Es ist gar nicht schlimm, sich etwas vorzumachen, solange man nur dauerhaft darin erfolgreich ist.
Kategorie: Werke & Tage
solstitium
so wie ein pendel im steigen noch fällt und steigt schon im fallen
. weist ihr erneuerter pfeil über die tiefe hinaus.
Ein Traum, der die Frage ausstellt, ob wir uns nicht küssen dürfen. Ein Schuttkegel, klettersteil, in einem Innenraum, darauf bewegen wir uns unsicheren Schrittes. Steine lösen sich, Geröll und nasser Sand geraten fortwährend ins Rutschen. Oben ich, weiter unten sie, die ich küssen könnte, wir könnten uns, und oh, es wäre so süß. Aber etwas trennt uns. Zu den Voraussetzungen des Traums gehört ein Verbot. Ein unbegründetes Es-geht-doch-nicht. Ich klettere hinunter. Wir sehen uns nicht einmal an.
Eine Amsel pickt am Schlaf. Erwacht mit ungeküßter Sehnsucht, haltlos.
freitag
die platane ballt ihre hundertarmigen fäuste, und der himmel voller rauch, man könnte meinen … man könnte meinen …
jetzt hab ich es vergessen.
stimmengeraune: wie ist es süß. sich da einfach einsinken zu lassen, in ein weiches gewebe, eine matte, ein netz … aus stimmen. die platane steht still, die spinne hebt ein bein. man sagt, die sonne werde scheinen am nachmittag. man sagt, die mitarbeiter seien in streik gegangen, man bedauert, versehentlich sei ein kind getötet worden (ups, ’tschuldigung), undsoweiter, am bahnhof spucken die ausflugsschüler kaugummibrei, später, zu hause, sitzt man ein wenig, nachdem man geplaudert hat mit der süßen mitbewohnerin, man sitzt, und die fenster sinken vor müdigkeit in ihren fassungen zusammen, stellen trübe schleier zur schau und vibrieren anmutig, vom stimmengemurmel wie vom lachen freundlicher gespenster.
irgendwann dann der regen. fühlt sich an wie ein freitag.
vorm rechner
dieser augenblick kurz vorher, … zwischen schweben und fallen … dieser augenblick, dieser splitter, den der sekundenzeiger abschlägt, dieser moment, wenn die geräusche plötzlich durchscheinend werden, dieser augenblick, wo die schlacke plötzlich über die augen rieselt … wenn die fingerspitzen ertauben und die zunge sich in einen merkwürdigen winkel des gaumens eingerollt hat, dieser augenblick, wo jemand spricht, wo jemand bereits gesprochen hat, wo jemand etwas eindringliches schon gesprochen hat, dieser augenblick der stille danach, wo plötzlich alles ganz nah ist, dieser augenblick, wo die haut riesig sich aufwellt, wo plötzlich ein bein bis in den hof hinabreicht, während jemand in der tür steht, während jemand in der wand steht, in der wand, aus der wand, ein wort sich aus der wand löst und tropft, tropft, tropft, ein dicker strom, während ein wortstrom aus einem einzigen großen– …, ein wortbrei, eine klangwolke, eine zähe pechige wolke aus trägem wort, … während die wände von einem wort verbogen sind, und der raum sich ausschütten will vor lachen, über ein wort, über ein totes wort … tot wie holz … und die beine in den teppich hineinwurzeln, und die finger sich in eine spinne verwandeln, die davonkrabbelt ohne vom fleck zu kommen, und der atem flacher wird, während jetzt, plötzlich, über der blankweißen wand, ein schnappen auffährt, während ein gewaltiges brüllen ganz ganz leise wird, zwischen daumen und zeigefinger, das anreißen eines streichholzes, ein herzschlag, ein atemzug, ein speichelfaden, der wieder zurückführt zum anfang, der wieder zurückführt zum wort, das wieder zurückführt zur enter-taste, die wieder zurückführt in den augenblick vor dem augenblick, da man mit dem kopf auf der tastatur aufschlägt.
…
vielleicht sollte ich noch früher schlafen gehen. vielleicht ist es die müdigkeit. ich wäre so gerne einfach gelassen. heiter muß gar nicht. nur nicht immer so sprachlos zornig.
Junger Mann …!
Einer der vermeintlichen Vorteile des Älterwerdens, auf den ich nach wie vor warte, ist die korrekte Anrede. Jetzt bin ich bald vierzig, aber nein, immer noch schallt mir ein nörgelndes „Junger Mann …!“ hinterher, wenn jemand sich erfrecht, mich zurechtweisen zu wollen. Ich hab’s so satt. „Junger Mann“, das geht einfach gar nicht. Das ist das allerletzte. Nicht nur linguistisch-pragmatisch (weil es aufgrund seiner lexikalischen Semantik unangebracht ist und sein Gebrauch daher über diese Semantik hinausweist), sondern auch, weil sich in dieser Phrase die Bereitschaft, mich maßzuregeln, spiegelt, ja schlimmer, das Empfinden der Legitimität der Maßregelung ihren sprachlichen Ausdruck findet. Ich frage mich ja, wie lange es noch dauern soll, bis die verhaßteste aller Anreden als nicht mehr adäquat empfunden wird – braucht es die Krücke und die Gesundheitsschuhe in fleischfarben? Das schlabbrige Sakko, die Hornbrille, der Irisch-Moos-Duft?
Spannend auch die Vermutungen, was an die Stelle von „Junger Mann“ treten wird. „Gnädiger Herr“ fände ich ja schon seit vielen Jahren meinem Lebensgefühl angemessen, ist aber bei der überwiegenden Mehrheit der Bevölkerung leider nicht mehr im aktiven Wortschatze zu finden.
from cover to cover
nun also endlich auch den Ascheengel von Maria Lambadaridhou-Pothou fertiggelesen. begonnen 2002, im herbst der ersten wanderungen, im ersten herbst mit E., bald entnervt liegengelassen. viel später dann, als es keinen herbst mehr mit E. geben würde, wieder aufgenommen, abermals weggelegt, fast schon aus dem haus gegeben, und jetzt, endlich, fünf jahre, nachdem ich es (zum ersten mal) begonnen habe, fertig gelesen. es ist, als müßte ich alles liegengebliebene aus jener zeit abarbeiten, erst den Aragon, der mir empfohlen worden war angesichts des letzten bruchs mit E., auch dies ein buch, das mindestens drei anläufe brauchte, und jetzt eben den Ascheengel, beide bücher eine qual, jedes auf seine eigene weise.
Und jetzt
Und jetzt?
Vorabend
Heute, am Vorabend, beschäftigt mich nicht so sehr die Prüfung selbst, als vielmehr die weiteren Folgen der unumstößlichen Tatsache, daß es mit dem Studieren dann vorbei sein wird.
Wieder geht eine Zeit zu Ende, in der ich, wenn auch viel weniger stark durchdrungen als beim ersten Mal, dennoch aufgehoben war in einem System von Bezügen, Bedeutungsnetzwerken, Symbolaktualisierungen, Symbolverhandlungen. Ein Modewort fällt mir ein: Diskurs. Ich habe an einem Diskurs teilgenommen, und das bedeutet: Ich war in einer Sprache zuhause, und in einer Welt, die nur durch diese Sprache lebte, weil sie von dieser Sprache geschaffen wurde. Mit dieser Sprache werde ich nun allein sein. So etwas tut weh wie der Verlust einer Heimat. Man hat ein Häufchen Erde dabei und die Kinderlieder und Aufzählreime, aber mit wem könnte man sie noch singen? Man krümelt die Erde durch die Finger bis sie ganz fein geworden ist, aber irgendwann wird sie den Geruch nach Ferne und Fremdheit angenommen haben.
Nicht nur dies, die Begegnungen, so flüchtig und oberflächlich sie auch waren, werden mir fehlen; wiedersehen werde ich kaum jemanden; Freunde sind keine geblieben. Plötzlich fehlen mir diese Menschen, und sei es auch nur, weil sie eine Stelle waren, wo es einen Knoten mit dem Außen gab, einen Wirbel, eine Überschneidung. Das einzige, das mir bleibt, ist die Welt, in die ich die letzten vier Jahre eingetaucht bin, und die ich nun in mir trage, wie das Häufchen Erde. Wieder verschwindet ein mit anderen geteilter Punkt des Außen-Ichs, krümmt sich eine Berührungsfläche in sich zusammen und entläßt mich zurück ins Binnen-Ich, wo ich allein bleibe mit meiner einsamen Kunst.
Klausurvorbereitung (3)

Klausurvorbereitung (2)

Klausurvorbereitung (1)

Beim Laufen
Irgendwo bei km 18 oder 20 zwischen Witterschlick und Röttgen überholen mich zwei fahrradfahrer, und noch in ihrem herannahen höre ich mich angesprochen, Sie haben …
Ich füchte schon, gleich vernehmen zu müssen, was für ein riesen ekelhaftes getier mir am rücken klebt, aber nein:
… Sie haben aber einen schönen laufschritt! ruft eine sportliche dame mit pausbackigem gesicht mir auf augenhöhe zu.
Danke! rufe ich fröhlich und etwas verdaddert, und ihr begleiter strahlt mich an und fügt hinzu: kompliment! Dann sind sie um die nächste kurve und davon.
Auch wenn ich davon nicht schneller wurde und der glykogeneinbruch dann doch kam – die nächsten vier km trug ich hermessche flügelschuhe. Es ist schon merkwürdig, wie wenig die eigenwarnehmung manchmal der wahrnehmung der anderen kongruent ist. ich, der ich mich immer für linkisch halte, für einen unmotorischen geek, soll also jetzt einen schönen laufstil haben. Ha, wer weiß? Am ende wäre ich vielleicht sogar ein begnadeter tänzer.
Abends im Mauslwurfsbau
da sitzt man nun also in seinem maulwurfsbau, ein gefülltes glas neben sich auf dem tisch, fenster auf kipp, schnellstraßen von ferne, etwas feuchtkühle waldluft, von der man sich fragt, wie sie es hierher geschafft hat, so sitzt man im licht, landkarten, wege, kilometerzähler, und ab und zu nimmt man einen schluck, und plötzlich ist abend, da ist es, als hätte man auf diesen augenblick gewartet, auf so einen augenblick im frühsommer, wenn die luft umschläft von lau zu kühl und die letzte amsel verstummt ist, während bestimmte blüten sich jetzt den faltern öffnen und die gärten zu duften anfangen, so ein abend, so ein augenblick, wo man sich plötzlich der brennenden füße bewußt wird, der salzränder unter den achseln, dem glühen im gesicht, dem getrockneten schweiß im hemd, genau so wie früher, als man barfuß lief und das laken im kinderbett fußseitig schnell grau wurde, aber jetzt, wo er da ist, dieser moment, weinglas und fenster auf kipp und sommer und barfuß und das alles, da weiß man auf einmal nicht mehr, warum, und: ich sach ma tschöh, sacht der tach und ist weg, bevor’s bei mir ankommt. und das glas, tja, das glas ist noch nicht einmal zur hälfte geleert.
Beim Lesen
Gerade gelesen (ich übersetze aus dem Griechischen):
Er spürte, daß er diese verdichtete Wirklichkeit nicht ertrug, dieses unersättliche Präsens, ohne Widerhall. Er ertrug nicht die Undurchsichtigkeit einer Gegenwart, die von der Vergangenheit des Mythos abgeschnitten war. (M. Lambadharídhou Póthou, Ο Αγγελος της Στάχτης, 302)
Genauso hat es sich angefühlt, als ich durch einen verzauberten Hain geschritten war, einmal und Jahre danach noch einmal, so habe ich es empfunden, später, nachdem ich das alles lange verlassen hatte. Plötzlich gab es nur noch die Gegenwart: dicht, ohne Tiefe, undurchdringlich und unerträglich ausschließlich vorhanden.
ansonsten:
ein labiles gleichgewicht. meine melancholie ist längst so eine mit spinnweben dran. das bestimmt allerdings nur die art, nicht das leuchten, der melancholie
ansonsten: melancholisch, je sommerer desto -ischer. nun ja. alles lange her. ebenso lange her wie die zeit währte, da wir zusammen waren.
und das alles auch noch in den armen einer neuen beziehung, die daran nichts ändern kann. eine imaginäre untreue: ich betrüge meine frau mit einer erinnerung.
morgens
heute morgen wieder dieser sanfte dunst, der immer an den herbst erinnert: was der raum an tiefe verliert, das gewinnen die düfte, die ausdünstungen einer müden erde, man atmet es, blickauf steht der hang in schlieren, und das gestern ist deutlicher als das heute. eine unwucht, ein nachhängen der wahrnehmung. wären da nicht die blüten, das frisch aufgebrochene, noch etwas hilflos-blasse grün, man hielte es für einen oktobermorgen. die geräusche sind flüchtiger als sonst, der lärm rascher verklingend, und als hätte sich eine art film auch auf die zeit selbst gesetzt, ist jedes trippeln und laufen, ist jede hast ein widerstrebendes gleiten.
wie es war
als wäre man ein wort, ein buchstabe, ein laut ein klang in einem gedicht, oder wenigstens … das atemholen an seinem beginn.
aufräumen
du fragst, wie es mir geht — ganz gut, glaube ich. ich bin immer vorsichtig mit beurteilungen meines eigenen zustandes, aber ich kann wohl sagen, daß es mir gut geht. die vorlesungszeit geht diese woche zuende, ein sehr schwieriges semester liegt hinter mir, ich habe die klausur gut bestanden und obendrein kann ich im frühjahr die magisterprüfung ablegen.

ich habe das gefühl, plötzlich wieder kraft zu haben, und die luft ist plötzlich leicht und herrlich zu atmen. nichts drückt mehr auf der brust, wie es so viele wochen — und das bemerke ich jetzt erst so richtig — mir wie stein, stahl und sturm den atem nahm. ich komme mit weniger schlaf aus, das laufen macht wieder freude, und ich mache mich langsam daran, ordnung in mein leben zu bringen. mein zimmer ist der anfang. aufräumen, ausmisten, umstellen, neu ordnen, licht in winkel fallen lassen, die jahre in staubigem dunkel lagen und zähen, hemmenden schleim angesammelt haben. ich wühle drin herum und bewege gegenstände, die so lange unbeweglich waren, daß sie eine todesstarrheit um sich verbreiten. ich puste, und der staub von jahren wirbelt davon und fängt plötzlich munteres licht ein. die fenster stehen sperrangelweit auf. alles soll hell und freundlich, sauber und warm sein, und dann wird es vielleicht auch wieder hell, sauber und freundlich in mir.