(Gestern nur zwei Zugriffe aus den USA, heute noch gar keiner. Ob ich mir Sorgen machen muß?)
Im Dunkeln Kaffee kochen, mit einer
Im Dunkeln Kaffee kochen, mit einer Kerze, der Motten wegen, alle Fenster stehen offen. Im Radio das ARD-Nachtkonzert, vorletzte Stunde, eine Orgelsonate eines mir unbekannten Komponisten, ich frage mich, ob man, was von meiner Musik eventuell auf die Straße dringt, in den Häusern gegenüber als störend empfindet. Es sollte mir egal sein: Jetzt bin ich mal dran. Siehe da, der erste Frühaufsteher, noch früher als ich, springt schon ins Auto. Es ist wirklich der reinste Zoo hier. Manche Tiere sieht man nur im Dunkeln. Andere nur an Schultagen. Irgendwas ist aber immer aktiv. Irgendwas bewegt sich immer. Schnüffelt, schnaubt, wittert. Tummelt sich. Will was. Will irgendwohin. Wimmelt.
Warum ich nicht den Wäscheständer einfach auf die Straße stelle, da wäre die Wäsche bei dem Wetter doch ruckzuck trocken. Tja, gute Frage, warum nicht? Fest steht, daß es ausgeschlossen ist. Ich versuche, es mir vorzustellen, meine Wäsche, Hemden, Hosen, Socken und, nun ja, persönlichere Sachen, wie sie munter im Winde flattern, unter den Augen und Nasen all des tagaktiven Getümmels und Gewimmels. Ganz zu schweigen davon, daß meine Vermieter mich so sehen könnten. Schon in der Vorstellung fühle ich den Drang, mich und die Situation zu erklären, Wissen Sie, ich habe keinen Waschkeller und keinen Balkon, ich muß in der Wohnung trocknen, aber die Wohnung ist verrammelt, Fenster alle dicht, damit es kühl bleibt, verstehen Sie, aber so trocknet die Wäsche ja nicht, und …
Viel zu kompliziert.
Ich wünschte, die Blicke der Passanten wären mir egal. Rutscht mir doch den Buckel runter. Ich könnte versuchen, mir einzureden, daß es mir egal ist. Aber ich weiß halt, daß das nicht stimmt. Früher hätte ich das gemacht. Ich hätte den bestückten Wäscheständer, Unterhosen und alles, rausgestellt und mich mit einem Buch danebengesetzt. Aber es hätte auch damals schon nicht gestimmt, was ich mir nur erfolgreicher eingeredet hätte: Daß es mir egal ist, was andere denken.
Oder daß andere mich überhaupt sehen. Irgendwie habe ich auch immer das Gefühl, Dinge zu tun, die komisch sind, erklärungsbedürftig, Verwunderung oder Unverständnis auslösen, Blicke auf sich ziehen. Für mich hat das ja immer Gründe, sonst würde ich es ja nicht tun. Aber für die anderen nicht, und das weiß ich. Zelten im Wald. Nachts nackt Kaffee kochen. In Zügen auf dem Gang sitzen. In der Straßenbahn einen Baukopfhörer tragen. Das Supermarktgemüse in mitgebrachte Tüten füllen. Wäsche auf der Straße trocknen. Manchmal ist mir mein Individualismus peinlich. Ich bin nicht stolz darauf, mein eigenes Ding zu machen. Ich kann absolut nicht verstehen, wenn Leute behaupten, sie hätten nichts zu verbergen. Manchmal möchte ich mich einfach unsichtbar machen können.
Ich weiß nicht, wie oft im Leben ich Blicke auf mich gezogen, Erstaunen und Kopfschütteln ausgelöst habe. Es hat dazu geführt, daß ich, was mir wichtig ist, lieber im Geheimen tue, wenn das möglich ist, um erst gar keine blöden Fragen aufkommen zu lassen.Was wiederum dazu führt, daß ich am liebsten allein bin, weil ich mich dann nicht so beherrschen muß. Oder meine sogenannte Wohnung, so peinlich ist mir dieses Zimmer, daß ich am liebsten keinen Besuch mehr empfange.
Unsichtbar werden, oder wenigstens einen somebody-else’s-problem-shield, das wäre prima, wenn mal wieder jemand morgens um fünf schon auf der Straße ist, hört, was für ein Sender bei mir läuft, und mir zuschaut, wie ich nackt an der Spüle stehe und Kaffee koche.
Bitte beachten Sie, daß unsere Züge für Ihre Sicherheit mit einer Videoüberwachungsanlage ausgerüstet sind!
An der Innenseite meines seit Jahren benutzten Büropapierkorbs befindet sich, warum entdecke ich das erst jetzt?, ein Klebeetikett mit einem Firmenlogo und der Aufschrift: „Sicherheitspapierkorb – Corbeille à papier de sécurité – Safety waste-paper basket“.
Was mag im Zusammenhang mit einem doch eher harmlosen Stoff wie Papier mit Sicherheit gemeint sein? Ist der Korb (in Wahrheit ein Plastikkübel) aus schwer entflammbarem Material? Schützt die Korbwand vor Papierschnitten? Ist das Material beständig gegen säurehaltigen Beschreibstoff? Wahrt der Korb die Geheimnisse subersiven Textgutes, das der Vernichtung zugeführt werden soll? Zensiert der Korb anstößige Inhalte selbsttätig? Ist er papierlaus- und bücherwurmfest? Man kann nicht aufhören, sich zu wundern.
Und unwillkürlich fragt man sich, was der nächste Schritt sein könnte. Ein Sicherheitswasserglas mit Ertrinkschutz? Rutsch- und schmierfeste Kugelschreiber? Bürostühle mit Bremsvorrichtung? Immerhin gibt es schon Sicherheitsnadeln. Jetzt fehlen uns noch schnalzsichere Gummibänder, Textmarker mit eingebautem Familienfilter und natürlich der bleifreie Bleistift.
Denselben Weg noch einmal gehen, heute
Denselben Weg nochmal gehen, heute, allein, den von gestern, zu zweit. Oder selbigen Tags noch zurückkehren zum inzwischen enthüllten, beim Aufbruch noch unter der Nacht verborgenen Wegstück. Wie der Klang eines Wortes nur langsam im Fortwirken der Stille vergeht, so sind die Geister an den Orten und Wegen noch da. Wie diese Brennessel verdurstend übern Weg hängt und da immer noch der Sauerampfer seine Blütenstände wie Lauschorgane empor reckt; wie der große, runde Stolperstein mit der Anmutung eines Schildkrötenrückens bei seiner Grabarbeit nicht weitergekommen und wie die Hummel auch diesmal wieder an der gleichen Stelle über den Weg gezogen ist, als müßte sie, an einem unsichtbaren Faden festgemacht, immer und immer wieder um dieselbe Nabe kreisen. Und der Weg selbst, als trüge er nicht die Schritte, sondern wäre selbst der Wanderer, der Verirrte, der Streuner, der Traumverlorene. Alles noch da, und doch um schemenhafte Beträge verändert durch die frühere Anwesenheit und das Nun-Fehlen dieser früheren Anwesenheit. Etwas wirkt nach. Etwas hat sich eingeprägt und schaut nun zurück zu mir, meinem wiederaufgetauchten, mir selbst fehlenden Dasein.
Ich vermeide es, am nächsten Tag den Weg noch einmal alleine zu gehen, den ich gestern in Gesellschaft gegangen bin. Vielleicht will ich mir die Erinnerung daran bewahren, wie es gestern war, an Gespräche, an ein Kopfnicken meiner Begleitung, an eine Übereinkunft oder ein gemeinsames Lachen, an einen aus der Luft gefischten Witz, vielleicht sogar an Küsse, vielleicht will ich das alles an diesem Ort belassen, wo und wie er in meiner Erinnerung ruht und ihn, den Ort, bei seiner Gedächtnisarbeit nicht stören. An diesem Folgemorgen zur Sitzgruppe am Kamelleboom zurückzukehren, es wäre wie einen Festsaal am Mittag nach dem Ball aufzuschließen. Erloschen die Kandelaber, stumpf die Tanzfläche, das Parfum der Damen ist schalem Schweißgeruch gewichen, durch ein unzureichend verhülltes Oberlicht sprüht etwas Licht herein, nicht vorgesehen wie ein technischer Defekt. Traurig ist das und hinterläßt einen schalen Geschmack, und es ist auch wie ein Blick in etwas, das einem nicht mehr zusteht, das Cabinet de Toilette einer Dame etwa, die sich zum Umziehen zurückgezogen hat und heute nicht mehr empfängt.
Also die Runde am Brenig und von dort den mittleren Weg hoch zu den Pferdeweiden. Wie Arbeiter sehen die Pferde aus; vor Tag schon mit schweißtreibenden Aufgaben beschäftigt, machen sie ihre erste Pause, während ich am Zaun vorbeilaufe. Ernste, schwere Körper, von der Sonne ledrig gebrannt, im Maul ein Schnauben, einen herzhaften Fluch. Ringsum leere, verbrannte Wiesen, eingefaßt von dünngescheuerten Zäunen, wie verblaßte Unterschriften auf einem ungültig gewordenen Dokument. Meine Gesellschaft von gestern ist abgereist, die Küsse eingetrocknet, die Wege ziehen sich unter Steinen zusammen, es ist die Zeit der Arbeiter am Sommer. Felsen, Gras und Pferde. Die Scheunentore schlucken Schatten. Morgen schon, denke ich, bin ich auch nicht mehr hier.
(Was man im Bruchteil einer Sekunde sieht (und den Rest muß man dazuerfinden): Den Speckbauch, schon sommerlich vollgefressen. Wie das Stumpfe der Borsten auf Rücken und Flanke an der Bauchunterseite des Tiers ins Glänzende von nackter Haut übergeht. Die Streckung des Körpers, gefolgt von einer muskulösen Kontraktion, der im Galopp eine weitere Streckung folgt, es ist, als fliege da ein nackter Bizeps übern Weg. Die sagenhafte Größe des Schweins, es fehlen nur noch Hörner auf der Nase. Die immerhin hat es nicht, oder sie waren in der kurzen Zeit nicht erkennbar. Erkennbar aber die Eile, die gehetzte Panik, mit der es hofft, noch vor diesem seltsamen Zweibeiner von Deckung nach Deckung zu gelangen. Es entschließt sich, hat sich entschlossen, kann nicht mehr zurück, kann nur noch voran mit seinem enormen, beweglichen Gewicht und alles geben. Danach ein Schnaufer aus dem Unterholz, als atme da jemand erleichtert auf oder vielleicht ist es ein Wildschweinfluch, der dem zweibeinigen Störenfried gilt.)
Dem Tod noch einmal von der Schippe gesprungen, das wäre wohl der passende Ausdruck. Mittags noch den Eindruck einer Moribunden erweckend, hat die Greisin, berichtet ihre Tochter, am Abend schon wieder scherzend am Tisch gesessen, und die Angehörigen, vor zwei Stunden noch auf das Schlimmste gefaßt, sitzen aufgekratzt beim Wein. Vielleicht sind sie eine Spur zu fröhlich, die Stimmen, die sich in der Dämmerung lösen, ein bißchen zu laut das Lachen, wie es heiter aufschießt, die Schwalben mit einbeziehen will, die über den Scheunen am kalkblauen Himmel vorüberzucken. Ein Grünfink pfeift von einer nahen Fichte, jemand fragt, was das für ein Vogel ist, eine Krähe ruft von einem Dachfirst, Nachbarkinder werden zu Bett gebracht, man macht eine zweite Flasche auf. Es wird Regen geben und Abkühlung, hofft man beim Blick zu den aufziehenden Wolken. Das Gespräch dreht sich um lange vergangene Urlaubsfahrten und Kindheitserinnerungen, alte Zeiten, lange Wege, an deren Beginn jenes Ende, an dem man hier an diesem Sommerabend wie feiernd beieinandersitzt, unfaßbar weit weg gewesen ist, so weit, daß es noch gar nicht hätte zum eigenen Leben gezählt werden können, weil die nur abstrakt denkbaren Hauptpersonen solchen entfernten Lebens, solcher vorgegriffenen Erzählung, völlig andere Menschen hätten sein müssen als man selbst. Diese unvorstellbaren Menschen, die sind diese drei jetzt, und sie sind ganz genau dieselben wie früher. Man sitzt als dieselben und spricht und feiert, in dieser Zeit nach der Zeit, wie Schüler, die jubeln, weil der Prüfungslehrer erkrankt ist und die Prüfung ausfallen muß.
Hirxberg
Die Vögel sind weg. Im Wald noch ein einziger Zaunkönig; sonst nur trockenes Rascheln im Laub, was willst du noch hier, so raschelt es, die Vorstellung ist zu Ende, der Sommer ist vorbei, es gibt nichts mehr zu sehen.
Über Bachgründen von Libellenflügeln zuckende Luft, in Cellophan verpackter Flug.
***
Mengen an Ferne, am Horizont die Hügel der anderen Grabenseite, wie eine Karawane ziehen sie vorbei. Nach Süden und Südwesten hängt über der Ebene ein brauner Streifen, ganz schmal, nach oben scharf begrenzt, nach unten ins Transparente sich auflösend, als schwömme eine Schmutzschicht auf Wasser. Der Dunst erstreckt sich im Rund bis Westen und Nordwesten, bis er sich ganz nach Norden zu in einer letzten Rauchschleife verliert.
***
Neben dem Weg, unter Zelten aus Ahorn und Linde, saugt sich ein keuchender Bach ins Grün, und da geschieht es wie im Traum, daß über einen Wiesengrund, der Mähdesüß und Riesenspringkraut feilbietet wie ein fahrender Händler, der Fuß in etwas Feuchtes tritt. Nachgebender Grund, klebrige Haut des Weges, wo er sich schlammig krümmt, wie in einer Armbeuge die erschauernde Kühle von Schweiß. Unerfrischend, eingedicktes Salz, saures Frösteln im Haar.
***
Gespiegelt findet der Läufer seine hohlen Wangen im trockenen Bast. Blindheit kommt über die Astlöcher, wo hinter den Masken jeder Atem stoppt. Eine Birke steht vollkommen vertrocknet. Knochen und Zähne, zum mächtigen Zauber geordnet. Fell mit der Blutseite nach außen.
In den Wäldern liegen jetzt, am Ende ihrer Schleifspur aus niedergedrücktem Gras, flach ausgebreitet von der Schwerkraft der trockenen Erde, die rissigen Fluken gestrandeter Wale.
Man sieht noch das letzte schmerzhafte Atmen der Flanken. Die Augen sind feuchte Tümpel, der letzte Blick ist zu Sekret geronnen, Fliegen schwirren in der Tiefsee ihrer Blindheit.
Haken braucht man, Bagger und Leinen, Fahrzeuge, um zu bergen, was hier von der Flut abgelegt wurde. Ein Körper, schwer vom eigenen Tod, unter dem die Erde nachgibt und einsinkt.
Jenseits, ins Gebüsch hinein, verliert sich die Spur wie eine träumende Frau, und der Wind eilt fort, der Flut nach, die weit draußen vor den Säumen des Waldes Spiegelzeichen gibt.
Hirxberg am Ellerntubel
Ein einzelner Hausrotschwanz auf der Bühne des trüb verhangenen Morgens, als wäre er mir von zu Hause nach Hirxberg gefolgt. Im beginnenden Tagesschweiß den Kaffee schlürfen, während Tauben den Hausrotschwanz kommentieren, der nicht begreift, daß über ihn gesprochen wird. Grauer Himmel, wie ein Deckel über der Wärme. Seit die Fichte gefällt ist, sieht man vom Fenster in der Höhe über den Giebeln den Wald. Die Bäume streben den Hügel hinauf, als wollten sie Erfrischung in der Höhe finden.
Der Verlust der Fichte bekümmert mich. Tags hat sie dem Zimmer Schatten gespendet, Nachts das Mondlicht auf ihren weichen Nadeln gelegen. Eine Karte für Träume, so hat sich immer sich der Bau der Zweige ins Halblicht zwischen Fahrradschuppen und Straßenlaterne gezeichnet. Wenn Wind ging, wurde die Karte lebendig, entstiegen ihr Bewohner, rauschten, von den Hügeln herabgestiegen und bis in den Garten vorgedrungen, ganze Wälder auf. Wenn man jetzt den Grund vorm Haus betrachtet, scheinen die Spuren solchen Besuchs noch immer sichtbar. Wurzelwerk läuft auf den Stumpf zu, der Grund ist gebuckelt, ein Stein verrückt, die Grasnarbe bedeckt tiefer eingeprägte Zeichen.
Man sieht jetzt direkt in die Höfe und Garageneinfahrten gegenüber, man sieht die Häuserfronten, man sieht die Fenster, man sieht Zimmerpflanzen auf den Simsen, man sieht die Fußabtreter vor den Türen. Es hat etwas Schamloses, Zur-Schau-Gestelltes.
Ich denke an alle meine Lieblingsbäume. An die Schwarzkiefern auf dem Rasenstück vor dem Gebäude, in dem ich mein Geld verdiene. An die drei Kiefern in einem von mir seit je beschten Wald, die halb auf dem Weg wachsen, so daß der einen kleinen Schlenker darum herum machen muß. An die Kastanienallee in meiner Heimatstadt. Ich denke an die Bäume, die bereits gefällt sind, an die eine von zwei Linden vor dem Supermarktparkplatz, das einzige Grün in einer höllenhaft-steinernen Straße, die Tage der zweiten Linde sind sicher schon gezählt. Und zwanzig Meter weiter hat eine mächtige Kastanie einst Schatten gespendet; unter ihrem Laubdacht schien sogar der Autolärm sanfter zu klingen. Die zwei Pappeln am Bahnhof, in deren lebendigem Schatten im Sommer die Wartezeit erträglicher war. Mit Ingrimm freut mich, daß die Stümpfe auch nach Jahren noch ausschlagen.
Dr Wald ist wie ein unerschöpfliches Reservoir. Als brauchte man, wenn wieder mal irgendwo ein Baum fehlt, sich einfach nur einen neuen holen. Mich freut der Überfluß in Wäldern, und daß man ständig den Blick wechseln, einzelne Bäume herausgreifen, ja, ihnen Namen geben, oder aber das Ganze als ungeteilte Menge betrachten kann, in der Namen und Erinnerung sinnlos werden. Individuen treten heraus und sinken wieder zurück. Kronen zeigen ihre unwiederholbare Form wie Gesichter von Menschen, und in der Versammlung treten alle diese Stämme, Zweige, all das Laub zu einer großen Einheit zusammen, bilden eine Baumheit, in der der Baum verschwindet, so wie Menschen in der Menschheit verschwinden.
Um diese Zeit trifft man niemanden in dieser Gegend des Waldes. Anfang Juli, das Licht wie gebleichter Knochen, Wolken filtern den Himmel. Von den Vögeln bleibt nur der Zaunkönig und schwarzes Rascheln im Unterholz. Die Wege verschwinden morgens unter Sauerampfer und Brennesseln, tauchen abends im Tal wieder auf. Die Bäche sind verstummt, man blickt in die Täler wie ins Innere abgespannter Trommeln.
Später als gedacht schlägt die Turmuhr im Ort. Die Schläge folgen einander mühsam, jeder nächste leiser als der vorhergehende, scheinen abbrechen, aufgeben zu wollen, bevor die Stunden durchgezählt sind. Kapitulieren vor der Unzählbarkeit der Zeit.
Mitnotiert, 4.7.2018
Um halb sechs Uhr früh bin ich schon unterwegs. Es ist die kühlste Zeit des Tages, aber der Wald hält die Wärme, die unten im Ort zu Tau zerfallen ist, in Büschen fest, unter Laub, entläßt Ströme aus den Poren verfilzter Dickichte. Ich stolpere vor Müdigkeit, wie ich sie im Winter, bei schwarzem Frost, nie empfinde. Keuchende Holzstöße, abplatzende Borke, dicklich eingekochte Tümpel, die Mücken dünngerieben wie Staub. Einer nach dem andern verstummen schon die Vögel. Jede Stimme ist fern, als reichten die Kräfte nicht für die Nähe. Dafür kommen jetzt die anderen, die Zweibeiner, die Bunthemden, Sonnenbrillenträger und Stöckeschwinger vermehrt aus ihren Höhlen gekrochen. Es ist so warm, als hätte die Sonne nachts den Grund von seiner unteren Seite durcherwärmt. Lockeres Gewölk schwimmt kompakteren Schichten der Luft auf, während am Horizont bläulichgraue Kissen über der Kölner Bucht hängen, daß die samtig aufgerauhten Unterseiten, die Strommasten verschluckend, über die Felder schleifen. Nach Süden spannen sich Schlieren über den Himmelsausschnitt zwischen Siebengebirge und Villenabhang. Zwischen den porösen, schaumblasenartigen Rändern der Wolken preßt sich der Himmel besonders glühend hindurch. Die Sonnen verfangen sich in Spinnfäden, Brombeerdornen scheinen die dicke Luft zu zerkratzen, wie Späher hängen die unreifen Früchte überm Weg. Spalten von Grün öffnen sich, der Staub hat Fieber, wie leicht wäre es, hier zu verschwinden, verschluckt von einem fremdheißen Durst. Geduckt unter einen Haselnußbaum steht ein Widder, als wollte er sein gewundenes Horn, das ihm wie ein orthopädisches Korrekturinstrument auf dem Schädel sitzt, vor mir verbergen. Ein Schatten segelt über den Asphalt, eine Pflaume rollt in den Graben, die Luft belaubt sich und knistert, es ist einer von den Sommermorgen, da das Jahr vergißt, daß es noch andere Zeiten hat.
Bloß weg hier
Die nächste Flüchtlingskrise, könnte man sich denken, wird von einem Strom Ausreise-, ähms, -„williger“ handeln, die in Scharen Europa verlassen, weil man dort nach der Installation menschenverachtender Regime als anständiger Mensch nicht mehr leben mag.
Gefangen im Hobbykeller
Mitten in der Nacht, nachdem auf der Straße ein Mann und eine Frau die Leerung der Mülltonnen am nächsten Tag ausdiskutiert hatten; nach dem Verstummen des anschließenden Rollgeräuschs der Tonnen; nachdem auch der Nachbar mit seinem Gefummel am Auto fertig geworden war; nachdem weitere Nachbarn unter Grunzen und Stöhnen vom Fechttraining nach Hause gekommen, den Waffensack unter meinem Fenster vorbeigeschoben, erst die Haustür, dann die Wohnungstür gegenüber ins Schloß fallen gelassen, ein paarmal wieder geräuschvoll geöffnet und geschlossen, dann mit Rumms endgültig zugeschmissen hatten: Lag ich, nun vollends wach, im Bett, starrte an die Decke, an der der Mond sich noch nicht abzeichnete, lauschte auf den abklingenden Autoverkehr und hatte die traurige Einsicht, daß ich seit Anfang dreißig das Leben eines Rentners führe.
Ein Winkel, aus dem sonst nie Licht einfällt, zeigt sich hell erleuchtet. Die Quelle befindet sich oberhalb des Fensterrahmens, vom Bett aus nicht zu sehen. Als hätte sich im Laminat eine bislang verborgene Falltür zu einem Untergeschoß geöffnet, aus dem Licht unklarer Herkunft herauströmt, klafft vor dem Bett ein helles Dreieck. Vorsichtig tastet man mit dem Pantoffel in der verschwommenen Lichtbrühe herum. Wie leicht rutscht man hier ab. Es ist, als hätte das Zimmer sich gedreht und dabei noch Schlagseite bekommen. Die Himmelsrichtungen stimmen nicht mehr, das Fenster zeigt die bleichen Giebel fremder Häuser. Schornsteine, Antennen, ein schwebender Zaun. Umrisse sind verlängert, Kanten gestaucht, Mobiliar und Gerätschaften tragen Masken, auf der Spüle sitzt ein gläserner Elefant, aus dem Sofa scheint eine riesige Zunge zu hängen. Es ist weder Tag noch Nacht. Es ist beides zugleich. Tiefe Stille herrscht, während der Tau fällt und der Mond die Morgendämmerung vorwegnimmt. Es ist, als hinge man kopfüber von einem gekippten Spiegel, und das Licht liefe wie sanft pochende Lymphe in den geblendeten Schläfen zusammen.
Frei von
„Ein Becher Wein zur rechten Zeit ist mehr wert als alle Reiche dieser Erde“
„Nichtraucher (Nichttrinker/Vegetarier/Veganer/Ultraviolette) leben im Schnitt fünf Jahre länger.“ Solche und ähnliche Sätze mit variierenden Jahren und Abstinenzobjekten bekommt man mit schöner Regelmäßigkeit zu lesen, wenn man nur zufällig eine beliebige Tageszeitung oder Illustrierte aufschlägt. Die erste Reaktion des Lesers wird wohl sein, solche Aussagen auf sich selbst anzuwenden und, sei’s, daß man Raucher, sei’s Trinker, Fleischesser, Milchtrinker oder ein anderen Formen der Sünde Verfallener sei, sich zu fragen, ob man damit rechnen müsse, fünf Jahre eher aus diesem irdschen Jammertal abtreten zu dürfen oder fünf Jahre länger in demselben schmachten zu müssen. Prüft man nach diesem ersten panischen Reflex solche Befunde in Ruhe auf ihre Eignung, lebenspraktische Anleitungen aus ihnen zu ziehen, lassen sich ein paar wichtige Punkte festhalten.
Da ist als erstes die Frage, ob kumulativer Verzicht kumulative Wirkungen erziele? Wenn ich also beispielsweise auf Tabak und auf Alkohol verzichte, jeder Verzicht einzeln mein Leben aber schon um fünf Jahre verlängert, darf ich dann erwarten, zehn Jahre länger zu leben als Menschen, die neben dem Rauchen auch noch saufen? Und wenn ich dann noch das Fleisch weglasse, mache ich dann den Deal mit fünfzehn Jahren? Demzufolge müßte ja jemand, der sich von Sojabohnen und Magerquark ernährt, nicht raucht, nicht trinkt, nicht am Straßenverkehr teilnimmt und von den Salzstangen das Salz wegkratzt, mindestens hundert Jahre alt werden.
Die zweite Frage, die hier kritisch zu stellen wäre, lautet: Was ist das für ein Leben, das ich so gestalte, daß es fünf Jahre länger dauert als ein vergleichbares ohne besonderen Verzicht? Nicht trinken, das bedeutet, Faßbrause statt Weizen nach der Wanderung, Apfelschorle statt Champagner nach einer bestandenen Prüfung, Kinderpunsch statt Grog, wenn man an einem eisigen Winterabend nach Hause kommt; und zur besseren Verdauung gäbe es nach dem Gänsebraten keinen Schnaps sondern Kamillentee. (Was es zum Gänsebraten gibt, wage ich nicht zu vermuten.) Verständlich, wenn dann einer angesichts solch trauriger Verhältnisse konsequenterweise auch noch die Gans durch Tofu ersetzt. „Nun war dieser brave Lehrer / Von dem Tobak ein Verehrer/, Was man ohne alle Frage / Nach des Tages Müh und Plage / Einem guten, alten Mann / Auch von Herzen gönnen kann.“ Wilhelm Buschs Zeitgenossen, die noch nichts von den vermeintlich verheerenden Folgen des Rauchens ahnten, waren in dieser Ahnungslosigkeit besser dran als wir, denn sie wußten in fröhlicher Unschuld zu genießen, was uns in unserer griesgrämigen Erkenntnis für immer verwehrt ist. Oder nicht? Denn wenn ich mich also dieser Genüsse enthalte, dann darf ich, wenn ich mich als Durchschnittsmensch erweise, fünf Jahre länger Mineralwasser statt Champagner trinken und statt zur Feierabendpfeife zum Kaugummi greifen und dabei kopfschüttelnd auf die fünf Jahre jüngeren Trinker und Raucher herunterschauen, die es sich, im Bewußtsein, daß wir alle (egal wie wir gelebt haben) einst den „schwarzen Cocytos schauen“* müssen, genußvoll über die Stränge schlagen. Die Frage ist, wer hier wen beneiden darf.
Und wer sagt, daß ich Glück habe und die fünf errungenen zusätzlichen Durchschnittsjahre bei bester geistiger und körperlicher Gesundheit zubringe? Abgesehen davon, daß vielleicht ein Verkehrsunfall oder ein Blitzschlag meinem asketischen Leben ein Ende setzt, bevor ich den Lohn der Enthaltsamkeit, jene verheißungsvollen fünf Extrajahre, genießen kann: Möglicherweise ereilt mich mit achtzig ein Schlaganfall, den ich, gestählt durch Alkohol- und Tabakabstinenz, knapp überlebe – um dann noch lange fünf Jahre mit einem Lätzchen um den Hals dahinzuvegetieren und mich daran zu freuen, daß ich im Gegensatz zu meinem trinkfesten, qualmenden Zeitgenossen dem Schlaganfall nicht erlegen bin.
Auch gilt, daß für jede Todesart, die ich mit Disziplin und Verzicht vermeide, zahllose andere in die Bresche springen werden, um mir dereinst den Garaus zu machen. Denn niemand stirbt bei bester Gesundheit, es sei denn, er käme gewaltsam ums Leben. Vermeide ich den Lungenkrebs, indem ich nicht rauche, entwickle ich vielleicht einen Darmkrebs, weil ich eben doch wieder Rindfleisch essen mußte; und ist meine Leber gesund und rosig vom vielen Mineralwasser – die Niere ist es vielleicht nicht, und vielleicht schaut Freund Hein schon lächelnd dem Hautkrebs beim Wachsen zu, den ich mir wegen zuviel Sports unter wolkenlosem Himmel zugezogen habe. Eßt kein Fleisch, eßt keinen Zucker, vermeidet Fett, und wo wir schon mal dabei sind, zuviel Brot und Butter ist sicher nicht gesund. Zuviel Stuhlgang und Blasenentleerung sollte man auch vermeiden, was da alles schiefgehen kann. Am besten, man vermeidet noch das Atmen, man weiß ja nicht, was man sich dadurch alles in die Alveolen saugt. Man sieht, die Abstinenz läßt sich jederzeit noch ein bißchen weitertreiben, bis das Leben zwar richtig lang, dafür aber auch richtig fad geworden ist. Allenfalls die Ermunterung, nur recht oft Sex zu haben, weil eine ausgelastete Prostata weniger leicht entartet, mag dabei die trüben Aussichten etwas aufhellen. Wie die entsprechende Empfehlung an Frauen lautet, weiß ich nicht.
Der wichtigste Einwand gegen lebensverlängernden Verzicht von diesem und jenem Genuß ist aber die Überlegung: Welche fünf Jahre bekommt denn der Abstinenzler gegenüber dem verqualmten, champagnertrunkenen Fleischesser geschenkt? Doch wohl nicht die Jahre, mit denen am meisten anzufangen wäre, etwa die Jahre zwischen zwanzig und fünfundzwanzig. Geschenkt bekommt man immer den Rest, den Bodensatz, den letzten Tropfen. Geschenkt bekommt man ein Greisendasein zwischen achtzig und fünfundachtzig. Manch einer mag dann vor seinem Mineralwasser sitzend bedauern, die Jahre zwischen zwanzig und fünfundzwanzig nicht verschwenderisch verfeiert zu haben. Ob einen der Gedanke an den vielen Sex, den man der Prostata zuliebe hatte, dann noch wärmt, ist fraglich.
*visendus ater flumine languido
Cocytos errans …
(Horaz, c. 2,14)
[Currently playing: Gustav Mahler, Trinklied vom Jammer der Erde]
Wild
Etwa nach einer Stunde, auf dem Weg, der im Kottenforst die Schmale mit der Breiten Allee verbindet, fällt mir wieder ein, was von den mannigfaltigen Träumen der vergangenen Nacht nicht sofort beim Erwachen noch präsent und dann bei der täglichen Morgenmail formulierbar gewesen ist. Möglich ist es, daß mir die Passage einer Stelle im Wald, wo ich einmal in eine ganze Rotte unversehens hineingeriet, jene Traumrotte schwimmender Wildschweine wieder aufrief: eine Menge, ein Gewimmel fast, rotbrauner Leiber, die ich von oben sah, nachdem ich sie zuerst gehört, dann mühsam wie gegen etwas die Sicht Behinderndes ausfindig gemacht hatte. Sie schwammen vor einem steilen Ufer, vielleicht einer Mauer, von dessen Krone ich hinabschaute. Das Fell klebte ihnen naß am Körper, doch schien sie das Wasser nicht im mindesten zu beunruhigen, auch wenn dieses sichtlich nicht ihr Lieblingselement war und der Traum da immerhin einer zoologischen Richtigkeit zollte. Ich erinnere mich an ein Gefühl von Erregung („Da! Da sind sie!“), einer Art von Ehrfurcht verwandt, ohne schon Furcht zu sein. Es war dem Gefühl sehr ähnlich, das ich empfand, als ich neulich in einem ganz anderen Wald warnend, man kann es nicht anders sagen: angegrunzt wurde und ich nach angestrengtem Spähen schließlich das kurze Aufblitzen der schweren Leiber etwa hundert Meter hangauf bemerkte. Dazwischen das Gewusel von Frischlingen, bevor die Tiere wie ein Spuk wieder verschwanden. Tierbegegnungen, scheint mir, eignen sich gut dazu, in Träumen wieder aufgenommen zu werden.
[Currently Playing: Franz Strauss, Hornkonzert op. 8]
Solstitium (und noch ein Bewunderer)
Nacht kommt mit Fahnen und Schiffen, die taglichten Namen des Stromes
hat sie dem spiegelnden Wind unter die Bilder gekehrt.
Hinter den Rändern von Wolken verbergen sich Bänder und Bögen.
Buchten fallen ins Land, wo es im Schilf sich verlief.
Schiffsrumpf, dem schwindenden Tag in die dämmrige Falte geschmuggelt,
taucht als des greisen Gotts Tempel am Hang wieder auf.
Weiden nehmen den Strom und führen in fort zu den Schatten.
Mondlicht, gekeltert aus den Fels, schenkt ihn den Rosen zurück.
Nicht mag ich satt mich sehn an den Staffeleien der Nymphen:
an ihrer Brüste Schwung mal ich mich kindischen Greis.
Mitnotiert 19.6.2018
Das große Springkraut und das Klebkraut machen sich Kreuze im Kalender. Asseln bevölkern das Gedächtnis der Steine.
Ins Licht gerollt wie Zirkustrommeln: Schnitte, Stümpfe, Stämme, blanke Flächen. Die Sonne sieht mich, wie ich über die Lichtung strebe. In Tiegeln hört man das Harz kochen.
Fahle Dochte ohne Wachs, fern von ihrer Flamme. Heimliches Glühen im Sumpf, schwarz gehandelte Ware. Trunkener Rost von Ameisen. Spiegel klemmen sich zwischen die Fingerspitzen. Der Wald nagt an den Wegen wie an wieder ausgegrabenen Knochen.
Zwei Autos, die gleich verdurstenden Tieren über den Waldweg holpern. In den Windschutzscheiben heben die Spiegelungen verzweifelte Hände empor. Ein verendetes Fahrzeug hängt über einem Graben. Erste Fliegen senken ihren Rüssel in den noch warmen Lack.
Eingetieft in das Siegelwachs der morgendlich weichen Schatten ruht in sich das Muster des Buchfinken. Hell und dunkel, federwechselnd, das weise ende einer langen Geschichte, ist er mir immer schon begegnet. Sein Blick, mit dem er mich erspäht hat, pflanzt sich durch alle Erinnerung fort und heftet die Begegnung fest im Strom der Zeit.
Wenn am Tümpel mein Schatten ins Naß fällt und sich zum Schlaf der Libellen legt, bin ich der eilende Zeiger einer Sonnenuhr, der dem Morgen davonflieht und keine Stunde mitnimmt, den Wald nicht leichter macht um auch nur einen Augenblick.
Untergänge (2)
Die Dachterrasse ist untergegangen. Wo gestern noch Vögel herumhuschten, Bienen summten, Fliegen durchs Sonnenlicht schossen, blickt jetzt das Wohnzimmerfenster auf den ebenen, bis zum Rand der Sichtweite, die höchstens zehn Meter beträgt, von hügelartigen Unebenheiten gewellten, wie mit abgelagerter Asche bedeckten Grund eines Meeres, in dessen träger Strömung graue, ins Milchigweiße spielende Partikel und Trübstoffe umhertreiben oder wie Flocken niederzugleiten scheinen. Gäbe es die Blitze nicht, läge die Landschaft in vollkommenem Dunkel, in dem dumpfes Wellengetön, das Grollen einer fernen Brandung, das Knistern ablaufender Gischt aus gewaltiger Höhe herabdringen. Doch ab und zu zerreißt die Dunkelheit wie ein Tuch. Scheinwerfer streifen immer wieder den Grund, tauchen das Terrain sekundenlang in magnesiumblaues Licht und erlöschen wieder, bevor die Schemen jenseits des Rands der Terrasse in die Erkennbarkeit getreten wären. Etwas wie Felsen scheint dort draußen zu liegen; wenn das Licht dort einfällt, sieht man die Schatten von Wülsten, Bändern und pilzförmigen Ausstülpungen des Meeresbodens. Vielleicht sind es Felsen, vielleicht Wracks, vielleicht ins Riesenhafte der Tiefsee hinein gesteigerte Ausgaben von Korallen oder Schwämmen oder anderer, bislang nicht klassifizierter Lebewesen. Etwas Bürstenartiges scheint auf ihnen zu hocken und das Suspensat der Trübstoffe zu durchkämmen. Aber bevor die Dinge selbst sich von ihrem ringartig um sie gelagerten, tintenschwarzen Schatten lösen und erkennbar werden, ist das Licht schon wieder erloschen. Allenfalls als Nachbild auf der Netzhaut bietet sich zur Spekulation an, was in unmittelbarer Nähe des Fensters als schlanke Aufbauten oder Säulen blitzartig aus der Folie der Finsternis stürzt und wieder darin verschwindet. Von Algen- und Muschelbewuchs verkrustet, läßt sich die einstige Funktion von Schornsteinen und Satellitenschüsseln nur noch vermuten. Der Scheinwerfer flackert, der Kegel tanzt, die Schatten krümmen sich, es scheint das Licht aus mehreren Quellen zu stammen. Plötzlich erklingt ganz in der Nähe etwas wie das Rutschen und Schürfen von Kies. Und während die Brandung verstummt, ist es, als ob über die Lichtkegel eine massive Braue fiele. Ein oberer Grund scheint sich in einer trägen Drehung herabzuwälzen, der den Raum bis zum unteren Grund rapide zum Verschwinden bringt. Für einen kurzen Moment, bis das Licht ganz ausgeht, erhellt der Blitz ein Stück pockennarbige Oberfläche, leuchtet eine Kaskade berstenden Felsens oder Mauerwerks wie eine Lilie aus Schnee auf, ehe sich vollkommene Finsternis niedersenkt und diese letzte Bewegung mit sich nimmt.
Fremd bin ich eingezogen
The way my heart flutters when you look at me lesen genau in dem Moment, wo das eigene Herz wieder einmal stolpert, leider nur aus medizinischen Gründen.
Und wie ein Kommentar meiner Träume („Haben wir’s dir nicht immer schon gesagt?“) steht das Bücherregal am Fußende des Gästebetts, als ich mich mühsam erhebe. Fremde Türen, steif wie Katzenklappen, versperren den Weg zur Toilette. Die Wohnung riecht nach fremdem Revier. Vier dunkle Türen im Flur, von denen eine besonders dunkel ist. Man kann sie nicht verfehlen, und wenn man sich noch so Mühe gibt.
Tags zuvor, du in eurer Küche: Als trügst du eine andere Frisur und Kleider, die ich noch nie an dir gesehen habe. Dein Lachen, dein Gesicht so fremd wie die Stimme eines Menschen, der plötzlich Dialekt spricht, obwohl man nie etwas anderes als Hochdeutsch von ihm gehört hat. Freundlich, warm, gemütlich und sanft verstörend. Eine unbeabsichtigte, arglose Korrektur: So bin ich auch. Das bin auch ich.
Keine Phantasien, keine Träume suchen mich heim, kein luzides Glückserschrecken öffnet die Zimmertür im Halbschlaf. Die Nacht bleibt aus, eine Stunde stellt sich nicht ein. Die Luft ist eine Ausstülpung, wie ein Handschuh ohne Hand. Nur Leere und Warten und auf links gedrehter Schlummer von Straßenlaternen. Die Badezimmertür schließt nur mit Druck, es reicht ein Nachmittag in eurer Wohnung, um es zu lernen. Die andere Tür, links davon, hat ihre Klinke eingezogen und bleibt stumm, bleibt eine Nacht lang stumm, streng wie ein Wächter ohne Nase, und so hoch, daß das Schlüsselloch oben im Dunkel verschwindet wie ein Einbrecher am Seil. Draußen, in den Straßenschluchten, zirpen die kleinen Stimmen einer großen Nacht, wie Insekten im Pelz eines gewaltigen, schlafenden Tieres. Meine Uhr, mein Buch, meine Brille im Kreis des Leselämpchens. Gerettete Dinge, unersetzliche Koordinaten, mein ganzer Besitz. Ich kann weder schlafen noch lesen.
Ich erwache, wie einem ein unterbrochener Gedanke wieder einfällt, und es ist, als hätte ich gar nicht geschlafen. Unberührt steht ein Glas Wasser auf dem Nachttisch. Ausgestelltes, nicht abgeholtes Orakel. Die Bücher haben mich im Dunkel die ganze Zeit beobachtet, meinen Schlaf und meine Schlaflosigkeit; wenn ich weg bin, werden sie dir von mir erzählen. Ich weiß nicht, ob ich das hoffen oder fürchten soll. Durch den Vorhang atmet ein Morgen, der wieder mir gehört.
Die Bücher in diesem Zimmer, Titel um Titel, kennen dich alle besser als ich.
Und Tage später begreife ich, daß das nicht stimmt, daß es umgekehrt ist: So wie ich dich in eurer Wohnung sah, bist du wirklich, die Fremde bist du nicht dort, die Fremde bist du, wenn du bei mir bist und ich dich liebe.
Auf das Pfeifen der ersten Mauersegler mußtest du mich hinweisen, ich hätte es vor lauter Aufregung nicht gehört.
Oder man nehme nur einmal den Berg an Krims und Krams von Favoralia, die nicht nur diese, sondern jede Weltmeisterschaft der Apopudoballie in ihrem Kielwasser noch immer nach sich geschleift hat: Armreifen und Stirnbänder, Halstücher, Drei-Farben-Schminke, Fähnchen, Flaggen, Wimpel, Autospiegelüberzüge, Banner, Tücher, Poster, Trillerpfeiflein, Ratschen, Blütenkränze, Tröten. Ferner Hüte, Kappen, Sonnenbrillen, künstliche Fingernägel in schwarzrotgold. Nicht zu vergessen die WM-Ausgaben verschiedener Süßwaren- und Snackhersteller, ikosaederförmige Verpackungen, die mit Fruchtgummi gefüllt sind, Fußbällchen aus Schokolade (in schwarz-weißer fünfeckfleckiger Verpackung) und was der originellen Einfälle mehr sind: So gibt es tatsächlich einen Tippspielplan aus Schokolade.
Das alles, vom Armreif bis zur Picknickdecke, vom Hasenohrenstirnreif bis zum Rucksäcklein, ist überwiegend aus Plastik und wird spätestens am 16. Juli auf dem Müll landen, wo es sich zu den Weihnachtsmannbärten, Santa-Claus-Zipfelmützlein, den Plastikosterhasen, den geleerten Einwegadventskalendern und all dem andern überflüssigen Saisonschrott gesellen darf.
Diesen Wahnsinn zu verbieten, das wäre mal eine Aufgabe. Wem das zu schwierig ist, verbietet lieber Ballonhalter und Ohrstäbchen.