Natürlich ist für den modernen Menschen nichts an dem Vorgang mehr verstörend, aber wenn etwas an einer Sonnenfinsternis unheimlich ist, dann mag es wohl die vollkommene Lautlosigkeit sein, mit der das Himmelsgeschehen sich abspielt. Kein Donner ertönt, kein Wind frischt auf, die Erde bebt nicht. Man erwartet einen Gongschlag, ein Krachen, Seufzen, Knirschen, einen überirdischen Lärm — und dann diese Stille, die infolge der getäuschten Erwartung um so tiefer ausfällt, bedrohlicher. Bedrohlich auch die Langsamkeit des Geschehens. Das Gefährliche in der Natur, es ist immer plötzlich, schnell, schlägt wie Blitz und Donner zu, Vulkanausbruch, Tsunami, Bergsturz, Lawine, das Unheil bricht in Sekunden herein, seine Vorbereitungen sind zumeist unsichtbar. Hier dauert es von der ersten Bedeckung bis zu dem Moment der größten Verfinsterung eine gute halbe Stunde. Zu welchem gräßlichen Schlag wird da oben ausgeholt? Im übrigen stimmt es nicht, wie es immer heißt, daß die Tierwelt in ängstliches Schweigen fällt. Amseln schimpfen, Tauben nölen, Elstern gehen ihren frechen Verrichtungen nach, während ein Schatten auf die Welt fällt, der nicht von dieser Welt ist. Die Farben schwellen an wie zu dick aufgetragen, die Kontraste vertiefen sich. Dunkel wird es nicht, nicht einmal dämmrig. Das Licht ist schwer, wie vollgesogen, dabei klar und gewaschen, abgespült, als wäre die Welt in ein Becken getaucht worden, ein Taufbecken vielleicht. Aus der alles erneuert und gesegnet erstehen darf. Ein Hund trottet an der Leine vorbei, ein Kleinkind schaut aus dem Kinderwagen. Alle wissen sie nicht, daß sie aussehen wie auf einem handkolorierten Film, und tragen ihre Dämmerfarben spazieren. Busse halten und fahren wieder ab. Um halb neun habe ich genug, gut anderthalb Stunden habe ich an der Bushaltestelle gesessen und alle fünf Minuten auf den Auslöser gedrückt. Irgendwann war nur noch eine schmale Sichel zu sehen, voll überquellenden Lichts, als quetschte das andere Gestirn den letzten Schnitz Helligkeit aus dem Spalt. Ich gehe nach Hause und rede meinem verstörten Schatten Mut zu. Passanten schleifen den ihrigen hinter sich her. Eine Joggerin nutzt die Abendkühle. Ob sie hinter ihrer Sonnenbrille überhaupt etwas bemerkt hat? (Hätte ich etwas bemerkt, wennn ich nicht vorher bescheid gewußt hätte?) Eine Bewässerungsanlage sprenkelt Wasser auf ein Feld. Spaziergänger gehen ihrer Wege. Autos dröhnen dem Feierabend entgegen. Derweil gehen Sonne und Mond unter, in ringender Umarmung aneinander geklammert, ziehen sie sich gegenseitig in die Tiefe.
Für ein paar Minuten aller Schatten beraubt, eine Welt von unfreiwilligen Schlemihls. Auch Ameisen hören keinen Gong, bevor wir sie zertreten.