(In der Straßenbahn setzt sich ein Schwesternpaar in die Sitzreihe vor mir. Eine jünger, die andere etwas älter, höchstens zwei Jahre auseinander, die Ältere wird Anfang zwanzig sein, allerhöchstens. Beide haben das gleiche wellige blonde Jahr, von jener Farbe, die sogar frisch gewaschen immer ein wenig fettig aussieht, beide tragen das Haar in einer Spange zum Pferdeschwanz gebunden. Unauffällige Kleidung, herbstliche Jacken. Ich höre sie miteinander reden, die ältere zur Jüngeren geneigt, die jüngere geradeaus blickend, und irgendetwas ist merkwürdig, die Art, wie sie reden, nicht, was sie sagen, aber in welcher Stimmlage sie es tun. Es klingt wie ein Spiel, als hätten sie sich die Stimmen zweier Protagonistinnen einer nachzustellenden Geschichte geliehen, wie es Kinder tun, wenn sie im Spiel ihre Stimmen modifizieren, um jemand anderer zu sein, die Stimme als äußeres Zeichen der Verwandlung in eine Figur. Die Stimmen der jungen Frauen sind piepsig, zu hoch für das Alter, etwas Atem- und Kraftloses haftet ihnen an, zugleich reden sie schnell, was ein bißchen wie Geplapper klingt, als wollten sie möglichst alles in einen einzigen Satz packen. An ihrem Äußeren ist nichts auffällig, außer vielleicht, daß die eine ein bißchen verpickelt ist. Ihre Bewegungen, ihr Habitus sind ganz gewöhnlich. Warum also dieses kindische Geplapper? Was sie sagen, kann ich nicht verstehen, da die Hintergrundgeräusche zu laut, das Geplapper zu hoch und leise, die beiden zu weit weg sind. Mir kommt ein Gedanke: Kann es sein, daß ich für merkwürdige Sprechweise halte, was in Wahrheit lediglich eine andere Sprache ist? Sprachen unterscheiden sich durchaus auch im Timbre, werden lauter oder leiser, hauchender, näselnder, in höherer oder tieferer Stimmlage gesprochen. Sprechen die Schwestern vielleicht Französisch? Ich lausche angestrengt, kann ein paar Satzfetzen auffangen, nein, was die beiden da näseln, quaken, fisteln, ist Deutsch.
Noch seltsamer wird es, als die Ältere einem Jutebeutel zwei Bücher entnimmt. Während sie eines ihrer Schwester gibt, blitzt kurz für mich sichtbar ein vorderer Umschlag auf. zwar kann ich nichts genaues erkennen, aber die bunte, runde Schrift, der stabile Einband, der Schatten einer Abbildung läßt an ein Kinderbuch vom Typ Pferdeabenteuer erinnern. Das können die beiden nicht ernst meinen. Und auch die Lektüre gleicht einem Spiel, so wie wenn Kinder, des Lesens unkundig, die Erwachsenen bei der Zeitungslektüre nachstellen. Aber ihre Gebärden, ihre Blicke, die Haltung, die sie zueinander einnehmen, sind die von Erwachsenen. Kaum zehn Sekunden verwenden sie still auf das, was zumindest dem Anschein nach Lesen ist, dann unterbricht wieder die eine die andere, und es folgt ein kurzes Geplapper. So geht das zwanzig Minuten lang, bis am Hauptbahnhof, Endhaltestelle, die Ältere die Bücher wieder einsammelt und in der Jutetasche verstaut.)

Die Glocken fehlen

Die Kirchenglocken sind verstummt. Die freundlichen, bald besänftigenden, bald unaufdringlich mahnenden Stimmen, die mir, wenn ich wach wurde, den bisherigen Fortgang der Nacht so zuverlässig aufgezählt haben, sie sind abgeschaltet. Erst um sechs beginnt wieder das Geläute, und aus dem freundlichen Daherzählen der Stunden ist ein bloßer Mahn- und Weckruf geworden. Ich finde das sehr schade; schon daß man das Geläut seit der Restaurierung 2013–14 leiser gestellt hat (stand der Wind etwa ungünstig, konnte man sich leicht vertun, einen Schlag versäumen, und aus fünf Uhr wurde vier Uhr), hat mich traurig gemacht. Das war nicht mehr der wahre Jakob, das klang doch ganz anders, das war an meiner Heimat herumretuschiert. Eine Freundin meinte damals zu mir, das kann man heute nicht mehr machen. Zugegeben, neben der Kirche hätte ich damals, in Zeiten ungedämpfter Lautstärke, auch nicht wohnen mögen. Trotzdem. Alte Tabakdarren werden abgerissen, Scheunen durch Baumarktversatzstückhäuser ersetzt, Bäume gefällt, Anger verbaut, Bäche zugeschüttet, alte Mauern durch Gabionen ersetzt, Straßenzüge den neuesten sogenannten Erfordernissen des Verkehrs angepaßt, was nichts anderes bedeutet, als daß sie bis zur Unkenntlichkeit entstellt werden. Und jetzt fehlt auch der vertraute Klang. Könnten sie den Himmel und die Wolken und die Vogelzüge umändern, anmalen oder gleich abschaffen, sie würden auch davor keinen Halt machen.

Hürxberg am Ellerntubel, 14.9.2018

Unruhige Nacht: Die Katze, auf die ich aufpassen sollte, traf, was hätte verhindert werden sollen, mit der Nachbarskatze zusammen. Die Flurtür hatte aufgestanden, warum? Weil ich einen kaputten Staubsauger nach draußen bringen mußte. Warum? Weil das Rohr heiß wurde und zu rauchen begann. Heiße Luft stieg davon auf und ließ ein über den Stuhl gehängtes Handtuch flattern. Vielleicht sollte ich das Ding aufschrauben, damit im Rohr voneinander gelöst würde, was jetzt in chemisch brisantem Kontakt geraten war? Aber in meinem Schraubendrehersatz fand sich kein passender Kopf. Mit solchen Fragen war ich beschäftigt, als der verhaßte Nachbar aus der Tür trat und mit ihm die fremde Katze.

Morgenkaffee in Hürxberg auf der Matratze. Die vertrauten Bücher im Arbeitszimmer meiner Mutter, freundlich lächelnd nicken sie mir aus dem Regal zu, man kennt sich, wie Stammgäste in einem Café sich kennen, einander zur Kenntnis nehmen und wohlwollend in Ruhe lassen. Im Radio läuft ein Stückchen für Klavier von Arvo Pärt, Für Alina. Damit muß man sich beizeiten auch mal beschäftigen.

Der Rest des Kaffees geht runter mit Vivaldis Distelfink, von dem ich nur den zweiten Satz bemerkenswert finde. Es wird langsam hell, vom Fenster sehe ich, wie Artisten gleich die Fichten am Kehrang vom Zeltdach des Nebels steigen. Die Eltern schlafen aus, ich drehe eine Runde durch den Lieblingswald.

Fensterkreuz

4:45. Erste Meldung im Radio: Flugausfall wegen eines Streiks bei einer Billigfluggesellschaft. An solcher Auswahl wird erkennbar, worauf es dieser Gesellschaft wirklich ankommt. (Hierzu sei zur Lektüre empfohlen: Rüdiger Safranski, Zeit. Was sie mit uns macht und was wir aus ihr machen. Darin das dritte Kapitel, „Die bewirtschaftete Zeit“)

Nachts beim Klogang über ein Regal erschrocken, in dem ich für eine Sekunde nichts anderes als ein menschliches Skelett erblicken konnte. Merkwürdig ist, daß ich über das wirkliche Skelett, das aus beruflichen Gründen im Wohnzimmer der Freundin steht, noch nie erschrocken bin. Ich habe den Knochenmann aber auch noch nie für ein Regal gehalten.

Zehn Kilometer weit brauche ich die Stirnlampe, ehe es hell genug ist für Waldwege. Bei der Pinkelpause, Kilometer fünf, am Golfplatz, mache ich sie kurz aus. Ehe ich weiterlaufe, Kopf in den Nacken: ein Funkelndes Positionslicht am Ende eines Kondensstreifens. Als würden am Himmel Glasfaserkabel verlegt, flicken die Flugzeuge Orion was ans Zeug.

In den Sturmkapseln am Feld findet sich nur etwas eingetrockneter Wind vom Vorherbst. Der läßt sich zwischen zwei Fingern zerreiben. Die große Bundesstraße atmet im Dunkeln wie ein Tier.

Ein Traum fällt mir wieder ein, oder besser: wer darin auftrat. J.Kl. und A.Kl., ehemals A.R. Man fragt sich ja, welcher Nachtmahr jetzt auf diesem Ei gesessen hat. Kommt eigentlich alles Unerledigte früher oder später in den Träumen zurück? Findet es dort seine Erledigung, seinen Abschluß? Oder erledigt sich das Unerledigte auch einmal selbst? Dafür träumt man aber auch zuviel Erledigtes. Worum ging es? Um getäuschtes Vertrauen, worum sonst.

Dieses Kind ist jetzt auch schon fünf Jahre alt.

Einer anderen Freundin schreibe ich noch. Sie sei nicht sichtbar in all ihrem geschäftigen Alltag mit Kindern. Ich schreibe ihr von einem Moment vor über zwanzig Jahren, und ob ich, hätte ich damals einen Blick auf meine eigene Zukunft werfen können, entsetzt gewesen wäre. Es ist nun diese Zukunft meine Gegenwart, und sie ist, wie sie ist. Sie war gewiß nicht unter den erträumten Zukünften, allerdings auch nicht unter den vorstellbaren, dafür wußte man zu wenig. So etwas wie das hier hätte man sich nicht in den kühnsten Visionen ausdenken können. Meine nachträgliche Hoffnung nur, schreibe ich der Freundin, das Entsetzen wäre nicht allzu groß ausgefallen.

Marmorierter Himmel in Faserweiß und Blau, die Früchte des Apfelbaums unterm Vereinshaus klein und hart, wie müde Fäuste vor schlaftrunkenen Augen.

Fensterkreuz

Vor dem Wecker wach. Der klingelte in dem Moment, wo ich dachte, es ist so still draußen, es muß noch mitten in der Nacht sein.

Geträumt von einem Abschied, der seltsam unzeremoniell ausfiel, obgleich es einer auf lange Zeit war. Mit einem Freund durch ein von zahlreichen Wanderern belebtes Gebirge gegangen. Nicht nur sieht man Farbe im Traum, es ist auch möglich, im Traum kurzsichtig zu sein und beispielsweise die Fichten auf einem entfernten Berghang nur verschwommen zu sehen.

Ein über lange Minuten sich entfernendes Flugzeug, wie ein Echo jener Gebirgslandschaft im Traum. Kaum realer: die Radiostimmen. Was auch damit zusammenhängt, daß der Inhalt der Nachrichten immer absurder wird.

Und ich Teil dieser absurdern Welt. Da hat selbst das Kaffeekochen etwas Traumverlorenes an sich. Eine Unsicherheit, ein Zögern, als sei das alles, die Flugzeuge, die ersten Schritte vorm Fenster, das Schimpfen von Amseln, ein Bus in der Seitenstraße, das Klirren von Porzellan in der Küche, nur halb zu glauben.

 
Das Gefühl, daß da eigentlich ein ganz anderes Leben für mich reserviert gewesen ist.

(„Dieser Eingang war nur für dich bestimmt. Ich gehe jetzt und schließe ihn.“)

Frühschwimmen

Kurz nach sechs, das leere Becken ist wie mit grauer Wandfarbe gefüllt, Wolkenfarbe, Nebelfarbe, blutleerer Himmel, das Wasser glatt und scheinbar flach, aufgewölbt, darunter liegen die Markierungen wie bei einer Landebahn, nach oben strebend, als wollte sie heraus aus dem Becken. Über allem der leckgeschlagene Vollmond. Es ist weder Nacht noch Tag, weder Morgen noch Abend, es ist eine Zeit außerhalb der Zeit, in der die fünfzehn Schwimmer sich hier versammelt haben. Über dem Einlaßhäuschen brennt ein Scheinwerfer, auf dem Gelände ist es duster wie in einem Park im Herbst, wenn zum ersten Mal die Laternen wieder angehen.
Harte Kühle der Steinplatten, unter den Duschen fehlt der Wasserkorridor, die Bänke sind taunaß. Wolkenlos, es soll ein warmer Tag werden, aber jetzt, fröstelnd am Beckenrand stehend, scheint es unmöglich, daß aus dieser Traumwurzel je etwas anderes sprießen könnte als wieder und wieder derselbe Traum, in dem ich, Gott weiß, wieso, nachts mit fünfzehn anderen Schwimmern im Freibad bin und als letzter am Beckenrand stehe, während alle anderen sich schon ins Wasser gelassen haben und hartnäckig, verbissen fast, ihre Bahnen drehen. Läge der Spiegel still, wie er es eben noch tat, sähe man den Mond darin stehen. Jetzt ist die Oberfläche gekräuselt, aber obwohl soviel Betrieb herrscht, ist es still, fast vollkommen still, so still, daß man hinter den geschlossenen Pommesbuden und den Kabinen und den Weißbuchenhecken am Zaun gedämpft den Berufsverkehr auf der Trierer Straße hören kann, das einzige, was normal scheint an diesem Morgen, was aber gleichsam entrückt ist, einer anderen Welt angehören muß, die die Welt der Schwimmer in ihrem dämmrigen Becken nicht zu berühren scheint.
Brille ab, Schwimmbrille auf, und im nächsten Moment schon auf der Kante sitzen, Beine im Wasser, und obwohl nichts wirklicher ist als die Kälte, die im nächsten Augenblick über die Schultern stürzt, bleibt alles wie ein sonderbarer Traum, weniger unter der Wasseroberfläche als über ihr, und fast scheint es, als sei es unter Wasser ein wenig heller, als käme der Morgen langsam aus dem Becken gestiegen und müßte sich an Land erst einmal orientieren. In diesen Morgen ragen die schwingenden und zappelnden Beine der noch über Wasser in Träumen befindlichen Schwimmer herein, wie unter der Decke die Glieder eines Kindes, das sich freigestrampelt hat.
Grund gleitet vorbei, gut sichtbar, Staub eines langen, hellen Sommers liegt in den Fugen, von den Markierungen hat sich an einem Ende eine Ecke gelöst. Beim Atemholen abwechselnd der graue Himmel und die Bäume der Liegewiese, auf der Rückbahn umgekehrt. Ich habe die Bahn ganz am Rand belegt, so kann ich mit gutem Grund nicht ausweichen. Das ist mir lieber so, auch wenn es bedeutet, daß ich mich bei jeder Hinbahn zwischen Treppe und Beckenrand quetschen muß. Zehnmal Treppe, zwanzigmal die gelöste Ecke, zehnmal von jeder Seite, dann bin ich fertig, ich stemme mich aus dem Becken, taumele zur Bank, dann zähneklappernd nach Handtuch und Brille gefummelt, und am Beckenrand entlang zu den Duschen gestakt, am ganzen Körper unkontrollierbar zitternd, schwankend, wie eine Fliege am Saum eines wackelnden Glases entlang. Der Mond ist noch nicht unter- die Sonne hinter den Ahornbäumen noch immer nicht aufgegangen. Man zieht sich schweigend um, die Kabinen benutzt niemand, wir sind ja unter uns. Das Drehkreuz steht offen. Das Wasser aus den Ohren geschüttelt und heimwärts in den Tag, wo hinter versperrten Ladentüren eben die Lichter angehen.

Nachvollziehbar

Bislang habe ich nie begreifen können, wie die Massen jubelnd in den ersten Weltkrieg haben ziehen können. Jubelnd! Mit Begeisterung! Unfaßbar.

Klimawandel, Überbevölkerung, Völkerwanderungen, korrupte Regime, korrupte Konzerne, hilf- und planlose, handlungsunwillige oder -unfähige Regierungen, Deregulierung, Überregulierung, undurchsichtige Abkommen, Aushöhlung der Staatlichkeit, Untergrabung der Freiheitsrechte, Zerfall der Solidarsysteme, Umverteilung von Unten nach Oben, Unterwerfung jeder Lebenswelt unter das Diktat der Wirtschaftlichkeit, Umweltkatastrophen, Artensterben, Klimaerwärmung, Energie-, Bildungs-, Beschäftigungs- und Finanzkrisen, Abgasskandale, Kaltschnäuzigkeit und Zynismus der Industrie und ihrer Handlanger, Pleiten, Pannen, Mißwirtschaft, und dann hat auch noch die Bahn Verspätung.

Allmählich glaube ich, eine gewisse Ahnung zu bekommen, wie sich das damals, 1914 angefühlt haben mag. Die aufgestaute Frustration, die nach einer Entladung verlangte. Endlich, endlich, endlich handeln. Und sei es auch nur, um etwas kaputtzuschlagen. Tabula rasa! Und danach fangen wir nochmal von vorne an, from scratch, und ziehen das Ding völlig neu und ganz anders auf. Dann überlassen wir nichts mehr dem Zufall. Dann machen wir alles richtig. Dann planen wir durch.

*****

Weißt du, sagte ich in einem Gespräch, hier ruft Campact zur Demo auf, dort tritt Digitalcourage mit einer Unterschriftenaktion an mich heran, hier will WeAct eine Spende, dort fordert MehrDemokratiee.V. mich auf, dem Abgeordneten meines Wahlkreises zu schreiben – es ist ganz schön viel, was da ungefragt an mich herangetragen wird, finde ich.
Ja, das nennt man Teilhabe, sagt mein Gegenüber, und mich packt schon wieder die Wut.
Ich will keine Teilhabe, rufe ich aus, ich will in Ruhe gelassen werden, von allen.

*****

Der Mensch will handeln, und er will die Folgen seines Handelns unmittelbar erleben. Fleischverzicht, Autoverzicht und immer brav im Biomarkt saisonales Gemüse gekauft, und was hat’s gebracht? Nix. Man ruft in ein schwarzes Loch hinein. Hier gespendet, dort unterschrieben, dem Abgeordneten eine Mail geschickt. Was bringt’s? Und selbst wenn dank des Drucks hunderttausender Unterschriften der Hambacher Forst stehen bliebe und das Rettungsschiff wieder auslaufen dürfte, was hat das mit mir und meiner Spende oder Unterschrift zu tun? Nix. Die Dinge passieren, aber sie passieren, gute oder schlechte Dinge, willkommene oder unwillkommene, losgelöst von meinem Handeln oder Unterlassen. Sie passieren sowieso, und der Gedanke, ich habe hier auch mit meiner Unterschrift, blabla, ist rein abstrakt. Ich bin erleichtert, wenn der Hambacher Forst stehen bleiben darf. Aber die Befriedigung bleibt aus, ein Belohnungsgefühl für mein Handeln stellt sich nicht ein. Wie anders wäre das, ein Gewehr zu nehmen und zu schießen? Handeln mit unmittelbaren Folgen. Zwar billige ich das nicht, und bis vor kurzem hätte ich es nicht einmal verstanden. Aber inzwischen ist das Maß der Frustration so voll, daß ich zumindest den Impuls nachvollziehen kann.

Der Himmel abgerissen und

Der Himmel abgerissen und sonnengebleicht, wie ein halbes altes Werbeplakat, die Ü-30-Party vom Mai oder vom letzten Jahr an die Scheunenwand von Bauer Ulf gebeppt, damals, du weißt schon, als wir noch Ü-30 waren: Gespalten in blau und weißgrau, Schichten über älteren Schichten, Landschaften mit Höhenlinien aus Wasserdampf. Oder ineinander verschränkte Finger, dazwischen blinzelt, sich zum Morgengrauen erhebend, die wasserklare Atmosphäre. Darunter preßt der Höhenzug der Ville in die feuchte Dunkelheit des Rheintals ein Knie. Lichter säumen die Ebene wie eine Hafenanlage, darüber hockt die von der eigenen Schwärze niedergedrückte Masse des Siebengebirges. Den Weg in Richtung Alfter über die Gärten genommen, am Rand balancierend wie ein Schlafwandler, ein Traumtänzer und Wolkendeuter, dann hoch zum Jüdischen Friedhof, am Indianerlager vorbei und über das Sträßchen in den Wald. Zuverlässig wie das Lotsenbirnchen an einem Lichtschalter im Flur brennt eine Leuchte vor dem Kruzifix am Parkplatz. Auf die Stirnlampe verzichtet, Hindernisse kann man noch gerade so eben erkennen, man tritt in etwas Weiches, hofft, daß es weder Hundekot noch eine Schnecke ist. Spnnweben heften sich an Knöchel, Knie, Mützenschirm. An den Spülsäumen der Dunkelheit grasen Pferde. Man meint, schon den anschwellenden Autolärm von der L 182 zu hören, der Sommer geht, die Menschen kehren aus dem Urlaub heim, schon wird es hektischer und lauter, die Welt gehört sich nicht mehr selbst. Noch eine Woche Ruhe, schreibe ich einer Freundin, bevor der Zirkus wieder anfängt.

Die Temperatur am frühen Morgen schwankt

Die Temperatur am frühen Morgen schwankt von Tag zu Tag erheblich. Während ich am Sonntag noch 26 km lang nicht nur gefröstelt, sondern richtig gefroren habe, ist das heute wieder ein Lauf gewesen, bei dem man ins Schwitzen geriet. Ich weiß nicht, was ich lieber habe. Laufen bei Wärme ist wie waten durch warmes Wasser. Die kalte Luft dagegen legt sich wie Eisen um die Glieder, als trüge man eine Rüstung aus Luft.

Nach Monaten habe ich jetzt endlich wieder eine Auswertungssoftware für meine Laufuhr: Turtle Sport. Nach ein paar Fehlversuchen hat das Programm mir sogar alle seit Mai 2017 nach der Systemaktualisierung und dem anschließenden Abschmieren des Pytrainers aufgelaufenen Runden importiert. Das hätte ich längst haben können. Der Mensch ist manchmal zu träge dazu, sich das Leben besser zu machen.

Merkwürdig, wie man seine Biographie auslagert. Aber jetzt, wo alle Trainings hübsch sauber mit Zeit, Datum, Dauer und Länge sowie mit einer hübschen Karte versehen in ein Verzeichnis eingetragen sind, kommen mir diese Kilometer erst wirklich gelaufen vor, als habe das noch eines Beweises entbehrt, solange sie nur als abstrakte Datensätze irgendwo gespeichert waren. Als wäre das Leben erst dann wirklich gelebt, wenn es irgendwo dokumentiert ist, anschaulich dokumentiert.

Und abermals die Technik: Im Licht der Straßenlaterne kann ich gerade so eben erkennen, daß mit der Laufuhr was nicht stimmt, da ist so ein komischer Hinweisbalken, das wird doch nicht? Doch: Battery low. Press enter. Ich war fest überzeugt, vor dem letzten Lauf, der nur zweieinviertel Stunden gedauert hat, den Akku geladen zu haben. Schon seit einiger Zeit habe ich den Eindruck, daß der Akku allmählich schlapp macht. Laut Herstellerangaben sollte der acht Stunden im Dauerbetrieb durchstehen. Das war zwar noch nie der Fall, aber fünf Stunden waren allemal drin. Alles unter vier Stunden (Marathondauer) wäre unzweckmäßig. Vielleicht habe ich mich auch geirrt, und das letzte Aufladen ist länger her. Jedenfalls schaltet die Uhr nach 15-Komma-Kilometern ab. Aus, Ende. Sechs Kilometer fehlen diesem Lauf, fehlen für immer in meiner Statistik, das wurmt mich. Nicht dokumentiert, nicht gelaufen, so ist das.

Eine Technik, auf die ich verzichten kann, sind die Holzvollernter, die Motorsägen; und überhaupt alle motorisierten Fahrzeuge im Wald. In dieser Hinsicht zumindest sind Fortschritte zu verzeichnen, seit einem Monat ist es jetzt morgens so still im Wald, wie ich mir das fürs ganze Jahr wünsche. Mißtrauisch beäuge ich, was sich mir als frische Schleifspuren und Druckmulden darstellt. Unlängst geschlagene Stämme scheinen das zu sein, die an einem Wegstück aufgestapelt sind, wo bislang nicht gearbeitet worden ist. Gezweig liegt herum, Rindenstücke wie abgedeckte Ziegel, Fichtengrün, vom Weg fort zeigen Radspuren in den Wald. Heute früh drei Stümpfe, deren Schnittflächen noch kaum getrocknet aussahen. Aber ich kann mich irren. Am Telephon vermutet eine Freundin, es könnte an der Waldbrandgefahr liegen, schließlich sind das alles Verbrennungsmotoren, und bei der Trockenheit reicht ein Funke.

Wie dem auch sei, es ist still im Wald. Der Wind ist fortgegangen und hat die Vögel weggebracht, das vertrocknete Laub hängt schlaff von seinen Fahnenstangen, drei Tropfen fallen wie zur Probe und geben gleich wieder auf. Dem Regen ist es zu warm und zu staubig hier unten. Die Hundehalter sind schon unterwegs, als ich, die blinde Laufuhr am Handgelenk schlenkernd wie ein kaputtes Zahlenschloß, aus dem brütenden Wald ins brütende Dorf zurücklaufe.

Im Dunkeln Kaffee kochen, mit einer

Im Dunkeln Kaffee kochen, mit einer Kerze, der Motten wegen, alle Fenster stehen offen. Im Radio das ARD-Nachtkonzert, vorletzte Stunde, eine Orgelsonate eines mir unbekannten Komponisten, ich frage mich, ob man, was von meiner Musik eventuell auf die Straße dringt, in den Häusern gegenüber als störend empfindet. Es sollte mir egal sein: Jetzt bin ich mal dran. Siehe da, der erste Frühaufsteher, noch früher als ich, springt schon ins Auto. Es ist wirklich der reinste Zoo hier. Manche Tiere sieht man nur im Dunkeln. Andere nur an Schultagen. Irgendwas ist aber immer aktiv. Irgendwas bewegt sich immer. Schnüffelt, schnaubt, wittert. Tummelt sich. Will was. Will irgendwohin. Wimmelt.

Warum ich nicht den Wäscheständer einfach auf die Straße stelle, da wäre die Wäsche bei dem Wetter doch ruckzuck trocken. Tja, gute Frage, warum nicht? Fest steht, daß es ausgeschlossen ist. Ich versuche, es mir vorzustellen, meine Wäsche, Hemden, Hosen, Socken und, nun ja, persönlichere Sachen, wie sie munter im Winde flattern, unter den Augen und Nasen all des tagaktiven Getümmels und Gewimmels. Ganz zu schweigen davon, daß meine Vermieter mich so sehen könnten. Schon in der Vorstellung fühle ich den Drang, mich und die Situation zu erklären, Wissen Sie, ich habe keinen Waschkeller und keinen Balkon, ich muß in der Wohnung trocknen, aber die Wohnung ist verrammelt, Fenster alle dicht, damit es kühl bleibt, verstehen Sie, aber so trocknet die Wäsche ja nicht, und …
Viel zu kompliziert.
Ich wünschte, die Blicke der Passanten wären mir egal. Rutscht mir doch den Buckel runter. Ich könnte versuchen, mir einzureden, daß es mir egal ist. Aber ich weiß halt, daß das nicht stimmt. Früher hätte ich das gemacht. Ich hätte den bestückten Wäscheständer, Unterhosen und alles, rausgestellt und mich mit einem Buch danebengesetzt. Aber es hätte auch damals schon nicht gestimmt, was ich mir nur erfolgreicher eingeredet hätte: Daß es mir egal ist, was andere denken.

Oder daß andere mich überhaupt sehen. Irgendwie habe ich auch immer das Gefühl, Dinge zu tun, die komisch sind, erklärungsbedürftig, Verwunderung oder Unverständnis auslösen, Blicke auf sich ziehen. Für mich hat das ja immer Gründe, sonst würde ich es ja nicht tun. Aber für die anderen nicht, und das weiß ich. Zelten im Wald. Nachts nackt Kaffee kochen. In Zügen auf dem Gang sitzen. In der Straßenbahn einen Baukopfhörer tragen. Das Supermarktgemüse in mitgebrachte Tüten füllen. Wäsche auf der Straße trocknen. Manchmal ist mir mein Individualismus peinlich. Ich bin nicht stolz darauf, mein eigenes Ding zu machen. Ich kann absolut nicht verstehen, wenn Leute behaupten, sie hätten nichts zu verbergen. Manchmal möchte ich mich einfach unsichtbar machen können.

Ich weiß nicht, wie oft im Leben ich Blicke auf mich gezogen, Erstaunen und Kopfschütteln ausgelöst habe. Es hat dazu geführt, daß ich, was mir wichtig ist, lieber im Geheimen tue, wenn das möglich ist, um erst gar keine blöden Fragen aufkommen zu lassen.Was wiederum dazu führt, daß ich am liebsten allein bin, weil ich mich dann nicht so beherrschen muß. Oder meine sogenannte Wohnung, so peinlich ist mir dieses Zimmer, daß ich am liebsten keinen Besuch mehr empfange.

Unsichtbar werden, oder wenigstens einen somebody-else’s-problem-shield, das wäre prima, wenn mal wieder jemand morgens um fünf schon auf der Straße ist, hört, was für ein Sender bei mir läuft, und mir zuschaut, wie ich nackt an der Spüle stehe und Kaffee koche.

Denselben Weg noch einmal gehen, heute

Denselben Weg nochmal gehen, heute, allein, den von gestern, zu zweit. Oder selbigen Tags noch zurückkehren zum inzwischen enthüllten, beim Aufbruch noch unter der Nacht verborgenen Wegstück. Wie der Klang eines Wortes nur langsam im Fortwirken der Stille vergeht, so sind die Geister an den Orten und Wegen noch da. Wie diese Brennessel verdurstend übern Weg hängt und da immer noch der Sauerampfer seine Blütenstände wie Lauschorgane empor reckt; wie der große, runde Stolperstein mit der Anmutung eines Schildkrötenrückens bei seiner Grabarbeit nicht weitergekommen und wie die Hummel auch diesmal wieder an der gleichen Stelle über den Weg gezogen ist, als müßte sie, an einem unsichtbaren Faden festgemacht, immer und immer wieder um dieselbe Nabe kreisen. Und der Weg selbst, als trüge er nicht die Schritte, sondern wäre selbst der Wanderer, der Verirrte, der Streuner, der Traumverlorene. Alles noch da, und doch um schemenhafte Beträge verändert durch die frühere Anwesenheit und das Nun-Fehlen dieser früheren Anwesenheit. Etwas wirkt nach. Etwas hat sich eingeprägt und schaut nun zurück zu mir, meinem wiederaufgetauchten, mir selbst fehlenden Dasein.

Ich vermeide es, am nächsten Tag den Weg noch einmal alleine zu gehen, den ich gestern in Gesellschaft gegangen bin. Vielleicht will ich mir die Erinnerung daran bewahren, wie es gestern war, an Gespräche, an ein Kopfnicken meiner Begleitung, an eine Übereinkunft oder ein gemeinsames Lachen, an einen aus der Luft gefischten Witz, vielleicht sogar an Küsse, vielleicht will ich das alles an diesem Ort belassen, wo und wie er in meiner Erinnerung ruht und ihn, den Ort, bei seiner Gedächtnisarbeit nicht stören. An diesem Folgemorgen zur Sitzgruppe am Kamelleboom zurückzukehren, es wäre wie einen Festsaal am Mittag nach dem Ball aufzuschließen. Erloschen die Kandelaber, stumpf die Tanzfläche, das Parfum der Damen ist schalem Schweißgeruch gewichen, durch ein unzureichend verhülltes Oberlicht sprüht etwas Licht herein, nicht vorgesehen wie ein technischer Defekt. Traurig ist das und hinterläßt einen schalen Geschmack, und es ist auch wie ein Blick in etwas, das einem nicht mehr zusteht, das Cabinet de Toilette einer Dame etwa, die sich zum Umziehen zurückgezogen hat und heute nicht mehr empfängt.

Also die Runde am Brenig und von dort den mittleren Weg hoch zu den Pferdeweiden. Wie Arbeiter sehen die Pferde aus; vor Tag schon mit schweißtreibenden Aufgaben beschäftigt, machen sie ihre erste Pause, während ich am Zaun vorbeilaufe. Ernste, schwere Körper, von der Sonne ledrig gebrannt, im Maul ein Schnauben, einen herzhaften Fluch. Ringsum leere, verbrannte Wiesen, eingefaßt von dünngescheuerten Zäunen, wie verblaßte Unterschriften auf einem ungültig gewordenen Dokument. Meine Gesellschaft von gestern ist abgereist, die Küsse eingetrocknet, die Wege ziehen sich unter Steinen zusammen, es ist die Zeit der Arbeiter am Sommer. Felsen, Gras und Pferde. Die Scheunentore schlucken Schatten. Morgen schon, denke ich, bin ich auch nicht mehr hier.

Dem Tod noch einmal von der Schippe gesprungen, das wäre wohl der passende Ausdruck. Mittags noch den Eindruck einer Moribunden erweckend, hat die Greisin, berichtet ihre Tochter, am Abend schon wieder scherzend am Tisch gesessen, und die Angehörigen, vor zwei Stunden noch auf das Schlimmste gefaßt, sitzen aufgekratzt beim Wein. Vielleicht sind sie eine Spur zu fröhlich, die Stimmen, die sich in der Dämmerung lösen, ein bißchen zu laut das Lachen, wie es heiter aufschießt, die Schwalben mit einbeziehen will, die über den Scheunen am kalkblauen Himmel vorüberzucken. Ein Grünfink pfeift von einer nahen Fichte, jemand fragt, was das für ein Vogel ist, eine Krähe ruft von einem Dachfirst, Nachbarkinder werden zu Bett gebracht, man macht eine zweite Flasche auf. Es wird Regen geben und Abkühlung, hofft man beim Blick zu den aufziehenden Wolken. Das Gespräch dreht sich um lange vergangene Urlaubsfahrten und Kindheitserinnerungen, alte Zeiten, lange Wege, an deren Beginn jenes Ende, an dem man hier an diesem Sommerabend wie feiernd beieinandersitzt, unfaßbar weit weg gewesen ist, so weit, daß es noch gar nicht hätte zum eigenen Leben gezählt werden können, weil die nur abstrakt denkbaren Hauptpersonen solchen entfernten Lebens, solcher vorgegriffenen Erzählung, völlig andere Menschen hätten sein müssen als man selbst. Diese unvorstellbaren Menschen, die sind diese drei jetzt, und sie sind ganz genau dieselben wie früher. Man sitzt als dieselben und spricht und feiert, in dieser Zeit nach der Zeit, wie Schüler, die jubeln, weil der Prüfungslehrer erkrankt ist und die Prüfung ausfallen muß.

Gefangen im Hobbykeller

Mitten in der Nacht, nachdem auf der Straße ein Mann und eine Frau die Leerung der Mülltonnen am nächsten Tag ausdiskutiert hatten; nach dem Verstummen des anschließenden Rollgeräuschs der Tonnen; nachdem auch der Nachbar mit seinem Gefummel am Auto fertig geworden war; nachdem weitere Nachbarn unter Grunzen und Stöhnen vom Fechttraining nach Hause gekommen, den Waffensack unter meinem Fenster vorbeigeschoben, erst die Haustür, dann die Wohnungstür gegenüber ins Schloß fallen gelassen, ein paarmal wieder geräuschvoll geöffnet und geschlossen, dann mit Rumms endgültig zugeschmissen hatten: Lag ich, nun vollends wach, im Bett, starrte an die Decke, an der der Mond sich noch nicht abzeichnete, lauschte auf den abklingenden Autoverkehr und hatte die traurige Einsicht, daß ich seit Anfang dreißig das Leben eines Rentners führe.

Mal was Schönes

 
Vier Eier hartkochen, abkühlen lassen. Das Eigelb mit etwas Öl und 200g Crème fraîche im Mixer glattrühren, mit Essig, Zucker, Salz und Pfeffer abschmecken. Eiweiß kleinhacken, daruntermischen.

Spargel in Salzwasser bißfest kochen, abschrecken. Sauce drübergießen. Dazu Salzkartoffeln und zur Begleitung einen gut gekühlten, nicht zu trockenen Müller-Thurgau.

(Der Nachbar hat auf seiner Terrasse eine Sitzvorrichtung mit einem Regenschutz überworfen, und das Ding steht so da, daß ich jetzt vom Bett aus exakt keine Sicht mehr auf den Himmel habe. Und die große, in der Mauerkrone wurzelnde Weide, deren drei Triebe zuletzt jeweils gut einen Meter lang geworden waren, ist weg, abgeschnitten bis zur Wurzel. Den Wurzelstock allerdings können sie nicht beseitigen, ohne die Mauer aufzubrechen, was mich mit grimmiger Genugtuung erfüllt. Der Stumpf treibt bestimmt wieder aus.)

Sinn und Verwirrung (1)

Als könnte man sich entäußern, wenn man schreibt. Oder malt. Oder Musik komponiert. Als würde man ein Stück von sich selbst erschaffen. In einem Vorgang der Selbstvergewisserung, in einem Vorgang des Überlebens, wie Atemholen. Nicht schaffen zu können ist das Zerfallen des Selbst, seine Ab-Schaffung, seine Auflösung in die Banalität der kontingenten Fakten. Schreiben ist ein Ankämpfen gegen das Selbstverständliche und Zufällige. Schreiben ist das Gegenteil von Achselzucken, es bedeutet, alles ernst zu nehmen, was ist und darüber hinaus noch mehr das, was nicht ist. Es bedeutet, eine Absicht in die Welt zu setzen. Kunst ist eben darum nicht kontingent, weil sie dem Faktum, dem, was sowieso schon ist, etwas entgegenzusetzen hat, das ihr selbst, aber nicht dem Faktum innewohnt, etwas, das nicht sowieso schon da ist: Sinn.

Keine Stirnlampe mehr nötig. Den Kaffee im Morgengrauen, das ARD-Nachkonzert spielt ein Stück von Händel, bis ich mit Zähneputzen und Umziehen fertig bin, ist es hell. Hell und kalt und grün, und die noch stillen Straßen münden fern in den schon anschwellenden Strom des Morgens. Die Bäume schweben über dunklem Spiegel, wie nächtliche Schwimmer, die sich gerade mit dem Handtuch durchs Haar gegangen sind.

Müde von Träumen, in denen, immer öfter in der letzten Zeit, eine Zukunft verhandelt wird wie in einem Nebenraum, wo Großmächte tagen. Ich habe nichts zu sagen, ich muß nicht einmal mehr die Kapitulation unterzeichnen.

Der Wald als Fluchtraum. Manchmal dauert es fünf Kilometer, bis ich wieder frei atmen kann, sich die Fäuste lösen, ich den imaginären Schlüsselbund, der mir in die Handfläche schneidet, in den hungrigen Farn fallen lasse.

Später die Sonne, hinter Wimpern, Spinnenweben und Schweiß. Im Gegenlicht die geduckten Wege. Am Rand der Ebene werfen die Hügel mit Wolken.