Ich weiß manchmal gar nicht so genau, wogegen sich dieser flammende Zorn richtet. Ich knalle Türen, ich werfe mit Besteck um mich, ich pfeffere eine Zeitung an die Wand, ich brülle in den Backofen. Ist es der Nachbar, wenn der sich wieder mit seinem Diesel anschleicht und im Zentimetertempo in die Hofeinfahrt ruckelt? Ist es die Waschmaschine der Vermieter im Keller, die ihr Tatütata durchs Treppenhaus plärrt, mit dem sie anzuzeigen beabsichtigt, daß der Waschgang beendet sei? Ist es das Stocken des Cursors im Mailprogramm, weil dieses wieder mit Kram im Hintergrund beschäftigt ist, der im Moment keine Priorität für mich hat? Oder das Fähnchen in der Taskleiste, mit der mir mein Betriebssystem nervtötend hartnäckig zu verstehen gibt, daß Aktualisierungen verfügbar sind? Will ich das überhaupt wissen, unaufgefordert? Will ich das haben? Bin ich unterzuckert? Ist es die Hitze? Ist es die Stumpfheit der Menschen, die auf ihr orakelndes Schächtelchen starren und denken (wenn sie überhaupt denken), der Klimawandel gehe nur die Bewohner Bangladeschs was an? Ist es die Art, wie mein Bett knarzt oder mein Kessel pfeift? Bin ich es am Ende noch selbst, den ich einfach nicht mehr ertrage?
Oder ist es ganz allgemein, weil die Dinge sich behaupten und da sind und nicht daran denken, mir entgegenzukommen oder wenigstens schamvoll zugrunde zu gehen? Diese dumpfe Hartnäckigkeit in allem, diese Trägheit, mit der sich alles behauptet, dieser Widerstand, dieser Unwille, sich ändern oder wenigstens abschaffen zu lassen? Das quälende Nicht-voran-Kommen der Welt?
Ich möchte mehr Sex und mehr Text. Ich möchte mehr Wein und mehr Küsse und mehr Spargel und mehr verrückte Geschichten und mehr Symphonien und viel mehr trunkene Sonnenaufgänge. Ich möchte mehr Briefe und mehr Papier, ich möchte mehr Zeit und mehr Gedanken, mehr Luft, mehr atmen, mehr Horizont. Ich möchte mehr Wasser. Und tieferes. Und kälteres. Ich möchte mehr Schlaf und mehr Kerzen.
Ich möchte nicht noch mehr Aktualisierungen. Ich möchte nicht noch mehr Bahnhof. Ich möchte keine Kommunikation mehr, sondern nur noch Gespräche. Ich will keine Werbung mehr, nur noch Dichtung, wer das nicht kann oder mag, hat mir eh nichts Relevantes mitzuteilen. Lärm will ich nicht mehr und Massen nicht mehr (außer Massen von Wein und Spargel, und oh, Schinken natürlich). Ich will keine Naturschutzgebiete sondern Natur. Scheinzwänge will ich nicht mehr und nicht mehr gegängelt werden. Ich will nicht mehr nach meiner Paybackkarte gefragt werden, oder ob ich das Brot geschnitten haben will. Ich will keine Punkte sammeln. Ich will keine Supermärkte mehr, sondern einkaufen gehen. Ich will nicht noch mehr Autos, nicht noch mehr Straßen, nicht noch mehr Parkhäuser, und auch nicht mehr Wachstum, keine neue Bioformel, keine Zahnpasta mit Maxibrush-X-o-Dent-Plaquentferner, ich will keine Produkte sondern schöne Dinge, ich will weder Global- noch Digital- noch sonst welche -isierungen, und Fortschritt, Fortschritt will ich schon gar keinen.
Ich möchte meine Ruhe und ansonsten, daß mal endlich, endlich, endlich irgendwas gut wird, statt immer nur besser und besser.

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  1. Eine klare Ansprache gegen die Überreizung der heutigen Zeit. Man kann sie höchstens eindämmen, und selbst das ist ein ständiger Kampf und ein Herunterfahren ist ohne Vorsatz und Disziplin nicht zu haben. Aus meiner Jugend kann ich mich noch an quälende Langeweile erinnern. Das kann man sich gar nicht mehr vorstellen. Die Digitalisierung macht uns plemplem.

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