Carneval

Es ist wieder soweit: Am Bahnsteig stehen Männer mit heruntergelassener Hose und urinieren in die Grünrabatten, andere stehen nicht mehr so gerade und schwanken, Bierflasche in der Hand, über die Treppen, aus den Straßen unten dröhnt es, Kyffhäuserstraße und Zülpicher Straße sind eine einzige klebrige Pfütze aus Bier und Feigenlikör, und am Brühler Bahnhof beugt sich jemand über eine Sitzbank und kotzt. Im Vorbeifahren sehe ich durchs Zugfenster den schimmerden Schleimfaden aus seinem Mund stürzen und auf der Sitzfläche zerplatzen.
Das alles ist Jahr für Jahr nervig und anstrengend. Aber das ist noch nicht, was mich wirklich erschüttert.
Es ist etwas, das augenscheinlich nur ich sehe, es ist diese verzerrte Ausgelassenheit, die doch nichts weiter ist als maskierte Verzweiflung, ein Ablenkungsmanöver; das Toben der Menge, ihre Fröhlichkeit, nichts als ein empfindlicher Balanceakt, der jederzeit kippen, eine Larve, hinter der jederzeit die Fratze der Zerstörung und heillosen Verwirrung herausspringen kann.
Und es auch tut.
Kurz vor Bonn nämlich plötzlich Geschrei, Zorn und Schmerz, wüste Beschimpfungen, „Laß mich!“, „Nenn mich nicht …!“, Geheul und viel Unartikuliertes, dazwischen zaghafte Beruhigungsversuche, schließlich setzt sich ein Frau in Katzenkostüm neben ihre Freundin auf der anderen Seite des Ganges, schwer atmend, aufgebracht, „Der soll nicht zu mir reinkommen, ich war auf Toilette …“, und die Freundin: „Schrei mich nicht an …“, während aus dem hinteren Zugteil die Stimme eines Mannes zu hören ist, „und das, nachdem ich vier Jahre mit ihr zusammen war … vier Jahre …“, das Gebrüll ist schrill, die Stimme überkippend, von Schluchzern durchsetzt.
So etwas macht mich völlig fertig. Ich denke an Gustav Mahler, der genau dieses Pendeln zwischen grellbuntem Frohsinn und fratzenhafter Agonie in Töne zu fassen verstand. Ach du lieber Augustin, alles ist hin. Ich könnte mich hinsetzen und heulen, wenn ich in die glasigen Augen unter der Pippi-Langstrumpf-Perücke blicke, in diesen Abgrund. Ihr werdet alle einmal auf dem Totenbett liegen, denke ich. Es ist zum Heulen.

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