Mal was Schönes

 
Vier Eier hartkochen, abkühlen lassen. Das Eigelb mit etwas Öl und 200g Crème fraîche im Mixer glattrühren, mit Essig, Zucker, Salz und Pfeffer abschmecken. Eiweiß kleinhacken, daruntermischen.

Spargel in Salzwasser bißfest kochen, abschrecken. Sauce drübergießen. Dazu Salzkartoffeln und zur Begleitung einen gut gekühlten, nicht zu trockenen Müller-Thurgau.

Ich weiß manchmal gar nicht so genau, wogegen sich dieser flammende Zorn richtet. Ich knalle Türen, ich werfe mit Besteck um mich, ich pfeffere eine Zeitung an die Wand, ich brülle in den Backofen. Ist es der Nachbar, wenn der sich wieder mit seinem Diesel anschleicht und im Zentimetertempo in die Hofeinfahrt ruckelt? Ist es die Waschmaschine der Vermieter im Keller, die ihr Tatütata durchs Treppenhaus plärrt, mit dem sie anzuzeigen beabsichtigt, daß der Waschgang beendet sei? Ist es das Stocken des Cursors im Mailprogramm, weil dieses wieder mit Kram im Hintergrund beschäftigt ist, der im Moment keine Priorität für mich hat? Oder das Fähnchen in der Taskleiste, mit der mir mein Betriebssystem nervtötend hartnäckig zu verstehen gibt, daß Aktualisierungen verfügbar sind? Will ich das überhaupt wissen, unaufgefordert? Will ich das haben? Bin ich unterzuckert? Ist es die Hitze? Ist es die Stumpfheit der Menschen, die auf ihr orakelndes Schächtelchen starren und denken (wenn sie überhaupt denken), der Klimawandel gehe nur die Bewohner Bangladeschs was an? Ist es die Art, wie mein Bett knarzt oder mein Kessel pfeift? Bin ich es am Ende noch selbst, den ich einfach nicht mehr ertrage?
Oder ist es ganz allgemein, weil die Dinge sich behaupten und da sind und nicht daran denken, mir entgegenzukommen oder wenigstens schamvoll zugrunde zu gehen? Diese dumpfe Hartnäckigkeit in allem, diese Trägheit, mit der sich alles behauptet, dieser Widerstand, dieser Unwille, sich ändern oder wenigstens abschaffen zu lassen? Das quälende Nicht-voran-Kommen der Welt?
Ich möchte mehr Sex und mehr Text. Ich möchte mehr Wein und mehr Küsse und mehr Spargel und mehr verrückte Geschichten und mehr Symphonien und viel mehr trunkene Sonnenaufgänge. Ich möchte mehr Briefe und mehr Papier, ich möchte mehr Zeit und mehr Gedanken, mehr Luft, mehr atmen, mehr Horizont. Ich möchte mehr Wasser. Und tieferes. Und kälteres. Ich möchte mehr Schlaf und mehr Kerzen.
Ich möchte nicht noch mehr Aktualisierungen. Ich möchte nicht noch mehr Bahnhof. Ich möchte keine Kommunikation mehr, sondern nur noch Gespräche. Ich will keine Werbung mehr, nur noch Dichtung, wer das nicht kann oder mag, hat mir eh nichts Relevantes mitzuteilen. Lärm will ich nicht mehr und Massen nicht mehr (außer Massen von Wein und Spargel, und oh, Schinken natürlich). Ich will keine Naturschutzgebiete sondern Natur. Scheinzwänge will ich nicht mehr und nicht mehr gegängelt werden. Ich will nicht mehr nach meiner Paybackkarte gefragt werden, oder ob ich das Brot geschnitten haben will. Ich will keine Punkte sammeln. Ich will keine Supermärkte mehr, sondern einkaufen gehen. Ich will nicht noch mehr Autos, nicht noch mehr Straßen, nicht noch mehr Parkhäuser, und auch nicht mehr Wachstum, keine neue Bioformel, keine Zahnpasta mit Maxibrush-X-o-Dent-Plaquentferner, ich will keine Produkte sondern schöne Dinge, ich will weder Global- noch Digital- noch sonst welche -isierungen, und Fortschritt, Fortschritt will ich schon gar keinen.
Ich möchte meine Ruhe und ansonsten, daß mal endlich, endlich, endlich irgendwas gut wird, statt immer nur besser und besser.

Sinn und Verwirrung (2)

Beim Lesen von Unterleuten über Komplexität nachgedacht, über die Komplexität der Nichtlinearität. Es ist ähnlich wie bei City on Fire, das ich mit einem ähnlichen Unbehagen las. Das Staunen des Heimwerkers vor dem millimetergenauen Paßwerk eines Profis. Die winkelgetreue Abschrägung eines Pfostens, der später zu einem schrägen Dach passen muß. Es ist wie bei einem in sich verschlungenen Ornament, bei dem man genau dort, wo viel später einmal ein Strang den andern überlappen soll, beim Zeichnen eine Lücke eingeplant werden muß. Und nicht nur das: Wo sich die Stränge auch noch verknoten, verzwirnen, zugleich vor- und hintereinander verlaufen, ein Gewebe bilden, geplant, doch so, daß sich der geplante Eindruck von planlosem Durcheinander einstellt, einem Durcheinander, das am Ende in Ordnung zurückgeführt wird. Ich rätsele darüber, wie sich Linearität durchbrechen läßt. Ich finde keine Lösung. Henne und Ei: Man kann nirgendwo anfangen, ohne daß alles schon da ist.

(Man hat mir Nougat aus der Provence mitgebracht. Etwa zwanzig 1 x 0,5 x 0,5 cm messende Nougatquaderchen. Jedes Quaderchen einzeln in Plastik verpackt, das ganze von einem weiteren Plastiktütchen umhüllt und mit einem Plastikklämmerchen verschlossen.

Die EU, heißt es, plant ein Verbot von Ohrstäbchen aus Kunststoff.

Aber was weiß ich schon.)

(Der Nachbar hat auf seiner Terrasse eine Sitzvorrichtung mit einem Regenschutz überworfen, und das Ding steht so da, daß ich jetzt vom Bett aus exakt keine Sicht mehr auf den Himmel habe. Und die große, in der Mauerkrone wurzelnde Weide, deren drei Triebe zuletzt jeweils gut einen Meter lang geworden waren, ist weg, abgeschnitten bis zur Wurzel. Den Wurzelstock allerdings können sie nicht beseitigen, ohne die Mauer aufzubrechen, was mich mit grimmiger Genugtuung erfüllt. Der Stumpf treibt bestimmt wieder aus.)

Sinn und Verwirrung (1)

Als könnte man sich entäußern, wenn man schreibt. Oder malt. Oder Musik komponiert. Als würde man ein Stück von sich selbst erschaffen. In einem Vorgang der Selbstvergewisserung, in einem Vorgang des Überlebens, wie Atemholen. Nicht schaffen zu können ist das Zerfallen des Selbst, seine Ab-Schaffung, seine Auflösung in die Banalität der kontingenten Fakten. Schreiben ist ein Ankämpfen gegen das Selbstverständliche und Zufällige. Schreiben ist das Gegenteil von Achselzucken, es bedeutet, alles ernst zu nehmen, was ist und darüber hinaus noch mehr das, was nicht ist. Es bedeutet, eine Absicht in die Welt zu setzen. Kunst ist eben darum nicht kontingent, weil sie dem Faktum, dem, was sowieso schon ist, etwas entgegenzusetzen hat, das ihr selbst, aber nicht dem Faktum innewohnt, etwas, das nicht sowieso schon da ist: Sinn.

Keine Stirnlampe mehr nötig. Den Kaffee im Morgengrauen, das ARD-Nachkonzert spielt ein Stück von Händel, bis ich mit Zähneputzen und Umziehen fertig bin, ist es hell. Hell und kalt und grün, und die noch stillen Straßen münden fern in den schon anschwellenden Strom des Morgens. Die Bäume schweben über dunklem Spiegel, wie nächtliche Schwimmer, die sich gerade mit dem Handtuch durchs Haar gegangen sind.

Müde von Träumen, in denen, immer öfter in der letzten Zeit, eine Zukunft verhandelt wird wie in einem Nebenraum, wo Großmächte tagen. Ich habe nichts zu sagen, ich muß nicht einmal mehr die Kapitulation unterzeichnen.

Der Wald als Fluchtraum. Manchmal dauert es fünf Kilometer, bis ich wieder frei atmen kann, sich die Fäuste lösen, ich den imaginären Schlüsselbund, der mir in die Handfläche schneidet, in den hungrigen Farn fallen lasse.

Später die Sonne, hinter Wimpern, Spinnenweben und Schweiß. Im Gegenlicht die geduckten Wege. Am Rand der Ebene werfen die Hügel mit Wolken.

Was für die Lebensführung insgesamt gilt, muß in verschärfter Form fürs Schreiben (und für alle anderen Formen künstlerischen Ausdrucks) gelten. Für das originelle Kunstwerk gibt es keinen Maßstab, denn auf einem Maßstab sind nur die Einheiten des Bekannten verzeichnet, die Dimensionen einer Qualität, deren Voraussetzungen bereits etabliert sind, deren Erfüllung wiederum zwar handwerkliches Geschick, jedoch keine Kreativität erfordert. Wo aber kein Maßstab, da kein Maß: Kreativität ist das Maßlose, eine Landschaft, die erst durch die Epigonen kartographiert werden wird.

Das Narrativ des eigenen Lebens nicht unter den verfügbaren, ausgeprägten, vorgeformten Modeln zu finden, aus denen heraus es sich endlich verstehen, und mittels dieses Verständnisses auch artikulieren und weiterbilden ließe, indem es in die Form des Narrativs einfach (was keinesfalls immer einfach ist) hineinwüchse: Das ist der strengste Individualismus: das eigene Model erst erschaffen zu müssen. Strenger Individualismus bedeutet, sich nach keinem fremden Maß beurteilen lassen zu wollen. Und er bedeutet auch, sich nach keinem fremden Maß beurteilen lassen zu können. Im Grunde weiß der Individualist nie, wer er ist, bis er es gewesen ist.

DSGVO

Mich als nicht-kommerziellen, fremdgehosteten Blogger für die Datenerhebung meines Hosting-Services in die Verantwortung zu nehmen ist so, als wäre ich persönlich haftbar für die Brandschutzmängel in einem Haus, in dem ich eine Wohnung angemietet habe. Oder für die Mißachtung der Hygienevorschriften in einem Hotel, in dem ich eine Nacht verbringe. Und es ist so, als hätte ich die Pflicht, mich über eventuelle Brandschutzmängel oder Hygienenachlässigkeiten vorab zu informieren und entsprechende Gegenmaßnahmen einzuleiten, auch wenn sie jenseits meiner technischen Möglichkeiten liegen.

(Ich muß ja auch nicht persönlich für einen Datenleak bei meinem Internet-Provider geradestehen, nur weil ich dessen Dienste im Sinne des Vertrags für ein Telephonat genutzt habe. Aber vielleicht kommt das ja auch noch.)

Kühl ist es an diesem ersten Mai und gar nicht maiartig, eher so wie maiandachtartig. Die Wege strecken sich menschenleer, Wind ist das einzige Geräusch. Endlich. Der Wald hat den Lärm der Maifeiern, die elektrisch wabernden Musikschwaden, das Grölen Betrunkener, das schrille Lachen halbstarker Mädchen, so gründlich vergessen wie nie gehört, frischer Westwind streift über die Alleen, Böen mit Seegeschmack lassen die Bäume rauschen, und hinter dem Rauschen ist noch mehr Rauschen und noch mehr Rauschen, und dahinter ist nichts.

Das innere Reden und das äußere Schweigen. Du schweigst. Seit Wochen schweigst du, auch wenn es nur ein Tag gewesen ist, bislang. Also muß ich reden. Und das tu ich. Ich nehme kein Blatt vor den Mund. Ich beschimpfe dich und verleugne dich, ich überlade dich mit Vorwürfen und Anklagen, ich laufe durch den Wind und fuchtele mit den Händen, schneide Grenzen in die Luft, grenze mich ab von dir, grenze mich ab aus dieser Geschichte. Und fürchte mich. Und schäume vor Wut. In mein Leben bist du hereingeschneit, nun verschwindest du vielleicht wieder daraus, und beide Male habe ich nur zusehen können. Ich weiß, daß das nicht stimmt. aber es tut gut, es so zu sehen, es so auszusprechen und hinauszukeuchen, während ich übers Feld renne, während irgendwo wütende Gänse antworten, während zu Hause dein Schweigen hockt und auf mich wartet.

Zu gehen, denke ich, das wäre mein Part gewesen, das steht niemandem zu außer mir.

Und auch das ist falsch. Aber oh, wie herrlich der Ingrimm ist, mit dem ich das denke.

Überall Spuren der Waldarbeit, Stapel trocknender Baumstämme, die walzenförmigen Abdrücke von Traktorreifen, abgeschabte Rindenstücke. Aber keine Fahrzeuge weit und breit, heute ist ja Feiertag. Am niedrigen Gewölk hobelt immer wieder die Sonne, eine tote Hornisse leuchtet auf dem Weg wie die Scherben eines zertretenen Bonbons, die Pferdeäpfel frösteln in der Brise wie evakuierte Inseln. Wasserlassen am Wegesrand, Blick zur Rodung, Blick in Laubflächen, in verwickelte, komplizierte Ränder, die sich ineinander verhaken und verhäkeln, bis es ein Wald ist. Ich lausche nach dem Geräusch unerreichbar langsamen Grüns. Ich nehme meine Zeit in Besitz, denke ich. Hier bin ich zu Hause, hier kenne ich mich aus, hier kann ich beinahe verschwinden, bis ich mich selbst nicht mehr finde. Bis ich mich am eigenen Fuß hinter einem Holzstoß hervorziehen muß.

Kein Regen, in Fetzen gerissenes Licht, abgewetzte Ränder, die Luft hat eine körnige Substanz. Der Wind schmeckt nach Übermorgen. Im Unterholz rascheln Rehe. Alles wird wieder gut, denke ich, und ich denke, Zeit, wieder im Wald zu übernachten, und die Böen rauschen, und hinter Rauschen und Rauschen ist nichts.

Ein Lauf durch die Morgenfrühe nach nächtlichem Starkregen. Im Licht der Straßenlaterne sieht es aus, als wäre Schnee gefallen, so dicht ist der parkende Wagen der Nachbarin von Blütenblättern bedeckt. In der Wohnung die muffige Luft von gestern, draußen riecht der Morgen nach Marzipan und Zimt. Blau aufschießende Luft, die Uhren schlafen, in Gräben dämmert es naß. Himmelsdome lassen Türme fallen, in der aufziehenden Dämmerung lösen sich die Wolken aus dem Gerüst der Dunkelheit und stürzen hinab zu den Lichtern der Ebene. Eingebettet in die Masse der noch trägen Luft, wie Kerne in süßschwarzem Fruchtfleisch, die Rufe der Vögel.

Das Licht nur eine Ahnung, eine Schwebung in der Luft, ein Sog am Horizont hinter den in sich versunkenen Häuserzeilen. Die wenigen Fahrzeuge im Ort haben die Zielstrebigkeit von Boten, die schon mehr wissen.

Leuchtstreifen, die das Bewußtsein der Nacht durchkreuzen. Lebendiger Lack auf den stillen Kühlerhauben. Tulpen, deren Farbe Gedächtnisse sind, im innersten ruhend. Bögen von Baumwipfeln, als steindunkle Masse gegen den Himmel geschweift. Das Paradoxe dieser hellwachen Dunkelheit, in der nichts schläft, in der ich, meine Schritte, mein Leib, mein mühsam konstruiertes Bewußtsein, das schwächste, das unaufmerksamste Element bin.

Nichts an dieser Nachtwelt ist mühsam, nur ich bin es. Ein Wesen, das sich auflehnen muß, um überhaupt existieren zu können. Andauernder Gegenwind, Sog des Nichtseins, Hintergrund endgültigen Schlafes. Jeder Atemzug buchstäbliches Arbeiten gegen die Auslöschung. Und wie das Herz dagegen anpocht, nicht nicht zu sein. Ringsum, in den Büschen, den verschachtelten Dunkelheiten, den lauernden Wegen, den wachenden Baumstämmen ist alles gegeben und alles ohne Grund. Nur ich brauche einen Grund, hier zu sein, eine Begründung, oder vielleicht eine Entschuldigung für mein verbissenes Sein.

Plötzlich Sommer, schmachtende Pfützen, Mückendurst, auf dem Asphalt stehen die Falter in Flammen. Straff wie ein Segel der Himmel, die Sonne eine Walze, die das Feld plattdrückt. Schnapsidee, bei so einem Wetter laufen zu gehen, der halbe Liter Wasser, den ich dabeihabe, verdunstet mir gleich wieder über die gerötete Haut. Schatten sind kurz und kostbar, der Waldrand geizt mit ihnen.

Erde und Wind, verschüttetes Wasser und die fettlöslichen Farben der Rapspflanzen. Staub hängt sich ans Heck eines Traktors, Geruch aus der Kindheit, das Trockene von Ackergift, erstickend und bitter; jetzt löst es melancholische Heimatgefühle aus. Noch mehr Kindheit: Endlich fällt mir ein, woran mich der süßliche Duft des Rapses erinnert. Es sind die Wachsmalkreiden der Kinderzeit. Ein Geruch, der Schminke und Lippenstift benachbart ist. Letzteren deute ich immer als Mundgeruch. Zum Glück war ich nie in Versuchung, einen Lippenstiftmund zu küssen.

Einjähriges Silberblatt, Buschwindröschen, Scharbockskraut, Lerchensporn, Wiesenschaumkraut. Flieder. Kurz vorm Blühen: die Knoblauchsrauke. Vom Bergahorn fallen schon die Blüten ab.

Nach Hause kommen, im schwarzen Hausflur schwitzt das Auge minutenlang Farbe aus. Dicht gedrängt vorm Glas die Lamellen des Fensterladens. In der kühlsten Ecke liegen die Schuhe und hecheln, hecheln. Auf Nachbars Wiese schnarcht ein Rasenmäher.

[Beethoven, Klaviersonate Nr. 16, G-Dur]

Gesetzt, ich nähme mir vor, sämtliche Bücher, die ich in meinem Leben bis zum heutigen 16. April 2018 gelesen habe, in absteigender Reihenfolge noch einmal zu lesen, von meinen jüngsten Knausgård-Lektüren über Carrère, Stasiuk, Pinker, Ortheil, Fermor, Lindsay, Fontane, Macfarlane der letzten Zeit über Klein, Wallace, Lewitscharoff, Bolaño, Büscher, Hermann, Murakami, Sateli, Karystiani, Terzakis, Ransmayr, Sebald, Byatt und all die anderen der letzten Jahre, durch den Wust schließlich an Fach- und Studienliteratur, ferner Foster, Norfolk, Eco, Hardy, Kundera, Auster, Murdoch meiner Studienjahre und weiter hinunter, über die Mann-Phase bis zu den Science-Fiction-Romanen meiner Jugend (Lem, Strugatzki) und den Abenteuergeschichten (Blyton) der Kindheit – dann würde, wird man wohl annehmen dürfen, meine verbleibende Lebenszeit nicht mehr ausreichen, um es ganz bis zur ABC-Fibel hinunter zu schaffen.

Eine Stunde gewonnen, wieder in die Dunkelheit des Jahresanfangs zurückgelangt, mit Käuzchenrufen und den Schatten von Rehen, die ihre Augen übers Feld tragen wie Schulkinder die Katzenaugen am Schulranzen. Wieder scheint mir am Übungsgelände der Polizei ein Scheinwerfer entgegen, wieder brauche ich eine Schrecksekunde um zu begreifen, daß es meine Lampe ist, die sich in einer Glasfront spiegelt. Die Nacht verzweigt sich, Gänge gehen ab ins Unterholz, wo mich das Dunkel so früh noch nicht erwartet hat, immerhin eine ganze Stunde früher als im März.

Aber man gewöhnt sich. Schon nach ein paar Tagen ist fünf Uhr wieder fünf Uhr, auch wenn es eigentlich vier Uhr ist. Wie seltsam muß das den Tieren vorkommen, wenn der ganze Werktagszirkus plötzlich eine Stunde früher losgeht.

Zirkus: Kaum sind die Feiertage vorbei, setzte umgehend eine Geschäftigkeit ein, in der Geste des Nach- und Aufholens, als hätte man irgendwas versäumt, während nicht gearbeitet wurde, tausend Laptops, Kameras, Smartphones, Sommerschuhe, Handtaschen, Autos zu wenig ausgeliefert. Das muß umgehend aufgeholt werden, vorwärtsch Marsch! – Das höre ich dann morgens um kurz nach fünf oder vier, wenn die Reifen über die benachbarte Ortsdurchfahrt brausen.

Noch hat mich das alles nicht am Wickel, aber wer weiß, wie lange das noch geht? Am Feldrand stehen und den Rehen nachsehen, bis sich ihre Schatten in Schatten aufgelöst haben und nur noch die Vorstellung ihres wachsamen Blicks mich trifft. Zeit haben, den Tag zu empfangen wie ein persönliches Geschenk, und ist das nicht so, ist nicht jeder Tag mein eigener Tag, gehört er nicht mir und niemandem sonst? Wäre es nicht so, würde jemand anders ihn leben. Aber ich lebe ihn, also ist es meiner. Wie gut es die Rehe haben, daß ihnen das niemand streitig macht. Sie gehören niemandem. Selbst wenn man sie schießt und ißt, gehören sie niemandem. Sie sind so frei wie es Menschen nie sein werden, und je mehr Zirkus sie um ihre Freiheit machen, desto weniger sind sie’s.

Lampe aus, der Weg ist wach. Aus dem Wald schlüpfen und sich an der Grabenbruchkante entlanghangeln. Unten die Ebene, in der noch die Lichter brennen, funkelnd und wachsam, als gälte es, auch noch den Schlaf zu durchleuchten. Die einzige Freiheit des Menschen ist der Schlaf. Aber auch dem rückt man von allen Seiten zu Leibe. Eine aufrührerische Frechheit ist es zumal, daß man sollte träumen können, was immer man wollte.

Und ein Schleifen dröhnt heraus, ein Schleifen und Schleifen, als wäre eine gewaltige Maschine angesprungen, um das Rad der Zukunft immer weiter zu beschleunigen.

Drei Greifvögel, einander umkreisend: Mal werden sie so schmal, daß sie in den Falten des Lichts zu verschwinden scheinen, dann tauchen sie wieder auf aus dem Blau wie Messer aus einem Tuch. Unten branden die Äcker an den Himmel, treiben eine leere Viehtränke bis zum Horizont. Dort steht sie auf einem wackligen Schatten. Vertäute Inseln liegen im Fluß, die der Strom zu Tropfen aus Jade schleift. Man muß sehr still sein und warten, dann hört man, wie Gelächter abseits der Wege leise zerplatzt, gleich einem Bonbon unter der Zunge des trägen Nachmittags. Kühl von Schatten fallen unterdessen die Küsse durchs Laub, verschwiegen wie Fledermäuse, während ein bemoostes Mäuerchen den Grund für sein Grübeln längst vergessen hat. Eine Stunde zieht die andere empor, aufs Treppchen, auf den Pavillon, zu den Balustraden des Tags, der Strom macht Pause, die Hügel sind Linien, die beim Zeichnen einschliefen, du hast Butterblumen unterm Kinn, die Viehtränke ist umgefallen, und oben, ganz oben kreisen weiter die drei Vögel, beweglich und stationär wie Bojen in starker Strömung.

Sistig

„Hier“, rufe ich laut aus, „Genau hier!“, und stoße mit dem Zeigefinger mehrmals heftig auf einen Punkt auf der Wanderkarte, „Hier, verdammt.“
Ja, hier. Hier sollte ein Weg sein, aber da ist keiner, nicht einmal ein Wegchen, da ist nur Gegend. Und wieder einmal denke ich, daß die Karte ein Idealbild zeigt, hinter dem die spröde Wirklichkeit nur allzu oft in recht enttäuschender Weise zurückbleibt. Ein paar Zäune, die sich über eine Wiese ziehen; rechts ein Bachbett, da folgt die Wirklichkeit tatsächlich der Karte; etwas weiter weg Gestrüpp. Baumgruppen auf einem Hügel. Und jede Menge jener Weglosigkeit, für die es keine rechte Bezeichnung gibt, so eine Mischung aus Welk und Wüst, aus Dorn und Dickicht, Stein, Keim und Schlamm. Auch nicht das zugewachsene Überbleibsel eines seit Jahren nicht mehr benutzten Pfades ist zu sehen. Wenn es hier (hier!) mal so etwas wie einen Weg gegeben hat, dann muß das nicht Jahre, dann muß das Jahrzehnte her sein, nicht einmal die sonst für Wegmündungen typische Einbuchtung zeigt sich am Straßenrand. Gegenüber, richtig, da ist was, da führt ein Weg an einem Gehölzrand hoch, und laut Karte müßte dessen Verlängerung geradewegs … Ja, genau. Aber da ist nichts.
Ich sehe mich um. Oben auf dem Hügelkamm, den ich gerade herabkomme, kann ich die beiden Wanderinnen ausmachen, die ich vor einer halben Stunde an einem Parkplatz überholt habe. Wenn ich der Landstraße weiter folge, komme ich in den nächsten Ort, einen Weiler namens Sistig. Das wäre ein Umweg, und ich müßte durch den Ort laufen, was eigentlich immer unerfreulich ist, nicht nur bei Ortschaften, die Sistig heißen. Wenn ich zurückgehe bis zur letzten Kreuzung und dann einen Parallelweg nehme, latsche ich auf ausgetretenen Pfaden. Und dann mag ich heute niemandem begegnen und mich auf keinen Fall von den beiden überholten Frauen überholen lassen. Außerdem ist Umkehren Mist. Ganz großer Mist ist Umkehren. Nicht einmal die Wanderfreundin L., für die kein Plan der Welt unumstößliche Geltung hat, die ein wahrer Meister ist im Um-, Neu- und Andersplanen, – nicht einmal diese sonst so adaptive L. (das Wort flexibel ist geradezu für sie erfunden worden) geht ohne Not denselben Weg wieder zurück. Bei mir kommt zu diesem Unwillen, den ich vollends mit L. teile, noch hinzu, und hier unterscheiden wir uns diametral, daß ich gegen alles, was nicht nach dem einmal ausgeklügelten Plan läuft, eine vehemente Abneigung hege, wozu sich auch noch eine gewisse Halsstarrigkeit gesellt. In meinen Augen haben Landschaftsmerkmale wie Gehölze, Hecken, Wiesen, Felsen und eben auch Wege gefälligst ewig zu sein. Oder sich wenigstens an die Vorgaben der Karte zu halten. Wo kämen wir denn da hin, wenn die Landschaft einfach machte, was sie wollte? Wozu gibt’s Landschaftsämter? Ich werde stinksauer, wenn sich da was ändert im Gelände, wenn Bäume gefällt, Wiesen aufgeforstet, Hänge abgetragen, Ruderalflächen verbaut, Bäche gestaut oder umgeleitet, Seen trockengelegt werden. Oder eben Wege verschwinden. Und an diesem Tag ist das Maß ohnehin voll, denn das ist nun schon das dritte Mal, daß sich ein auf der Karte ausgewiesener Weg als veritable Wildnis entpuppt.
Das ist mir dann jedes mal, als würde mir der feste Grund unter den Wanderstiefeln weggezogen. Und in gewisser Weise stimmt das ja auch.
Die beiden Wanderinnen streben langsam den Hügel hinunter. In der Nähe jault eine Motorsäge. Über mir verlacht mich ein Eichelhäher.
Und da stehe ich nun mit meiner Säuernis. Umkehren kommt gar nicht in Frage. Ich knirsche mit den Zähnen, mache mit der Faust eine Geste des Unwillens – und sehe mich im nächsten Moment fluchend und gestikulierend einen uralten Zaun entlang mitten durchs Gelände stapfen, geradewegs hinein in Wüst und Welk. Und vor allem in Dickicht und Dorn.
Das wollen wir doch mal sehen!
Was wir sehen, zehn Minuten später, ist indes: Hier geht es nicht weiter. Denn zu dem ersten Zaun hat sich ein zweiter gesellt, und der läuft nicht längs, der läuft quer und versperrt mir den Weg. Ich klettere fluchend über den Stacheldraht und frage mich, was wohl andere Wanderkarten für diese Stelle ausweisen.
Bei späterer Befragung der einen oder anderen Karte jüngeren Datums ergibt sich: Auf allen ist der Weg, wie er in einem sanften Bogen immer etwa fünfzig Meter Abstand zum Bach haltend nach Norden zur nächsten Straße führt, als „unbefestigter Pfad“ eingezeichnet, und auch das Internet bestätigt seine Existenz – wenn auch die Satellitenaufnahmen keinen guten Wegzustand erkennen lassen. Bei gedruckten Karten könnte man zwar vermuten, daß jede neue Auflage die Geoinformationen aus der Vorgänger-Ausgabe übernimmt, da eine gründliche Neuvermessung viel zu teuer wäre. So kommt es auch, daß eine unweit von hier gelegene mehrere Hektar große waldfreie Fläche noch in Karten neueren Erscheinungsdatums als bewaldet dargestellt wird. Dabei läßt der Zustand der verbliebenen Stümpfe sowie die Höhe der nachgewachsenen Vegetation erkennen, daß der Einschlag viele Jahre her sein muß. Aber wie eine Internetkarte, die ihre Pflege fleißigen Nutzern und Geländegängern verdankt, mithin kaum mehr als Tage oder Monate, auf keinen Fall Jahrzehnte hinter der Aktualität zurückbleiben dürfte, hier noch einen Weg ausweisen kann, das ist mir ein Rätsel.
Während ich vor dichtem Schlehengestrüpp haltmache, umkehre, über zwei weitere Zäune klettere, bis zum Knöchel im Sumpf versinke, unter einem dritten Stacheldraht durchkrieche, begleitet mich der ungute Verdacht, daß vielleicht keine zwanzig Meter neben dieser vermatschten, versumpften, dornigen, zugewachsenen Weglosigkeit ein hübscher freundlicher Pfad entlangführt, den zu entdecken ich nur zu dämlich gewesen bin. Und mich verfolgt der Gedanke an den wütenden Bauern, dem ich gleich begegnen werde, und der mich anherrschen wird, was ich hier zu suchen habe. Den Weg, werde ich ungerührt erwidern, nehme ich mir vor, und ihm meine Karte unter die Kartoffelnase halten. Hier! Hier!!
Aber da ist gottlob kein Bauer. Nur Schlehen, Weiden und Brombeeren. Spuren von Rindviechern im Schlamm, das größte Rindvieh bist du selber, denke ich mir und gleite gleich noch einmal auf dem schlüpfrigen Grund aus. Einmal kracht es hinter mir von brechenden Zeigen und galoppierenden Hufen. Zu sehen ist nichts. Kein Rind, kein Reh. Nur Gebüsch, Gesträuch, Gestrüpp, das mit jedem weiteren Schritt mehr zusammenzurücken scheint. Ein gelbes Brombeerblatt streckt mir die kreiselnde Zunge raus. Ein Erdloch glotzt mich böse an. Ein Dorn zeigt auf mich, als würde er zielen. Und die ganze Zeit über das nervtötende Kreischen der Motorsäge.
Rüber zum Bach, rein in den Sumpf, wieder ein Stück trockenen Grund erreichen, vors Gebüsch, hinters Gebüsch, durchs Gebüsch hindurch, und einmal noch einen Stacheldraht überwinden, dann sehe ich voraus tatsächlich ein Stückchen Asphalt. Darauf schieben drei alte Herrschaften gemeinsam einen Rollator den Berg hinauf. Wo ein Rollator, da ein Weg, denkt man sich. Die Säge jault und jault, auf der Nachbarweide grasen Pferde, im letzten Moment wäre ich noch fast an einem fußangelartig ausgelegten Stück Draht hängengeblieben, gerade rechtzeitig hebe ich den Stiefel, stapfe mit Riesenschritten die letzten paar Meter und ziehe mich auf den Weg wie ein Schiffbrüchiger ans rettende Ufer. Die Herrschaften sehen argwöhnisch zu mir rüber, wo der wohl seinen Rollator gelassen hat, dann starten sie ihren eigenen neu und setzen ihren Weg fort. Ich sehe mich um: Vor mir ein Wegansatz, ein Wegstumpf aus Asphalt, der aussieht, als stochere jemand mit einem abgebrochenen Blindenstock im Feld. Vielleicht, ja vielleicht ist hier mal ein Durchkommen gewesen. Aber jetzt nicht mehr. Schon lange nicht mehr. So lange nicht mehr, daß es unbegreiflich ist, wie so etwas noch auf irgendeiner Karte, die jünger ist als ein Vierteljahrhundert, verzeichnet sein kann. Diese Karte ist eine einzige dreiste Behauptung. Ich packe das nutzlose Ding weg und stopfe mir ein Stück Schokolade in den Mund.
Dann trete ich mir seufzend die Erdklumpen von den Stiefeln, zupfe mir die Dornen aus der Jacke, rücke meine Mütze gerade, und nachdem ich dem Rollator noch mal zugewinkt habe, gehe ich meinerseits meiner Wege, entschlossen, fortan auf der Straße zu bleiben.
Immerhin mußte ich nicht nach Sistig rein.

Mitnotiert (26.3.2018, Heimerzheim–Brenig): einen Augenwinkel voll Huflattich; zwei Bachstelzen, so geschwind und unter den Augen wie ein Kartentrick; eine Lerche zieht sich an einer Drachenschnur aus Schall herauf; graubraunes Moos, rostende Benzinkanister gleich gestrandeten U-Booten, das schielende Auge von Wodkaflaschen, mehrfach überschriebene Dokumente von Plastiktüten, Fruchtgummiverpackungen, Kondombriefchen; Schilf und Binsen reiben die Finger gegeneinander, wo die Bauern ihre Schnurrbärte verloren haben; eine umgestürzte Weide treibt aus und streckt leuchtende Kätzchen über den schwarzen Waldboden, als begutachte eine eitle Frau ihre manikürten Nägel; Agrarwüsten bis zum Horizont, dort die finsteren Reihen von Waldrändern, gleich herannahenden Armeen; Leitern von Licht, Dunst und Staub über der Ebene, wo die Erde Verbindung zu Wolkenstationen aufnimmt, zu einem verlorenen Halt im Himmel.