morgens

die zeit der dunkelläufe geht zu ende. die vögel kündigen hellere frühstunden an, schon liegen dämmerungen voll rotkehlcheneinsamkeiten über schimmerndem stahl. am morgen, zwischen trübmond im westen und oxydblau im osten der erste der zaunkönige, und später, leuchtend aus dem dunklen gewirr von brombeeren, ahorn und kiefer, die unsichtbare amsel.
die beine haben das laufen nicht verlernt, doch sind sie schwer, winterschwer, träge von ruhetagen, fiebertagen. aber die lust ist wieder da, zum erstenmal nach wochen, die lust am entzücken, am atmen, am fluß der bewegung, die lust an erschöpftsein.
jeder morgen ein stückchen heller, eine vogelstimme mehr. bald kann die stirnlampe zu hause bleiben.

RAF

ich kann sie verstehen, diese menschen. mir möchte auch manchmal die hand ausrutschen; oder es juckt mich, ein paar autoreifen aufzustechen; ein paar antennen abzubrechen; eine autobahn zu blockieren; ein paar steine zu werfen; reihenweise werbeplakate herunterzureißen. warum? aus neid? nein: weil ich mich in meinen elementarsten bedürfnissen tagtäglich beschnitten fühle.

natürlich ist das etwas anderes als auf menschen zu schießen. daß das einer wirklich tut: das verstehe ich nicht. aber den haß und die wut, die ihn treibt, die habe ich auch in mir.

Lagrange

festgefahren, toter punkt, beim schreiben, beim nicht-schreiben, beim denken gewiß, vielleicht sogar beim träumen. ich kann nicht zwei worte denken, ohne daß sich sofort das gefühl einstellt: da warst du schon einmal. mentales wiederkäuen könnte man es nennen, nur heraus kommt dabei selten etwas. nur wiedergekäutes, das nicht unbedingt, kaut man es länger wieder, besser wird. ich strampele und ziehe und zerre, aber es ist immer das gleiche lied: voraussagbares, neu geordnetes material, tabellarisches.
diesmal hab ich’s, diesmal hab ich’s, diesmal entkomme ich, dachte der hamster im laufrad.

kulissen, plakate

es bleiben immer dieselben bilder und sehnsüchte, was man auf der reise sich vorstellte, ein glück, ein warmer raum, wird sich entziehen. du läufst durch den wald und freust dich einen langen tag, aber die heimkehr ist nie so, wie du sie dir vorgestellt hast. du siehst dich selbst, wie man aus dem dunklen frost hineinspäht in den lichtkreis einer lampe, in der menschen sitzen mit ruhigem antlitz, daheim und bei sich: so einer möchtest du werden, da willst du hin. in-remscheid-ende-06-004oder vornübergebeugt über eine kladde, ein heft, eine tastatur, du selbst, in heilige gedanken verheddert, glühend und doch ruhig, ab und zu gelassen und deiner einfälle sicher, nach der kaffeetasse greifend. ein bild bleibt es, und nichts daran ist wesentlich, sowieso nicht. es ist die vorstellung eines selbst, dessen wesen zurücktritt vor einer kulisse, einem plakat. ich sah einen bekannten seine abschlußarbeit schreiben. das sah gemütlich aus, lebensvoll, schwierig, ohne quälend zu sein. das war schön. so müßte es doch gehen, dachte ich. so ähnlich ergeht es einem manchmal, wenn man einen schreibwarenladen betritt. die sauberen kladden, verheißungsvoll in ihrer erwartung, die leeren seiten mögen gefüllt werden, das schreibgerät, so klar und sauber und leicht zu handhaben wie ein endlich geglückter gedanke, den man, bemächtigte man sich nur dieses füllers, zwangsläufig haben wird. es ist derselbe irrtum wie der, den einer begeht, der sich mit dem neuen mantel, dem hemd, den schuhen eine persönlichkeit, ein ich anzuziehen meint.
aber kamst du nicht irgendeinmal so nach hause, wie du jetzt es dir erträumst? feldweg-effekte-009du erinnerst dich: da war es so. da auch. du ziehst den mantel über, schnürst die schuhe, wirfst brot und käse in den rucksack. aber den weg, den du so oft gegangen bist, hast du nur einmal gefunden. die wälder sind eine kulisse, die die erinnerungen ausstellt.
die lampe überm tisch ist es auch.

… ein stückchen weit.

ein wetter bei dem die finger in minuten klamm werden und schokolade im mund nicht schmilzt. die wege schmatzen den schritten nach, in den tümpeln schillert es wie von öl, rabenkrähen sinken naßschwer auf ein feld. an den wegekreuzen, auf den bögen der hügel, unter manchem heckensaum hockt der wind und wartet darauf, loszubrechen. bricht los, aus gesammelter ferne, zieht an den ohren, wühlt in den taschen, bläst die blicke über den hügelkamm davon, dann verjault er um eine häuserecke und ist fort. die wipfel schwingen ihm nach. nachtgeister, die sich versteckt halten, kosten ein bißchen vom sturm. der wald nährt ihnen ihre dürren hoffnungen. der rotz läuft aus der nase, die stimme am gaumen verklemmt, was ich sagen wollte, verschluckt sich am wind. wie zwei muschelschalen sind die steifen hände ineinandergeschmiegt.
später abblätternde farbe auf einem holzzaun. säume, ränder, verschwiegenheiten. und bemoostes kinderspielzeug: eine schubkarre, ein sandförmchen, eine schippe mit gespaltenem blatt. darüber eine blumenampel, ein buntbemalter briefkasten, eine fensterbank. hier möchte ich einmal mit dir sitzen, eine warme hauswand im rücken, eine decke gegen die abendkühle über den beinen, die füße im kühlen gras, die alterfleckigen hände ineinandergeschmiegt. es soll dann alles so sein, wie es immer war, seit jetzt. ein lichtflaum liegt auf den brombeeren und brennesseln, der wald schickt seinen schatten aus, die amsel flötet nahebei, und es ist herbst, oder abend.
wie vergnügt wir laufen durch die ecken und winkel der böen. unsere hände sind voll angst und hingabe, und auf den straßen rollt die zukunft heran.

Mein persönliches literarisches 2006

Buchbegleiter des vergangenen Jahres. In ungefährer chronologischer Folge (aufsteigend), mit Überschneidungen. Selten liegt nur ein Buch bei mir vor dem Bett, auf dem Eßtisch, im Rucksack, auf der Toilette. Anmerkung: „*“ bedeutet „abgebrochen“ oder „unterbrochen“; „!“ bedeutet „in Bearbeitung“

  • Der Schatten des Windes (Zafón)
  • Δύο φορές Έλληνας (Κουμανταρέας)
  • Onkel Wolfram (Sacks)
  • The Blind Watchmaker (Dawkins)
  • Der Sieger (Zuławski)
  • *Die alte Erde (Zuławski)
  • Bluebeard (Vonnegut)
  • Meine Reisen mit Herodot
  • *Lady Chatterley’s Lover (Lawrence)
  • *Plexus (Miller)
  • Die Suche nach der verlorenen Zeit (2) (Proust)
  • Life of Pi (Martel)
  • *Z (Βασιλικός)
  • Nachtzug nach Lissabon (Pascal Mercier alias Peter Bieri)
  • *Eine Kindheit in der Provence (Pagnol)
  • 52 Wanderungen (Hohler)
  • The Hard-Boiled Wonderland and the End of the World (Murakami)
  • Down Under (Bryson)
  • Robinson (Meijsing)
  • *Der Neandertaler (Kuckenburg)
  • *Australiens Aborigines. Ende der Traumzeit? (Supp)
  • The Biographer’s Tale (Byatt)
  • Η μπλε ώρα (Χειμονάς)
  • *Shangri-La (Michael MacRae)
  • *Mein Weg durch Himmel und Höllen (David-Néel)
  • Das Mädchen, das vom Himmel fiel (Peper)
  • Ein Schwarm Regenbrachvögel (’T Haart)
  • Kafka on the Shore (Murakami)
  • *Die letzte Flöße (Ekmann)
  • !The Glass Palace (Ghosh) (angefangen)
  • Blogs. Literarische Aspekte eines neuen Mediums (Ainetter)
  • The Curious Incident of the Dog in the Nighttime (Haddon)

Zwischendurch immer mal wieder:

  • The Variety of Life (Colin Tudge)
  • O άγγελος της στάχτης (Λαμπαδαρίδου-Πόθου)

Aus verschiedenen Büchern informiert über:

  • Mongolei
  • Transsibirische Eisenbahn
  • Zentralasien
  • Aborigines
  • Ökosysteme Feldflur/Wald/Siedlungsraum

Wissenschaftlich

  • Ovid, Metamorphosen
  • Geschichte der griechischen Literatur (quer)
  • Herodot, Historiae Buch I
  • Vergil, Aeneis, II
  • Cicero, Tusculanae Disputationes (quer)
  • Einführung in die Erzähltheorie (Fludernik) (quer)
  • Auctor & Actor (J. J. Winkler) (quer)
  • Eurypides, Medea
  • Apuleius, Asinus Aureus (quer)

So verschieden, wie die Bücher, so verschieden die Situationen, deren Begleiter sie sind; und ebenso vielfältig die Gründe, wenn man die Lektüre abbricht. Nicht immer liegt es am Buch:Die letzten Flösse (sic!) habe ich sehr genossen, bis mich Referate und Hausarbeiten zwangen, die Lektüre zu unterbrechen; schließlich war die Leihfrist einschließlich Verlängerung endgültig abgelaufen, und ich mußte das Buch zurückgeben. Manchmal kann man ein Buch auch regelrecht aus den Augen verlieren. Dann ist es schwierig, nachträglich Gründe anzugeben, warum man es sinken ließ und nicht wiederaufnahm. In den Wirren des vergangenen Sommers müssen sich irgendwann auch die Buchliebschaften überlagert, überkreuzt, verwirrt und verschoben haben, so daß irgendwannMeine Kindheit in der Provence liegenblieb. Manchmal gehört auch ein Buch zu einer bestimmten Stimmung, in einen bestimmten außerliterarischen, dem Leseereignis zuträglichen, zum Leseereignis passenden, ja die Lesung erst komplettierenden, vervollkommnenden Zusammenhang: Bei derKindheit war dies ein Dreieck aus Schwimmbad, Eisdiele, Wiese vor dem Poppelsdorfer Schloß. Dann kam der Regen, das Freibad schloß, das Eis schmeckte nicht mehr, und ebenso wanderte das Buch wieder ins Regal. Also nächsten Sommer? Vielleicht. Aber vielleicht ist dann auch das Gefühl da, daß es nun zu spät sei. Dann wird dieser Lesestumpf für immer in den Sommer 2006 und seine Geschichten gehören. Alles andere wäre ein anagnostischer Fehltritt.
Daneben gibt es natürlich Bücher, die ganz einfach enttäuschen. Ich gebe es nicht gerne zu, aber irgendwann im letzten Viertel vonZ wurde es mir zu langweilig. Vielleicht habe ich auch einfach zuwenig (auf Griechisch) verstanden, um noch so viel Schwung zu haben, es zu Ende zu lesen. AuchLady Chatterley’s Lover vermochte mich irgendwann nicht mehr zu fesseln, obwohl die erotischen Schilderungen an Qualität ihresgleichen suchen, Hut ab! Definitiv unleserlich (weil wirr) warShangri La, ebenso wieDer Neandertaler. Die Studie über die soziale Situation der Aborigines Australiens erwies sich bei näherem Hinsehen als Dissertation und ebenso unattraktiv war sie auch verfaßt. Für so etwas ist mir meine Freizeit mittlerweile zu schade. Texte, die reine Information sind, muß ich schon so genug lesen.
Plexus von Henry Miller dagegen war mir irgendwann schlichtweg zu blöd.
Wenn ich mir nun diese Liste so ansehe, stelle ich fest: Zu wenig. Zu viele Abbrüche, die auf verschenkte Zeit hindeuten. Zu wenig Klassiker. Zu wenig Belletristik insgesamt. Keine Neuentdeckung.
Bleibt noch der Ausblick vom gegenwärtigen Standpunkt:The Glass Palace wird nachSchnee wiederaufgenommen. Kafka habe ich quasi versprochen zu lesen. Viel Non-Fiction steht auf dem Programm, Soziologie (Boltz), Philologie/Anthropologie (Winkler), Linguistisches (Matthews), Gesellschaftskritik (Grönemeyer), Geschichte (Bringmann), Exobiologie (Cohen). Was mich wirklich reizt: Mal wieder Magie, Turbulentsen, sprachliches Dunckelviolett & bunte Vyrbelstuerme. Aber gerade die sind selten zu finden. Weiß jemand was? Oder muß ich es selber schreiben?

eine unscheinbare reise

eine schöne fahrt. langsam über den tiefen des flusses dahingeglitten. in die gewißheit gefahren. ins heute. der fluß rauchend hinter weidengewirr. drüben die weinreben, gekämmtes steigen. eine rabenkrähe hockt auf einer schlanken pappel. möwen sicheln über den strom. sanft neigt sich der zug gegen die schleife des stroms. ich bin immer noch am leben. herzschlag für herzschlag immernoch.
scharf gestanzt plötzlich die sonne über den abgeschatteten hängen, die sich gegen den himmel über ihnen aufzulösen scheinen. dann fällt wieder nebel. erst gegen mittag in Mainz klirrend kalter sonnenschein auf zügen und gleisen, knisternder zigarettenrauch, atemwölkchen tragen das licht fort, taubenschatten eilen zu füßen vorüber. hier schließlich in Mannheim ist es genauso. so hell. so ein sanftes licht überall, scharfe ecken, klare schatten. eisgeglitzer, das eine scholle eingefaßt hält. darüber viel ferne. ein hängen zwischen bangigkeit und freude, es hat wieder einen schweren unfall gegeben, hört man.

Apuleius & sim.

Teil eins der dieswintrigen Ablenkung ist geschafft und trägt die Überschrift: Narratologische Untersuchungen zu den „Metamorphosen“ des Apuleius“. Ich habe mal wieder viel und viel zu flüssig über ein Thema geredet, von dem ich keine Ahnung habe. Herrlich. So sollte es öfter sein. Wenn nur nicht immer so viele Woche damit ins Land gingen, sich keine Ahnung anzulesen.

Zu guter letzt noch eine Klausur. Ich habe „erst spät“ mit tardius wiedergegeben, sowie „über die Verfassung und Ordnung des Staates“ mit de instituenda instruendaque re publica und frage mich, ob ich mich dereinst dessen schämen werde müssen.

Ach, egal. Ganz egal. Jetzt heißt es erst einmal Ferien, Vollbad, Frascati.

Nullam, Vare, sacra vite prius severis arborem …

Greinstraße

aus der gedämpften weite hinter den fenstern die baumaschinen. in der helle das knisternden licht. vergessen, mich an die blätter zu erinnern, an ihren gelbstrahlenden tod. jetzt, am beginn der stille: wege waren hier und führten einen sommer zusammen. das denkt sich ganz leicht. es ist schön, es zu denken. über gras und nackte füße, zwischen kies und geröll. jetzt dröhnt ein horn. ein arbeiter ruft. die ritzen hocken lauernd, vor stimmen sprungbereit, und da ist niemand, zu dem ich weißtdunoch sagen könnte.

vom scheitern (1)

das wird einstweilen nirgendwohin führen, so viel sollte mir mittlerweile klargeworden sein. zwischen den koordinaten lebensglück, aufgabe, bewältigung, frist hänge ich nicht fest, sondern drehe mich im teufelskreis. die gedanken schnappen zu wie fallen. vexierbilder, zwickmühlen, karusell, geisterbahn. eins gibt sich dem anderen als lösung, die lösungen führen zur aufgabe, und am ende ist man wieder dort, wo man begonnen hat.
ernst machen birgt die gefahr des scheiterns; jeder kompromiß zielt darauf ab, ein solches scheitern zu vermeiden. netz und doppelter boden. ich habs ja gar nicht versucht. nein, ich wurde ja abgelenkt, hatte soviel um die ohren, mußte mich kümmern, war in aufgaben verstrickt, gab wichtigeres, kurz: es liegt gar nicht an mir.
also bin ich auch nicht gescheitert.

vor einigen tagen stand ich plötzlich allein im stockfinsteren hausflur, in einen seltenen augenblick der stille gehüllt. ich hatte aus der küche in mein zimmer gehen wollen und das licht im flur ausgemacht. unfähig, mich zurechtzufinden, wartete ich, bis sich meine augen an das dunkel gewöhnt hätten. umrisse erschienen. die dunkelheit bekam tiefe und raum. türrahmen und regal verdichteten sich zu linien und kreuzungen. unten trat die glastür als heller fleck auf die stufen, deren schatten sich langsam zur treppe zusammenfügten, bis der weg zur tür sichtbar war. ich wartete, bis ich alles klar erkennen konnte: die wände, die stufen, die tür. mit einemmal der gedanke. was wäre, wenn ich jetzt ginge? wenn ich jetzt die treppe hinunterstiege, die tür öffnete und hinausginge, so wie ich war, in pullover und hausschuhen? unterm mond, durch die straßen, in die dunkelheit hinaus? die tür fiele ins schloß, der schlüssel bliebe drin und weg wäre ich.
plötzlich schlug mein herz wie wild. ich holte tief atem. hier waren die stufen. unten war die tür. dahinter die welt. eine wilde furcht hatte mich gepackt, vor mir selbst, vor der freiheit, vor der möglichkeit, sich zu entscheiden. ja, was wäre, wenn ich jetzt losliefe? und plötzlich durchzuckte mich die gewißheit, daß ich es jetzt tun würde, jetzt sofort, im nächsten moment, halsüberkopf, gleich wäre ich auf und davon. es war nicht zu verhindern. ohne netz und doppelten boden.
meine füße regten sich nicht. die stille war keinen laut weitergerückt, das licht unverändert. draußen raschelte das laub wie von schritten.
der atem floß wieder, das herz schlug ruhiger. ich seufzte und schlich mich zurück in mein zimmer, siegreich und besiegt.

Performanz

Ich scheue Situationen, in denen eine performance von mir verlangt wird. Alle Arten von Gesellschaftsspielen, öffentliche Geschenküberreichungen, Ehrungen, ritualisiertes Feiern wie Hochzeiten und Geburtstage, insofern sie mit Spiel und Auftritt verbunden sind, zudem Aufforderungen wie „Erzähl doch mal einen Schwank aus deinem Leben“, sowie gespielte Dialoge in Sprachkursen sind mir ein Greuel. Das allerallerschlimmste aber: Kennlernspiele. „Wir lernen uns jetzt gaaaanz ungezwungen kennen“. Komisch. Ich könnte mir kaum eine gezwungenere Form des Kennenlernens vorstellen. Löst bei mir schlagartig den Fluchtreflex aus. Einmal mußte ich als vierjähriger in einem Sommertagsumzug als völlig alberne Biene verkleidet mitlaufen. Der Gedanke daran treibt mir noch heute die Schamesröte ins Antlitz. Ein anderer performativer Supergau ereignete sich auf einem Kindergeburtstag. Vielleicht ist das Spiel bekannt: Einer der Gäste wird als Zielscheibe der Verarschung ausgewählt (schon das ist ein Vorgang, den ich nie begriffen habe. Was ist das für ein Spiel, in dem eine einzelne Person ausgewählt wird, damit sie sich den Spott aller übrigen im anschließenden Bloßstellungsritual zuziehe?) und muß einen Moment das Zimmer verlassen, während die anderen in den Verlauf des „Spiels“ eingeweiht werden. Dann wird der Spottvogel hereingebeten, alle setzen sich im Kreis um ihn oder sie herum — und es passiert erst einmal gar nichts. Bis dem/der Ausgewählten etwas dämmert … Das ganze endet damit, daß alle in grölendes Gelächter ausbrechen, wenn die Zielscheibe endlich naiverweise das erlösende Hä-warum-macht-ihr-mir-alles-nach ausspricht. Was schon die ganze merkwürdige Pointe des Spiels ist. Ich beging damals den Fehler, daß ich mich weigerte, das Offensichtliche, nach dem alle gierten, ausszusprechen. War ich denn bekloppt? Ich hatte es begriffen, ok. Warum mußte ich es denn noch sagen? Warum mußte ich so tun, als sei ich ahnungslos? Es endete damit, daß ich für ungefähr eine Stunde ein geächteter Buhmann war. Ein Spielverderber. Weil ich mich dagegen gewehrt hatte, mich nach den Regeln eines Spiels bloßstellen zu lassen, wurde ich jetzt in Wirklichkeit bloßgestellt.

Zateli, Z.

Ich lese gerade hier, daß die Veröffentlichung des neuen Romans von Z. Zateli, „Το πάθος χιλιάδες φορές“ (etwa: „Die Leidenschaft tausend Mal“), für 2007 geplant ist. Darauf warte ich exakt seit 2002, und zwar auf den Moment genau seit ich die letzte Seite ihres letzten Romans gelesen habe.
Jemand hat einmal von ihr gesagt, sie schreibe ihre Bücher in Abständen wie Rehe Junge werfen. Diesmal scheint sie sich beeilt zu haben.

Greinstraße

vormittag. die bäume streifen den himmel, und das eigene antlitz schwimmt hohlwangig in den pfützen umher. wohin man auch geht. glockengeläut kratzt an den erinnerungen.
und gehen muß man viel, zwischen buch und buch. tastaturengeklimper. aufzüge. und wieder der mittag, schwer, schwankend, kopflastig vornüber geneigt. man dreht einen bleistift träge zwischen den fingern. keine stimmen für gemütlichkeit, ein singen, ein singen. abstoßende sirenen, die der fremde, dem draußen, der weite das entzücken stahlen. bitteres klebt an den illustrierten. feuchtkalt wellt sich das papier auf der toilette. nasse socken, kaltes laminat. spinnengeister erheben sich in den ecken, während der rücken schmerzvoll über der tastatur hängt.
die geschichten verhaken sich.
blut strömt zur leibesmitte, das ist immerhin schöne ablenkung. wärme, wallung, schwellung. um sich selbst kreisen und dabei alte worte wieder auspacken. das klingt wie: es war einmal. gemeint aber ist: so war es. das kann man sich nicht oft genug klarmachen. manchmal vergißt man das jetzt. weil das war nicht mehr gegenwärtig ist.
mich ängstigt die asymmetrie alles lebendigen, aller zeit. die zukunft nimmt stetig ab. die vergangenheit wächst linear. immer mehr gibt es zu erinnern. immer mehr zu wissen. immer mehr zu lernen. irgendwo las ich, daß die kunst des erinnerns in wahrheit eine kunst des gezielten vergessens sei. mit dem alter könne man immer schlechter vergessen. weshalb man immer weniger behielte.
so ist es wohl. alles tritt immer unmittelbarer an einen heran. und bleibt dort hängen. während man geht und geht und geht.
vormittag. und am himmel die zweige … die pfützen sagen nichts. schon gar nicht, wer mein spiegelbild ist.

.

raus hier

aufsehend von meinem porto-barcode ist da plötzlich der himmel. gleich hinter dem fenster beginnt er, beginnt die ferne, am rande der füße, und der blick saugt sich fest an einem durchscheinend-leuchtenden sturmblau. die hände sinken. fast kahl sind die pappeln in der Greinstraße, die wege schlieren von gelb, die vögel schwerfällig von nahendem frost.
da möchte man fliehen, in dieses transparente hinein, unter diesen himmel schlüpfen wie unter ein schützendes tuch. fliehen, nicht wie in dem roman, den ich gerade lese (oder schreibe?), fliehen, nicht vor feinden, sondern vor dem fluch des wohlgeordneten. nichts als einen mantel, dessen rauher stoff in der nase kitzelt beim schlafengehen, nichts als eine grobe wollmütze, ein paar ewig haltbarer stiefel, einen notizblock, bleistift, wasserflasche sein eigen nennen – und dann die ganze welt.
hinaus in die krummen linien, weg von den linealen, den rechten winkeln, den geodreiecken, den stundeplänen, ausreißen vor den hütern des gefegten, des gewischten, des behämmerten, weglaufen vor den verkehrszeichen, den grün-, zebra- und haltestreifen, weg nur weg von all dem zugebilligten gnadenvollen gewährten. hinaus auf die wilden wege, die wunderberge, die wüsten schotterpisten. mit einem schritt die hügel abgreifen, mit einem blitzwachen auge über den strom gesetzt, hinauf zur wogenden linie des walds.
berge und aberberge von laub wälzen.
weg vom kunstlich aus edelgasen, weg vom bunten neon, von geflimmer in schwer atembaren gängen, von käferumschwirrtem, von grellem, von gespiegel. wenn der mond nicht reicht, soll es eine kerze sein.
und wieder so schreiben, wie man einen fluß durchwatet, einen berg erklimmt, auf der ladefläche eines lieferwagens davonfährt, so schreiben. nicht mit samthandschuhen, sondern mit blasen an den füßen.
zur not auswandern nach innen, in die räume der sprache und der geschichten. weg von den phrasen, von der hohlheit, dem maulverriß, der wichtigtuerei, die aller orten – ach, ihr wißt schon. weg von betroffenheitsgesäusel, marktmaschinerie, anti-aging-betrüglichkeiten, fieberhaften suchtrupps, internationalen abkommen und maßregelungen und indizes und kurven und was der so genannten wichtigkeiten mehr sind. oder wären. konjunktiv, konjunktiv! wehren wir uns, schlagen wir mit gleichen waffen zurück, mit dem irrealis der gegenwart, es lebe der potentialis und der optativ! es lebe der traum und das dickicht! es lebe die distel und die brennessel, der quarzkristall, das regenwasser, der haselzweig. das feuer und die isomatte.
heute wieder 30 umschläge mit einem barcode versehen, über den das porto für die verbuchungsstelle festgestellt und zugeordnet werden kann, vollautomatisch. 3,5 cm vom oberen rand linksbündig auf den umschlag zu kleben. bitte mit lineal arbeiten.

manchmal möchte ich in ein markerschütterndes, alles zertrümmerndes, gottgleiches, dionysisches

gelächter

ausbrechen.

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später

mein bett riecht noch nach dir, aber ich bin nicht sicher, was schlimmer ist: durch den geruch an dich erinnert werden, oder in ein kampherfrisches bett kriechen und nicht einmal den geruch von dir haben. ungewohnt und leer und riesig wird mein bett sein und die decken zu kurz. so kalt und zugig ohne dich. und überall lauert das gefühl, daß fremde herumstehen und geister hinter meinem rücken hausen; auf und ab gehen sie, wenn du nicht da bist, um sie in bann zu tun. mit einem atemzug.

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sonntag abend

so schnell ging das, und schon bist du wieder weg, unterwegs in regen und wind und lärmigen straßen, während hier das bett noch warm ist von dir … von uns … dein gesicht noch einmal hinter der scheibe, dein trauriger blick, deine einsame hand am wagendach, dann eine wende und fort bist du. ich drehe mich um, die straße ist so groß und leer, und in der pfütze, durch die du rückwärts geplitscht bist, dreht sich noch immer ein birkenblatt.

jetzt schreibe ich dir und bin in gedanken mit dir auf der autobahn. hoffentlich kommst du auch diesmal gut an. habe gerade noch einmal auf der wanderkarte nachgesehen, wo wir uns gestern so schön verirrt haben. wenn es jemanden gibt, mit dem ich mich gerne verirre, dann bist du das. vielleicht verirre ich mich sogar lieber mit dir, als daß ich mit dir richtig gehe. jedenfalls, wenn das verlaufen mit dir immer so ist, dann möchte ich mich noch oft und immer wieder verlaufen mit dir.

was tue ich jetzt hier? ich müßte eigentlich gleich wieder in die schuhe und los. ohne dich kann ich hier nicht stillsitzen; ohne dich hab ich hier kein zuhause. eine spinne dreht sich in ihrem netz um. eine hupe zwängt sich von draußen herein. stimmen schweigen gegenüber. eine uhr tickt die minuten ohne dich herunter. da wird sie viel zu tun haben.

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Begegnung im September

er schrieb sie an. er sagte: du gefällst mir. sie schrieb zurück, wer bist du? er antwortete und fragte. sie antwortete und fragte. so schrieben sie einander vierzehn tage. ein wort ergab das andere. er sagte „du“, sie sagte „magst“. er sagte „hand“, sie sagte „halten“. er sagte“spiel“, sie sagte „wiese“, er „herz“, sie „klopfen“. sie spielten, und in dem spiel merkten sie einander die sehnsucht an.
man kann sich rein schriftlich verlieben.
sie hatten einander noch nie gesehen. nur ein paar schummerige photos kannten sie. sie hatten nicht einmal miteinander telephoniert. die redeweise, die stimme, das lachen des anderen war noch einer stille überlassenes geheimnis. sie wußten nicht mehr, als sie einander durch spröde, auf das flimmern eines bildschirms reduzierte wörter, sätze, buchstabenahnungen herausgefühlt und hinzugedacht hatten.
und sie hatten sich nicht geirrt dabei. sei es, daß es glück war, sei es, daß sie durch diese wortsprödigkeit hindurchsehen konnten, sei es auch, daß sie sich eben so ähnlich oder aufeinander so eingestellt waren, daß sie es einfach so verstanden und einander richtig errieten – später, als sie einander gegenübertraten, war keine fremdheit zwischen ihnen. es war an einem samstag. sie gingen einander in einer menschenleeren morgenfrühe entgegen, an einem sonnigen septembermorgen mit schiffen und möwen und geglitzer auf dem fluß. sie näherten sich einander langsam über einen leeren platz. er hinüber, sie herüber, ihre schatten zueinander geneigt. nach so vielen tagen am bildschirm trennten sie schließlich nur noch zwei schritte. er fragte, bist du das?, sie sagte hallo, und im nächsten augenblick waren zwei schatten eins geworden. er muß wohl noch einen schritt gemacht haben, muß sie wohl umarmt haben. aber das weiß er nicht mehr. er erinnert sich nur, wie sie dann gegeneinander atmeten, und daß ihre wange an seiner lag.
später küßten sie sich. man würde sagen, zwei wildfremde menschen. aber das stimmt ja nicht. sie kannten sich ja schon immer, eigentlich.

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manchmal sollte man dem schlaf gegenüber dem coffein den vorzug geben.
nur so ein gedanke, der mich gerade durchzuckt. ein späterer regen wird altes heraufbeschwären. heute nacht wieder allein mit schubert oder buena vista. der ferne ein seufzen abzulauschen versuchen.

mürbe

unausgeschlafen. zermürbtes licht. eine frühe, die unachtsam die dinge hinstreut wie ein übermüdetes kind. kristalliner rauch, spröde über dächer hin. wolkenferne. ahnungen von baldigem niederschlag. kaffeeleichtigkeit, die langsam aus den augen weicht. die träume bleiben zuhause und schlafen aus. das herz schlägt und bewegt dickes, müdes blut. überall ist dampf, aus mündern quillt er, aus pappbechern, aus fabrikschornsteinen, aus der hydraulik des zuges. hände halten sich fest an kalten stangen. während elegante schuhe über treppen hasten, türen aufgehen und wieder zu, selbsttätig, vertropft mir der blick über die zeilen der „Medea“. eine zeitung raschelt. eine aktentasche klickt auf. draußen rollen die felder, die vorgärten, die aufgegebenen bahnhöfe mit ihren zersprungenen scheiben, den blinden abfahrtstafeln, den schatten unter der treppe. nicht einmal ein graffito zeigt sich, kein geist.
schön war es bei dir. deinen kuß von eben noch auf den lippen, versuche ich mich zu konzentrieren. wie schnell du jedesmal wieder fort bist, in deiner welt. noch ein kreuzungspunkt, ein frierender bahnsteig, eine zugige halle, füßescharren, dünste aus erstarrtem bier und zigarettenqualm. dort lösen sich lippen und hände voneinander, ein augenblick bleibt schwebend zwischen zwei blicken ruhen, dann schwingt eine tür, du bist fort, es ist immer noch frühmorgens und ich bin schon allein mit mir selbst, so daß nichts bei mir bleibt als meine eigene bewegung.