2.5.13

Blaue Fernen in der Brust. Der Morgen voll Lerchen und Lärchen. Gefiederte Traurigkeiten, Farben von Lärm. Kein Lager, kein Feuer. Die Wege flattern an Stangen. Tage. Tage, wie eine schwere Last auf der Lunge. Wie soll man so viele Tage atmen? Der Morgen raucht. Stumm, ein Steinbruch von Worten.

39.4.13

Zeile für Zeile dagegen anschreiben. Gegen die Pflicht, einen Morgen zu haben, gegen die Vögel, gegen die Zahl der Stunden; noch das Licht abzuschaffen suchen mit Rede und Schrift. Worauf treten und stehen, was würde sonst halten, wenn nicht die Worte, über die man geht wie über brüchiges Eis. Überall sind die Haarrisse zu sehen. Der Abgrund schaut durch, die Finsternis. Die Straßen wissen alle viel zu genau, wohin. Sie summen, sie laufen. Laufen. Ich wende mich ab, ins Dunkle der Hinterhöfe dieses Morgens, zu Flaschengeklirr und dem Tasten von Spinnen. Kellerasseln sind meine lustige Gesellschaft, mit ihren Augen voll Vergessen. Zeile um Zeile etwas gegen diesen Morgen setzen, der mir meine Erinnerungen aufzählt. Diese Stunden und Tage. der Versuch scheitert, tagtäglich, ihnen etwas von ihrer Selbstverständlichkeit zu nehmen, dieser Augenblicke, die sich ständig selbst behaupten und in denen ich, ohne daß ich es will, mich festkralle, während das Licht, dieses glatte und schlüpfrige Licht, mich immer wieder abschütteln will.

Zum Abend

Wieder und wieder die Traurigkeit des Abends, wie die Stimmen sich verlieren, die Farben zerbrechen und absterben, wie die Blüten an sich selbst krank werden, die Straßen an die Häuser branden, in Unfrieden auseinandergehen. Da ist wieder der Drang, vor dir selbst wegzulaufen. Ein umgekehrter Horizont, ein nach außen gerichteter Sog, zentripetal aus der Mitte weg. Wohin? Weg. Nichts, was du schauen könntest, könntest du schauen ohne einer zu sein, der schaut. Wer immer das wäre, du würdest ich zu ihm sagen. Du kannst dir nicht entkommen, lauf, wie du willst. Es gibt kein Meer für dich, keine Insel, keinen Strom. Es wird nur immer und immer wieder einen Abend geben, der dich enthält und doch nein zu dir sagt.

29.4.13

An diesem ersten Morgen ist der Himmel wie ein aufgeschlagenes Buch. Zum Reinschreiben blank. Wartend auf Zeichen. Von Vögeln verlassen. Die Horizonte sind der Nacht verrutscht, nun bringt sie das Licht wieder in Ordnung. Und um die Reihen der Hügel aufgespannt diese unberührte, blankgewischte Schale. Ein abnehmender Mond treibt haltlos darin. Leer, frei, zu groß: Als traute sich niemand als erster auf die Tanzfläche.

Dieser Müdigkeit auf den Grund gehen. Sie aushalten, die Müdigkeit, die Erschöpfung jenseits allen blauen Schlafes ausloten, und in der Überwindung aufstoßen, öffnen, dem auf den Grenzlinien entlanggenarbten Bewußtsein ins halb Bodenlose blicken. Darin finden sich vielleicht, zweifach prismenhaft über die Ränder der Aufmerksamkeit hin gebrochen, eingerollt wie wartende Schlangen, harrend wie zweifelhafte Aussichten, zwei Wörter, drei Wörter, ein Schillern von Ambiguem, Fingerlinge aus Bedeutung, schon umgestülpt in den Schattenspiegelraum man weiß nicht: deines oder meines Schlafs.

Eine Stunde

einmal bin ich nachts wachgeworden und konnte nicht wieder einschlafen. ich habe licht gemacht, eine rolle kekse geöffnet und gelesen. es war weder tag noch nacht, obwohl es stockfinster war hinter den scheiben, in denen ich mich verschwommen spiegelte: als gäbs gar kein draußen mehr. die uhr zeigte irgend eine zeit an, das radio hätte mir sicher ein datum verraten, doch war es noch nicht heute und nicht mehr gestern. ich saß im kreis der lampe, gekuschelt in decken, und außer mir, meinem zimmer, den süßen keksen und der verschlungenen geschichte im buch gab es nichts, gar nichts mehr. die finsternis war nicht mehr das dunkel der nacht; es war das fehlen von allem. ich saß in einer zeitkapsel und schwebte der unendlichkeit davon. stahl ihr, während sie nicht aufpaßte, eine stunde. das war schön da und ganz still, in meinem kokon aus geklauter zeit.

doch beim erwachen anderntags blieb diese stunde in ihrer bestimmung unklar, wie es mit gestohlenen dingen eben geht, sie haben ihre eigene geschichte. losgelöst aus dem strom und den übrigen stunden abhanden gekommen, der wachen wie der schlafenden, lebt diese herausgenommene zeit zwischen schlaf und schlaf nur für sich, hat keinen anker und keinen halt. ich weiß nicht, wann das war. es gab diese stunde; und doch hat es sie nie gegeben. irgendwann war die kekspackung leer; ich bin dann zähneputzen gegangen, habe das licht ausgemacht und bin sofort eingeschlafen. später, am andern tag, nach dem wirklichen erwachen, kamen die zweifel. war nicht alles ein traum gewesen? ich schlug das buch auf: das lesezeichen hatte sich nicht weiterbewegt. und doch wußte ich genau, wieviele seiten ich gelesen hatte, konnte sogar den letzten satz angeben. und die kekse waren verschwunden, die leere packung unauffindbar. war ich das gewesen? hatte ich überhaupt kekse im hause gehabt? oder hat ein anderer diese wache stunde an meiner statt erlebt? woher kommt dann aber meine erinnerung, und an welche zeit ist die eigentlich?

ich habe dann die entsprechenden seiten noch einmal gelesen. um sicherzugehen.

Elternhaus

Beruhigend: Im Schatten einer Bücherwand einschlafen, Frieden finden unter der stillen Gewißheit der Buchstaben. Ihrem jederzeit entnehmbaren Sinn. Wie sie sich sanft anbieten, voller Zurückhaltung, sich nicht aufdrängen, zur Verfügung stehen. Wie sie bis unter die Decke wachsen und ihre Welten hinter Leder und Karton bergen, ins Schweben kommen, während die einbrechende Dämmerung ihre Titel durcheinanderwirft. Ihre Beredheit, hinter höflichem Schweigen versteckt. Das Licht ausmachen und ihre Stimmen losflüstern hören. Das Verläßliche einer solchen Wand. Die geordnete Vielfalt alter und ältester Stimmen, und alles, was schon war, und daß du dem mit den eigenen Schmerzen nichts mehr wirst hinzuzufügen haben. Du warst schon. Sie wissen dich. Angeschaut sein und erkannt und schon aufgehoben zwischen den Zeilen und Absätzen, wenn die Augen zufallen und der Finger aus den Seiten rutscht. Ein ruhiger Schatten über der müden Stirn: Aufgereiht stehen da die stummen Geschichten freundich an die Ränder des Schlafs geneigt; wartende Träume, bereit, sich dem Schläfer zu nähern, wenn er nur will.

post aestatem

In der Stille aufwachen, in der Nachwelt der Vögel. Ein Name, ein Pfeil. Ein Hunger. Barfuß in Zuckerkrümel treten.

 *****

Bis in den letzten Winkel ausgeleuchtet. Kein Raum für Zweideutiges, Anspielungen, Hoffnungsheimligkeiten. Das Abenteuer, in einer Wohnung aufzuwachen, wo man nicht weiß, wo die Kaffeedose steht. Am Bahnhof nicht abgeholt zu werden. Warten können und Zeit haben in der felsenfesten Gewißheit, daß die Schönheit für dich allein bestimmt ist, kommt Zeit kommt Rat. Raufzählen und zunehmen und die Bäume für bare Münze genommen. Man macht den Wecker aus. Man kennt schon fast alle Stücke. Es kommt nichts Neues dazu. Mit jedem neuen Tag wird die Wahrscheinlich größer fürs Déja-vu. Diesen Moment, der war doch schon einmal, der ist doch schon gelebt. Sendungswiederholung.

*****

Und zwischendrin: Ihren erstaunten Blick wärs doch wert gewesen, sich noch vier Stunden im Zug abzumühen und einen weiteren Tag mit den Kindern – , ihre Freude, daß ich mitkomme, doch noch, nachdem ich schon ausgestiegen war, das wäre es wert gewesen, ja, und ihr kindliches, simples Entzücken. Das ausblieb. Meinetwegen. Und das nicht wieder-holbar ist, nicht dieses, jedenfalls, nicht dasselbe. Nicht so schlimm, aber das Kleine ist ebenso unwiederbringlich vorüber wie das Große. Und wer mag schon genau behaupten, was groß und was klein ist. Ihr Strahlen, vielleicht wär‘s groß gewesen. Für mich, für sie. Für uns. Das sind so Gedanken. Und auch, daß die Tür von Wagen 254 schon geschlossen war, sich mit Gezisch und Geächz vollautomatisch zwischen uns geschoben hatte, meine Schroffheit/ihren traurigen Blick, und lag dann spiegelig hart zwischen den mühsamen Luftküssen. Aber ich hätte wieder einsteigen können, ein Ruck nur, ein Sprung, einzig und allein um ihre Freude zu erleben, dafür hätte ich gut und gern noch ein bißchen Plackerei und das Generve der Kinder – und die Tür zum Wagen 255 noch offen, der Pfiff noch nicht ertönt, das Signal auf Rot. Ich hätte, ich wäre, aber nein. Es ging zu schnell, könnte man sagen, um das alles durchzudenken und wirklich schon vorgreifend diejenige Reue zu spüren, die mich anfiel, anfallen mußte, sobald der Zug davongerollt war, ich nicht mehr sie hinter der verspiegelten Scheibe, sie nur noch mich sehen konnte (oder sich schon, enttäuscht?, abgewandt hatte); es ging zu schnell, um die Reue schon vorauszufühlen, als noch Zeit gewesen wäre, auf so eine Ahnung zu reagieren, aber die Zeit war nicht, und vielleicht ist das auch ganz falsch, vielleicht war Zeit zuviel, zuviel Zeit zum Zögern, zuviel Zeit zum Abwägen und Ausbaldovern und stur bleiben, zuviel Minuten, als daß ich blindlings … vielleicht ging es nicht zu schnell sondern, nicht schnell genug.

 *****

Zuletzt noch die Mauersegler, abends, die ihre Leuchtspuren in den Schlaf hineinfräsen. Späteste Minuten. Wenn der Himmel sich vom Fenster löst, gerät das Zimmer ins Schweben. In der Luft hängen die Stimmen von damals. Einer Zeit, als kein Mangel war an Tag und Traum.

Fringilla coelebs

Wie von Weitem tönen eines morgens die Stimmen. Über Nacht haben Wetter und Wolken gewechselt. Die Schatten sind ernst geworden, die Wege reif von Fernen, am Horizont wälzen sich die Wälder. Die Stimmen haben ihre liebgewonnen Singstände aufgegeben, aus anderen Richtungen tönen sie, und leiser jetzt, gefiltert, gedämpft. Unentschlossen gegen die Entschlossenheit des grimmigen Jahres. Noch ein Versuch, zu retten, was verloren ist, schwebend zwischen Noch-hier und Schon-weg. Über Nacht sind die Zimmer des Sommers zu groß für sie geworden, In den Räumen verheddern sich die Stimmen, die Luft ist voller Winkel, wo immer man sie vernimmt entfernen sie sich, noch einmal und noch einmal, und dann werden sie verstummen. Eine dieser zaghaften, widerstrebend entäußerten, von ferne herangewehten Phrasen wird die letzte sein, mit einer jeden könnte der Sommer enden, und so klingen sie auch.

Leuchtspur

Sich so in den Morgen hineinschreiben. Den Leuchtspuren folgen, Zeichen um Zeichen die Zeit nachbuchstabieren, notieren, was rumliegt, an den Spülsäumen des Tags; findet sich immer was: Seemannsgarn, Flaschenpost, eines Gefangenen in Balken geschnitzte letzte Botschaft, Imaginiertes von Meister Krabbe, und wohin die Krallen der Möwen weisen. Das hat alles Richtung, wenn auch nicht die gleiche immer. Auch Sand beginnt als Versuch. Traubenlese der Algenfelder, die noch ins Dunkel spülen. Küstenwärts Sturm und Licht, lichtwärts die Klingen der Felsen, die Luft blankgewetzt unter den Schnäbeln der Vögel. Dunkelwärts Schlick in der Faust, und einen Keil in den Tag getrieben, einen Anker, der die Geschichten festmacht, ein Zeichen fürs Wachsein, ein Wort für die Stunde.

11. Dezember 2117

Der nächste Venustransit.
Ein Datum, das schon jetzt feststeht, und du weißt, du wirst nicht mehr dabeisein. Manchmal tapert man so blind durchs Leben, daß man heulen könnte. Halley habe ich erlebt und das Glück gehabt, im richtigen Jahrhundert auf der Welt gewesen zu sein für ein noch selteneres Ereignis. Das Glück, aber nicht die Wachheit. Angesichts der Seltenheit des Ereignisses denke ich jetzt, vielleicht wäre es doch wert gewesen, mal hinzuschauen, 2004 oder eben gestern. Dabei ist es mir da ja noch gleichgültig gewesen. Erst mit dem Bewußtsein post festum kommt der Verlust. Ein reines Versäumnis, abstrakt, pur, kristallin, absolut, gerade weil es nichts Begehrenswertes oder auf private Weise Teures ist, das man verloren hat. Die Darstellung der reinen Unmöglichkeit. Nichts, was sich nachholen, richten, mit viel Fleiß doch noch schaffen ließe. Es ist außerhalb der Reichweite. Es ist außerhalb der letzten Grenzen deiner selbst. Du tust einen Blick auf eine an einem bestimmten, absolut sicher eintretenden Ereignis verankerte Zukunft, die dich nicht mehr enthält. Die eigene Begrenztheit so deutlich ablesen zu können wie an diesem Datum, an diesem Unverrückbaren – Tag, ja, Stunde stehen bereits fest, und das tun sie schon seit Jahrmilliarden –: das hat etwas Vernichtendes. So lange du lebst, wird ein Venusdurchgang nicht mehr zu beobachten sein. Und gestern hättest du noch eine Chance gehabt. Mit deinen eigenen Augen. Jetzt bleiben dir nur noch Bilder, geliehene Augen und Erinnerungen, Bilder, die zu einem anderen Geist, zu einem anderen, wacheren, Leben gehören.

Aufstehen mit dem Gefühl, daß dieser Morgen absolut keine Verwendung für mich hat.
Fragt sich, ob ich eine habe für ihn.
Der Tag und ich, wir haben uns auseinandergelebt. Wir wissen nichts mehr miteinander anzufangen. Wir leugnen einander. Und ringen dabei. Zu spät, zu früh, jedenfalls: verkehrt. Irrtum und Säumnis. Nachholen, mit Worten, was mit den Händen nicht gelang. Nach der Zeit werfen mit Phrasen. Den Rücken zur Zukunft, und auch darin noch scheitern.

Costa Concordia

Wie er da liegt, dieser Koloß, riesig, gestrandet, hilflos, aber nicht ohne Gefahr, nicht ohne Harm. Ein Wirklichkeit gewordener Albtraum. Ein Schiff, kein Flugzeug, aber dieser Eindruck des Abgleitens ins Katastrophale, der zeitlupenhaft gestreckte Sturz, Verlust jeder Steuerung, das ist dasselbe wie in zahllos gräßlichen Träumen, in denen Flugzeuge knapp über Grund ins Schlingern geraten, oder plötzlich, eine Kette von Rauchwolken hinter sich lassend, hinter einem leuchtenden Horizont verschwinden und, außerhalb der geträumten Sichtweite aber trotzdem ganz gewiß, irgendwo, an einem Ort des Grauens, der ganz nah ist, zu Boden gehen und zerschellen oder etwas noch Schlimmeres, etwas Unaussprechliches anrichten. Das Riesenhafte ist auch diesen Traumbildern immer zu eigen, im Absturz, in ihrer Hilf- und Steuerlosigkeit stellen diese schlingernden Flugzeuge immer eine Gefahr für den noch so weit entfernten, niemals unbeteiligten Beobachter dar, sind sie bedrohlich und böse durch den Verlust der Kontrolle über die gewaltigen Maschinenkräfte in ihnen, die, jetzt steuerlos geworden, ihr Werk ins Zerstörerische weiterführen. Niemand entgeht, jeder ist betroffen. Aber das Zerstörungswerk steht in diesen Träumen immer nur unmittelbar bevor. Im Augenblick des Traums bahnt sich das nur gerade an, stimmt etwas nicht, stimmt auf ganz entsetzliche Weise nicht, läuft aus dem Ruder, ist schon aus dem Ruder gelaufen. Ein Stolpern im Gang der Welt, ein Riß, der durch die Gesamtheit all dessen geht, was als normal und vertraut bekannt ist. Läßt sich nicht mehr abwenden, das Zerstörungswerk nicht, der Untergang. Ist noch nicht passiert, wird aber passieren, unabwendbar. Steht auf dieser Schwelle des Untergangs, kippend, sich zur Seite neigend, ein eben begonnender Sturz, der sich unaufhaltsam fortsetzen wird, bis zum Ende.
Der größte Schrecken aber liegt in der zwar von Menschen entworfenen, im Augenblick des Versagens aber alles Menschenmaß übersteigenden Riesenhaftigkeit der Maschine.
Und jetzt, dieses Schiff. Wie es da turmhoch liegt, daß es die Sonne weithin verdunkelt. Wie sich sein Schatten übers Meer breitet, ein Loch, das die Wellen einsaugt ins Nichts der Katastrophe. Und wie diese im Vordergrund des Bildes doch recht mächtigen Wellen gegen den Rumpf des Wracks zu immer kleiner und kleiner, wie sie winzig und bedeutungslos werden vor der aufragenden Stahlwand. Und durch das Spiel von Größe und Perspektive diese Stahlwand mitsamt den Aufbauten, den gekippten, in der Schieflage noch immenser scheinenden Schornsteinen, ins korrekte und damit falsche Maß setzen. Denn da stimmt nichts mehr, was die Bezeichnung Maß verdiente. Und so, vor der Folie dieser Träume, scheint dieser gekippte Riese, diese gestürzte Stadt, die letzte Katastrophe erst noch bereitzuhalten. Sie bislang nur angekündigt zu haben.

Anschreiben gegen das Gewicht des Morgens. Gegen das Gewicht der Träume. Der geträumten. Und der nichtgeträumten. Gegen das Licht schreiben, gegen die Flut, gegen das Diktat der Zukunft. Ungleichzeitiges gleichzeitig machen.
Mittagslos, der Tag kein Tag. Etwas erfinden, das eine Morgendämmerung zu dieser Morgendämmerung werden ließe, das Beliebige einfriert, zu einer Stunde, in der man sich selbst enhalten wiederfindet.
Egal, daß der Tag sich selbst halluziniert. Wirklich sind doch nur die Gestimmtheit und die Stimmen.

Gute nacht

Wahnsinnige Gereiztheit, über alles und jeden, über die Art- und Zeitgenossen, ihre stumpfe Passivität und ihr Treibenlassen, ihren blöden Lärm (als würden sie dadurch irgend wichtiger, daß sie laute Geräusche machen); Wut über ihre Belanglosigkeit – aber auch Wut über mich selbst, und wäre ich eine Flasche, ich würde mich so gern selbst gegen die Wand schleudern; Enttäuschung über soviel Kleinmütigkeit in mir, Angst, Bequemlichkeit: Hätte ich nicht doch lieber mit dem Zelt losstapfen sollen? Zu spät! Falsch entschieden! Ich möchte am liebsten eine Flasche Schnaps in einem Zug austrinken, mir damit auf grandiose Weise selbst zu schaden – um mich hernach trefflich im Katzenjammer selber bemitleiden zu können.
Draußen rummst und kracht es, und es fühlt sich an, als wär’s erst gestern gewesen, als es zuletzt soweit war. Diese Vorhersagbarkeit: Sobald die ersten Böller im Laden sind, wird gerummst, jedes Jahr dasselbe, man könnte aus dem mählichen, dann raschen Anstieg der Explosionshäufigkeit bis Mitternacht eine Exponentialfunktion malen. Es kommt mir alles so ermüdend unabänderlich, in seiner voraussagbaren Wiederholung so abtötend schal vor.
Ich kleistere mir jetzt die Ohren zu und gehe schlafen. Gute Nacht. Nächstes Jahr wird alles anders. So wie all die Jahre zuvor auch schon.