Was für die Lebensführung insgesamt gilt, muß in verschärfter Form fürs Schreiben (und für alle anderen Formen künstlerischen Ausdrucks) gelten. Für das originelle Kunstwerk gibt es keinen Maßstab, denn auf einem Maßstab sind nur die Einheiten des Bekannten verzeichnet, die Dimensionen einer Qualität, deren Voraussetzungen bereits etabliert sind, deren Erfüllung wiederum zwar handwerkliches Geschick, jedoch keine Kreativität erfordert. Wo aber kein Maßstab, da kein Maß: Kreativität ist das Maßlose, eine Landschaft, die erst durch die Epigonen kartographiert werden wird.

Das Narrativ des eigenen Lebens nicht unter den verfügbaren, ausgeprägten, vorgeformten Modeln zu finden, aus denen heraus es sich endlich verstehen, und mittels dieses Verständnisses auch artikulieren und weiterbilden ließe, indem es in die Form des Narrativs einfach (was keinesfalls immer einfach ist) hineinwüchse: Das ist der strengste Individualismus: das eigene Model erst erschaffen zu müssen. Strenger Individualismus bedeutet, sich nach keinem fremden Maß beurteilen lassen zu wollen. Und er bedeutet auch, sich nach keinem fremden Maß beurteilen lassen zu können. Im Grunde weiß der Individualist nie, wer er ist, bis er es gewesen ist.

Kühl ist es an diesem ersten Mai und gar nicht maiartig, eher so wie maiandachtartig. Die Wege strecken sich menschenleer, Wind ist das einzige Geräusch. Endlich. Der Wald hat den Lärm der Maifeiern, die elektrisch wabernden Musikschwaden, das Grölen Betrunkener, das schrille Lachen halbstarker Mädchen, so gründlich vergessen wie nie gehört, frischer Westwind streift über die Alleen, Böen mit Seegeschmack lassen die Bäume rauschen, und hinter dem Rauschen ist noch mehr Rauschen und noch mehr Rauschen, und dahinter ist nichts.

Das innere Reden und das äußere Schweigen. Du schweigst. Seit Wochen schweigst du, auch wenn es nur ein Tag gewesen ist, bislang. Also muß ich reden. Und das tu ich. Ich nehme kein Blatt vor den Mund. Ich beschimpfe dich und verleugne dich, ich überlade dich mit Vorwürfen und Anklagen, ich laufe durch den Wind und fuchtele mit den Händen, schneide Grenzen in die Luft, grenze mich ab von dir, grenze mich ab aus dieser Geschichte. Und fürchte mich. Und schäume vor Wut. In mein Leben bist du hereingeschneit, nun verschwindest du vielleicht wieder daraus, und beide Male habe ich nur zusehen können. Ich weiß, daß das nicht stimmt. aber es tut gut, es so zu sehen, es so auszusprechen und hinauszukeuchen, während ich übers Feld renne, während irgendwo wütende Gänse antworten, während zu Hause dein Schweigen hockt und auf mich wartet.

Zu gehen, denke ich, das wäre mein Part gewesen, das steht niemandem zu außer mir.

Und auch das ist falsch. Aber oh, wie herrlich der Ingrimm ist, mit dem ich das denke.

Überall Spuren der Waldarbeit, Stapel trocknender Baumstämme, die walzenförmigen Abdrücke von Traktorreifen, abgeschabte Rindenstücke. Aber keine Fahrzeuge weit und breit, heute ist ja Feiertag. Am niedrigen Gewölk hobelt immer wieder die Sonne, eine tote Hornisse leuchtet auf dem Weg wie die Scherben eines zertretenen Bonbons, die Pferdeäpfel frösteln in der Brise wie evakuierte Inseln. Wasserlassen am Wegesrand, Blick zur Rodung, Blick in Laubflächen, in verwickelte, komplizierte Ränder, die sich ineinander verhaken und verhäkeln, bis es ein Wald ist. Ich lausche nach dem Geräusch unerreichbar langsamen Grüns. Ich nehme meine Zeit in Besitz, denke ich. Hier bin ich zu Hause, hier kenne ich mich aus, hier kann ich beinahe verschwinden, bis ich mich selbst nicht mehr finde. Bis ich mich am eigenen Fuß hinter einem Holzstoß hervorziehen muß.

Kein Regen, in Fetzen gerissenes Licht, abgewetzte Ränder, die Luft hat eine körnige Substanz. Der Wind schmeckt nach Übermorgen. Im Unterholz rascheln Rehe. Alles wird wieder gut, denke ich, und ich denke, Zeit, wieder im Wald zu übernachten, und die Böen rauschen, und hinter Rauschen und Rauschen ist nichts.

Ein Lauf durch die Morgenfrühe nach nächtlichem Starkregen. Im Licht der Straßenlaterne sieht es aus, als wäre Schnee gefallen, so dicht ist der parkende Wagen der Nachbarin von Blütenblättern bedeckt. In der Wohnung die muffige Luft von gestern, draußen riecht der Morgen nach Marzipan und Zimt. Blau aufschießende Luft, die Uhren schlafen, in Gräben dämmert es naß. Himmelsdome lassen Türme fallen, in der aufziehenden Dämmerung lösen sich die Wolken aus dem Gerüst der Dunkelheit und stürzen hinab zu den Lichtern der Ebene. Eingebettet in die Masse der noch trägen Luft, wie Kerne in süßschwarzem Fruchtfleisch, die Rufe der Vögel.

Das Licht nur eine Ahnung, eine Schwebung in der Luft, ein Sog am Horizont hinter den in sich versunkenen Häuserzeilen. Die wenigen Fahrzeuge im Ort haben die Zielstrebigkeit von Boten, die schon mehr wissen.

Leuchtstreifen, die das Bewußtsein der Nacht durchkreuzen. Lebendiger Lack auf den stillen Kühlerhauben. Tulpen, deren Farbe Gedächtnisse sind, im innersten ruhend. Bögen von Baumwipfeln, als steindunkle Masse gegen den Himmel geschweift. Das Paradoxe dieser hellwachen Dunkelheit, in der nichts schläft, in der ich, meine Schritte, mein Leib, mein mühsam konstruiertes Bewußtsein, das schwächste, das unaufmerksamste Element bin.

Nichts an dieser Nachtwelt ist mühsam, nur ich bin es. Ein Wesen, das sich auflehnen muß, um überhaupt existieren zu können. Andauernder Gegenwind, Sog des Nichtseins, Hintergrund endgültigen Schlafes. Jeder Atemzug buchstäbliches Arbeiten gegen die Auslöschung. Und wie das Herz dagegen anpocht, nicht nicht zu sein. Ringsum, in den Büschen, den verschachtelten Dunkelheiten, den lauernden Wegen, den wachenden Baumstämmen ist alles gegeben und alles ohne Grund. Nur ich brauche einen Grund, hier zu sein, eine Begründung, oder vielleicht eine Entschuldigung für mein verbissenes Sein.

Plötzlich Sommer, schmachtende Pfützen, Mückendurst, auf dem Asphalt stehen die Falter in Flammen. Straff wie ein Segel der Himmel, die Sonne eine Walze, die das Feld plattdrückt. Schnapsidee, bei so einem Wetter laufen zu gehen, der halbe Liter Wasser, den ich dabeihabe, verdunstet mir gleich wieder über die gerötete Haut. Schatten sind kurz und kostbar, der Waldrand geizt mit ihnen.

Erde und Wind, verschüttetes Wasser und die fettlöslichen Farben der Rapspflanzen. Staub hängt sich ans Heck eines Traktors, Geruch aus der Kindheit, das Trockene von Ackergift, erstickend und bitter; jetzt löst es melancholische Heimatgefühle aus. Noch mehr Kindheit: Endlich fällt mir ein, woran mich der süßliche Duft des Rapses erinnert. Es sind die Wachsmalkreiden der Kinderzeit. Ein Geruch, der Schminke und Lippenstift benachbart ist. Letzteren deute ich immer als Mundgeruch. Zum Glück war ich nie in Versuchung, einen Lippenstiftmund zu küssen.

Einjähriges Silberblatt, Buschwindröschen, Scharbockskraut, Lerchensporn, Wiesenschaumkraut. Flieder. Kurz vorm Blühen: die Knoblauchsrauke. Vom Bergahorn fallen schon die Blüten ab.

Nach Hause kommen, im schwarzen Hausflur schwitzt das Auge minutenlang Farbe aus. Dicht gedrängt vorm Glas die Lamellen des Fensterladens. In der kühlsten Ecke liegen die Schuhe und hecheln, hecheln. Auf Nachbars Wiese schnarcht ein Rasenmäher.

[Beethoven, Klaviersonate Nr. 16, G-Dur]

Ich denke gerade, daß mich alles an Wirklichkeit, das sich nicht vollständig aus Büchern entnehmen läßt, im Grunde überfordert. Den unvermittelbaren, weil unbuchstabierbaren, Rest, den phantasiere ich mir lieber dazu, als ihn am eigenen Leib zu erfahren. Wenn Bücher schon gefährlich sind, wie sehr ist es erst die Realität?

Da habe ich neulich beim Buchhändler meines Vertrauens eine Gedichtsammlung eines obskuren spätmittelalterlichen Poeten per E-Mail zur Bestellung gegeben, auf dessen Namen ich auf einer Website gestoßen bin, deren Autor sich seit einiger Zeit mit der Übertragung der Gedichte besagten Dichters befaßt; ein paar Tage später bekomme ich zusammen mit der Auskunft, das Buch sei eingetroffen, den Hinweis, Herr Soundso, dessen Übersetzung eines großen Romans der abendländischen Literatur man auch im Sortiment habe, sei übrigens seit einiger Zeit mit Übersetzungen des namentlichen Dichters befaßt. – Und dazu schickt mir mein Buchhändler den Link eben der Seite, wo ich von dem Dichter zuallererst gelesen habe.
„Aber vermutlich wissen Sie das alles längst“, fügt mein Buchhändler in seiner Mail noch hinzu.

Die Welt ist klein, heißt es immer. Wenn das stimmt, dann sind bestimmte Bücherwelten ein Dorf.

Fensterkreuz

Fast vom Vogelgesang aufgeweckt worden; diesmal war es noch der Wecker, der dem Amselmännchen zuvorkam; morgen wird es vielleicht schon umgekehrt sein. Um sechs ist es jetzt schon dämmrig, setzt das Fensterkreuz ein Tageszeichen an die Wand. Seit Sonntag die dünne Decke; ein bißchen schade ist es um das Federbett, in dem die leichte Daune zu fühlbarer Schwere sich sammelt; doch solche Üppigkeit war schon während der Frostnächte zu warm. Winter, in denen man ohne Daune nicht mehr auskäme, die gibt es wohl endgültig nicht mehr.

Es sei denn, man schliefe im Zelt. Bei der letzten Übernachtung im Wald, Anfang November in der Hocheifel, kam nachts der Frost und raubte den Schlaf. Ich sehe ein, daß ich für zukünftige Winterwanderungen einen wärmeren Schlafsack brauche. Komfortbereich bis minus fünf Grad, das sollte es schon sein. In den Tallagen der Mittelgebirge kann schon mal recht schattig werden im Winter.

Neulich bei einem großen Supplier für Draußensachen in der CCAA Schlafsäcke befühlt. Glänzendes Polyester-Außenmaterial, Mumienform, man hat gleich die schummrige Enge im Innern von Expeditionszelten vor Augen, einen Reinhold oder einen Peter, während draußen der Orkan ums Lager VI kreischt. Von einem solchen Abenteuer, scheint es, trennen einen nur 400 Euro. In der gesteppten Hülle ein Nichts von Daune, man glaubt nicht, daß das wärmen soll, Grenzbereich bis minus 16, nunja, Grenzbereich, das bedeutet wohl, daß man nicht sofort erfriert, sondern erst nach ein paar Stunden. Zum Glück kommt jetzt erst mal der Sommer, sonst hätte ich mir das gute Stück wahrscheinlich gleich gekauft.

Eigentlich waren wir aber wegen einer ganz anderen Sache da. Der junge Mann plant nämlich eine Weltreise, und dazu braucht er Stock und Hut, oder vielmehr: Schuhe und Rucksack; und ein paar weitere Kleinigkeiten. Eine Hängematte hat er sich gekauft; und einen mit Holz zu befeuernden Kocher; weil: Holz gibt’s ja überall, aber Benzin nicht, von Gas zu schweigen. „Und wenn ich dann mal irgendwo im Urwald …“ – Der junge Mann ist in seinem ganzen Leben nicht über das IJsselmeer hinausgekommen. Den Plan, ohne Schlafsack loszuziehen hat ihm seine Mutter zum Glück vehement ausgeredet. Im übrigen lasse ich ihm seine Träume; er muß selbst herausfinden, was funktioniert und was nicht.

So ein Supplier von Draußensachen hat von jeher auf mich eine merkwürdige Faszination ausgeübt. Die stabilen Messer, der High-Tech-Zeltstoff, die Ultra-Lightweight-Kaffeekanne, die noch leichtere Isomatte, dazu Packleinen und -taschen, Rucksäcke für den Einsatz von Antarktika bis nach Labrador, Schlafsäcke, Stiefel, Zeltschlafanzug, Kocher, Anzünder, Schleifstein, Gaskartuschen, Buschmesser, Bananenschachteln, Stiefelwärmer, Funktionsschnürsenkel, Outdoorzahnbürsten und frostfeste Zahnpasta, Zecken-Repellent und Läusekamm, Klappspaten und Drainagefolie, Pinkelhilfe und Menstruationsbecher für Frauen, solar betriebene Rasierer für Männer, und das alles so leicht, daß man meint, die Einzelgewichte müßten sich ja zwangsläufig gegenseitig aufheben. Wenn man so ein Zelt aufgebaut sieht, in den gemütlichen Innenraum späht, das Päckchen zusammengefaltet in der Hand wiegt, dann denkt man sich wirklich, na, damit ist das Wandern und Draußenschlafen ein Kinderspiel. Mit so einem Zelt hast du doch quasi dein Wohnzimmer mit dabei. Und genau das ist der Plan: die Natur, die kalte, windige, klamme, regnerische oder brennend-heiße Natur, in der es von stechenden und saugenden Tieren nur so wimmelt, Schuhe nachts nicht richtig trocknen, Füße Blasen kriegen, Sand in Ohren, Nase und Poritze eindringt, Wind nachts im Kragen fingert, die Hände steif und die Füße eisig sind, und wo es im Zelt nicht nach feinem Damenparfum, sondern nach verschwitzten Wandersocken riecht – diese Natur ein für allemal so in den Griff zu kriegen, daß die Freuden des Wanderns (eindrucksvoll und durchaus verlockend dargestellt auf entsprechenden Werbeplakaten: ein einsames Zelt auf einer Klippe vor phänomenaler Weitsicht hinunter in ein menschenleeres Fjäll im Sonnenuntergang, davor leichtbekleidete, schöne Menschen mit Teebecher in der Hand, die aussehen, als wüßten sie gar nicht, wie frieren geht, während sich die Abendsonne in der leuchtenden Augen spiegelt und das Zelt Abenteuer ganz anderer Art verheißt, für die es auf dem Fjäll weit und breit keine Zeugen gibt) – daß solche Freuden des Wanderns ein für allemal ohne die Mißlichkeiten wie stinkende Unterwäsche, Nässe und schlaflose Kälte zu haben sind. Das ist das Versprechen. Das andere Versprechen, und damit machen Handelsketten wie die in der CCAA ihr eigentliches Geld, ist an all die gerichtet, die ihre himalayataugliche wind- und wasserdichte Ultraproof-Daunenjacke mit dem neuen QZX-1-breathable-active-System (von 1500 auf 900 heruntergesetzt, ein Schnäppchen!) für nicht mehr als den Gassigang mit dem Zwergpinscher brauchen. Das Versprechen lautet: Mit dieser wasserdichten Ultraproof-Daunenjacke mit dem neuen QZX-1-breathable-active-System bist auch du, Helmut Wackenröder aus der Rechnungsabteilung, und du Erna Schümpel-Lindholz aus der Abteilung Einkauf, ein Abenteurer. Und sei’s auch nur für die Strecke bis zum Zigarettenautomaten.

Während der junge Mann Rucksäcke ausprobiert und sich von der Fachkraft beraten läßt, erlaube ich mir einen Moment der Reflexion und versetze mich in seine Lage. Ich versuche, mir vorzustellen, wie das jetzt wäre, mir eine solche Reise vorgenommen zu haben, und fühle eine immense Erleichterung darüber, daß ich das nicht mehr muß: Abenteuer bestehen. Fast habe ich Mitleid mit dem jungen Mann. Was für eine Last, jung zu sein! Wohl weiß ich, daß sich das einmal anders anfühlte, aber ich weiß es nur im Kopf, nicht mit dem Herzen. Ich kann die Erregung nicht mehr nachfühlen, kann mich an die Gewißheit eigener Stärke nicht mehr erinnern, und auch nicht an die Freude, die darin lag, aufzubrechen. Nur die Angst, nicht zu wissen, wo man am nächsten Tag schlafen wird, die ist präsent, die weiß ich noch, und nichts könnte weniger verlockend sein.„Bloß keine Herausforderungen!“ ist mir neulich am Telephon herausgeplatzt, und über meine eigene Heftigkeit habe ich selber gestaunt.

Meine Abenteuer finden auf dem Schreibtisch statt, das ist mir Herausforderung genug. Und mit diesem Stichwort wälze ich mich endlich aus dem Bett, es ist doch schon hell!, setze den Wasserkessel aufs Feuer und schalte den Rechner an. An die Arbeit, an die Arbeit, weiter im Text!

Fensterkreuz

Eine halbe Stunde, bevor das Fensterkreuz sich vorm Himmel abzuzeichnen beginnt, klingelt der Wecker. Im Traum habe ich eine fremde Sprache gesprochen. Die Sprache der Stadt-am-Ende-des-Jahrtausends, was eine Weile nachklingt. Ich weiß nicht mehr, was ich gesagt habe, aber ich weiß, daß es stammelnd war, im tastenden Sprechmodus eines, der ein geliebtes Idiom durch langen Nichtgebrauch beinahe vergessen hat und erkennen muß, daß ihn die Geliebte ihrerseits im Stich läßt.

Ich würde am liebsten liegenbleiben, aber die Pläne sprechen dagegen. Was für Pläne? Und ist nicht jeder Plan eitel? Was wird sein, wenn die Pläne alle zum Ziel geführt haben werden? Nichts wird sein. Außer neuen Plänen. Und den letzten Plan läßt man unvollendet zurück. Und von den vollendeten hat man auch nichts mehr. Ich habe jetzt schon nichts von den vollendeten Plänen. Sie sind vergessen, kaum, daß sie verwirklicht sind.
Erfolg und Stolz, so leicht vergessen wie das geliebte Idiom. Du weißt vielleicht zu siegen, dich am Sieg zu freuen verstehst du nicht.
Oder man verzichtete auf jeden Stolz. Wie aber sollte man dichten, ohne stolz zu sein?

Beine anwinkeln, rechte Hand auf der Stirn, linke zwischen die Knie geklemmt, seufze ich behaglich. Nur noch ein bißchen liegenbleiben und das geliebte Idiom praktizieren. Nur noch ein bißchen Netze auswerfen und Spiegel fangen, nur noch ein bißchen. Und dann geht der Wecker. Und ich fordere mir Worte ab, Worte und Worte, denen ich, die mir, immer fremder werden.
Ich wünsche mir einen Pelz aus Wäldern und den Gedächtnisschwund des Mooses. Wie ein Stein mit dem Gesicht nach unten im Waldboden liegen und durch die Erde Wolken atmen.
Arbeit, Arbeit. Fremde Leben in einem Text, was bindet mich an sie? Wer sind diese Personen überhaupt, was wollen sie von mir? (Nichts; ich will etwas von ihnen.) Im Fensterkreuz graut es farblos. Der Mond ist verschwunden wie eine Brille in einem schimmernden Etui. Allenfalls zu ahnen: die Kurzsichtigkeit der Kirchturmuhr.

Einer wie der andere reihen sich die Tage. Warum müssen Tage Namen haben? Es wäre besser, sie hätten keinen. Ungerahmte Bilder. Ungeschliffene Edelsteine. Quellwasser ohne Fassung.
Dieser heißt Diens, und ist wieder einer von diesen Tagen, gleich welchen Namens, die mich absolut nichts angehen.

(Mysliveček, Sinfonie A-Dur.)

Arme Poeten

Vor kurzem über Baudelaire gelesen, er habe in einer Zeit gelebt, die für einen wie ihn keine Verwendung hatte. Einen Moment lang tröstet mich das: So einer bin ich doch auch? Siehstemal, und trotzdem oder gerade deswegen war Baudelaires Leben bedeutungsvoll; wir beurteilen ihn von einer Warte höherer Gerechtigkeit und celebrieren seinen Nachruhm mit Genugtuung. Dann sei, sage ich zu mir selbst, stolz darauf, daß deine Zeit mit dir auch nichts anzufangen weiß: Wage, dich mit derselben höheren Gerechtigkeit zu rechtfertigen, die du auf jenen armen Poeten angewandt siehst und vor der seine brüchige Existenz doch noch Gnade fand: Kannst du dir nicht eine solche Gnade schon als Vorschuß auf deinen Post-Mortem-Nachruhm selbst auch leisten?
Für einen Moment ist das ein guter Gedanke. Nur: Ich bin nicht Baudelaire. Auf Nachruhm darf ich nicht hoffen, geschweige denn, mir darauf einen Vorschuß zu genehmigen. Und die Gerechtigkeit, die wir dem Dichter angedeihen lassen, folgt auf einer höheren (der höheren Gerechtigkeit angemessenen) Ebene doch wieder dem Leistungs- und Brauchbarkeitsprinzip. Wir decken nur einen Irrtum auf. Weit gefehlt, wenn wir annähmen, wir schätzten Baudelaire jetzt für seine Unbrauchbarkeit. Wir weisen nur nach, daß er eben doch brauchbar war. Nicht für das, was er nicht war (ein braver Bürger, brauchbarer Mitläufer und fleißiger Konsument), loben wir ihn heute, sondern eben doch nur für das, was er war: ein genialer Dichter. Seine übrige Unbrauchbarkeit für die bürgerliche Gesellschaft verzeiht man ihm ja nur, weil er dichten konnte, nicht weil sie an sich selbst einen Wert gehabt hätte. Niemand erinnert sich heute an die vielen Verweigerer, Versager, Unbrauchbaren, Unpassenden, denen eben nicht gegeben war, ihre Brauchbarkeit auf einem anderen als dem bürgerlichen Terrain unter Beweis zu stellen, niemand weiß von den vielen, die es zweifellos auch gegeben haben muß, die nichts besaßen außer ihrer Unpassendheit, und die für diese Unpassendheit nicht mit eigenen Fleurs du mal bezahlen konnten. Unpassend zu sein reicht nicht. Irgendwas muß der Mensch auch leisten (und sei’s, wenn schon nichts Besseres, daß er dichte), sonst ist er nichts.

(Ich denke gerade an eine Donald-Duck-Geschichte, in der die Hauptfigur Donald (ein Versager par excellence), vom Philosophen Diogenes hört und, begeistert von dessen Vorbild und weil er die Miete nicht mehr zahlen kann, sich auch in eine Tonne legt. „Jetzt verkauft er“, schimpfen die drei (ebenso cleveren wie clever angepaßten, womöglich aber auch für eine humanere Zukunft stehenden) Neffen, „seine Faulenzerei auch noch als Philosophie!“)

Allein bei Nacht im finsteren Wald, das ist nicht schlimm. Schlimm ist nicht allein bei Nacht im finsteren Wald.
Da war zum Beispiel neulich dieses Geräusch. Es hörte sich an wie ein Hundegebell – und doch wieder nicht. Eher ein Knall. Ein Gerumpel. Und dann doch wieder ein Bellen. Egal, was es war, es machte Angst, weil es unbekannt war. Die normalen Geräusche des nächtlichen Waldes sind mir alle vertraut, nicht einmal ein Wildschwein oder Hirschgebell kann mich ernstlich aus der Fassung bringen. Aber das hier, das war etwas ganz anderes, das war keiner Quelle zuzuordnen, das klang sofort nach Gefahr. Selbst wenn es Hunde gewesen wären: Hunden, die so bellen, will ich nicht begegnen, nicht allein im dunklen Wald und auch sonst nicht. Viel beunruhigender als die eventuelle Tatsache von Hunden war aber der Ort und der Zeitpunkt. So tief im Wald führt gegen sechs Uhr niemand seinen Hund aus. Es sei denn, es ist ein Jagdhund. Mit Jagdhunden habe ich indes keine Erfahrungen, ich kann nur alles zwischen Promenadenmischung und Pinscher einschätzen. Natürlich dachte ich sofort an den Fall der britischen Touristin, die in Griechenland einer Meute Wildhunde zum Opfer fiel.
Das sind Momente – zum Glück sind sie sehr selten –, wo ich mir allen Ernstes überlege, umzukehren. Nun habe ich das zwar noch nie wirklich gemacht, aber spaßig ist der Lauf dann – bis zum Moment, wo sich der Lärm als das Gerumpel von Baumstämmen beim Umladen entpuppt – ein Spaß, wie gesagt, ist das dann nicht mehr.

Oder Lichter. Was zum Kuckuck! Da leuchtet doch was. Links im Wald, in unbestimmter Entfernung. Da gibt es nichts zu beleuchten, da ist nichts von Interesse, da ist nicht einmal ein Weg! Lichter haben da nichts verloren. Jetzt schwankt es, verschwindet hinter Bäumen. Jetzt taucht es wieder auf. Lautlos. Manchmal begegne ich Fahrradfahrern. Aber Fahrradfahrer benutzen, genau wie ich, Wege. Dieses Licht da drüben, ein weißes Scheinwerferlicht, zuckt in wegloser Wildnis. Und jetzt geht es aus.

Ich denke da immer an Science-Fiction-Filme, wo das außerirdische Raumschiff auch immer bei Nacht in irgendeinem nebligen Sumpf landet. Es gibt keinen besseren Katalysator für Horrorphantasien als sich allein im Wald bei Dunkelheit aufzuhalten. Doch: sich in einem Wald aufhalten, bei Dunkelheit, in dem Lichter umherspazieren und unklare Ursachen Geräusche machen. ein Wald, in dem man nicht länger allein ist.

An einem Frostmorgen

Die Trauer, daß nichts bleibt: Manchmal ist der Sog der Zeit fast körperlich zu spüren. Die Bücher und Gechichten sind inzwischen Fluchträume. Nicht um der Zeit zu entgehen (auch das Lesen ist schließlich in der Zeit), sondern um die alternative Zeit innerhalb der Geschichte gegen die unerbittliche äußere Zeit zu stellen. Die Zeit in der Geschichte kann vieles, was die echte Zeit nicht kann: jederzeit angehalten und wieder aufgenommen werden; sich beliebig oft (eingebettet in die reale Zeit) wiederholen; sich dehnen oder beschleunigen (relativ zur einbettenden Zeit); Schleifen beliebiger Länge bilden.
Nur eins kann sie nicht: rückwärts laufen und den Gang der Geschehnisse ändern.

Was sind Erinnerungen? Habe ich das, woran ich mich erinnere, wirklich erlebt? Kann ich an meinen Erinnerungen zweifeln? Wahrscheinlich muß ich es sogar. Aber was für ein Zweifel ist hier gemeint? Der Wahrheitsanspruch der Erinnerungen, daß sie etwas abbilden, das wirklich geschehen ist, und daß sie es so abbilden, wie es geschehen ist. Und in der Reihenfolge, im Verhältnis zu anderen (Erinnerungen von) Geschehnissen. Aber wie wirklich ist die Vergangenheit? Ist sie überhaupt wirklich? Man könnte sagen, die Vergangenheit muß wirklich sein, insofern sie die Summe von Vorläufergegenwarten zur aktuellen Gegenwart ist, als notwendige Folge von Weltzuständen, die zum jeweils aktuellen Weltzustand geführt hat. Auch meine Erinnerungen sind dann das Ergebnis einer Folge von Weltzuständen, zu denen neben der äußeren Wirklichkeit auch die Wirklichkeit meines Wahrnehmungs- und Gedächtnisapparates gehört.

Solche Überlegungen machen nichts leichter, im Gegenteil. Solche Überlegungen zerren an den Fundamenten, am sicheren Grund dessen, was Dasein heißt. Dasein heißt, zu ignorieren.

Den eigenen Erinnerungen beikommen. Das Unverfügbare zu einer Geschichte formen. Vielleicht ist nichts wirklich außer Geschichten. Damit würde ich meinen Erinnerungen erst Dasein verleihen, wenn ich sie aufschreibe. Mit diesem Akt des Aufschreibens und Veräußerns entsteht indes etwas, das sich von den Erinnerungen vollständig gelöst hat und unabhängig von ihnen existiert. Erinnerungen lassen sich nicht verlustfrei digitalisieren. Sie lassen sich nicht einmal zuwachsfrei, zuwucherungsfrei, verfälschungssicher festhalten. Im Aufschreiben entsteht grundsätzlich etwas Neues, zu dem die Erinnerungen nur die Vorlage liefern. Etwas Neues, das wiederum selbst, weil das Schreiben und Sich-Erinnern ja auch innerhalb der Zeit stattfindet, neue Erinnerungen hervorbringt (an den Akt des Schreibens und Wiederlesens nämlich).

Ein Moment, ein beliebiger, aber dieser, dieser eine, am frühen Morgen. Frostgewölk über einem verschrumpelten Berghang; zwei Amseln im kahlen Flieder; ein gelber Schnabel leuchtet anstelle von Blumen; Rauch aus Kaminen, wie die Nachahmung von Vögeln; Heizungsluft läßt eine Gardine leise wogen. Auf den Knien summt der Rechner. Die Amsel fliegt davon.

Das ist nun dieser Augenblick gewesen. Werde ich mich anders daran erinnern, jetzt, wo ich etwas darüber aufgeschrieben habe? Ein Zeichen, so eine gängige Definition, ist etwas, das für ein anderes steht. Wörter, die für meine Erinnerungen stehen. Aber das ist nur die Hälfte der Wahrheit. Denn das, wofür ein Zeichen steht; das, was ein Zeichen nur zusammenfassen kann: ist ja soviel mehr als das Zeichen. Und umgekehrt kann ein Zeichen, durch impliziten Verweis, Aufruf, Ausstrahlung so viel mehr sein als das, wofür es steht.
Zeichen und Erinnerungen, beide sind mehr als das andere.

Irgendwann lese ich diesen Absatz vielleicht noch einmal. Nächstes Jahr oder übernächstes oder in zwanzig Jahren, sollte ich dann noch leben.

Schon jetzt aber die Trauer, diesen Himmel, diese Wolken, diesen Amselschnabel und diesen Flieder nur einmal gesehen zu haben, und nie wieder, nie wieder so.

Grimm

Eigentlich hätte ich von den Grimmbrüdern träumen müssen nach der Lektüre gestern abend. Nicht von den Märchen- aber von den Wörterbuchbrüdern. Deren Darstellung und Lebenserzählung durch Günter Grass in seinem Buch Grimms Wörter. Eine Liebeserklärung hätte gewonnen durch die eine odere andere Wortgeschichte und wäre besser gelungen, wenn Grass auf die Eitelkeit verzichtet hätte, Episoden seines eigenen politischen Engagements an Stichwörter aus dem Wöterbuch wie aus dem Leben seiner Begründer zu knüpfen. So interessant das manchmal sein mag, so klingt es doch in dieser eigentlich einen anderen Zweck verfolgenden Biographie wie vorgedrängt und wichtig getan. Grass beschreibt an der Lebensgeschichte der Brüder Grimm entlang in Zeitsprüngen aktuelle und schon länger nicht ausrottbare Mißstände im modernen Deutschland und andernorts herrlich böse und mit einem Sarkasmus, der den Leser nicht ohne grimmige Zufriedenheit mit den Zähnen knirschen läßt. Aber man denkt ständig, das gehört in ein anderes Buch! Was hat das mit mit den Wörter- und Märchensammlern Wilhelm und Jakob zu tun, außer, daß das Lemma Freiheit oder Democratie als Gelenk für die Darstellung von Grass‘ politischem Aktivismus dient? Das ist doch manchmal arg bemüht: „A propos Freiheit: Das erinnert mich, wie ich einmal auf dem SPD-Sonderparteitag deutliche Worte fand …“ etc p.p. (Vielleicht doch mal die Zwiebel lesen? Und eine wissenschaftliche Biographie der Gebrüder Grimm!)
Was man sich völlig unabhängig davon auch mal vornehmen könnte: Täglich ein Lemma aus dem Grimmschen Wörterbuch nachlesen. Zum Beispiel, warum nicht, das Lemma Anfang? Oder, da wir gerade beim Anfang sind, den Anfang: A, der edelste und ursprünglichste aller Laute, aus brust und kehle voll erschallend, den das kind zuerst und am leichtesten hervor bringen lernt, den mit recht die alphabete der meisten sprachen an ihre spitze stellen. a hält die mitte zwischen i und u, in welche beide es geschwächt werden kann, welchen beiden es sich vielfach annähert. Vorgeschichte und geschichte unserer sprache verkünden solche übergänge allenthalben. … Das ist Literatur!

Mitnotiert: Warten auf Vögel

Beim Blick zum Fenster, Frühe ohne Zeit, Die Stunde mit Tüchern verhängt, in den Ladenritzen Bullaugen, Dunkel, vom Dunkel gehoben wie Urzeitschiefer in der Hand des Paläontologen. Hieroglyphen des nach außen gewendeten Schlafs, dessen Inneres ich gerade erst gewesen bin. Nachbild eines Traums.

Die Küche ein Ausguck aus Licht. Unter der Spüle schlafen die Kartoffeln in einem Eimer, hängen Erdträumen nach. Die Anrichte, halbgefüllte Töpfe, benutzte Tassen, die im Schlaf erstarrten Fette; Löffel und Messer, verkrustete Spiegelungen, entweihte Utensilien eines vergessenen Tempeldienstes.

Nur die Uhr ist schon wach, weckt schlaflos die Sekunden auf. Ein angeschnittener Kuchen hat sich abgewendet, versteckt seine triefende Blöße. Ein paar Handschuhe hängen am Haken wie auf einem fremden Wappen.

Die Kerzen zu müde für Flammen. Im Fenster breitet sich hinter den Spiegelungen die Nacht aus. Die Spielräume zwischen den Sekunden werden kleiner und kleiner. Bald paßt keine Geschichte mehr hinein.

Man wird sich wieder sortieren, erinnern, am Riemen reißen müssen. Die Straßen spinnen Meilenfäden auf der Suche nach Tag. Mit Flossen an den Handgelenken versucht man, alte Briefe noch einmal neu zu schreiben, wartet, wie das Haus sich aus dem Keller heraufzieht wie Münchhausen am Haarzopf. In den Gründen, denkt man, dämmert es zuerst, von den Wurzeln der Bäume, der Türme.

Ich warte auf Vögel, auf Schnee.

Mitnotiert, 22. Januar 2018

Wach mit Bach. Nein, so wollte ich diesen Tag und diese Notate eigentlich nicht beginnen. Ich bin erstaunt, was für ein fleißiger Wiederverwerter der Großmeister des Barock gewesen ist. Nach ein paar Takten des Stücks, Solo-Orgel, deren ununterbrochene 16tel-Kette von gelegentlichen Trompeten- und Streichereinwürfen unterstützt wird, und die Verfremdung ist so groß, daß ich bis weit über die Hälfte der Spielzeit brauche, um herauszufinden, woher ich das Stück kenne. Da gibt es nämlich eine Sonate für Violine solo (Partita E-Dur, BWV 1006), die ich aber zuerst in einer Bearbeitung für Laute (BWV 1006a), vorgetragen auf einer Gitarre (von Sharon Isbin, 2002), kennengelernt habe; und was die Orgel hier vorträgt, klingt ganz verdächtig nach genau diesem Stück, von dem sich später herausstellt, daß es die einleitende Sinfonia zur Kantate Wir danken dir, Gott, wir danken dir (BWV 29) ist.

In jenem Sommer warb ich mit halbem Herzen um eine Frau, die mir T. C. Boyles Wassermusik zur Lektüre empfahl, und mit dem anderen halben Herzen fuhr ich nach der südlichen Stadt B. und besuchte dort meine Freundin. Ein in seiner seltsamen Teilung ganz und gar heiler Sommer. Es war gut, aussichtslos um jene Frau zu werben, und es war gut, halbherzig meine Freundin zu besuchen. Aus dem einen wurde nichts, das andere löste sich auf; was blieb, war die wunderschöne Musik und die bittersüße Erinnerung, die sie mir in der Version für Laute bis heute vermittelt. Es ist nicht immer schlimm, aussichtslos zu werben. Manchmal tut man es um des Werbens willen. Es ist auch nicht schlimm, wenn Dinge aufhören, die ihre schöne Zeit gehabt haben. Man kann nichts zwingen. Etwas zu wollen ist aber manchmal schon das schönste, was man haben kann. Eine Zuwendung und Richtung, die dem Dasein einen Sinn verleiht, und sei es auch nur ein vorübergehender. Es ist manchmal gut, ja zu sagen, auch wenn man keine Antwort bekommt. Wenn ich die Musik höre, denke ich unwillkürlich an eine hochgewachsene Pappel in einem Schwimmbad, an das meeresartige Rauschen der Blätter und das Steigen und Fallen des silbrigen Windes in der Krone. Fast grolle ich dem Meister, daß er das Stück etwas effekthascherisch in seiner Kantate verwurstet hat, denn so, mit den Trompeten und den Streichern, die wie anfeuernde Rufe dazwischenfunken, hat das Stück einen ganz anderen Charakter, ist die ganze strenge Melancholie verflogen.

Zeiten und Zeitpunkte. Momente und der richtige Moment. Es gibt für alles den rechten Moment, aber nicht nicht den rechten Moment für alles. Diese richtigen Momente können einer den andern ausschließen oder einander bedingen. Eine Kette von Ereignissen und Entscheidungen führt auf meiner Seite der Geschichte in jenen Sommer hinauf; eine andere Kette auf der Seite von O., in die ich damals mit halbem Herzen verliebt war, bis zu jenem Moment, da wir uns einmal im Treppenhaus eines Unigebäudes begegneten und eine Stunde blieben und Kaffee tranken. Ich, auf der Treppe sitzend, Sie, auf der Fensterbank hockend, rauchend, ich sehe ihre Silhouette immer noch vor mir. Sie sagte mir, daß sie nicht gerne reise. Ihr Haar, Strähnen hatten sich aus dem Knoten gelöst, leuchtete wuschelig im Gegenlicht um ihren verschatteten Kopf. Ich behauptete, daß ich schon immer gern unterwegs gewesen sei; was nicht stimmte, nur wußte ich es da noch nicht. Sie war verpartnert, ich war verpartnert, beide in Fernbeziehungen, ideal eigentlich, aber in dieser Geschichte war es nicht hilfreich. Und wer weiß. Wahrscheinlich hätte ich nicht den Mut für eine Affäre gehabt, damals noch nicht. O. strahlte eine Matter-of-Fact-Leidenschaft aus. Ich nehme mir, was ich will, aber es gibt klare Grenzen für das, was ich will. Das meiste will ich nämlich nicht. Man konnte nicht von Reserviertheit sprechen, nur von Entschiedenheit, eine Entschiedenheit, die indes nicht mit Begriffen von Moral faßbar war. Ebenso wie sie nicht gern reiste, lehnte sie Tschaikowski vehement ab und jubelte Mozart ebenso vehement zu. Wenn ihr etwas nicht gefiel. gefiel es ihr absolut nicht, wobei sie eine begeisterte Schimpferin war. Einmal hatte jemand für unseren Literaturkreis den Vorschlag gemacht, Saramagos Stadt der Blinden zu lesen. O. fing das Buch an, es genügten ihr ein paar Seiten, um es in Bausch und Bogen zurückzuweisen. So etwas lese sie nicht, das sei ekelhaft. Wenn wir beschlössen, uns dieses Buch vorzunehmen, steige sie aus. — Wir lasen dann was anderes. O. war ganz oder gar nicht, aber nicht, weil das ihre Devise gewesen wäre, sondern weil sie eben so war. Ich dagegen habe damals wie heute Devisen gebraucht, um überhaupt etwas oder jemand zu sein.

Wach bin ich unterdessen auch mit Bach nicht geworden, und jemand zu sein fällt an einem so trüben Tag besonders schwer. Am liebsten wäre man einfach niemand. Man wäre der Nieselregen, unterschiede sich nicht von den Wolken, wäre die traurige Amsel selbst und der Anblick der Amsel zugleich. Man hätte Hände aus Wind und Zehen aus Regenpfützen und eine Stirn aus weichen, kühlen Ackerschollen.

Acht Uhr und noch immer nicht richtig hell. Mit Mühe löse ich den Blick von den stattlichen Pappeln, in deren silbrigem Springbrunnensäulen er sich zuletzt verloren hat, und kehre aus dem Sommer längst vergangener Tage in dieses heutige Winterzimmer zurück, wo man wohl oder übel seinen Tag beginnen muß, und wo im Radio der Moderator gerade das nächste Stück ansagt, etwas Heiteres, Beschwingtes und durch und durch Zuversichtliches, einen Sinfoniesatz von Mozart.

Abseits. Kein Lauf

Der Morgen hoch, fern und still, einsam balancierend, wie Wind auf der Spitze von Türmen. Nicht mehr fiebernd aber noch krank, denke ich mir die Wege. Es verursacht leichten Schwindel zu denken: Die Wege sind auch ohne mich da. Ich stelle mir vor, wie sie sich im Dunkel verzweigen, überkreuzen, in sich selbst zurücklaufen, abseits von Zeichen und Weisern im Unterholz liegenbleiben oder quer übers Feld einem Schwarm Raben folgen. Die Nacht der Wege ist dieselbe wie die hier vor den Scheiben. Ich liege im Bett und trinke den Morgenkaffee. Oben, auf dem Villerücken, ist eine Wiese, und auf dieser Wiese ein Apfelbäumchen. Wie mag es dort jetzt, in diesem Moment, aussehen? Ich könnte aufstehen, hochlaufen und nachsehen. Der Baum wäre zuverlässig da. Auffindbar, in der Welt. Aber.

Nicht aufzustehen und loszulaufen hat etwas von einer Regelwidrigkeit. Es ist wie im Gottesdienst an der falschen Stelle aufzustehen oder sich zu setzen. Wie Schuleschwänzen. Man ist fehl. Dort, wo man sein müßte, fehlt man, hier, wo man ist, ist man fehl am Platz: Die Stadt wird inzwischen von ganz anderen Wesen bewohnt. Alles starrt mich an, was ich hier verloren habe. Selbst die eigenen vier Wände schauen mich an, als fühlten sie sich durch meine Anwesenheit gestört. Als wäre ich in die Probe eines absolut unbegreiflichen Stücks geraten. Die Fenster werden hell. Ich begreife, daß sie darauf warten, daß ich endlich verschwinde aus diesem kühlen Innenraum, der ihnen zu dieser Stunde alleine gehört. Allein, hohl, hallend und weitläufig leer, wie die falsche, die Gangseite des Klassenzimmers, all der Klassenzimmer, nachdem es zur Stunde geklingelt hat. Nie hingen die Jacken lebloser und sinnloser an ihren Haken.

Es ist, als wäre das Wasser eines tiefen Sees abgelassen, und nun fänden sich am Grund die unglaublichsten Dinge. Dinge, die durch ihre Vereinzelung plötzlich ein intensiveres Dasein bekommen, wie ein Schornsteinfeger in einer Backstube oder ein Feuerwehrmann in voller Montur in einer Sauna. Eine Badewanne voller Schlamm. Ein Lenkrad. Ein Zahnarztstuhl. Eine Glasvitrine voller Gläser und verrutschter Untertassen. Dinge für sich allein, unbeobachtet, haben mich schon als Kind fasziniert. Es konnte etwa passieren, daß ich am Morgen der Heimreise vom Urlaubsort ein Detail meiner Umgebung fixierte, eine Terrassenkachel, einen flachen Feldstein, ein Gartentor, und mich in den Gedanken versenkte, daß Kachel, Stein oder Tor auch heute abend noch da wären, wenn meine Blicke davon schon lange abgezogen wären, ich längst fort, und hunderte Kilometer entfernt wäre; und daß mir dann an meinem entfernten Ort dieses Kachel wieder einfallen würde, so daß das, was mir jetzt noch lebendig und verfügbar und nahe vor Augen stand, zwar nicht weniger real als jetzt, aber unzugänglich weit entfernt sein würde. Eine ganz andere Welt! Zwei Welten, und ich bewegte mich von einer zur anderen, doch stets so, daß sie sich in ihrer Wirklichkeit nie würden zur Deckung bringen lassen. Dieser Gedanke verursachte mir stets ein sanftes Grauen, von dem ich bis heute nicht weiß, ob es angenehm gewesen ist oder nicht. Natürlich kann man sich solchen von jeder Beobachtung isolierten, weit entfernten, in sich selbst versunkenen Gegenständen niemals nähern. Man kann nie wissen, wie sie wirklich sind, und wirklich heißt: Unabhängig von ihrer Beobachtung. Denn näherte man sich ihnen, dann wären sie ja nicht mehr unbeobachtet. Zugänglich sind diese einsamen Gegenstände und Orte einzig durch die Sprache, durch die Imagination. Und ihren grauenhaften Zauber haben sie nur kraft der Entrücktheit und der Ambivalenz, daß sie zwar real aber unverfügbar weit entfernt sind.

Ich werde also nie wissen, wie der Weg wirklich ist. Der Apfelbaum auf der Wiese am Scheitel der Straße, er ist eben nicht auffindbar, nicht als derjenige Apfelbaum, den ich mir vorstelle, wenn ich unpäßlich im Bett liegen bleibe. Die Orte fliehen, die Wege. Man holt seinen Weg niemals ein. Der ersonnene Ort ist nicht der wirkliche Ort. So wie die Erinnerung nicht das Ereignis ist, das sie abbildet: Irgendwo gibt es das vielleicht noch, jetzt, in diesem Augenblick, die Kachel, den Feldstein und jenes Gartentor, das offen steht oder nicht.

 
Das Geräusch, mit dem ein Reh sich ankündigt, ist ein kurzes, scharfes Rascheln. Ich wende den Kopf. Die Stirnlampe schlägt den Funken des Augenpaars aus der Finsternis überm aschfahlen Laub. Merkwürdig klein, verharrt es geduckt am Boden, dann aber hochschnellend, setzt es in Bögen davon. Wie lange mag es im Dunkeln verharrt und das herannahende Licht mit wachsender Furcht beäugt haben? Eine Spielfigur in der großen Aufstellung des Waldes, die ich ihm durcheinandergebracht habe.

Der Forst, wo ich laufe, ist kein Wald, sondern eine Fabrik, wo Bäume hergestellt werden, tagsüber; nachts werden sie dann in großen Mengen geklaut. Immer wieder sind die Wege aufgefurcht von Raupenfahrzeugen, fällt der Lichtkegel plötzlich ins Leere einer Rodung, findet meterweit keinen Halt, wo tags zuvor noch in dichter Reihe die Stämme standen. Plötzlich gedämpfte Spiegelungen, Reflexe auf Lack und Glas und blinden Scheinwerferschalen. Ein Harvester, selbst fast so hoch aufragend wie die kümmerlichen Buchenstämmchen ringsum, massiv, träge vor lauter Überlegenheit, gefährlich wie ein schlafender Drache. Geruch nach Schlamm, Dieselöl, Gefahr.

Manche Amseln fliegen nicht auf, wenn ich an ihnen dicht vorbeilaufe, sie flattern nur so ein bißchen mit den Flügeln, als wäre es der Mühe nicht wert; oder als seien sie zu schwer, zu schwarz zum Fliegen, in der Dunkelheit, die sie nicht trägt.

Vielleicht ist die Nacht voller fluglahmer Vögel, festgeheftet am Leim der Dunkelheit.

In völliger Finsternis den Akku der Stirnlampe wechseln. Nach ein paar Sekunden ist es, als hebe sich der Himmel von der schwarzen Erde ab, während die kahlen Baumkronen niederzuschweben scheinen, Aufwärts- und Abwärtsbewegung im Nachlicht auf der Netzhaut. In nicht allzu großer Ferne dröhnt der frühmorgendliche Verkehr; hinter dieser Lärmkulisse, scheint es, hält der Wald den Atem an. Ab und zu entfährt den Räumen ein Tropfen oder ein Rascheln. Sortieren von Spielfiguren.

Am nächsten Morgen im Postfach ein Katalog. „Der Motorsäger. Komfortabel, sicher & günstig durch die Motorsäger-Saison.“

De gustibus

Wissen wir immer, warum wir etwas mögen oder ablehnen? Wurzelt unsere Ablehnung oder Präferenz allein in uns, und wenn ja, wo? Laune der Natur? Frühe Prägung? Positive Verstärkung durch gute Erfahrungen? Und welche Rolle spielt die Werbung und der öffentliche Konsens, wie er beispielsweise beim Schlankheitswahn zu beobachten ist?

Schönheitsideale hat es wohl schon immer gegeben. Interessant dabei ist, daß diese Ideale in Bewegung sind und sich am selben Ort in der Zeit und zur selben Zeit von Ort zu Ort unterscheiden, zu ihrer Zeit und an ihrem Ort dann aber eine beträchtliche Wirkung entfalten. Es kann sich bei ihnen mithin nicht um den Ausdruck überindividuell und überkulturell festgeschriebener (um nicht „biologischer“ sagen zu müssen) Vorlieben handeln. Rätselhaft ist dabei, wie diese Vorlieben dann zustande kommen, und auf welchen Wegen, unter welchen Bedingungen sich welche Vorliebe als gesamtgesellschaftliches Ideal verbreitet und schließlich durchsetzt.

Will ich überhaupt wissen, warum ich etwas schön finde? Gäbe es für meine Vorlieben und Abneigungen eine objektive Erklärung (also keine Erklärung des persönlichen Geschmacks, sondern der außerpersönlichen Ursache), dann hätte ab dem Moment meiner Erkenntnis dieser Erklärung mein Empfinden mit meiner Persönlichkeit, mit meinem unteilbaren Ich nichts mehr zu tun. Subsumierbar geworden unter ein allgemeines Gesetz, wäre es gar nicht mehr meine Vorliebe. Da ich aber meine Vorlieben und Abneigung bin, wäre ich selbst letztlich unter allgemeine Gesetze subsumierbar, und meine Persönlichkeit wäre zum Teufel.

Der Ausweg: Ein Sittengesetz des Geschmacks, das man sich selbst gibt und dem man sich unterwirft, um dem Gesetz der Kausalkette zu entkommen.

Sich eine eigene Meinung bilden, den eigenen Geschmack finden, das ist sehr schwer. So schwer, daß man sich fragen darf, gibt es den überhaupt, den eigenen Geschmack? Eine Meinung ist oberflächlich begründbar (hat aber, argwöhne ich, immer eine emotionale Wurzel, der die Ratio komplett schnuppe ist), ein Geschmack nicht (sonst wäre er eine Meinung). Der Geschmack aber ist diejenige Regel, nach der unsere ästhetischen Reaktionen organisiert sind. Ästhetische Reaktionen, die überhaupt keiner Regel folgen, sind kein Geschmack, sondern Wahllosigkeit. Die Regeln des ästhetischen Rezipierens zu kennen, nutzt dem Rezipienten nichts. Er nimmt sie als die Axiome seiner Persönlichkeit wahr, und muß das auch, andernfalls sein Geist und sein Empfinden nichts weiter wäre als eine formbare Masse. Es darf den Urteilenden gar nicht interessieren, warum er so und nicht anders urteilt. Wer sich indessen für dieses kausale (nicht ästhetische) Warum interessiert, und zwar brennend; wer unbedingt wissen will, wie sich bei wem unter welchen Voraussetzungen und Einflüssen der Geschmack bildet – das ist die Werbeindustrie.

Schon jetzt wird ja mit Fleiß daran gearbeitet, den Menschen maschinenlesbar zu machen, wozu auch die Ableitung seines Geschmacks (und das heißt heute doch immer: seiner zukünftigen Kaufentscheidungen) zählt. Warum aber wäre es schlimm, wenn uns eine Maschine auf den Kopf zusagen könnte, was wir mögen? Weil wir dann dort, wo wir es selbst nicht begründen können, von außen begründet werden. Es gäbe keine Überraschungen mehr. Es gäbe keine Faszination über eine neue Faszination mehr. Wir könnten uns selbst nicht mehr entdecken und nicht entwickeln. Wir wären nicht mehr der Urheber, nicht mehr der Träger unseres Geschmacks. Und das wäre so gut, wie gar keinen Geschmack zu haben.

 
Der Himmel, wie er zwischen den ausgedünnten Wolken hervorschimmert, so blaß, als müßte er sich, nach Tagen des Im-Flachen-Dümpelns, erst seiner alten Tiefe entsinnen.

Die Wege und Flußadern und Meeresküsten in den Atlanten des Laubs. Noch einmal Muskelspiel der Farben, schon ausgezählt.

Ich habe jemanden enttäuscht. Das bedeutet immer auch: mich selbst. Ich weiß es noch nicht, während ich durch den Herbst laufe wie durch ein nicht ganz artgerechtes Vivarium, noch glaube ich mich meiner Unabhängigkeit wirklich zu freuen, aber der Abend wird in Tränen enden.

Nichts kommt näher, nichts entfernt sich. Um von einem Ende des Felds zum andern zu gelangen, verbrauchen Spaziergänger das Licht eines ganzen Nachmittags. Die Gesicher bleiben helle Flecke, die Scholle keucht dunkel, das Rascheln von Schritten trägt Meilen. Irgendwo hinter den Wipfeln haben Krähen zu tun. Kinderwagen zählen, und Hunde.

Die Wolken sind gespannte Schleudern. Die Ladung ist Wind.

Mitnotiert: zunehmende Dunkelheit

Daß es immer dunkler wird, merke ich inzwischen nicht mehr beim Loslaufen sondern beim Heimkommen. Sieben Uhr und immer noch dämmrig. Dieselbe Stunde, die im Sommer voller Leben war, fühlt sich jetzt desolat an. Selbst die Mitternacht im Juni, scheint es, ist nicht so finster wie fünf oder sechs Uhr früh Ende September. Von Mittwinter zu schweigen, wo im Grunde selbst der Mittag nur eine kurze Pause zwischen zwei langen Mitternachten ist. Was noch lebt, schenkt sich her, taumelt einer letzten Sonne entgegen, verausgabt die letzten Flügelschläge, gibt sich hin, einer Straßenlaterne, einem Autoscheinwerfer, der Stirnlampe. Als risse für einen Moment die Struktur des Dunkels entzwei, zerschlitzt an einer winzigen Naht von einem sterbenden Falterflügel.

Dann ist es aber nicht die Morgendämmerung, die das erste Licht an den wolkenverhangenen Himmel wirft, sondern der gelbliche Streif im Norden stammt von den Lichtern der Raffinerie in Wesseling. Zurückgeworfen von den tiefhängenden Wolken, sieht das Licht aus, als regne dort Schwefel herab. Ausgerechnet in diesem Moment heult eine Feuerwehrsirene los. Alle Lichter der Ebene scheinen schockstarr stehen zu bleiben. Nur eine Ampel wechselt noch von rot auf grün, aber niemand fährt. Nach ein paar Minuten, die Sirene ist eben verstummt, ertönen die Signalhörner von Einsatzwagen. Das Dunkel verformt die Wahrnehmung. Es scheint, als könnten echte Katastrophen nur in der Morgendämmerung stattfinden.

Losgehen in Dunkelheit, steifbeinig vor Schlafmangel im Schein der Stirnlampe über die Blöcke eines Moränendamms staksen, während voraus, wie dümpelnd in einer See aus Finsternis, sich die Kette der übrigen Lampen den Gletscher hinaufzieht, manchmal hört man das Klappern eines Pickels, das Rieseln von Eis; oder den Reißverschluß des Zeltes aufziehen, hinausleuchten, geblendet vom Widerschein der Lampe auf den Atemwölkchen; es scheint, als müsse jegliche Helligkeit aus dem Zelt in die Nacht ausfließen und für immer entweichen; oder mit dem Fahrrad unter eiskaltem Sternenhimmel über die Feldwege zur Arbeit, links die Kammlinie der Berge, durch den Saum eines schwachen Schimmers vom Himmel abgesetzte Massen, als drängelten sich dahinter Sterne, begierig, nach oben zu kommen. Bei Dunkelheit aufbrechen hat etwas Befreiendes, es ist, als bekäme man endlich etwas zu tun, ein Mittel in die Hand gegen die Dunkelheit; als können man das Licht herbeilaufen. In der Dunkelheit anzukommen ist dagegen niederschmetternd.

Die kolossale Wucht totaler Dunkelheit, wann erfährt man die noch? Die Hand nicht mehr vor Augen sehen – für die meisten von uns ist das eine leere Phrase, die keinerlei Erfahrung aufruft. Das dunkelste, was der städtebewohnende Mensch erlebt, ist der Kinosaal zwischen dem Erlöschen des Lichts und dem Beginn des Films. Und in einer Vorortstraße denkt man, das ist jetzt dunkel, dabei kann man höchstens den Himmel meinen, oder daß halt nacht ist, denn dunkel ist es keineswegs. Und dann verläßt man den Strahlungsbereich der letzten Laterne und biegt auf den Feldweg ein und denkt, na, jetzt ist es aber dunkel. Dunkel ist es aber immer noch nicht. Streulicht schwappt aus den besiedelten und ausgeleuchteten Zonen bis ins Feld, wird von den Wolken zurückgeworfen, pflanzt sich in Dunst fort, mogelt sich an unterschiedlich dichten Luftschichten entlang. Wirklich dunkel wird es erst unterm geschlossenen Kronendach des Waldes.

Seltsam, daß ich nie von Dunkelheit träume. Es gibt Menschen, bei denen brennt tag und nacht Licht, selbst zum Schlafen wird es nicht gelöscht, ein Lämpchen zumindest muß berennen. Ich habe mal einen gekannt, der konnte ohne die bewegten Bilder eines stumm geschalteten Fernsehers nicht schlafen. „Ich brauche immer ein bißchen Leben um mich herum.“ So ein Dauerlicht und noch dazu ein bewegtes, das wäre eine Methode, mich subtil zu foltern. Ich habe mich schon als Kind nie vor der Dunkelheit gefürchtet. Daß unter meinem Bett Monster wohnen könnten, der Gedanke kam mir nicht einmal. Ich mochte auch gerne allein gelassen werden in der Dunkelheit. Niemand mußte an meinem Bett singen, damit ich schliefe, oder um mir die Nacht freundlich zu machen. Auf die Toilette bin ich immer im Dunkeln gegangen. Das ist insofern seltsam, als ich ein furchtbar ängstlicher Mensch bin. Ich habe vor tausenderlei Dingen Angst. Die Dunkelheit gehört nicht dazu.

Dunkelheit ist wie Stille ein Fehlen von Reiz, das für manche Menschen etwas Bedrückendes hat. Beide, Dunkelheit und Stille, befruchten einander aber. Die Dunkelheit gibt die Dinge anders zu schauen; die Stille erweitert den Raum alles Hörbaren. Die Stille gibt dem Raum Substanz; die Dunkelheit der Luft. Die Dunkelheit vermengt die Entfernungen; die Stille macht sie deutlich. Man muß sich einlassen, auf die Dunkelheit wie auf die Stille. Die Dunkelheit macht, daß wir den ganzen Müll plötzlich überscharf sehen, mit dem unsere Augen zugehängt und zugestellt sind; und um die Stille zu hören, muß man erst einmal die Ohren von all dem Geschepper befreien, mit dem sie beständig verstopft sind, weil des Lärmens nirgends ein Ende ist. Wer das nicht erträgt, wer diesen inneren Müll in Ohr und Auge nicht loswird, der überdeckt ihn lieber mit neuem Müll, aus dem Radio, aus Kopfhörern und Laptop-Sounkarten; oder er starrt stundenlang auf einen Bildschirm, der immer schon ein neues Bild auswirft, noch bevor das erste verdaut ist. Stille aber hat etwas Reinigendes, Dunkelheit auch. Sie befreien, sie beruhigen, sie erlösen.

Auf dem Rückweg gibt es eine Stelle, wo einen die Nacht plötzlich aus den Höhen des Villerückens entläßt und mit einem sanften Schubs an den Rand der Ebene befördert, und wenn sich unter einem dann die Lichter spreizen, die Straßenzüge sich strecken, die Autoscheinwerfer hin und her streben, Ampeln bewußtlos ihre Lichter wechseln, Logistikzentren und Gewerbegebiete sich ducken, angestrahlt wie Justizvollzugsanstalten – dann hat sich das Vertraute und das Fremde umgekehrt, und das Gewirr aus Lichtern da unten ist plötzlich kein Ort, an den man heimkehrt, sondern das Land, wo man sein Exil verbringt.