Wie vergessener Schmuck in einer verschlossenen Schublade im dunkelsten Zimmer eines langsam verfallenden Hauses: so verstummen die Eulenrufe im Wald.

Mit schwarzen Schnäbeln hackt der Wind nach dem Schnee. Im Feld toben die Steine, wühlen sich durch den Acker, kratzen Narben in den Grund, jagen einander die höchstrangigen Stellen ab. Unter einem Himmel aus Eis schwimmt die Sonne im kahlen Pappelstrom davon.

Spuren und Nähte, Geflicktes und Wiederaufgebrochenes, aus den Wiesensäumen quillt die Füllung ans sumpfige Licht. Weiden knirschen mit den Zähnen. Schatten haben Schaum im Mundwinkel.

Wissenden Blicks wie Mumien kochen die Brombeeren Sonnenuntergänge ein in ihren hellen Grabkammern aus Wind.

Soll das nun heißen, Deutschland braucht den Islam? Oder, ohne den Islam würde Deutschland was fehlen? Oder, der Islam soll in Deutschland heimisch werden? Oder einfach konstatierend, daß er das bereits ist? Im letzten Fall müßte man sich nicht mehr das Maul verreißen, denn Behauptungen von Tatsachen lassen sich überprüfen, fertig.

Weiterhin: Was ist mit Deutschland überhaupt gemeint? Seine geographischen Grenzen? Seine Kultur und Sprache (aber welche Kultur ist das genau, und welche Dialekte, Soziolekte, Jargons und Slangs will man dazurechnen?) Oder ist Deutschland die Summe der Deutschen? Was es nicht leichter macht, denn was sind das überhaupt, die Deutschen?

Man könnte nun sagen, mit gehört zu ist gemeint, wie man landläufig sagt, Peter gehört doch auch mit zum Gartenverein, geäußert gegenüber Leuten, die Peter aus dem Verein raushaben wollen. Aber so einfach ist das nicht. Ein Nationalstaat ist kein Gartenverein, weswegen auch Gleichnisse der Art Die müssen sich hier wie Gäste benehmen barer Unsinn sind. Familien können Gäste haben, Freundeskreise, Vereine, Singgruppen können Gäste haben. Staaten können das nicht. Die Wortwahl zieht ungültige Parallelen und operiert im Großen mit Begriffen aus der Welt des Kleinen. Das kann nicht gutgehen.

Der Islam gehört nicht zu Deutschland. Das Christentum gehört nicht zu Deutschland. Die Anbetung des großen Spaghettimonsters gehört nicht zu Deutschland. Trekkies gehören nicht zu Deutschland. Helene-Fischer-Fans gehören nicht zu Deutschland. Ja, nicht einmal die Deutschen gehören zu Deutschland. Sie sind halt nunmal da. So wie Juden, Zeugen Jehovas, Buddhisten, Shintoisten, Sannyasin, Veganer und Ufologen einfach da sind.

Kurz gesagt: Der Satz: Der Islam gehört (nicht) zu Deutschland ist derart verkehrt, daß er nicht einmal falsch ist.

Statt über gehört zu und gehört nicht zu zu schwafeln, sollte man lieber einen Blick ins Grundgesetz werfen. Darin heißt es, Artikel 3, Absatz (3):

Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden. Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden.

Und weiter, Artikel 4, Absatz (2):

Die ungestörte Religionsausübung wird gewährleistet.

Und damit ist eigentlich schon alles gesagt.

Etwas anderes gehört sich nämlich nicht.

Eins der schwärzeren Szenarien für die Folgen der anthropogenen Erderwärmung ist einigen Experten zufolge, daß der Golfsstrom eines Tages versiegen und ganz Nord- und Mitteleuropa in ein Eiszeitalter gestürzt werden könnte.
Anderen Experten zufolge ist dieses Ereignis im Frühjahr 2018 bereits eingetreten.

Ich denke gerade, daß mich alles an Wirklichkeit, das sich nicht vollständig aus Büchern entnehmen läßt, im Grunde überfordert. Den unvermittelbaren, weil unbuchstabierbaren, Rest, den phantasiere ich mir lieber dazu, als ihn am eigenen Leib zu erfahren. Wenn Bücher schon gefährlich sind, wie sehr ist es erst die Realität?

Noch einmal zusammen aufwachen, zusammengefaßt von der späten Nacht zu einer einzigen schlaftrunkenen Seele. Das Dunkel weicht nicht von unter den Lidern, da kann man die Augen aufsperren wie man will. Es ist ein kostbarer Moment, und niemand weiß, wie lange er eigentlich dauert. Vielleicht dauert er auch gar nicht. Trotzdem erinnert man sich später daran. An den Schlafsproß, aus dem man hervorwuchs als zwei, an den noch fühlbaren Keim, fühlbar wie die Wärme in einer schon zurückgeschlagenen Decke, in dem man noch eines gewesen ist. Eben erst. Schon wach genug, um zu verstehen; nicht wach genug, um sich wieder zu verlieren. Wach genug, um zu wünschen, man wäre wieder da, woraus man sich gleich (ich mache das Radio aus, oder bist du es, die zuerst aus dem Bett sich wälzt? Wer greift nach der Brille? Wessen Hand ist es, die den Lichtschalter betätigt?) trennen muß. Wie schön war es, mich mit Deinen Lippen zu küssen. Das ist der Moment, wo Tastsinn und Ertastetes auseinanderfallen, wo Haut sich von Haut löst und einander vermißt, wo ein Faden ins Licht reißt, wo die Schlafblume sich selbst bestäubt –

– und erwacht. Einen Moment war es, als riefe der Schlaf uns zurück. Kaum wahrnehmbarer Vogelklang, der sich entfernt. Ein Tasten im Dunkel, zueinander hin. Doch in dieser Bewegung wird unser Zweisein als ihre Voraussetzung offenbar, und kaum daß das Radio angesprungen ist, fallen wir an der Saumnaht der Nacht auseinander. Ich kenne dich nicht mehr. Es sind nur meine Lippen, die die deinen küssen. Meine Hände halten, was von Fremd als Haut und Wärme nur zu ihnen strahlt. Das Radio dudelt. Im Haus geht eine Tür. Wie mühsam es ist, wieder zwei zu sein. Wie anstrengend, getrenntes Ich und Du zu sein, Hier und Dort, ein halbwaches Blinzeln mit einer halben Seele. Jedes mit seiner Hälfte aus Körper und Zeit, Zeit und Tag, Tag und Blick. Zwei, die sich getrennt zurechtfinden müssen, in Einzelheit auf dem Einzelnen von Dein und Mein. Unsere Träume, wir müssen sie einander wieder Wort für Wort buchstabieren. Was uns hielt, das trennt uns nun.

Und da springst du auch schon ins Bad, nackt, und nackt stehe ich am Herd und koche Kaffee, und beide Nacktheiten sind dort, wo sie sind, völlig fehl am Platz, sind roh wie Wurzeln, die man aus der Erde riß, und der Skandal, das ist dieser Morgen, dieses schamlose Auge, das uns so früh schon findet, unbeirrt.

Da habe ich neulich beim Buchhändler meines Vertrauens eine Gedichtsammlung eines obskuren spätmittelalterlichen Poeten per E-Mail zur Bestellung gegeben, auf dessen Namen ich auf einer Website gestoßen bin, deren Autor sich seit einiger Zeit mit der Übertragung der Gedichte besagten Dichters befaßt; ein paar Tage später bekomme ich zusammen mit der Auskunft, das Buch sei eingetroffen, den Hinweis, Herr Soundso, dessen Übersetzung eines großen Romans der abendländischen Literatur man auch im Sortiment habe, sei übrigens seit einiger Zeit mit Übersetzungen des namentlichen Dichters befaßt. – Und dazu schickt mir mein Buchhändler den Link eben der Seite, wo ich von dem Dichter zuallererst gelesen habe.
„Aber vermutlich wissen Sie das alles längst“, fügt mein Buchhändler in seiner Mail noch hinzu.

Die Welt ist klein, heißt es immer. Wenn das stimmt, dann sind bestimmte Bücherwelten ein Dorf.

Diggi

Morgens aufstehen müssen gehört ja generell nicht zu den beliebtesten Beschäftigung, selbst bei mir nicht, aber vom Wecker, na, nicht einfach nur geweckt, sondern durch die Nachrichten förmlich aus dem Bett geschubst zu werden, macht die Prozedur noch einmal unbeliebter. Gänzlich verhaßt wird die Sache aber durch eine moderne Masche des Radiosenders, die Nachrichten gern mal mit einem O-Tone beginnen zu lassen, als säßen wir hier im Kino. Da überschlägt sich dann etwa ein Sportreporter vor Begeisterung über die jüngste Goldmedaille im Teebeutelweitwurf; oder ein Herr Trump knödelt seine neueste Eingebung beim Stuhlgang in die Mikrophone; oder, so geschehen gestern, eine designierte Ministerin für Digitales verkündet in fränkischem Akzent, was die FDP schon beim letzten Wahlkampf sich nicht zu schade war als „Programm“ auszugeben: Digital first, Bedenken second.

Da kann man auch gleich im Bett bleiben, wenn man so etwas schon zu früher Stunde um die Ohren gehauen kriegt. Cui bono? Digitalisierung für wen? Ich höre schon wieder meinen Lieblingssatz im Hintergrund leise mitsummen: Um den Herausforderungen der Digitalisierung besser begegnen zu können … Da wird so getan, als sei die Digitalisierung eine Naturkatastrophe, die unaufhaltsam über uns hinwegrollen wird. Da kann man sich nur noch wappnen. Nix zu machen. Zieht euch warm an.

Die Digitalisierung, die Globalisierung und so manche andere -isierung, sie alle sind Menschenwerk und von Menschen gewollt. Nicht von mir. Von Ihnen vielleicht auch nicht. Aber von genau denen, die sich was davon versprechen. Und die Macht haben, es durchzusetzen. Und wie bei jeder -isierung sollte man auch bei der Digitalisierung ganz genau hinschauen und diejenigen identifizieren, die sich etwas davon versprechen – und auch klarstellen, was man sich dort davon verspricht. (Im allgemeinen ist das nicht schwierig: Geld und Macht, natürlich)

Es gäbe sicher eine Menge zu tun für Frau Bär. Zum Beispiel den flächendeckenden Ausbau eines schnellen Internets; oder die Einzementierung der Netzneutralität. Oder gesetzliche Vorgaben für einen strengen Datenschutz. Worauf es aber eher hinauslaufen wird, darüber kann man hier und hier zu ersten Vermutungen gelangen. Mir jedenfalls graut vor dem Tag, ab dem ich meine Behördengänge nur noch mit Smartphone erledigen kann.

Es ist ein Meisterstück der Suggestion, die Zukunft als etwas aussehen zu lassen, das nicht gestaltbar ist, etwas, auf das man nur noch reagieren, das aber niemand ändern oder in andere Bahnen lenken kann. Die Zukunft beginnt heute, und sie beginnt bei jedem einzelnen. Sie wird verwirklicht mit jeder Kaufentscheidung, mit jedem Suchbegriff, mit jedem Download, mit jedem Blick aufs Schächtelchen. Sie beginnt mit einer Frage:

Will ich das überhaupt? Sollte ich nicht einfach mal den Wecker aus dem Fenster werfen und ausschlafen?

Das Rad der Zeit nicht zurückdrehen, aber es nun selbst in die Hand nehmen, lese ich hier, und genau das scheint es mir zu sein.

Fensterkreuz

Im Traum in zwei Frauen verliebt gewesen. Den darin liegenden Zwiestreit als nur vermeintlichen Widerspruch entlarvt, indem ich die beiden Gefühle als ein einziges auffaßte und auch als ein einziges annahm, statt es nach der einen oder anderen Seite ebenso vermeintlich eindeutig machen zu wollen, wie es ja gar nicht zweideutig war, galt es doch in klarer Weise und völlig unzweideutig beiden Frauen (jeder für sich). Ein Gefühl, träumte ich weiter, ist ein Gefühl ist ein Gefühl; es kann nicht mit sich selbst in Widerspruch geraten; es kann nicht einmal zwei sein. Nur seine Deutungen können das, seine lebens- und liebespraktischen Konsequenzen.

Fensterkreuz

Fast vom Vogelgesang aufgeweckt worden; diesmal war es noch der Wecker, der dem Amselmännchen zuvorkam; morgen wird es vielleicht schon umgekehrt sein. Um sechs ist es jetzt schon dämmrig, setzt das Fensterkreuz ein Tageszeichen an die Wand. Seit Sonntag die dünne Decke; ein bißchen schade ist es um das Federbett, in dem die leichte Daune zu fühlbarer Schwere sich sammelt; doch solche Üppigkeit war schon während der Frostnächte zu warm. Winter, in denen man ohne Daune nicht mehr auskäme, die gibt es wohl endgültig nicht mehr.

Es sei denn, man schliefe im Zelt. Bei der letzten Übernachtung im Wald, Anfang November in der Hocheifel, kam nachts der Frost und raubte den Schlaf. Ich sehe ein, daß ich für zukünftige Winterwanderungen einen wärmeren Schlafsack brauche. Komfortbereich bis minus fünf Grad, das sollte es schon sein. In den Tallagen der Mittelgebirge kann schon mal recht schattig werden im Winter.

Neulich bei einem großen Supplier für Draußensachen in der CCAA Schlafsäcke befühlt. Glänzendes Polyester-Außenmaterial, Mumienform, man hat gleich die schummrige Enge im Innern von Expeditionszelten vor Augen, einen Reinhold oder einen Peter, während draußen der Orkan ums Lager VI kreischt. Von einem solchen Abenteuer, scheint es, trennen einen nur 400 Euro. In der gesteppten Hülle ein Nichts von Daune, man glaubt nicht, daß das wärmen soll, Grenzbereich bis minus 16, nunja, Grenzbereich, das bedeutet wohl, daß man nicht sofort erfriert, sondern erst nach ein paar Stunden. Zum Glück kommt jetzt erst mal der Sommer, sonst hätte ich mir das gute Stück wahrscheinlich gleich gekauft.

Eigentlich waren wir aber wegen einer ganz anderen Sache da. Der junge Mann plant nämlich eine Weltreise, und dazu braucht er Stock und Hut, oder vielmehr: Schuhe und Rucksack; und ein paar weitere Kleinigkeiten. Eine Hängematte hat er sich gekauft; und einen mit Holz zu befeuernden Kocher; weil: Holz gibt’s ja überall, aber Benzin nicht, von Gas zu schweigen. „Und wenn ich dann mal irgendwo im Urwald …“ – Der junge Mann ist in seinem ganzen Leben nicht über das IJsselmeer hinausgekommen. Den Plan, ohne Schlafsack loszuziehen hat ihm seine Mutter zum Glück vehement ausgeredet. Im übrigen lasse ich ihm seine Träume; er muß selbst herausfinden, was funktioniert und was nicht.

So ein Supplier von Draußensachen hat von jeher auf mich eine merkwürdige Faszination ausgeübt. Die stabilen Messer, der High-Tech-Zeltstoff, die Ultra-Lightweight-Kaffeekanne, die noch leichtere Isomatte, dazu Packleinen und -taschen, Rucksäcke für den Einsatz von Antarktika bis nach Labrador, Schlafsäcke, Stiefel, Zeltschlafanzug, Kocher, Anzünder, Schleifstein, Gaskartuschen, Buschmesser, Bananenschachteln, Stiefelwärmer, Funktionsschnürsenkel, Outdoorzahnbürsten und frostfeste Zahnpasta, Zecken-Repellent und Läusekamm, Klappspaten und Drainagefolie, Pinkelhilfe und Menstruationsbecher für Frauen, solar betriebene Rasierer für Männer, und das alles so leicht, daß man meint, die Einzelgewichte müßten sich ja zwangsläufig gegenseitig aufheben. Wenn man so ein Zelt aufgebaut sieht, in den gemütlichen Innenraum späht, das Päckchen zusammengefaltet in der Hand wiegt, dann denkt man sich wirklich, na, damit ist das Wandern und Draußenschlafen ein Kinderspiel. Mit so einem Zelt hast du doch quasi dein Wohnzimmer mit dabei. Und genau das ist der Plan: die Natur, die kalte, windige, klamme, regnerische oder brennend-heiße Natur, in der es von stechenden und saugenden Tieren nur so wimmelt, Schuhe nachts nicht richtig trocknen, Füße Blasen kriegen, Sand in Ohren, Nase und Poritze eindringt, Wind nachts im Kragen fingert, die Hände steif und die Füße eisig sind, und wo es im Zelt nicht nach feinem Damenparfum, sondern nach verschwitzten Wandersocken riecht – diese Natur ein für allemal so in den Griff zu kriegen, daß die Freuden des Wanderns (eindrucksvoll und durchaus verlockend dargestellt auf entsprechenden Werbeplakaten: ein einsames Zelt auf einer Klippe vor phänomenaler Weitsicht hinunter in ein menschenleeres Fjäll im Sonnenuntergang, davor leichtbekleidete, schöne Menschen mit Teebecher in der Hand, die aussehen, als wüßten sie gar nicht, wie frieren geht, während sich die Abendsonne in der leuchtenden Augen spiegelt und das Zelt Abenteuer ganz anderer Art verheißt, für die es auf dem Fjäll weit und breit keine Zeugen gibt) – daß solche Freuden des Wanderns ein für allemal ohne die Mißlichkeiten wie stinkende Unterwäsche, Nässe und schlaflose Kälte zu haben sind. Das ist das Versprechen. Das andere Versprechen, und damit machen Handelsketten wie die in der CCAA ihr eigentliches Geld, ist an all die gerichtet, die ihre himalayataugliche wind- und wasserdichte Ultraproof-Daunenjacke mit dem neuen QZX-1-breathable-active-System (von 1500 auf 900 heruntergesetzt, ein Schnäppchen!) für nicht mehr als den Gassigang mit dem Zwergpinscher brauchen. Das Versprechen lautet: Mit dieser wasserdichten Ultraproof-Daunenjacke mit dem neuen QZX-1-breathable-active-System bist auch du, Helmut Wackenröder aus der Rechnungsabteilung, und du Erna Schümpel-Lindholz aus der Abteilung Einkauf, ein Abenteurer. Und sei’s auch nur für die Strecke bis zum Zigarettenautomaten.

Während der junge Mann Rucksäcke ausprobiert und sich von der Fachkraft beraten läßt, erlaube ich mir einen Moment der Reflexion und versetze mich in seine Lage. Ich versuche, mir vorzustellen, wie das jetzt wäre, mir eine solche Reise vorgenommen zu haben, und fühle eine immense Erleichterung darüber, daß ich das nicht mehr muß: Abenteuer bestehen. Fast habe ich Mitleid mit dem jungen Mann. Was für eine Last, jung zu sein! Wohl weiß ich, daß sich das einmal anders anfühlte, aber ich weiß es nur im Kopf, nicht mit dem Herzen. Ich kann die Erregung nicht mehr nachfühlen, kann mich an die Gewißheit eigener Stärke nicht mehr erinnern, und auch nicht an die Freude, die darin lag, aufzubrechen. Nur die Angst, nicht zu wissen, wo man am nächsten Tag schlafen wird, die ist präsent, die weiß ich noch, und nichts könnte weniger verlockend sein.„Bloß keine Herausforderungen!“ ist mir neulich am Telephon herausgeplatzt, und über meine eigene Heftigkeit habe ich selber gestaunt.

Meine Abenteuer finden auf dem Schreibtisch statt, das ist mir Herausforderung genug. Und mit diesem Stichwort wälze ich mich endlich aus dem Bett, es ist doch schon hell!, setze den Wasserkessel aufs Feuer und schalte den Rechner an. An die Arbeit, an die Arbeit, weiter im Text!

Im Märzen der Holzfäller …

Und tatsächlich! Flutlicht auf dem Weg, ein unbewegliches Scheinwerferpaar, irgendwo in nicht zu bestimmender Entfernung auf dem dämmrigen Waldweg. Ein drittes Licht schwebt über den zweien, schwankt, erlischt, leuchtet wieder auf. Natürlich, ein Holzernter. Was sonst. Das mußte ja einmal passieren. Nun, nach wochenlangen Ausweichmanövern durch den angstvoll nach Maschinengeräuschen abgelauschten Wald, ist es nun endlich soweit, und ich gerate mitten hinein. Was hab ich es satt! Zerpflügte Wege, Lichtspektakel, Gejaule von Motorsägen, Gerassel von Kettenfahrzeugen, große Areale Walds niedergemäht, manche Orte bis zur Unkenntlichkeit zerbombt, zersägt, versumpft, verschandelt. Seit Oktober geht das jetzt so. Das ist kein Wald, das ist eine Fabrik.

Natürlich stoßen hier komplett inkompatible Auffassungen, was ein Wald sei und welchem Zweck (oder ob überhaupt einem) er diene, aufeinander. Für mich ist der Wald ein Refugium, eine Oase des Normalen und Natürlichen in einer Wüste des Uneigentlichen, ein Stück Heimat inmitten von Entfremdung. Was ich von ihm verstehen kann, will ich verstehen, seine Geheimnisse wünsche ich mir unangetastet von mir oder anderen. Seine Stille tut mir gut, seine Räume, sein großer, ruhiger Atem beschwichtigen mich. Wälder waren immer da, ob ich sie aufsuchte, an sie dachte, mich nach ihnen sehnte, oder nicht. Von frühester Kindheit an bin ich im Wald gewesen. Ich habe vom Wald gegessen, ich habe im Wald geschlafen, ich habe im Wald geliebt. Ich weiß nur sehr wenig über den Wald, aber das wenige genügt mir. Mir genügt, daß sich der Wald selbst genügt. Er braucht mich nicht, und das ist gut.
Für sie aber, die hier Holz ernten, ist der Wald etwas ganz anderes, nämlich eine Plantage, eine Investition, eine Fabrik, ein Wirtschaftsfaktor.

„Um den Herausforderungen des Klimawandels zu begegnen …“, lese ich in einer Broschüre, die von den Forstämtern NRW herausgegeben wird und dazu ersonnen wurde, mir und anderen besorgten Spaziergängern den Holzeinschlag schmackhaft zu machen. Die Antwort, die mir bei solchen und ähnlichen Sätzen in immer gleicher Form auf die Zunge springt ist: Ach, und warum gibt es den Klimawandel? In meinen Augen ist der Klimawandel keine gute Begründung für irgendwas. Er ist eine Folge von Mißständen, die ihrerseits angeprangert und schnellstmöglich ausgemerzt werden müssen. Schon die Wortwahl nervt. Der Klimawandel – oder, um es beim Namen zu nennen, die anthropogene Erderwärmung – ist alles mögliche, nur gewiß eins nicht: eine Herausforderung. Herausforderungen gibt’s beim Sport. Die anthropogene Erderwärmung aber ist eine Katastrophe. Und mit Umstellung aufs Heizen mit Holzpellets, das sich allerorten wachsender Beliebtheit erfreut und eine Hauptursache für den vermehrten Holzeinschlag darstellen dürfte, ist diese Katastrophe gewiß nicht abzuwenden.

Leider habe ich viele Minuten, bis ich die Lichtquelle erreiche, Minuten, in denen mir durch den Kopf geht, was ich den Arbeitern an den Kopf werfen werde, Lassen Sie den Wald in Ruhe, Hauen Sie ab, Ich hab’s Oberkante Unterlippe mit dem Scheiß, Sind Sie mal langsam fertig? Der Wald ist nicht für Sie da, Gehen Sie woanders spielen. Natürlich werde ich von alledem nicht eine einzige Silbe äußern. Ich werde an dem Fahrzeug vorbeischleichen, ducken, schlucken, schlucken, wie ich noch immer alles geschluckt habe. Na bitte, geht doch.

Ein Kran, der vier Baumstämme auf einmal packen kann, schwebt bedrohlich in der Höhe, schwankt ruckartig, entläßt die Stämme mit Gepolter auf die Ladefläche des zwanzig Meter langen Schwerlasters. Eine einsame Person steht an einem Schaltpult, vertieft in die schwarze Magie der grollenden und heulenden Maschine. Den Rücken zu mir, den Blick zur nächsten Ladung erhoben, die gerade in die Höhe schwebt, sieht er mich nicht, sieht er nichts außer Hebeln, Stämmen, Stahlkrallen. Und hinter den Krallen, hinter dem schwebenden Licht, Dunkelheit. Und irgendwo da in der Dunkelheit, ein Läufer. Ich. Niemand paßt auf, niemand warnt vor Passanten. Was ist, wenn die Kralle nicht ordentlich zugepackt hat und ein Stamm herausrutscht? Mir auf den Schädel, in die Rippen, aufs Bein? Innerlich kochend, mache ich einen großen Umweg durch Unterholz. Der Laster füllt den Waldweg in voller Breite aus, da ist kein Vorbeikommen. Ich muß über den Böschungsgraben, durch Strauchwerk, über den Graben zurück auf den Weg. Wahrscheinlich hat mich niemand auch nur bemerkt. Geschweige denn auf mich aufgepaßt.

Diese Ernteungeheuer sind mir Symbol für gleich mehrere Mißstände der schönen neuen Welt, bespielen mehr als nur einen einzelnen neuralgischen Punkt, vereinen gleich mehrere Ärgernisse in sich. Da wäre zum einen: motorisierte Fahrzeuge, gleich welcher Art, sind mir ein Greuel. Zum zweiten: motorisierte Fahrzeuge im Wald sind mir erst recht ein Greuel. Weiter: durch Fahr- und insbesondere fahrbare Arbeitszeuge gehen die Wege kaputt, bis man nicht einmal mehr darauf stehen mag. Weiter: unsere Wälder sind zu bloßen Holzplantagen verkommen. Es gibt keine Natur mehr. Die sogenannte Natur ist eingezäunt, unter Schutz gestellt, als Streichelzoo isoliert; oder sie ist bewirtschaftet. gegängelt, gezähmt, diszipliniert, auf Ertrag gezüchtet. Nicht jede Ansammlung von Bäumen ist schon ein Wald. Mein Laufrevier ist ganz gewiß keiner. Schon seit Jahrhunderten nicht mehr. Mich macht das traurig und wütend.

Denn: das alles ist kein isoliertes Phänomen. Alles hängt mit allem zusammen. Daß ich nachher meine Lebenszeit verkaufen muß, um essen zu können, daß die Städte unbewohnbare, aber dafür befahrbare Werbeprospekte sind, daß der DHL-Bote von seinem sogenannten Mindestlohn nicht leben kann, daß Menschen viel Geld für eine zerrissene Jeans ausgeben, während anderswo Arbeiterinnen für ein paar Cent pro Stunde in 10-Stunden-Schichten sechs Tage die Woche Löcher in Jeans schneiden, daß Neukaufen billiger ist als Reparatur, daß Banken gerettet und Obdachlose ihrem Schicksal überlassen werden, daß es Plastikmüllberge und Massentierhaltung aber keine Milchmänner mehr gibt, daß die Wandertaube ausgerottet und das Payback-System erfunden wurde – das alles und noch viel, viel mehr hängt auch mit diesem verabscheuungswürdigen, Bäume fressenden, grollenden und stinkenden Ungeheuer zusammen, das ich jetzt endlich hinter mir lasse, während ich meine Runde beschließe.

Unbeeindruckt von all dem geht die Sonne auf.

[Turdus philomelos, Fringilla coelebs, Dendrocopos maior]

Misanthropisches Gebrabbel vom 28. Februar 2018

Man muß sich nur einmal vorstellen, es hätte anstelle des Rauchverbots in Gaststätten und öffentlichen Gebäuden eine blaue Plakette für schadstoffarme Zigaretten gegeben: Und schon geht einem die ganze Absurdität in all ihrer Pracht auf.

Schon jetzt haben wir eine Plakette an der Windschutzscheibe. Hat sich dadurch was geändert? Na sicher doch! Eine unvermindert große Anzahl von Fahrzeugen quält die Innenstädte – nur jetzt mit Grün verziert. Was also würde die blaue Plakette bringen? Die Fahrzeuge, die jetzt für miese Luft sorgen, würden das in Zukunft weiterhin tun, nur eben unter dem Schutz einer blauen Plakette.

Es gibt kein sauberes Auto, vergessen Sie das.

Man könnte manchmal Schaum vor dem Mund kriegen. Als selbst ein harter 12-km-Lauf mein Mütchen nicht zu kühlen verstand, einer liebe Freundin geschrieben, sie möge mich doch bitte mal von der Nummer runterholen, das sei ja schrecklich. Es gibt Tage, da kann mich ein zu lautes Zeitungsgeraschel in der Straßenbahnauf Mordgedanken bringen. Gestern waren es die knurpsenden Kaugeräusche einer Mitpassagierin in einem zwanzig Minuten verspäteten Zug, letzteres ein Umstand, der auch nicht eben zur Aufheiterung beitrug. Sie finden das misanthropisch? Da sollten Sie mich mal erleben, wenn ich richtig schlechte Laune habe.

Ausgebremst, denke ich und fluche in meinen Mantelkragen, ausgebremst. Es ist dieses ständige Auf-Hindernisse-Knallen. Von Dingen, die kaputt gehen, über Geräte, die noch nie wirklich funktioniert haben, über menschliche Schlamperei bis hin zu dem Irrwitz, wie er täglich in den Nachrichten manifest wird. Kaum glaubt man, die innere Ruhe endlich errungen zu haben, trötet einen der nächste dämliche Satz in irgendeinem Nachrichtensender nieder. Oder eine Verspätungsdurchsage der DB, was inhaltlich kaum besser, sprachlich und intonatorisch jedoch viel schlechter ist. Information zu? RB. 48! Von? Wuppertal-Vohlwinkel. Nach? Köln Hbf. Planmäßige Abfahrt? 12:28. Heute zirka fünf Minuten später? Woher soll ich das wissen, das sollten Sie mir sagen! Das Rauchen ist nur in den gekennzeichneten Raucherbereichen gestattet. Achso, in den anderen Raucherbereichen ist es also verboten?

Über solche Schludrigkeiten (laßt die Durchsagen bitte von einem Schauspieler oder einer Schauspielerin einsprechen, liebe Verantwortliche bei der DB!) können mich für Minuten aus meiner mühsam errungenen Konzentration kegeln. Ganz zu schweigen von dem in letzter Zeit überhandnehmenden Gequatsche im Zug. Durchsage folgt auf Durchsage. Der eine Bahnhof wird ab-, der nächste angesagt. Ferner wird wiederholt darauf hingewiesen, in welchem Zug man sitzt, wohin der fährt, woher er kommt, und auf welcher Seite (in Fahrtrichtung) man aus dem Zug fallen kann, wenn man das möchte. Dann wird vor der Videoüberwachungsanlage gewarnt, dann davor, daß die Trittstufen nicht ausgefahren werden, und zu guter letzt soll man beim Aussteigen bitte an sein Gepäck denken. Würde man ja gern. Wenn einen nur die ständigen Durchsagen nicht so konfus machten. (Wie wäre es noch mit Durchsagen zu Sehenswürdigkeiten auf der Strecke? Verehrte Fahrgäste, soeben fahren wir über die Hohenzollernbrücke. Die große, schwarze Kirche in Fahrtrichtung links ist der Kölner Dom. In Fahrt- wie in Gegenfahrtrichtung liegt unter uns der Rhein. Ausstieg bitte in Fahrtrichtung links. Denken Sie beim Aussteigen bitte daran, Ihre persönlichen Gegenstände mitzunehmen. Vielen Dank!

Zuviel Gequatsche in der Welt. Ist es beim Gulliver, wo ein Land beschrieben wird, in dem ein weiser König einmal die Sprache abschaffen wollte und anordnete, statt mit Wörtern auf die Dinge, sollten die Leute die Dinge selbst zeigen? In der damaligen Deutschstunde sagte ein sehr kluges Mädchen, vielleicht würde man sich in einem solchen Königreich besser überlegen, was man sagt und ob es überhaupt wichtig genug ist, es zu sagen. Von dieser jungen Frau, fällt mir eben ein, habe ich heute nacht geträumt. Ich sah sie nur; sagen wollte sie nichts, nicht einmal in meinem Traum.

Denk an was Schönes, riet die Freundin übrigens. Das tue ich. An was, wird hier nicht verraten.

[Antonín Dvořák, Slawische Tänze]

Fensterkreuz, 28. Februar 2018

Der Tag beginnt mit dem Brausen von Autoreifen, dem Jaulen von Zweitaktern. Meeresrauschen, an- und abschwellend, ein Stadt- und Stahlmeer. Der Schlaf geht fehl, schon wach, erwarte ich den Wecker.

Träume von ehemaligen Freundinnen. C., bist du es? Ich besuche sie in ihrem Haus, das sie mit dem neuen Mann bewohnt, jetzt schon viele Jahre. Man hat dort umbauen wollen, eine Zimmerdecke anheben, eine Zwischendecke entfernen, darüber war man sich uneins, der Mann (das alles erzählt mir C., oder ich weiß es von früher, sozusagen von einem im Wachzustand nicht mehr greifbaren, nur vom Traum her wieder zugänglichen Traum), der Mann also (ein merkwürdiger Wiedergänger eines ganz anderen Partners, einer anderen Bekannten) habe diesen Plan gehabt, C. einen anderen, C. sei skeptisch gewesen, funktioniert hat dann nicht das Vorhaben des Mannes, die Schwierigkeiten, von C. vorausgesehen, seien zu groß gewesen. Ich bin also in diesem Haus, und irgendwie trage ich eine Schuld, müßte jemand schlecht auf mich zu sprechen sein, falle ich zur Last, und das Gespräch, das Inspizieren des renovierten Raums, hilft darüber hinweg. Vielleicht sollte ich dem anderen Mann nicht begegnen. Zuletzt schneide ich eine Tube mit weißer Farbe oder Holzleim auf und bekomme etwas davon in den Mund. Es schmeckt nicht unangenehm, aber ich weiß, daß das giftig oder unverträglich ist, also bemühe ich mich, es auszuspucken. Irgendwie führt das weiter in eine andere Situation, wo ich eine Mahlzeit zubereite und Möhren in Ringe schneide, zu spät merke ich, daß die Möhren innen einen grünschimmeligen, pelzigen Kern haben, ringförmig von gesundem Gewebe umgeben, zu viele Möhrenstücke sind schon in der Suppe gelandet, um sie einzeln herausfischen zu können. Der Schimmel riecht nicht unangenehm, aber ich habe Zweifel, ob man das essen sollte. Große Frustration und Ungeduld angesichts der Aussicht, alles wegschütten zu müssen. Damit in keinem Zusammenhang stehend Gefahr, die von einer Frau ausging, von der nur bekannt war, daß sie ein Attentat plane und auf einem verödeten Bauernhof gesehen worden sei. Und dann ging es noch um einen Hund, mit dem Wortlaut: … um das Leiden bis zum Einschläferungstermin möglichst gering zu halten … Der Einschläferungstermin, so schien es im Traum, lag aber wohl noch wegen hoher Anmeldezahlen in weiter Ferne. – Mich gruselt es, wenn ich dabei an menschliche Zukünfte denke, die vielleicht in weniger großer Ferne liegen, als uns allen lieb sein kann.

Dann die Nachrichten, und auch die aus den Meldungen wenn nicht erschließ- so doch erahnbaren Zukünfte verheißen wenig Gutes, bzw. lassen den Hörer, den unausgeschlafenen Hörer zumal, am menschlichen Verstand zweifeln. (Als ob man an den noch geglaubt hätte.) Man ist auf den Mond geflogen, man läßt Lego-Autos über den Mars rollen, man setzt eine Sonde auf dem Titan auf und plant eine Tauchfahrt in den subglazialen Ozean auf Europa – allein, in der sublunaren Welt, vulgo hier auf Erden eine Infrastruktur zu bauen, in der man ohne Autos leben, arbeiten und wirtschaften kann, nein, das kriegen wir nicht hin, das scheint zu schwierig zu sein. Lieber streitet man sich über Abgaswerte. Als ob die – egal ob gefälscht oder echt – der Kern des Problems wären! Die einen fordern Aufrüstung der alten Dieselmotoren, die anderen, und jetzt kommt’s: eine Investition in modernere Fahrzeuge. Ich höre die nächste Abwrackprämie schon von ferne klingeln. Was aber ist der Kern des Problems? Die Automobilität an sich. Das Auto muß weg. Wir sollten lieber schauen, wie wir das hinkriegen, statt uns um blaue Plaketten zu kloppen. Da könnte man sich auch über Schadstoffgrenzwerte in Zigarettenrauch streiten, es wäre nicht weniger albern. Pünktlich zu den Nachrichten bekomme ich über Campact die allfällige Unterschriftenaktion unterbreitet, worum geht es? Die Nachrüstung von Dieselfahrzeugen darf nicht zu Lasten der Allgemeinheit (des Steuerzahlers) gehen! Prinzipiell bin ich damit einverstanden; nur kleben an dieser Forderung unausgesprochen so viele falsche Prämissen, allen voran die, daß diejenigen, die sich überhaupt ein Auto zulegen, keine Schuld an mieser Stadtluft treffe, daß ich diesmal von einer Unterzeichnung absehe. Unterzeichnen würde ich Appelle für die Aufwertung innerstädtischen Lebens durch Grünanlagen und autobefreite Zonen; für die flächendeckende Versorgung mit Geschäften; für die Abschaffung von Einkaufszentren auf der grünen Wiese; für den Ankauf von öffentlichen Gebäuden durch die Gemeinden sowie deren kostengünstige Vermietung an kleine Einzelhändler; unterzeichnen würde ich sofort für eine Einführung einer drastischen Umweltsteuer für Fahrzeughalter; für ein Tempolimit; für eine ordentliche Besteuerung von Flugbenzin; für einen flächendeckenden Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs. Das wären Maßnahmen für saubere Luft in den Städten, die langfristig wirksam wären, vom besseren Leben ganz zu schweigen.

Meine Antwort auf den Irrsinn? Irrelevante Texte auf relevanten Quark werfen. Anflüstern gegen einen ohrenbetäubenden Lärm.

[Johann Joachim Quantz, Trio c-Moll für zwei Flöten & BC]

Fensterkreuz

Eine halbe Stunde, bevor das Fensterkreuz sich vorm Himmel abzuzeichnen beginnt, klingelt der Wecker. Im Traum habe ich eine fremde Sprache gesprochen. Die Sprache der Stadt-am-Ende-des-Jahrtausends, was eine Weile nachklingt. Ich weiß nicht mehr, was ich gesagt habe, aber ich weiß, daß es stammelnd war, im tastenden Sprechmodus eines, der ein geliebtes Idiom durch langen Nichtgebrauch beinahe vergessen hat und erkennen muß, daß ihn die Geliebte ihrerseits im Stich läßt.

Ich würde am liebsten liegenbleiben, aber die Pläne sprechen dagegen. Was für Pläne? Und ist nicht jeder Plan eitel? Was wird sein, wenn die Pläne alle zum Ziel geführt haben werden? Nichts wird sein. Außer neuen Plänen. Und den letzten Plan läßt man unvollendet zurück. Und von den vollendeten hat man auch nichts mehr. Ich habe jetzt schon nichts von den vollendeten Plänen. Sie sind vergessen, kaum, daß sie verwirklicht sind.
Erfolg und Stolz, so leicht vergessen wie das geliebte Idiom. Du weißt vielleicht zu siegen, dich am Sieg zu freuen verstehst du nicht.
Oder man verzichtete auf jeden Stolz. Wie aber sollte man dichten, ohne stolz zu sein?

Beine anwinkeln, rechte Hand auf der Stirn, linke zwischen die Knie geklemmt, seufze ich behaglich. Nur noch ein bißchen liegenbleiben und das geliebte Idiom praktizieren. Nur noch ein bißchen Netze auswerfen und Spiegel fangen, nur noch ein bißchen. Und dann geht der Wecker. Und ich fordere mir Worte ab, Worte und Worte, denen ich, die mir, immer fremder werden.
Ich wünsche mir einen Pelz aus Wäldern und den Gedächtnisschwund des Mooses. Wie ein Stein mit dem Gesicht nach unten im Waldboden liegen und durch die Erde Wolken atmen.
Arbeit, Arbeit. Fremde Leben in einem Text, was bindet mich an sie? Wer sind diese Personen überhaupt, was wollen sie von mir? (Nichts; ich will etwas von ihnen.) Im Fensterkreuz graut es farblos. Der Mond ist verschwunden wie eine Brille in einem schimmernden Etui. Allenfalls zu ahnen: die Kurzsichtigkeit der Kirchturmuhr.

Einer wie der andere reihen sich die Tage. Warum müssen Tage Namen haben? Es wäre besser, sie hätten keinen. Ungerahmte Bilder. Ungeschliffene Edelsteine. Quellwasser ohne Fassung.
Dieser heißt Diens, und ist wieder einer von diesen Tagen, gleich welchen Namens, die mich absolut nichts angehen.

(Mysliveček, Sinfonie A-Dur.)

Arme Poeten

Vor kurzem über Baudelaire gelesen, er habe in einer Zeit gelebt, die für einen wie ihn keine Verwendung hatte. Einen Moment lang tröstet mich das: So einer bin ich doch auch? Siehstemal, und trotzdem oder gerade deswegen war Baudelaires Leben bedeutungsvoll; wir beurteilen ihn von einer Warte höherer Gerechtigkeit und celebrieren seinen Nachruhm mit Genugtuung. Dann sei, sage ich zu mir selbst, stolz darauf, daß deine Zeit mit dir auch nichts anzufangen weiß: Wage, dich mit derselben höheren Gerechtigkeit zu rechtfertigen, die du auf jenen armen Poeten angewandt siehst und vor der seine brüchige Existenz doch noch Gnade fand: Kannst du dir nicht eine solche Gnade schon als Vorschuß auf deinen Post-Mortem-Nachruhm selbst auch leisten?
Für einen Moment ist das ein guter Gedanke. Nur: Ich bin nicht Baudelaire. Auf Nachruhm darf ich nicht hoffen, geschweige denn, mir darauf einen Vorschuß zu genehmigen. Und die Gerechtigkeit, die wir dem Dichter angedeihen lassen, folgt auf einer höheren (der höheren Gerechtigkeit angemessenen) Ebene doch wieder dem Leistungs- und Brauchbarkeitsprinzip. Wir decken nur einen Irrtum auf. Weit gefehlt, wenn wir annähmen, wir schätzten Baudelaire jetzt für seine Unbrauchbarkeit. Wir weisen nur nach, daß er eben doch brauchbar war. Nicht für das, was er nicht war (ein braver Bürger, brauchbarer Mitläufer und fleißiger Konsument), loben wir ihn heute, sondern eben doch nur für das, was er war: ein genialer Dichter. Seine übrige Unbrauchbarkeit für die bürgerliche Gesellschaft verzeiht man ihm ja nur, weil er dichten konnte, nicht weil sie an sich selbst einen Wert gehabt hätte. Niemand erinnert sich heute an die vielen Verweigerer, Versager, Unbrauchbaren, Unpassenden, denen eben nicht gegeben war, ihre Brauchbarkeit auf einem anderen als dem bürgerlichen Terrain unter Beweis zu stellen, niemand weiß von den vielen, die es zweifellos auch gegeben haben muß, die nichts besaßen außer ihrer Unpassendheit, und die für diese Unpassendheit nicht mit eigenen Fleurs du mal bezahlen konnten. Unpassend zu sein reicht nicht. Irgendwas muß der Mensch auch leisten (und sei’s, wenn schon nichts Besseres, daß er dichte), sonst ist er nichts.

(Ich denke gerade an eine Donald-Duck-Geschichte, in der die Hauptfigur Donald (ein Versager par excellence), vom Philosophen Diogenes hört und, begeistert von dessen Vorbild und weil er die Miete nicht mehr zahlen kann, sich auch in eine Tonne legt. „Jetzt verkauft er“, schimpfen die drei (ebenso cleveren wie clever angepaßten, womöglich aber auch für eine humanere Zukunft stehenden) Neffen, „seine Faulenzerei auch noch als Philosophie!“)

Allein bei Nacht im finsteren Wald, das ist nicht schlimm. Schlimm ist nicht allein bei Nacht im finsteren Wald.
Da war zum Beispiel neulich dieses Geräusch. Es hörte sich an wie ein Hundegebell – und doch wieder nicht. Eher ein Knall. Ein Gerumpel. Und dann doch wieder ein Bellen. Egal, was es war, es machte Angst, weil es unbekannt war. Die normalen Geräusche des nächtlichen Waldes sind mir alle vertraut, nicht einmal ein Wildschwein oder Hirschgebell kann mich ernstlich aus der Fassung bringen. Aber das hier, das war etwas ganz anderes, das war keiner Quelle zuzuordnen, das klang sofort nach Gefahr. Selbst wenn es Hunde gewesen wären: Hunden, die so bellen, will ich nicht begegnen, nicht allein im dunklen Wald und auch sonst nicht. Viel beunruhigender als die eventuelle Tatsache von Hunden war aber der Ort und der Zeitpunkt. So tief im Wald führt gegen sechs Uhr niemand seinen Hund aus. Es sei denn, es ist ein Jagdhund. Mit Jagdhunden habe ich indes keine Erfahrungen, ich kann nur alles zwischen Promenadenmischung und Pinscher einschätzen. Natürlich dachte ich sofort an den Fall der britischen Touristin, die in Griechenland einer Meute Wildhunde zum Opfer fiel.
Das sind Momente – zum Glück sind sie sehr selten –, wo ich mir allen Ernstes überlege, umzukehren. Nun habe ich das zwar noch nie wirklich gemacht, aber spaßig ist der Lauf dann – bis zum Moment, wo sich der Lärm als das Gerumpel von Baumstämmen beim Umladen entpuppt – ein Spaß, wie gesagt, ist das dann nicht mehr.

Oder Lichter. Was zum Kuckuck! Da leuchtet doch was. Links im Wald, in unbestimmter Entfernung. Da gibt es nichts zu beleuchten, da ist nichts von Interesse, da ist nicht einmal ein Weg! Lichter haben da nichts verloren. Jetzt schwankt es, verschwindet hinter Bäumen. Jetzt taucht es wieder auf. Lautlos. Manchmal begegne ich Fahrradfahrern. Aber Fahrradfahrer benutzen, genau wie ich, Wege. Dieses Licht da drüben, ein weißes Scheinwerferlicht, zuckt in wegloser Wildnis. Und jetzt geht es aus.

Ich denke da immer an Science-Fiction-Filme, wo das außerirdische Raumschiff auch immer bei Nacht in irgendeinem nebligen Sumpf landet. Es gibt keinen besseren Katalysator für Horrorphantasien als sich allein im Wald bei Dunkelheit aufzuhalten. Doch: sich in einem Wald aufhalten, bei Dunkelheit, in dem Lichter umherspazieren und unklare Ursachen Geräusche machen. ein Wald, in dem man nicht länger allein ist.

An einem Frostmorgen

Die Trauer, daß nichts bleibt: Manchmal ist der Sog der Zeit fast körperlich zu spüren. Die Bücher und Gechichten sind inzwischen Fluchträume. Nicht um der Zeit zu entgehen (auch das Lesen ist schließlich in der Zeit), sondern um die alternative Zeit innerhalb der Geschichte gegen die unerbittliche äußere Zeit zu stellen. Die Zeit in der Geschichte kann vieles, was die echte Zeit nicht kann: jederzeit angehalten und wieder aufgenommen werden; sich beliebig oft (eingebettet in die reale Zeit) wiederholen; sich dehnen oder beschleunigen (relativ zur einbettenden Zeit); Schleifen beliebiger Länge bilden.
Nur eins kann sie nicht: rückwärts laufen und den Gang der Geschehnisse ändern.

Was sind Erinnerungen? Habe ich das, woran ich mich erinnere, wirklich erlebt? Kann ich an meinen Erinnerungen zweifeln? Wahrscheinlich muß ich es sogar. Aber was für ein Zweifel ist hier gemeint? Der Wahrheitsanspruch der Erinnerungen, daß sie etwas abbilden, das wirklich geschehen ist, und daß sie es so abbilden, wie es geschehen ist. Und in der Reihenfolge, im Verhältnis zu anderen (Erinnerungen von) Geschehnissen. Aber wie wirklich ist die Vergangenheit? Ist sie überhaupt wirklich? Man könnte sagen, die Vergangenheit muß wirklich sein, insofern sie die Summe von Vorläufergegenwarten zur aktuellen Gegenwart ist, als notwendige Folge von Weltzuständen, die zum jeweils aktuellen Weltzustand geführt hat. Auch meine Erinnerungen sind dann das Ergebnis einer Folge von Weltzuständen, zu denen neben der äußeren Wirklichkeit auch die Wirklichkeit meines Wahrnehmungs- und Gedächtnisapparates gehört.

Solche Überlegungen machen nichts leichter, im Gegenteil. Solche Überlegungen zerren an den Fundamenten, am sicheren Grund dessen, was Dasein heißt. Dasein heißt, zu ignorieren.

Den eigenen Erinnerungen beikommen. Das Unverfügbare zu einer Geschichte formen. Vielleicht ist nichts wirklich außer Geschichten. Damit würde ich meinen Erinnerungen erst Dasein verleihen, wenn ich sie aufschreibe. Mit diesem Akt des Aufschreibens und Veräußerns entsteht indes etwas, das sich von den Erinnerungen vollständig gelöst hat und unabhängig von ihnen existiert. Erinnerungen lassen sich nicht verlustfrei digitalisieren. Sie lassen sich nicht einmal zuwachsfrei, zuwucherungsfrei, verfälschungssicher festhalten. Im Aufschreiben entsteht grundsätzlich etwas Neues, zu dem die Erinnerungen nur die Vorlage liefern. Etwas Neues, das wiederum selbst, weil das Schreiben und Sich-Erinnern ja auch innerhalb der Zeit stattfindet, neue Erinnerungen hervorbringt (an den Akt des Schreibens und Wiederlesens nämlich).

Ein Moment, ein beliebiger, aber dieser, dieser eine, am frühen Morgen. Frostgewölk über einem verschrumpelten Berghang; zwei Amseln im kahlen Flieder; ein gelber Schnabel leuchtet anstelle von Blumen; Rauch aus Kaminen, wie die Nachahmung von Vögeln; Heizungsluft läßt eine Gardine leise wogen. Auf den Knien summt der Rechner. Die Amsel fliegt davon.

Das ist nun dieser Augenblick gewesen. Werde ich mich anders daran erinnern, jetzt, wo ich etwas darüber aufgeschrieben habe? Ein Zeichen, so eine gängige Definition, ist etwas, das für ein anderes steht. Wörter, die für meine Erinnerungen stehen. Aber das ist nur die Hälfte der Wahrheit. Denn das, wofür ein Zeichen steht; das, was ein Zeichen nur zusammenfassen kann: ist ja soviel mehr als das Zeichen. Und umgekehrt kann ein Zeichen, durch impliziten Verweis, Aufruf, Ausstrahlung so viel mehr sein als das, wofür es steht.
Zeichen und Erinnerungen, beide sind mehr als das andere.

Irgendwann lese ich diesen Absatz vielleicht noch einmal. Nächstes Jahr oder übernächstes oder in zwanzig Jahren, sollte ich dann noch leben.

Schon jetzt aber die Trauer, diesen Himmel, diese Wolken, diesen Amselschnabel und diesen Flieder nur einmal gesehen zu haben, und nie wieder, nie wieder so.

Grimm

Eigentlich hätte ich von den Grimmbrüdern träumen müssen nach der Lektüre gestern abend. Nicht von den Märchen- aber von den Wörterbuchbrüdern. Deren Darstellung und Lebenserzählung durch Günter Grass in seinem Buch Grimms Wörter. Eine Liebeserklärung hätte gewonnen durch die eine odere andere Wortgeschichte und wäre besser gelungen, wenn Grass auf die Eitelkeit verzichtet hätte, Episoden seines eigenen politischen Engagements an Stichwörter aus dem Wöterbuch wie aus dem Leben seiner Begründer zu knüpfen. So interessant das manchmal sein mag, so klingt es doch in dieser eigentlich einen anderen Zweck verfolgenden Biographie wie vorgedrängt und wichtig getan. Grass beschreibt an der Lebensgeschichte der Brüder Grimm entlang in Zeitsprüngen aktuelle und schon länger nicht ausrottbare Mißstände im modernen Deutschland und andernorts herrlich böse und mit einem Sarkasmus, der den Leser nicht ohne grimmige Zufriedenheit mit den Zähnen knirschen läßt. Aber man denkt ständig, das gehört in ein anderes Buch! Was hat das mit mit den Wörter- und Märchensammlern Wilhelm und Jakob zu tun, außer, daß das Lemma Freiheit oder Democratie als Gelenk für die Darstellung von Grass‘ politischem Aktivismus dient? Das ist doch manchmal arg bemüht: „A propos Freiheit: Das erinnert mich, wie ich einmal auf dem SPD-Sonderparteitag deutliche Worte fand …“ etc p.p. (Vielleicht doch mal die Zwiebel lesen? Und eine wissenschaftliche Biographie der Gebrüder Grimm!)
Was man sich völlig unabhängig davon auch mal vornehmen könnte: Täglich ein Lemma aus dem Grimmschen Wörterbuch nachlesen. Zum Beispiel, warum nicht, das Lemma Anfang? Oder, da wir gerade beim Anfang sind, den Anfang: A, der edelste und ursprünglichste aller Laute, aus brust und kehle voll erschallend, den das kind zuerst und am leichtesten hervor bringen lernt, den mit recht die alphabete der meisten sprachen an ihre spitze stellen. a hält die mitte zwischen i und u, in welche beide es geschwächt werden kann, welchen beiden es sich vielfach annähert. Vorgeschichte und geschichte unserer sprache verkünden solche übergänge allenthalben. … Das ist Literatur!

Animalia tristia

Und da sitzen wir nun in einer Sofanische eines Eiscafés, miteinander geschlafen habend, aufgewärmt, geduscht, durchgefroren von der Promenade und verschrien von Möwen, jetzt abermals aufwärmend, zivilisierten Anscheins, aber inwendig, oh je, total verstrubbelt.
„Ich bleibe einfach hier bis morgen früh“, hast du zu Hause gesagt, als ich von der Toilette kam, und ich habe mich übers Bett gebeugt, dich geküßt und geantwortet, ja, mach das, und wir beide wußten, was wir immer wissen, daß das nicht geht. Und auch, daß solche Sätze dazugehören, lange nachklingen und trösten, wenn man sie nur von der Vorderseite anschaut.
Wir brauchen viele Vorderseiten, um uns zu trösten.
Heute scheinst du mehr davon zu brauchen als sonst, schmal siehst du aus, wie unversehens aufgewacht, wo du gar nicht sein wolltest, ein Vogel, der aus dem Nest fiel. Das beste daraus machen, so ist es immer. Das beste ist, einander unterm Tisch die Hände wärmen und einander Dinge sagen, die nur eine Seite haben, Pläne, die realisierbar, Zufluchten, die erreichbar sind, aufrufen und voreinander ausbreiten. Am Nebentisch sitzen zwei alte Frauen, eine hockt hinter ihren Brillengläsern wie eine Eule, die andere hat Parkinson, ihre braunfleckige Hand hat ein Eigenleben wie ein Kaninchen. Ein Pinscher fängt an zu bellen. Eine Espressomaschine röchelt und spuckt Dampf. Ich schaue dich an, wir sind fehl am Platz. Wir sind nirgends zu Hause, wir kommen nirgendwo an. Wir reden, aber der ganze Raum scheint mitzuhören. Wir fassen uns bei den Händen, es ist heimlich. Wir schauen uns an und sind nicht allein. Vorhin, in meiner Wohnung, habe ich dir einen Pullover angeboten, Extrasocken, du wolltest nicht, du wolltest in mein Bett, mit mir. Aufladen, haben wir das vor ein paar Tagen genannt, es ist manchmal das einzige, das hilft, und in diesem Moment, innerlich zerzaust, eins den Geschmack des andern noch unter der Zunge, vor dem Tisch, unter dem sich die Hände halten, inmitten Geklirrs von Geschirr und Gekläffs zweier Hunde, im Geruch überhitzen Speisefetts, ist jenes Bett, jener Ort zum Aufladen, Aufatmen, Aufwärmen und Aufleuchten so weit weg wie der Mond. Es ist warm in dem Café, Licht strömt in Wintersträußen herein, aber ich sehe, daß du frierst, und kein Pullover kann dieses Gefühl vertreiben. Deine Augen frieren, dein Blick.
Kurze Zeit später schaue ich wieder einmal einem Zug nach. Ich winke in die frostige Luft, in der das Licht keinen Halt findet, denke, daß du mich schon gar nicht mehr sehen kannst, winke weiter, und von all den schönen Sätzen, die wir uns gesagt haben, sind wieder nur die Rückseiten übrig.

un admirador

Wagen kann ich es nicht, zu leugnen die lockeren Sitten,
     oder für meinen Fehl heuchelnde Waffen zu ziehn.
Also gestehe ich frei, wenn Geständnisse irgendwie nützen;
     töricht der ganzen Schuld trete die Beichte ich an.
Hassen muß ich und will vergeblich nicht sein, was ich hasse:
     Ach, wie schwer ist die Last, die man zu lassen sich müht!
Denn es fehlen mir Kraft und Gesetze, mich selbst zu beherrschen:
     Wogen reißen mich hin, gleich dem gebeutelten Schiff.
Nicht ist’s nur eine Gestalt, die mich einlädt, mich zu verlieben:
     Tausendundeinen Grund gibt es, der Liebe mir weckt.
Sei es, daß eine so züchtig den Blick hält zu Boden geheftet,
     gleich muß ich brennen für sie, weil so viel Zucht mich bezirzt.
Ist eine wiederum frech, so verlieb ich mich, weil sie nicht blöd ist,
     und weil die Hoffnung besteht, daß sie auch frech ist im Bett.
Ist eine spröde und tut wie ein strenges Weib der Sabiner,
     glaube ich gleich, daß sie will, trägt nur die Nase recht hoch.
Bist du gebildet, entzückt deine Gabe erlesener Künste;
     bist du es nicht, mich entzückt einfach dein schlichtes Gemüt.
Nennt eine doch das Werk Kallimachs verglichen mit meinem
     bäurisch: Hach! Mir gefällt, der ich gefalle, sofort.
Will eine mich als Dichter zusamt meiner Dichtung bekritteln:
     wünscht’ ich, die Kritikerin setzte sich mir auf den Schoß.
Schreitet sie weich: die Bewegung entzückt. Eine andere mag hart sein:
     Weicher wird sie wohl sein, liegt sie erst neben dem Mann.
Dafür, daß eine süß singt und kunstvoll die Stimme läßt klingen,
     will ich der Sängerin Kuß rauben und schenken zurück.
Eine läßt laufen die Finger so artig auf klagenden Saiten –
     oh, welch kundige Hand! Lieben, wer könnte sie nicht?
Eine gefällt mir beim Tanz, wie sie windet die zahlreichen Arme,
     kreiseln in lieblicher Kunst läßt sie den biegsamen Leib –
Abgesehen von mir, der vom kleinsten Liebreiz gerührt wird:
     Hippolyt an meiner Statt würde hier gleich zum Priap!
Du, so groß wie du bist, du gleichst Heroïden, den alten.
     Füllen wirst du wohl ganz, lang wie du bist, mir das Bett.
Kurz ist die andre und darum recht handlich – ich schwärme für beide;
     denn meinen Wünschen entspricht Lang oder Kurz, ganz egal.
Putzt sie sich nicht, überleg ich, wie schön erst geputzt eine wäre.
     Putzt eine sich, ihren Reiz weiß sie zu stellen zur Schau.
Auf die Blondine flieg ich, ich fliege auch auf die Brünette,
     auch unter schwarzem Haar geizt nicht Frau Wollust mit Reiz.
Sei es, daß dunkles Gelöck über schneeweißen Nacken herabfällt,
     war doch auch Leda schön grade mit pechschwarzem Haar;
sei’s, es ist braun – auch Aurora war hübsch durch Locken wie Safran.
     Mythen jeglicher Art fügt meine Liebe sich ein.
Jugend reizt mich sowohl wie mich anzieht das reifere Alter;
     letzters ist besser im Bett, jenes ist besser fürs Aug.
Deshalb, was immer für Mädchen man stadtweit nur liebenswert fände,
     ernstlich in jede davon ist meine Liebe verliebt.

Non ego mendosos ausim defendere mores
     falsaque pro vitiis arma movere meis.
confiteor—siquid prodest delicta fateri;
     in mea nunc demens crimina fassus eo.
odi, nec possum, cupiens, non esse quod odi;
     heu, quam quae studeas ponere ferre grave est!
Nam desunt vires ad me mihi iusque regendum;
     auferor ut rapida concita puppis aqua.
non est certa meos quae forma invitet amores—
     centum sunt causae, cur ego semper amem.
sive aliqua est oculos in humum deiecta modestos,
     uror, et insidiae sunt pudor ille meae;
sive procax aliqua est, capior, quia rustica non est,
     spemque dat in molli mobilis esse toro.
aspera si visa est rigidasque imitata Sabinas,
     velle, sed ex alto dissimulare puto.
sive es docta, places raras dotata per artes;
     sive rudis, placita es simplicitate tua.
est, quae Callimachi prae nostris rustica dicat
     carmina—cui placeo, protinus ipsa placet.
est etiam, quae me vatem et mea carmina culpet—
     culpantis cupiam sustinuisse femur.
molliter incedit—motu capit; altera dura est—
     at poterit tacto mollior esse viro.
haec quia dulce canit flectitque facillima vocem,
     oscula cantanti rapta dedisse velim;
haec querulas habili percurrit pollice chordas—
     tam doctas quis non possit amare manus?
illa placet gestu numerosaque bracchia ducit
     et tenerum molli torquet ab arte latus—
ut taceam de me, qui causa tangor ab omni,
     illic Hippolytum pone, Priapus erit!
tu, quia tam longa es, veteres heroidas aequas
     et potes in toto multa iacere toro.
haec habilis brevitate sua est. corrumpor utraque;
     conveniunt voto longa brevisque meo.
non est culta—subit, quid cultae accedere possit;
     ornata est—dotes exhibet ipsa suas.
candida me capiet, capiet me flava puella,
     est etiam in fusco grata colore Venus.
seu pendent nivea pulli cervice capilli,
     Leda fuit nigra conspicienda coma;
seu flavent, placuit croceis Aurora capillis.
     omnibus historiis se meus aptat amor.
me nova sollicitat, me tangit serior aetas;
     haec melior, specie corporis illa placet.
Denique quas tota quisquam probet urbe puellas,
     noster in has omnis ambitiosus amor.

Ovid, Amores II,4