Immerath (Eifel)

sich nicht erkundigen, die eltern nicht nach ihrem befinden fragen, auf die tabletten starren und die müden körper und rasch wieder wegsehen, still bleiben und bei sich selbst, und die frage nach ihrem glück in sich verstummen lassen, weil man keine entgegnung auf die antwort der glücklosigkeit hätte, keine antwort auf ihre ängste –
denke ich und dann, ihre hände ineinander verschränkt auf der bank wie bei verliebten, und ich staune, und so etwas habe ich bei den zweien noch nie gesehen.

.

es ist nicht die frage was als nächstes kommt.
ein kulgelschreiber malt zähe linien auf ein blatt papier. darunter erstirbt ein trockenes gekritzel. innen hallt es lateinisch wieder. draußen steht das telephon, wie eine verschwörung sämtlicher ungenutzter möglichkeiten, ein schlechtes gewissen, eine allegorische statue.
allegorien mag ich nicht. allegorien sind aufdringlich, besserwisserisch, sie schreiben immer ein bißchen vor, wie man zu denken habe. allegorien sind ein-zu-eins. wenn man den anfang hat, hat man alles, die fäden sind endlich, ich aber liebe das offene und ausfransende, ausufernde, auswegende, liebe das stets deutbar bleibende, das schillernde eins-zu-vielen. auch alles, was sich entzieht. wer berührt Hajime am ende an der schulter? welche von beiden, das zimmermädchen oder die transsexuelle, ist noch am leben? gibt es noch ein gespräch mit Midori? für viele sind das unerträglich offene fragen (sie sind nicht beantwortbar, da sie nach und also außerhalb der geschichte liegen), für mich nicht. ich mag es, aber nicht deshalb, weil es zum weiterspinnen auffordert, nicht deshalb, weil es noch etwas zu tun gibt, nicht deshalb, weil man sich eine antwort für die fragen ausdenken kann, nein: einfach, weil die letzte antwort stumm bleibt. nie hab ich es leiden können, wenn in einem schulbuch die aufgabe gestellt wurde: wie könnte die geschichte weitergehen? sie geht nicht weiter, sie ist zuende erzählt. punkt. was jetzt noch bleibt, ist nur im leser, nicht in einem ohnehin nur hypothetischen weiter. die geschichte und also das, was erzählt werden soll, sind hier und genau hier zuende. der rest ist die stille des danach.
eine stille, die alles, was man zuvor gelesen hat, empfängt und aufnimmt und in kreuzweisen bögen widerspiegelt.
spiegel sind besonders schön in der literatur. ich mag spiegel, in wirklichkeit wie in büchern. man kann alles mit ihnen machen. sie sind überall, pupillen, wassertropfen, autolack, schaufensterscheiben, überhaupt fenster, wasserflächen, klar, weingläser mit und ohne wein, erloschene monitore, uhrgläser, löffel, ein aufgeschlagenes ei, früher einmal telephonhörer, öl, chromgegenstände aller art. die spiegelung kann exakt sein oder das gespiegelte geheimnisvoll verändern, etwas subtrahieren oder hinzufügen, verzerren, verbiegen, verfärben. verunklaren, mit geheimnissen umwittern, oder bloßstellen, hervorheben, betonen. etwas aussehen-lassen-wie. aussehen-lassen-als-ob. spiegel sind manchmal masken.
masken gibt es bei mir nicht im zimmer. jetzt spüre ich ihr fehlen. ich brauche eine maske. nicht für mein eigenes gesicht oder ein fremdes, nein: ich brauche eine maske mit nichts darunter, damit ich mir ein gesicht dahinterdenken kann. jedes nur mögliche gesicht, und wie es wirkt, unsichtbar hinter der maske.
und wie sich die maske selbst verändert durch das gesicht, das sie verbirgt. oder mehrere gesichter, die sich hinter der maske drängen, herauswollen, gegeneinander und gegen die maske streiten, von der maske in schach gehalten werden: ein schweigender lärm, an meiner zimmerwand.
aber das bringt mich nicht weiter. der kugelschreiber ist zerbrochen, das telephon hat zweimal geklingelt, die versammlung ist flüsternd auseinandergestoben. jetzt kommen sie alle zurück zu mir. in den flur mit den kisten von aussortiertem. ich will loswerden, wegwerfen, verschenken. zurückgeben, endlich, den geruchlos gewordenen bademantel, der alles, was er von dir einmal angenommen hatte, ausgeatmet hat. ein lebloses hemd. meine alten schulhefte. bücher. in bonn gibt es auf der poppelsdorfer allee, ziemlich weit unten, am bahnhof, einen bücherschrank unter freiem himmel. da kann, wer will, bücher hineinstellen und herausnehmen, wer will. da kommen die bücher hin, die ich loswerden will. neulich habe ich mal wieder eines mitgenommen, ein glücksgriff, „Robinson“, eine erzählung von einer niederländischen schriftstellerin, die hier keiner kennt. jetzt längst vergriffen, zu unrecht.
zeit für einen kaffee. zuletzt losgeworden bin ich fünf bildbände über fabelwesen, hexen, magier, kobolde und entrückte länder, gekauft als teenager, nie richtig hineingesehen, was wollen die noch in meinem regal. dazu noch „Die letzten Abenteuer dieser Erde“, mit einem jugendlich-vollbärtigen Reinhold Messner auf dem umschlag, Jacques-Yves Cousteau aus einem u-boot herausblinzelnd, eine straße, ein berg, ein ozean. weg damit. helden einer versunkenen zeit. es hat etwas tieftrauriges, wie das schwindet. bezüge schwinden. ich habe dann jedesmal das gefühl, selbst nicht mehr aufgehoben zu sein in der welt. andererseits, was war das schon für eine welt, als es noch neun planeten gab und dallidalli und wadenwärmer, die heutzutage, wo sie keiner mehr haben will, sicher immer noch genauso funktional wären wie damals.
sage mir was für bücher du weggibst und ich sage dir wer du bist. ich hasse phrasen, weswegen ich diesen satz ohne kommata (früher sagte man auf griechisch kommata, heute kommas, aber ich kann nicht einsehen, warum ich das mitmachen sollte, ich sage auch mobiltelephon und niemals h–, weil das ein unwort ist, ein wort, das aussehen soll wie, das klingen soll wie, ohne es zu sein), ohne kommata also, schreibe. ich hätte auch alles mit bindestrichen schreiben können, aber dann sagt der editor, ich spinne.
editoren aber, bloße deterministische realisation vorhergesehener abläufe, die sie sind, sollten ihre klappe halten.
ich weiß ohnehin am besten, wer ich bin, weshalb ich mich auch strikt gegen jede form von psychoanalyse wehre, deren erklärungswille und -anspruch ich immer als anmaßung empfunden habe. auch in büchern. jedenfalls aber konnte ich mich nur schwer von der Tlingonischgrammatik trennen (was wohl ein Psychologe dazu zu sagen hätte?); schwer gefallen ist mir auch „Die Entdeckung des Himmels“, andererseits auch wieder nicht, weil ich es einer zeit las, an die ich mich am liebsten nicht mehr erinnere.
so geht es ja überhaupt mit büchern, daß sie mit einer zeit des eigenen lebens verbunden sind, und die frage ist, ob es überhaupt eine neutrale lektüre geben kann, eine objektive lektüre, oder ob sich nicht in die wahrnehmung der geschriebenen und gelesenen welt die tatsachen, gefühle, meinungen, stimmungen der gelebten welt einmischen und ungebeten mitwirken. bereichernd kann das für beide welten sein oder störend, hindernd, mißtönlich vom einen ins andere hineinschallend, sich vordrängend, so daß man hinterher gar nicht mehr weiß, warum man nun so mißgestimmt ist, des buches wegen, oder weil die welt einem wieder mal auf der nase herumtanzt.
natürlich ist auch der weg denkbar, daß das eigene leben literatur wird. manchmal handele ich so, wie es mir für eine geschichte stimmig vorkommt, eine seltsame form von aberglaube, ich bekomme von einer frau ihre telephonnummer, frage mich einen halben tag lang, ob ich sie am abend anrufen soll, verliere in einer warteschlange den zettel, höre, wie mir jemand hinterherruft, sie haben da was verloren, und beschließe, ich rufe an. und am ende mache ich es doch nicht. ich will dem keine macht über meine entscheidungen einräumen. könnte ich aber. weil es stimmig wäre. oder ich nehme einen bestimmten weg, weil er in einem roman, der mein leben abbilden würde, szenisch passend wäre. ähnlich die auswahl des nächsten buchs. oder ob ich ins kino gehe oder lieber einen spaziergang zum grab jennifer helds mache. bestimmte orte bekommen eine symbolische dimension, sind aufgeladen mit bedeutung, werden zu einer art text, der bestimmt, was als nächstes passieren kann und was nicht, der festlegt, an welchem punkt meiner lebensgeschichte, in welcher geistesverfassung oder auch an welchem punkt meiner eigenen entwicklung ich mich befinde; ein text, der kreisläufe und wiederholungen ebenso anzeigt wie fortschritte und entwicklungen, oder manchmal auch geschehnisse und begegnungen auf eine bestimmte weise einfärbt, klassifiziert oder prismatisch aufbricht, indem er ihnen einen bestimmten modus, eine bedeutung, einen zweck, eine aussageform zuweist oder abspricht und damit ihre deutungsmöglichkeiten, ihre interpretatorischen spielräume, festlegt oder verunklart, einengt oder ausweitet. oder ich verwebe durch gezieltes hören und wiederhören ein musikstück leitmotovisch in den ablauf meiner tage und absichten. lasse es abfärben auf bestimmte vorbereitungen, ein treffen, eine wanderung, ein gespräch, einen abschied. das kann soweit gehen, daß ich dann umgekehrt von der welt erwarte, sie möge ihrerseits von literarischen kräften beherrscht sein und, indem sie meinem motivischen handeln literarisch entspricht, wahrmachen und eintreten lassen, was ich mit meinem motivischen handeln vorausweisend vorweggenommen wissen will. wer denkt, das sei nur ein literarisch-intellektuell verbrämter schamanismus, hat so unrecht nicht.
merkwürdig ist, daß sowohl die zeit, die die Tlingonischgrammatik, als auch die zeit, die die „Entdeckung des Himmels“ umgibt, schwere zeiten waren, weil sie mit der trennung von einer freundin zu tun hatten. wie eigentlich alle schwere zeiten immer in derselben weise schwere zeiten waren. es hatte immer mit einer frau zu tun. größere nöte habe ich nie gekannt. ob das daran liegt, daß ich viel glück hatte im leben oder daran, daß mir anderes unglück nie als so bedeutsam erschien, weiß ich nicht. wahrscheinlich ersteres. andere bücher, an denen schwere zeit haften geblieben ist, sind: „Morbus Kitahara“, „Die Tage müssen anders werden, die Nächte auch“, „Sommerhaus, später“, „Marie Antoinette“, dies nur exemplarisch.
und die frage ist: was werde ich als nächstes weggeben? und die frage ist: was werde ich dereinst zuletzt weggeben haben, als wäre es ein teil meines lebens, der überflüssig geworden ist und unbequem.
draußen immer noch das telephon.

und morgen?

Und morgen?
Ich sehe mich schon, klein und elend und bis in die innersten kammern und gefäße hinunter ungenügend in meinem neuen zum anlasse erstandenen pullover und dem habit-rouge-duft an der s-bahn-haltestelle schlottern, voller ekel über jedes obsolet gewordene attribut der vorbereitung, das mir nun an mir selbst naiv, pathetisch, lächerlich, clownesque, traurig, hilflos und in dieser hilflosigkeit beschämend vorkommen muß –
Ja, so sehe ich mich schon (Noch bevor wir auch nur einen einzigen blick gewechselt haben. Warum? Weil ich ein elender pessimist bin. Warum noch? Weil ich schlechte erfahrungen in letzter zeit habe machen müssen, was dieses thema angeht. Und noch? Weil ich mir nichts zutraue und weil ich mal wieder viel weiter bin, zu weit.) Wie mich wappnen? Stolz sein, stark sein, schön sein? (und genau letzteres bin ich nun mal nicht)? Das haupt erheben, nase in den wind, brüllen vor kraft und donnernd lachen, wenn morgen die sache aus ist, bevor sie begonnen hat?
Nein. Ich bringe das nicht zuwege. Ich bin schwach und fühle mich schwach. Also werde ich in einem neuen pullover an der haltestelle sitzen, den ich mir vom leib reißen möchte, und die chancen stehen gar nicht mal so schlecht, daß es zu allem auch noch regnen wird.

.

Meine Mitbewohnerin am Wochenende, über einem Glas Wein in der Küche, also, sie mache sich keine Sorgen um mich.
Wie schön, wenn wenigestens die anderen mein Leben gelassen sehen können. Man sollte das selbst auch einmal ausprobieren, dachte ich, und wurde froh.
Ein Dornfelder, übrigens.

Also, ich tus.
Noch im jetzigen finanziell günstigen Immatrikulationsstatus die restlichen Scheine machen, dann umschreiben, zwei, drei Semester die 650 Einheiten neuer Währung berappen, Prüfung machen, Staatsarbeit schreiben, so richtig mit allem pipapo, und dann auf dem Amtsweg bewerben. Anders wird das nichts. Seiteneinstieg schön und gut, aber bei mir wäre es schon eher durch den Noteingang und mit Gewalt. Ich habe ja Latein nicht studiert, nicht einmal auf Magister, nicht einmal im Nebenfach – alles was ich habe, ist die (MA-)Zwischenprüfung und einen Hauptseminarschein. Da nimmt mich keiner, nicht einmal zur Krankheitsvertretung.

Greinstraße

sitze am schreibtisch vor dem leeren teller, draußen bläst ein grauer himmel durch die pappeln, ich denke, ich schreibe. gleich geht’s nach hause. vom verwalten zum kaffee, vom kaffee zum buch, zum wochenende. vielleicht werde ich einmal lateinlehrer, vielleicht. vielleicht schreibe ich ein buch irgendwann. der sommer geht. höchste zeit, weiterzuwarten. einstweilen schreibe ich tagebuch und gedichte. und briefe an die fremde
ans draußen.

.

Sicher könnte man weit weniger erlebt haben als ich.
Einen Andengipfel und mehrere schöne Berge der Alpen habe ich erstiegen, in einem Orchester gespielt, als Schauspieler bin ich auf der Bühne gestanden, hab viel studiert, manches gelernt, noch mehr wieder vergessen, was, zusammengenommen, einen Schatz ergäbe.
Ich war allein in vielen Zügen, auf vielen Bahnhöfen hab ich mir die Menschen angeschaut. Ich war ein Jahr unter fremden Zungen, deren Schlag ich nachzumachen und zu verstehen lernte, dort, in der Stadt am Ende des Jahrtausends. Sah südlichen Marmor weiß und unantastbar wie Perlen im Mondlicht glänzen, während unten der Abgasgestank den Atem vergiftete.
Ich war allein und ich war unter Freunden. Ich war keusch und ich war unkeusch. Ich war ehrlich, ich habe gelogen. Oft habe ich verzweifelt und glücklich geliebt und bin oft verzweifelt und glücklich geliebt worden. Ich war still, ich war laut. Ich war klein und ich war groß.
Einmal war ich auf der andern Seite der Erde. Habe mir von einem Indianer obszöne Phrasen auf Aymara vorsagen lassen (die ich dann alle, sehr zum Amüsement des Indianers, nachsprechen mußte); lag dort krank und elend in einem erbärmlichen Hotelzimmer, neben dem Bett ein mit verschiedenerlei Exkrementen gefüllten Eimer. Genas, wurde stark, stand auf. Bestieg den Berg, fand Menschen und Wege und viele Rätsel. Speiste mit einer japanischen Soziologin allabendlich Avocados und Brot und Korbkäse. Ich lag in der Wildnis allein in meinem Zelt, und der Wind, der die Plane befingerte, hörte sich an, als strichen neugierige Tiere draußen umher. Ich war in der Nacht allein unter den Sternen. Dort bin ich ins schwarze Wasser gestiegen und hatte keine Furcht vor der bodenlosen Tiefe, in die meine Füße traten. Ich bin ins Meer getaucht mit nichts als dem bißchen Luft, das meine Lungen aufnehmen konnten, habe in der Sonne gelegen und schlaflos zitternd in eisigem Frost, während tief unten in den Tälern lautlosfern Gewitterblitze zuckten. In andern Nächten wieder deckte mich der erschöpfte Duft zweier herber Körper, die sich wundgeliebt hatten, zu, und ich schlief. Ich habe geschrieen vor Lust und vor Lust schreien gemacht. Ich habe empfangen und gegeben. Ich habe getröstet und ich habe Schmerz verursacht. Manchmal habe ich sogar etwas verstanden.
Man hätte weniger erlebt haben können als ich. Und doch ist es nicht genug.

Draußen murmeln die Gespräche. Draußen. Irgendwo da draußen, hinter Tür, Vorhang, Schleier, Flußgebraus, Wand, Mauer, Lichtkegel. Ich verstehe kein Wort. Aber es muß so köstlich sein, ihre Sprache zu sprechen, ihre Gedanken zu denken, ihre Richtigkeiten und Instinkte zu kennen und sich dort, bei ihnen frei, völlig frei und dieses Lebens teilhaftig zu bewegen. Inwendig, diese Wände? Widerstände, die überwindbar wären, wegtrainierbar, wegrationalisierbar, wegtherapierbar? Krank bin ich nicht. Einsam bin ich nicht. Sähe mich einer von außen: faktenweise alles in bester Ordnung. Warum habe ich immernochwieder das Gefühl, am falschen Ufer zu stehen, vereinsamt und ohne Zugang zur Welt, weitab von Licht und heiterem Lärm? Als ob ich etwas durchstoßen müßte, von dem ich gar nicht weiß, wo es ist, beginnt oder aufhört. Eine Grenze zu überschreiten. Eine verborgne, nachgebende, unsichtbare Grenze. Aber ich weiß nicht einmal, wo sie ist, diese Grenze. Geschweige denn, wie ich sie überschreiten sollte.

Mein Mantra: Waswillstdudennnoch? Was. Willst. Du. Denn. Noch.
Noch immer. Daß mir nur so zum Beispiel jemand ein unmoralisches Angebot unterbreitete. Einfach so. Das so unmoralisch gar nicht wäre. Das ich in den längsten Zeiten meines Daseins gar nicht hätte annehmen können oder wollen. Nur selten wäre der Gedanke seiner Verwirklichung Herr geworden und ins Wollen gemündet, wenn es denn wirklich …: Daß mir etwas Lebenssaftiges geschehen wäre. Etwas von Mittendrin, unerwartet, unerhofft. Einfach so, anstrengungslos, an-streng-ungs-los.

Warumabergeradedies?

Die Dinge und Köstlichkeiten, von denen andere erzählen, die ihnen einfach so widerfahren sind, (an-streng-ungs-los) warum geschahen sie nicht mir einfach so einmal? Warum bin ich nicht mittendrin, warum nie ein Beteiligter (denn so kommt es mir vor), warum immer nur Zuschauer. Aber wie sollte ich denn mittendrin sein, wo ich längst dort war?
Ich verstehe das nicht, und es trifft auch gar nicht zu, dennoch kenne ich das Gefühl, kenne es als Beobachtetes. Ich sehe und finde und ahne mich selbst und diese Grenze in einem anderen, oder etwas von ihm in mir: Meinem Vater. Das Muster, sein Muster, sein Vergeblichwünschen, es wiederholt sich, in verdünnter Form und tritt so wieder auf in mir. Ich habe so viel von dem gehabt, wovon er nur im Traum … und doch. Das Gefühl, es bleibt. Es ist seins. Seiner ist auch so ein Fall. Tun wollen, haben wollen, was die andern doch auch … Wildheit wollen – und seins auch: dieser Wildheit gar nicht gewachsen scheinen. Maßlos scheinen und unangemessen in diesem Verlangen. Nicht allein, daß ein Zebingemännlein nie ein Supermann sein wird, nicht einmal, wenn er sein halbes Leben in der Muckibude verbringt, sich neu einkleidet, einen coolen Gang probt und eine tiefe, sonore Stimme, nein, nicht allein das. Er wird einfach nicht einer-von-denen-sein-denen-es-zufällt. Er ist einer, dem es nicht zufällt und nicht zufallen wird, labitur et labetur in omne volubilis aevum
Was, … du?
Du????
Du ausgerechnet? Nein, mein Lieber, das vergiß mal hübsch. So einer bist du nicht, so einer wirst du nie sein. Du verkennst, wer du bist, deine Grenzen. Das ist nicht für dich. Du bist Durchschnitt. Nicht einer von den Überfliegern, Unerreichbaren, Genialen, Schönen. Nicht einer von denen, die Ernst machen.

Gib dich zufrieden. Bleibe du du selbst, ein Wicht, mit deinem Wichtdasein zufrieden. Bescheide dich. Steige weiter auf Andengipfel.

Genau. Darum geht es. Darum ist es schon immer gegangen. Ich verkenne meine Grenzen nicht. Ich weigere mich, sie zu akzeptieren.

Bonn, Ende des letzten Jahrtausends

Brückenstraße–Greinstraße

der sommer neigt den kopf. die pappeln rauschen am himmel entlang, das kalenderblatt hebt sich verquollen von der wand, wieder dröhnen die flieger. der greis ist aus papier. eine gehhilfe zieht ihn über die straße. ich lege den kopf in den nacken und lasse die müdigkeit in meine augenhöhlen zurücksinken. den finger an der nasenwurzel stehe ich neben dem lärm, die schuhspitzen an der pfütze, zwischen den fingern ein stück abgebissener brause und denke, warte nicht. ein schwarm spatzen fliegt auf, ein fenster knallt, und im rinnstein liegt eine tote wespe.
warte nicht, schreib.

.

glaskugel

Seit einiger zeit lebe ich in einer geschlossenen welt. In sich selbst zurückgekrümmt, ist sie unendlich begrenzt, und jeder weg in ihr führt unweigerlich dorthin zurück, von wo man aufgebrochen ist. Man geht und geht und geht, und steht schließlich doch wieder vor der eigenen tür mit nichts als staub in der hand und falten im gesicht. Manchmal eine spiegelung: dann sieht es aus, als gäbe es ein draußen, als fiele licht aus einem raum jenseits herein, aus gewaltigen hallen. Aber wenn ich rufe, empfange ich nur immer und immer meine eigene stimme. Das licht flimmert ab und an, als bewegten sich Menschen hinter glas. Gemurmel dringt heran. Ein räuspern, eine stühlerücken, ein scharren von füßen. Eine tür geht. Und plötzlich ist alles still und das licht starr wie ein uhrglas. Wie damals, wenn man fieber hatte, und die stimmen aus einer ferne im eigenen ohr kamen, die schritte der mutter aus der küche.
Wie lange bin ich schon hier? Manchmal kommt es mir vor, ein leben lang. Manchmal denke ich, die auswege und geraden linien waren nur eine illusion, ein jugendlicher irrtum, ein traum. Und wo hätte ich denn schon hinwollen?
Oder habe ich nur solange gebraucht, um zum erstenmal wieder zum anfang zu kommen? Oder: Die strecken von anfang bis anfang werden immer kürzer. Es geht immer schneller: Bald stehe ich vollkommen still.
Manchmal ein traum: Ich spüre eine hand in meiner. Eine kühle, feste hand. Ich erhebe mich. Ein atemzug streift meine wange, ein mantel knistert. Das fenster steht auf. Es ist ganz dunkel. Irgendwo springt ein wagen an, und eine stimme sagt: komm.

.

es ist wieder, als wäre nichts gewesen. ich habe das ungute gefühl: das wird nicht das letzte mal gewesen sein.

die uhren sehen weg und gehen stumm ihrer wege. wohin, weiß ich nicht. wahrscheinlich vorwärts.

Marsch!

.

Solstitium (2)

einmal legte ich
die sonne ins grab

nahm sie ab
vom himmel, den sie
verhöhnt hatte

verbarg ihre härte
in einer schachtel
aus herzschlägen grob gezimmert

vergrub alles
in den schollen des windes
ließ es da liegen
unter der last
eines abgelaufenen jahres

Brückenstraße

vorm fenster blühen die büsche. im regenrohr haben hausrotschwänze ihr nest gebaut, ihr klicken und zirpen füllt den hof. das ist schön.
überall risse, risse und nässe und moos, das aus den steinen quillt. in den pfützen schäumt immer wieder der regen. ich habe mich mir selbst übergeben. ich bin nicht mehr herr über mich. ich schleiche unter dem licht, wenn es mal scheint. ich mache dies, ich mache jenes, weil man ja etwas tun muß, irgendwie. ich sehe den stunden beim spielen zu. die zeit zupft an meinen muskeln und nerven. jede sekunde ist spürbar, jede minute ein kampf.
am abend liest man weiterhin herodot oder ovid. für eine kerze ist es lange zu hell schon. ihr licht würfe einen schatten an die wand.

.

Den Tag wieder

Den Tag wieder verwürzt mit Salz, bis die Zunge erstarrt unter Verkrustungen, und die Sonne, die Sonne …
Lechzend das Kissen abgeleckt, glühend vor Wißbegier. Süßholz geraspelt überm Steg, drauf die Blüten abfielen, als hätte der Frühling seine Prothesen verloren. Ich will, ich will, ruf ich zur Amsel, die aber packt ihre Stimme ein, wirft mir ein Keckern zu und ist fort.