wind

beim gang durch die grünanlage fiel wieder der wind auf.
durchsetzt mit möwenschreien, die eigentlich sittichschreie sind, kam er heran aus einer rufweiten ferne jenseits der häuserzeilen, ließ pappellaub silberhell umschlagen, rappelte in den zäunen, scheuchte vögel aus dem weißdorn, hieb schluchten in die wolkenberge und brachte von ganz nah das meer mit: so sturmklar und frisch, daß man in ihn hineinrufen, ihm einen abzählreim vorsagen, ein rätsel aufgeben mochte, ihn einen augenblick verhalten in der hohlen hand, daß es wie orgelpfeifen darin brausen würde, ehe man ihn wieder zum blankgefegten himmel entließ.

Andernach–Brohl

Vom bahnhof Andernach (der kiosk geschlossen, die glastür voller dunkler spiegel) geht man zuerst an den taxis vorbei, in richtung stadtkern, eine lange, von bäumen gesäumte straße hinunter, bis zu einem kreisverkehr, dort schräg hinauf, und wenn man aufpaßt, begegnet hier schon die erste markierung. halb wußte ich ja noch den weg von letztem sommer, nur hätte ich rückwärts laufen müssen, um alles wiederzuerkennen, jenen vorgarten, hier ein hübsches fenster mit gemütlichkeit, die nichts von mir wissen will, dieses wegekreuz mit dem rosa jesus daran, aber auch das aufmerksamste rückwärtsgehen hätte mich nicht zurückgebracht. Steil geht es am Ortsrand aufwärts, unter dem gedröhn eine schnellstraße hindurch, betonpylone, schwindelnde kurven, dann eine unterführung, deren dunkelheit das auge blendet, später dichtes kraut neben dem weg, das gedröhn des schnellwegs rankt sich den kamm herauf.
tief unten der Rhein, unsichtbar, hinter den perlenschnüren der buchfinken versteckt. Der weg wird noch steiler. müßte hier nicht? ja, da ist es, das Cafe. die aussichtsplattform hatte ich vergessen. ich trete ans geländer und lasse mein auge in die tiefe stürzen. ein greller dunst liegt über Andernach, das wasser ergießt sich strahlend in den himmel, die weinberge wie aus papier, vor den füßen schwimmt ein schiff lautlos stromauf wie laub.
glocken schwingen sich herauf, und plötzlich ist alles ganz fern. der fluß wie ein kreisel. und aus der tiefe steigt, aus silber herausgetropft, ein schwarm möwen auf.
Von dort zum hochkreuz ist es eine halbe stunde, ein ebener weg auf dem höhenzug entlang, ein fuß immer im rhein, der andere halb in den feldern. schießlich ein hohlweg steil hinauf zu einer lichtung mit grillplatz und einer zum feld hin freien seite, dort das kreuz, ein pompöses ding aus holz, riesenhaft und künstlich, mit der aufschrift „im kreuz ist heil“. merkwürdig. der roggen hat gerade geblüht, die apriltrockenheit scheint ihm nicht geschadet zu haben, stramm stehen die ähren, ich pflücke eine auf, weil ich es noch nie getan habe. erstaunlich filigran und verschachtelt, so ein halm, so eine ähre, so eine verblühte roggenblüte, viele häutchen um eigentlich nichts (außer weiteren häutchen), und man fragt sich, wie daraus mal ein korn werden soll.
vom brot ganz zu schweigen, aber das ist eine andere geschichte. ich denke daran, wieviel arbeit und mühe die normalen dinge wirklich kosten, und werfe übermütig eine handvoll roggenblüten in den wind.
schon seit einer halben stunde brüllt ein rind. kein muhen, ein brüllen ist das, wild, ungestüm, bockig. von seinen sirenenartigen stößen hallen die grüngewellten hügel wider. derweil lasse ich wasser an einem feld, das mit hülsenfrüchten bestellt ist. ein solches gewächs habe ich noch nie gesehen, brusthohe büsche voller schoten. falsch, denke ich, es sind hülsen. ich knacke eine hülse auf und begutachte die körner, klein, grün und glatt wie pfeffer, was das mal werden soll? erbsen? ich werfe die schote fort; dann biege ich falsch ab und komme an einem gehöft aus, das rind brüllt immer noch, ich ziehe die karte zu rat und kehre um.
als ich die kreuzung wieder erreiche, ist mein wasser verdunstet, und was nicht verdunstet ist, das hat die erde in sich aufgenommen. die sonne verklebt hinter wolken, kein lüftchen, die schatten enggerückt, vom weg schlägt die wärme zurück ins gesicht. endlich der bach, schlammiges glitzern am ende eines halb zugewachsenen pfades durch niedrigen laubwald. selbst der schatten fühlt sich klebrig an, insekten schwirren, alle zwei schritte zerreißt man spinnweben, wischt man sich eine winzige fliege vom schweißnassen arm. heiß war es auch vor einem jahr.
die bücher von damals fallen mir wieder ein. ich orientiere mich zeitlich an büchern, sie sind so etwas wie wegemarken, begleiter, kilometersteine, und, wenn die lektüre glückt, herbergen. ich glaube, es war „The Biographer’s Tale“ von A. S. Byatt. aber es war später im jahr, mitte juli denke ich. und ich lief nach Andernach nicht von Andernach. und ich photographierte eine ruine in einem verwunschenen garten, es war einer von jenen gärten, wie sie in den geschichten vorkommen, die man als kind liest. eine sanft abschüssige wiese, von einer mauer geborgen, der schatten eines baums, lichter im gras und in der dämmervollen tiefe ein haus, ein turm, ein schloß. welche geschichte hier ihren anfang nahm, das habe ich vergessen. aber manchmal strömt ein ort so ein gefühl aus, als sei man ihm schon einmal in der eigenen phantasie begegnet. wenn es keine geschichte dazu gibt oder man sie nicht mehr wiederfindet, denke ich, während ich dem bachlauf in richtung Brohl folge und der autolärm die geräusche des waldes zurückdrängt, dann müßte man sich eine solche geschichte erfinden.

ansonsten:

ein labiles gleichgewicht. meine melancholie ist längst so eine mit spinnweben dran. das bestimmt allerdings nur die art, nicht das leuchten, der melancholie
ansonsten: melancholisch, je sommerer desto -ischer. nun ja. alles lange her. ebenso lange her wie die zeit währte, da wir zusammen waren.
und das alles auch noch in den armen einer neuen beziehung, die daran nichts ändern kann. eine imaginäre untreue: ich betrüge meine frau mit einer erinnerung.

21. An Claudia

Und noch ein Tag Sommer: Riesige Menschenschatten wandeln über die Plätze, das Laub der Bäume ist still, die Flächen des Betons strecken sich. Die Scheiben des Uni-Centers blinzeln in die Sonne. Irgendwo ist noch eine Pfütze vom letzten, schon vergessenen Regenguß liegengeblieben und spiegelt einen Himmel voll Laub wider. Der eigene Schatten fällt überlang aus dem Schatten des Ahorns. Die Insekten sind träge von der Nachtkühle. Mit ihren krummen Bahnen spannen sie Räume unters Gezweig. Es ist überall Licht, teils versteckt, teils offen leuchtend, teils gerade, teils verwinkelt, hier in Stücken und Flecken, dort herrlich über eine Straße hingegossen, Licht, das sich die Schatten zurückerobert, und so eines, das wir gestern abend noch für unmöglich erklärt hätten.

Gestern sind wir hier noch gegangen, Liebe, ja, gestern wars. Wir sprachen. Wir lachten. Du berührtest mich am Arm. Wir gingen. Wir blieben stehen. Du so entspannt und ganz du und voller ausgelassener Gelassenheit und Freude an allem. Ich ganz Aufschub, Hinhalt, Verzögern. Dich noch länger, noch eine weitere Minute, sehen und beimirhaben. Nur noch eine Minute, ehe du dich, schon weiter, schon abgewendet, verabschiedest, schon verabschiedet hast von mir und dich aus mir löst und fort bist für ichweißnichtwielang. Nur noch diesen Augenblick. Und dann noch einen und noch einen.

17. An Claudia (6.7.2004)

Heute morgen ist der Himmel ungewohnt tiefblau. Festliches Sonnenlicht hängt in den Bäumen. Schatten spreizen sich träge und schlaftrunken in Höfen und unter Hecken. Die Menschen scheinen langsamer zu gehen als sonst, als hätten sie mehr Zeit heute, und obwohl ihre Mienen mürrisch sind, können sie nicht verhindern, daß das aufgehende Licht in ihrem Auge blitzt. Als achteten auch Motoren und Getriebe das Fest dieses Morgens, sind die vielen Fahrzeuge leise und unauffällig. Der Kaffee duftet herrlich, die Arbeit ist sowieso erträglich. Daß ich dir schreiben darf, an einem Tag wie heute, ist etwas Wunderbares und Frisches, als hätte ich es eben erst entdeckt: Ebenso wie die Blätter der Bäume erst heute auf den Gedanken gekommen zu sein scheinen, das Sonnenlicht so herrlich zu spiegeln und so wunderbar und blitzblank zu glänzen, ja als sei die Sonne heute überhaupt zum erstenmal aufgegangen.

Wie mußt du an einem solchen Tag erstrahlen, frage ich mich, und muß dich sehen, sofort, dringlichst, unbedingt. Noch schöner muß dein Auge den weiten Morgenhimmel wiedergeben; noch duftender deine Haut schimmern im Frischlicht. Noch schöner deine Füße wandeln auf der sich wärmenden Erde.

15. An Claudia

Heute Morgen die Donnerschläge eines Gewitters, die sich polternd in den halbfertigen Schlaf drücken … Beunruhigungen, Sorgen. Es ist auswegslos. Ich komme an dir nicht vorbei, Claudia. Und doch kann ich nicht zu dir kommen, nicht mit dir sein. Es wäre grotesk. Von allen anderen Schwierigkeiten ganz zu schweigen.

Die Schwingen der Bäume hängen vollgesogen von Regen über den Weg. In den Pfützen stehen zitternd die Umrisse der Wagen und Baumstämme, und die Welt fühlt sich an, als sei sie schon viel später als sie wirklich ist. Der Sommer ist schon vorbei. Unsere Berührungspunkte jede Woche sind vergangen, bevor sie vergangen sind. Traurigkeit macht die Bäume schwer, und bald wird alles, was ich seit April oder Mai erlebe, wie ein immer fernerer Spiegel sein, in dem sich alles immer kleiner und kleiner spiegelt.