Im Supermarkt

Der Blick ist der einer Kamera: automatisch, mechanisch, emotionslos, Einbahnstraße. Wie eine Kamera beobachtet er nur, was man ihm aufgetragen hat, zu beobachten. Rechts, links, Hände, eventuelle Taschen oder Tüten? Am Ende hoch in den absurden Spiegel über der Kassengasse. Aber es ist keine Kamera, es ist ein Mensch. Es ist eine Supermarktkassiererin, die sich jetzt gar noch leicht aus ihrem Drehstuhl erhebt, die Schultern seitwärts schwenkt, damit ihr ja nichts entgehe.
Wonach schielt sie so eifrig und zugleich flüchtig, wie man, weil man’s in der Fahrstunde nun einmal so gelernt hat, nach dem Blick in den Rückspiegel auch noch über die Schultern schaut?
Sie kontrolliert mich. Habe ich auch nichts in der mitgebrachten Tasche? Verberge ich auch nichts in den Händen? Steht da nicht noch ein Getränkekasten auf der Erde? Und der Blick in den eigens zu diesem Zweck über jedem Kassengang angebrachten, in seiner Wölbung Rundumkontrolle garantierenden Spiegel dient der leichteren, vom Sitz aus vorzunehmenden Überprüfung des Einkaufswagens.

Was daran so ärgerlich ist? Das Mißtrauen. Der Argwohn. Es ist zwar in diesem Moment nicht die Kassiererin als Person, die mich taxiert, nicht dieser Mensch, der – Arbeitnehmerin, vielleicht alleinerziehende Mutter, Wohngeldempfängerin – eine ungeliebte, unerfreuliche Arbeit aus Not verrichtet; es ist das forschende Auge einer anonymen Institution, der Menschen egal sind, der es nur darauf ankommt, daß die Kasse stimmt, und zu diesem Zweck dieselben Mitarbeiterinnen dazu anhält, die Milchkartons mit dem Aufdruck des Haltbarkeitsdatums zur Wand einzuräumen und die fast abgelaufene Ware nach vorne zu legen. Trotzdem schaut mich da ein Mensch an oder vielmehr an mir vorbei, und sei es auch ein vollständig funktionalisierter Mensch, schlimm genug. Dieses Kontrollritual ist ungefähr so charmant, wie jemandem die Hand zu geben und gleichzeitig auf die Uhr zu schauen. Der Blick meint mich – und meint mich gleichzeitig nicht. Er taxiert mich – und ignoriert mich zugleich. Ignoriert mich? Falsch: Ignoriert zu werden ginge ja noch an. Aber es ist schlimmer: Wer so sorgfältig an mir vorbeischaut, zur Decke, zum Spiegel, um da etwas Wichtigeres zu sehen als mich, raubt mir nichts weniger als meine Würde. Dieser Blick will mich nicht sehen, er will mich nicht zur Kenntnis nehmen, er will keine Kommunikation, keinen Kontakt herstellen. Er verwehrt mir, mich als Mensch und Seinesgleichen anzuerkennen: Er will nur etwas über mich herausfinden.
Da es an der Kasse schnell gehen muß, der Kontrollblick aber Vorschrift ist, fällt die Entscheidung der Kassenkraft zwischen einem lächelnden Gutentag und einem entwürdigend woandershin gerichteten Blick, leider stets zu Ungunsten des Lächelns aus. Vielleicht schämt man sich auch, mich nach dem Abmustern anzulächeln, als sei nix gewesen. Ich erwarte auch gar kein Lächeln von einer aus gutem Grund schlecht gelaunten Kassenkraft; aber ich erwarte, daß man mir wenigstens das Mindestmaß an Höflichkeit, das ein Mensch dem anderen noch im ärgsten Fall schenken muß, gewährt: Respekt. Dieses seitwärts Taxieren, der Blick nach oben in den Spiegel aber, respektiert mich nicht. Er prüft mich. Und schaut mir dabei nicht einmal ins Gesicht.

Entwürdigend ist das Ritual nicht allein deswegen, weil man mir den Respekt verweigert. Es ist noch schlimmer, denn jener einschätzende Blick sieht in mir nicht in erster Linie einen Kunden, sondern vielmehr einen potentiellen Dieb, einen Feind. Mit jedem dieser Blicke wird eine implizite Anklage geprüft. Jeder kann es sein, sagt der Blick, auch du. Warum sollte ich dir glauben schenken, dir vertrauen? Du bist wie jeder andere, und so lange ich nicht vom Gegenteil überzeugt bin, behalte ich mir vor, in dir einen Räuber zu sehen. Ich bin also nicht nur Nichts, ich bin noch weniger als das – bis auf Widerruf durch abschätzende Blicke gelte ich gar noch für einen Kriminellen.
Das mag von Seiten der Kaufhausleitung seine zynische Berechtigung haben; für mich als Kunden ist es vor allem eins: Eine auf dem ins Gegenteil verkehrten Grundsatz des in dubio pro reo – also in dubio in reum – basierende Beleidigung. Dieser Blick, oberflächlich und aufgezwungen wie er auch sei, ist ein Schlag ins Gesicht, nicht nur in meines, sondern in das einer jeden zivilen Gesellschaft. Ein solches Verhalten ist unzivilisiert. Es ist empörend.

Daß es auch anders geht, zeigen nicht nur andere Supermärkte, in denen andere Umgangsformen gepflegt werden, sondern auch, und zwar unter denselben Bedingungen des Funktionierenmüssens, im selben Supermarkt: die Altgedienten. Die grüßen und lächeln. Kein Blick in den Kontrollspiegel, ein Blick in die Augen. Mittlerweile suche ich mir die Kasse nicht nach Länge der Schlange sondern nach Alter der Kassiererin aus. Die Kontrolle üben immer nur die ganz Jungen, gerade Eingearbeiteten. Je jünger, desto eifriger. Eine verstieg sich kürzlich gar zu der Aufforderung, ich möge bitte meine Tasche vorzeigen. (Ich frage mich, was passieren würde, wenn man sich weigerte)
Das zeigt vor allem, und das gibt wieder zu Hoffen: Das Kontrollritual ist den Kontrollierenden selbst ein Greuel.

Vuvu

Seit Tagen schon dringen merkwürdige Geräusche über die Straße und durchs gekippte Fenster an mein Ohr. Zum Teufel, was ist das jetzt? Reichten nicht die albernen Wimpel, die dreifarbigen Girlanden, die Kriegsbemalung auf den Wangen? Reicht nicht das Geheul, das plötzlich allüberall die schon als angenehmst begrüßte Totenstille in den Straße jäh durchbricht? Muß es jetzt auch noch das sein, und neben den Augen auch noch mein empfindlichsten Sinnesorgan, das Ohr, ansprechen? Noch bevor der allvierjährliche Zirkus richtig angefangen hat, habe ich schon die Nase voll von dem Gefurze.
Man könnte ja, und dem Flötenspieler ist es sozusagen zweite Natur, man könnte ja einen Tip geben, ordentlich Stütze und Lippenspannung, dann kommt auch ein Ton heraus. Aber will man das? Was diese merkwürdigen Hörner wohl produzieren könnten, wenn ein geschultes Lippenpaar hineinbliese, man möchte es vielleicht gar nicht so genau wissen, und hören, denke ich mir, möchte man es erst recht nicht. Wer weiß, was für ein höllischer Lärm losbräche, wenn jemand vom Schlage Hermann Baumanns … nicht auszudenken! Also doch besser die Furzgeräusche. Aber auch die sind schon schwer erträglich.
„Ruhe!“ möchte man hinausbrüllen, „wir sind hier nicht in der Serengeti!“
Ich habe dazu zwei Assoziationen. Die erste: Ich muß geradezu zwanghaft an ein Bild aus einer Erzählung von Edgar Allan Poe denken. Im Cask of Amontillado wird, wie jeder weiß, aus nicht enthüllten Rachegründen ein unglücklicher Sherryliebhaber in einem salpeterverkrusteten Gewölbe lebendig eingemauert. Das Bild dazu: Die klingelnden Glöckchen an der Narrenkappe des ahnungslosen Opfers.
Die zweite Assoziation ist ein Satz aus einer Parabel von Kafka, die sich nicht nur hier wie von selbst einstellt, sondern, ach!, in unzähligen weiteren Situationen des Alltags auch. Ich flüstere ihn mir praktisch täglich vor. Er lautet: „Was ist das für Volk! Denken sie auch oder schlurfen sie nur sinnlos über die Erde?“

Was soll man

nun davon halten. Prankt doch auf einer Taschenbuchausgabe des Romans Sturmhöhe, die man in einer Filiale einer großen Buchandelskette, welche sich nach der griechischen Muse des Theaters benannt hat, aus dem Regal zieht, prankt da also auf dem Buchdeckel, gut sichtbar rechts unter dem Titel, etwas, das die Werbefritzen in einer für die Branche seltenen Einsicht und Unverblümtheit „Störer“ nennen. Ein kleines, rotes Aufkleberchen. Darauf steht in schwarzen Lettern geschrieben:
„Lieblingsbuch von Bella und Edward!“
Das erinnert mich an das Jahr 1990, als es manchen Buchhandlungen einfiel, auf druckfrische Ausgaben von Max Frischs Homo Faber ein Aufkleberchen mit dem Vermerk „Das Buch zum Film“ anzubringen. Man darf sich die Frage stellen, welche LeserKäuferschaft die Handelskette im Falle von Sturmhöhe mit sochen Hinweisen anzulocken hofft.
Anders formuliert: Wie groß mag wohl die Schnittmenge aus der Mengen der Stephenie-Meyer-Leser und der Menge der Emily-Brontë-Leser sein …?

Kein Abend mehr

Die Stimmen damals waren wie von der Nacht eingefärbt. Dunkel. Weich von Samt oder von Wein. Gurgelnd von Geschichten, bei denen man die Stimme senken muß.
Ich erinnere mich an die Stimmen auf dem Balkon oder vor dem Wohnwagen. An Gespräche, die man nur mit diesen Stimmen führen konnte. An die selbstauferlegte Zurückhaltung. An die Töne, die sich wie feiner Rauch aus den Nüstern und Mündern der Sprechenden lösten.
Ich erinnere mich an die Sommernächte. Auf dem Balkon sitzen, ein Abendessen in der Dämmerung, noch ein Glas Limonade, bevor man ins Bett geschickt wurde, und die Stimmen, die kleiner wurden, kleiner und schmeichelnder im Maße die Nacht zunahm. Die Stille sog an diesen Stimmen, schliff und polierte sie, bis sie eine murmelnde Weichheit bekamen. Kerzenlaternen flackerten, Falter verbrannten knisternd, die Straßen waren groß und leer, leer und von Nacht angefüllt, und niemandem wäre es eingefallen, dagegen mit Lärm und Stimmgeschärf vorzugehen. Wenn meinen Bruder und mich die Lust ankam, die Nacht auf die Probe zu stellen mit Lautstärke und Tagesstimme, wurden wir unverzüglich zurechtgewiesen, psssssssst. Schschsche, machten die Eltern und fuhren fort, ihre nächtlich belegten Kehlkopfe rollen zu lassen. Kam man nochmal raus aus dem Bett, weil etwas drückte oder man Bauchschmerzen hatte oder Durst, so flackerten die Stimmen, wenn man das Wohnzimmer betrat, von draußen herein wie der Kerzenschimmer, ließen sich von diesem Schimmer tragen und von den Vorhängen verwehen, waren fast ein Flüstern, so leise, daß die Angst plötzlich kam: Sind die Eltern überhaupt noch da? Oder reden Geisterchen? Im Urlaub, wenn man beisammensaß, Eltern und Kinder, in früh hereingebrochener Südnacht, und alles so leise sprach, daß die Stimmen nie den Lichtrand der Lampe berührten, nie hinausdrangen in Wald und Schatten.

Heute gibt es keinen Abend mehr, keine Mittagsruhe, keine Nachtsamtigkeit, überhaupt Tageszeiten nicht. Die Stimmen sind überall und allzeit, abneds, nachts, egal, es wird geschrien als füchte man, daß einem die Stimme bald ausgeht. Als hätte man zuviel zu sagen für die eigene Lebenszeit, als müsse das alles noch, Nacht oder Tag, hinaus. Irgendwo übriggeblieben und wie Geister nirgends zu Hause, kennen diese Stimmen nur noch sich selbst und hören sich immer so an, als müßten sie sich selbst beweisen, daß sie noch da sind. In diese Stimmen prägt sich nichts ein, sie lassen sich nicht inspirieren, nicht dämpfen, nicht leiser drehen, da kann die Nacht noch so mild und schön sein, es kommt ihnen gar nicht der Gedanke, daß da noch etwas anderes ist, so etwas wie Welt, wie Schönheit, wie Uraltes, wie Ewiges. Eingesponnen in ihre eigene plärrende Banalität verstärken sie sich nur selbst, genügen sich selbst und klingen auch noch um Mitternacht so wie das Geschrei auf dem Viehmarkt, anmaßend, laut, selbstverliebt, ignorant.

Achselhaar

Die Revolution fand still und leise statt. Niemand sprach darüber. Niemand protestierte. Die Nachrichtensender wußten von nichts. Keine Talksendung nahm sich des Themas an, keine Zeitung berichtete. Die Menschen schwiegen und schauten weg, wenn sie denn überhaupt bemerkten, was los war. In aller Heimlichkeit vollzog sich die Wende.
Wann genau es passierte, weiß man nicht. Aber es muß sehr schnell gegangen sein. Im Sommer 1997 war noch nichts zu bemerken gewesen, doch als ich im Herbst 1998 von einem längeren Auslandsaufenthalt wiederkam, da war schon alles vorbei und überall stillschweigend beschlossene Sache. Niemand hatte widersprochen. Alle fügten sich.
Fügten sich wem?
Es gehört zu den ungeklärten Fragen der Massenpsychologie, wieso plötzlich Millionen Menschen, die einander nicht kennen, sich nicht absprechen, ihre Meinung nicht austauschen, quasi unabhängig voneinander den selben Gedanken haben können. Wie plötzlich Millionen Frauen im Verlauf eines einzigen Jahres gemeinsam aber jede für sich beschließen: Ab sofort rasiere ich mich unter den Armen. Ab sofort sind Achselhaare bäh. Ab sofort waren Achselhaare eigentlich schon immer bäh.
Staunte man vor diesem entscheidenden Jahr über eine rasierte Achsel, während selbst der üppigste Unterarmbusch niemandes Aufmerksamkeit erregt hätte, so war es jetzt umgekehrt. Achselhaar sah man nicht mehr, und wer es dennoch trug, war eine Ausnahme und fiel auf. Nur ich hinkte meiner Zeit hinterher, weil ich nicht in Deutschland gewesen war, als sich die Verhältnisse änderten. So sprang mir umgekehrt, gleich einem Zeitreisenden, nicht das selten gewordene, für mich noch normale Haar, sondern das plötzliche Fehlen desselben sogleich ins Auge. Es war Winter, und der Anblick entblößter Achseln eher selten. Aber nachdem ich im Frühjahr die dritte, die vierte blanke Axilla erblickt hatte, wunderte ich mich; und mit steigenden Außentemperaturen begriff ich allmählich: Entscheidendes mußte sich während meiner Abwesenheit getan haben.
Gab es eine prominente Vorreiterin? Waren die deutschen Frauen sich plötzlich bewußt geworden, daß in anderen Ländern andere Sitten herrschten? War es ein Komplott der Kosmetikindustrie, die rasanten Absatz an Wachs, Klinge und Depilator erwartete? War es ein fixe Idee gelangweilter Frauenzeitschriftredakteurinnen? Hatte das Gesundheitsamt Bedenken angemeldet? Schwappte wieder mal eine Welle aus dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten zu uns über den Atlantik? Oder war es das alles zusammen?
Ich war erschrocken. Ich kann nicht sagen, was mir besser gefällt, Glätte oder Busch, beides hat etwas. Ich kann es wirklich nicht sagen. Irgendwie finde ich aber, daß Natürlichkeit die Regel, Künstlichkeit die Ausnahme sein sollte. Da ist es mit dem Rasieren weiblicher Haare, wo auch immer sie wachsen wollen, ebenso wie mit Schminken, Färben, Lackieren, oder dem Auftürmen rätselhaft-komplexer Frisuren. Doch meinetwegen: Das Unveränderte ist zwar immer noch am schönsten, aber der Abwechslung zuliebe kann auch geschmeidige Glätte an der einen oder anderen Körperstelle gefallen. Oder praktikabler sein.
Doch störte mich weniger die Tatsache der Achselhaartilgung an sich, sondern was mich so erzürnte, das war die stillschweigende Übereinkunft, mit der so plötzlich auf breitester Front gegen dieses Naturreservat vorgegangen wurde. Denn eine Vorliebe wie jene plötzlich Aufgekommene ist ja nicht voraussetzungslos, und da sie mir in engem Zusammenhang einer allgemeineren Künstlichkeitsanbetung zu stehen schien, und auch, weil so etwas kaum umkehrbar ist, machte mich diese Übereinkunft rasend. Von wem ging das jetzt wieder aus? Reichte es nicht aus, daß diese armen Geschöpfe sich förmlich zu Tode hungerten, nur weil ein paar nekrophile Modehengste das hip fanden? Da schien sich doch wieder einmal die eine Hälfte der Menschheit einem absurden, nicht lokalisier- oder auch nur benennbaren Zwang zu beugen – und glaubte auch noch, sich in Freiheit dafür entschieden zu haben! „Mir gefällt das Haar nicht“. „Nö, finde ich häßlich“. „Blank gefällt mir einfach besser“. „Man schwitzt nicht so“. „Ich brauche weniger Deo“. „Ich würde mich auch enthaaren, wenn es sonst keine täte“. „Aber … das haben wir doch schon immer so gemacht!“
Ja, Pustekuchen.
Wie sehr kann einem die Erinnerung einen Streich spielen? Kann man einen Zwang so sehr verinnerlichen, daß es unvorstellbar scheint, daß er nicht schon immer geherrscht hat? Und wenn es so vernünftige Argumente wie vermindertes Schwitzen und größere Deo-Effektivität gibt: Warum hatten die Frauen dann nicht schon von je zur Zuckerlösung gegriffen?
Aber es ist wohl zwecklos zu jammern. Ja, wenn man genau hinschaut, dann ahnt man: es kommen noch härtere Zeiten. Schon hüpfen die ersten Jungmänner blankachselig im Freibad umher. Demnächst zupfen die sich auch noch die Augenbrauen.
Und am Ende kommt es noch so weit, daß ich mir ein Deo anschaffen muß.

Noch einmal Haariges

Vor einigen Tagen wieder ein Gespräch über das Achselhaarproblem, und wie schon bei früheren Gesprächen fand O., und hier gebrauchte sie die STANDARDFORMULIERUNG, nein, das hätte sie immer schon so gemacht. Seit der erste Flaum in ihrer Axilla sichtbar und kenntlich geworden sei, habe sie ihn sofort entfernt. Ich entgegnete, daß vielleicht ihre Generation die erste gewesen sei, die mit der Ausmerzung haariger Stellen angefangen hätte; die Älteren (Frauen meiner eigenen Generation und Ältere) hätten sich dann angesichts der jugendlich glänzenden Achsel der viel Jüngeren sich plötzlich barbarisch und unschön empfunden und unter Attraktivitätsdruck, der immer von den Jüngeren ausgeht, zum Nachahmen aufgefordert gefühlt, so daß sich die Unsitte von den gerade pubertierenden Mädchen allmählich über die jungen Erwaschsenen schließlich auf alle Frauen durchgesetzt habe. Die Jüngsten seien, so meine Idee, Vorbild für die Älteren gewesen. Nein, widersprach O. vehement, umgekehrt sei es gewesen, sie selbst habe es ja auch nur den anderen abgeschaut, beispielsweise bei ihrer eigenen Mutter (eine Generation vor mir), die es ihrerseits auch schon immer so gemacht habe.

Jetzt frage ich mich, ob meine Wahrnehmung oder ihre schräg ist. Ich glaube ja, daß es einen allgemeinen Künstlichkeitstrend gegeben hat, irgendwann auf dem Weg von den 90ern zur Jahrtausendwende. Es gehen ja auch heute Frauen nicht mehr ohne Büstenhalter aus dem Haus, derweil es noch nicht so lange her ist, daß manch eine ihn auch mal nicht trug, wenn sie ihn störend oder unbequem fand oder sie zu faul war, ihn anzuziehen. Oder bin ich einfach nur merkwürdigen Frauen begegnet? Das mit der Behaarung indes konnte man ja auch an wildfremden Frauen beobachten, ohne entschuldigen Sie … darf ich mal … zumindest im Sommer.

Merkwürdig, das alles. Andererseits auch nur eins von vielen Phänomenen derselben Gruppe. Das verweist auf das Modephänomen, auf das Phänomen der Stilgemeinschaft, der Kunstepoche. Warum finden auf einmal Scharen von Menschen Plateauschuhe geil? Oder weiße Slipper? (bäh) Wie konstituiert sich das gemeinsame Empfinden, daß nun Albertibässe schick seien, oder doppelpunktierte Rhythmen? Es kann ja keine Eigenschaft der Dinge selbst sein, weil ein und derselbe Gegenstand, je nachdem, in welcher Zeit man ihn betrachtet, schick oder schnöde sein kann.

Bleibt noch das Phänomen des Vorbilds. Aber das bringt neue Erklärungsschwierigkeiten mit sich.

Warum ich niemals ein Mobiltelephon haben werde

Immer wieder das gleiche Argument. Fange ich an, über die Unsitte des mobilen Telephonats zu wettern, bekommen ich mit schöner Regelmäßigkeit vorgehalten, das Händie sei „schon praktisch“. Dann folgt meistens eine lange Liste von Situationen, in denen das Händie Unfälle vermieden, Lebensbünde gefördert, Menschen gerettet, Karrieren erst ermöglicht habe, undsoweiter undsoweiter, ein unentbehrliches Ding. Wie aufregend das Leben geworden sein muß,denke ich dann jedesmal. Früher gab es nicht so viele Katastrophen oder auch nur Mißgeschicke, wie heute durch das Händie tagtäglich vermieden werden. Haben wir besser aufgepaßt? Sind die Fälle im voice recorder einfach besser dokumentiert? Irgend etwas ist da doch faul im Staate Nokia.

„Ja, hallo ich komme fünf Minuten später“. Der Tagesablauf mancher Menschen ist offensichtlich derart straff organisiert, daß eine Ungenauigkeit von fünf Minuten schon ein Telephonat erfordert. Mußte man früher dringend von unterwegs telephonieren, weil man sich wirklich verspätet hatte, so ging man in eine Telephonzelle, und man ging dort nur hin, wenn es wirklich sein mußte. Fünf Minuten später? Dafür wäre früher niemand in die Telephonzelle gegangen. Fünf Minuten hätte jeder als durchaus zumutbare Wartezeit empfunden. Heute muß man ja schon telephonieren, scheint es, um mitzuteilen, daß man pünktlich ist. Würden heute sämtliche Gespräche, an denen ein Mobiltelephon beteiligt ist, in Telephonzellen geführt, reichten die Warteschlangen davor um ganze Häuserblocks. Ist unser Leben so viel komplizierter geworden, daß wir einfach mehr zu sagen haben? Wohl kaum, wenn man mal darauf achtet, was die Gesprächspartner einander so mitzuteilen haben:

Die mobile Telephongemeinde, so der Augenschein, besteht nämlich in der Mehrzahl aus verirrten Individuen, die einander ständig mitteilen müssen, wo sie gerade sind. Man achte mal darauf, wie hoch der Anteil der Gespräche ist, die mit „Ich bin jetzt in“ anfangen. „Ich bin jetzt im Zug.“ „Ich bin jetzt in Sprockhövel.“ „Ich bin noch in der Mathestunde.“. Ich frage mich, wen das interessiert. Habe ich sonst noch was mitzuteilen? Leider ja: „Ich liebe dich Schatzi.“ Wie schön für Schatzi. „Ich hab gerade mit Hansjörg Schluß gemacht.“ Tja, schade für Hansjörg. Das beste auf dem Gebiet des Scham- und Schmerzfreien Telephonierens in der Öffentlichkeit trug sich in einem bis unters Dach überfüllten Nahverkehrszug zu: „Ich sachet dir jetzt unter vier Augen: Der Detlev macht die Arbeit schwarz, ne. Aber hasse gezz nich gehört, ne.“
Unter vier Augen, aha.
Aus der Tatsache, daß die eine Hälfte der mobil geführten Gespräche entweder aufschiebbar oder so intimer Natur ist, daß sie besser zu Hause geführt würden (oder beides); und daraus, daß die andere Hälfte nur dazu dient, einander den Standort mitzuteilen, verschluderte Vereinbarungen nachzuholen oder nur durchzugeben, was man am anderen Ende sowieso bald selbst merken wird, („Ich bin grad beim Henker, ich fürchte wir sehen uns dann doch nicht mehr.“) darf man den Schluß ziehen, daß 99 % aller derartiger Gespräche schlichtweg überflüssig sind, und, gäbe es so etwas wie eine Ästhetik des telephonischen Schweigens, unbedingt vermieden werden müßten.

Diese Ästhetik gibt es wohl, aber sie scheint nur rückwirkend gültig zu sein. Alle telephonieren, aber keiner will es später gewesen sein. Jeder quatscht, was Atem, Stimmbänder und Akku nur hergeben, aber auf die Nerven fallen immer nur die anderen. Verblüffend jedenfalls, was die Leute so alles mit ihrem Telephon machen. Man könnte meinen, das Telephon sei zum Telephonieren da. Aber nein, weit gefehlt. Telephonieren? Ich doch nicht: „Ich hab zwar ein Händie, aber ich brauche es fast nie.“ Aha. Wozu hast du es dir dann angeschafft? Auch war ich immer der Ansicht, das ach so Praktische beim Mobiltelephon sei, nun ja, die Mobilität. Irrtum: „Ich hab zwar auch ein Händie, aber ich lasse es immer zu Hause.“ Erstaunlich, wo doch zu Hause auch noch ein Festnetztelephon vorhanden sein dürfte. Man fragt sich, wozu diese Leute zwei Telephone haben. Zum Stereoquatschen? Nicht auszudenken! „Also, ich habe zwar ein Händie, aber ich verwende es nur als Wecker.“ Donnerwetter! Ein richtiger Wecker war wahrscheinlich zu teuer. Und auf die Anmerkung, das Ziffernblatt dieser Uhr sei ja so klein, da könne man ja die Zeit kaum ablesen, entgegnete der Uhrmacher seelenruhig, um die Uhrzeit abzufragen, brauche man keine Uhr, dafür habe man ja das Händie.
Ach so, ja, natürlich.
Verblüffend auch der aberwitzige Zufall, daß mein Bekanntenkreis genau aus der verschwindenden Minderheit derer besteht, die nicht in der Öffentlichkeit telephonieren. Oder wie ist es sonst zu erklären, daß die Telephonierer immer die anderen sind?

Womöglich hätte ich gar nichts gegen diese strippenlosen Quasselstrippen einzuwenden, wenn sich seit ihrem Aufkommen so etwas wie eine Mobiltelephonkultur etabliert hätte, so etwas wie die Tischsitten gepflegten Telephonierens aufgekommen wären, in der so einleuchtende Regeln Geltung hätten, wie die, sich kurz zu fassen und zum Gespräch nach draußen zu gehen. Und überhaupt nur in solchen Fällen zu telephonieren, wo man früher einen öffentlichen Fernsprecher in Gebrauch genommen hätte – dann nämlich, wenn es wirklich gar nicht mehr anders geht. Ich wäre sehr viel gelassener (ich möchte nicht behaupten, ich hätte vielleicht selbst eines), wenn den Benutzern von Funktelephonen das ganze ein bißchen peinlich wäre. So wie eben mal auf Toilette. Dafür sucht man ja auch ein stilles Örtchen auf. Es gäbe weder eine Tinnitomanie noch könnten 200 g Blech und Kunststoff jemals Statussymbol werden. Niemand würde damit herumfuchteln, bis jeder der Umstehenden es gesehen, niemand würde es solange klingeln lassen, bis jeder den originellen (von geschätzten 50 % der Bevölkerung benutzten) Klingelton bewundert hätte. Man fuchtelt ja auch nicht mit der Klopapierrolle herum, und wenn die noch so bunt bedruckt ist. Indes sind wir, Ach! von einer Ästhetik der sparsamen Nutzung, einer Ästhetik des telephonischen Schweigens, jedenfalls weit entfernt.

„Wo treffen wir uns jetzt? Am Barbarossaplatz oder am Südbahnhof?“ Kann man das nicht vorher abmachen, Herrgott? Aber schon praktisch, das Händie. Wirklich? Um noch in letzter Minute die Frage zu klären, für die offensichtlich bislang keine Zeit war, nämlich, ob man sich nun am Barbarossaplatz oder am Südbahnhof verabredet habe, braucht es ja zunächst überhaupt so ein Dings, so ein Mobilfunkteil, so ein Händie. Ich muß in einen Laden gehen, unter Hunderten von Typen eine Entscheidung treffen, mich mit einem blasierten Jüngelchen auseinandersetzen, der mir eine Flut von englischen Fachausdrücken an den Kopf wirft; muß Verträge und Anbieter miteinander vergleichen, Sonderkonditionen und Vergünstigungen ausfindig machen, und schließlich die jeweils neuesten Gadgets und Extras durchschauen. Ich gerate in Entscheidungsstreß, muß viel Kleingedrucktes lesen, eine Menge Werbung über mich ergehen lassen, und ganz so billig, wie es einem die Anbieter alle weismachen wollen, ist der Spaß ja nun auch wieder nicht. Dann brauche ich einen Vertrag oder ein Telephonguthaben, muß mir die Zeit nehmen, herauszufinden, wie das Ding überhaupt funktioniert und mir eine Menge aberwitzig langer Nummern merken oder sie abspeichern. Schließlich darf ich es nicht zu Hause liegenlassen, sondern muß (zusätzlich zu allen anderen Dingen, die das moderne Leben für unerläßlich hält, Schlüssel, Portemonnaie, Fahrausweise, Kundenkarten etc) daran denken, es mitzunehmen, darf meinen Zugangscode nicht vergessen und außerdem muß der Akku betriebsbereit sein. Und dann, endlich, kann ich mich an Barbarossaplatz oder Südbahnhof verabreden. Praktisch, wie? Aber noch bevor es soweit ist und ich das Gerät endlich betriebsbereit in Händen halte, haben zahlreiche schlaue Köpfe jahrelang ihre Geisteskräfte in Erfindung und Entwicklung stecken müssen, sind Millionen und Abermillionen an Investitionen geflossen, mußten Sendemasten aufgebaut, Funknetze eingerichtet, Satelliten ins All geschossen, internationale Vereinbarungen getroffen und eine Menge Gesetze erlassen werden. Und das alles nur, weil man es nicht schafft, vorher zu klären, wo man sich treffen soll. Praktisch, wie? Eine einfache Verabredung wäre wahrscheinlich zu schwierig gewesen.

Das mobile Telephon erhöht unsere Verfügbarkeit, flexibilisiert unsere Terminplanung und beschleunigt den Tagesablauf. Verloren gehen dabei die Pausen, die Sammlung, das Nachwirken. „Wieso können wir uns nicht sehen, Gerlinde hat doch abgesagt?“ Verloren geht so etwas wie Überschaubarkeit. Hier fällt etwas aus, da wird ein neuer Termin rasch eingeschoben. Nur keine Zeit verlieren! Paula sagt ab, weil sie gerade einen Anruf von Gert … Sabine will doch lieber erst morgen … Hansjörg fragt an, ob ich nicht … klar, sind ja zwei Termine freigeworden, muß nur noch schnell Max bescheid geben, daß es etwas später …
Die Hölle. Wohl dem, der unerwartete Pausen als willkommene Ruheinseln wahrnehmen und daraus Kraft schöpfen kann. Wie drückte es Max Goldt einmal aus, als er über rote Ampeln philosophierte? Er nehme „den Zeitsnack gern.“
Verloren gehen Verbindlichkeiten und die Fähigkeit, zu planen. Verloren geht aber auch die Unerreichbarkeit. Wer unerreichbar ist, der hat es heutzutage ja so gewollt, und das kann fluchs in einen Vorwurf münden: „Du hattest dein Händie ja nicht an!“ Empörung, Entrüstung! Du bist deiner Pflicht, erreichbar zu sein, nicht nachgekommen! Mit der Freiheit mobiler Erreichbarkeit geht paradoxerweise ein Stück Freiheit verloren: Wer früher unerreichbar war aus Gründen, die jenseits seiner Einflußnahme lagen, der ist es jetzt freiwillig – und muß sich dafür verantworten. Die Freiheit, sich für oder gegen Kommunikation entscheiden zu können, ist eben keine, da die anderen Kommunikation erwarten und pikiert sind, wenn man etwas tut, das von der anderen Seite als brüsk und abweisend empfunden werden muß: Wenn man sich verweigert. Den nächsten Schritt in dieser unheilvollen Entwicklung kann man sich leicht vorstellen: Die Dauererreichbarkeit. Wir telephonieren dann nicht mehr, sondern sind onwave so wie wir jetzt online sind. Jeder kann jeden jederzeit orten und telephonisch ansprechen, jeder weiß von jedem, wo er ist und wer er ist, und wehe dem, der da sein Telephon ausschaltet und sich entzieht. Das wäre dann so, wie sich heute eine Maske aufzusetzen, bestenfalls unhöflich, wahrscheinlich aber vor allem eines: verdächtig.

Wie den Computer oder das Auto, so nutzen wir auch das Mobiltelephon nicht klug. Wir schreiben Briefe mit dem Computer, deren Layout jeden professionellen Setzer vor Neid erblassen ließe (wofür wir aber auch zehnmal so lange brauchen wie früher für einen sauberen, aber einfach gestalteten Brief mit der Schreibmaschine), bekommen aber eine Sehnenscheidenentzündung, wenn man uns zumutet, mal eine kurze Notiz mit der Hand zu verfassen; wir scannen Bilder, um sie später wieder auszudrucken; wir kommen mit dem Auto überallhin und wundern uns, ist es mal kaputt, daß man ja nirgends mehr hinkommt: alles autogerecht draußen vor der Stadt; wir sparen Zeit und immer noch mehr Zeit, weil wir mit dem Computer oder dem Fahrzeug schneller sind, aber die Zeit nutzen wir, so scheint es, nur, um noch mehr Zeit zu sparen, bis wir gar keine mehr haben: sind wir mit der Rechnung schneller fertig, lehnen wir uns nicht zurück, sondern schreiben noch eine; da unsere Städte infolge des Verkehrs als Lebensräume ruiniert sind, brauchen wir die Ursache eben dieser Zerstörung, das Auto, um in die Naherholungsgebiete auszuweichen; später fahren wir dann, da man uns zu mehr Bewegung rät, ins Fitneßstudio, statt einfach öfter mal zu Fuß zu gehen. Und nicht zufrieden damit, mit dem Mobiltelephon gerade nur diejenigen Notfälle aufzufangen bei denen wir uns vor seiner Erfindung ein solches gewünscht hätten, weiten wir seinen Einsatz auf Situationen aus, in denen wir früher nicht im Traum das Bedürfnis nach Kommunikation gehabt hätten. An welche Einsatzmöglichkeiten hätte man denn vor 20 Jahren gedacht, wenn man sich so einen Kommunikator vorgestellt hätte? Doch wohl an Raumschiff Enterprise, an die Wirklichkeit gewordene Science Fiction, Hilfe holen nach dem Verkehrsunfall, Knöchel gebrochen beim Wandern, Reifenpanne, Raubüberfall, aus der Wohnung ausgeschlossen, mit Fieberattacke ans Bett gefesselt. Aber die Realität, die uns jetzt eingeholt hat, sieht ja ganz anders aus. Klar ist so ein Ding in Notfällen nützlich. Nur wird es kaum in Notfällen gebraucht, weil Notfälle glücklicherweise selten sind; und trotzdem sieht man mehr Leute auf einer 10-minütigen Busfahrt in ihren Kommunikator sprechen oder schreiben als die Enterprise-Helden in einem ganzen Kinofilm. Und bei denen kann es bekanntlich wirklich mal eng werden. Ach, denken wir, wo es doch schon mal da ist, da könnte ich doch – und schon sitzt man in der Falle, und das Telephon beherrscht uns, statt wir unseren Terminkalender.

So schafft sich, ebenso wie das Auto und der Computer, das Mobiltelephon seine eigene Notwendigkeit selber. Wenn keiner mehr glaubt, Verabredungen einhalten zu müssen, weil man ja jederzeit sein Zuspätkommen ankündigen und den anderen von der Last vergeblichen Wartens befreien kann, bekommt derjenige, der sich der mobilen Kommunikation entziehen möchte, angesichts dieser Unverbindlichkeit fluchs den schwarzen Peter zugeschoben. Ist ein Termin geplatzt, so heißt es: „Selber schuld, du hast ja kein Händie, sonst hätt ich dich angerufen.“ Daß der, der so spricht, nicht zur vereinbarten Zeit erschienen ist, wird großzügig übersehen. Ich war nicht erreichbar, also bin ich selber schuld, egal, ob ich pünktlich gekommen bin und mich an die Vereinbarung gehalten habe. Am Ende muß ich mich noch auslachen lassen dafür, daß ich brav wie ein Wachhund eine halbe Stunde gewartet habe. Andere warten wahrscheinlich nicht einmal fünf Minuten. Deswegen geben die Leute ja auch ständig durch, daß sie fünf Minuten später kommen. Will ich diese Situation vermeiden, muß ich eben erreichbar sein. Praktisch? Nein. Es ist nicht praktisch, ein Mobiltelephon zu haben. Es ist unpraktisch, keines zu besitzen. In einer Welt ohne Dauererreichbarkeit würde man Termine so planen, daß man sie einhalten kann. Oder besser: So ist es Tausende von Jahren tatsächlich gewesen. Kaum zu glauben. Eigentlich schon immer, bis etwa Mitte der neunziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Klar ist das Händie unabdingbar, wenn sich niemand mehr an Termine hält. Und es hält sich niemand daran, weil es ja Händies gibt. Also sind Händies notwendig, weil es sie gibt.
Eins aber ist das Mobiltelephon bestimmt nicht: Schön. Das Händie ist häßlich, laut, blöde, vorwitzig, arrogant, banal, nervtötend, aufschneiderisch, schrill, dummdreist, stressend, quengelig, anmaßend, unausstehlich, nachtragend, stur, plärrend, egoistisch. Es ist eine Zumutung. Man braucht es, ja. Aber es ist nicht da, weil man es braucht.
Man braucht es, weil es da ist.

(Editorische Anmerkung 2016: Ich habe immer noch keins.)

Gesundheitsinspektion

Draußen standen zwei Herren auf der Schwelle, den Fuß schon fast im Zimmer, so nah, als hätten sie, während Überweg sich vom Boden aufgerappelt hatte, draußen ihre Nasen an die Tür gedrückt; ihre echten Nasen, muß man sagen, denn unverschämterweise trugen sie keine Masken, sondern starrten ihm mit bloßen Gesichtern entgegen. Diese waren rund und voll und auf obszöne Weise rotwangig, und hatten etwas aufreizend Gesundes an sich, wie aus einer Werbung für Orangensaft oder die Ortskrankenkasse. Und der Eindruck täuschte nicht.
„Gesundheit“, fiepte der eine und schwieg dann einen Moment, als wolle er dem Kunstwerk ihres Erscheinens damit einen Titel verleihen, „Gesundheit, Herr Überweg, ist ein teures Gut.“ Der andere nickte beifällig. Überweg bemerkte, daß sie beide ein Namensschildchen am Revers trugen, konnte aber die Aufschrift nicht erkennen. In Ermangelung einer anderen onomasiologischen Lösung, und da die beiden es offensichtlich für überflüssig hielten, sich vorzustellen, beschloß er, sie Hinz, respektive Kunz zu nennen.
„Ein sehr teures Gut“, fuhr Hinz fort und machte eine Bewegung, als wolle er sich ins Zimmer zwängen. Der andere warf schon mehr oder weniger verstohlene Blicke an Überweg vorbei, wie ein Kind, das die Bescherung nicht erwarten kann.
„Krank werden wir alle mal. Das läßt sich bedauerlicherweise noch nicht ganz verhindern. Doch wie oft und wie schwer jemand erkrankt, das liegt mehr in seiner eigenen Hand, als so mancher glaubt. Die einen achten ein wenig auf sich – und ersparen sich und anderen immense Kosten, indem sie seltener krank werden und die Kassen weniger belasten. Die anderen …“
„Die anderen“, übernahm Kunz wieder, „die anderen machen durch unsachgemäße Lebensführung ein ohnehin kaum bezahlbares Gut gänzlich unbezahlbar. Für uns alle unbezahlbar, Herr Überweg. Dabei muß das alles nicht sein. Es ist Ihnen vielleicht nicht klar, welche Summen vermeidbar wären, wenn die Menschen mehr auf sich achtgäben. Risikobereitschaft und Unachtsamkeit führen zu Unfällen; Genußmittel, Drogen und andere Gifte, bewußt oder unbewußt aufgenommen, haben schleichende Vergiftung, Abhängigkeit, Nachlassen der Leistungsfähigkeit zur Folge; falsche Ernährung, zuwenig Bewegung, leichtsinnige Lebensweise machen akut und chronisch krank, und Krankheit gleich welcher Form oder Schwere schwächt die Moral, den Arbeitswillen und die Leistungsbereitschaft. Besonders aber …“
„Besonders aber“, fuhr Hinz fort, „erfordern Krankheiten kostspielige Behandlungen. Haben Sie schon einmal darüber nachgedacht, wer den Herzschrittmacher von Herrn Müller gegenüber“ – Hinz zeigte tatsächlich hinter sich in den Flur – „oder das Insulin von Fräulein Mechernich im ersten Stock“ – der Finger ging nach unten – „zahlt? Nein? Kein anderer als Sie, Herr Überweg. Eine hohe Belastung des Gesundheitswesens trifft uns alle, Sie, mich, Ihre Nachbarn, Ihre Mitbürger, Freunde, Kollegen. Dabei ist es manchmal lediglich Unkenntnis, die die Menschen ihrer Gesundheit beraubt – und damit uns alle unseres sauer verdienten Geldes. Wissen Sie, wieviel die Schmerzmittel Herrn Mittelspechts vom zweiten Stock monatlich kosten? Mo. Nat. Lich! Sehen Sie. Aus diesem Grund …“
„Aus diesem Grund“, fiel ihm Kunz ins Wort, „haben wir Ihnen vor einigen Wochen einen Fragebogen zugesandt …“
„… den Sie leider versäumten, zurückzusenden“, übernahm wieder Hinz und schüttelte kummervoll den Kopf. „Sie sind sicher auch der Ansicht, daß eine Kontrolle jedes Einzelnen im Interesse Aller ist, nicht war? Also hat der Gesetzgeber beschlossen, dem Druck der Krankenkassen wie der Öfentlichkeit nachzugeben und in regelmäßigen Abständen Kontrollbesuche bei den Bürgern durchzuführen …“
„… um festzustellen, ob die Regeln zur größtmöglichen Gesunderhaltung eingehalten werden“, fuhr der zweite fort, „andernfalls nämlich …“
„Andernfalls nämlich“, Hinz hob ein wenig die Stimme, „Sie zurückgestuft werden, also höhere Beiträge zu zahlen haben, und zwar saftig. Wer sich schadet und andere zwingt, diesen Schaden wieder gutzumachen, handelt asozial. Sie gestatten …“
Und er machte Anstalten, sich an Überweg vorbei und durch die Tür ins Zimmer zu drängen. Ein Kampherartig-herber Geruch strömte ihm voraus. Der andere zückte ein Notizbuch und setzte eine ernste Miene auf, wobei ihm die Zunge in den Mundwinkel rutschte.
Unwillkürlich war Überweg einen Schritt zurückgetreten. Das genügte Hinz, um in einer flinken Bewegung ins Zimmer zu gleiten. Ehe Überweg protestieren konnte, hatte sich der andere schon umgesehen und stieß einen verzückten Schrei aus.
„Aaaaaa-ha“, machte er fröhlich und schnalzte mit der Zunge. „Sie trinken Alkohol. Drei Punkte.“ nickte er Kunz zu, der es eifrig notierte.
„Es ist in ihrem eigenen Interesse, damit aufzuhören“, wandte er sich an Überweg. „Alkohol macht süchtig, schlaff, dumm, aggressiv, hat zuviele Kalorien, fördert unguten Appetit, raubt den Schlaf, vermindert Konzentration und Leistungsbereitschaft, und in schlimmen Fällen führt es gar zu Leberversagen.“
Überweg fühlte einen leichten Unwillen in sich aufsteigen. Während der Eingangsrede hatte er kaum richtig zugehört; daß diese Orangensaftwerbungsfritzen aber seine Wohnung inspizierten, ging ja noch. Seit er hier alleine wohnte, war es ohnehin nur seine halbe Wohnung. Aber daß es jetzt dahin kam, daß seine Trinkgewohnheiten kritisiert wurden, das ging nun doch etwas weit.
„Meine Leber gehört mir“, brummte er.
„Das glauben Sie“, entgegnete Hinz, „nach der neuesten Gesetzgebung haben Sie sich ihre Leber nur geliehen. Sie sind ausdrücklich verpflichtet, sorgsam damit umzugehen, damit sie im Falle Ihres Ablebens noch gebraucht werden kann. Die Entnahme von Organen im Falle ihres Gehirntodes ist ab dem ersten ersten kommenden Jahres in jedem Fall rechtmäßig. Auch gegen Ihren Willen. Wo kämen wir denn hin, wenn man dem Egoismus auch noch posthum zu seinem Recht verhelfen wollte? Wissen Sie, wie eng es derzeit auf dem Gebrauchtlebermarkt aussieht? Sie machen sich keine Vorstellung davon, wieviele Lebern jetzt in diesem Augenblick dringend benötigt werden. Übrigens sollten Sie nicht mit einem nassen Handtuch auf den Schultern herumlaufen, Sie glauben ja nicht, was Erkältungen das Gesundheitssystem kosten. Was ist den das?“
Plötzlich war es still. Kunz hatte im Schreiben innegehalten. Hinz war ein wenig blaß um die Nase geworden. „Oh mein Gott“, lispelte Kunz. Beide starrten mit einer Mischung von Abscheu und Faszination in den prallen Versicherungswerbungsgesichtern auf den Gegenstand, den Hinz mit spitzen Fingern hochhob und am ausgestreckten Arm in die Höhe hielt. Eine Zeitlang sagte niemand etwas. Überweg tastete verstohlen nach seiner Leber.
Kunz fand als erster die Sprache wieder. „Das gibt’s doch nicht“, wisperte er mit vor Entsetzen geweiteten Augen. Hinz räusperte sich. Dann bedachte er Überweg mit einem Blick, wie sie Fernsehkommissare haben, wenn sie zur Verhaftung des Mörders schreiten, und sagte:
„Sie haben … getötet.“
Jedenfalls klang es so. Tatsächlich sagte er, und seine Stimme wurde brüchig: „Sie … rauchen“
„Er … raucht …“, hauchte Kunz und vergaß vor lauter Schreck, es aufzuschreiben. Hinz stellte den Aschenbecher vorsichtig ab und betrachtete einen Moment lang seine Finger, als überlege er, ob Wasser und Seife zur Reinigung ausreichen würden oder man die Gefährdung der Gesundheit durch Pflanzenasche doch besser mit Alkohol oder Parachlorbenzol ausmerzen müsse.
„Wissen Sie eigentlich …“, begann er dann.
Überweg hatte die Untersuchung seiner Leber abgeschlossen. „Ja, weiß ich“, fiel er Hinz ins Wort.
„Warum tun Sie es dann?“
„Das interessiert Sie doch gar nicht.“
„Mich interessiert Ihre Gesundheit.“
„Da bin ich aber gerührt. Der Kühlschrank bleibt zu!“
Denn Kunz hatte die Inspektion auf die Küche ausgeweitet und nach der Kühlschranktür gegriffen.
„Wie sollen wir Sie denn versicherungsmäßig einstufen, wenn wir nicht wissen, wovon Sie sich ernähren?“
„Gar nicht.“
Einen Augenblick schien Hinz aus der Fassung. „Sie ernähren sich gar nicht?“ blinzelte er.
„Sie sollen mich nicht einstufen, meinte ich.“
„Seien Sie doch nicht so stur. Damit kommen Sie nicht weiter. Also, vernünftig. Wovon ernähren Sie sich?“
„Von Gin und Zigaretten.“
„Das kann doch nicht sein.“
„Stimmt auch nicht.“
„Also?“ Hinz zog an der Tür. Überweg hielt dagegen.
„Ein bißchen Vermuth, ab und an.“
Hinz blinzelte. Der Kühlschrank wackelte.
„Und wozu haben Sie dann einen Kühlschrank?“
„Für die Eiswürfel.“
„Hören Sie“, keuchte Hinz und zerrte an der Tür, die Überweg weiterhin entschlossen zugedrückt hielt, „hören Sie. Es steht schlecht genug um Sie. Sie rauchen. Sie trinken. Sie sitzen mit einem nassen Handtuch um die Schultern in der Zugluft. Ihre Matratze ist durchgelegen. Treiben Sie Sport? Hab ich mir doch gedacht. Sie machen alles noch schlimmer. Zeigen Sie uns wenigstens, daß sie da drin ein Vitaminpräparat von Strahlemann & Mausi haben, oder wenigstens einen Apfel® oder eine Tomate™, und wir vergessen die Matratze, ja? Mensch, so hilf mir doch mal, Kunz!“
Apfel® ? Tomate™? In diesem Augenblick riß Überweg der Geduldsfaden.
„Raus!“
„Erst wird der Kühlschrank inspiziert.“
„Raus sage ich. Und zwar raus™. Von Strahlemann & Mausi. Alle beide. Und zwar sofort®.
„Erst der Kühlschr-…“
„Nix da. Schluß jetzt mit dem Auftritt. Übrigens ernähren Sie sich offensichtlich von Hustenbonbons. Verpesten Sie nicht länger meine Wohnung mit ihrem Pfefferminzatem. Sonst werde ich wirklich krank. Bedenken Sie, was das die Gesundheitssysteme kostet.“
„Un-ver- schämt- heit“, keuchte Hinz und zog im Verein mit dem erstaunlich kräftigen Kunz bei jeder Silbe an der Tür. Der Kühlschrank schwankte bedenklich. Die Tür klappte kurz auf und knallte wieder zu, als Überweg sich dagegenwarf. Die Lage wurde kritisch.
In diesem Moment kam ihm der rettende Einfall.

„Das ist Körperverletzung!“ schrie Hinz unter Husten.
„Wir werden zurückgestuft!“ wimmerte Kunz und hustete noch heftiger .
„Das wird Sie teuer …“, hob Hinz an und wackelte mit dem ausgestreckten Zeigefinger, aber Überweg hatte, während der erste vor dem Rauch der Zigarette das Weite suchte, den zweiten schon am Kragen gepackt und begonnen, ihn zur Tür zu schleifen.
„Aua, nicht wehtun“ fing der an zu flehen, „bitte nicht verletzen, bei einem Arbeitsunfall werde ich zurückgestuft …“
„Idiot, sei doch still“, rief der andere von draußen. Ein Stoß, ein Griff, ein Zug. Die Tür schloß sich über den roten Wangen, Namensschildchen und Geschrei. Überweg schloß ab und lehnte schnaufend an der Tür. Die kämen wieder, so viel war klar.
Erstmal einen Schnaps, dachte Überweg, und dann machen wir einen Plan©.

Carneval

Es ist wieder soweit: Am Bahnsteig stehen Männer mit heruntergelassener Hose und urinieren in die Grünrabatten, andere stehen nicht mehr so gerade und schwanken, Bierflasche in der Hand, über die Treppen, aus den Straßen unten dröhnt es, Kyffhäuserstraße und Zülpicher Straße sind eine einzige klebrige Pfütze aus Bier und Feigenlikör, und am Brühler Bahnhof beugt sich jemand über eine Sitzbank und kotzt. Im Vorbeifahren sehe ich durchs Zugfenster den schimmerden Schleimfaden aus seinem Mund stürzen und auf der Sitzfläche zerplatzen.
Das alles ist Jahr für Jahr nervig und anstrengend. Aber das ist noch nicht, was mich wirklich erschüttert.
Es ist etwas, das augenscheinlich nur ich sehe, es ist diese verzerrte Ausgelassenheit, die doch nichts weiter ist als maskierte Verzweiflung, ein Ablenkungsmanöver; das Toben der Menge, ihre Fröhlichkeit, nichts als ein empfindlicher Balanceakt, der jederzeit kippen, eine Larve, hinter der jederzeit die Fratze der Zerstörung und heillosen Verwirrung herausspringen kann.
Und es auch tut.
Kurz vor Bonn nämlich plötzlich Geschrei, Zorn und Schmerz, wüste Beschimpfungen, „Laß mich!“, „Nenn mich nicht …!“, Geheul und viel Unartikuliertes, dazwischen zaghafte Beruhigungsversuche, schließlich setzt sich ein Frau in Katzenkostüm neben ihre Freundin auf der anderen Seite des Ganges, schwer atmend, aufgebracht, „Der soll nicht zu mir reinkommen, ich war auf Toilette …“, und die Freundin: „Schrei mich nicht an …“, während aus dem hinteren Zugteil die Stimme eines Mannes zu hören ist, „und das, nachdem ich vier Jahre mit ihr zusammen war … vier Jahre …“, das Gebrüll ist schrill, die Stimme überkippend, von Schluchzern durchsetzt.
So etwas macht mich völlig fertig. Ich denke an Gustav Mahler, der genau dieses Pendeln zwischen grellbuntem Frohsinn und fratzenhafter Agonie in Töne zu fassen verstand. Ach du lieber Augustin, alles ist hin. Ich könnte mich hinsetzen und heulen, wenn ich in die glasigen Augen unter der Pippi-Langstrumpf-Perücke blicke, in diesen Abgrund. Ihr werdet alle einmal auf dem Totenbett liegen, denke ich. Es ist zum Heulen.

Wohnungsbrand

Ein Haus steht in Flammen, neun Menschen sterben. Na, und? möchte man mit der Schulter zucken. Zum Vergleich: im Jahr 2006 starben auf Deutschlands Straßen 5316 Menschen bei Unfällen. Das sind 14 Menschen täglich. Jeden Tag ein zweites Ludwigshafen. Wen kümmert’s? Es ist in den letzten Tagen so viel vom Mittrauern die Rede gewesen. Warum trauert keiner mit den 14 Verkehrstoten täglich mit? Die Wahrheit ist doch: Gestorben wird landauf landab, haufenweise in jeder Stunde, und wer da überall eine Betroffenheitsmiene ziehen und mittrauern wollte, ach herr je!, der käme aus dem Trauern und Mieneziehen gar nicht mehr heraus.
Der Verdacht liegt nahe, daß man sich daher lieber bescheiden gibt und realistisch bleibt und das Mittrauern auf einige besonders schöne Fälle des Sterbens beschränkt. Natürlich die, von denen man überhaupt Kunde hat, weil die Kamera dabei war. Hilfreich ist da wohl auch, wenn gleich mehrfach auf einmal gestorben wird, erstens, weil sich die Mittrauer besser konzentrieren kann, zweitens, weil es einfach mehr hermacht, als so kleckerlesweise hier und da über die Autobahnen der Republik verstreut. Und drittens ist so ein Autounfall doch ziemlich banal, das kennen wir schon, wir haben uns ans Sterben auf der Autobahn gewöhnt, wie langweilig. Aber ein Wohnungsbrand, zudem, wenn die Zeitungen bei einem kleinen Feuerchen schon das Wort „Katastrophe“ bemühen – uiuiui, das ist schon was anderes als ein bißchen Reifenquietschen.
Zudem weiß man ja, daß alle anderen auch davon gehört haben und mittrauern. Und in der Gemeinschaft trauert’s sich einfach schöner. Das hat etwas geradezu Anheimelndes. Man kann auch eine Kerze solidarisch ins Fenster stellen. Hach!
Aber wie sehr ich auch in mich hineinhorche: So recht will mir bei solchen Anlässen das Trauern nicht gelingen. Die Verstorbenen sind mir fremd und bleiben mir fremd, und hätte ich von ihrem Tod nicht in der Zeitung gelesen: Ich würde den Unterschied gar nicht bemerken! Dieses kollektive Getrauere – manchmal kommt es mir gar ein bißchen verordnet vor.
Aber ob die Mittrauer nun echt ist oder nicht: Jedenfalls scheint mir das alles doch den Verdacht des Unverhältnismäßigen nicht so einfach abstreifen zu können. Daß etwa kein geringerer als der türkische Ministerpräsident eigens angereist kommt, um in Ludwigshafen nach dem rechten zu sehen, mag man als ein Musterbeispiel der fürsorglichen Anteilnahme eines Staatschefs für seine Bürger loben – verhältnismäßig ist es nicht.
Der Gipfel des Unverhältnismäßigen aber ist das Brimborium, das über die Herkunft der Bewohner fraglichen Mietshauses gemacht wird. Es ist ganz einfach egal, ob sich in dem fraglichen Gebäude nun Maori, Schwaben oder Eskimos aufgehalten haben. Tot ist tot. Wenn es ein Verbrechen war, wird man das herausfinden, es wird eine Untersuchung geben, der oder die Täter werden gefaßt werden. Punkt. Alles weitere ist einfach nur belanglos.
Und muß auch belanglos sein. Eine aufgeklärte Gesellschaft würde die üblichen Mittel der Strafverfolgung einsetzen, ohne Ansehen der Herkunft der Opfer; eine aufgeklärte Gesellschaft würde über politische Konsequenzen erst dann zu sprechen beginnen, wenn sich die Tat tatsächlich als fremdenfeindlich erwiesen hat, vorher nicht; eine aufgeklärte Gesellschaft käme zuallerletzt auf den Gedanken, es könne sich um einen fremdenfeindlich motivierten Anschlag handeln. Ganz einfach, weil ihr ein solcher Gedanke fernläge. Offenbar liegt ihr ein solcher Gedanke aber nicht fern, so wie der Sünder die eigene Sünde bei den anderen immer zuerst vermutet. So leistet jedes weitere Wort dem Verdacht Vorschub. Möge jeder seine eigenen Schlüsse daraus ziehen.
Und trauern.

(Editorische Notiz: Für die Diskussion über diesen Eintrag, die aus unerfindlichen Gründen nicht importierbar ist, sehen Sie bitte hier nach.

Im später, verrückt. Zwei Anmerkungen.

Elsa schrieb:

„Ich mache mir darüber auch oft Gedanken. Setze die Zäsur aber so um 1989 an. (Vielleicht fällt das sogar um die Zeit deiner Griechenlandrückkehr). Ab da ist der Turbokapitalismus richtig durchgestartet. Wie du richtig bemerkst, begann da auch die Ära nicht nur der Globalisierung (die es ohne Eisernen Vorhang vielleicht gar nicht gegeben hätte?), sondern auch des ständigen VERWEISES auf die Globalisierung. Schnitt.

Ein Beispiel: Vor 25 Jahren besaß man als Geschäftsmann, der viel unterwegs und dennoch erreichbar sein musste, ein Autotelefon, so groß wie heute ein Multifunktionsdrucker zum Scannen, Kopieren und Faxen. Das war 10.000 DM wert.
Heute hat jeder Arbeitslose mindestens zwei Handys und ist ständig mit ihnen beschäftigt. Immerhin.
Turbokapitalismus, Globalisierung und IT-Zeitalter. Kann es sein, dass der komplette Thomas von Aquin mittlerweile online verfügbar ist? Und hat uns das irgendwie weitergebracht? Ich meine, in der gesamten Gesellschaft?

Es gibt auch inwendige Gründe. Vielleicht sind wir einfach zu alt. Zu früh geboren (insgesamt natürlich zu spät, aber hier an diesem Punkt zu früh) … weil, vielleicht heißt es ja in 30 Jahren, dass wir uns nach der Neuen Rechtschreibung zurücksehnen und den schönen Handys, die „nur“ telefonieren, online gehen, fotografieren und Textverarbeitung boten? vielleicht stehen wir in 30 Jahren mit Jugendlichen in einem Fahrstuhl, die anstatt via Handy zu surfen, kybernetischen Geschlechtsverkehr haben, während wir daneben stehen?
Vielleicht sind in der Zwischenzeit aber auch wirklich alle verrückt geworden und wir sträuben uns noch allzusehr, uns einfach zu ergeben?
ABER: Gab es dieses „Narrenschiff“- Bild für die Gesellschaft nicht bereits vor Hunderten oder gar Tausend Jahren?
Also kann es nicht an uns liegen … :)))“

Du hast recht, daß es zu jeder Zeit Stimmen gab, die behaupteten, die Menschen seien verrückt geworden. Aber die Konsequenz daraus, nämlich die Vermutung, daß es dann wohl nur eine Frage der Wahrnehmung sei, was man als verrückt empfinde und was nicht, macht mich auf eine hilflose Weise zutiefst traurig. Denn dann gäbe es ja überhaupt keinen Maßstab mehr dafür, was vernünftig oder töricht, echt oder oberflächlich, ernst oder albern, bedeutsam oder banal, schön und häßlich ist. Dann ist einfach alles beliebig. Gleich gut. Egal. Macht was ihr wollt. Dann ist alles einfach nur Kampf, eine Schlacht, die diejenigen gewinnen, die am lautesten brüllen und die schrillsten Klingeltöne haben. Diejenigen, die in der Mehrheit sind, wie widerlich ihre Ansichten und Werturteile, wie gedankenlos ihre Wahl und Entscheidung für oder gegen etwas auch sein mögen. Es tut mir körperlich weh, wenn Menschen auf der Straße oder wo immer sie gehen und stehen in ihre kleinen silbernen Kästchen sprechen. Es ist nicht einfach nur, daß ich das dumm und überflüssig finde. Es macht mich krank, mitansehen zu müssen, wie alle, ausnahmslos alle, vom selben Wahn ergriffen werden; wie alle sich, unabgesprochen, darüber einig sind, wie die Welt auszusehen habe; wie niemand auch nur fünf Minuten einhält und einmal wenigstens eine wirkliche Entscheidung trifft, eine Entscheidung, der man anmerken würde, daß sie aus dem ureigenen selbstgegebenen Gesetz dieses Menschen entsprungen ist. Vielem von dem, was die Menschen so tun und lassen, scheint mir dagegen überhaupt keine echte Entscheidung vorangegangen zu sein. Man tut’s, weil’s halt alle so machen, Und weil es ja ach so praktisch ist. Die Idee, daß man aus sehr guten Gründen auf das Praktische auch verzichten kann, scheint niemand zu haben.

Was das Alter angeht, so spricht gegen Deine Vermutung, daß ich zu den Verrückten Menschen jedes Alters zählen muß; sie eint, nicht die Generation, sondern der Wahn selbst. Allerdings muß ich zugeben, daß ich das von Dir angesprochene Gefühl teile. Es ist nur eine andere Form des Grauens, über die auch noch zu sprechen wäre.

Meine Zäsur war übrigens 9 Jahre nach Deiner, also 1998. Ich habe jetzt noch einmal darüber nachgedacht und bin zum Schluß gekommen, daß es auch damit zusammenhängt, daß dies eine Zeit war, in der ich einige Ziele und Wünsche, die mich bis dahin geleitet hatten, ein für allemal verwarf. Das bedeutete, daß vieles für mich einerseits zwar irrelevant wurde, andererseits aber genau deshalb in kritischer Weise und mit unbeteiligtem Abstand beurteilbar. Vieles wurde dadurch leichter, aber ebenso viel wurde schwieriger (und quält mich bis heute). Genau an diesem Punkt begann mich zu ärgern, was vor der Zäsur möglicherweise noch als erstrebenswert für mich selbst gegolten hätte. Ein Auto zu besitzen und zu fahren, beispielsweise: Plötzlich war alles voll von ihnen, sie stanken, sie zeugten von Gedankenlosigkeit, Arroganz und Herrschaftswillen, sie nahmen mir die Vorfahrt und die Freude an der Bewegung. Das alles aber erst, seit klar war, daß ich nie eins besitzen würde. Möglicherweise würde ich heute auch das Internet für albern und verrückt halten, wenn ich nicht gerade im letzten Moment noch aufgesprungen wäre.
Es war ein Wertherscher Rückzug ins Innen, den ich damals vollzog; freilich ohne zu ahnen, daß das Außen mit aller Gewalt zurückschlagen würde.

Und damit bin ich bei Deiner entscheidenden Frage: Hat uns das alles weitergebracht? Die manchmal grandiose Kluft zwischen technischem Fortschritt und seiner Umsetzung zum Wohle des menschlichen Daseins ist mir einmal schlagend klar geworden angesichts eines Flugzeugs, das, behängt mit einer hunder Meter langen, buntbedruckten Stoffschleppe, auf der „Kodak“ oder „Fuji“ oder weiß der Geier was zu lesen war, seine trägen Runden über Köln zog. Es erschien mir plötzlich so widersinnig: Da hat es die Menschheit tatsächlich geschafft, so ein Stahldings zum Fliegen zu bringen (ich meine, zum Fliegen!), und dann weiß diese Menschheit nichts Besseres damit anzufangen, als eine bedruckte Stoffbahn daranzuhängen und ein paarmal damit über der Stadt Köln herumzuwedeln. Ich dachte: Würde morgen der Null-T-Transport oder die Zeitmaschine erfunden, würde man als erstes Null-T-Reisen zu den schönsten Stränden der Welt („… und abends sind Sie wieder zuhause!“) und Real-World-Abenteuerausflüge ins Mittelalter unternehmen. Ich meine also: Nein. Unsere ganzen Erfindungen haben uns nicht weitergebracht, außer vielleicht, das Leben hier und da angenehmer zu machen (aber nutzen wir die gewonnene Zeit?) – ich denke, das hast Du aber nicht gemeint. Es lesen bestimmt nicht mehr Menschen die Summa Theologiae, seit der Text online verfügbar ist. Freilich ist es für die, die sie ohnehin lesen würden, eine enorme Erleichterung. Aber ein größerer Schritt nach vorne dürfte für die Menschheit kaum dabei herausspringen.

Im später, verrückt

Ein großer Irrtum besteht vielleicht darin, anzunehmen, daß die Welt noch in Ordnung war, als man, weil man daß mit ß schrieb, oder nichts vom mobilen Telephonieren wußte, oder kindlich-unschuldig auf BH und Achselrasur verzichtete, die Vokabel Globalisierung allenfalls als das Herstellen eines Leuchtglobus gedeutet hätte, und die aggressivste Werbung schon darin bestand, Kinderreime zu naiven Melodien zu trällern. Warum empfinde ich so? Deute ich etwas als Symptom für die Schöneneuewelt, das in Wirklichkeit keines ist? Oder lediglich als Symbol für die Schöneneuewelt, als ein Zeichen, das nur Zeichen ist, ohne kausalen Zusammenhang? In diesem Fall bestünde der Irrtum darin, Bezeichnendes mit Bezeichnetem zu verwechseln. Oder ärgert mich das wirklich? Oder was sonst ärgert mich denn dann? Das Gefühl, immer stärker werdend, des Vertriebenseins aus der Welt, inmitten der Welt? Das würde bedeuten, daß ich im System der Dinge, Wertzuteilungen, Bezüge, Verhandlungen, früher mehr zuhause war, mehr in einem vertrauten Raum als ich es jetzt bin – ist das so? Wo war ich zuhause und wie befand ich mich da, vorher? Vor was eigentlich? Vor dem ersten Mobiltelephon, vor der Rechtschreibreform? Bevor das Wort Globalisierung in aller Munde war und für jeden beliebigen selbstverschuldeten Mißstand entschuldend gebraucht werden konnte?
Eine Grenze, die sich biographisch anböte, wäre die Rückkehr aus Griechenland. Danach war vieles anders, ich möchte sagen, alles, oder das Wesentliche, das Lebensgefühl. Entweder waren da alle in meiner Abwesenheit verrückt geworden, oder ich endlich so wach, diese schon frühere Verrücktheit zu sehen – und mich fortan noch daheim fremd zu fühlen.

oase

nach gestrigem brüller in den innenhof, der neben verschiedenen deftigen invektiven auch eine androhung von inanspruchnahme behördlicher gewalt enthielt (ich meine, wer zieht bitteschön nachts um elf um? man stelle sich vor: türenklappern, möbelrutschen, keuchen der beteiligten träger, poltern von krimskrams, verklemmende möbel, schmerzensschreie von besitzern dabei eingeklemmter finger, pfiffe, gelächter, husten & ausspucken), nach dem brüller also heute ausgiebig über gehörschutz informiert. so geht es nicht weiter. es werden immer mehr. meine geduld immer weniger. geklingel, gefiepe, geschepper, sogenannte musik. ich sage sogenannte, weil es mir schwerfällt, das, was so penetrant aus ubiquitär verteilten kopfhörerchen stampft, und das, was ich für eine ruhige stunde aus meiner plattensammlung auswähle, mit demselben wort zu bezeichnen, aber das nur nebenbei. ebenso nebenbei: man könnte einen anschlag auf die hersteller des ei-pottes und ähnlicher akustischer großflächentraumatisierer in erwägung ziehen.
also professionelle hilfe. werde demnächst beim optiker meines vertrauens, der auch eine abteilung für hörgeräteakustik hat, vorsprechen. und mir meine kleine oase der stille einfach um mich herumziehen.
im übrigen mußte die polizei dann doch nicht anrücken. aber beim nächsten mal gibt es nicht noch eine weitere androhung. dann wird sofort ernst gemacht.
immerhin war fünf minuten nach meiner mißfallensäußerung ruhe. und, nun gut, ich gebe zu: es war nicht elf. es war erst halb.

RAF

ich kann sie verstehen, diese menschen. mir möchte auch manchmal die hand ausrutschen; oder es juckt mich, ein paar autoreifen aufzustechen; ein paar antennen abzubrechen; eine autobahn zu blockieren; ein paar steine zu werfen; reihenweise werbeplakate herunterzureißen. warum? aus neid? nein: weil ich mich in meinen elementarsten bedürfnissen tagtäglich beschnitten fühle.

natürlich ist das etwas anderes als auf menschen zu schießen. daß das einer wirklich tut: das verstehe ich nicht. aber den haß und die wut, die ihn treibt, die habe ich auch in mir.

herausgefordert

sich den gesellschaftlichen herausforderungen des Landes stellen – wenn ich so etwas schon höre. diese herausforderungen gehen von uns selbst aus. verzichten wir darauf, gibt es auch keine herausforderung und damit kein problem, dem man sich stellen müßte. da wird wieder mal so getan, als seien unsere sozialen probleme eine naturkatastrophe.

aufmerksamkeit

Irgendwo hier im gebäude klappert es, wie wenn ein blech, eine lüftungsklappe, eine blende herumschlägt. hotmail bietet mir einen intelligenztest an, dessen erste aufgabe darin besteht, die tokens des buchstaben „f“ in einem kleinen text zu zählen. laut ergebnis bin ich ein genie, aber ich kannte den test schon. unter den biographien der woche sind vier angeblich berühmte menschen (von zehn), von denen ich noch nie etwas gehört habe, nicht einmal den namen: Lance Armstrong (schon mal gehört), Osama bin Laden (weiß, wer das ist), Jan Ullrich (schon mal gehört), David Beckham (?), John Travolta (schon mal gehört), Christine Licci (??), Daniel Radcliffe (???), Charles Augustus Lindbergh (jau!), Ronaldinho (??!??), Thomas Gottschalk (ach ja). außerdem ist eine person namens Kylie Minogue (??????), die ich ebenso wenig kenne wie Ronaldinho (??!??), in ein anderes Krankenhaus verlegt worden. jemand schlägt mir vor, ich solle meine freunde neidisch machen, indem ich ihnen ein photo von mir ganz entspannt in einem liegestuhl sitzend und einem „flirt an der hand“ präsentiere, ein anderer möchte unbedingt, daß ich abnehme, und die huygenssonde könnte vielleicht leben auf dem titan gefunden haben. ich putze meine brille und sehe aus dem fenster.
Der horizont umschließt die stadt mit hartem wolkengriff. regen zieht dünn und leise herab, leute ducken sich unter regenschirme, reifen rauschen. nässe läuft dunkel über plakatwände, läßt strände, flugzeuge, parfumflakons, mobiltelephone, wellnesshotelanlagen (???!!?) aufquellen. aufmerksamkeit ist ein seltsamer vorgang. wenn ihre freunde sie jetzt so sehen könnten. das auswählen wird immer schwieriger. unsere instinkte sind nicht auf ignorieren programmiert, das macht die sache im falle unerwünschter information, die gleichwohl alle scheinattribute hochwichtiger information an sich trägt, lästig. andererseits wäre unser gehirn, wollte es allem die gleiche aufmerksamkeit zollen, völlig überfordert. also ist auch das vergessen, wegsehen, ignorieren programmiert. die frage ist, worauf man sich konzentrieren will, und unter welchen umständen es gelingt. Da gehe ich tag für tag an einer bestimmten glastür vorbei. an dieser glastür klebt eine idiotische mobilfunkwerbung mit einem völlig albernen text, so albern, daß ich mir vornehme, diesen text nicht mehr zu beachten. nehme mir vor, diesen text abzustrafen mit mißachtung.
es gelingt aber nicht. jedesmal aufs neue bleibe ich dran kleben, und merke es erst, wenn ich schon dabei bin, den text zu registrieren. ab jetzt gibt es kein bafög mehr. es sei denn, sie telephonieren gern. lassen sie die pfunde purzeln. nein, ich will keine pfunde purzeln lassen, und ich will auch nicht teuer dafür bezahlen, daß ich gratis telephonieren darf. ich will nicht einmal diese aufforderung bewußt zur kenntnis nehmen. aber wie kann ich das? die schwierigkeit besteht wohl darin, einen reflex zu unterdrücken. reflexe sind unmittelbar, sie setzen kein bewußtsein voraus, sie sind von einem willen unabhängig. zeigt mir jemand eine überdimensionale nackte weibliche brust – ich bin nicht der, dessen instinkte darauf nicht reagieren (dem himmel sei dank). einmal aus dem augenwinkel erhascht, und schon hast du hingeschaut. scheinattribute hochwichtiger information. das geht ohne jede tätigkeit der großhirnrinde, dazu reicht derjenige teil unseres nervensystems, den wir mit den reptilien (1) gemeinsam haben. schlimmer noch, die großhirnrinde kommt bei diesem vorgang erst gar nicht zum zuge. die großhirnrinde reflektiert das geschehen höchstens aus der retrospektive und schreibt dann einen weblogeintrag darüber. dann ist es aber schon zu spät, und man hat den artikel, der mit den brüsten beworben wird (wahrscheinlich ein auto, oder ein reisebureau oder eine versicherung, es gibt ja so vieles, was man mit einer weiblichen brust assoziiert) schon abgespeichert.
dennoch lassen sich reflexe beeinflussen, lassen sich unterdrücken oder konditionieren. doch was, wenn der reflexauslösende reiz jeweils ein anderer ist? und möchte ich wirklich meinen brüstehinguckreflex in einen brüstewegguckreflex umkonditionieren?
eine andere möglichkeit wäre natürlich, den kanal, auf dem die aufmerksamkeitsforderung zu uns gelangt, zu meiden: keine zeitung, kein fernsehen, kein kino, kein büdchen, radio auch nur bestimmte sender, internet? um himmels willen. also verzicht auf alles, was man heute so schön „die medien“ nennt. aber das reicht nicht.
denn ganz zu schweigen davon, daß ich ja auch von bestimmten infomrationen abhängig bin: die aufmerksamkeitsforderungen werden überdies noch überall gestellt, nicht nur in bestimmten, umgrenzten und daher vermeidbaren bereichen, sie sind ubiquitär. straßen, busse, bahnen, öffentliche gebäude, plätze, parkanlagen, ja, häuserwände, ja sogar die luft ist potentieller aufmerksamkeitsforderungsraum. brüste prangen auf zeppelinen, prickelnder bierschaum ergießt sich von betonwüsten herab, ein sinnlicher mund leckt kondenswassergetrübtes speiseeis vom straßenbahnrumpf. Abgesehen davon, daß auch auf unverdächtigen kanälen plötzliche, ungesuchte information sich anheischig macht, unsere aufmerksamkeit einzufordern. man kann ja nicht einmal ein taschenbuch zur hand nehmen, ohne hinweise auf weitere publikationen des verlags registrieren zu müssen. man kann nicht einmal eine fertigpizzapackung aufreißen, ohne mit superlativen und imperativen bedrängt zu werden (versuchen sie doch auch mal unsere köstliche …). ja, noch schlimmer: manchmal wird auch das bedürfnis nach echter information heimtückisch ausgenutzt, indem beispielsweise eine nachrichtenmeldung im internet beim anklicken zunächst auf eine weitere werbeseite mit leicht variiertem angebot führt, ehe nach nochmaligem anklicken der gewünschte artikel erscheint. oder suchmaschinen blenden perfiderweise passend zum suchbegriff werbeanzeigen ein.
wäre das werben, das buhlen um aufmerksamkeit, auf vorhersehbare kanäle beschränkt, wäre es nutzlos. werben funktioniert durch die beständige unerwartete bestürmung unserer sinne. unsere aufmerksamkeit muß im handstreich genommen werden. es darf dem betrachten keine entscheidungsfindung seitens des betrachters vorausgehen. denn wer würde eigens eine entscheidung fällen, um ein werbeplakat betrachten zu dürfen?
ich nehme mir vor, wegzusehen, mehr noch, als ich das wohl schon lange gewohnt bin; manchmal habe ich sogar erfolg: ich habe es tatsächlich geschafft, nicht mitzubekommen, wer dieser Ronaldinho ist. oder sollte man eines tages mit mobiltelephonen photographieren können – es dränge diese neuigkeit mit jahrelanger verspätung zu mir durch.

(1) In streng kladistischer formulierung müßte ich natürlich so etwas wie non-avian, non-mammalian amniote“ sagen, aber ich denke mal, die leser und leserinnen wissen, welche lebewesen ich meine.