Ich liebe diese eingefrorenen Blumen, abseits des überall aufschießenden Lichts, in den schwindenden Wegrändern, wie gebannt und zum Stillstehen gebracht von einer anderen, urvernünftigen, selbstgenügsamen und leiseleise tapsenden Zeit.
Überall braust es jetzt. Der Frühling ist die schnelle Jahreszeit. So schnell, daß man nicht mehr nachkommt. Die schnelle Jahreszeit, immer schon woanders, weiter, fort, flimmernd, aufgebrochen, abgefahren, schnell, so schnell, daß man strampelt und strampelt in all dem Brausen und Leuchten und Zwitschern und trotzdem immer zu spät ist. Verpaßt, vorbei, für dich diesmal wieder nix. Die Stimmen der Amseln süß so süß, daß es schmerzt, und noch schlimmer, weil man glaubt, man müßte es nur aber was denn nur? enträtseln, dann … dann … hätte man es endlich, wüßte es, dieses unmenschliche Singen und Jubeln. Aber man versteht es ja nicht. Man öffnet das Fenster, daß Wärme Licht und Schall hereindringen, und glaubt, auf der Stelle sterben zu müssen, wenigstens, sich auflösen. Könnte man es nur. Man bleibt am Leben und muß hören und riechen, am riesigen, tönenden, duftenden Draußen, wie es da jubelt: Selbstvergessen, irr, an der Grenze zum Sturz in flackernde Auslöschung, und doch: Ganz bei sich, unbeirrt und: In-der-Zeit. Das ist so verschwenderisch, als gebe es ja von ihr immer genug, von der Zeit, wie töricht, das Gegenteil ist doch der Fall, und es ist nie genug, je schneller und verschwenderischer, desto weniger bleibt, und desto mehr muß man verpassen und abermals verschieben, auf einen urvernünftigen Frühling. Den es nie geben wird.
Schon seit Wochen sticheln die Meisen. Vor zwei Tagen der erste Buchfink. Am nächsten Tag dann alle wie auf Kommando. Sind spät dran dieses Jahr.
Es wird Frühling.
Die große Zeit der Versäumnisse.
Kategorie: Werke & Tage
Beim Laufen
Manchmal glaube ich, ich träume nur deshalb davon, ein preisgekrönter Erfolgsschriftsteller zu werden, um irgendwann einmal die Genugtuung, nein, den Triumph zu fühlen, den es mir verschaffen würde, einen hochdotierten Literaturpreis abzulehnen.
Lektüren 2007
In meinem Leseverhalten hat sich in jüngerer Zeit eine Konstante herausgebildet, die den Ort oder ganz allgemein den Kontext der Lektüre betrifft. Es ist nämlich so, daß ich bestimmte Bücher nur in bestimmten Situationen lese. So sind die Bücher, die ich am Küchentisch während meiner Mahlzeiten (die ich meist allein zu mir nehme) lese, andere Bücher, als diejenigen, die ich vor dem Schlafengehen oder in Bus und Bahn lese, und auch von ganz anderer Art, wie der Liste zu entnehmen ist. (gerade fällt mir auf, daß diese drei: Verkehr, Bett, Essen, fast ausschließlich die einzigen Lesekontexte sind. Jedenfalls lese ich selten „einfach so“, sondern meist, weil es nichts anderes zu tun gibt, etwa, weil man darauf wartet, daß es weitergeht, man irgendwo ankommt oder der Zug endlich einfährt. Eine Ausnahme bildet Fachliteratur, die ich lesen muß, und zu deren Lektüre ich mich gezielt hinsetze. Aber das ist kein Lesen, das ist Arbeit. Ich scheine für zweckfreies Lesen wie etwa Belletristik eine innere Rechtfertigung zu brauchen, eine Belohnung nach abgeschlossener Arbeit etwa, oder eben, weil ich gerade nichts Besseres zu tun habe. Bedenklich.) Jedenfalls habe ich meine Lektüren 2007 auf zwei Listen verteilt, die diese Situation nachzeichnen.
(Mit % bezeichnete Bücher blieben liegen.)
- The curious incident of the dog in the night-time (Haddon)
-
Schnee (Pamuk) -
Der Spaziergang von Rostock nach Syrakus (Delius) -
Gobi. Die Wüste in mir (Messner) -
Die Römische Republik (Bringmann) -
%Creepers (Morrell) -
Ο λαβύρινθος (Καρνέζης) -
Dessous (Assouline) - Blanche oder Das Vergessen (Aragon)
-
O άγγελος της στάχτης (ΛΑΜΠΑΔΑΡΙΔΟΥ-ΠΟΘΟΥ) -
Quicksilver (Stephenson) -
Midnight’s children (Rushdie) -
Die Sonnenuhr (‚t Hart) -
Russisch Blau (Peper) -
%Die Brüder Karamasow (Dostojewskij) -
Maria Stuart (Zweig) -
Possession (Byatt) -
Mein Jahr in der Niemandsbucht (Handke) -
Afterdark (Murakami) -
Eifelkreuz (Berndorf) -
Eifelwasser (Berndorf) -
Das Rubinhalsband (Boetius) -
Dein Gesicht morgen (I. Fieber und Lanze) (Marías) -
Dein Gesicht morgen (II. Tanz und Traum) (Marías) -
The english patient (Ondaatje)
Am Eßtisch:
- What
does a Martian look like? (Cohen & Stewart) - Neither
here nor there (Bryson) - Streiflichter
aus Amerika (Bryson) -
Berlin–Moskau (Büscher) -
Deutschland — eine Reise (Büscher) -
Fast nackt (Hickman) -
The world without us (Weisman)
Noch zwei Worte zu einer Art von Bewertung: Was mich wirklich überwältigt hat wie selten ein Buch: Peter Handkes „Mein Jahr in der Niemandsbucht“. Über diesen Eindruck habe ich bereits geschrieben. Das zweite ist Javier Marías’ „Dein Gesicht Morgen“. Da schafft es ein Autor, ein einziges, kaum zehn Minuten dauerndes Ereignis so intensiv vorzubereiten, anzukündigen, anzudeuten, ja, anzudrohen, und das 400 Seiten lang, daß der Buchrücken Schweißflecken abbekommt. Und das in einer sicheren, modernen, unaufgeregten und doch ausdrucksstarken Sprache, ein- aber nicht aufdringlich. Dies höchste Erzählkunst zu nennen wäre untertrieben.
Ich habe weniger Abgebrochen im letzten Jahr. Entweder hatte ich mehr Durchhaltevermögen, was ich, angesichts von Unleserlichem wie „Blanche oder Das Vergessen“ oder „O άγγελος της στάχτης“ nicht für unwahrscheinlich halte, oder ich hatte einfach ein glückliches Händchen bei der Auswahl. Vermutlich ist beides der Fall.
Eine weitere Entdeckung war Rushdie, dessen „Midnight’s Children“ ich im Sommer las. Beeindruckend in Sprache und Stil, ein Feuerwerk an Einfallsreichtum, Skurrilem, Zauberhaftem, Magischem, daß es dröhnt und quietscht und kracht. Allerdings muß man sagen: In der zweiten Hälfte wäre weniger mehr gewesen, da franst es nämlich.
Und noch eines, nein zwei: Dostojewskij lese ich nicht mehr. Das ist mir einfach zu blöd. Ich muß mir allmählich nicht mehr sagen lassen, was ein gutes Buch ist. Und das „Rubinhalsband“ von Henning Boetius ist einfach nur stuß.
Übrigens lese ich gerade „Away“ von Jane Urquhart: Eines der Bücher, die nur solange begeistern, wie man sie liest. Eine kurze Pause genügt, und die Begeisterung ebbt ab. Schade, daß die Handlung so merkwürdig und unglaubhaft ist. Die Sprache hätte einen schöneren Plot verdient (oder weniger davon). Gerade beendet habe ich Passig & Scholz „Lexikon des Unwissens“. Mehr darüber nächstes Jahr.
Ach noch etwas: Empfehlungen für 2008?
Solstitium (Consecutio temporum)
Das Gewicht der Schmerzlosigkeit, des Gewicht der Leere.
Als wäre die Jahre danach alles, was uns einmal verbunden hatte, nur mehr in Schmerz ausdrückbar gewesen, fühle ich nun die vielleicht schönste Zeit meines Lebens (ganz sicher sind wir nicht; es könnte auch die zweitschönste sein) zu einem Nichts verblaßt. Ohne den Schmerz hat das alles keine Geltung, war nur als Nachleiden noch gültig, nur so lange, nur vorläufig. Zuerst sehnte ich mich nach E., jetzt sehne ich mich nach dem Schmerz. Eine Zeit nach aller Zeit, wo?, nirgends. So verliert man selbst den Verlust noch, die gelebte Zeit. So verschwindet das Leben hinter einem, schließt sich, ist fort, hat es bereits nie gegeben.
Selbst ihr Name nicht, gilt nicht mehr. Wenn ich sie denke, nunmehr unter dem Gewicht des Schmerzmangels, denke ich sie nur noch als Bild, als Haar, als Mund, als Sprache, als Klang, als Flöten, als Tierlaut. So wie ich neulich zusammenzuckte, abends am Südbahnhof; sie in der Tiefe der gelben Laternen zu sehen meinte; ohne Sprache dachte ich sie; das Aufzucken im Innern namenlos, wortlos das Erkennen.
Die Schwierigkeit besteht darin, daß ich ja nicht mehr weiß, wen ich da eigentlich geliebt haben soll, noch viel weniger, wer das ist, die mir nach der Liebe den Schmerz eingab. Ich kann mich ja kaum noch erinnern; was einen ganz neuen Schmerz bedeutet, Schmerz über den Verlust eines Schmerzes, einen Schreck wie beim Sturz, wenn das letzte haschende, panische Zucken nur Luft, Leere, haltlosen Schwung zu greifen bekommt. Kein Tempus ist hier richtig, ich habe E. geliebt und ich liebe E. sind gleichermaßen zu widerlegen und zu bekräftigen. Um diese Geschichte zu formulieren, jenseits jeder Chronologie nachzubuchstabieren, bedürfte es einer völlig neuen Grammatik, einer Sprache, die Erinnerungen besser abbilden, ihre Lebendigkeit und Bedeutung ebenso wie ihr Verblassen, ebenso wie ihren weitausfallenden Schattenwurf besser umreißen könnte.
Ich versuche, es zu finden, finde keins: ein Tempus, das irgendwie von jener vergangenen und zugleich unvergänglichen Zeit handeln würde, ein Tempus, das die Kraft hätte, sich auf dieses Niemandsland von erinnertem Leben und verlebter Erinnerung zu beziehen, jenes Erinnerungsraums, in dem ich absurde Römische Dichter lese und morgens die Kaffeetasse mit kaum vernehmbarem Hallen aufs Klavier absetze, hinausblinzele in das Quietschen der Güterzüge, während du noch schläfst, das Gesicht in den Kissen, Strudel von Haar darüber, und dein Name noch E. ist.
Wiedersehen am Südbahnhof
Gestern hätte ich dich fast gesehen, wie du, unverkennbar in deinem grünen Mantel und mit dem rosa Schal, der sicher immer noch nach Haut riecht und Haar (wenn du ihn noch trägst), in Begleitung die durchlichtete Treppe hochkamst, jenseits der Menschen am Bahnsteig, und für Momente so grün und rosa und schmal und schwarzhaarig, daß kein Zweifel bestand, noch zumal du wie erschrocken stehenbliebst, mit einem Ruck, schien es, nachdem du mich (sicher?) gesehen hattest, die Hand deines Begleiters ergriffst, etwas zu ihm sagtest, ungeduldig, ja sicher ungeduldig („das erklär ich dir später“) und ihn wieder hinabzogst in die Helle des Treppenaufgangs, wo ihr gemeinsam verschwandet.
Ein Schreck auch für mich, dieser vertraute Gang, das unverkennbare Schlenkern der Füße, dein blasses Gesicht, als könnte ich bis hier hören, wie du die Nase in der Kälte hochziehst, und dann die Flucht, der Schmerz und der andere, und am Ende, im Zug, als ihr doch noch eingestiegen wart, da warst es gar nicht du.
…
Schwäne, Röhricht und Burgberge. Nach dem Erwachen in die Scheiben blicken, ins Innere dahinter und davor, und die Märchenschichten dazwischen abtupfen, abklopfen, prüfen. Auf die Verschlungenheiten der Korallen achten, Karten aufnehmen, den Spuren eines Schneeleoparden folgen wie man einem Yeti folgt, so beginnt das Lauschen. Wege durch den Forst, das stumme Zermahlen eines Fliegenpilzes, Wärme von Amanitin unter der Haut, Blaualgen an den Knöcheln. Wo die Folien sich treffen, finster, blau, glatt, gelöchert, fließend, splittrig, da knistert es von Linien die ins Baumsein entstreben und verwuchern, da muß man ordentlich mit dem Fuß wackeln und die Zunge anstemmen, daß nicht alle Wände und Behälter ins Rutschen kommen und mißtönig zwischenrufen, ordnungslos und wild, wie Landkarten.
Mit geschlossenen Augen dann die Anrufungen vornehmen, den Erscheinungszauber anstimmen, den Logogryphen, Hypnobanten, Oneiropoden Handschweiß und Ohrspeicheldrüse darbieten. Wenn man Glück hat (aber was ist Glück? Das gnadenvolle Verschmähen eines Logophagen), bleiben sie ein bißchen. Ihr Verschwinden bleibt meist unbemerkt, es sei denn, ein Traum war noch wach, was bekanntlich selten ist.
Prismen
Diese feinen Bruchmuster, Netzsplitter, Patinae, Jahresringe. Wieder in die alten Wirrwege und Leuchtgärten mit ihrem Abenteuerflimmern hinabsteigen. Daten, jahreszahlen, Erscheinungsmonate alter Ausgaben des GEO-Magazins, die, ich weiß nicht genau, was, aufbewahren. Wie ein Tagebuch. Eines, das nicht ohne weiteres lesbar ist; etwas, das auf tieferen Sinn verweist, und unter der Oberfläche aus bekannten Bildern (ein altes ostfrisisches Bauernhaus mit Bettkasten; ein gekreuzigter Rabe im Baskenland; eine nachgebaute spanische Galeone; Wissenschaftler in gelben Schutzanzügen zwischen Rosttrümmern auf dem Mururoa-Atoll), die wegen ihrer Bekanntheit so verstörend sind im Detail, wie ein gealtertes Gesicht, und unter dieser Oberfläche: die Bruchmuster, die feinen Linien, das Abgeplatzte, das Gesplitterte und Gebrochene.
Es ist ein zwiefacher Verweis auf meine eigene versunkene Welt, meinen eigenen Untergang: Es bildet ab, was war, dessen Zeitzeuge ich hätte sein können. Es zeigt mir die Kulisse oder Stücke davon, oder eine mögliche Kulisse, für mein eigenes Drama von damals, und damit verweist es mich zurück, der ich ja damals diese Kulisse wahrgenommen habe oder hätte wahrnehmen können. Und zum andern bringt es mich durch die Lektüre zurück und verbindet mich mit jener Zeit, wo ich dieses Heft zum erstenmal durchblätterte, oder in eine Zeit, wo ich solche Hefte ganz allgemein durchblätterte, und zwar dann, als sie frisch waren und keine versunkene, sondern eine aufbrechende Welt abbildeten und nichts darauf schließen ließ, daß sie einmal von Netzsplittern und Bruchmustern überlagert sein würden.
Erinnerungsarchiv
Diese feinen Bruchmuster, Netzsplitter, Patinae, Jahresringe. Wieder in die alten Wirrwege und Leuchtgärten mit ihrem Abenteuerflimmern hinabsteigen. Daten, jahreszahlen, Erscheinungsmonate alter Ausgaben des GEO-Magazins, die, ich weiß nicht genau, was, aufbewahren. Wie ein Tagebuch. Eines, das nicht ohne weiteres lesbar ist; etwas, das auf tieferen Sinn verweist, und unter der Oberfläche aus bekannten Bildern (ein altes ostfrisisches Bauernhaus mit Bettkasten; ein gekreuzigter Rabe im Baskenland; eine nachgebaute spanische Galeone; Wissenschaftler in gelben Schutzanzügen zwischen Rosttrümmern auf dem Mururoa-Atoll), die wegen ihrer Bekanntheit so verstörend sind im Detail, wie ein gealtertes Gesicht, und unter dieser Oberfläche: die Bruchmuster, die feinen Linien, das Abgeplatzte, das Gesplitterte und Gebrochene.
Es ist ein zwiefacher Verweis auf meine eigene versunkene Welt, meinen eigenen Untergang: Es bildet ab, was war, dessen Zeitzeuge ich hätte sein können. Es zeigt mir die Kulisse oder Stücke davon, oder eine mögliche Kulisse, für mein eigenes Drama von damals, und damit verweist es mich zurück, der ich ja damals diese Kulisse wahrgenommen habe oder hätte wahrnehmen können. Und zum andern bringt es mich durch die Lektüre zurück und verbindet mich mit jener Zeit, wo ich dieses Heft zum erstenmal durchblätterte, oder in eine Zeit, wo ich solche Hefte ganz allgemein durchblätterte, und zwar dann, als sie frisch waren und keine versunkene, sondern eine aufbrechende Welt abbildeten und nichts darauf schließen ließ, daß sie einmal von Netzsplittern und Bruchmustern überlagert sein würden.
Greinstraße (und weiter …)
das himmelsgrau nistet in den baumkronen, vertreibt die vögel, läuft stämme, treppen, schächte hinauf, lärmt, pocht, heult, drückt sich durch die poren des glases, legt sich als finger und flossen über den tisch, wo es das papier zu klebriger hieroglyphenasche zerstäubt. silbern stellen sich die unterseiten der ahornblätter auf, verwandeln sich in finger, klauen, ohrringe, sturmlinien, zähne, deren licht aus dem inneren kommt und als flackern über wand und boden läuft. ein erloschener laternenpfahl neigt sich den ganzen morgen lang gegen den wolkenzug. man erinnert sich, leicht, wie im schwebtraum, irgendwo steht in einem hof ein bäumchen, das jetzt kahl sein müßte, ein naßdunkles, tropfenschüttelndes gerippe, wie es beglänzt von lampen sichtbar ist aus dem fenster oben, aus dem stummen raum heraus, der einmal ein zuhause war, ein raum voller licht und photographien und bücher und zärtlicher unordnungen, allenthalben. ein heller ton klingt auf, wenn der regen gegen das geländerrohr schlägt, ein müdes ostinato, wie von einem gelangweilten kind, das seine finger auf immer dieselbe taste des klaviers drückt, wieder und wieder.
Greinstraße
Milchhell zerfließende Wolken, angestrahltes Innen, ein Pfahlraum, offen für Türme und Funkmasten, und in den Bäumen wohnen wieder stille Geister, unter den Steinen klammes Geriesel. Die Raben und Elstern so schnabelschwer, daß die Lüfte sie nicht halten, und die Spatzen rufen einen Montagmorgen lang nach dem Himmel. Jedes Rad, jeder Bordstein, jede Tafel an ihrem Platz, in der Reihe, voller Voraussicht und Planung. Spiegelungen zärtlich weggedreht, emsig im Schweigen. Ein Handschuh winkt, aufgespießt auf einem Zaunpfahl, seine Finger wackeln im Pferdewind. Keine Spuren, Geleise, Bänder für Regenbögen, für Denksprünge oder Innenklarheiten.
Dämmerung
So ein Himmel, wieder kaum strukturiert, erschöpft von Nässe und den Anstrengungen, die es kostete zu regnen, nachtstunden auf und ab, still jetzt, still und voller blassem Gefädel, zu leicht fast für Vögel. Einen Glockenton bräuchte es für Licht und Sperling, die scharfe Kante eines aufglühenden Schattens, ein Zwinkern der Hundsrose. Aber die Wege sammeln weiter Dämmerungen ein, eine Zehrung den langsam stürzenden Bäumen an ihrer Schulter.
Zeitumstellung
Es ist wieder so weit. Heul, mecker, moser, maul. Was ist los? Die Uhren werden umgestellt. Ja und? Ach, mein Biorhythmus ist wieder ganz durcheinander. Jammern und Zähneklappern aller Orten! Was für eine Komödie, man mag es nicht mehr hören. Nicht allein, daß man sich wieder diese alberne Ratlosigkeit anhören muß („Äh, im Herbst stellt man die Uhr doch zwei Stunden zurück und im Frühjahr nur eine, oder?“), landauf landab die verrücktesten Eselsbrücken zu hören bekommt („Ganz einfach: Im Herbst werden die Tage kürzer, also werden die Stunden auch, äh … oder so“), werden Jahr für Jahr die Hypothesen darüber, wie sich die Zeitumstellung für das persönliche Erleben auswirkt („Wenn die Uhr eine Stunde vorgeht, wird dann mein Kaffee schneller kalt?“) oder für die Umwelt („Die Vögel wissen ja gar nicht mehr, wann sie singen sollen“; „Die längere Sonnenscheindauer fördert die Klimaerwärmung“), immer, nun ja, verwegener.
Am schlimmsten weil lächerlichsten ist aber der Verweis auf den sogenannten Biorhythmus („Ich brauche Wochen, bis ich wieder normal schlafen kann“). Es ist wirklich erstaunlich, wozu die schiere Einbildung so in der Lage ist. Daß es so weit mit dem Biorhythmus nicht her sein kann, zeigt folgende kleine Überlegung:
Man stelle sich einmal mal vor, es käme eine Behörde und würde folgendes vorschreiben: Jede Nacht von Samstag auf Sonntag werden die Uhren bundesweit zwei stunden zurückgestellt. Jede Nacht von Sonntag auf Montag werden sie dann wieder um denselben Betrag vorgestellt. Undenkbar? Im Gegenteil, bereits jetzt freiwillige Praxis. Man nennt das „Ausschlafen“. Biorhythmus? Da werden Nächte durchgezecht oder -gearbeitet, da steht man mal zum Joggen früher auf, mal bleibt man liegen, dann hat man Gleitzeit und besucht Mittwochs morgens Tante Erna und geht dafür Donnerstags morgens zwei Stündchen eher zur Arbeit, da verlängert man sich Winters den Tag mit künstlichem Licht, da erhebt man sich für die Geschäfts- oder Urlaubsreise um vier aus den Federn, da wird geschoben und gedrückt und genmacht und getan, ohne daß irgendwen Sonnenstand oder die Jahreszeit sonderlich interessieren würde. Biorhythmus?
Und wenn jetzt einer daherkommt und oberschlau darauf verweist, daß Kühe enorm unter den verschobenen Melkzeiten zu leiden hätten, der Biorhythmus mithin eine nicht einfach wegzuwischende Realität sei, so frage ich zurück: Bin ich ein Rindvieh? Eine Kuh macht auch nicht Freitags und Samstags die Nacht zum Tage und am nächsten Morgen den Tag zu Nacht; eine Kuh schläft auch nicht Sonntags aus; eine Kuh pocht nicht auf ihren Biorhythmus, nur um dann zu behaupten, Sonntags sei es nicht so schlimm; wenn eine Kuh einen sogenannten Biorhythmus hat, dann hat sie den jeden Tag und nicht nur dann, wenn es ihr gerade in den Kram paßt. Mit dem Biorhythmus mag es sich verhalten wie es will: Wenn man ihn hier nicht ernstnimmt, wird man sich dort nicht echauffieren dürfen. Wer angesichts der Zeitumstellung über seinen gebeutelten Biorhythmus mault, muß bitteschön auf sonntägliches Ausschlafen verzichten.
Sehen wir es doch mal nüchtern. Angenommen, man steht am Sonntag der Umstellung um acht Uhr (alter Zeit) auf und geht am Abend desselben Tages um dreiundzwanzig Uhr (alter Zeit) schlafen. Egal ob vor oder zurück: Die Umstelldifferenz von einer Stunde verteilt sich also auf fünfzehn Stunden. Das macht vier Minuten pro Stunde. Machen Sie es doch das nächste Mal so: Statt die Uhr eine Stunde auf einmal vor- oder zurückzustellen, machen Sie es häppchenweise, zwischen acht Uhr morgens und elf Uhr abends jede Stunde vier Minuten.
Und zusammenaddiert: Im Winter steht man eine Stunde später auf, im Sommer eine früher. Punkt.
Und die Singvögel? Die werden sich dran gewöhnen.
…
Oder neulich, auf einem Gang an den Pferdekoppeln oberhalb von Nettekoven. Ich hatte Schlehen gesammelt, am einzigen Strauch, der welche trägt dieses Jahr, eine kleine Tüte voll; dann trugen mich die Füße fort wie von selbst, in kleinen, schwebenden Schritten, über den aufgeplatzten Asphalt des Fahrwegs, zum Wald. Es war eine Stunde der Wachheit, wie ich es nenne. Am späten Nachmittag, nach Kaffee und Ruhen, im Freien, auf dem Feld oder einem Waldweg, geschieht es manchmal, daß die Atemzüge sich verdichten, die Schritte wie Pendel fallen, die Widerlager der Arme in knappster Genauigkeit auf und nieder schwingen. Dann ist die Luft dünn und gespannt, von Geräusch und Licht flackernd. Die Finger zucken nach Berührung, nach Erproben, die schrundige Borke einer Eiche, die Schuppen einer Föhre, einen Zapfen, eine Handvoll roter Sand, einen abgeknickten Zweig; der Blick schwirrt in den faserigen Höhlen der Hecken, Wegraine und brombeerumspindelten Zäune, Hände in den Taschen bleibe ich stehen, atme tief aus in die Ebene hinein, mit Stadt, Kirchturm und einem Heißluftballon darüber, lausche auf das Knirschen eines Fahrzeugs aus dem Waldparkplatz, auf Hufschläge und Kinderstimmen, und alles summt von verborgenen Geschichten. Stockschläge fallen aus der Tiefe des Pfades, und ins Gegenlicht hingehaucht, schwankt da, funkensprühend, die Gestalt eines Greises, der vielleicht gestern glaubte, seine Enkelin beerdigt zu haben, die gar nicht seine Enkelin ist. Ein junger Mann schlägt zaghaft die Autotür zu und wartet, die Augen beschattend, auf eine Frau, mit der er verabredet ist. Sie wird nie kommen. Jemand geht zwischen den Buchenstämmen, und ehe er verschwindet, blitzt ein Spaten kurz auf. Man betritt eine Hütte und findet auf eine Pritsche ein Photo von sich selbst.
Nur in einer solchen Stunde der Wachheit ist es je gelungen, einen Ort zu betreten, den ich mit einer Geschichte, wo sie als zitternde Spiegelung an die Oberfläche der Welt trat, gemeinsam hatte für die Dauer einer Betrachtung; einen Ort, an dem sie sich mir entgegenbog, so daß ich sie berühren konnte, ohne wirklich in sie einzudringen, bis ich schon wieder weg war, und das Fahrzeug, der Alte, das Kind, das aus dem Fenster sprang und zwischen den Spalierobstbäumen davonhuschte, wieder abgetaucht waren in den Raum ihrer Verzweigungen, still und unbekannt, an denen ich nicht mehr teilhatte.
Ein Reh
Als ich einbog vom Hauptweg in den dämmrigen Seitenpfad, stakste da wenige Schritt voraus ein Reh. Es sah mich, erstarrte und fiel im Erstarren zurück ins Unüberschaubare des Pfadrains, wo es augenblicks mit Strauchwerk und Blättergewirr und den wuchernden Schatten am Weg verwuchs. Eins geworden mit dem Grün, blieb es darin unkenntlich, sonlange es nicht ein Zucken des Ohrs, eine Wendung des Kopfes, ein unsicherer Schritt wieder herauswarf und in der Bewegung vereinzelte.
Auch ich blieb still und probierte, ob es mir nicht ebenso gelänge, mit dem Holunder und den Brombeeren neben und über mir zu verwachsen. Eine Fliege kitzelte mich an der Nase. Ein Tropfen schlug mir auf die Stirn. Ich blieb ganz still, die Augen unverwandt auf die Stelle gerichtet, aus der heraus mich das Reh zweifellos scharf beobachtete, beroch, belauschte; zwar sah ich es nicht; doch spürte ich seine gesammelte Aufmerksamkeit auf mich gerichtet wie einen hellen Strom. Meine Fingerspitzen wurden taub. Ich fragte mich, ob es mich atmen höre, wie es in meiner Nase röchelte, die Jacke knisterte, wie selbst das Blut in den Adern noch zu lärmen schien. Ich kam mir sehr laut vor.
Dann, ohne daß ich mich erkennbar geregt hätte, knackte plötzlich etwas, die Farne und die Weißbuchenzweige wippten. Schatten und Lichtwirrung gerieten in Bewegung und verdichteten sich zu einem staksigen Sprung, mit dem das Tier ausbrach, aufflog, ins Dickicht stürzte und hinter zurückschlagenden Zweigen im nu verschwunden war.
Wer weiß, was es plötzlich erschreckt haben mochte, den Aufschlag von Sternenstaub, das Rascheln einer Spinne im Netz, oder einen meiner finsterlauten Gedanken.
Hier war er zuhause
Hier war er zuhause, ganz: wo der regen gleichmütig fallend jedes geräusch zudeckt. Über den kaffee gebeugt lauschte er auf die kleinen abweichungen und details in der großen strömenden eintönigkeit vor dem fenster. Je länger man hinaushörte ins scheinbar gleichförmige, desto mehr einzelheiten erwuchsen dem ohr: metallisches ticken, rhythmisches klatschen, manchmal klirren wie von ketten, darunter, dazwischen, ein plätschern von bächen und rinnsalen auf asphalt oder stein, dann wieder das blubbern der regentonne, das knallen wuchtiger aufschläge auf autodächern oder wellblech, wie es scharf aus dem umgebenden klanggewoge herausbrach; ein mülltonnendeckel klickte leise, und glockenhell trafen tropfen in schneller folge aus einem überlaufrohr fallend auf ein balkongeländer.
Das alles bildete ein geflecht von wechselwirkenden stimmen, die in einem gleichgewicht zusammenkamen, dessen schwerpunkt sich immer wieder in feinsten abmessungen verschob und so mal die eine, mal die andere stimme herausstellte. Eine topographie des regens entstand im ohr, das platschen, klirren prasseln, brausen und rauschen erzeugte dem zuhörenden landschaften aus unterschiedlich nassen flächen und klangkörpern, rinnen, fließgeschwindigkeiten, wellenmustern und -linien, blasen und schaum. Ein baum wuchs da auf, vor dem fenster, aus in verschränkung einander begegnenden, in verästelungen ausgreifenden, fortstrebenden und wieder ineinander gemengten klängen, die den raum heranholten, und alles überflüssig machten, was weite, was entfernung bedeutete. Alles spielte sich hier ab, ein drama, das allein aus dem laut und leise, dem fächer und den schichtungen des klangs seine spannung und kraft bezog.
Bis die stimmen einander ablösend nacheinander verstummten, die blätter, der asphalt, später auch das ticken der regenrinne. Auf dem kopfsteinpflaster dröhnten mittlerweile wieder die reifen, Schritte hämmerten, eine Wagentür schlug. Es blieb noch das hallende gurgeln, mit dem der gully das zusammenströmende wasser aufnahm, während die wand gegenüber im hof jäh aufflammte im sonnenschein.
Zwischendrin
Es ist eine Zwischenzeit, diese Wochen zwischen Sommer und Herbst, in keiner Jahreszeit daheim, in keinem Namen. Nicht hier, nicht dort, nicht woanders und doch: weit weg. Der Holunder, die Birke, der Hasel, alles grün, als riefen sie einander zu, diesmal, diesmal schaffen wir es. Dabei knirschen schon wieder die Nüsse aufspringend unter den Autoreifen, wackeln die Firste in den gefüllten Wassertonnen. Nichts hält einen drinnen, aber wie soll man das nennen, was einen hinaustreibt, und was für eine Farbe zieht man dazu an? Niemandszeit, ein Asyl, schiffbrüchige Stunden. Der Zeitungsleser blickt auf die Terrasse, wo zwei Elstern Sommer spielen. Etwas hat uns entlassen in Tage des Überschusses, denkt er, Überschusses an Zeit.
Ein Anruf
Anruf von E.S. Plötzlich habe ich wieder ein anderes Leben gehabt, bin ich aus einer ganz anderen Richtung hierher gelangt. Es war ja nicht alles immer so wie jetzt. Und es kommt alles irgendwoher. Ein Geschmack, ein Duft flackert da auf, eine bestimmte Farbe, ein Ton über den Fenstern, der Geruch einer U-Bahnhaltestelle, der Klang einer Balkontür. Merkwürdig. Man verliert so viel aus den Augen, treibt, läßt sich treiben, wacht morgens auf, und noch einmal und noch einmal, und dann kommt ein Anruf und man stellt verblüfft fest, man hat es schon vergessen, und keine zwei Atemzüge dauerte es, um lange her zu sein. Als wäre ich nicht, jetzt, wo ich dies schreibe, bedingt und geformt auch von diesen Jahren, und von denen davor und davor … von den Jahren, aus denen mich dieser Anruf erreicht, die doch so viel näher sind als die ganz frühen. Als sei ich nicht ihnen verdankt, den Wurzeln: Nie ist man vollumfänglich man selbst, nie ist man in einem Augenblick und Gedanken die ganze Geschichte, die um sich selbst weiß.
Blatt
Ein leiser knall in der morgenfrühe, die sich selbst noch nicht wiedererkannt hat, so liegt es beim aufschließen vor dem fuß, das blatt, rot, gesprenkelt von feinsand, aller botanischer namen ledig, ein rundes oval verästelter farbe. voll schärfe spaltet es die nachbildungen des steins; wo sein licht nicht hinfällt, wird es schlagartig herbst in den läden und buden. gierig hat es vom regen genommen; jetzt ist es satt und verfärbt von wonne und wahrsagen und leuchtet mit filigranen dämmerungen sein asphaltenes bett aus.
stumm
Also, so macht das hier keinen Spaß mehr. Wenn ich nicht gelesen werden wollte, würde ich wieder auf Papier —
Ist da wer?
…
Silberahorn zwängt die Klingen der strebsamen Flügel
zwischen Wolke und Bahn: noch gibt es Raumes genug.