch nur fast wie du), entwarfst und schmerzlich vermißtest (du mußtest immer wieder mit dem eigenen, vertrauten Leib vorlieb nehmen) – hierher also kommst du zurück, kehrst du wieder, als könntest du nochmal etwas von der damals prachtvollen Zukunft zurückhaben, jener Zukunft, die an die Stelle jeder Sehnsucht eine Erfüllung zu setzen versprach. Aber natürlich ist da nichts. Die jungen Frauen, diese fast unglaubhaft jungen Körper sind unerreichbar, und im Gegensatz zu damals werden sie es auch bleiben. Keine Zukunft wird daran mehr was ändern, keine Zeit verspricht dir noch was, und hier, hier ist die Zukunft, deine Zukunft, einmal verlorengegangen. Die jungen Männer am Dreimeterturm stehen wie Blinde gegen deren eigene Zukunft; nur schwer erkennst du dein damaliges Selbst in ihnen wieder, es ist, als wärst du auch in deinen Erinnerung plötzlich kurzsichtig geworden.

Damals, denkst du, während du dich ins Wasser läßt (sie haben das Becken erneuert, der Wasserspiegel ist jetzt ebenerdig, vormals ragte der Rand einen Kopf über den Schwimmern empor, eine Überlaufrinne säumte den Innenrand, man brauchte eine Leiter, um auszusteigen, das ist nach heutiger Sicht wohl zu gefährlich), damals, als alles Verheißung war, als ständig etwas in der Luft lag, als du dir sicher warst, bald, noch eher der Sommer vorbei wäre, würde etwas passiert sein, eine neue, frische Liebe, die Rothaarige aus dem Yukatekischseminar oder die Dunkle aus Theorien und Modelle, oder wieder eine andere, unbekannte, irgendeine, es wäre auf jeden Fall die richtige. Und dann passierte es tatsächlich. Die Versprechen der Zukunft gingen alle so sicher in Erfüllung, daß du dich nicht zu wundern brauchtest. Du erinnerst dich so genau, du weißt sogar noch, auf welcher Bahn du damals in welche Richtung schwammst, als dich dieses Gefühl größter Zuversicht und Ruhe durchströmte, zugleich dieses Gefühl, daß das Glück einfach sei und niemals ausbliebe, und daß dir nur geschehen würde, was dein rechtmäßiger Anteil sei, was dir billig zustehe.

Dieser Ort also, jetzt. Als bewegte man sich durch ein Photoalbum. Nur daß es das für die andern, die hier entweder jung sind oder mit diesem Schwimmbad durch eine Kontinuität verbunden, die sie niemals dem Ort entfremdet hat, nicht so ist, für die ist das alles hier primär, einzigartig, das unvergleichliche Original des Lebens, das einzige, was zählt, alles, was es gibt und, aus ihrer Sicht noch, überhaupt je geben wird. Noch keine Erinnerung gibt sich her für einen Vergleich. Und diese Wehmut, die dich von diesen Kacheln, den Hecken, den Rasenflächen, dem Vogelgezwitscher und dem Lichtgespiegel, den Brüsten der Mädchen und braunen Schultern der Jungs, dem Gejohle und dem Plonk! der Arschbomben, von diesem prallen, fröhlichen Leben her anspringt, die ist ganz deine, und nur deine, diese Unfähigkeit, in diesem Ort etwas anderes zu sehen als eine Kulisse vergangenen Lebens, einen Raum für deine Erinnerungen. Man kann ja den Erinnerungen nicht entkommen, ihrer schieren Menge und Anhäufung. Ein Spiegel, ganz wörtlich. In der Umkleidekabine schaut dir einer entgegen, den du kaum als dich selbst erkennen magst. Die Muskeln, die Schultern, der Mund scheinen dieselben zu sein, und doch, und doch. Da ist dieser stärkere Bart, da sind die Fältchen, da ist die kahle Stirn, vor allem aber dieser Schatten von gelebter Zeit in den Augen, die etwas kummervoll blicken und sich gleichzeitig der Lächerlichkeit eben dieses Blicks, seines kindischen Jammers, nur zu bewußt sind; aber für ironische Brechung, gar Sarkasmus, fehlt ihnen – der Mut? Die Kraft. Ja, die Kraft. Die Sicherheit, gewonnen zu haben, Sieger geblieben zu sein, bei allem, trotz allem, die fehlt ganz entschieden. Auf dem Gelände die Bäume, alter, dunkler Ahorn und schöne, schlanke Pappeln, stehen noch immer. Sie haben es leichter.

Du kannst diesen Ort so wenig erneuern wie diesen Leib, wie dieser trägt jener die Spuren von Leben und Erinnerung. Du kannst nicht so tun, als ließe sich hier oder mit diesem alternden Bündel aus Muskeln, Knochen, Organen und Blutgefäßen noch einmal ein neues Leben, etwas Frisches beginnen, etwas, das nicht schon vom eigenen Scheitern und Vergehen spricht, noch ehe es begonnen hat, nein: Es ist vorbei. Du kannst auch mit dieser Erinnerung nicht weiter kommen als nur zu noch einer weiteren Erinnerung, die über die erste hinwegsieht, und jede nächste Erinnerung wird von ihren Vorläuferinnen gesättigter sein. Schon das Erinnern ist ja ein anderes. Die Erfahrung färbt die Wahrnehmung, diese wird wiederum Erfahrung, eine Rekursion bis zur allerallerletzten Wahrnehmung, derjenigen, die keine Erinnerung mehr werden wird. Was jetzt aber noch kommt, ist mit dem Brot der Wehmut aufgebrockt, geschieht und vollzieht sich im Gefühl eines Rests, ist wie ein Besuch in eben diesem Freibad, ein Blick auf die ewig anders jungen Mädchenkörper. Die tausend Meter in kaltem Wasser sind anstrengend gewesen, sind fast zuviel gewesen, jetzt zitterst du am ganzen Körper, in den Ohren klingelt es. Das wäre dir früher nichts als Ansporn gewesen. Heute mußt du dich fragen, ob diese an Übelkeit grenzende Erschöpfung nicht schon ein Zeichen des Alters und des Abbaus ist. Und so geht es mit allem. Nicht: Wohin jetzt? Sondern: Wie lange noch. Der Ort sagt: Früher, als du noch oft hierher kamst, hattest du gar keinen Ehrgeiz. Den brauchtest du ja auch gar nicht zu haben. Heute, sagt der Ort, bist du in einem Alter, wo du dir etwas beweisen mußt. Also finde dich ab, daß du schwindest – oder beweise halt.

Beides aber, das weißt du, ist gleich schlimm. Das Wenigerwerden wegen des Wenigerwerdens; und das Beweisen, weil es lächerlich ist, und weil du so einer nie hast sein wollen. So einer. Einer von denen. Einer von den Mittvierzigern, die plötzlich die Krise kriegen und mit dem Bungeespringen anfangen oder mit dem Marathonlauf. Die „es noch einmal wissen wollen“. Warum haben manche Jugendliche eine Todessehnsucht in sich? Weil sie „so einer“ nie werden, weil sie genau an diesen Punkt niemals kommen wollen (im Gegensatz zu dir ist es ihnen aber tödlich ernst damit), an den Punkt, wo sie ihr altes Freibad nach Jahren ephemeren Lebens noch einmal aufsuchen und sich an den tausend Metern abkämpfen in der Illusion, den jungen Leuten vielleicht noch was vormachen zu können. Noch, noch, noch. Und irgendwann nicht mehr. Die innere Sicherheit, nur wollen zu müssen, dann ließe sich alles erreichen, jederzeit: vorbei, längst vorbei. Die Pappeln rauschen, Füße klatschen über Beton und Gras, die Jungen stoßen einander ins Wasser, Gekreisch und Gejohle. Sie werden es auch in zwanzig, dreißig, fünfzig Jahren noch tun, immer dieselben jungen Körper. Was du aber jetzt noch erreichen kannst, ist weniger ein Ergebnis deines Wollens, als vielmehr ein gänzlich zufälliges Zustandekommen, ein Geschenk, das schwindende, jederzeit aufkündbare Almosen der Zeit.

Mitnotiert

Sechs Uhr früh, noch dunkel jetzt. Nach Westen die Bäume, still unter den Laternen, darüber der Vorgebirgshang, der schieferblaue Himmel. Alles ist Schiefer zu dieser Stunde. Der Tau auf den Mülltonnen, die dunklen Fensterscheiben, der Straßenasphalt, selbst der Gingko hat Blätter aus Schiefer.

Im Osten über der Bahnlinie ein rostiger Balken Helligkeit, der sich später, beim Ersteigen des Hangs, zu einem rosaroten Wulst ausweitet, der bläulichen Dunst darunter von bläulichem Dunst darüber abtrennt. Der Sommer tauscht Amseln gegen Fledermäuse. Wie alte Damen im Theater haben sich die Bäume am Wegesrand niedergelassen. Fächer schwingen, Seide raschelt, Blüten erlöschen wie Lampen. Man läuft wie eine Sinnestäuschung an den Zäunen entlang. Die Sonne wird noch eine Stunde brauchen.

Ich denke über Sinn und Sinnlosigkeit nach, besonders über letztere. Warum quäle ich mich hier den Berg hoch, was fange ich mit meiner Fitneß, die ohnehin höchst relativ ist, an, dient sie mir zu etwas, wenn ja, zu was, zu Stolz? Zum Wohlfühlen in diesem Körper? Es ist sowieso alles nur Aufschub, der Stolz wird sich bald nur noch auf die Vergangenheit richten, und das Wohlfühlen wird seine Grenze in der Grenze nachlassender Leistungsfähigkeit noch kennenlernen. Es fühlt sich nicht falsch an, was ich hier tue, noch nicht, aber sinnlos. Es zielt nirgendwo hin, es hat nur präventiven Charakter. Aber was will ich verhüten? Das Alter? Kann man nicht. Muß ich mir Ziele suchen, um die Illusion aufrechtzuerhalten, es gehe vorwärts? Den 50-km-Lauf etwa? Oder den Two-Oceans-Run, oder ein Jahr lang jeden Sonntag Marathon? Tatsache ist, daß weder die Prävention mir zu Sinn und Motivation taugt, noch der überschießende Ehrgeiz der Mittlebenskrise für mich als Rollenmodell taugt. Dieses letzte Aufgebot, daß so viele Männer meines Alters praktizieren, habe ich schon immer lächerlich gefunden. Zwar verstehe ich jetzt, wie man darauf verfallen kann, aber es wird in meinen Augen dadurch nicht weniger lächerlich. Es ist so albern, daß ich mich fast schäme, wenn ich die Laufschuhe anziehe. Man könnte das mißverstehen, wie man mir schon vor Jahren mitteilte. Es gebe viele Männer, gerade meines Alters, die plötzlich anfingen, das Extreme zu suchen. Verdammt, ich selbst könnte das mißverstehen, wenn ich meine Laufschuhe schnüre. In solchen Momenten ekelt mich beinahe vor mir selbst.

Warum empfindet ein junger Mensch diese Sinnlosigkeit nicht? Auch er wird alt und klapprig werden, auch seine 100-Meter-in-9-Sekunden werden absolut nichts mehr wert sein, wenn es in die Grube geht. Und in die geht es mit ihm wie mit mir. Warum kommen ihm seine Strampeleien dann nicht auch schon sinnlos vor? Was sind ein paar Jahrzehnte mehr, bitteschön? Ist es die vermeintliche Offenheit seiner Zukunft? Während die meine sich zu schließen beginnt: aber das ist eine Illusion. Geschlossen ist die Zukunft für jeden Menschen, vom Moment seiner Zeugung an. Allein das Wort Lebenserwartung legt das nahe. Trotzdem leben wir fröhlich drauflos, mit unserer Erwartung, wenn wir sechzehn oder zwanzig sind, als wären 85 Jahre die Unendlichkeit.

Ich muß an Oscar Wildes Bonmot denken, daß es höchst ungerecht von der Natur sei, daß sie die Jugend an Kinder verschwende. Recht so! Wieviel mehr als die Jugendlichen von heute wüßte ich mit der Jugend anzufangen! Anders als Oscar Wilde meine ich das völlig ernst. Die Jugend sollte man sich erst mal verdienen müssen. Dieses Leben ist ungerecht, von Anfang bis Ende. Besonders am Ende.

Später die Sonne, scharf abgezeichnet, ein Auge ohne innere Struktur, böses Leuchten, unentrinnbarer Blick, wie die Ankündigung einer nahenden Katastrophe schwebt sie über der ahnungslos-geschäftigen Ebene.

Mitnotiert: Dämmerung

Schon ist es jetzt um sechs noch dunkel, bald wird man wieder die Lampe brauchen. Die Luft hat eine glatte Konsistenz, kalt auf den bloßen Armen und Beinen, kalt und fest wie Wasser, eine Kälte, die angenehm ist, sachlich, höflich, und mir meine Körperwärme läßt. Der Sonnenaufgang ist noch mindestens eine Stunde entfernt, die Börde ist mit Lichtern gefüllt, um die Berge jenseits der Sieg liegt ein dämmriger Kranz fahlroten Lichts. Schieferblaue Schleierwolken hängen am Horizont. Der Morgen ist still wie am Tag der Abreise. Die Koffer stehen gepackt im Hausflur, die Zimmer sind leer, die Türen abgeschlossen, dahinter tritt der Staub sein Amt an. Man schweigt, weil es nichts mehr zu sagen gibt, jedes weitere Wort gehört schon der kommenden Welt an. Es kann losgehen. Nur das Taxi ist noch nicht da.

Es wird alles immer absurder, und dieses Gefühl wird umso deutlicher und klarer, je weiter ich mich von der Börde entferne, von diesem mit Lichtern und Signalen angefüllten, brausenden, heulenden Kessel, den Straßen, Schienen und Stromleitungen zerschneiden, von dieser vermeintlich ordentlichen Welt. Vorhin war vom Verladehof des Paketzustelldienstes so ein glucksendes Piepen zu hören gewesen – das Signal eines Laserscanners, der das Erlebnis einer Apperzeption gehabt hat – und sofort gehen bei mir wieder die Alarmgeräte los, stellt sich das System auf Abwehr ein. Es ist zuviel Typisches an diesen Dingen, immer mehr solcher Wahrnehmungen geraten mir zum Symbol für etwas, das ich nur als zunehmende Verdrängung des Menschlichen durch das Maschinelle wahrnehmen kann. Für Kafka war es vielleicht das Klappern einer Schreibmaschine in einer Amtsstube. Für mich ist es das Kollern eines lautgebenden Laserscanners. Das Geräusch einer wachsenden, ausufernden Unmenschlichkeit, das durch keine Behauptung des Menschlichen – der Blumenstrauß im Büro, der Kaffee in der Kantine, eine Kinderzeichnung auf dem Schreibtisch, oder einfach nur der Geruch warmgelaufener Socken oder eines alten T-Shirts – gemildert wird. Wir sind Überbleibsel, und über unsere Gerüche und Gelüste, kann man sich schon mal ausmalen, werden demnächst – bald – Sensoren wachen und sie in etwas zutiefst Unmenschliches verwandeln.

Kritik am sogenannten Fortschritt, wo sie selbst sich nicht noch fortschrittlicher gibt, hat immer etwas Wohlfeiles an sich. Es ist leicht, etwas zu kritisieren, von dem man noch nicht wissen kann, wie es sich auswirkt; und es ist leicht, auf die positiven Aspekte des Bestehenden zu verweisen, weil sie bekannt und sichtbar sind. Das Bekannte ist leicht gegen das Unbekannte auszuspielen. Nur allzu oft in der Geschichte hat Kritik am Fortschritt, von Platon bis Spengler, dann aber im Rückblick etwas Weltfremdes und Verschrobenes bekommen. Dann heißt es leicht, hätte man damals auf den maschinellen Webrahmen verzichtet, würden wir heute noch, etc. Das Neue zu verteufeln fällt zwar leicht, solange das Alte noch normal ist. Aber das bedeutet nicht, daß Plato oder Spengler oder die Kritiker des maschinellen Webens nicht recht gehabt hätten, es bedeutet nicht, daß ihre Kritik nicht wohlbegründet gewesen wäre. Am maschinellen Webrahmen sind schließlich Menschen regelrecht verhungert. Die Kritik ist nur, da niemand sich darum geschert hat, irgendwann irrelevant geworden. Insofern ist die Kritik an der Fortschrittskritik selbst wohlfeil. Aber man wird über uns lachen, das steht fest. Man wird uns ewiggestrig nennen oder schlimmeres. Aber wenn ich ehrlich bin, ist mir das Gestern lieb, und vor dem Morgen, so wie es sich derzeit abzeichnet, graut es mir, zum ersten Mal in meinem Leben.

All das ist jetzt da unten, bleibt hinter mir zurück, während ich den Weg am Schützenhaus vorbei einschlage. Winters hört man hier immer ein Käuzchen. Oben die Pferde, zuckende Schweife im grasigen Frühlicht. Dahinter der Waldsaum mit den betenden Föhren. Sehnsuchtswelten, deren Sog für mich darin besteht, daß sie nicht gemacht, sondern geworden sind, daß sie nicht nur älter sind als Laserscanner, sondern älter noch als der Mensch selbst. Ich gehöre beiden Welten nicht an, weder der Welt der Laserscanner, noch der alten Welt des Gewordenen. Die einzige Welt, der ich angehöre, ist ein Ort aus Wörtern und Bedeutungen. So ein Lauf durch den Wald beschert die Illusion einer Daseinsalternative. Tatsächlich laufe ich durch diesen Wald wie ein Neanderthaler durch eine Automobilausstellung laufen würde. Ich verstehe nichts von den Dingen, die hier vor sich gehen, noch viel weniger – in High-Tech-Textilien gehüllt und mit GPS-Stopuhr am Handgelenk – kann ich mich als Teil dieser Vorgänge begreifen. Tatsache ist, daß ich mich überhaupt nicht begreife, nirgends, auf keine Weise, außer als ein Wesen, das Worte macht und Bedeutungen verknüpft. Aber ohne Welt, auf die ein Ausdruck verweisen kann, gibt es auch keine Zeichen, keine Bedeutungen. Es gibt keinen Ausweg aus der Welt, auch nicht im Wort.

Mitnotiert: Hunderunde

Noch einmal hat der Sommer zugenommen, wie ein Feiernder, der ein letztes Mal die Flasche ansetzt, obwohl der Morgen schon graut, das Hemd nicht mehr sitzt und die Wege nach Hause weit sind. Einer hat schon den Kopf auf des andern Schulter gebettet, ein dritter seine Schuhe ausgezogen und die Füße auf den Sitz gegenüber abgelegt. Ein Weg verschwindet im Unterholz, wie um in Abgeschiedenheit die Notdurft zu verrichten, der Himmel schaut weg, hebt sich kaum über den Horizont. Das Grün, dieses müde, aufgedunsene Grün, etwas zu farbig, wie hängende Tränensäcke, hat die Abteiltür geschlossen, die Vorhänge zugezogen, das Licht ausgemacht. Auf Zehenspitzen gehen die Pilze. Die Vögel sind still oder schon am Abend nach Hause gegangen.

Obwohl es inzwischen um sechs noch dämmrig ist, gibt es immer noch Frühaufsteher, die Hunderundenrundgänger, auf dem Feldweg bei Heimerzheim schlendern gleich drei von ihnen, einer in der typischen Kopfhaltung, früher hätte man sich gefragt, was macht der da, Nägel lackieren? Vokabeln lernen? Horoskope lesen? Kompaß gucken? Zu keiner dieser Vermutungen hätte die Geste richtig gepaßt. Heute weiß man sofort, der starrt auf sein Schächtelchen. Es gibt Körperhaltungen, die so eng mit einer bestimmten Kultur verbunden sind, daß sie in einer anderen, könnte man vermuten, seltsam wirken müßten, verschroben, ja, verstörend. Man denke etwa an die typische Haltung, zu der man sich zwingen muß, wenn man ein Telephon unters Kinn klemmt und gleichzeitig eine Computertastatur bedient. Man hat es so oft gesehen, es stellt sich sofort ein Bild dazu ein. Noch vor ein paar Jahrzehnten hätte es die ganze Situation, zu der Bilder sich hätten einstellen können, gar nicht gegeben. Oder man denke an den Griff zur Maus, an das angestrengte Vorbeugen am Bildschirm, an die zusammengekniffenen Augen. Man denke an den raschen Griff über die Schulter, das anschließende langsamere schräg über die Brust laufende Sinken der Hand, wenn man im Auto den Sicherheitsgurt anlegt. Da ich nicht zu dieser Kultur gehöre, befremdet mich die Haltung der Schächtelchengucker weiterhin, auch wenn ich inzwischen gelernt habe, sie zu deuten.

Jenseits der Hunderunde: kein Mensch mehr. Der Wald gehört mir allein, und niemand weiß, wo ich bin. Etwas Träges haftet den Dingen an, eine zähe Schlammigkeit, die Luft ist kühl, aber nicht wirklich frisch, das Licht gefiltert wie unter der Entengrütze eines schalen Tümpels. Auch das Gelb der zahlreichen Greiskrautarten ist brüchig, blättert ab, hinterläßt Flecken von farblosem Welksein. Noch zwei Wochen, vielleicht drei, wird das Grün zunehmen, noch mehr anschwellen und dabei noch müder werden. Die Flure lauschen. In der Nähe fließt Wasser, irgendwo tropft ein Hahn. Wege wie ausgeleerte Taschen, der letzte Kreuzer ausgegeben oder verloren, was willst du hier, geh nach Hause.

Und irgendwo hinter den Sträuchern warten sie bereits, die Hand am Abzug, das Visier heruntergeklappt – die Warnwestenmänner mit ihren Motorsägen.

Kein Entkommen

Und wieder die Traurigkeit, ich finde sie in der Heimatlosigkeit von Heimen, in der Uferlosigkeit von Ufern, in der Pflichtgemäßheit des Sommergrüns, im feuchten Gewicht der Erde, in der Zutraulichkeit von Hunden, in der Dienstfertigkeit bedruckten Papiers. Ich wache auf mit der Traurigkeit von Fliegen, die über die Fensterscheiben krabbeln, und ich bin traurig, wenn abends eine Motte gegen die Straßenlaterne stäubt. Es ist, als strengte sich die belebte wie die unbelebte Natur zu sehr an. Ich habe Mitleid mit ihr, mit dem Licht vorm Gewitter, dem springenden Springkraut, dem Schlamm unterm Schlamm, den einsamen Spinnen unter der Zimmerdecke. Ich habe Mitleid mit dem Schrank, der so viel Dunkelheit und Staub enthält und immer nur zuhören muß, wenn Leute im Zimmer reden. Die Türen scheinen aufzuatmen, wenn endlich alle gegangen sind. Ich möchte den Dingen zurufen, laßt gut sein. Aber die Dinge machen einfach immer weiter. Sie schuften an ihrer Existenz und erschöpfen sich.

Mitleid mit Menschen, die sich selbst nicht kennen, die stumm leiden wie Tiere, die nicht wissen, warum sie leiden. Mitleid mit der naiven Freude dieses Menschen, ihrem kindlichen Entzücken über eine Kleinigkeit. Es sind die Kleinigkeiten, die so leicht zu zerstören, zu zertrampeln sind, die so leicht vergessen werden, liegenbleiben. Und man täuscht sich so leicht in ihnen. Vor Jahren einmal erlebt, wie eine, die ich gut kannte, ganz närrisch war über ein froschgrünes, pummeliges Telephon, das sie sich gekauft hatte. Ich sah sie strahlen und dachte, es ist doch nur ein Telephon, und dieser Gedanke war wie flüchtiges Pech in der Brust, eine verstörende Traurigkeit, wie wenn ein Kind sich in das häßlichste Stofftier der Sammlung verliebt. Aber vielleicht wäre ich noch trauriger, verliebte es sich in das schönste: Es gibt vor der Traurigkeit kein Entkommen.

Ich muß mir Widerstände suchen, um die Traurigkeit eine Weile in Schach zu halten. Der Aufbruch ist schwer, manchmal glaube ich, er gelingt nur kraft der Routine. Ich gehe laufen, weil man das halt so macht, weil ich das seit Jahrzehnten so mache, weil ich nicht mehr weiß, wie Nichtlaufen geht. Und weil ich vor dem weißen Papier fliehe, natürlich, vor dem Beweis meiner Mittelmäßigkeit. Manchmal wünsche ich mir den Abend herbei, noch bevor ich aufgestanden bin, sehne mich nach diesem wunderbaren Gefühl, morgen sehen wir weiter, morgen wird alles gut. Aber immer ist es schon morgen, und alles ist so wie sonst und nicht gut.

Ich liege in einem fremden Haus, mit dem Kopf auf Höhe des Regens, der auf die Dachpappe rauscht, der Fensterrahmen ist seltsam, als zweifle er über sich selbst, der Mond, wenn er schiene, wäre fremd, der Winkel falsch, wie in einem Fiebertraum, ich höre die, für die ich Mitleid habe, ohne daß sie oder ich wüßten, warum, atmen. Ihre schlafenden, ruhigen Atemzüge, es ist das einzige, was hier nicht fremd ist, es ist mir so vertraut wie die Traurigkeit, es ist selber traurig. Es regnet und regnet, und ich bin so lange schlaflos, bis mich der eigene Herzschlag wundert und endlich auch die eigenen Atemzüge mir fremd werden, wie etwas, das eigentlich ganz anders sein sollte als es ist.

Frühprotokoll: Wider das Interessieren

Es ist dunkel jetzt um fünf, stockfinster, still, die Räume nachdenklich ins Weite gespannt, eine Weite, aus der vereinzelt Regentropfen fallen. Der Nachrichtensprecher verkündet Tode, Schwert und Verderben, ich lasse ihn reden. Es ist immer das gleiche. Es ödet mich an, es ist mir gleichgültig. Als hätte ich die Pflicht zur Entrüstung! Die Pflicht, depressiv zu werden.

Ich bemitleide alle Menschen, die sich von Berufs wegen für etwas interessieren müssen. Immobilienpreise, Software-Updates, Blasenkatheter, DIN-Normen, Sicherheitslücken, Darmzotten, kubisch-zentrierte Kristallgitter, kraftschlüssige Verbindungen, Fußballergebnisse, Brandschutzverordnungen, relationale Datenbanken, laktosefreie Ernährung, Fix-A-Glut Schnellbindezement mit extrasanft modulierter Siccationsphase, doppelte Buchführung, vierlagiges Toilettenpapier mit Minzgeschmack, einzeln aufgehängte und kreuzweise verspannte Federmuffen. Was für eine Freiheit liegt darin, sagen zu können, das interessiert mich nicht. Was für eine Erlösung, sich nicht zu interessieren. Vor Jahren einmal Marcel Reich-Ranicki in einem Interview: „Die angloamerrrikanische Literraturr interrethiert mich nicht.“ Herrlich. Ich glaube, das war letzten Endes das, was jedem meiner Berufswünsche zugrunde lag: die Freiheit, einmal das tun zu können, was mich interessiert, den Rest mit einem „Interessiert mich nicht“ ungestraft von der Tischplatte fegen zu dürfen. „Die Brandschutthverordnung interrethiert mich nicht“ – Wunderbar.

Ich stelle fest: Das meiste interessiert mich wirklich nicht. Ich beobachte das im Vergleich mit anderen. Da gibt es einen Freund, der alles ausprobieren muß, einzig um der Erfahrung willen. Neugierig wie eine Elster, findet er fast alles, das er noch nicht kennt, erst einmal spannend. Das ist mir völlig fremd. Ich bin leicht überfordert und ebenso leicht unterfordert. Einige wenige Erfahrungen, Vollzüge, Erlebnisse sind mir so wichtig, daß mir die Zeit für etwas anderes, das ich noch nicht kenne, zu schade ist. Was, wenn es mich enttäuscht? Und wahrscheinlich wird es das. Die meisten Erfahrungen langweilen mich nämlich innerhalb von Minuten. Bei anderen weiß ich zuversichtlich, daß sie mir nicht behagen werden. Ich werde nie freiwillig in den Wagen einer Achterbahn steigen. Oder mit einem Gleitschirm fliegen. Ich muß auch Island nie gesehen haben, oder mit Druckluft tauchen. Schnorcheln reicht völlig. Nach fünf Minuten wird mir ohnehin kalt. Ich dachte auch einmal, man müßte, man mußte doch. Was alle sagten und dachten: Gereist sein, Länder und Menschen kennengelernt haben, man mußte doch Drogen ausprobiert, Nächte durchgetanzt, ein Open-Air-Konzert besucht, Sex am Strand gehabt, in einer Kommune gehaust haben, mit dem Tretboot in Sandalen über den Atlantik gefahren oder auf Rollschuhen den Aletschgletscher hinuntergefahren sein. Man mußte, man mußte! Sonst? Ja, was eigentlich? Hatte man dann etwas verpaßt? Es waren die Jahre, in denen man den Film Dead Poet’s Society gut finden mußte. Ich fand ihn gut. Damals. Heute finde ich ihn verlogen, ideologisch, falsch in seiner unüberlegten Hau-Ruck-Philosophie. Vom Kitsch zu schweigen.

Vielleicht ist aber auch das ein Luxus. Man mußt erst einmal so viel erlebt haben wie ich, um sagen zu können, im Tretboot über den Atlantik interrethiert mich nicht. Ich habe den ganzen Quatsch (mit Ausnahmen) ja mitgemacht, den man angeblich mußte. Trotzdem ärgert mich das Gehabe von damals noch heute. Als wäre das Jungsein eine Verpflichtung gewesen. Mich ärgert, daß ich so beeinflußbar war.

Neuweg, Apfelmaar, die letzten Regentropfen, südwestlich blauer Himmel mit Schäfchenwolken. Wind- und Vogelstille. Wie ein Fingerschnippen des Laubs manchmal ein davonstiebender Flügelschlag. Kurze, scharfe Rufe. Träges Arbeiten eines Bussards, der vor mir flieht, über die Wiese strebt, sich hunderte Meter entfernt niederläßt. Ein Mann kommt zur stillen Andacht an ein Wegekreuz, wir grüßen uns. Der Wald ist still und brütet, das Unterholz leer, die Hallen haben Ferien. Himmel, Tropfen, Pfützen, Schuppen eines Lärchenzapfens, die Hundspetersilie am Wegrand, das grüne Gähnen der Straße, ein Pilz, den ich nicht kenne, das ist Raum und Erfahrung genug für mich. Zuhause das Radio, schweigt mich an, beleidigt, schmollend, und doch im Bewußtsein des längeren Atems der äußeren, größeren Welt.

(Erst bei den Pferdeweiden ist mir der Traum wieder eingefallen. Ein Pferd schubberte zärtlich mit der Schnauze an meinem Knie oder Oberarm entlang, eine Geste so voll von Freundlichkeit und Vertrauen, daß ich die beiden echten Pferde auf der Weide am liebsten umarmt hätte. Ich habe wiederkehrende Tierträume, angenehme wie unangenehme. In den unangenehmen muß ich mich immer größer werdender Spinnen erwehren. In den angenehmen begegnen mir meist Hunde, selten Mäuse, und jetzt ausnahmsweise ein Pferd. Das begleitende, die Stimmung des Traums dominierende Gefühl ist das der Herzenshingabe. Diese Tiere vertrauen mir, nähern sich mir oder sind eng bei mir in freundlichen Absichten. Manchmal berühren sie mich. Manchmal schauen sie mich nur an. Es sind unabhängige, freie Wesen, die mir zugeneigt sind, mich aber nicht brauchen. Trotzdem ist etwas Verletzliches an diesen Tieren, man muß gut zu ihnen sein, sie schützen. Eine Gefahr, vor der sie zu schützen wären, gibt es nicht in diesen Träumen, kein Bedarf, zu handeln. Die Tiere sind da, ruhig, gelassen, meine Nähe suchend. Das ist alles. Und es ist wunderschön.)

Frühprotokoll: Regen

Schon eine halbe Stunde vor Weckerklingeln höre ich den Regen fallen. Kein Rauschen, nur vereinzelte Tropfen auf Mauerkronen, Autos, Regenrinnen. Dazwischen das laute, satte Klatschen, wenn ein Tropfen aufs Fensterbrett fällt. In einer Stunde werde ich laufen. Ich hasse dieses Wetter. Ich hasse überhaupt Wetter, wenn ich mit mir zum Laufen verabredet bin, jedes Wetter, das geringfügig von 15 °, Windstille, trocken abweicht. Ich hasse es so sehr, daß ich völlig verkrampft daliege und, statt wieder einzuschlafen, den Tropfen lausche, schwitzend vor Zorn. Ich weiß, das ist lächerlich. Und von dieser Einsicht werde noch wütender. Es regnet, denke ich, verdammt, es regnet schon wieder, es regn– Ich schlafe ein.

Wird man gelassener, wenn man viel draußen ist? Abgehärteter, gleichgültiger gegen die Unbilden der Witterung? Macht es einem irgendwann nichts mehr aus, durch den Regen zu laufen? Gelingt es irgendwann, das Wetter wahrzunehmen wie es ist, ganz ohne Bewertung? Mitnichten! Wer viel draußen ist, wer viel im Regen läuft, wandert oder arbeitet, explodiert schon bei zwei Tröpfchen. Man sensibilisiert sich. Es baut sich mit den Jahren ein Haß auf, keine Gleichgültigkeit. Man wird nicht immun, man bekommt eine allergische Reaktion.

Ich wache auf, Weckergesumm, irgendeine zu dieser Zeit unsäglich dynamische Sinfonie auf BR Classic (sic!). Nun, alles besser als das außerirdische Synthesizer-Gewabere, das sie neulich hatten (Sleep von Max Richter; mit Erstaunen nehme ich zur Kenntnis, daß Max Richter die Filmmusik zu Waltz with Bashir geschrieben hat. Und da dachte ich, die sei von Chopin gewesen!)

Ich habe Glück, der Regen läßt auf den ersten drei Kilometern nach. Der Himmel bleibt aber bedeckt und erinnert an verschimmelten Grießbrei, ohne Brille betrachtet, die Luft ist dick und dämmrig und feucht. Blinde Pfützen, triefende Brombeerhecken, das Longhorn-Rind ist umgezogen, die Antennen seiner Hörner haben mich schon aus zweihundert Metern Entfernung registriert. Es liegt zusammen mit fünf normalgehörnten Tieren auf der nassen Wiese, still wie atmende Sofas.

Seit Tagen keine Vögel mehr. Der Wald ist stumm, die Vorhänge heruntergelassen, die Darbietung beendet, die Putzkräfte noch nicht dagewesen, die Kulissen stehen noch. Die Korridore sind blind, das Grün hängt herab wie Schmutzwäsche aus einem Wagen. Keine Sonne. Nur überlaufende Pferdetränken, die Tiere dazu weit weg, schwankend und zart am dünnen Ende von Pfaden, wie die Fähnchen von Unterhändlern.

Frühprotokoll: alter Planet

Morgens jetzt schon nicht mehr ganz hell. Ich mache mir den Kaffee im Halbdunkeln, nackt bei geöffnetem Fenster, egal, fünf Uhr morgens ist die Straße sogar hier menschenleer. Die Luft riecht nach Nässe und Müdigkeit. Zwei Amseln singen gegeneinander an, während die Tasse sich füllt. Ein halbes Ohr für die Vögel, mit dem anderen halben nach den Nachrichten gelauscht.

Man merkt der Sonne die Anstrengung an. Sie hat sich beeilt, und es doch nur gerade über den Horizont geschafft. Wie ein müdes Augenlid hängen die Hügel des Siegerlandes über der Bucht. Fernsicht, ohne den Halt von Vögeln.

Man müßte ein völlig neues Vokabular für Licht erfinden. Heute früh ist es weich, geschmeidig, leicht gerötet vom Sonnenaufgang, härtet sich in der nächsten halben Stunde, hängt an Baumstämmen wie vorwitzige Tiere, die dem Schwarm vorausgelaufen sind. Früher habe ich auf diese Dinge nicht geachtet. Der Jahreslauf, das war das Wetter, nichts weiter. Seit ein paar Jahren verfolge ich die astronomischen Eckdaten, Tagundnachtgleiche, Sonnenwenden, prüfe im Kalender die Sonnenauf- und -untergänge. Es ist wie eine Unruhe, daß mir auch ja nichts entgeht, daß das Jahr, und mit dem Jahr die Zeit, nicht auch noch diesen Vertrag auflöst. Auch empfinde ich jetzt immer eine gewisse Trauer, wenn der längste Tag überschritten ist: Oh weh, so spät schon wieder.

Traurig auch der Gedanke, daß dieses Gestirn, auf dem wir leben, schon ein alter Planet ist. Es mag für menschliche Maßstäbe egal sein, ob die Zukunft des Lebens nun eine Million Jahre, hundert Millionen Jahre oder gar noch eine Milliarde Jahre zählt – dennoch macht mich die Tatsache, daß es eben nicht mehr um Milliarden geht, sondern nur noch um etwa hundert Millionen Jahre, traurig. Dem Menschen sind Zahlen egal, Geschichten nicht. Der Mensch kann sich unter hundert Millionen Jahren nichts vorstellen; aber ob eine Geschichte erst anfängt oder ihrem Ende entgegengeht, das versteht er sehr gut – da spielt es keine Rolle, nach welchen Maßstäben die Teile der Geschichte dauern. Es ist egal, wie schnell es zu Ende geht, es ist egal, daß wir das nicht mehr erleben. Ich sehe die Bäume ihre Früchte zur Reife bringen, die üppigen Brombeeren, die signalroten Vogelbeeren, die Äcker mit ihren gelben Ähren, einen Bussard, der sich träge von einem Pfahl abstößt. Ich denke daran, daß selbst dies alles nicht bleiben wird, und werde sehr traurig. Was ist schon der eigene Tod? Aber daß es keine Schnecken, keine Fliegen, keine Blauwale mehr geben wird, und nicht, weil wir sie ausgerottet hätten, sondern weil ihre Zeit auf diesem Gestirn vorbei sein wird – das ist wirklich schlimm.

Das Rind mit den Riesenhörnern wieder, womöglich sind sie noch ein Stück gewachsen, es sieht aus, als könnte das Tier den Kopf nicht wenden, ohne an irgendeinen Baum oder Zaunpfosten zu stoßen.

Und ich dacht’ schon, da läuft einer! Der Unmut, der mich angesichts dieses Irrtums anfällt, zeigt mir, wie sehr ich diese Gegend, zumindest zu dieser Stunde, als mein ureigenstes Revier betrachte. Aber dann blinkt in der Nähe eine Zentralverriegelung, und der Mann, den ich für einen Läufer hielt, setzt sich ans Steuer. Später begegne ich einem Walker. Es ist ein Mann irgendwo zwischen sechzig und siebzig, ich habe ihn schon oft gesehen. Fünf Kilometer und eine Runde weiter begegne ich ihm abermals. Und dann noch einmal. Merkwürdig. Würde er Laufen, wäre es ein Rivale, der in meinen Augen hier nichts zu suchen hat. Da er nur geht, ist er mir gleichgültig. Ich könnte jetzt ein bißchen über Konkurrenz und Wettbewerb nachdenken, lasse es aber. Der Morgen ist zu still für so laute Gedanken.

Still, und in sich gekehrt und alt, uralt, unermeßlich alt. Die vier milliardste Wiederholung des immer gleichen Vorgangs. Dieselbe Sonne, die schon über Palmfarnwäldern aufging, deren Überreste sie jetzt, wenige Kilometer von hier, aus der Erde kratzen. Dasselbe Licht, das sich in der Retina eines Velociraptors brach oder in den Facetten eines riesigen Eurypteriden regenbogenartig schimmerte. Und doch war es nie der gleiche Morgen, nie genau dasselbe Licht, nie exakt so, wie es jetzt den Staub in der Ebene in Schwingung versetzt, ins Rheintal einfällt, einen Schieferhauch übers Siebengebirge legt, sich wie kondensierender Dampf auf den Kiefernadeln absetzt, diese uralte, immer junge und doch sterbliche Sonne.

Man müßte ein völlig neues Vokabular für Licht erfinden.

Hitze, ein Versuch.

  1. Sommer, die Räume streiten um Schatten. Am Türgriff verbrennt sich die Tür.
  2. Tief in seinem kühlen, schweigenden Innern sammelt das Klavier Töne für den nächsten Regentag. Obendrauf hockt eine leere Vase, durstig nach Münzen.
  3. Du kannst die Hand ausstrecken, wohin du willst, du bekommst nur Leguanzungen zu fassen, Kakteenstacheln, Gläser mit getrockneten Erbsen, den Staub abgelaufenen Schneckengifts. Die Tasse auf dem Tisch bringt einen Löffel langsam zum Schmelzen.
  4. Wohl fühlt sich nur ein Brocken Vulkanschlacke auf der Fensterbank. Vor Jahren entführt von einer südlichen Insel, liegt sie sonst nur apathisch herum. Nun feiert sie Urständ von Schwefel und Feuer.
  5. Auf der Seite eines kühlen Verses sperrt das Buch die Kehle auf. Beim Lesen suchen Vokale Schatten unter ihren Umlauten.
  6. Zu warm, die heißen Augenhöhlen auch noch mit Wimpern zuzudecken. Kaulquappen häuten sich in deiner Achsel.
  7. Wie herausgerissene Vogelherzen zerfließen die Erdbeeren im Brennglas der Schale.
  8. Schlägst du den Kalender auf, stehen da die Tage vorm kühlen Winter Schlange.
  9. Unbeirrt nimmt die Uhr der flach atmenden Zeit den Puls.
  10. Das Fenster fiebert, das Glas hustet Fliegen aus.

Frühprotokoll: alte Heimat

Durch den Wald laufen wie durch einen schweißfeuchten Pelz. Dem Ilex in den blutigen Rachen geschaut. Fieberheiße Stirn Horizont. Am Grund wirres Frösteln von Ameisen. In Worten suche ich die Rehe, aber sie schauen nicht her.

Die Sonne brennt die Schatten von den Uhren. Es ist früh, und doch so hell, der Himmel so gleißend und so müde, als hätte der Tag gestern durchgemacht. Man sucht umsonst nach Spuren, nur Steine, Äste, Kies, zu anorganischen Rillen geformt, laufen über den Asphalt. Der Hochsitz ist im Stehen eingeschlafen.

Ein Hase nippt an einer Pfütze, sieht mich, flieht ins Feld. Als ich die Stelle erreiche, sehe ich, die vermeintliche Pfütze ist nur ein Loch voller Schlick.

Später die Karte des Laufreviers, so viele Heimaten, daß es für viele Kindheiten reichen würde. Zwar war es nur eine, doch im Nachforschen unerschöpflich. Namen, Weiler, Ortschaften, Kleinstgewässer, alles weist über sich hinaus und an mir vorbei, als bedeute es mir einen dritten Ort, den ich erst noch finden muß. Ich muß mich beeilen, bevor er endgültig verschwindet und alle Zeiger ins Nichts deuten. So befinde ich mich im Gespräch mit der Karte und ihren Namen, meiner Erinnerung und der Vorstellung des nächsten Laufs durch das abgebildete Territorium.

Schon damals wollte ich nicht in die Zukunft. Schon als Kind war ich der Archivar meines eigenen, kleinen Lebens. Nun sind die Zeitschriften aus dieser Zeit fortgeworfen. Man hat mich nicht gefragt, als man Platz schaffen wollte im Regal.

Frühprotokoll: Freiheit und Sehnsucht

Noch einmal laufen und immer wieder laufen, ich denke nicht darüber nach, wo andere erst lange von Motivation reden, reibe ich mir die Augen, stöhne leise und schlage dann die Bettdecke weg. Kaffee kochen, Mails lesen, Zähneputzen. Und los. Ich diskutiere nicht mit mir. Wenn es regnet, fluche ich, aber ich bleibe nicht zu Hause. Es ist wie Zähneputzen oder Duschen. Man tut es halt, mal lieber, mal weniger gern, auch gegen den Widerwillen. Weil man das halt so macht. Wer spricht von wollen? Tun ist alles. Ich aber genieße es, mein Tun in niemandes Dienst zu stellen. Was ich tue, hat mit Sehnsucht zu tun, nicht mit Nützlichkeit. Auch für die Sehnsucht ist Disziplin vonnöten.

Die Sehnsucht nach einem Ort und einem Weg ist stets größer als das Gefühl, angekommen zu sein, der erwartete Friede größer als der gefundene. Weniger eine Enttäuschung als eine Unruhe, die mich noch weitertreibt, der nächsten Sehnsucht nach. Du fändest Ruhe dort heißt es im Gedicht vom Lindenbaum, das mich, wann immer es mir in den Sinn kommt, zuverlässig zu Tränen rührt, aber ich weiß: Solch einen Ort unter der Linde oder wo auch immer gibt es nur im eigenen Innern, gibt es nicht in der äußeren Welt, gibt es nur als Sehnsucht. Man fände keine Ruhe dort, wo immer dort ist. Man fände dort gar nichts. Der innere Sehnsuchtsort dient höchstens der Ordnung und Orientierung, er sortiert die Erscheinungen des eigenen Lebens, richtet sie aus, schenkt ihnen Bedeutung, indem er sie auf sich als auf ein Zentrum hin bezieht. Schon allein das kann hilfreich sein, aber man sollte nicht mehr erwarten.

Räume, die uns Frieden schenken, sind keine Sehnsuchts-, sondern Gewohnheitsräume. Selten achte ich einmal auf die Kirchenglocken in meinem Ort; klängen sie aber eines Tages anders, würde ich das sofort bemerken.

Die Luft ist noch kühl, das Licht wie frisch abgebraust, die Bäume wie gebürstet. Die Segler schlafen noch, irgendwo hoch oben, außer Sicht- und Hörweite. Daß sie da sind, ist nur eine Vorstellung, aber es beruhigt und macht froh. Sechs Uhr, die Sonne schon weit überm Horizont. Warum entscheide ich mich für diesen und nicht für den anderen Weg? Ich kann es nicht sagen. Entspricht etwas in mir einem bestimmten Ort, so daß mir die Vorstellung davon eher entgegen kommt? Woher stammen unsere Wünsche, diejenigen, die wir uns so schnell erfüllen können, daß wir sie gar nicht als Wünsche wahrnehmen? Letzten Endes ist es egal, welche Strecke ich laufe. Trotzdem weiß ich, daß ich heute diese und keine andere laufen will. Was aber heißt das, ich will?

Keine Autos heute, das ist ungewöhnlich, diese Gegend schmaler Feldwege ist sonst der beste Beweis für die Behauptung: Wo man fahren darf, wird auch gefahren. Gerne nimmt man hier eine Abkürzung, damit man unten in den Dörfern nicht an den dämlichen Ampeln warten muß. Heute aber gibt es nur Rinder. Eines fällt auf, es trägt armlange, gabelförmiger Hörner, ausladend und rätselhaft, wie eine Sendeanlage, viel zu groß für das schmächtige Tier.

Flach streichendes Licht, Zäune mit der Hand an der Stirn, blinzelnde Wegweiser. Hier bin ich zu Hause, was immer das heißt. Irgendwo zu Hause zu sein, ist für mich ein unproblematisches Gefühl, wie das Verliebtsein. Es ist nicht bezweifelbar und einfach gegeben. Es muß nicht ausgelegt oder bewertet werden. Ich muß nicht ja sagen zu meiner Heimat, die Heimat sagt ja zu mir. Problematisch sind allenfalls die Konsequenzen dieses Gefühls. Wer sich an etwas bindet, wird verletzbar.

Vorurlaubszeit. Das meiste des Sommers hat bereits geblüht, das Unterholz ist geschwollen von Grün, die Kiefern duften. Hunderte Meter entfernt dröhnt die Straße. Laß sie doch alle dröhnen! Ich nehme mir die Freiheit, jede Form von Fleiß abzulehnen. Ein alter Mann mit Fahrrad steht an einem Gatter und ruft etwas, drei Pferde trotten über die Weide auf ihn zu. Es gibt Momente, da wünsche ich mir, daß mein Leben nicht mehr umfaßt hätte als solche Dinge. Pferde, Rinder, Weiden, Zäune. Blicke, die sich nicht nach Straßenecken messen, sondern nach Quadratmeilen.

Jetzt sind die Mauersegler wach. Die Kirchturmuhr schlägt sieben. In den Straßen hat die Mobilmachung für wieder einen Arbeitstag begonnen. Ich zucke mit den Schultern. Ein halber Vers fällt mir ein, als ich die Haustür aufschließe, den kritzel ich schnell hin, bevor ich duschen gehe.

Laren und Penaten

Nachts taste ich nach der Brille, krabbele aus dem Bett, stolpere an den Resten von Gerümpel vorbei, die Tür geht von alleine auf, denn der Rahmen ist schief, ich schließe sie, damit der Lichtschein von der Kellertreppe nicht ins Zimmer fällt, dann Licht an, mit dem rechten Fuß auf die erste Stufe, Tritt, Tritt, Tritt, links oben am Türrahmen festhalten, mit rechts um den unteren Pfosten, Drehung im Gegenuhrzeigersinn und die letzten drei Stufen rückwärts, damit ich mir nicht den Schädel anstoße. Dann gebückt durch den Gang, Vorsicht, noch ein niedriger Durchgang, nachts ist der Modergeruch besonders stark, oder meine Nase besonders empfindlich. Noch ist es Sommer, der Keller ist nicht allzu kalt, ich muß nicht frieren, während ich Wasser lasse, aber wie das im Winter wird, will ich mir gar nicht ausmalen. Vielleicht ist dann aber wenigstens der Modergeruch geringer.
Und schon im Bad, blinzelnd an der Strippe ziehend, überkommt mich mit voller Wucht das Heimweh nach der alten Wohnung. Nach ihrer Sauberkeit, der Helligkeit, der Großzügigkeit der Räume, nach dem Ausblick vom Balkon übers Tal, nach dem Tisch in der Küche, nach einem Bad, das man blind im Dunkeln fand. Ich denke mir das Geräusch, das die Wohnzimmertür machte, an das wohlige Brummen der Therme, und daß die Türen der Küchenschränke nicht immer von alleine zuklappten. Am ersten Abend des Wochenendes auf das Schlüsselklappern warten, auf dem Bett liegen, Blick auf den Südhang des Tals, im Kopfhörer einen schönen Beethoven; oder Schreiben am Küchentisch, während die Gefährtin noch schlief, Heimkommen nach dem Lauf, die vertrauten Plätze für Mütze, Schuhe, Jacke, Rituale, die für ihre Zelebrierung diese Räume brauchten, wie antike Opfer einen bestimmten Tempel in einer bestimmten Stadt. Texte auch, die, auch wenn sie nicht diese Räume besprachen, doch von ihnen inspiriert waren und immer auch irgendwie von diesem Schrank, dieser Küchenzeile, diesem Fensterbrett handelten, Dinge und Dimensionen, so vertraut wie die eigenen Gliedmaßen. Jetzt sind diese Räume unausdenkbar leer, leblos, unbesprochen, und selbst das, was ich in ihnen und über sie schrieb und dachte, ist jetzt heimatlos geworden, ohne Anker in der Welt. Neulich nachgesehen: Im Fenster ein Schild, „zu Vermieten“. Es ist, als bandele eine Geliebte vor meinen Augen mit einem anderen an.
Ich war dort auch nur zu Gast, so wie ich in dem windschiefen neuen Haus nur zu Gast bin, aber ich war nicht zu Gast in den Geschichten. Ich war nicht zu Gast in den Verrichtungen, ich war in den Arbeiten zu Hause, in den Feiern und Ritualen, für die diese Räume sich mir geliehen haben, und die ohne diese Räume erst wieder Wurzeln schlagen müssen in einem neuen. Laren und Penaten, mögen sie sich wohlfühlen am neuen Ort. Ich ziehe mühsam hinterher und liege nachts wach vor Heimweh.
Oder vielleicht aus Angst vor Einschnitten, auch oberflächlichen, irrelevanten. Wie oft denkt man schon über die vertraute Umgebung nach? Erst wenn die fehlt, drängt sie sich ins Bewußtsein und schafft Brüche. So ein Umzug ist eine Zäsur, allein deshalb, weil er die eine Gleichförmigkeit des Erlebnishintergrundes beendet, eine neue Gleichförmigkeit aber erst eröffnet, und wer weiß, was jetzt kommt? Eine Veränderung färbt die Zeit ein, zerhackt das Kontinuum, ordnet die Erinnerung in vorher und nachher. Eine Veränderung macht die Zeit fühlbarer, indem sie wie ein Standort auf einer Karte einen unübersehbaren Punkt setzt: Da bist du jetzt. Am Rand der Zukunft. Die längste Zeit unseres gemeinsamen Lebens haben die Gefährtin und ich in den jetzt zurückgelassenen Räumen verlebt. Sieben magische Jahre. So viele müssen wir erst noch wieder schaffen.

Lauf ohne Gelehrten

Später am Tag ein Lauf im Zickzack den Villehang hinauf und hinunter. Drei Tropfen besprenkeln mich aus der einen Seite, aus der anderen schlägt mir die Sonne ins Gesicht. Ein merkwürdiges Licht, denke ich, bis ich begreife, es ist nicht das Wetter, als hätte jemand den Himmel zu stark geschüttelt und dann entkorkt, es ist die Tageszeit, wann bin ich denn schon am Nachmittag unterwegs, im Sommer zumal? Zeit kurzer Schatten, flinker Vögel, lauten Verkehrs.

So ein Wetter gibt es meines Wissens nur hier, wo von Luv schweres Gewölk unter Zäunen durchkriecht und in Lee die Sonne den Kopf in einen Viehtrog steckt. Raben wie Ascheflocken, dampfende Pferdeäppel, die Erde unter den Brombeeren knochentrocken.

Das Denken nicht abstellen können, niemals. Beinahe immer, wenn es um das Erleben geht, flüstert mir wieder der Zeitdämon den Schädel voll. Seltener jetzt, wie der Gedanke an einen frischen Toten mit der Zeit größere und größere Pausen macht, aber bei bestimmten Anlässen, zack! ist er wieder da. Alleine und aufs Erleben selbst zurückgeworfen, stellt er sich zuverlässig ein, ein fester Bestandteil des Metaerlebens, keine Innenschau mehr ohne den Gedanken, daß es nur einen einzigen Zeitpfeil gibt, und daß Erleben eigentlich nicht möglich ist. Sind schon Leute verrückt geworden über so etwas.

Ich brauche zum Laufen immer zwei Hemden, egal wie heiß es ist. Ein enges, das sich ohne zu reiben an die Haut schmiegt und den Schweiß aufsaugt; und ein weiteres, das gegen Zugluft schützt. Ich gehöre zu den Läufern mit empfindlichen Brustwarzen, wenn ich die im Sommer nicht schütze, tun sie mir nach dem Laufen zwölf Stunden weh.

Natürlich wieder Fahrzeuge, ein Kampfpanzer, für den der Feldweg eigentlich zu schmal ist. Ich brauche nur ein Fünftel des Raums, aber wer ausweicht, das bin wieder ich. Später noch eine Mofafahrerin, zieht eine Schleppe aus Abgas und Parfum hinter sich her. Keine Mountainbiker, immerhin, und die verhaßten E-Biker sind wahrscheinlich alle am Rhein unten.

Der Gedanke dieser Tage, daß ich vielleicht nirgends mehr ankommen muß. Vielleicht bin ich längst da? Dann bliebe nur noch, zu leben.

Das Bedauern, allenfalls, daß ich kein Gelehrter geworden bin.

Frühprotokoll unter Wolken

Über die Pferdeweiden. Wie man sich langsam eine Gegend aneignet, erst die großen, dann die kleineren Wege. Nach und nach die Ausblicke, groß wie Glaserfenster, in denen sich Wetter spiegelt. Zugleich das Gesicht bestimmter Streckenabschnitte, die stramme Haltung eines Baums, Licht, das von Pfütze zu Pfütze vorausläuft, das Grinsen einer Kurve, und wie die Ferne die Utensilien der Landschaft präsentiert. Anfang und Ende, Vorder- und Rückseite von Richtungen, ihre Farben, ihre Tiefen. Wege verändern ihren Charakter in Abhängigkeit dessen, was ihnen voranging. Wege färben Wege färben Wege, und alle zusammen, die Strecke mit ihren Bildern, tünchen die Tür, wenn man den Schlüssel wieder ins Schloß steckt.

Heute ein tänzelndes Pferd, das erst vor mir erschrickt, sich dann beruhigt und ostentativ schnaubend zum Grasen zurückkehrt, als wolle es mir sagen: Glaub ja nicht, daß ich vor einem wie dir Angst habe.

Heimat als etwas, das sich erst aus der Fremde zu erkennen gibt.

Beim Heimkommen, am Villehang, der Kirchturm mit der Uhr auf Augenhöhe. Die Wolken tief und feucht, aber regnen will es immer noch nicht. Die Wiesen braungebrannt wie im August.

Weitsicht wie vor einer herannahenden Katastrophe, diese Streifen in den Sonnenstrahlen, das unschuldige Glitzern eines fernen Stroms, eine Stadt, die sich sicher wähnt. „Ein Schulterzucken“, sage ich, Camille Paglia zitierend, zu L., als wir auf den Schandfleck in der Landschaft blicken, „der Natur, und alles liegt in Trümmern“. Was wäre, haben wir uns mal vorgestellt, wenn der Laacher Vulkan noch einmal ausbricht? Damals wurden in einer plinianischen Eruption große Mengen vulkanischer Asche und Bimsstein ausgeschleudert, deren Masse das Rheintal bei Andernach abriegelten, der entstandene See reichte bis zum Oberrheingraben hinauf. Was wäre wohl heute in unserem Ameisenhaufen los, wenn so etwas wieder passierte? Wir leben auf dünnem Eis.

Kalt duschen, dann den Vögeln zuhören, die in der Garageneinfahrt auf eine Katze hassen. Währenddessen Tee kochen und warten, daß du endlich anrufst.

Frühprotokoll ohne Wildschwein

Lauf in der Morgenkühle, gegen sechs an den Pferdeweiden, da ist die Sonne schon aufgegangen, fliegt steil hinauf, getützt auf einen Ahornbaum wie ein Springer auf seinen Stab. Turbulente Welt, strudelndes Licht, überall Plätze zum Schlafen und Aufbrechen.

Dort, wo immer die Wildschweine warten, stakst heute morgen nur ein einzelnes Reh über den Weg. Verträumt, wie in steifbeiniger Ekstase, schnuppernd, witternd, an einem Halm knabbernd. Erst sieht es mich nicht, dann sieht es mich. Dann kann es nicht abschätzen, was ich bin, dann flieht es, aus seinen Rehträumen verjagt. Ich wüßte gern, wie sich das warme Fell anfühlt. Die zitternde Flanke. Wie es riecht: nach Reh wahrscheinlich. Aber wie riecht ein Reh? Einmal habe ich aus nächster Nähe ein totes Reh gesehen. Es war erstaunlich klein. Ich habe es nicht angefaßt. Der Tod war eben erst dagewesen, er hatte die Augen glänzend und dunkel zurückgelassen, wie sie in den Himmel starrten, ein letztes Bild, in dem Tod noch nicht vorkam. Auch dies ein früher Morgen.

Klimmzüge am Fitneßpfad. Warum mache ich das? Ich werde sowieso eines Tages mit Mühe kaum über die Bettkante kommen. Und dann auch bald das nicht mehr. Soll ich mich nicht lieber jetzt schon daran gewöhnen?

Bei weiblichen Läufern zu früher Stunde füchte ich immer, daß sie sich vor mir fürchten. Rape culture. So weit geht die Indoktrinierung. Ich bemühe mich bereits, kleine Kinder nicht allzu genau anzuschauen, nicht daß jemand was denkt. Dabei ist an mir nichts, was zum fürchten wäre. Vielleicht fürchte ich es auch gar nicht, sondern mir gefällt die Vorstellung, daß sich jemand vor mir fürchtet. Die menschliche Seele ist eine Mördergrube.

Die Frau, die erst die lange Hundeleine einholen muß, bevor ich vorbei kann, ruft mir entschuldigend hinterher, Tut mir leid, kein Rückspiegel! Ich lache ihr zu und denke, wär ja noch schöner, wenn wir jetzt auf einem Fußweg auch schon Rückspiegel brauchten.

Die Sonne über der Ebene, abgestoßen vom Baum, vom Hügel, von allen Horizonten, freier Fall, lichtwärts.

Zu Hause ziehe ich erst die Spinnweben aus, dann die Kleider. Das Zimmer ist wärmer als die Luft in der Straße. Ich stünde gern nackt am Fenster, unsichtbar für alle, frei, frei im Licht und der Kühle, allein.

Analog

(Ein Haus renoviert. Was im Rückblick äußerst erholsam war – ich merke es gerade an meiner bereits wieder einsetzenden Erschöpfung, kaum daß ich nach einer Woche Auszeit die erste Stunde am Rechner sitze –: So ein Hausumbau ist komplett analog. Es gibt keine digitalen Fliesen, und die halten auch nicht digital, sondern mit Fliesenkleber – und wenn nicht, fallen sie runter. Da hilft auch kein Neustart. Es gibt auch nur analogen Lehmputz, und der knirscht und bröckelt und hat Stroh drin, und es ist verdammt nochmal anstrengend, den mit Wasser zur richtigen Konsistenz zu verrühren, und es ist verflixt noch eins schwierig, die analoge Masse mit einer analogen Kelle auf einer analogen Wand zu verteilen. Das macht keine App, sondern Muskeln, Auge und Ohr. Und so eine Tapete läßt sich nicht mit drag & drop an die Wand ziehen, an eine krumme Wand, für die man eigentlich einen Doktorgrad in sphärischer Geometrie brauchte, schon gar nicht. Das geht nur mit analogen Flüchen, echtem Schweiß und Leim, am besten im gut eingespielten Team. Und wenn Farbe dorthin kleckst, wohin sie nicht soll, hilft auch kein Defragmentieren der Festplatte, sondern nur noch viel Wasser und ein Schrubber. Alles echt, ist es denn möglich! Das wiegt und riecht und ist scharf und fällt runter und macht Lärm, es ist nicht zu glauben. Und wenn der passende Bit plötzlich unauffindbar ist, dann gibt es keine Suchfunktion, sondern man muß selber schauen, wo man das Ding verräumt hat. Hier gibt es keine Farbcodes oder Pixel, hier gibt es nur echte Abmessungen, die gerne zu groß oder millimeterweise zu eng ausfallen, da hilft dann kein Mausklick, da muß man nachschneiden und nachhobeln und nachschleifen, bis es eben paßt; mit echtem Werkzeug, echten Geräten, die echten Staub und Dreck und Krach produzieren. Die Masken, unter denen man kaum Luft bekommt, so daß man röchelt wie Darth Vader persönlich, die sind auch echt, und sie riechen nicht gut; und die Schwielen und Schrammen und der krumme Rücken am Abend: auch die sind echt. Ebenso wie die Farbspritzer im Haar und der blaugeklopfte Daumen.

Ich sag’s ja nicht gerne, denn Handwerk ist nicht mein Ding, absolut nicht, ich möchte schreiend davonlaufen, wenn ich auch nur die Montageanleitung für einen Wasserhahn begreifen muß, aber trotzdem: Es kann eine Wohltat sein, die Dinge mal in echt zu machen und nicht in virtuell. Ich korrigiere: Es ist eine Wohltat, einmal dazu gezwungen zu werden, die Dinge in echt zu machen. Wäre es anders möglich: Man hinge ja doch wieder vorm Bildschirm und zöge die Tapeten mittels drag & drop an die Wand. Aber hätte ein solches Werk auch nur den Bruchteil der Befriedigung, die man verspürt, wenn man über und über mit Leim bekleistert vor der frischen Wand steht? Und sei’s auch nicht perfekt: So hat man’s doch selbst gemacht. Selbst: Und das ist der Punkt. Mit eigenen Händen. Es hat sich angefühlt, es hatte Gewicht, es hat geklebt, es hat sich widersetzt. Aber man es hingekriegt. Ohne Systemadministrator.

Vor allem aber: So eine Stichsäge belauscht dich nicht; so ein Hammer merkt sich dein Hämmerverhalten nicht; so ein Akkuschrauber meldet deine Über-achtzehn-Flüche nicht an FB oder sonst wen weiter. Und wenn etwas kaputt geht, gibt es immer eine Alternative, eine Improvisation, die vielleicht noch besser ist als der ursprüngliche Plan.
Digital gibt es nur ja oder nein. Digital gibt es keine Improvisation, keine Phantasie. Digital kann man nichts passend machen, was nicht schon passend wäre. Digital ist malen nach Zahlen. Es ist eine Erleichterung und Befreiung zu merken: Man kann die Dinge um einen her mit den Händen formen. Das tut manchmal weh; aber am Ende ist es wundervoll; und man wird es vermissen, wenn man wieder vor dem Rechner sitzt.)

Frühprotokoll: hell

Eine Vollmondnacht, Licht zwischen den Dämmerungen, Schatten, die nach der falschen Seite zeigen, gebückt durchs Fenster geschaut, bis man den Mond erblickte, wieder schlafen gegangen, weder Tag noch Nacht, sich anvertraut dritten Bezirken der Zeit.

Der Tag dann sehr hell, sehr wirr, sehr kalt. Es fehlt die alles ordnende Dunkelheit. Es ist die gleiche Stunde, in der ich mich an den meisten Tagen des Jahres mit einer Stirnlampe bewege. Jetzt ist das Licht wie ein Geräusch, ein geschäftiges Treiben des Tages. Ohne Vögel. Für Hunde zu früh. Postarbeiter die einzigen Menschen, und auch die gleichen eher gelbgestrichenen Maschinen. Es fühlt sich später an, als es ist. Die Kirchenglocken erinnern sich zu ihrer Zeit, da bin ich schon weit draußen im Feld, fern vom Waldsaum, allein im grünen Weizen wie ein einsamer Schwimmer.

Das Licht rechtfertigt mein Unterwegssein. Eine Garagentür geht auf, ein Motor startet, ich laufe am Tagesbeginn fremder Menschen vorbei. Die gleiche Stunde wie im Januar, aber ich laufe nicht mehr gegen die Nacht an. Ich bewege mich auf ausgetretenen Pfaden. Alles hat Reichweiten. Ich bin nicht allein.

Als wäre die Ebene mit den Pferdehöfen aus dem Grund eines Sees aufgetaucht. Als ich zuletzt hier war, lag alles im Dunkel. Wiesen huschten unter der Stirnlampe weg, Zäune wandten sich ab, von Tieren waren immer nur die Augenreflexe zu sehen, grüngelbe Punkte in der tiefenlosen Masse des Dunkels. Jetzt sind den Augen Körper gewachsen, aufgegangen Muskeln und Fell aus der funkelnden Saat. Drei Kamele mit schlaffen Höckern, wie eine Kreuzung aus Schaf, Pferd und ausgedientem Polstermöbel. Das Winterfell hängt in Fetzen von ihren erstaunlich mageren Körpern.

Das Laufen fällt leicht, aber die verzögert auftretende Müdigkeit ist enorm; als hätte ich mir meine Kräfte nur von der Erschöpfung geliehen. Beim Heimkommen ist der Morgen fast schon vorbei. Zwei riesenhafte Enten suchen im Gras neben dem Dorfbach nach Insekten. Schnäbel wie Musikinstrumente aus Ebenholz. Ich sehe sie nicht, aber später werde ich mich an sie erinnern.

Überstehn ist alles

Ich weiß nicht, was für ein Motiv die anderen haben.
Der große Schwarzhaarige, lang wie ein Präriehengst, was verspricht er sich davon? Die Pummelige mit dem Pagenschnitt und dem anziehenden Lachen, warum tut sie das? Die ältere Frau mit dem langen grauen Haar, was erhofft sie sich? Der Hüne mit dem Eierkopf, wo will der so schnell hin?

Es ist Sonntag morgen, und in der Stadt herrscht Partystimmung. Der Fluß glänzt, die Büsche blühen, der Frühling bricht aus allen Poren. Und an diesem Morgen ist der Frühling recht laut. Die Luft zittert von Trommeln und Bässen. Die Festwiese wimmelt von Menschen, Sportschuhe blitzen, Zelte leuchten, Absperrbänder flimmern.
Es ist Marathontag in der Stadt, und in den nächsten Stunden werden ungefähr tausend Läufer die Distanz von 42,195 km hinter sich bringen. Oder es wenigstens versuchen. Und ich weiß nicht, warum sie das tun.
Ich bin einer von ihnen.

Nanga Parbat
Menschen schnallen sich Bretter unter die Stiefel und gleiten darauf in einem Affenzahn Schneehänge hinunter; Menschen schnallen sich Rollen unter die Stiefel und gleiten damit im Sauseschritt über Asphalt. Oder sie schlagen mit drahtbespannten Holzrahmen Bälle über ein Netz, oder sie jagen auf einem Stück Rasen einem einzigen Ball hinterher. Man sagt, das macht Spaß. Was aber treibt Menschen, 42 km laufend zu überwinden, je nach Form drei, vier, gar fünf Stunden am Stück zu laufen? Weil die 42 km da sind? Befragt man berühmte Selbstquäler, etwa Extrembergsteiger, warum sie tun, was sie tun, bekommt man meist keine bessere als diese an ein Zen-Koan erinnernde Antwort. Aber gut, das sind Extrembergsteiger, das sind erstens Spinner, zweitens sind sie’s aus Profession. Wenn sie die Nanga-Parbat-Nordwand oder eine Staublawine am Dhaulagiri überlebt haben, schreiben sie tolle Bücher und werden reich und berühmt. Aber von den Tausend, die hier an diesem herrlichen Frühlingsmorgen, den man so viel schöner nutzen könnte in Feld oder Flur oder Garten, tun es die allermeisten nicht aus Profession, und so viele Spinner, das glaube ich nicht. Bücher schreiben die sicher auch nicht, wer sollte das alles lesen? Die Dame im roten Trikot in der Startaufstellung neben mir, die sieht aus wie eine Fachverkäuferin für Damenoberbekleidung. Und den etwas korpulenten Herrn neben ihr treffe ich vielleicht morgen schon wieder – an einem Bahnschalter der DB. Es sind wirklich ganz gewöhnliche Menschen, die sich hier zusammengefunden haben und nun, leicht bekleidet und im Schatten etwas fröstelnd, auf den Startschuß warten. Oder es wären ganz normale Menschen, wäre da nicht die allen gemeinsame Verrücktheit, 42 km laufen zu wollen. Heute. Jetzt.
Ich ahne die Gründe, aus denen es die meisten der hier Wartenden tun. Natürlich könnte auch ich es aus denselben Gründen tun. Vielleicht tue ich es sogar aus denselben Gründen.
Aber das ist zu wenig.

Festgeläute
Allmählich wird es eng in der Startaufstellung. Einige dehnen noch ihre Beinmuskulatur, andere hüpfen ein wenig auf der Stelle, manche zucken im Rhythmus der Musik. Die hat in den letzten paar Minuten an Lautstärke zugenommen, die Bässe bilden Schwingungsknoten im Magen. Rhythmus peitscht an, drängt nach vorne, mobilisiert Kräfte. Ich denke daran, wie die Alten ihre Schlachten geschlagen haben. Wie bringt man ansonsten ganz vernünftige, friedliche Männer dazu, mit dem Schwert aufeinander loszugehen? Man treibt sie mit anstachelnden Rhythmen an. Es ist schwer, sich zu entziehen, auch ich bekomme Gänsehaut, Schauer von Erregung laufen durch den gespannten Körper. Man will nur noch los, laufen und laufen und laufen. Sich anpeitschen lassen. Getragen werden von Anfeuerrufen, Getrommel und Gejohle.
Aber wofür? Wofür über den Moment hinaus, da wildfremde Menschen mich bei meinem Namen nennen, „Du schaffst es, Solminore! Weiter so!“, wenn sie mich wie einen Freund oder Verwandten anfeuern? Man könnte es einfach dabei belassen und sagen, ich tue es für eben diese Momente. Momente wie diese: Einmal begannen bei einem Großstadtlauf die Glocken zu läuten. Es war Frühling, die Sonne schien, die Strecke führte über einen breiten, festlichen Platz. Erste Zeichen von Erschöpfung waren schon spürbar geworden, es mag ungefähr auf der Hälfte der Strecke gewesen sein. Und da plötzlich erklang vom Kirchturm Festgeläute, rollten die Glockenschläge in machtvollen Quinten und Quarten über den Platz, und es war, als gälten sie uns, die wir hier so mühsam liefen. Als meinten nicht nur die Glocken uns, mich, sondern als meinten uns auch das Licht, der Himmel, die harten Schatten. Alles ging mich an, ich war die Mitte von allem. Selten bin ich so sehr am richtigen Ort gewesen wie auf den paar hundert Metern über diesen Platz, durch die wie Meereswogen heranbrandenden Glockenklänge. Es war überirdisch. Ich war in einer Menge Menschen, wie in einem Traum mit allen und allem verbunden. Und gleichzeitig war ich völlig allein, so köstlich, so jubelnd alleine wie nie. Alle Eindrücke, die in diesem einsamen Selbst zusammentrafen, die Härte der Straße, der Schweiß, die ziependen Muskeln, die Rufe der Zuschauer, das schwere Rollen der Glocken, waren extrem scharf und klar. Als könnte man in die Mechanismen hinter der Bühne der Zeit blicken. Ich werde das niemals vergessen.

Und dann geht es endlich los. In Blöcken, gestaffelt nach Bestzeiten, damit schnellere Läufer sich nicht erst durch die Menge an Plebejern durchwursteln müssen. Zwei Gruppen starten vor mir, dann sind endlich auch wir dran. Die Startmatte fiept, wir laufen. Wir laufen tatsächlich, und rings um mich tönt das Getrappel von hunderten von Laufschuhen. Es ist wirklich ein grandios schöner Frühlingstag. Der Fluß glitzert, die fernen Hügel sind dunstverschleiert, die Schindeln auf den Kirchtürmen glitzern im Morgenlicht. Träge schiebt sich der Rhein an den Molen vorbei, strebt auf das neue Hochhaus am Südrand der Stadt zu, zwängt sich endlich zwischen die Hügel und verschwindet in einer verschleierten, leuchtenden Krümmung. Meine Stadt ist das, meine selbstgewählte Heimat. Gerührt sehe ich einem der Schiffe nach, die langsam gegen die Strömung stampfen. Indessen werden voraus, bei Kilometer 1 („Noch 41 km!“) die ersten Trommeln durch das Getrappel hörbar.
Trommeln, Trommeln. So kunstvoll, als könnten sie der Zeit selbst einen neuen Takt eingeben. Nach außen verlagerter Herzschlag. Der Sinn des Zeitstrahls selbst. Später, bei Kilometer 26 oder 27, werden mich diese Rhythmen für ein zwei Kilometer zurück in die Mühelosigkeit befördern. Tue ich es hierfür? Für ein paar Sekunden der Ekstase? Ist es das, was leidenschaftliche Tänzer fühlen, wenn sie ihren Körper der Musik überantworten und sich selbst dabei verlieren? Im Moment verliere ich mich nicht, im Moment bin ich noch voller Startadrenalin, habe meinen eigenen Rhythmus noch nicht gefunden. Ich beschließe, Gas zu geben, solange ich eben Gas geben kann, und zu schauen, wie weit mich das trägt.

Nur der Mensch ist stolz
Nirgends sonst wird das Dilemma des Menschen so eklatant deutlich wie am Nützlichen. Über den Ärmelkanal schwimmen, den Everest besteigen, zu Fuß den Antarktischen Kontinent / die Wüste Gobi / Australien durchqueren, mit einer Jolle über den Atlantik fahren. Oder eben: 42 km laufen. Oder, wenn das nicht genug ist, 63. Oder 84. Oder 100. Das Wort „genug“ ist hier wichtig. Wäre irgend etwas je genug, davon bin ich überzeugt, dann wären wir jetzt nicht hier, vor uns drei bis vier Stunden Quälerei. Aber der Mensch ist ein Wachstumswesen, das ist seine hervorstechende Eigenschaft: Daß es ihm eben nicht genug ist, nichts, nie. Nur der Mensch ist stolz. Nur der Mensch hat eine Lebensgeschichte, eine Biographie. Nur der Mensch sammelt Siege und Erfolge. Das ist manchmal sein Fluch. Wer spricht von Siegen? Überstehn ist alles dichtete Rilke, und er meinte es aufs Insgesamt des Lebens bezogen. Das ist natürlich miesepetriger Unsinn. Krankheiten übersteht man, Hungersnöte, mündliche Prüfungen, Zahnbehandlungen. Das Leben überstehen wir sowieso nicht. Wir halten es höchstens eine Weile aus, der eine länger, der andere kürzer. Und bis dahin geht es sehr wohl um den Sieg, oder besser, ums Siegen. Oder wenigstens um den ehrenvollen Versuch. Und ums Spiel, wo der Ernstfall nicht verfügbar ist oder aus dem Leben ausgemerzt wurde, aber die Abstraktion des Spiels, sein Imitationscharakter, sein Als-ob bedeutet eben auch, daß es, vom Ernstfall her kommend, sinnlos erscheinen muß. Was wir hier tun, ist ein Spiel. Es ist die Simulation eines wie auch immer gelagerten Ernstfalles. Der fehlende Ernstfall will aber möglichst lebensecht gespielt werden. Lebensecht ohne Schmerz oder Angst oder beides, das ist nicht zu haben. Aller Sport ist im Grunde Simulation eines Ernstfalls. Seine Probe, könnte man sagen, oder sein Ersatz. Imitat einer echten Jagd, einer Schlacht, eines Kampfes. Ein Bild, in dem wir uns als Helden in Positur werfen können, ohne gleich alles riskieren zu müssen.

Ich finde mein Tempo, 5:05 bis 5:11, ich bemühe mich, nicht langsamer zu werden. Im Training laufe ich nie schneller als 5:30, aber hier ist alles anders, hier gilt’s. Kein schau’n wir mal, sondern jetzt. Die Streckenführung ist allerdings ziemlich dämlich. Offensichtlich wird es immer schwieriger, eine Innenstadt abzusperren, immer mehr Stadtläufe beschränken sich auf einen 21-km-Rundkurs, der zweimal zu absolvieren ist. Nicht allein das, die Strecke führt erst einmal durch eine Vorortsiedlung aus lauter Einfamilienhäusern hinaus, zu einem Wendepunkt und wieder zurück zur Brücke. Interessant wird es erst ab Kilometer 8, dann führt die Strecke bis zum Posthochhaus und ehemaligen Regierungsviertel am Fluß entlang. Und das ist heute, mit der jungen Sonne im Gesicht, besonders schön.

Spaß
Man könnte sich natürlich darauf zurückziehen, daß Laufen Spaß macht, und Spaß keine Begründung braucht. Es geht aber nicht darum, ob das hier Spaß macht. Spaß ist relativ. Nachlassender Schmerz macht Spaß, Schmerzlosigkeit ist eher gleichgültig. Befriedigung von Bedürfnissen macht mehr Spaß, wenn das Bedürfnis durch Entbehrung gesteigert wird. Kontraste machen Spaß. Leistung macht Spaß. Stolz macht Spaß. Erinnerungen machen Spaß. Wenn ich als Kind etwas sehr wollte, zum Beispiel ein ausgefallenes Faschingskostüm, sagte meine Mutter, wenn man dich zwingen würde, etwas so Unbequemes zu tragen, würdest du dich weigern. Das eigene Bett ist wunderbar bequem, trotzdem zieht es manche Menschen von Zeit zu Zeit in ein unbequemes Zelt. Irgendein Gewinn muß in jedem Fall dabei sein, sonst würde man es nicht tun. Alles, was wir freiwillig tun, hat einen Zweck, sonst käme uns unser Tun völlig zufällig vor, es hätte keine Absichten, es geschähe uns nur. Niemand quält sich freiwillig nur um des Quälens Willen. Auch Masochisten nicht. Der Masochist würde sich nicht quälen lassen, wenn er davon außer Schmerz keinen Gewinn hätte. Der Gewinn liegt hinter der Quälerei, die Quälerei ist nur Zweck. Sprechen wir also nicht von Spaß. Oder vielleicht gerade doch?

Optidingsbums
Von Spaß ist ja außerhalb der Werbung eher selten die Rede, von Genuß ganz zu schweigen. Allenthalben wird ja nur noch nach Nützlichkeit gefragt, nach Performance und Effizienz, wird evaluiert und optimiert und jeder Lebensbereich Zwecken untergeordnet, die seltsam außerhalb liegen. Lesen fördert alle möglichen als wünschenswert erachteten Fähigkeiten beim Schulkind, nur ob es Spaß macht oder ob die Lektüre dem Leser bereichernd vorkommt, danach fragt keiner. Ein Musikinstrument zu erlernen ist sinnvoll, nicht, weil Musik eine Bereicherung ist und Freude schenkt, sondern weil Musizieren die Konzentrations- und Koordinationsfähigkeit sowie die Teamfähigkeit fördert. Aus ähnlichen Gründen, heißt es, sei es wichtig für Kinder, Fußball zu spielen. Es ist naheliegend, auch für das Laufen eine Liste positiver Effekte aufzuzählen, vornehmlich gesundheitlicher Art, und Gesundheit ist bekanntlich das allerallerwichtigste, der Körper immer optimierungsbedürftig, ja eigentlich optimierungspflichtig. Sie glauben doch nicht etwa, daß Ihnen Ihr Körper gehört? Sie haben ihn sich nur von den Versicherungen und ihrem Arbeitgeber geliehen, merken Sie sich das. Also, eine Liste. Von Gelenken, die weniger anfällig für Arthritis werden, über Stoffwechsel und Gewicht, Immunsystem und Blutdruck bis zu den notorisch angeführten Herz- und Gefäßerkrankungen, die es mittels sportlicher Aktivität zu vermeiden gelte. Alles schön und gut, aber wenn die Vermeidung von Herzerkrankungen schon kein Grund ist, das Rauchen bleiben zu lassen. wieso sollte es dann ein Grund sein, mit dem Laufen anzufangen?

Es ist auch klar, daß sich in einer Gesellschaft, die einerseits jede menschliche Betätigung der Nützlichkeitsprüfung unterwirft, wo man selbst im Bett nicht in Ruhe gelassen wird, indem der medizinische Nutzen von Sex oder Masturbation herausgearbeitet werden, andererseits aber die Antwort nach dem letzten Grund all der Nützlichkeit, nämlich so etwas wie einem Sinn, schuldig bleibt, daß sich in einer solchen Gesellschaft gegens Nützliche ein Widerstand regt, der sich in leidenschaftlicher Hingabe an vermeintlich Sinnloses, an Schabernack, an Spiel, an Kunst, an absurdes Theater ausdrücken kann – oder eben in Betätigungen wie Bergsteigen, Marathonlaufen, Bungeespringen auslebt. Karneval ist auch so etwas. Subversives Ausbrechen aus der Nützlichkeit und Zweckgebundenheit. Und ist es ein Zufall, daß die Dada-Bewegung ausgerechnet dann aufkam, als die europäischen Gesellschaften dazu aufbrachen, sich endgültig und allumfassend durchzumilitarisieren und -industrialisieren? Das Sinnlose ist ein wichtiges Gegengewicht zum Totalitären der Nützlichkeit und neigt dazu, sich überall dort Bahn zu brechen, wo das Nützliche sich anschickt, zum Selbstzweck zu werden. Wie heute überall in den westlichen Gesellschaften, wo es sich durchaus als Unterdrückungs- und Gefügigmachungsinstrument eignet.

Aber dafür laufe ich nicht. Nicht aus Protest, nicht um mich der Nützlichkeit zu entziehen. Schon allein deswegen, weil das sinnlose Laufen dann einen politischen Zweck hätte, also wieder nützlich wäre. (Die Frage ist, wozu. Die Frage ist auch, ob es echt Sinnloses überhaupt gibt.) Ich laufe nicht, weil Laufen subversiv wäre, ich laufe aber auch nicht, weil Laufen nützlich wäre. Ich laufe nicht, weil Laufen gut wäre. Ich laufe, weil Laufen weniger schlimmer ist, als es nicht zu tun. Was aber genau vermeide ich, wenn ich laufe? Ich weiß es nicht.

„Ach was, ein Spaziergang“
Vom Ufer weg, am Regierungsviertel mit den Hochhäusern vorbei, weiter auf einer abgeriegelten Ausfallstraße. Guter Belag, schnelle Piste, aber malerisch ist anders: Ein breites Asphaltband liegt zwischen Grünstreifen. Autobahnzubringer queren mit dröhnendem Schattenwurf. Dahinter verwalten Ampelanlagen blinkend die leeren Kreuzungen. Zuschauer sind hier draußen aus naheliegenden Gründen nur spärlich vertreten. Dafür kommen die ersten schon wieder zurück. Noch ein Wendepunkt, aber bis dahin zieht es sich. Der Rhein ist nicht mehr zu sehen, eine Autobahn dröhnt, in den Rabatten lagern träge Frühlingsanbeter. Wie recht sie haben! Kilometer 15. Da fangen die ersten an zu stöhnen, zu spucken und zu schnaufen. Erfahrungsgemäß ziehen sich die Kilometer zwischen km 15 und der Hälfte am meisten, und heute ist keine Ausnahme. Museumsmeile, Bundesstraße 9, in der Tiefe der Straße ist das Schloß und der Startbereich zu sehen. Da noch hin, und dann den ganzen Bogen noch einmal.

Aber so darf man nicht denken. Man muß denken: „Es sind ja nun nur noch gute zwanzig Kilometer, das läufst du doch unter der Woche vorm Frühstück zum Wachwerden. Und eigentlich sind es ja nur noch neunzehn komma. Eigentlich nur noch achtzehn. Das ist ja nur unwesentlich mehr als fünfzehn. Also ein längerer Spaziergang.“ Tatsächlich sind das noch anderthalb Stunden, wenn das Tempo weiter so runtergeht, aber solche Gedanken muß man sich verbieten. Schlechte Gedanken machen langsam, rauben Kraft, ermüden, verstärken den Schmerz, dehnen die Zeit. Für die zweite Hälfte ist meine Strategie: Gedichte rezitieren. Die Kraniche des Ibykos, die ich mal in der Schule auswendig lernen mußte, dreiundzwanzig Strophen zu je acht Versen, ich kann sie noch immer. Fast. Denn plötzlich fällt mir auf, da fehlen vier Verse. Ich sage mir den Rest der Ballade auf, fange noch einmal von vorne an, Zum Kampf der Wagen und Gesänge / der auf Korinthus’ Landesenge … , aber nach des Sängers Schläfe zu umwinden / umstrahlt von seines Ruhmes Glanz fallen mir die ersten vier Paarreimverse der nächsten Strophe nicht mehr ein. Doch über solchen Grübeleien sind zum Glück die nächsten drei Kilometer vorbeigeflogen, ohne daß ich es gemerkt hätte. Also nur noch zwölf Kilometer? Leider nicht, fünfzehn, jetzt erst, die hatte ich mir vorhin ja nur schöngerechnet, als es tatsächlich noch achtzehn waren. Solche leidvollen Erkenntnisse machen den Läufer gleich mal zehn Sekunden pro Kilometer langsamer.

Noch einmal trinken. Ich schnappe mir einen Pappbecher mit Wasser, einen zweiten mit Cola, trinke abwechselnd aus beiden, schütte zuletzt einen Rest Wasser in einen Rest Cola. Runter damit, ich hab Durst. Verdammt, hab ich einen Durst. Gehpause, aber selbst im Gehschritt gelangt ein Viertel der Flüssigkeit nicht in den Mund, sondern auf Säuglingsart großzügig auf den gesamten Oberkörper. Egal. Zuviel Flüssigkeit im Bauch verursacht, vor allem, da gerade kein Blut für Verdauungstätigkeit zur Verfügung steht, Bauchschmerzen und Übelkeit. Mancher Lauf ist nach dreißig Kilometer zu Ende, wenn der Läufer vornübergebeugt am Streckenrand steht und eine Cola-Wasser-Maltodextrin-Mischung in den Straßengraben spuckt.

Immer wieder hört man, die Strecke sei eigentlich zu lang. Dreißig, fünfunddreißig Kilometer sind die natürliche Grenze, so weit kommt ein normalgewichtiger Mensch bei gemäßigtem Tempo mit den körpereigenen Glykogenreserven in Leber und Muskulatur. Glykogen ist ein Speicherstoff für die schnelle Energiebereitstellung in Form von Glucose. Muskelzellen können mit Glucose als Energieträger arbeiten, oder mit Fett. Glucose braucht aber weniger Sauerstoff, die Energiebereitstellung ist schneller. Dafür sind die Reserven begrenzt, und die Energiedichte ist geringer. Fett steht für praktische Belange unbegrenzt zur Verfügung und hat eine enorme Energiedichte. Aber die Bereitstellung ist mühsam und der Sauerstoffbedarf hoch, was sich im Laufe anhaltender Belastung dadurch bemerkbar macht, daß die Leistung rapide abnimmt, wenn der Körper von einer Mischverbrennung aus Glucose und Fett zur reinen Fettverbrennung übergehen muß. Man nennt diesen Punkt im Lauf den „Mann mit dem Hammer“ oder auf Englisch auch „the wall“. Will man dieses Phänomen vermeiden, muß man während des Laufs Kohlenhydrate zu sich nehmen, eine Mischung aus kurz- bis mittellangkettigen Polysachariden, die einerseits den Blutzuckerspiegel nicht allzu stark emporschnellen lassen (was durch den anschließenden rapiden Abfall katastrophal wäre), deren Energie andererseits aber nicht erst am Abend nach dem Lauf zur Verfügung steht. „Nahrung zu sich nehmen“ klingt leichter als es getan ist. Ein Lauf von 42 Kilometern in vier Stunden verbraucht bei einem Körpergewicht von 75 kg etwa 4000 Kalorien. Ein Stück Würfelzucker hat 12. Haben Sie schon mal hundert Gramm reinen Zucker zu sich genommen? Dann hätten Sie ein Zehntel des Bedarfs eines Marathonlaufs gedeckt. Zum Glück ist das Problem dadurch abgemildert, daß bei leichter bis mittelschwerer Belastung die Muskulatur Fett und Zucker in gleichen Teilen verbrennt. Trotzdem ist es unmöglich, mehr als nur einen kleinen Teil der verbrauchten Kohlenhydrate während des Laufs aufzustocken. Denn man setzt sich ja nicht gemütlich hin, um einen Teller Pasta zu verspeisen. Man läuft. Man ißt und läuft dabei. Der Oberkörper wackelt. Der Sauerstoffbedarf ist höher als am Mittagstisch. Man muß Atmen und Schlucken irgendwie koordinieren. Kurz, Essen während des Laufs ist unbequem, anstrengend und nervtötend. Vom Geschmack eines Energiegels zu schweigen. Weshalb ich es normalerweise lasse. Bei meinem Körpergewicht reichen meine Glykogenreserven für die volle Strecke – knapp.

„Und wozu soll das gut sein?“
Indessen fühlt es sich aber nicht danach an. Ich werde langsamer, die Zeit überholt mich. Unter zehn Kilometer noch, normalerweise befällt mich an diesem Punkt ein vorauseilendes Hochgefühl. Heute nicht. Heute muß ich mich von dem Traum verabschieden, unter 3:40 zu bleiben. Ich versuche zu berechnen, wie schnell ich den Rest laufen müßte, um es noch zu schaffen, aber mein Gehirn ist zu umnebelt, ich kann mich auf einfachste Aufgaben nicht mehr konzentrieren. Ich kann nur noch eins: weiterlaufen. Und auch das nicht mehr besonders flink. Ich weiß aber auch so: 3:39:59 ist nicht zu schaffen.

Es fällt schwer, etwas so Zeitraubendes, Anstrengendes, Schmerzhaftes vor anderen zu rechtfertigen, wenn man damit nicht einmal Erfolg hat. Und Erfolg, daß heißt natürlich: Sieg. Am besten, man verdient sein Geld damit, dann braucht man gar nichts weiter zu begründen. Geld ist die Begründung für alles, die beste Erklärung für vieles, und für manches die einzige, die verstanden wird. Außer der Gesundheit natürlich. Ich muß ja laufen, ich lebe davon. Ich muß laufen, der Arzt hat es angeordnet. Ach so, ja dann! Dafür müßte man dann nicht einmal Erfolg haben. Ja, man dürfte sogar jammern und würde noch bemitleidet. Also wieder eine dieser Tätigkeiten, vom Klavierspielen übers Schreiben bis zum Malkurs an der Volkshochschule: Ich tu’s ja nur für mich, einfach so, ohne Anspruch. Ich finde das, ehrlich gesagt, lächerlich. Warum sollte ich etwas ohne Anspruch tun? Warum sollte ich beim Mittelmäßigen stehenbleiben?

Und so blicke ich auf von mir so genannte Spaß- oder Freizeitläufer verächtlich herab. Auf Schönwetterläufer, auf Einfach-nur-so-Sportler. Auf stöckeschwingende Spaziergänger, die eine ganz normale Hunderunde zum Walking veredeln. Bluthochdruck kriege ich auch angesichts von Schönwetterschwimmern, die bei Sonnenschein in eitlem Zeitvertreib vor sich hin dümpelnd das Becken bevölkern, während ich, verdammt, Sport machen will. Freie Bahn gefälligst, für Leute, die es ernst meinen. Und da sind wir schon wieder beim Ernst.
Ich spiele nicht. Nie. Was immer ich anfange, tue ich in vollem Ernst. Das ist, wenn Erfolge ausbleiben, schwierig zu vermitteln. Man gerät in Rechtfertigungszwänge, wenn man der Freundin absagt, weil man lieber laufen will. Oder wenn mehrere Stunden des gemeinsamen Wochenendes mit Laufen belegt sind. Wie vermittelt man den erfolglosen Ernst, mit dem man sich dem Laufen widmet? Wie erklärt man ihn Menschen, für die diese Tätigkeit allenfalls unter der Aussicht echten Erfolges, unter der Aussicht des Sieges also, Sinn hätte?
Genauso ist es mit dem Schreiben. Ich schreibe nicht „nur für mich“ oder „einfach nur so“, das Schreiben ist mir bitterer Ernst, Lebensernst. Auch ohne Erfolg ist es mir ernst. Ich ziehe mich nicht, wie die Volkshochschulbesucher, darauf zurück, gar keinen Erfolg anzustreben, im Gegenteil. Keinen Erfolg haben zu wollen, würde bedeuten, es nicht ernst zu meinen. Von außen betrachtet, aus der Sicht derer, die seit Jahren darauf warten, daß da mal was herauskommt bei meiner Schreiberei, ist dieser Ernst völlig unangebracht, die Mühe verschwendet. Ich verrenne mich. Ich jage einem Phantom hinterher. Es gehört nicht mehr zu den allgemein gebilligten Lebenshaltungen, sich für etwas Unerreichbares aufzureiben. Man sucht sich nicht etwas, womit man Erfolg haben will, sondern das, womit man wahrscheinlich Erfolg haben wird. Ein gelingendes Leben bemißt sich heute nur am meßbaren Erfolg. An Studienabschlüssen, an sogenannten Jobs, an Publikationen. Am Einkommen, natürlich, an der Quadratmeterzahl der Doppelhaushälfte. Ich finde das lächerlich, aber für die meisten dürfte ich der Fuchs sein, dem die Trauben zu sauer sind. Mein Lebenserfolg bemißt sich ausschließlich an dem Ernst, mit dem ich dranbleibe. Am Schreiben, am Laufen. Man darf, nein, man muß fragen, warum gerade diese? Erfolglos könntest du mit so vielem anderen auch sein. Warum spielst du nicht Schach? Oder studierst im hunderddrölfzigsten Semester Mathematik, ohne jede Aussicht, jemals den Abschluß zu schaffen? Du könntest auch ein erfolgloser Eiskunstläufer sein, scheitere doch dort mal, das ist mal was anderes.

Ernst also. Alles mit Ernst. Ernst wird es jetzt auch auf der Piste, und zwar ziemlich. Alles hüftabwärts tut weh und schreit nach Ruhe. Muskeln, die sonst nie bis zur Ermüdung beansprucht werden, zeigen mir ihre Existenz an, und sie tun es wehleidig: Bauch- und Rückenmuskulatur, die zwar nicht selber rennen, aber immerhin knapp vier Stunden Halte- und Koordinierungsarbeit leisten müssen. Einzelheiten vom Wegesrand blitzen im Tunnelblick auf. Jugendliche grillen an der Straßenböschung. Absperrkegel, dahinter der Verkehr. Ein merkwürdiger Bau, über den ich mal mit einer Freundin auf einem Spaziergang gestaunt habe. Das war hier, an dieser Kreuzung, vor zwei Monaten, und in diesem Augenblick scheint es ein anderes Zeitalter zu sein. Ich kann nicht mehr denken, ich schaffe es nicht mehr, mich auf Gedichte zu konzentrieren, ich laufe, als ob ich darüber staunen müßte, daß ich es noch kann. Noch einmal trinken, klapper, klapper, klapper fallen die ausgetrunkenen Plastikbecher über den Asphalt.

Ein Anspruch also. Wem will man damit genügen, daß man sich hier quält? An welcher Meßlatte mißt man hier? Jeder halbwegs gesunde Mensch kann 42 km ohne Zeitvorgabe laufen. Die Kunst besteht darin, es in einer gegebenen Zeit zu schaffen. Nach dieser Meßlatte gehöre ich zum besseren Durchschnitt, mehr nicht. Gute Läufer schaffen die Strecke in drei Stunden, sehr gute auch in weniger, in diesem Bereich geht es in den Profisport, der Weltrekord liegt bei knapp über zwei Stunden. Das schaffen viele Menschen nicht einmal mit dem Fahrrad. Ich mit meinen läppischen 3:42 hingegen habe keinerlei Grund, auf irgendeine besondere Leistung zu pochen. Nur unter meinesgleichen darf ich auf Verständnis hoffen, also in Gesellschaft all der Freizeitläufer, die die Distanz in vier, viereinhalb oder gar in fünf Stunden schaffen, und es trotzdem immer wieder tun. Sie wissen, genau wie ich, daß sie niemals erster sein werden (außer vielleicht dereinst mal beim Rollatorlauf, veranstaltet vom Personal der Villa Regenbogen), und trotzdem tun sie es. Warum?

Grenzen
Es könnte mit der Erfahrung von Grenzen zusammenhängen. Wann erleben wir in der heutigen Zeit je die Grenzen der körperlichen Leistungsfähigkeit? Elementarer noch als das Messen an der Leistung anderer scheint mir das Ausloten dessen zu sein, was der eigene Körper kann. Es versteht sich, daß diese Lotung mit Schmerz verbunden ist. Grenzen sind Gefahr, ihre Überschreitung hätte Schäden zur Folge. Daher warnt der Organismus rechtzeitig: Durch Schmerz und Erschöpfung legt er uns eine Pause nahe. Das Schwierige ist nun, diese Signale zu ignorieren, weiterzulaufen, obwohl jede Körperzelle danach schreit, endlich stehenzubleiben. Grenzen sind eine Frage des Willens, und, ist der Wille stark genug, eine Frage des Schadens, den man bereit ist, zu riskieren. Wer nie auch nur in die Nähe seiner Grenzen gelangt, könnte man sagen, kennt sich nicht selbst. Ein Gang an die Grenzen ist ein Akt der Selbsterkenntnis und damit auch der Selbstbehauptung, der Selbstvergewisserung, der Selbständigkeit, eine Steigerung des Bewußtseins des eigenen Körpers, und, über dessen Grenzen, der eigenen Kraft, aber auch des eigenen Willens. Wieviel ist mein Wille wert angesichts von Schmerz und Erschöpfung? Die eigenen Grenzen auszuforschen ist eine Erkundung von Räumen, die die meisten Menschen ja nie betreten. Man kann sich natürlich fragen: Warum sollten sie auch?

Vielleicht darum: Zum Erkunden von Grenzen gehört auch der Reiz, sie auszudehnen. Erfolg muß nicht immer heißen, Sieger zu sein. Erfolg kann sein, sich aus einem japsenden Fleischkloß, der nach fünf Kilometern aufgeben muß, innerhalb von zwei Monaten in ein gestähltes Bündel aus Nerven, Knochen, Muskeln zu verwandeln, das nach zwanzig Kilometern immer noch weiterlaufen kann. Manchmal höre ich mir geduldig die Klagen von Leuten an, die sich für unsportlich halten. Wie gern, höre ich dann, würde man auch fit sein! Aber nach zwanzig Minuten Laufen habe man keinen Atem mehr. Zwanzig Minuten! Erstlich gehört schnellere Atmung zum Laufen dazu, ebenso wie das Schwitzen. Man nennt das Sport, und wer nicht gern schwitzt, sollte Angeln gehen oder Schach spielen. Außerdem steigt die Atemfrequenz nicht, wenn die Belastung einförmig bleibt. Es geht ja nicht darum, zwanzig Minuten zu sprinten. Aber davon ganz abgesehen, zweitens: Nach zwanzig Minuten ist man ja überhaupt erst warm. Der eigentliche Lauf beginnt erst nach ungefähr einer halben Stunde. Würden diese Leute einfach weiterlaufen, würden sie merken, wie es immer leichter geht. Aber diesen Punkt erreichen die meisten 20-min-Läufer niemals, weil sie weit vorher aufgeben, bevor es interessant wird, vor allem die, die nur auf ärztliche Verordnung laufen, oder weil Januar ist und die Zeitschriften voller Abnehmtips sind. Oh, keine Frage, man kann prima abnehmen, indem man läuft. Es aber nur aus diesem Grund zu tun, obwohl man ansonsten keine Freude daran hat, na ja, das ist ein bißchen so, wie Sex zu haben, um das Risiko für Herzerkrankungen zu senken, das stelle ich mir auch etwas freudlos vor. Ich selbst gehe ja auch nicht Gewichte stemmen. Oder fahre Rad. Oder mache Yoga. Auch nicht, wenn es mir ein Arzt verordnen würde. Selbst nicht, wenn eine Zeitschrift behauptete, damit könne man Haarausfall heilen. Nicht, weil ich nicht daran glauben würde – sondern weil es mir nicht den geringsten Spaß machen würde. Also doch wieder Spaß? Aber verdammt, macht das hier Spaß? Das kann doch nicht sein!

Quintus Horatius Flaccus
Und dann: Sollte man nicht jederzeit an sich arbeiten? Künstlerisch, moralisch, spirituell, somatisch? Sollten wir uns nicht jederzeit bemühen, bessere, tüchtigere, nützlichere und über die Nützlichkeit und Tüchtigkeit glücklichere Menschen zu werden? Ist Gebrauchtwerden nicht eine Form von Glück und wird der Brauchbare Mensch nicht dringlicher gebraucht als der unbrauchbare? Ist es nicht eine Form von Glück, etwas zu können? Und sei es auch etwas so Sinnloses wie die Marathonstrecke zu laufen! Und ist schließlich dieses Bemühen nicht von dem, was wir allenfalls erreichen können, ganz unabhängig zu bewerten? Auch wenn wir keine Mutter Teresa und kein Albert Schweitzer sind – sollten wir dann nicht trotzdem ständig daran arbeiten, na ja, gute Menschen zu sein? Oder tüchtige Menschen? Sollten wir uns nicht bilden und unseren Verstand schärfen, auch wenn wir nicht darauf hoffen dürfen, ein zweiter Albert Einstein oder Sherlock Holmes zu werden? Sollten wir nicht so stark, so schlau, so gut werden, wie es unsere Anlagen hergeben: das Beste von uns fordern, alles, was wir geben können? Auch wenn wir keine perfekten Pädagogen sind, werden wir unsere Kinder so gut erziehen, wie wir nur können. Soll ich also nicht laufen, so gut ich kann, auch wenn ich nie ein zweiter Haile Gebrselassie werde? Schreiben, so gut ich kann, auch wenn die Leistung eines Mann oder Faulkner nicht in mir ist? „Auch wenn du nie die Sehschärfe eines Lynceus erreichen kannst“, schreibt der römische Dichter Horaz, „so wirst du doch dein Auge salben, wenn du eine Bindehautentzündung hast“. Horaz war einer der ersten Selbstoptimierer, könnte man sagen. Um es mit einem anderen Dichter auszudrücken: „Ever tried. Ever failed. No matter. Try Again. Fail again. Fail better.“

Aber die Forderung, besser zu scheitern, gehört zu einer Geisteshaltung, die zu Recht von dem etwas genervten Spruch: Alles wird besser, nichts wird gut kritisiert wird. Oder auch: Das Bessere ist der Feind des Guten. Wer aber Verbesserung fordert, sollte gleich dazusagen, mit welchem Ziel er das tut, andernfalls man bis zum Sankt Nimmerleynstag verbessern, neudeutsch: optimieren kann und auch muß, eine unendliche Forderung, eine unendliche Anstrengung, quasimoralisch, quasireligiös. Du bist schlecht und sündig, du mußt ständig gegen dich selbst und deine verdorbene Natur kämpfen, unablässig an dir arbeiten, aber glaube ja nicht, daß du es je schaffen wirst! Schaffen, was soll denn das heißen? Daß du ein guter Mensch wirst, endlich? Vergiß es! Schon die Freude über einen winzigen Teilerfolg gegen die Sünde ist bereits eine neue. – Das ist Totalitarismus. Der Erfolg liegt in einer unbestimmten Zukunft. Unsere Ur-Enkel werden den Erfolg der absurden Fünf-Jahres-Pläne ernten. Im Jenseits wirst du die ewige Glückseligkeit erlangen, wenn du nur genug bereust, daß du gegen die Sünde nicht angekommen bist. Denn natürlich hast du dich nicht genug angestrengt, niemals. (Und bis dahin, bis zum transzendenten Erfolg, schufte gefälligst für uns, das System.)
Der Sieg, mein unerreichbarer Sieg gegen tausend weitere Läufer, ist er die Sündenfreiheit, die ich niemals erlangen werde. Ist die Ziellinie eine Art von Absolution?

Zen
Ich stemme keine Gewichte, ich spiele kein Klavier. Ich könnte so vieles, vielleicht, aber ich behalte mir einstweilen vor, zu tun, was mir Spaß macht. Also doch Spaß? Macht das Spaß, gegen die Zeit anlaufen und wissen, man wird verlieren? Oder gibt es doch so etwas wie selbstbelohnendes Tun, auch ohne Spaß? In Axel Brauns Buch Buntschatten und Fledermäuse gibt es eine schöne Episode, wo es um die von außen betrachtet erbärmlichen Fortschritte des (an Autismus erkrankten) Erzählers im Flötenspiel geht. Als endlich auffliegt, daß der Schüler in zwei Jahren Unterricht praktisch nichts gelernt hat, wollen ihn die Eltern aus dem Unterricht nehmen. Für den kleinen Axel eine Katastrophe. Seine Eltern, schreibt er, hätten nicht verstanden, worum es bei dem Flötenunterricht eigentlich gegangen sei. Nämlich um die gleichbleibende Struktur des ganzen Ablaufs, vom Hinweg über die eigentliche Unterrichtsstunde bis zum Abgeholtwerden und zum Rückweg, eine Struktur, die Halt gibt, Periodizität aufweist, vertraut ist; und in der das Kind sich wohlfühlt. Das Zuhausesein in Strukturen, Abläufen, Prozessen. Das Tun als etwas, das sich Minute für Minute selbst belohnt.

Belohnt sich diese Schinderei aus heißem Atem, Schweiß, wundgeriebenen Hautstellen, schmerzenden Muskeln und Gelenken, belohnt sich diese Tortur, die aufrechtzuerhalten man alle Willensstärke braucht, wirklich selbst? Aber wenn es hier nichts zu gewinnen gibt, was bleibt sonst, als die Belohnung im Tun selbst zu suchen? In der Belohnung, es geschafft zu haben? Ich werde langsamer und langsamer. Am Straßenrand Narzissen, ich sehe sie kaum. Zwei Mädchen schlendern vorbei, unbeteiligte Spaziergängerinnen. Die Mädchen sind hübsch, in ihrem Haar fängt sich Sonnenlicht, ich habe keine Kraft, es zu bewundern, obwohl ich die Schönheit registriere. Wie gerne wäre ich jetzt auch unbeteiligt. Würde mich zu den hübschen Mädchen ins Böschungsgras setzen. Wie würden sie mich wohl wahrnehmen, einen wundgelaufenen, naßgeschwitzten Mann, nicht mehr ganz jung und in diesem Moment ganz gewiß nicht wohlriechend. Warum macht der das, was will sich dieser Halbgreis noch beweisen? Ist das einer von diesen Midlife-Crisis-Patienten, die es noch einmal krachen lassen wollen? So sehe ich mich plötzlich mit den fremden, schönen Augen, und komme mir unendlich peinlich vor.

Laß die doch denken, was sie wollen. Ich werde jedenfalls nicht aufgeben, niemals, Midlife hin oder her. So kurz vor dem Ziel, das wäre ja lächerlich. Aufgeben bedeutet: Ich kann nicht mehr. Davon kann keine Rede sein. Ich hätte es jetzt nur gern hinter mir. Zum zweiten Mal taucht in der Tiefe der Adenauerallee das Schloß auf. Museum König. Auswärtiges Amt. Gleich um die Ecke wohnt eine ehemalige Nachhilfeschülerin von mir. Ich forciere das Tempo, und erstaunlich: es geht. Es geht, weil ich die Entfernung unterschätze. Es sind noch zwei Kilometer. Das Ziel ist nicht, wo ich es vermutet habe, sondern eine weitere Runde durch die Innenstadt entfernt. Dichter jetzt die Zuschauer, lauter das Rufen und Klatschen. „Das sieht noch gut aus!“ ruft mir jemand zu, und ich denke, du hast keine Ahnung.

In diesen Momenten, gegen Ende der Strecke, vergleiche ich oft Entfernungen. Bei Kilometer 30 etwa denke ich, noch zwölf Kilometer, Moment, das ist von zu Hause hoch zur ehemaligen Kiesgrube, über die Roisdorfer Hufebahn in den Wald zur breiten Allee, eine Abzweigung weiter und über den Kamelleboom zurück. Ich versetze mich in eine völlig andere Laufsituation und versuche, aus dieser oft geübten Situation Kraft und Zuversicht zu ziehen. Denn allermeistens, wenn ich laufe, geht es nicht um die Marathonstrecke, nicht um den Wettkampf, nicht um Training, nicht um Sport, sondern: ums Laufen.

Etwas ganz anderes, anderswo
Laufen. Um sechs Uhr früh durch den erwachenden Wald. Es wird eben hell, das junge Grün der Bäume quillt aus der Fläche des Dunkels, marmoriert vom Weiß der blühenden Schlehen und Weißdornsträucher. Auf der Schulter balanciert man noch einen Viertelmond, während hinter den Hecken das erste Rebhuhn knarrt. Die Wege sind wie verebbendes Kielwasser sehr langsamer Schiffe, die längst heimgekehrt sind in ihren Tageshafen. Ein Gewebe von Stimmen durchwirkt die Räume des Waldes, Amsel, Singdrossel, Meisen, Rotkehlchen, Grasmücken. Die Luft ist kühl und transparent wie gespannte Haut, in den Pfützen liegen satte Schatten, überall riecht es nach Frieden. Laufen, ohne zu denken, laufen, und dabei intensiv denken, laufen, und dabei nichts, aber gar nichts wollen. Eine halbe Stunde später geht die Sonne auf, ein gestelztes Flimmern zwischen nachdenklichen Stämmen. Mäuse rascheln. Rehe bellen verhalten in der Tiefe des Unterholzes. Ich bin allein, der Morgen gehört sich selbst, so begegnen wir uns, der Tag und ich. Meine Stoppuhr ist mir egal. Die Geschwindigkeit ist mir egal. Die Kilometer sind mir egal, Hauptsache, ich muß noch lange nicht wieder nach Hause. Freude, Freude ist das. Kein Spaß, Freude. Die Freude, in der Welt zu sein und laufen zu können und nichts anderes zu wollen als das, was jetzt ist: Diesen Wald, diesen Weg, diesen Nebelstreif, diesen Tau auf den geschlossenen Köpfen der Buschwindröschen, diese Sonne, diesen Himmel, die wechselnden Geographien der Luft, und dieses Ich, in dem sich das alles trifft.

Jetzt aber hier
Aber weder Spaß noch Freude sind Begriffe, die das hier, am Ende der Zweiundvierzig Kilometer, an ihrem harten, unverhandelbaren, brutalen Ende, erfassen können. Es geht hier nicht mehr um Spaß. Es geht ganz allgemein nicht mehr um so etwas wie gute oder schlechte Empfindungen. Sondern nur noch ums Empfinden. Es geht um Dinge, die weit jenseits von Freude oder Verdruß oder Jubel oder Schmerz liegen. Jammer, Ekstase, Tränen. Himmlisches Entzücken. Das Extreme in der Nähe des Selbst. Durch den Schmerz hindurchgehen, neu geboren werden. Eine Hülle abwerfen, ein abgelebtes, schmutziges, schwaches früheres Ich. Sengende Berührung von Engeln. Reinigung durch Feuer, Flammen, Eisen. Hitze, Fieber, Durst, Glut und Schweiß. Ausbrennen von allem, was unrein ist in dir. Schwitze alles Dunkle aus, allen Dreck, allen Eiter, alle Fäulnis, atme dich von allem leer, was klebrig ist und stinkend, laß allen Kot hinter dir, alle üblen Gedanken, alle Ängste, allen Ärger, alle Mißgunst, jeden Haß, laufe, laufe durch alles, was Böse ist in dir, einfach hindurch, laufe, laufe zum Licht, zur Erlösung, zur Reinheit, zur Liebe, stirb.

Und werde.

Und dann, ich weiß nicht wie, ist es vorbei. Um mich her wogt der Lärm des Sieges. Jeder, heißt es in einer Art Trostpflaster für die Plebejer des Laufens, jeder, der seinen Körper dazu gebracht hat, die Marathonstrecke zu laufen, ist ein Sieger. Und so wimmelt es hier im Zielbereich halt von Siegern, von schwitzenden, humpelnden, das Gesicht verziehenden Siegern. Von athletischen, pummeligen, jugendlichen, greisen, von strahlenden, grinsenden, zähnefletschenden, hohlwangigen Gewinnern, der DB-Schalterbeamte, die Fachverkäuferin für Damenwäsche und der ganze Rest, wir haben es geschafft, und genau so sehen wir aus. Würstchen zischen, Leute plaudern, vom Zielbereich her dringen unverständliche Lautsprecherworte und Musikgestampf herüber. Volksfest. Die Tulpen und Narzissen leuchten. Es riecht nach Grillkohle, nach Schweineschwarte, Bier, Butter und Waffelfett. Ich sitze im für Teilnehmer vorbehaltenen Bezirk auf einer Bordsteinkante und trinke mein alkoholfreies Weizen. Alles an mir schmerzt. In den Zehen pocht es. Es ist zwei Uhr, die Mittagssonne wärmt mir den verschwitzten Leib. Hinter den ergrünenden Kastanien hängt eine feuergesäumte Wolkenwand. Mein Gesicht fühlt sich steif an. Stimmen fliegen hin und her, Gesprächsfetzen: „Bei km 38 hab ich tatsächlich gedacht, ich schaff’s diesmal nicht …“. „Die zweite Runde kam mir härter vor, aber dann …“. „Das Wetter war ja schon fast zu warm, aber …“. So wird überall der Lauf bereits Geschichte, Erzählung, Anekdote, abgehakt, verklärt, verdichtet, verflucht. Wenige Bilder werden bleiben, Bilder, und das, was man sich jetzt hier erzählt, und was, richtig oder falsch, sich zu den jeweiligen persönlichen Legenden über diesen Lauf, als seine unverrückbaren Wahrheiten verfestigen wird. „Hast du solminore gesehen, der ist ja abgegangen wie eine Rakete!“ Ich horche auf, sehe mich um, aber dann hat es wohl doch niemand gesagt. Ich blinzle ins Frühlingslicht.
Es ist vorbei.
Vorbei.

Glücklich
Die Frage bleibt offen: Warum habe ich das gemacht? Warum mache ich das?
Ich erinnere mich an einen Moment, bei Kilometer 27 oder 28, beim Einbiegen zum Flußufer, wo ich dachte: Und wieder. Und wieder und wieder und wieder. Du wirst es wieder schaffen, wieder einmal. Du wirst wieder einmal nicht Sieger gewesen sein, und selbst wenn. Das würde dir auch nicht helfen. Du wirst nicht einmal besonders stolz sein, auf nichts. Du wirst erleichtert sein, daß du es geschafft hast, du wirst erleichtert sein, daß du es noch kannst, daß Krankheit, Alter und Verfall noch keine Macht über dich haben. Noch nicht. Und so wirst du eben weiterlaufen, weiterhumpeln, weiterkriechen. So gut du es eben kannst. So lange es noch geht. Vielleicht wirst du später mal für kurze Zeit bewundert werden, wenn du davon erzählst, vielleicht wird man dich dafür anstaunen, daß du ein paar Jahre lang regelmäßig Marathon gelaufen bist. Aber niemand, der es nicht selbst getan hat, wird wissen, wie es war; oder dich verstehen. Vielleicht wirst du bis dahin noch viele, viele Male über die Ziellinie laufen, durch die Gasse klatschender, pfeifender, jubelnder Menschen, die dir zurufen, daß du noch gut aussiehst, und für einen Moment wirst du dich der Illusion hingeben dürfen, daß ihr Jubel dich meint, dich. Vielleicht wirst du die 3:30 noch schaffen, bevor das Alter, die Kreuzschmerzen, die Arthrose, der geschrottete Meniskus, der Herzklappenfehler dich ein für allemal aus der Bahn kegeln. Und vielleicht wirst du sogar so etwas wie einen kurzen Triumph fühlen, wenn die RFID-Matte mit einem schrillen Pfeifen dein Transpondersignal abliest, deine Zeit abnimmt, und es wieder mal geschafft ist, zweiundvierzig Kilometer hinter dir liegen, einen kurzen Triumph, Sieger gewesen zu sein wenigstens über dich selbst, einen Triumph, den du vor Erschöpfung gar nicht richtig genießt. Vielleicht wirst du einmal mit Wehmut auf diese Zeit blicken, auf diesen Lauf, wo du dir nichts sehnlicher gewünscht hast, als daß es vorbei sein möge. Und dann wirst du genau diese Sehnsucht, diese Erschöpfung, dieses Ich-kann-nicht-mehr vermissen.
Nur eins wirst du niemals sein, weder beim Laufen noch danach.

Glücklich.

Und so sitze ich im Gras zwischen den lustigen Stimmen, bis in die Seele hinein erschöpft, entleert, Sieger über mich selbst, bis zur Niederlage besiegt.

 
Langsam tasten die Vögel sich vor, prüfen die Gänge des Morgens, die Flöße des Regens. Flügge Laubklumpen, schnabelvoll hektischer Luft. Auf Nachbars Hausdach lauschen die Antennen.

Ins Nest zurückgekehrt: die Fenster an den geduckten Häusern. Kopfüber hängen sie schlafend am Putz.

Himmel ohne Stützen. Wind ohne Flügel. Bettdecken ohne Unterseite. Müde suche ich nach der Wurzel von Küssen. Als es zu regnen beginnt, bist du schon lange weg.