Im später, verrückt. Zwei Anmerkungen.

Elsa schrieb:

„Ich mache mir darüber auch oft Gedanken. Setze die Zäsur aber so um 1989 an. (Vielleicht fällt das sogar um die Zeit deiner Griechenlandrückkehr). Ab da ist der Turbokapitalismus richtig durchgestartet. Wie du richtig bemerkst, begann da auch die Ära nicht nur der Globalisierung (die es ohne Eisernen Vorhang vielleicht gar nicht gegeben hätte?), sondern auch des ständigen VERWEISES auf die Globalisierung. Schnitt.

Ein Beispiel: Vor 25 Jahren besaß man als Geschäftsmann, der viel unterwegs und dennoch erreichbar sein musste, ein Autotelefon, so groß wie heute ein Multifunktionsdrucker zum Scannen, Kopieren und Faxen. Das war 10.000 DM wert.
Heute hat jeder Arbeitslose mindestens zwei Handys und ist ständig mit ihnen beschäftigt. Immerhin.
Turbokapitalismus, Globalisierung und IT-Zeitalter. Kann es sein, dass der komplette Thomas von Aquin mittlerweile online verfügbar ist? Und hat uns das irgendwie weitergebracht? Ich meine, in der gesamten Gesellschaft?

Es gibt auch inwendige Gründe. Vielleicht sind wir einfach zu alt. Zu früh geboren (insgesamt natürlich zu spät, aber hier an diesem Punkt zu früh) … weil, vielleicht heißt es ja in 30 Jahren, dass wir uns nach der Neuen Rechtschreibung zurücksehnen und den schönen Handys, die „nur“ telefonieren, online gehen, fotografieren und Textverarbeitung boten? vielleicht stehen wir in 30 Jahren mit Jugendlichen in einem Fahrstuhl, die anstatt via Handy zu surfen, kybernetischen Geschlechtsverkehr haben, während wir daneben stehen?
Vielleicht sind in der Zwischenzeit aber auch wirklich alle verrückt geworden und wir sträuben uns noch allzusehr, uns einfach zu ergeben?
ABER: Gab es dieses „Narrenschiff“- Bild für die Gesellschaft nicht bereits vor Hunderten oder gar Tausend Jahren?
Also kann es nicht an uns liegen … :)))“

Du hast recht, daß es zu jeder Zeit Stimmen gab, die behaupteten, die Menschen seien verrückt geworden. Aber die Konsequenz daraus, nämlich die Vermutung, daß es dann wohl nur eine Frage der Wahrnehmung sei, was man als verrückt empfinde und was nicht, macht mich auf eine hilflose Weise zutiefst traurig. Denn dann gäbe es ja überhaupt keinen Maßstab mehr dafür, was vernünftig oder töricht, echt oder oberflächlich, ernst oder albern, bedeutsam oder banal, schön und häßlich ist. Dann ist einfach alles beliebig. Gleich gut. Egal. Macht was ihr wollt. Dann ist alles einfach nur Kampf, eine Schlacht, die diejenigen gewinnen, die am lautesten brüllen und die schrillsten Klingeltöne haben. Diejenigen, die in der Mehrheit sind, wie widerlich ihre Ansichten und Werturteile, wie gedankenlos ihre Wahl und Entscheidung für oder gegen etwas auch sein mögen. Es tut mir körperlich weh, wenn Menschen auf der Straße oder wo immer sie gehen und stehen in ihre kleinen silbernen Kästchen sprechen. Es ist nicht einfach nur, daß ich das dumm und überflüssig finde. Es macht mich krank, mitansehen zu müssen, wie alle, ausnahmslos alle, vom selben Wahn ergriffen werden; wie alle sich, unabgesprochen, darüber einig sind, wie die Welt auszusehen habe; wie niemand auch nur fünf Minuten einhält und einmal wenigstens eine wirkliche Entscheidung trifft, eine Entscheidung, der man anmerken würde, daß sie aus dem ureigenen selbstgegebenen Gesetz dieses Menschen entsprungen ist. Vielem von dem, was die Menschen so tun und lassen, scheint mir dagegen überhaupt keine echte Entscheidung vorangegangen zu sein. Man tut’s, weil’s halt alle so machen, Und weil es ja ach so praktisch ist. Die Idee, daß man aus sehr guten Gründen auf das Praktische auch verzichten kann, scheint niemand zu haben.

Was das Alter angeht, so spricht gegen Deine Vermutung, daß ich zu den Verrückten Menschen jedes Alters zählen muß; sie eint, nicht die Generation, sondern der Wahn selbst. Allerdings muß ich zugeben, daß ich das von Dir angesprochene Gefühl teile. Es ist nur eine andere Form des Grauens, über die auch noch zu sprechen wäre.

Meine Zäsur war übrigens 9 Jahre nach Deiner, also 1998. Ich habe jetzt noch einmal darüber nachgedacht und bin zum Schluß gekommen, daß es auch damit zusammenhängt, daß dies eine Zeit war, in der ich einige Ziele und Wünsche, die mich bis dahin geleitet hatten, ein für allemal verwarf. Das bedeutete, daß vieles für mich einerseits zwar irrelevant wurde, andererseits aber genau deshalb in kritischer Weise und mit unbeteiligtem Abstand beurteilbar. Vieles wurde dadurch leichter, aber ebenso viel wurde schwieriger (und quält mich bis heute). Genau an diesem Punkt begann mich zu ärgern, was vor der Zäsur möglicherweise noch als erstrebenswert für mich selbst gegolten hätte. Ein Auto zu besitzen und zu fahren, beispielsweise: Plötzlich war alles voll von ihnen, sie stanken, sie zeugten von Gedankenlosigkeit, Arroganz und Herrschaftswillen, sie nahmen mir die Vorfahrt und die Freude an der Bewegung. Das alles aber erst, seit klar war, daß ich nie eins besitzen würde. Möglicherweise würde ich heute auch das Internet für albern und verrückt halten, wenn ich nicht gerade im letzten Moment noch aufgesprungen wäre.
Es war ein Wertherscher Rückzug ins Innen, den ich damals vollzog; freilich ohne zu ahnen, daß das Außen mit aller Gewalt zurückschlagen würde.

Und damit bin ich bei Deiner entscheidenden Frage: Hat uns das alles weitergebracht? Die manchmal grandiose Kluft zwischen technischem Fortschritt und seiner Umsetzung zum Wohle des menschlichen Daseins ist mir einmal schlagend klar geworden angesichts eines Flugzeugs, das, behängt mit einer hunder Meter langen, buntbedruckten Stoffschleppe, auf der „Kodak“ oder „Fuji“ oder weiß der Geier was zu lesen war, seine trägen Runden über Köln zog. Es erschien mir plötzlich so widersinnig: Da hat es die Menschheit tatsächlich geschafft, so ein Stahldings zum Fliegen zu bringen (ich meine, zum Fliegen!), und dann weiß diese Menschheit nichts Besseres damit anzufangen, als eine bedruckte Stoffbahn daranzuhängen und ein paarmal damit über der Stadt Köln herumzuwedeln. Ich dachte: Würde morgen der Null-T-Transport oder die Zeitmaschine erfunden, würde man als erstes Null-T-Reisen zu den schönsten Stränden der Welt („… und abends sind Sie wieder zuhause!“) und Real-World-Abenteuerausflüge ins Mittelalter unternehmen. Ich meine also: Nein. Unsere ganzen Erfindungen haben uns nicht weitergebracht, außer vielleicht, das Leben hier und da angenehmer zu machen (aber nutzen wir die gewonnene Zeit?) – ich denke, das hast Du aber nicht gemeint. Es lesen bestimmt nicht mehr Menschen die Summa Theologiae, seit der Text online verfügbar ist. Freilich ist es für die, die sie ohnehin lesen würden, eine enorme Erleichterung. Aber ein größerer Schritt nach vorne dürfte für die Menschheit kaum dabei herausspringen.

Im später, verrückt

Ein großer Irrtum besteht vielleicht darin, anzunehmen, daß die Welt noch in Ordnung war, als man, weil man daß mit ß schrieb, oder nichts vom mobilen Telephonieren wußte, oder kindlich-unschuldig auf BH und Achselrasur verzichtete, die Vokabel Globalisierung allenfalls als das Herstellen eines Leuchtglobus gedeutet hätte, und die aggressivste Werbung schon darin bestand, Kinderreime zu naiven Melodien zu trällern. Warum empfinde ich so? Deute ich etwas als Symptom für die Schöneneuewelt, das in Wirklichkeit keines ist? Oder lediglich als Symbol für die Schöneneuewelt, als ein Zeichen, das nur Zeichen ist, ohne kausalen Zusammenhang? In diesem Fall bestünde der Irrtum darin, Bezeichnendes mit Bezeichnetem zu verwechseln. Oder ärgert mich das wirklich? Oder was sonst ärgert mich denn dann? Das Gefühl, immer stärker werdend, des Vertriebenseins aus der Welt, inmitten der Welt? Das würde bedeuten, daß ich im System der Dinge, Wertzuteilungen, Bezüge, Verhandlungen, früher mehr zuhause war, mehr in einem vertrauten Raum als ich es jetzt bin – ist das so? Wo war ich zuhause und wie befand ich mich da, vorher? Vor was eigentlich? Vor dem ersten Mobiltelephon, vor der Rechtschreibreform? Bevor das Wort Globalisierung in aller Munde war und für jeden beliebigen selbstverschuldeten Mißstand entschuldend gebraucht werden konnte?
Eine Grenze, die sich biographisch anböte, wäre die Rückkehr aus Griechenland. Danach war vieles anders, ich möchte sagen, alles, oder das Wesentliche, das Lebensgefühl. Entweder waren da alle in meiner Abwesenheit verrückt geworden, oder ich endlich so wach, diese schon frühere Verrücktheit zu sehen – und mich fortan noch daheim fremd zu fühlen.

Traum

Ein Musiktraum.
Ich sitze auf einem Treppengeländer, das die Stufen zu einer Art Amphitheater teilt und habe Ausblick auf eine Schlucht, auf graue und rosa Sandsteinfelsen auf der anderen Seite, oben ein Buckel, durch einen Riß von der senkrecht abfallenden Klippe getrennt, und darauf wie die Krone auf einem Haupt, ein Schloß, eine Burg, eine Ruine? Dazu erklingt von seitlich, von hinten, mächtige Musik eines unsichtbaren großen Orchesters, leuchtende, glänzende, flirrende Streicher, Gebraus und Geklirr von hohem Blech, chromatische Abwärtsgänge, Wirbelwinde, das Ende eines großen Symphoniekopfsatzes, so hört es sich an, aber es klingt nicht mit einem gewaltigen Tuttiakkord aus, sondern in einer sehr einfachen, verspielten, bukolisch gefärbten, von zahlreichen Vorhalten (man fragte sich erst, ob es Ansatzprobleme waren, ein Verschlucken des Rohrs) verzierten Oboenmelodie, in der Atmosphäre ganz ähnlich, wie es Brahms in seiner zweiten Symphonie gemacht hat.
Dann sollten wir Zuhörenden ein wenig Platz schaffen, denn der Oboist, hieß es, brauche mehr Raum für das nun folgende große Solo des zweiten Satzes.
Eine Melodie, die nicht mehr erklang, denn zu meinem großen Bedauern erwachte ich in diesem Augenblick.

Greinstraße (und weiter …)

das himmelsgrau nistet in den baumkronen, vertreibt die vögel, läuft stämme, treppen, schächte hinauf, lärmt, pocht, heult, drückt sich durch die poren des glases, legt sich als finger und flossen über den tisch, wo es das papier zu klebriger hieroglyphenasche zerstäubt. silbern stellen sich die unterseiten der ahornblätter auf, verwandeln sich in finger, klauen, ohrringe, sturmlinien, zähne, deren licht aus dem inneren kommt und als flackern über wand und boden läuft. ein erloschener laternenpfahl neigt sich den ganzen morgen lang gegen den wolkenzug. man erinnert sich, leicht, wie im schwebtraum, irgendwo steht in einem hof ein bäumchen, das jetzt kahl sein müßte, ein naßdunkles, tropfenschüttelndes gerippe, wie es beglänzt von lampen sichtbar ist aus dem fenster oben, aus dem stummen raum heraus, der einmal ein zuhause war, ein raum voller licht und photographien und bücher und zärtlicher unordnungen, allenthalben. ein heller ton klingt auf, wenn der regen gegen das geländerrohr schlägt, ein müdes ostinato, wie von einem gelangweilten kind, das seine finger auf immer dieselbe taste des klaviers drückt, wieder und wieder.

Greinstraße

Milchhell zerfließende Wolken, angestrahltes Innen, ein Pfahlraum, offen für Türme und Funkmasten, und in den Bäumen wohnen wieder stille Geister, unter den Steinen klammes Geriesel. Die Raben und Elstern so schnabelschwer, daß die Lüfte sie nicht halten, und die Spatzen rufen einen Montagmorgen lang nach dem Himmel. Jedes Rad, jeder Bordstein, jede Tafel an ihrem Platz, in der Reihe, voller Voraussicht und Planung. Spiegelungen zärtlich weggedreht, emsig im Schweigen. Ein Handschuh winkt, aufgespießt auf einem Zaunpfahl, seine Finger wackeln im Pferdewind. Keine Spuren, Geleise, Bänder für Regenbögen, für Denksprünge oder Innenklarheiten.

Allerheiligen

Am Grab von Jennifer Heid, wie jedes Jahr. In Gedanken zumindest.
Diese elf Tage des Jahres, Verspätetes und Letztes, zwischen Allerheiligen und Martini, wo der Herbst sich geschlagen gibt und zurücktritt aus den Kronen der Bäume wie ein sanftmütiger Riese. Er schüttelt das greise Haupt: Ein Schritt nur ist es ins Nichts, in den Rest, ins Dunkel, das selbst die Raben verschmähen, die plötzlich, seid wann? verstummt sind auf ihren lautlosen Bahnen. Heute noch waren wir hier zu Hause, hier, inmitten der Astern, hier haben wir ins Laub geatmet, uns mit Eicheln beworfen, über den Nebel gestaunt und gelacht über unseren Atemdunst, wie Kinder, hier waren wir Freunde, Paare, Geschwister, und nun? Stehen wir allein, mit diesem Wundsein an den Fingerspitzen, das eine andere Hand uns ließ, und haben eine harte Münze unter der Zunge, seit unsrer Geburt. Und wir tun so, als wüßten wirs nicht. Nicht war? Schön wars auf der Erde. Nur daß wir nicht einmal diese Erinnerung behalten dürfen. Und über der Tonne aus kohlefaserverstärktem Kunststoff liegen die Blumen. Und über den kleinen, eingefaßten Gärtchen kreist der Kerzenschein. Als ginge es immer so weiter stellt man den Mantelkragen auf, fröstelt behaglich, riecht das eigene Leben in den Achseln, und mit diesem Gedanken ist man fort über Straße und Feld. Ein Blatt kreist in müdblauen Tonnen. Und am Horizont dröhnen die Türme. Und dröhnen und dröhnen.

De ira

Merke: Gegen alles kannst du anschreiben, gegen Trauer, Angst, Leichtsinn, Schwermut, Verzweiflung, Langeweile, Überdruß, Verzagen, Schmerz. All das kannst du bannen, wegtun, durchleuchten, zerstrahlen, wegblasen, niederdeuten, überwinden.
Nur die Wut geht nicht weg beim Schreiben. Eher, daß sie noch zunimmt, mit jedem Wort, daß du ihr widmest. Du kommst nicht gegen sie an. Immer kleiner und fester und knotiger wird sie und löst sich nicht auf. Bis schließlich jeder deiner Atemzüge sie wiederholt, wieder und wieder. So ist die Wut. Du wirst sie nicht los, nie.

Dämmerung

So ein Himmel, wieder kaum strukturiert, erschöpft von Nässe und den Anstrengungen, die es kostete zu regnen, nachtstunden auf und ab, still jetzt, still und voller blassem Gefädel, zu leicht fast für Vögel. Einen Glockenton bräuchte es für Licht und Sperling, die scharfe Kante eines aufglühenden Schattens, ein Zwinkern der Hundsrose. Aber die Wege sammeln weiter Dämmerungen ein, eine Zehrung den langsam stürzenden Bäumen an ihrer Schulter.

Zeitumstellung

Es ist wieder so weit. Heul, mecker, moser, maul. Was ist los? Die Uhren werden umgestellt. Ja und? Ach, mein Biorhythmus ist wieder ganz durcheinander. Jammern und Zähneklappern aller Orten! Was für eine Komödie, man mag es nicht mehr hören. Nicht allein, daß man sich wieder diese alberne Ratlosigkeit anhören muß („Äh, im Herbst stellt man die Uhr doch zwei Stunden zurück und im Frühjahr nur eine, oder?“), landauf landab die verrücktesten Eselsbrücken zu hören bekommt („Ganz einfach: Im Herbst werden die Tage kürzer, also werden die Stunden auch, äh … oder so“), werden Jahr für Jahr die Hypothesen darüber, wie sich die Zeitumstellung für das persönliche Erleben auswirkt („Wenn die Uhr eine Stunde vorgeht, wird dann mein Kaffee schneller kalt?“) oder für die Umwelt („Die Vögel wissen ja gar nicht mehr, wann sie singen sollen“; „Die längere Sonnenscheindauer fördert die Klimaerwärmung“), immer, nun ja, verwegener.
Am schlimmsten weil lächerlichsten ist aber der Verweis auf den sogenannten Biorhythmus („Ich brauche Wochen, bis ich wieder normal schlafen kann“). Es ist wirklich erstaunlich, wozu die schiere Einbildung so in der Lage ist. Daß es so weit mit dem Biorhythmus nicht her sein kann, zeigt folgende kleine Überlegung:
Man stelle sich einmal mal vor, es käme eine Behörde und würde folgendes vorschreiben: Jede Nacht von Samstag auf Sonntag werden die Uhren bundesweit zwei stunden zurückgestellt. Jede Nacht von Sonntag auf Montag werden sie dann wieder um denselben Betrag vorgestellt. Undenkbar? Im Gegenteil, bereits jetzt freiwillige Praxis. Man nennt das „Ausschlafen“. Biorhythmus? Da werden Nächte durchgezecht oder -gearbeitet, da steht man mal zum Joggen früher auf, mal bleibt man liegen, dann hat man Gleitzeit und besucht Mittwochs morgens Tante Erna und geht dafür Donnerstags morgens zwei Stündchen eher zur Arbeit, da verlängert man sich Winters den Tag mit künstlichem Licht, da erhebt man sich für die Geschäfts- oder Urlaubsreise um vier aus den Federn, da wird geschoben und gedrückt und genmacht und getan, ohne daß irgendwen Sonnenstand oder die Jahreszeit sonderlich interessieren würde. Biorhythmus?
Und wenn jetzt einer daherkommt und oberschlau darauf verweist, daß Kühe enorm unter den verschobenen Melkzeiten zu leiden hätten, der Biorhythmus mithin eine nicht einfach wegzuwischende Realität sei, so frage ich zurück: Bin ich ein Rindvieh? Eine Kuh macht auch nicht Freitags und Samstags die Nacht zum Tage und am nächsten Morgen den Tag zu Nacht; eine Kuh schläft auch nicht Sonntags aus; eine Kuh pocht nicht auf ihren Biorhythmus, nur um dann zu behaupten, Sonntags sei es nicht so schlimm; wenn eine Kuh einen sogenannten Biorhythmus hat, dann hat sie den jeden Tag und nicht nur dann, wenn es ihr gerade in den Kram paßt. Mit dem Biorhythmus mag es sich verhalten wie es will: Wenn man ihn hier nicht ernstnimmt, wird man sich dort nicht echauffieren dürfen. Wer angesichts der Zeitumstellung über seinen gebeutelten Biorhythmus mault, muß bitteschön auf sonntägliches Ausschlafen verzichten.
Sehen wir es doch mal nüchtern. Angenommen, man steht am Sonntag der Umstellung um acht Uhr (alter Zeit) auf und geht am Abend desselben Tages um dreiundzwanzig Uhr (alter Zeit) schlafen. Egal ob vor oder zurück: Die Umstelldifferenz von einer Stunde verteilt sich also auf fünfzehn Stunden. Das macht vier Minuten pro Stunde. Machen Sie es doch das nächste Mal so: Statt die Uhr eine Stunde auf einmal vor- oder zurückzustellen, machen Sie es häppchenweise, zwischen acht Uhr morgens und elf Uhr abends jede Stunde vier Minuten.
Und zusammenaddiert: Im Winter steht man eine Stunde später auf, im Sommer eine früher. Punkt.
Und die Singvögel? Die werden sich dran gewöhnen.

Trick 17

Morgens jetzt immer um sechs aufstehen, nicht zum laufen, sondern zum schreiben. Unter allen schwierigen schreibstunden des tages scheint das die am wenigstens schwierige, die am schwächsten widerstand leistende stunde zu sein. Der kaffee durchhellt und befeuert die müdigkeit, nimmt ihr das schläfrige und schwere, und verwandelt sie in eine so transparente konzentration, daß es, horcht man nur hin, aus dem noch in den träumen wurzelnden unterbewußten worthaft zu brodeln, zu schillern und zu purzeln beginnt; oder vielleicht ist es einfach ein von der stille des schlafs geschärftes inneres ohr, das später am tag für gewöhnlich zufällt. Jedenfalls scheint der trick zu funktionieren, vorläufig zumindest. Ich werde nicht so wach, daß die stimmen verstummen, und bin doch dank dem kaffee nicht mehr so schläfrig, daß jeder tastendruck ein schrei nach ausruhen wäre. Eine halbe seite ist in so einer morgendlichen sitzung durchschnittlich schaffbar. Läuft es gut, auch beträchtlich mehr.
Das ganze in strenger disziplin. Das heißt: Jeden werktag. Ein ritual. Nur so ist gewährleistet, daß ich nicht wieder den kontakt verliere zur in der erschaffung befindlichen (und erst halbgeschaffenen) welt, daß die wege offenbleiben, die ver- und abzweigungen sichtbar und zahlreich. Das ziel: die rohfassung fertigzustellen bis zu meinem geburtstag. Ein geschenk an mich selbst, könnte man sagen. Es ist jetzt zehn jahre her, daß ich begann, diese geschichte zu schreiben, wieder und wieder von neuem.

wecker

Taste the Future

Der Welternährungstag findet jedes Jahr am 16. Oktober statt und soll die Menschen daran erinnern, dass noch immer eine große Anzahl Menschen Hunger leiden müssen.

Ist es Zynismus, Boshaftigkeit, Unbeholfenheit, Zufall, Planungszwang oder ganz einfach schiere Gleichgültigkeit, daß die Veranstaltungszeit der Schlemmermesse Anuga diesen Gedenktag einschließt?

Ein Vorschlag: Alle am heutigen Tage erwirtschafteten Gewinne auf der Messe werden gemeinschaftlich der Welthungerhilfe oder einem vergleichbaren Verein gespendet. Na, wär das was?

Das Motto der Messe lautet übrigens: „Taste the future“. Da kann man nur anfügen, wohl dem, der eine hat.

Verwirrend

… daß einerseits die Macher der entsetzlichen Radiowerbung meines Supermarktes nicht wissen, daß Federweißer wie ein Adjektiv zu deklinieren ist (des Federweißen, dem Federweißen, den Ferderweißen, oh Federweißer!) und den Sprecher enthusiastisch fragen lassen: „Was paßt eigentlich zum Federweißer?“; verwirrend weiterhin, daß man hierzulande wohl noch etwas grün hinter den Ohren ist, was die Kultur rund um den Neuen Wein angeht, und das, obwohl wir hier in nächster Nähe nicht nur ein berühmtes Weinbaugebiet haben (Rhein & Ahr); verwirrend schließlich, daß die Deklination auf Pfälzisch dann wieder gestimmt hätte.

Random Acts of Viciousness

Einmal möchte man das tun, alles in Kauf nehmen, gerne zahlen, bereitwillig, genüßlich sogar, den Ärger abkriegen, ist ja nur ein finanzieller Schaden, der läßt sich wiedergutmachen, es tut ja nicht wirklich weh, dafür wäre es aber absolut lohnend, also:
Einmal nur unter Ausnutzung des Überraschungseffekts einem dieser Blechschepperer die Ohrstöpsel vom Kopf reißen, dann im selben Schwung das daran angeschlossene Telephon, den Eipott, den MP3-Spieler oder wasweißich mit raschen Griff entwenden, mit der anderen, freien Hand das Zugfenster herunterreißen und das ganze hassenswerte Ensemble, Ohrstöpsel, Kabel, Kiste, alles in hohem Bogen hinauswerfen.
Und dann in das starre Schweigen der Schrecksekunde und das entgeisterte Gesicht des Schepperers hineinsprechen und leise, ganz leise feststellen:Schluß jetzt!

Blech

Oder neulich, auf einem Gang an den Pferdekoppeln oberhalb von Nettekoven. Ich hatte Schlehen gesammelt, am einzigen Strauch, der welche trägt dieses Jahr, eine kleine Tüte voll; dann trugen mich die Füße fort wie von selbst, in kleinen, schwebenden Schritten, über den aufgeplatzten Asphalt des Fahrwegs, zum Wald. Es war eine Stunde der Wachheit, wie ich es nenne. Am späten Nachmittag, nach Kaffee und Ruhen, im Freien, auf dem Feld oder einem Waldweg, geschieht es manchmal, daß die Atemzüge sich verdichten, die Schritte wie Pendel fallen, die Widerlager der Arme in knappster Genauigkeit auf und nieder schwingen. Dann ist die Luft dünn und gespannt, von Geräusch und Licht flackernd. Die Finger zucken nach Berührung, nach Erproben, die schrundige Borke einer Eiche, die Schuppen einer Föhre, einen Zapfen, eine Handvoll roter Sand, einen abgeknickten Zweig; der Blick schwirrt in den faserigen Höhlen der Hecken, Wegraine und brombeerumspindelten Zäune, Hände in den Taschen bleibe ich stehen, atme tief aus in die Ebene hinein, mit Stadt, Kirchturm und einem Heißluftballon darüber, lausche auf das Knirschen eines Fahrzeugs aus dem Waldparkplatz, auf Hufschläge und Kinderstimmen, und alles summt von verborgenen Geschichten. Stockschläge fallen aus der Tiefe des Pfades, und ins Gegenlicht hingehaucht, schwankt da, funkensprühend, die Gestalt eines Greises, der vielleicht gestern glaubte, seine Enkelin beerdigt zu haben, die gar nicht seine Enkelin ist. Ein junger Mann schlägt zaghaft die Autotür zu und wartet, die Augen beschattend, auf eine Frau, mit der er verabredet ist. Sie wird nie kommen. Jemand geht zwischen den Buchenstämmen, und ehe er verschwindet, blitzt ein Spaten kurz auf. Man betritt eine Hütte und findet auf eine Pritsche ein Photo von sich selbst.
Nur in einer solchen Stunde der Wachheit ist es je gelungen, einen Ort zu betreten, den ich mit einer Geschichte, wo sie als zitternde Spiegelung an die Oberfläche der Welt trat, gemeinsam hatte für die Dauer einer Betrachtung; einen Ort, an dem sie sich mir entgegenbog, so daß ich sie berühren konnte, ohne wirklich in sie einzudringen, bis ich schon wieder weg war, und das Fahrzeug, der Alte, das Kind, das aus dem Fenster sprang und zwischen den Spalierobstbäumen davonhuschte, wieder abgetaucht waren in den Raum ihrer Verzweigungen, still und unbekannt, an denen ich nicht mehr teilhatte.

Ein Reh

Als ich einbog vom Hauptweg in den dämmrigen Seitenpfad, stakste da wenige Schritt voraus ein Reh. Es sah mich, erstarrte und fiel im Erstarren zurück ins Unüberschaubare des Pfadrains, wo es augenblicks mit Strauchwerk und Blättergewirr und den wuchernden Schatten am Weg verwuchs. Eins geworden mit dem Grün, blieb es darin unkenntlich, sonlange es nicht ein Zucken des Ohrs, eine Wendung des Kopfes, ein unsicherer Schritt wieder herauswarf und in der Bewegung vereinzelte.
Auch ich blieb still und probierte, ob es mir nicht ebenso gelänge, mit dem Holunder und den Brombeeren neben und über mir zu verwachsen. Eine Fliege kitzelte mich an der Nase. Ein Tropfen schlug mir auf die Stirn. Ich blieb ganz still, die Augen unverwandt auf die Stelle gerichtet, aus der heraus mich das Reh zweifellos scharf beobachtete, beroch, belauschte; zwar sah ich es nicht; doch spürte ich seine gesammelte Aufmerksamkeit auf mich gerichtet wie einen hellen Strom. Meine Fingerspitzen wurden taub. Ich fragte mich, ob es mich atmen höre, wie es in meiner Nase röchelte, die Jacke knisterte, wie selbst das Blut in den Adern noch zu lärmen schien. Ich kam mir sehr laut vor.
Dann, ohne daß ich mich erkennbar geregt hätte, knackte plötzlich etwas, die Farne und die Weißbuchenzweige wippten. Schatten und Lichtwirrung gerieten in Bewegung und verdichteten sich zu einem staksigen Sprung, mit dem das Tier ausbrach, aufflog, ins Dickicht stürzte und hinter zurückschlagenden Zweigen im nu verschwunden war.
Wer weiß, was es plötzlich erschreckt haben mochte, den Aufschlag von Sternenstaub, das Rascheln einer Spinne im Netz, oder einen meiner finsterlauten Gedanken.

Im Bus

Froh werden an einer Busfahrt. Nicht, daß es regnet, nicht, daß die Sonne scheint, nicht, daß ein Blatt klebenbleibt auf der feuchten Scheibe, unruhig zittert, wieder abfällt und wirbelnd in die Straße zurückgesaugt wird; auch nicht die wetterfeuchten Hecken über dem Dunkel eines Bachs, die glühenden Spitzen des Grases, wie es ins Gewölk überm Feld hinüberleuchtet; oder der traurige Mund eines Jungen, vertieft in eine kiloschwere Lektüre. Froh werden, an etwas, das ein Rätsel ist, und in seiner Rätselhaftigkeit alle Vordergründe überwindet, die minutenlang anhaltende, unumstößliche Gewißheit, am Leben zu sein und in der Welt.

Ende des Sommers (Aequinox, ein Epigramm)

Dann aber schlugen die Glocken, so lang, daß es tönte wie Stunden,

während ein Morgen entschwand unter dem schwingenden Blau.

Noch einmal schenkt uns die Zeit einen säumigen Aufschub, als wäre

alles ein froher Beginn, was ihren Händen entfällt.

Dürr steht der Sommer am Feld, in azurene Winde gekleidet.

Morgen gibt er das Jahr, müde vom Licht, uns zurück.