Fensterkreuz

4:45. Erste Meldung im Radio: Flugausfall wegen eines Streiks bei einer Billigfluggesellschaft. An solcher Auswahl wird erkennbar, worauf es dieser Gesellschaft wirklich ankommt. (Hierzu sei zur Lektüre empfohlen: Rüdiger Safranski, Zeit. Was sie mit uns macht und was wir aus ihr machen. Darin das dritte Kapitel, „Die bewirtschaftete Zeit“)

Nachts beim Klogang über ein Regal erschrocken, in dem ich für eine Sekunde nichts anderes als ein menschliches Skelett erblicken konnte. Merkwürdig ist, daß ich über das wirkliche Skelett, das aus beruflichen Gründen im Wohnzimmer der Freundin steht, noch nie erschrocken bin. Ich habe den Knochenmann aber auch noch nie für ein Regal gehalten.

Zehn Kilometer weit brauche ich die Stirnlampe, ehe es hell genug ist für Waldwege. Bei der Pinkelpause, Kilometer fünf, am Golfplatz, mache ich sie kurz aus. Ehe ich weiterlaufe, Kopf in den Nacken: ein Funkelndes Positionslicht am Ende eines Kondensstreifens. Als würden am Himmel Glasfaserkabel verlegt, flicken die Flugzeuge Orion was ans Zeug.

In den Sturmkapseln am Feld findet sich nur etwas eingetrockneter Wind vom Vorherbst. Der läßt sich zwischen zwei Fingern zerreiben. Die große Bundesstraße atmet im Dunkeln wie ein Tier.

Ein Traum fällt mir wieder ein, oder besser: wer darin auftrat. J.Kl. und A.Kl., ehemals A.R. Man fragt sich ja, welcher Nachtmahr jetzt auf diesem Ei gesessen hat. Kommt eigentlich alles Unerledigte früher oder später in den Träumen zurück? Findet es dort seine Erledigung, seinen Abschluß? Oder erledigt sich das Unerledigte auch einmal selbst? Dafür träumt man aber auch zuviel Erledigtes. Worum ging es? Um getäuschtes Vertrauen, worum sonst.

Dieses Kind ist jetzt auch schon fünf Jahre alt.

Einer anderen Freundin schreibe ich noch. Sie sei nicht sichtbar in all ihrem geschäftigen Alltag mit Kindern. Ich schreibe ihr von einem Moment vor über zwanzig Jahren, und ob ich, hätte ich damals einen Blick auf meine eigene Zukunft werfen können, entsetzt gewesen wäre. Es ist nun diese Zukunft meine Gegenwart, und sie ist, wie sie ist. Sie war gewiß nicht unter den erträumten Zukünften, allerdings auch nicht unter den vorstellbaren, dafür wußte man zu wenig. So etwas wie das hier hätte man sich nicht in den kühnsten Visionen ausdenken können. Meine nachträgliche Hoffnung nur, schreibe ich der Freundin, das Entsetzen wäre nicht allzu groß ausgefallen.

Marmorierter Himmel in Faserweiß und Blau, die Früchte des Apfelbaums unterm Vereinshaus klein und hart, wie müde Fäuste vor schlaftrunkenen Augen.

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