Hinterher

Früher war die Sache einfach. Da steckte man sich nach getanem Werk eine Zigarette an. Das war so verbreitet, daß die “Zigarette danach” sprichwörtlich wurde. Heute verbietet sich der Tabakgenuß schon aus gesundheitlichen Gründen; aber die Welt ist auch bunter, die Vorlieben individueller geworden. Was hinterher das Beste sei, darüber gibt es so viele Ansichten wie es Arten von Menschen gibt. Je nach Geschlecht, Alter und Veranlagung werden die unterschiedlichsten Bedürfnisse laut für die Momente unmittelbar danach. Während junge Männer etwa gleich noch einmal können (der Schweiß ist noch nicht getrocknet, da denken sie schon über die nächste Runde nach), beweisen ältere zwar mehr Ausdauer währenddessen, sind aber danach so erschöpft, daß sie erst einmal ein Bier oder einen Kaffee brauchen, und dann Tage benötigen, bis sie sich erholt haben und zu erneuter Anstrengung fähig sind. Sie seufzt, setzt sich die Lesebrille auf und greift nach dem Krimi. Anders die jungen Frauen: Sie machen gern danach Gymnastik und müssen sich ausgiebig pflegen. In späteren Jahren trinkt die Frau nach der Bewegung in gehobener Stimmung gern ein Gläschen Sekt. Hygienefanatiker müssen gleich unter die Dusche, während andere mit einem Erfrischungstüchlein oder einem Handtuch vorlieb nehmen. Vollgepumpt mit Endorphinen, küssen sich romantische Seelen ausgiebig. Nüchternere Menschen schlüpfen im Anschluß sofort in Anzug und Krawatte und nehmen sich die ausstehende Quartalsbilanz vor. Unter den Männern gibt es Erfolgstypen, die glauben, als erstes ihre Leistung protokollieren zu müssen. Frauen tendieren hingegen dazu, das Geschehene revue passieren zu lassen und darüber zu sinnieren, wie schön es war. Gesundheitsbewußte kontrollieren zuallererst Pulsschlag und Blutdruck, während den lukullisch Veranlagten erstmal der der Hunger drückt. Andere haben nur Durst und trinken wie ein Pferd. Viele Frauen wiederum wollen vom Essen gar nichts wissen und rechnen lieber die verbrannten Kalorien nach. Manch eine wünscht sich aber dann doch Schokolade, eine andere Rotwein. Oft widerstreiten sich die Bedürfnisse: Die eine möchte noch gern kuscheln, was dem anderen zuwider ist, während eine dritte sich wünscht, er möge sie noch ein bißchen massieren; der aber hat schon zu schnarchen begonnen, denn ein “Schläfchen danach” ist für ihn das Größte. Nickerchen, Fernsehen oder in den Korbsessel auf dem Balkon: So viele Menschen, so viele Vorlieben. Man muß da einen Kompromiß eingehen, wenn man’s gemeinsam macht.
Was mich betrifft, so gestehe ich freimütig: Ich halte es mit der Duschfraktion. Hinterher muß ich als erstes duschen. Ja, es gibt für mich nach dem Laufen nichts Schöneres, als mir den Dreck von der Wade zu spülen.

Anderswohin

Dem Tag beim Zu-sich-Kommen zusehen und wie
die Bäume sich
aus der Dämmerung schütteln
und dann noch einmal still werden bereit
den Stürmen des Tags

und wie der Weg mich
abwerfen will wie einen übermüdeten
Reiter: Als es ihm nicht gelingt wirft er
schon nicht mehr ernst
mit Pfützen nach mir

später entläßt mich
ein Fichtenhain
nach ein paar Stolperschritten da weiß der Himmel
was von Zweigen
zu berichten und von Wipfeln

gehüllt in die schnaubenden
Gründe ihres Daseins
stehen die Pferde auf der grauen Weide

frühes Licht an versunkenen Höfen fern
gehen Straßen und Ströme
an den Rändern
von allem das reicht
nicht bis hierher das muß
für immer anderswohin.

Beim Laufen

Der Asphalt blubbert, darüber schleppen die Tiere sich dahin, Krallen im Karamell. Staub und Kletten striegeln das Fell. Schnauzen suchen nach ihresgleichen. Irgendwo gehört ein Mensch dazu. Unklar, wer hier wen zieht, der Mensch den Hund oder der Hund den Menschen. Schweben von Schemen, wegauf und wegab, Schiffe und Segel. Die Hecken stehn im Dunst, beschämt über den Gestank von Kot, der an ihren Wurzeln hockt. Hammerschläge lassen ein Echo hinter sich fallen, mit Mühe schlägt es die Wand zurück. Die Farben hadern mit dem Licht. Sie halten es nicht, sie warten auf die Hand der Schatten, während die Sonne sich um den Kirchturm krümmt. Ein Eselskopf schaut über die Hecke, die Augen voller Fliegen. Durst, und rote Wangen, wie ausgespuckte Bonbons, Lippen unter der Nase, und wieder Durst, nach Dunkelheit. Ein Spaten ist in der Erde festgewachsen. Wohin auch immer, die Schatten sind stets noch ein paar Schritte weiter weg. Die Hitze ist ein Haar, das auf der bitteren Stirn klebt. Sie schneidet unter den Fingernagel, sie hält Wache am Bett der Liebenden, sie schläft ein in der geschmolzenen Vanille im Abfalleimer. Die Mauersegler fliehen zu den Horizonten der Wolken. Die Wege sind beladen mit Rainen, die sich aufrollen, um sich im Dunst zu verlieren. Dort versacken alle Richtungen. Laufen, nirgendwohin, bis die Sonne Mauern baut und sich der Schweiß in Käfer verwandelt. Der Wald zerkratzt den Blick. Häute wachsen zwischen den Fingern. Prüfungen des Rauchs, unter der Zunge singt Salz, die Plastiktüten quietschen bei jedem Schritt. Einzig frisch bleiben die Autos mit ihrem messerscharfen Lack, ihre Motoren heulen unwirsch über so viel Trägheit auf zwei Beinen.

Warum machen die das?

Einen Marathon laufen, den Everest besteigen, die Wüste Gobi zu Fuß durchqueren, mit dem Tretboot über den Atlantik fahren – kein Gespräch über diese und ähnliche Unternehmungen, ohne daß die Frage aufkäme: Warum machen die das?

So auch neulich beim Kaffee mit Eltern und einer Freundin meiner Mutter, wir sprachen über mein Steckenpferd, und natürlich, warum mache ich das?

Klar, für den, der das nicht kennt, nicht gemacht, nicht erlebt und nicht geschafft hat, mag es höchst fragwürdig scheinen, warum man sich das antut. Zweiundvierzigkommaeinsneunfünf Kilometer in einem Stück laufen. Das bedeutet vor allem: Trainieren. Zweitens bedeutet es Training. Und Drittens klingt es wie Selbstkasteiung: Im Winter bei Regen und Schneematsch, im Sommer bei Hitze durch den Wald rennen, morgens zwei Portionen Müsli in sich hineinstopfen, damit man auf genügend Kalorien kommt, literweise Wasser trinken, nur um es grad wieder auszuschwitzen. Trainingspläne, die keine Ausrede erlauben. Tempoläufe und langsame Läufe, weite Läufe, kurze Läufe, Läufe morgens um sechs oder nachts um zehn, wenn’s nicht anders geht, dreimal die Woche, viermal die Woche, 200 Kilometer plus im Monat abspulen – nur um dann hunderzweiundzwanzigster von über 200 zu werden und mit Achundkrach bei 3:45 über die Ziellinie, nein, nicht zu laufen, wanken wäre das bessere Wort.

Der läuferische Erfolg im Wettkampf, wenn nicht Erster, so doch wenigestens Zweiter, von mir aus auch Dritter werden, das würde wohl die Strapazen nach außen rechtfertigen, hätte Bestand vor der Welt. Aber unter tausenden irgendwo als Herr Unbekannt, im Wortsinne unter „ferner liefen“, grandios unbeachtet und grandios erschöpft gegen sich selber kämpfend die Strecke zu bewältigen? Was soll’s?

Meine eigene persönlich Antwort auf diese Frage ist knapp. Sie lautet: Weil ich es kann. Aber darum soll es gar nicht gehen.

Sondern um eine beiläufig gemachte Bemerkung von A. Manche Männer, so die weltläufige Auskunft A.s, bekämen ja so im Alter zwischen vierzig und fünzig einen Rappel, früher super sportlich, seit Jahren nix mehr gemacht, der Bauchansatz unverkennbar vorhanden, der Optiker droht mit der Lesbrille, wollten sie es noch einmal richtig wissen, sich und anderen beweisen, daß sie noch knackig und jung seien und keinesfalls auf dem absteigenden Ast.

Das ärgerte mich.

Als erstes die Präsupposition, sehr wohl seien diese plötzlich so agilen Männer auf dem absteigenden Ast. Sie wollten es nur nicht wahrhaben. Dann: Ich befinde mich zwar erst an der Untergrenze zu dem von A. erwähnten Alter, aber es trifft trotzdem, und es wird mich in Zukunft noch mehr angehen, und vielleicht wird demnächst diese Vermutung auch von anderen geäußert werden, dann aber – nicht so wie bei A., die es eher allgemein dahergesagt hatte – in Bezug auf mich.

Warum ist das ärgerlich? Es klingt nach dem Vorwurf einer unlauteren Begründung, dem Auf-den-Kopf-Zusagen einer Selbsttäuschung.Es macht die marathonbegeisterten Männer zwischen vierzig und fünfzig klein, indem es diese Bemühungen in dieselbe Schublade einsortiert wie der Griff zu Haarwuchsmitteln oder die Zuflucht zum Comb-over: Es entwertet sie. Es macht ihre Ambitionen lächerlich und spricht ihnen ab, überhaupt ernstzunehmende Ambitionen zu sein. Denn für die Nichtläufer kann es ja nur einen ernstzunehmenden Grund geben, die Quälerei auf sich zu nehmen, nämlich den Sieg, den objektiven sportlichen Erfolg. Wir reden hier schließlich nicht vom Spaß.

Die Bemerkung glaubt also schon, einen Grund zu kennen und läßt diesen Grund zudem nicht gelten. Sie befindet darüber, welches ein richtiger Grund sei und welches nicht. Das ist ein bißchen wie der nervtötende Satz von Hobbypsychologen, da stecke doch mehr dahinter – als kämen sie einem bei einer Betrügerei auf die Schliche. Auf die Schliche glaubt man aber auch mir zu kommen, insofern wenigstens, als dieselbe Begründungsmaschine auch auf mich angewendet werden kann, es reicht, daß auch ich die „richtige“ Begründung (den Sieg) schuldig bleiben muß. Insofern steckt also auch bei mir mehr dahinter, darf man also Mutmaßungen über mein geknicktes Selbstwertgefühl oder meine Angst vor dem Altern und Abbauen (und wer, bitteschön, hätte die nicht?) anstellen. Und weiter noch: Auch ich lasse mich dann hübsch passend in eine Schublade einsortieren, aus denen mich kein Dementi mehr herauswinden kann. Man glaubt, nur weil ich ein bestimmtes Alter habe und ein bestimmtes Geschlecht, mich schon zu kennen. Da könnte ich mir dann den Mund fusselig reden, geglaubt wird es nicht. Schon deshalb nicht, weil alles, was man vorbringen könnte („Ich benutze Haarwasser nur für die Kopfhaut“, „Ich wende das Comb-over an, weil ich es chic finde“, „Ich benutze Kontaktlinsen nicht, weil ich eitel bin, sondern weil man verzerrungsfrei sieht“, „Ich laufe Marathon, weil ich es kann“) wie eine Rechtfertigung klingt; ebenso wie die Vermutung, das sei alles der Midlife Crisis (schon das Wort ist eine Beleididung) geschuldet, immer einen versteckten Angriff enthält.
Zu ändern ist das nicht, eine griffige Entgegnung gibt es nicht. Es bleibt nur, über den Dingen zu stehen, selbst für sich zu entscheiden, was man tut und warum, und achselzuckend zur zweiten Portion Müsli zu greifen.

Stille

Im Wald, beim Laufen, vor Tagesanbruch: Die Stille ist dann so ungewohnt und unausgelotet, so riesig der Raum, den sie ausfüllen kann und auch ausfüllt, daß die eigenen Schritte überlaut und polternd ins Gewölbe dieser Stille hineinhallen, so laut und fehl am Ort, daß man ständig vermeint, jemand hinter sich zu haben. Die Stille wirft einem das selbstverursachte Geräusch wieder nach, einen Laut, den der gewöhnliche Lärmhintergrund von Menschen bewohnter Orte sofort vernichtet. Man hat ja in Städten gar keine Möglichkeit, sich selbst zu hören, beim Gehen, beim Atmen, beim Arbeiten, man versteht sein eigenes Geräusch nicht mehr. Man begreift erst, wie laut man eigentlich ist, wenn das, was man unvermeidbar an Geräusch verrursacht, von einem tiefen Schweigen entgegengenommen wird. In dieser Weise bringt einem die Stille das Alleinsein zu Bewußtsein, daß man sich, für sich, in einem Raum bewegt, in dem man kaum mehr als eine Koordinate ist. Alles, was man tut, es fällt sofort in Geräuschen auf einen selbst zurück und bringt einen blitzartig zum eigenen Dasein, führt einem das eigene In-der-Welt-Sein vor Augen. Ein polterndes, lautes, ungestaltes Dasein ist das, das gleichwohl, mag es poltern und krachen wie es will, die unendliche und unausfüllbare Eleganz der Stille nicht zu verletzen vermag. Die Stille rächt sich, indem sie dem Läufer nachjagt und Schritte zu hören gibt, die nur seine eigenen sind, und ihn daran erinnern, daß er nicht entkommen kann: Dem Raum nicht, der Stille nicht, nicht einmal sich selbst.

Beim Laufen (Heimerzheim, Kottenforst)

gestern wieder im wald laufen, nur noch vereinzelt liegt eis, an wegkreuzungen und lichtungen, wo wegen der fehlenden baumkronen mehr schnee gefallen ist; aber es ist nicht mehr gefährlich, das eis ist mürbe, rauh, rissig und gibt unter den tritten bereits nach, man kommt ganz gut dran vorbei und dran vorüber.
zwar ist das meiste geschmolzen; dafür sind jetzt aber alle unbefestigten wege vom vielen schnee und jetzt durch dauerregen komplett durchgeweicht und verschlammt, der mehrmals gefrorene und wieder aufgetaute boden ist durch die ausdehnung des eingedrungenen und später gefrorenen wassers schwammig aufgedunsen und weich; überall steht das wasser in breiten pfützen, tümpel säumen die wege, raupenfahrzeuge, pferde und autos haben das übrige getan, um die meisten pfade in schlammpisten zu verwandeln, mit einem wort, der wald ist ein einziger sumpf. bis das drainiert und trocken ist, können wochen vergehen. ich bemerke an mir selbst eine merkwürdige gereiztheit, wenn das, was zunächst nur ein paar schritte über matsch schien, fünf schritte später immer noch matschig ist, hundert meter weiter keine besserung eintritt, nach hundert sich nichts geändert hat, bis man endlich mit vom lehm bereits schweren schuhen begreift: so geht es jetzt kilometerlang weiter, und sich der weg übers feld bis in die nebelige weite hinein von pfützen punktiert und von raupenketten gestriemt hinzieht. in solchen augenblicken könnte ich laut schreien vor zorn, und manchmal tu ich es auch.

Beim Laufen

Plötzlich flackert da Scheinwerferlicht durch die Bäume, sieht man den fahlen Himmel sich in Windschutzscheiben spiegeln, schimmern metallene Fahrzeugflanken, steht eine Gruppe schwarzuniformierter Männer an einem Lastwagen, der sich beim Näherkommen als Panzerfahrzeug entpuppt.
Unheimlich. Zwei Sendemasten von erheblicher Höhe, 10, 15 Meter, auf Einsatzfahrzeuge montiert, ragen auf. Die ehemalige Straße, wo sonst nur Jogger unterwegs sind oder Fahrlehrer ihren Schülern das Anfahren beibringen, ist abgesperrt. Die Fahrzeuge stehen in den kreuzenden Waldweg hinein und riegeln ihn fast ab, so daß man in den Schlamm der Böschung ausweichen muß.
Ich mag so etwas ja überhaupt nicht. Es reicht schon, um das Gruseln zu lernen, wenn man den Polizeihorden begegnet, die allsamstäglich an einschlägigen Bahnhöfen abkommandiert sind, ich muß nicht auch noch einer Gruppe finster dreinblickender, Krieg spielender Vermummter nach Einbruch der Dämmerung plötzlich im Wald begegnen.
Schon lange nicht mehr im Dunkeln laufen gewesen. Leichtsinnigerweise habe ich die Stirnlampe nicht mitgenommen, und so, das letzte Restlicht am Himmel noch von dichtem Nadelgehölz verschattet, bin ich gut eine Stunde über einen nahezu unsichtbaren Waldweg gestolpert. Nach Einbruch der Nacht ist mit Dunkelheit zu rechnen, weiß der Soldat der Bundeswehr, da ich aber gottlob nicht gedient habe, überrascht die Finsternis einen Ahnungslosen. Da hättem die Vermummten von vorhin mir ja ruhig mal einen Tip geben können.
Später, anhörig des bis ein Uhr früh anhaltenden Hubschraubergedröhns über der südlichen Ville, frage ich mich, ob es da eine Verbindung gibt, und wenn ja, ob man wirklich über dichtbesiedeltem Gebiet den Hubschraubernachtflug üben muß. Ich meine, wo sind wir denn hier, im Hindukusch?

00:44:33

Zehntausend mal das Aufgeben auf den nächsten Schritt verschieben. Zehntausendmal einen schaffst du noch. Zehntausendmal den Schmerz in der Wade ignoriert, literweise Luft eingesogen, nie genug bekommen; zehntausend Schritte lang die Distanz abgewetzt, so langsam wie mit der Feile, mit der trockenen Zunge abgeraspelt, Kiesel für Kiesel den Staubweg aufessen und schlucken müssen, und immer mehr Schritte vor sich angehäuft, steil aufgetürmte Schritte, der Weg hart, eine Mauer, die sich auflehnt, die es persönlich nimmt, die dir gegen die Schienbeine tritt. Sich ein Gedicht vorsprechen, drum, will schon unsrer Sonne Wagen/nicht halten, wollen wir ihn jagen, im Jambus weiteratmen, nicht genug Luft um einen herum, und weiterhetzen. Wollen wir ihn jagen. Zehntausend Schritte hinter einer imaginären Antilope herhetzen, selbst der Gehetzte sein dabei. Und dabei von flotten Mädels ein ums andere Mal überholt werden. Zehntausend Schritte Schande. In die dritte Runde (von vieren) laufen und über Lautsprecher hören, daß schon der erste Läufer das Ziel erreicht hat. Demnächst Siegerehrung. Ein Name über Lautsprecher, der nicht der eigene ist. Denken, beim Weiterlaufen, verdrossen, du bist eine Null, ein Nichts, ein Würstchen. Auf Wurstbeinen weiterlaufen, auf gegrillten Wurstbeinen, was gut zum Geruch paßt, der über dem Ufer des Aachener Weiers liegt, auf verkohlten Wurstbeinen, schließlich auf Wurstbeinen ohne Gefühl, Leberwurst, zum Streichen. Sich wehren gegen die Wahrheit eines jeden Wettkampfs, gegen den Truismus, wer nicht gewinnt, hat verloren. Zehntausend Schritte denken, es geht vorbei und den Weg ein- und ausatmen. Sonne ins Gesicht bekommen, für Momente zu fliegen glauben, bergab jetzt. Drum, will schon unsrer Sonne Wagen. Dreimal die Sambatruppe an der Steigung. Oder war es doch erst zweimal? Plötzlich Panik in der vierten Runde, war das das vierte Mal Samba, bin ich schon durch oder muß ich doch noch eine? Man müßte jetzt die Beine in die Hand nehmen können und einfach hinübertragen. Man müßte diesen Unsinn einfach vergessen. Hinausgewunken werden, damit man die Zielgerade und das Pfeifen der Matte nicht verpaßt, das fehlte noch. Zehntausendmal versuchen, den Unsinn zu vergessen, zehntausend Schritte, zehntausend Meter, vier Mal um den Weiher, sich selbst zuschanden geritten sich selbst besiegt und dennoch verloren haben, das macht, das waren: 00:44:33.
Photo: Detlev Ackermann

Photo: Detlev Ackermann

Novembermorgen

Beim Laufen an manchen Samstagvormittagen, in der bewegten Stille des Lichts, im Wald: Ein solcher Geruch, es ist, als hätte es ihn seit fernsten Kindertagen nicht mehr gegeben. Eingekapselt in den Duft von Sonnenwärme in der Kiefernborke ist da plötzlich etwas wie Schwingende Drähte. Warmer Sandstein. Sonne wie Staub vor den Fichten wirbelnd. Trocken leuchtende Fäden der Spinnen. Die Luft, deren Kühle bis ins eigene Blut vordringt. Wassergurgeln in Gräben. Es ist ein Anhauch, der intensiv nach Wiedergefundenem riecht, und jenes seltsame Erschrecken auslöst, das jedem unerwarteten Wiedererkennen immer um einen Herzschlag voran geht. So nah ist plötzlich alles, so greifbar, so transparent alle Geheimnisse, keine zwei Gedanken mehr entfernt, daß man schon jubelt, jetzt nur aufpassen, jetzt nur nichts versäumen, hellwach jetzt! Man bräuchte nur die Hand ausstrecken. Nur noch einen Schritt tun, einmal Luft holen, den Gedanken zu Ende denken.
Doch dann, noch ehe man richtig mitbekommen hat, was geschieht, schreit ein Häher; das Laub knistert, die Wasserflächen ziehen sich kräuselnd zusammen, und schon haben sich alle Zeichen des inaussichtgestellten Glücks schon wieder aufgelöst und sind so unwiderruflich verschwunden, daß nicht einmal die Inaussichtstellung selbst, sondern nur das Gefühl eines nunmehr endgültigen Verlustes zurückbleibt.

stille

heute morgen wieder laufen, in einem wunderbar dämmrigen, weißtröpfelnden zauberwald. keine tiere. die vögel wie eingeschüchtert vom schnee, die rehe ins herz der dunkelheit zurückgewandert. ich ließ die stirnlampe aus. so sah man besser den weg. zur zeit liegen überall holzstöße an den wegesrand gebaut, holz, das der letzte sturm geworfen hat. in der feuchtigkeit riecht es wie tabak und mais.
später ist der lärm der straßen wie ein schock. obwohl man es doch kennt, ist man fassungslos. wie ist das nach soviel stille nur möglich? wo kommen die alle her? weiß denn keiner außer mir, wie still es war im wald?
spätesten nach dusche und frühstück, wenn ich wieder auf dem fahhrrad sitze oder mich im menschengeschiebe in den zug drücke, ist es wieder normal.
als sei ich nie im wald gewesen. als gäbe es diesen wald gar nicht, dieses nasse schweigen.

morgens

die zeit der dunkelläufe geht zu ende. die vögel kündigen hellere frühstunden an, schon liegen dämmerungen voll rotkehlcheneinsamkeiten über schimmerndem stahl. am morgen, zwischen trübmond im westen und oxydblau im osten der erste der zaunkönige, und später, leuchtend aus dem dunklen gewirr von brombeeren, ahorn und kiefer, die unsichtbare amsel.
die beine haben das laufen nicht verlernt, doch sind sie schwer, winterschwer, träge von ruhetagen, fiebertagen. aber die lust ist wieder da, zum erstenmal nach wochen, die lust am entzücken, am atmen, am fluß der bewegung, die lust an erschöpftsein.
jeder morgen ein stückchen heller, eine vogelstimme mehr. bald kann die stirnlampe zu hause bleiben.

waldlauf

wieder morgens laufen: man gewöhnt sich daran, umschattet von wald, begleitet von gewölbten tiefen zu laufen, unter einem schieferfarbenen himmel, der sich nur mühsam von den Kronen der Bäume rechts und links des weges ablöst, durch dickicht, das geradewegs in die nacht, ins wasser, in nester führt, in lichtungen auskommt, wo hexenhäuser wachsen. beim ersten, beim zweiten mal war es noch so unheimlich, daß man den atem anhalten wollte. das knacken überall, das prasseln von eicheln, die immer nur in unmittelbarer nähe fallen, als lenke sie ein widerstrebender baumwille, das gefühl von schritten im rücken, kein eigentliches geräusch, eine sinnesunbegründete gewißheit: das ist wer! so daß man sich zwingen muß, nicht ständig erschrocken den kopf zu wenden. überhaupt das erschrecken. dieses zusammenschrumpfen aller sinne, der zeit selbst, des blutes: einmal, als ich es noch nicht kannte, das kalte glimmen zweier punkte vor mir über den weg, ein reflektorstreifen! huschte laulos zum wegrain, wo es, was immer es war, stehenblieb, und meine phantasie schlug purzelbäume, was macht ein walker mit reflektorstreifen am walkingsstock morgens um sechs am wegrain? warum bleibt der stehen? wartet er auf mich, um mir im passenden moment mit seinem reflektorwalkingstock eins überzuziehen? modernes raubrittertum? ausgebrochener anstaltsinsasse?
monate später erkannte ich, daß es eine katze gewesen war.

.