In dieser Phantasie beschäftigen mich als erstes ihre Socken. Es sind weiße, flauschige Socken, Frottée, oder Tennissocken, und in dem Moment, wo der Film einsetzt, trägt sie nicht viel mehr als diese. Aber darum, also um ihre unbedeckten Körperstellen, geht es zuerst gar nicht, es geht nur um ihre Füße in den weißen Socken. Diese Socken sind leuchtend weiß, sauber, frisch, aber getragen, nicht gerade angezogen, die ganze Situation ist die des umgekehrten Vorgangs, nicht des Anziehens, oder der Unterbrechung des Anziehens, sondern seines Gegenteils. Das meiste fehlt schon. Ich nehme an, sie trägt noch den Schlüpfer, über dessen Farbe, Material oder Beschaffenheit die Phantasie an diesem Punkt keine Aushünfte erteilt, sie verweilt bei den Socken, die, wie gesagt, sauber und frisch sind und doch etwas Gebrauchtes, etwas In-Anspruch-Genommenes an sich haben, das eine innige Verbindung zu ihrer Trägerin aufzeigt; sie sind kein zufälliger Fremdkörper, den man sich am Morgen überstreift und der zunächst auch fremd bleibt, unzugehörig, gewöhnugsbedürftig, wie auch er, der Gegenstand, die fremde Hülle, sich erst an uns, an die Trägerin, gewöhnen, sich ihr anverwandeln muß: Diese weißen nicht mehr ganz flauschigen Socken haben die Fremdheit überwunden und sich ihrer Trägerin bereits anverwandelt, und so sehen sie aus, so fühlen sie sich an (würden sich anfühlen, wenn man sie berühren würde), man merkt ihnen an, daß Esther sie getragen hat, einen langen Tag, eine lange Reise, daß sie über die Stunden dieses Tages hinweg, auf Bahnhöfen, in Zügen, auf Straßen, in einem Café, ein intimer Teil Esthers geworden sind, indem sie ihr so lange so nahe waren, daß sie Esther begleitet haben, daß Esther sie heute morgen mit einem bestimmten Gedanken (zu dem vielleicht auch ein Bild oder eine Vorahnung, wenn nicht sogar der Wunsch oder das Verlangen nach einer Situation gehört hat, wie die, in der sie sich jetzt mit mir befindet, nämlich, fast entblößt, nach Ablegen einiger Quadratzentimeter Stoff und mit der festen Absicht körperlicher Vereinigung, bald in den Zustand gänzlicher Nacktheit überzuwechseln), daß Esther sie also heute morgen mit solchen Gedanken oder unter anderem auch solchen Gedanken über ihre Füße gerollt hat und daß sie dann die ganze Zeit bei ihr waren, während Esther auf der langen Fahrt Zeit genug hatte, dieses und jenes zu denken, zu ahnen und zu wünschen, und daß sie die ganze Zeit diese weißen Socken trug, so lange, daß der Stoff ein bißchen ihren Geruch angenommen und damit etwas wie ein Fluidum von Esthers Existenz, ihrem Wesen, nicht allein als Körper, sondern auch als wünschendes und hoffendes Wesen, aufgesogen haben. Das beschäftigt mich sehr, wiewohl so etwas ja nur Sekunden dauert in der Realtität, wo wir es meist eilig haben, die Socken von den Füßen zu streifen (ich ihre Socken). Mich beschäftigt, wie Gegenstände, Kleidungsstücke zumal, etwas von der Person in sich aufnehmen, die sie trägt, ich meine nicht allein das offensichtliche, den Geruch, die Wärme, die Ausbeulung von Knöcheln und Gelenken (auch umgekehrt fasziniert mich der Eindruck, den Kleidung auf die Trägerin ausübt, die Rillen, Muster Streifen, Falten und Abdrücke von Strickmaschen auf der leicht geröteten warmen Haut), sondern auch in der Vorstellung, in der ideellen Verbindung, die der Stoff, das Gewebe, das Material mit Haut und Fleisch oder Haar eingegangen ist, einfach nur, indem diese unbelebte Materie der atmenden Haut so nahe war, daß sie fast eins geworden sind, bis zu dem Moment, wo sie sich in einem elektrisierenden Knistern wieder voneinander trennen, so wie jetzt, während ich in meiner Phantasie die Socken langsam von Esthers Füßen schäle.
Kategorie: Nicht mit gar zu fauler Zungen
Martial III, 87
Narrat te rumor, Chione, numquam esse fututam
atque nihil cunno purius esse tuo.
Tecta tamen non hac, qua debes, parte lauaris:
si pudor est, transfer subligar in faciem.
Chione, man sagt, es habe gefickt dich noch keiner,
und nichts Reineres gäb’s, als deine Möse, weithin.
Trotzdem wäschst du dich nicht an der Stelle, wo du es müßtest:
Wenn du Schamgefühl hast, häng dir den Rock
vor’s Gesicht.
Hermaphroditos
Noch einmal von einer Fellatio geträumt. Nein, nicht sie mir, sondern ich – ihr. Ja, ihr: Sie besaß nämlich, so fügte es der Traum merkwürdig zusammen, ein Organ, wie man es bei Frauen an dieser Stelle sonst nicht findet, und dieses Organ funktionierte ganz genauso wie es bei einem Mann für gewöhnlich funktioniert. Unter einer Decke zwischen Elenas Beinen hockend (ihr Gesicht, weit oben, war verborgen), hatte ich ihre Eichel (was für ein rätselhaftes Pronomen in diesem Kontext) im Mund und rieb mit der Zunge über das Frenulum, hatte die Hand mit sanftem Druck auf die Stelle gelegt, wo die Haut des Penisschafts in die Haut des Scrotums übergeht, und zog in langsamem, melkendem Rhythmus. Es dauerte nicht lange. Elena stöhnte, rief, gedämpft durch die Decke, etwas, das sich wie ein Protest anhörte, zuckte dann ein paarmal kurz aus dem Becken heraus, und im selben Augenblick strömte etwas Lauwarmes in meinen Mund, dicklich-süß wie Hafersuppe. Ein paar Silbertropfen glänzten auf Elenas Bauch. Fasziniert und voller Erregung, konnte ich mich dennoch nicht zwischen schlucken und spucken entscheiden. Indes machte mir Elena, alles andere als beglückt, zornige Vorwürfe: Sie hätte doch nicht kommen wollen, sie möge das nicht, weil ihr die Vorstellung unangenehm sei, daß ich das, was sie absondere, in meinem Mund habe, sie fände das ekelhaft.
Ich fand es wundervoll. Ich glaube, ich hatte ein bißchen ein schlechtes Gewissen, als hätte ich Elena zuvor versprochen, rechtzeitig aufzuhören, und ihr Vetrauen mißbraucht. Andererseits, dachte ich, warum sind Frauen manchmal so pienzig?
Was war das nun? Was für Wünsche und Sehnsüchte materialisierten sich da? Ich war beim Aufwachen wie berauscht. Nein, ich selbst hatte keinen Höhepunkt erlebt, vielmehr hatte sich der ganze Genuß einzig auf das Fühlen dieses fremdvertrauten Organs in meinem Mund und darauf konzentriert, wie Elena auf meine Liebkosungen reagiert, ihre Hüften gestreckt und gezuckt hatte und, gleichsam gegen ihren Willen, überwältigt, gekommen war. Ich empfand eine verzückte Wehmut beim Erwachen, eine untröstliche und süße Enttäuschung darüber, daß es so etwas ja nicht gibt, daß ich diese Erfahrung nicht machen werde, obwohl ich vor Neugier brenne; weil, wenn an dem Organ ein ganzer Mann festgewachsen wäre, die Hemmung jede noch so brennende Neugier bei weitem überwöge und es mich abstoßen würde, das zu tun, was der Traum mich mit der so wundersam ausgestatteten Elena hatte tun lassen … Und weil ich mich nur trauen würde, wenn eine Frau so ein Organ hätte; und schließlich auch wieder einmal darüber daß wir, Elena, alle Frauen, ich, alle Männer, für immer in unserem Geschlecht gefangen sind (für uns selbst und für den anderen) und zeit unseres Lebens nur herumrätseln können, wie es für die andere Hälfte unseres ursprünglich-zwittrigen Wesens sich anfühlen mag, liebkost zu werden – oder sich selbst zu liebkosen.
Träume
Alle paar Nächte jetzt diese Träume. Machen traurig und wild, machen verlegen und ängstlich, stimmen zärtlich und verwirren, und die Vögel, beim Erwachen, hören sich an, als seien sie wo übriggeblieben. Die Abgliederung von Fenster, Bettpfosten, die Schatten alles so exakt, daß man daran verzweifeln könnte, unausweichlich.
Wo waren wir und wer war sie? Wo ist sie jetzt? Wo, zum Teufel, bist du selbst? Das Zimmer, die Sachen, in denen dein Schweiß noch steckt und nach gestern riecht, die Trauer abgelegter Textilien, und auch nur deine eigenen, jetzt bist du einfach nur hier, hier, am trivialsten aller Orte, und es ist zum Heulen, während doch gerade noch, zu nah und unerreichbar für jede Uhr, unmeßbar, du festverwoben warst in Herzvollstes. Da war eine … Eine, die dir Geheimnisse verriet. Eine, die dir Geständnisse machte. Du, ich muß dir … Ich glaube, ich bin ein bißchen … Glücksbangigkeit. Alina D., Anna E., oder wen sie im Traum sich deuteten. Wirwirwir. Spazierwege handinhand. Kein Kuß, das Versprechen eines Kusses. Und immer die Schuld. Das Schonversprochensein, das allem entgegensteht.
Alles schon erlebt, und der Traum hält dir das noch einmal hin, das ist das Schlimme. Wie du dieses Gefühl kennst, erlebt hast, dachtest, bis zur Neige. Nie genug, siehst du jetzt ein, während du in die sauren Klamotten steigst, unerlöst und zurück auf das riesige Kissen starrst, wüstenleer.
Nach einem solchen Traum ist der ganze Tag überzuckert. Trifft man dann auf ein Diesseitslächeln, die Frau in der Wirklichkeit, nicht auszudenken, da schießt einem heiß das Blut ins Gesicht, man starrt und bringt kein Wort mehr heraus. Obwohl sie auf dieser Seite der Träume nichts mit dir zu tun hat. Sie ist dir fremd wie nur je eine. Oder war es gerade deshalb, weil?
Ex Libris
Wieder einmal sind die Bücher mehr. Du lebst aus Büchern, du lebst durch sie, du saugst dein Lebenselixir aus ihnen, das, was in dir war, schon immer, und was dir jetzt widergespiegelt wird aus dem Imaginiert-Realen oder auch Real-Imaginierten. Balancieren auf einer Grenzfläche, solange die Konzentration der Einbildung, des Vorstellungswillens nur währt, bereit, zu beiden Seiten ins Diesseits der Ernüchterung abzustürzen, krank vor Eifersucht auf dich selbst, auf das Wunderleben, das an deiner statt das andere du dort lebt.
…
dunkelstes:
das wiedererwachen. die zerbohrten kußkanäle. der raum zwischen blitz und finger.
hellstes:
die angst. die feder. das einzige bleibewerkzeug.
längstes:
der maulwurf. der wappenbaum. der raum zwischen wand und hand.
Auf dem nachhauseweg
manche blumen blühen nur nachts, da könnte man lange dunkelheiten umschichten, so zielsicher wie die meerenen flügel des falters wirst du nie für die grenzflächen der angst gewonnen sein.
hier ist der kühle docht, sieh, wie er geschwollen ist vom dunkel. auf kleinen zetteln verteilt: ein lächeln, das protokoll eines abends, lampions überm kiesenen strom. auf manchem heimweg ist die luft von haaren bewachsen, daß es schwelgt von puppigen augenlidern. gelbe türen, gebohrt ins abgeschiedensein von glasstille, halten das licht offen. tritt ein. gerade noch mit dem gestern beschäftigt, gelingt nun mit zittriger schrift dem müll ein epitaph. späteres wechselt mit früherem, heimgänge mit weinenden frauen, mutiges mit zimteis: in einem telephonbuch müßte man ihn nachschlagen, den geschmack deiner lippen. ein finger drückt sich aus dem hellen innern des busses. er malt der nacht ein licht nach, zeichnet ihr was auf die sohle. manche telephonbücher sind in der reihenfolge deiner farben geordnet, deiner füße und reißverschlüsse. wer könnte da die linien finden, um die sich die hände geschlossen haben? so verloren wie der falter wirst du nie zur blüte sagen: ich bin.
Melpomene
und über allem der mond das bleiche gesicht voller klingen
weht es uns an wenn im busch schwarzes geflüster sich regt
blätter sehnt es nach schrift nach worten die stirnen des mittags
kahl wenn die messer des lichts stürmen die himmel hinauf
sprich doch zu mir, Melpomene, von neunen die herbeste, lieb mich
aus deinem freundlichem MUND hauch deine klarheit mir ein:
daß ich ASTARTES gesicht und ihr grausames lächeln in bann tu,
werfe die wilde schar fort in die knäuel der nacht.
Ein Traum: Fellatio
In den frühen morgenstunden von einer fellatio (vulgo: blowjob) geträumt, und nein, nicht von einer frau, die mir, sondern von einem mann, dem ich. das ganze spannend und außerordentlich erregend, tageslicht, zwei nackte körper, seiner und meiner, in aller klarheit ausgestellt. sein gesicht undeutlich, verschwommen, niemand, den ich in wirklichkeit kenne. sein körper ist jungenhaft, schlank, seine haut sonnenbraun. es gibt keine berührungsängste, kein zögern, dieser schöne männerkörper kostet mich nicht die geringste überwindung; es ist keine frage, ob wir das wirklich – nein. es ist alles so normal, daß die frage gar nicht aufkommt. sein geschlechtsteil weder groß noch klein, sich zur spitze ein wenig verjüngend, was überrascht, nicht beschnitten, von einer federnden, biegsamen härte, um die sich weiche, fast flauschige, trockene haut schmiegt, haarlos, die zu berühren sehr angenehm ist, wie überhaupt alles an dem vorgang sehr angenehm ist, seine eichel tief in meinem mund, meine hand auf seinem skrotum. gerüche kamen nicht vor, geräusche auch nicht. wie es sich anfühlte, als er kam, weiß ich nicht mehr, oder der traum ließ es aus (was schade ist). doch zuletzt, als alles vorbei war, eine unangenehm viskose substanz im mund, zäh wie harz und kaum zu schlucken, noch weniger auszuspucken, so daß es mir zunge und gaumen verklebte. geschmack nach samen.
zuerst verblüffend, so ein traum, doch bei weiterem nachdenken eigentlich nicht erstaunlich. bei allen hemmungen möchte man doch zu gerne mal wissen, wie … also, wie würde sich das anfühlen? ich stelle es mir sehr faszinierend vor, als eine abenteuerlich-atemberaubende mischung aus vertrautem und gänzlich fremdem, als etwas, das man von je zu kennen glaubt und sogar kennt: und doch sind alle dimensionen verschoben, die sinne ganz anders beansprucht, eine nähe zum anderen ist da, die zugleich eine nähe zu mir selbst ist, die nie mit mir alleine sondern nur auf dem umweg über den anderen möglich wäre.
oder ist, wer weiß.
Astarte
da strudelt monatsweises blut,
neigte sich strömungsaufwärts
geringelt von fisch und tang und
rhodophyten und
aus den Flüssen
schwieg es wie von Silbernächten empor.
gehegtes gehege, selbstentworfnes labyrinth, irrgarten zum irrlichtern, translucide schranken, geliebte zellen, beschriftete stunden, seelendreiecke
manchmal schien es ja, daß die flüsse
sich gegen neigung und steigung und
schwere wandten.
schlangengleich trieb und benahm seelen der träume
zitternde kühle aufwärts. wolken schwammen
dahin, licht folgte auf licht, auf licht.
manchmal fiel schatten
auf die Böschungen nieder und
senkte sich tief ein ins Ried
erlöschender farbe.
so ruhte jemand. so wird auch wieder einer ruhen am flusse, geblendet vom
lächeln der ASTARTE,
ihrem ersterbenden mund. wird die lichter aus seinen augen nehmen und fortschleudern, damit nun mit den sternen er sähe. steht, wo die dunkelheit harrt wie ein tier, argus der die tagträume gefangenhält, die schüchternen kühe des waghalses. da hockts, den blitzenden leib geschlungen um verwesende tage, auf die er, und du, und wir stolz sein mochten. vergangenheiten pochen innen an venen und gefäße, von lächelgesichtern sind nur mehr Photographien übrig, züge fahren noch einmal ab, noch einmal packt man die tasche, fenster erblinden abermals, die tonnen erzittern und schütteln das wasser ringförmig aus krone, himmel, geäst. während eingedenk
der wilden der schönen der schrecklichen
ASTARTE
man den dampfenden becher führt zum munde noch einmal und abereinmal.
.
Astarte
ja, es ist sturm in der welt
und allerewig anfang zum wiedermal.
vogelgesang ruft uns die ewigkeit zu
während es überall sterblich sommert
es ruht jemand am flusse geneigt an modrige
sonne. am fuß klirren kiesel voll
herangerollter fernen. pappeln stürmen.
schiffe erklimmen die wolken
erstrebend brüllende fernen und meere.
im grase tummeln die ordnungen
er zählt sie auf. so viel hat er gelernt vom lernbaren.
ampfer wegerich knöterich lattich und da:
silbrige kranichfliege
vom nichtlernbaren:
daß es ist. was hilfts wenn
ASTARTE
gelächelt hat?
.
…
ich erhob mich und trat ganz nah ans meer / unterm fenster der schaum / gerade eben die freunde, doch nun / hob die ewigkeit einen finger / und mich fror schon, obgleich doch noch nacht. /einst floß chianti in jungenseelen / einst spielte / die glasorgel / und übers rätsel gebeugt / mir gegenüber / schwoll die entblößte brust /
Astarte (2)
Es ist Sturm in der Welt
und ASTARTES Lächeln tönt
aus Muscheln und Schnecken
Krügen und Kesseln
Ampeln, Amphoren, Ostraka.
und den Gehäusen, die man fand
eingeschlossen darin vermutet
das Meer
und zyprischen Schaumes Klang.
doch dann
lächelte sanft so sanft
daß es schmerzte wie Eis
aus lebendigem Kalk hervor
die wilde die schöne die schreckliche
ASTARTE
(1)
es ist sturm in der welt.
hast du gelächelt, ASTARTE?
ein klang war, ein wort … ein schlüsselbund fiel zu boden im hof … ein mund lachte … ein warmer leib drehte murmelnd sich um … schweiß duftete … motoren brummten vorbei, und dazwischen
streckte
sich die stille
eine fliege folgte dem zeiger der uhr…
da
dämmerte es … erst später, dann:
.
während draußen der schnee schmilzt und die papiermatschbraunen straßen aufblicken zum blaßblaugepusteten neujahrshimmel, liegen wir in den decken und zerwühlen die wärme mit füßen und ellbögen.
draußen schweres getropf. ab und an kracht ein böller. die sonne glänzt auf der kiefer im garten. der kühlschrank summt. wir schweigen und atmen.
„du bist wie …“ will ich sagen, doch sie schließt mir mit einem kuß den mund und das wort (und den gedanken auch).
du bist wie warmes karamell.
ich glaubte schon das meer an den fühlerspitzen, vermeinte schon zu schwimmen augenblicks und jeden moment unterzugehen in ihr, doch dann war die stunde wieder umzäunt und gezäumt, und lautes ticktack schlug hölzern von den wänden wider.
meine wetterfühligkeiten lauschen nun. mein verlangen grapscht nach ungezäumten stunden, die gleichfalls so hell wären wie jene. woher weiß man, daß nicht noch eine hellere kommt? erstemale lassen sich niemals wiederholen. das macht sie zu gefährlichen raubtieren.
ein feuerreif spiegelt sich in katzenaugen … das birgt die gefahr, langsam aufgefressen zu werden. im voraus.
noch ganz ausgebreitet unter tageslauben und wolkenzug, und traumverstreckt mit allen wurzeln am wochenende festhangend …
dachschrägen bergen zweimal gehäut, regen kichert draußen die scheiben herab, und die wände sind unschamhaft und mild.
blubberbadewasser hat uns was ins ohr geflüstert. empfänglich für solche hypnose geschieht’s, daß manch ein wagbares gewagt wird. was ich grade sagen wollte, sagt augenblicks sie. ich nicke. und sie tut es. die wanne knarzt. nicht alles geschieht, was möglich wäre. dazu wars freilich zu früh. die wände fingen auch plötzlich laut zu plappern an.
Zum Beispiel
So möchte ich es wieder haben, zum Beispiel so: ihre Arme hinter den Kopf erhoben, ihre schwere Brust gegen meine Halsgrube geschmiegt. Meinen Kopf eingetaucht in den Duftfluß der Achsel, trinkend draus mundvoll salzige Schlucke. Bauch an klebrigem Bauch, Hand auf der andern seitlich weggleitenden Brust, Beere zwischen Ringfinger, Mittelfinger. Fußgewirr, und die Beine verknäuelt. Mein Geruch ihr Geruch ununterscheidbares Gewölk, ihr Honig aus meiner, mein Samen aus ihrer Mundhöhle steigend, verknotete Schreie und ihr Schrei mein und mein Schrei ihr Verlangen befeuernd, bis ein letzter uns vor uns selbst davonträgt; und die Decken, das wünsch ich mir auch, sollen auch später noch danach duften, so daß mans errät … Und beim Einschlafen noch einmal, das möchte ich, das stelle ich mir vor: beim Einschlafen noch einmal die Oberlippe schürzen und darauf wahrnehmen den forteilenden Duft ihres Schoßes.
So beispielsweise. Jedenfalls so ähnlich.
Das beste Stück
Gibt es einen schöneren, eleganteren, praktischeren, sinnlicheren Gegenstand, als gerade ihn? Er ist doch unübertroffen. Keine noch so ausgefeilte Technik kann ihn ersetzen, wenn es wirklich darauf ankommt. Er ist immer zur Stelle, funktioniert auch bei Stromausfall, ist nahezu unverwüstlich sowie leicht und unkompliziert zu handhaben; auch ist er pflegeleicht und meist liefert befriedigende Ergebnisse. Seine langgestreckte Form, seine Steifheit und die Glätte seiner Haut bestechen durch ihr schnörkelloses funktionales Design. Auch für das Auge ist er ein Genuß, und manch einen überkommt schon bei seinem Anblick der Wunsch, ihn in die Hand zu nehmen und damit herumzuspielen. Zwischen den Fingern fühlt er sich gut an, ganz gleich, ob er der eigene ist, oder einem anderen gehört.
Manchen Menschen genügt es, ihn ab und an zur Hand und in selbige zu nehmen; andere dagegen zögern nicht und nehmen ihn zuweilen auch gern in den Mund, vor allem dann, wenn sie nicht weiter wissen; andere wiederum stört der herbe Geruch und Geschmack, so daß sie schon der Gedanke, so etwas zu tun, ekelt; es soll aber sogar solche geben, die daran lutschen, ja, die gar darauf herumkauen – welch letzteres aber eine Unsitte und wovon dringend abzuraten ist.
Zwar ist er von Natur aus schön und praktisch und durch nichts zu verbessern; verspielte Menschen jedoch, Mädchen zumal, setzen ihm manchmal eine Gummikappe auf, die allerlei Verzierungen haben kann aber nicht muß: Noppen, Rillen, Fransen, Büschelchen, ja manche mögen es, wenn er ein Fellmützchen trägt. Derlei Zierat kann sogar sacht parfümiert sein. Erdbeere, Banane und Vanille sind gängige Noten und besonders bei Schulmädchen sehr beliebt. Doch so, wie er ist, ist er schon seine eigene Perfektion; alles, was man ihm sonst angedeihen läßt, alles, womit man ihn ersetzen mag, jede angebliche Verbesserung: sie sind doch nur zierendes Beiwerk. Deshalb wir man immer wieder auf ihn zurückkommen.
In manchen Kulturen bewahrt man ihn in einem Futteral auf. In anderen wiederum legt man nicht so viel Wert auf eine Verpackung. Jedenfalls sollte man ihn nach seinem Gebrauch wieder ordentlich verstauen.
Manchmal ist er hart, manchmal weich, je nach Bedürfnis, Anlaß und Vorhaben; am besten aber ist er zu gebrauchen, wenn er angespitzt ist. Man sollte aber hinterher saubermachen, damit nicht irgendwann jeder Ort, wo man ihn gebraucht hat, von seinen Spuren vollgesaut sei. Wird er jedoch oft und lange gebraucht, oh: so schrumpft er irgendwann und schnurrt zu einem lächerlichen Stummel zusammen. Er kann zärtlich sein und sacht, oder kraftvoll Akzente setzen; er kann ungestüm und unüberlegt sein, oder zögerlich und zagend seine Arbeit tun. Manchmal dauert es sehr lange mit ihm. Manchmal ist man schneller mit ihm fertig, als man gedacht hat. Und manchmal, ja, manchmal schafft er Werke von Bestand. Am schönsten aber ist es, wenn er eine Liebesbotschaft spricht:
1
Ποικιλόθρον‘, ἀθάνατ‘ Ἀφρόδιτα,
παῖ Δίος, δολόπλοκε, λίσσομαί σε
μή μ‘ ἄσαισι μήτ‘ ὀνίαισι δάμνα,
πότνια, θῦμον·
ἀλλὰ τυῖδ‘ ἔλθ‘, αἴποτα κἀτέρωτα
τᾶς ἔμας αὔδως ἀΐοισα πήλυι
ἒκλυες, πάτρος δὲ δόμον λίποισα
χρύσιον ἦλθες
ἄρμ‘ ὐποζεύξαισα· κάλοι δέ σ‘ ἆγον
ὤκεες στροῦθοι περὶ γᾶς μελαίνας
πύκνα δινεῦντες πτέρ‘ ἀπ‘ ὠράνω αἴθε-
ρας διὰ μέσσω.
αἶψα δ‘ ἐξίκοντο· τὺ δ‘, ὦ μάκαιρα,
μειδιάσαισ‘ ἀθανάτῳ προσώπῳ,
ἤρε‘, ὄττι δηὖτε πέπονθα κὤττι
δηὖτε κάλημι,
κὤττι μοι μάλιστα θέλω γένεσθαι
μαινόλᾳ θύμῳ· τίνα δηὖτε Πείθω
μαῖς ἄγην ἐς σὰν φιλότατα, τίς σ‘, ὦ
Ψάπφ‘, ἀδικήει;
καὶ γὰρ αἰ φεύγει, ταχέως διώξει,
αἰ δὲ δῶρα μὴ δέκετ‘ ἀλλὰ δώσει,
αἰ δὲ μὴ φίλει, ταχέως φιλήσει
κωὐκ ἐθέλοισα.
ἔλθε μοι καὶ νῦν, χαλεπᾶν δὲ λῦσον
ἐκ μεριμνᾶν, ὄσσα δέ μοι τελέσσαι
θῦμος ἰμέρρει, τέλεσον· σὺ δ‘ αὔτα
σύμμαχος ἔσσο.
