Als sammele die Zeit etwas an, so ist alles Vorbereitung, ein selbstvergessen staunendes Verharren, das diesen Ort heiligt, gelassen und still bis in die Kammern und Gänge der Minuten hinein, deren Verfließen, langsamer als sonst, den Strom der Zeit selbst farbig werden läßt. Fühlbar wird er, dieser Strom: als Zug in der Haut, als Druck hinter der Stirn, als befreiter Atemgang. Zeit, so jubelt es, endlich ist Zeit, endlich findet sie statt.
Wir machen dies noch und das noch, dann sind wir fertig. Dieses Fenster noch putzen, diese Unterschrift noch leisten, diesen Gang noch tun. Die Tür zufallen lassen. Abschließen. Dann aufatmen. Nichts hat Zeit, außer allem. Zeit, dieser knappe Stoff, ist im Überfluß vorhanden. Der Himmel wie eine Karte für Zugvögel. Immer noch finden sich Hagebutten, blaut es aus Strauchdraht heraus. Immer noch schweben Segel auf dem Meer.
Es ist wie in einem Traum, wo alles stillsteht, indes die Bewegung im Stillstehen weiterläuft und weiter, die Flächen und Kanten der Häuser, die Straße mit ihrer Staubbahn, Schattenfall der Pfähle, Flüsse unter den Leuchttürmen der Pappeln, die Verästelungen der Baumgerippe, zwischen denen die Sonnenstrahlen sich spannen, die vereisten Brunnen, die nichts zum Sprühen haben als das Licht auf den Kristallen erstarrter Bögen, endlich die eigenen Stiefelspitzen — alles ist Bewegung, steht still, bis man wieder wegsieht. Oder anders herum? Die Sohlen hart von Geröll, die Nase müde von Staub, läßt, was kommt, schimmernde Türme aufwachsen.

Solstitium hiemale

Nein, ich werde nirgendwo anders hingehen.

Ich werde hierbleiben.

Ich werde nicht
in einen anderen Teich hüpfen. Ich werde
nicht denken, daß es anderswo schöner ist, nur
weil es anderswo ist, ich werde
hierbleiben, ich werde

mich nicht verwandeln, ich werde höchstens
älter
weiser
wütender

werden, nein, ich werde nirgendwo anders hingehen.

Ich werde hiersein,
in diesem Wald
in diesem Tümpel.

Ich werde mich nicht verwandeln. Ich bleibe
ein Faun,
ein Frosch
ein Urweltfisch, ich werde

keine andere Sprache sprechen, als die
meine Ammen mir gaben, ich werde

hierbleiben.
Hier, wo ich immer war,
wo der Tümpel tief
und das Wasser still ist.

Ich werde hiersein,
dieser Faun,
dieser Frosch
dieser Urweltfisch,

den silbernen Spinnen
Gefährte und Hüter
und den Olmen und Salamandern,

hier, wo die Wege
beginnen, will ich bleiben und auf euch warten und,
wenn ihr zurückkommt,
euch euren ersten Namen wiedernennen
und euch eure eigenen Geschichten zurückerzählen,
die ihr vergessen habt.

Ich werde hiersein in
der längsten Nacht und
die Geheimnisse wahren,
ein greiser Faun,
ein alter Frosch

In diesem Wald,
in diesem Tümpel.

bei uns in der straße ist gerade Martinsumzug.
das ist sehr schön anzusehen, und macht mir umso mehr freude, als es mein namenspatron ist, der da gefeiert wird — aber, so gerne ich die auf und ab wippenden lampione, laternen, lämpchen sehe, so sehr es mich auch freut, mit wieviel ernst die kleinen dabei sind, so sehr ich es mag, wie sie alle mit ihren lichtlein stolz vor sich in der hand dahertrippeln: lieber wärs mir, es würde auch am 11. stattfinden und nicht irgendwann ungefähr dann. ich meine, heiligabend ist auch am 24. und die fronleichnamsprozession ist an fronleichnam und nicht irgendwann um die drehe. ich weiß ja auch, daß man dem rheinländer am 11. november mit st. martin nicht kommen kann. nur finde ich, da stimmt der vorrang nicht.
aber nun gut. schön anzusehen war es. und gepfiffen und gepaukt und posaunt wurde auch schön laut und
schräg.

Als dürfte die Zeit nun endlich ausruhen, so still, selbst
die Blätter, sie fallen nicht mehr, sie schweben, wenn
eine frühe Sonne sie anstößt.
Mit den Adern ziehen sie den Glanz
aus der Luft, alles Luftige an ihr ziehen sie heraus, bis alles an Farbe verstummt und
an den Felsenfinsternissen zugrundegeht.
Meterhoch steht die Dunkelheit
zwischen Pfahl und Pfahl der Laternen, Mehlbeeren hängen in ihrem Flor aus Schatten, der Weg vom einen
zum anderen Ende der Hecke so lang wie
ein Nachmittag still wird, den die Glocken erfanden, jedes Geräusch brächte die Beeren
zum Platzen, das Gleichgewicht der Schwäne
zum Sturz. Sprühlicht, unter den Zweigen schwimmt schon der Himmel
davon, die Ferne schlägt an die Scheiben,
drüben, am Park atmen die Fenster ihr Innen aus.

Endlich!

„Πιστή στον επταετή κύκλο της, η Ζυράννα Ζατέλη έχει σχεδόν έτοιμο (640 από τις 680 συνολικά σελίδες) το νέο της μυθιστόρημα Το πάθος χιλιάδες φορές που αποτελεί τον δεύτερο τόμο της τριλογίας Με το παράξενο όνομα Ραμάνθις Ερέβους. Ο πρώτος τόμος, με τίτλο Ο θάνατος ήρθε τελευταίος, είχε κυκλοφορήσει τα Χριστούγεννα του 2001. Δουλεύοντας αυτόν τον καιρό σκληρά, στις διορθώσεις και στα δοκίμια του καινούργιου μυθιστορήματός της, η Ζυράννα («la Zyranna nationale», όπως την είχε αποκαλέσει η εφημερίδα Le Monde) δεν διστάζει να δηλώσει ότι αυτό το βιβλίο «είναι το πιο ζόρικο και το πιο απολαυστικό παιδί» της. Εχοντας δει μερικές σελίδες, νομίζω ότι είναι το πιο γερό βιβλίο της. Ξαναβρίσκουμε εδώ, με ανυπομονησία μετά την αναμονή των επτά χρόνων, τον κόσμο της Ζυράννας Ζατέλη, ένα μοναδικό σύμπαν που το στοιχειοθετούν αλλόκοτες ιστορίες και το κατοικούν η γλώσσα, η φύση και ζώα με ανθρώπινες ιδιότητες. Αλλωστε στο σπίτι της περιοχής του Μακρυγιάννη όπου κατοικεί η Ζυράννα μαζί με τις γάτες της Σέρκα (από το όνομα ήρωά της) και Ζαΐρα αναρωτιέται κανείς ποιος φιλοξενεί ποιον: η Ζυράννα τις γάτες ή οι γάτες τη Ζυράννα; „

„Ihrem Siebenjahreszyklus getreu hat Siranna Sateli ihren neuen Roman Το πάθος χιλιάδες φορές (Die Leidenschaft tausend Mal), zweiter Teil der Trilogie Με το παράξενο όνομα Ραμάνθις Ερέβους, Mit dem seltsamen Namen Ramanthis Erebus), fast fertig (640 von insgesamt 680 Seiten). Der erste Teil (Ο θάνατος ήρθε τελευταίος, Der Tod kam zuletzt) erschien Weihnachten 2001. Derzeit arbeitet die von der Zeitung Le Monde „La Zyranna nationale“ genannte Schriftstellerin hart an den Korrekturen ihres neuesten Romans und erklärt ohne zu zögern, dies sei ihr anstrengendstes und zugleich genußvollstes Kind. Nach der Lektüre mehrerer Seiten glaube ich, daß es ihr stärkstes Buch ist. Gespannt nach der siebenjährigen Wartezeit findet man darin die Welt Siranna Satelis wieder, ein einzigartiges Weltall, in dem es von seltsamen Geschichten spukt, und das von der Sprache, von der Natur und von Tieren mit menschlichen Eigenschaften bevölkert wird. Übrigens fragt man sich ja, wer wen beherbergt in jenem Haus im Makrygiannis-Viertel, wo Siranna Sateli mit ihren Katzen Serka (nach einer ihrer Romanfiguren) und Zaira wohnt: Sateli die Katzen oder die Katzen Sateli?“

Heißt es in der Ausgabe von To Bema (TO BHMA) vom vergangenen Sonntag (7.9.2008) in einer Kurzmitteilung.

So nicht

So geht es nicht.

Ich weiß nur, daß es so nicht geht. Nicht gut-, nicht los-, nicht weiter-. Seit Monaten sitze ich in einer quälend engen Kiste, versuche, eine Haltung einzunehmen, die nicht peinigend unbequem ist. Wie ich mich drehe und wende: Grenzen, Grenzen, Grenzen. Druckstellen an allen Orten, vorzüglich aber an den gestauchten Flügelspitzen. Mein Lebensplan, meine Lebensverfassung, nicht lebbar? Grimmiger Starrsinn wechselt mit sturztiefer Hoffnungslosigkeit. Zumal es um Grundlegendes geht, um Unentbehrliches, Wohnen, Essen, Schlafen. Geld, immer wieder Geld, das verhaßte Medium, worüber auch nur eine Minute nachgedacht zu haben eine verschwendete Minute ist, in meinen Augen.
Hoffnungslosigkeit: Weder Brief noch Siegel hab ich, nichts kann ich richtig, auskennen tu ich mich noch weniger, meine Ellenbogen sind schmal und weich, weil ich sie zum Nachdenken allzuoft aufs Knie gesâtzt hab. Ich weiß gleichwohl nichts, jedenfalls nichts, was hier gebraucht wird (so die ätzende Übereinkunft aller).
Der grimmige Starrsinn: Andere haben’s auch geschafft, arbeiten nur ein halbes Jahr, wohnen in Holz und Wald oder Baum, haben die Gewißheit, abends in die Stille einer geographielosen Nacht niederzufallen, sitzen vorm Ofen und sind glücklich ohne elektrisches Licht.
Ich kann Latein und Griechisch und verstehe mich aufs Einpacken von Seifenblasen, sowie auf den schwindelnden Bau von Luftschlössern, Windburgen und Wolkenkuckucksheimen. Denke Wege ins Weglose, erfinde Wörter für Farben, die es nicht gibt und lausche dem Wind seine Geheimnisse ab, großohrig. Gebe auch gerne ambigue Prophezeihungen für zukünftig scheiternde Feldherrn. Jemand eine Beschäftigung für mich? Ein Mäzen? Ein Luftschloßritter, der seinen Töchtern Horaz nehebringen will? Ein Grenzflußüberschreiter? Ein Wolkenkuckucksheimbauherr?
Es bleibt: Den Gürtel enger schnallen, den Kopf in den Wind stecken und einfach nicht akzeptieren wollen, daß die selbstverständlichen Dinge heute unbezahlbar sein sollen.

Geschichten, wie sie das Leben schreibt

Ich habe nie begriffen, was an geschichten gut sein soll, „wie das leben sie schreibt“. soweit ich weiß, schreibt das leben vor allem banale geschichten, solche, die kein verleger drucken würde. nehmen wir beispielsweise das ende einer der letzten diktaturen europas, das land spielt keine rolle, da gab es eine friedliche umwälzung, der regierungspalast wurde von einer fröhlichen menschenmenge gestürmt, der regierungschef war damit faktisch abgesetzt; niemand griff ein, das militär nicht, die polizei nicht, kein schuß fiel, niemand kam zu schaden, und als die bürger sich stunden später verblüfft die augen rieben, war eine regierung, ein system und eine ära zu ende. so weit so gut. aber jetzt kommt das wahrhaft schöne, das, was dieses ereignis zu einer geschichte macht, oder gemacht hätte, wenn es wahr wäre: es hieß nämlich bereits wenige stunden später, die bewegung der am fuß der treppe wogenden menge die stufen hinauf und ins innere des palastes hinein sei durch ein kleines kind ausgelöst worden, das sich aus der hand seines vaters befreit hatte und, die kühnheit seiner schritte nicht ahnend, die stufen erklommen habe, so daß der vater ihm nachgesprungen sei; und dieser bewegung hätten sich sogleich einige und schließlich viele spontan angeschlossen, bis im schneeballeffekt der palast regelrecht gestürmt worden sei.
eine schöne geschichte, wie gesagt, wenn sie wahr wäre. denn nicht das leben hatte sie geschrieben, sondern irgendein nach geschichten hungernder geist (der sich vielleicht an eine schlange und ein blankgezogenes, in der sonne blitzendes schwert erinnert hatte); jedenfalls konnte sie so nicht bestätigt werden. so schön ist das leben nun einmal nicht, und deshalb, warum sonst, braucht es geschichten, als entwurf einer wahreren welt. und das schöne ist: diese innere wahrheit kann niemals angezweifelt werden. vielleicht hat es das kind auf den treppenstufen des palastes gegeben, vielleicht nicht. daß aber die schlacht zwischen Artus und Mordred durch ein leichtfertig gezogenes eisen ausgelöst wird, oder daß Philemon und Baucis in bäume verwandelt werden, ist unbezweifelbar „wahr“. indessen wäre aber eine geschichte, in der der böse wolf von rotkäppchen geküßt und in einen schönen prinzen verwandelt wird, nicht „falsch“ (in welchem sinne denn auch?). man könnte nicht ausrufen, „das stimmt doch gar nicht!“, höchstens „die geschichte geht anders“, was nicht dasselbe ist. insofern ist jede geschichte wahr, sobald sie erzählt wird. deshalb ist, auf ihre weise, auch die geschichte vom kind auf den stufen des regierungspalastes wahr, dann nämlich, wenn man sich die geschichte vom kind auf den stufen des regierungspalastes erzählt; sie ist so wahr, wie es eben nur eine geschichte sein kann. nicht eine, wie das leben sie schrieb. sondern wie man sie sich manchmal für das leben wünscht.

Aus unruhigen Träumen (ein Auto, ein fremdes Land, Gefahr von Anschlägen, von Kugelhagel) erwacht zu unbestimmtem Unwohlsein. War es Übelkeit? Atemnot? Eine Art von Beklemmung, als hätte ich abgestorbene Luft geatmet. Das Zimmer, das Fenster, die Nacht totenstill, warm, unbeweglich.
Ich riß das Fenster ganz auf, atmete mehrmals tief durch, reckte mich und legte mich vorsichtig wieder hin. Ein Weilchen blieb ich noch wach, prüfend, ob die Übelkeit wiederkäme, schlief dann aber schnell wieder ein.
Später ein weiterer Traum. Nicht daß ich je solche Träume gehabt hätte, als ich wirklich eine Abschlußarbeit schrieb. Träume, in denen ich am Tage einer Premiere nicht eine einzige Zeile Text konnte, hab ich auch immer erst Jahre nach der Aufführung geträumt. –
Wann denn der Termin für die Anmeldung sei? frage ich im Traum einen Kommilitonen.
Ach, da könne man immer vorbeigehen, das ganze Jahr durch.
Nein, nein, wann denn die Frist sei?
Im April sei das gewesen für den Wintertermin; das paßt mir gar nicht. Ich überlege. Dann muß ich den Sommertermin nehmen. Das heißt, es wird April, Mai 2009. So lange noch!
Ich tröste mich mit dem Gedanken, daß ich ja, angemeldet oder nicht, schon einmal anfangen könnte zu schreiben, da ist der Traum zuende und ich erwache.

Wiederkehr des Gleichen

Was mich noch an die Grenze zum Wahnsinn befördert: Die Kraft der Dinge, Wiederzukehren, ihre zyklische Gewalt und Eigengesetzlichkeit. Da waren wir doch schon, sagt mir mein Spiegelbild, und haben wir zwei nicht schon einmal gelitten wie ein Hund, und haben wir es nicht schon einmal von neuem nicht glauben wollen, und hat es uns nicht schon einmal nichts und abernichts genützt, daß wir’s schon vorher wußten? Sagt mein Spiegelbild und grinst schief. Was willst du? Es so lange drauf anlegen, bis dir deine Lächerlichkeit von außen ins Gesicht geschrieen wird? Daß du es endlich glaubst?
Gib’s auf, gib’s auf! ruft er mir zu, und auch das hatten wir schon einmal.

Und das Mädchen

Sie sitzt mit dem Rücken zum Fenster und blickt in einer Art ruhiger Aufmerksamkeit in den Raum, vielleicht auf die Landschaft, die vor der gegenüberliegenden Fensterreihe wahrscheinlich vorbeigleitet. Auf ihrer großen, seitlich den Blick auf die Nase versperrenden Brille mit Kunststoffgestell gleiten jedenfalls schwache Bilder. Ihr Gesicht sieht aus wie das von Leuten, die mit dem Zucken des Nasenflügels ihre Brille hochschieben können. Hinter der von Kinn, Hals und Schulter gebildeten Bucht schwebt eine Haarsträhne, vom Licht, das durch die Scheiben flackert, mild durchleuchtet, und im Maße ich sie beobachte, die einwärts gerichteten Fußspitzen, die linke Hand über der kurzfingrigen Blässe der rechten, die kleine Uhr mit Lederband: überkommt mich plötzlich eine große Traurigkeit, lähmend und auswegslos, darüber, daß ich sie so ansehe, so genau, so kühl, eine Wehmut darüber, daß ich sie studiere und abmustere und mir alles merke, alles: Je länger dieser Blick dauert (ein gieriger, wenngleich nervöser Blick, der sich nach Ruhe sehnt), desto stärker wird die schmerzende Gewißheit, am falschen Ort zu sein, oder anders, nicht am falschen, sondern am furchtbar richtigen, das Gefühl, zu groß für diesen Raum zu sein, zu atmend:
Sie sitzt, als warte sie auf ein Du, in einem Kreis aus Licht oder Dunkelheit, das ist nicht so genau festzustellen für meine Dämmeraugen. Der Reifen ihres aufgebockten Fahrrads dreht sich und dreht sich und dreht einen blitzenden Speichenwirbel durch den Fahrgastraum, daß es klingt wie die scheußliche Stille nach einem Sturz, einem letzten Schrei. Das Mädchen blickt über mich hin, streift mich, ohne mich zu sehen, läßt den Blick wieder forttrudeln nach draußen, wo die Landschaft immer weiterzieht. Sie trägt eine sehr enge, tiefausgeschnittene, olivfarbene Bluse, deren Ärmel ganz kurz sind, kaum über die Schulter reichen und den Arm achselknapp umschließen, den milchweißen, matten, glatten Arm; spielerisch sieht das aus, wie geprobt, wie von einem Kind getragen. Geprobt und wie mal so eben ausprobiert sehen ihre Brüste aus, als hätte sie sich noch nie mit ihnen beschäftigt. Der Stoff der Bluse ist bedruckt mit großen Blatt- und Blütenformen in rosa und türkis und blaßorange, wie ein Märchenwald, ein Zaubergarten. Eine große aufgefächerte Nelke blüht genau auf der linken Brust, als sei dieser Stoff und die Blume ihre eigentliche Haut, wie eine natürliche Effloreszenz der Drüse selbst, oder aber eine Botschaft: Geh vorüber, rühre mich nicht an!

unerreichbar

im frühjahr falle ich stets aufs neue aus den büchern und den geschichten. vielleicht sind es die gemeißelten helligkeiten, vielleicht der klang. in dieser wie angestoßen, glockendröhnenden welt (eine welt des beginns) sind die möglichkeiten derart wirklich, daß ihr gegenstand völlig unmöglich wird. wovon man vor einer stunde noch zu träumen imstande war, jetzt ist es so unausweichlich da, daß die entfernung, der lebensabgrund von den eigenen fingerspitzen dorthin, unüberbrückbar geworden ist
die janusköpfigkeit der schönheit – aller schönheit – die zugleich hier ist und im augenblick des schauens und schauerns bereits nicht mehr – nie – erreicht werden kann, ein beständig sich erneuerndes hoffen-getäuscht-werden. selbst wenn ich das erreichte, wovon ich glaube, daß es der gegenstand des sehnens ist – so wäre es in diesem augenblick schon nicht mehr das ersehnte, bei allem gewährten glück nicht.

Nochmal Wut

Wieder die Wut. Bei Schneetreiben (die Flocken erst hart und trocken von Gemütz und Gejack springend, später naßklatschig und durchaus ekelhaft überall anhaftend) und viel Wind, der kurioserweise an jedem beliebigen Punkt meines Rundweges von vorn kam, eine Stunde lang durch den Wald gelaufen, immer mal wieder brüllend vor Zorn und, wenn’s mit dem Geflock gar zu arg wurde, mit fuchtelnden, quixotesquen Abwehrbewegungen des Armes und der Hände dahinstolpernd.
Wer da behauptet, der Ausdauerdisport sei gut für die Psychohygiene, weiß einfach nicht, wovon er redet.

Deutlicher als jemals bin ich heute abend der Überzeugung, daß mein äußerlich so geruhsam-normales Leben eine nur mit äußerster Anstrengung aufrechterhaltene Routine ist. Eine kleine Störung, eine winzige Änderung der Balance, eine minimale Anforderung mehr, etwas Unvorhergesehenes ‒ und aus ist es mit dem Gleichgewicht.
Hatte gerade den wohl schlimmsten Wutanfalls meines Lebens.
Stocherte zuerst mißmutig im Blech herum, merkte, das funktioniert so nicht, und dann war es auch schon passiert. Krallte plötzlich meine Finger in das Gebrösel der mißlungenen Muffins, quetschte es zu Brei, warf es durch die Küche, ließ das Messer hinterherfliegen, donnerte Türen zu, heulte tobte schrie, schlug mit der Faust gegen die Wände, warf Schuhe durchs Zimmer, schlug die letzte noch offene Tür zu, daß der Schlüssel herausklirrte, und vergrub dann endlich mein Gesicht im Kissen und brüllte und schluchzte, die Fäuste ins den Stoff gekrampft, die Tritte in die Luft gegen den imaginären Feind von Mal zu mal schwächer.
Ich kann nur froh sein, daß nichts wirklich Wichtiges zu Bruch gegangen ist. Ich vermute, es ging dabei nicht um die mißlungenen Muffins. Aber worum ging es?
Müde jetzt. Ich geh dann mal schlafen. Gute nacht.