Wie vergessener Schmuck in einer verschlossenen Schublade im dunkelsten Zimmer eines langsam verfallenden Hauses: so verstummen die Eulenrufe im Wald.

Mit schwarzen Schnäbeln hackt der Wind nach dem Schnee. Im Feld toben die Steine, wühlen sich durch den Acker, kratzen Narben in den Grund, jagen einander die höchstrangigen Stellen ab. Unter einem Himmel aus Eis schwimmt die Sonne im kahlen Pappelstrom davon.

Spuren und Nähte, Geflicktes und Wiederaufgebrochenes, aus den Wiesensäumen quillt die Füllung ans sumpfige Licht. Weiden knirschen mit den Zähnen. Schatten haben Schaum im Mundwinkel.

Wissenden Blicks wie Mumien kochen die Brombeeren Sonnenuntergänge ein in ihren hellen Grabkammern aus Wind.

Gedankenbibliothek

Ich laufe. Ich laufe in gemessenem Tempo. Ich laufe durch die Schwärze des frühen Wintermorgens. Durch den Wald laufe ich, schaue nach rechts und links, und die Stämme, gelockt von der Stirnlampe, treten aus der Dunkelheit heraus wie neugierige Geister. Zum gemessenen Tempo gehören gemessene Gedanken, Gedanken, die Zeit haben, Gedanken, die Muße haben, Gedanken, die zu Fuß gehen. Die Umgebung ist eine Kulisse, die nichts erfordert. Kein Autoverkehr durchkreuzt meine Spur. Keine Verkehrszeichen erfordern meine Aufmerksamkeit. Der Wald macht mir wohlwollend Platz. Den Weg kenne ich fast im Schlaf. Bestünde nicht die Gefahr des Stolperns, könnte ich den Weg ohne Licht laufen. Aber auch wenn die Füße sicher ihren Weg finden, in den Gedanken kann man sich verheddern und verrennen.

Es liegt eine große Kunst darin, das Richtige zu denken. Das beste wäre, man zieht einen Gedanken zum Denken wie zum Lesen ein Buch aus dem Regal. Falsche Gedanken können langweilig, ermüdend oder nervtötend sein; sie können aber auch verstören, Mut rauben oder schlechte Laune verbreiten. Ein guter Gedanke dagegen unterhält wie ein gutes Buch. Und wie ein gutes Buch zu weiteren Büchern führt, öffnet der gute Gedanken Räume zu weiteren guten Gedanken.

Leider stehen Gedanken aber nicht wohlgeordnet (oder wenigstens gut voneinander geschieden und ansprechbar) im Regal. Tatsächlich frage ich mich, wenn sie schon nicht geordnet sind, wie sie angeordnet sind. Bücher drängeln sich auch nicht vor; aber Gedanken haben die nervtötende Angewohnheit, sich ungebeten in die erste Reihe zu stellen. Weit davon entfernt, gute Gedanken zu sein, gehören zu den vorlauten Gedanken oft im Gegenteil die allerschlimmsten.

Ein dummes Buch läßt sich jederzeit zuklappen, ein dummer Gedanke aber, einmal aufgetaucht, ist kaum wieder wegzuschieben. Wenn es schon sehr schwierig ist, an etwas anderes zu denken, so ist es nahezu unmöglich, überhaupt nicht zu denken. Keinen Gedanken zu haben kann man sich eigentlich nicht vorstellen, denn schon die Vorstellung wäre ein Gedanke.

Selten gelingt eine so tiefe Konzentration beim Laufen, daß ich mich nicht mehr erinnern kann, an einem zurückliegenden Wegabschnitt vorbeigekommen zu sein. Welche Gedanken eignen sich besonders zur Versenkung? Verseschmieden: Während ich an einer Gedichtzeile herumfeile, bis Reim und Rhythmus stimmen, bin ich sowohl in mir drin als außerhalb von mir selbst. Ich bewege mich mit den Gedanken in einem Raum der Sprache, während meine Füße von selbst, und ohne daß ich den Befehl zum Abbiegen geben muß, meine Runde ablaufen. Solches inneres Arbeiten gehört zu den guten Gedanken, versetzt aber in eine gewisse Unruhe, weil man, was man nach längerem Probieren endlich gefunden hat, auch noch heil nach Hause bringen muß, während sich der nächste Vers auch schon halb formt und im Gedächtnis behalten werden will. So etwas kann in Arbeit ausarten, auch wenn man natürlich glücklich ist, wenn einem überhaupt was einfällt.

Schon besser für das innere Abtauchen geeignet ist die Mathematik. Manchmal vergegenwärtige ich mir einfache mathematische Zusammenhänge, versuche mich an das Heron-Verfahren zum Wurzelziehen zu erinnern oder memoriere den Beweis, daß es unendlich viele Primzahlen gibt. Sehr einfache Dinge, aber sie halten mich ein paar Kilometer davon ab, Unbequemes oder gar Schlechtes zu denken.

Schlechte Gedanken kommen von alleine. Ungerufen, sind sie schon lange da, bevor man sie überhaupt bemerkt. Haben sich eingeschlichen, ohne zu klingeln oder die Füße an der Matte abzustreifen. Die Hintertür stand auf, die Terrassentür, die Kellertür, und ehe ich es recht merke, sitzen sie mit einem Glas Wermut im Wohnzimmer, grinsen frech und verwickeln mich in die hitzigsten Diskussionen. Gegner, Feinde, denen ich selbst Stimmen verleihe, um sie dann niederzubrüllen. Ich bin Wort und Widerwort in einem, bin mir mein eigener Feind, fuchtele in der stillen Morgenluft herum, komme außer Atem, verziehe das Gesicht, es ist anstrengend, ärgerlich und so nervenaufreibend, daß ich manchmal richtig schlecht gelaunt vom Laufen nach Hause komme. Es heißt immer, Sport baue Streßhormone ab. Ich kann das nicht bestätigen. Ein zwei Stunden nichts zu tun zu haben bedeutet, den Kopf freizuhaben für die widerlichsten Arenen.

Da hilft dann manchmal wirklich nur noch ein Gedicht.

Ich verstehe, daß manche Menschen sich permanent ablenken müssen. Radio, Fernseh, Internet, nur um sich nicht mit den eigenen Gedanken abgeben zu müssen. Nicht, um die äußere Stille zu verscheuchen drücken sie aufs Knöpfchen, sondern um den Lärm im Innern zu übertönen. Solche Leute gehen auch in Gruppen laufen. Um zu quatschen. Dann quatschen sie nicht beim Laufen, dann laufen sie beim Quatschen, daß man es im ganzen Wald hören kann. Quatschen bei knappem Atem, das gibt ein ganz charakteristisches Geräusch, so ein bellendes Herausstoßen von möglichst vielen Silben zwischen den schnellen Atemzügen. Natürlich geht es dabei um mehr als ums Quatschen, es geht darum zu zeigen, wie überaus gut in Form man ist: Da ist, japs, noch, japs, Atem übr, japs, ig, um zu reden. Gott, was sind diese Leute cool.

Ich mache so etwas nicht, für mich besteht der Sinn des Laufens unter anderem darin, daß ich alleine bin. Meine Gedanken, wenn ich Pech habe, stören mich schon genug, da kann ich mich nicht auch noch mit Mitläufern befassen.

Am besten ist es – aber es gelingt nur sehr selten – wenn ich mir beim Laufen Geschichten erzähle. Für Geschichten braucht man ein gutes Auge und ein scharfes Gehör. Oft sieht man sie nur von hinten, ihren Schluß. Oder sie zeigen die Schnurrhaare ihres Anfangs, und dann, raschelraschel, sind sie wieder weg, und man steht da mit dem Anfang von Geschichten und weiß nicht weiter. Geschichten sind empfindlich, sind bei ihrem Entstehen zarte Gebilde, zarter als die Geister von Verstorbenen, schwerer faßbar als Geister von zukünftigen Menschen, man könnte sagen, sie sind scheu, flüchtiger als die Rehe, die manchmal im Morgengrauen unter den Schemen von Weiden und Weißdorn vor mir reißaus nehmen.

Abseits. Kein Lauf

Der Morgen hoch, fern und still, einsam balancierend, wie Wind auf der Spitze von Türmen. Nicht mehr fiebernd aber noch krank, denke ich mir die Wege. Es verursacht leichten Schwindel zu denken: Die Wege sind auch ohne mich da. Ich stelle mir vor, wie sie sich im Dunkel verzweigen, überkreuzen, in sich selbst zurücklaufen, abseits von Zeichen und Weisern im Unterholz liegenbleiben oder quer übers Feld einem Schwarm Raben folgen. Die Nacht der Wege ist dieselbe wie die hier vor den Scheiben. Ich liege im Bett und trinke den Morgenkaffee. Oben, auf dem Villerücken, ist eine Wiese, und auf dieser Wiese ein Apfelbäumchen. Wie mag es dort jetzt, in diesem Moment, aussehen? Ich könnte aufstehen, hochlaufen und nachsehen. Der Baum wäre zuverlässig da. Auffindbar, in der Welt. Aber.

Nicht aufzustehen und loszulaufen hat etwas von einer Regelwidrigkeit. Es ist wie im Gottesdienst an der falschen Stelle aufzustehen oder sich zu setzen. Wie Schuleschwänzen. Man ist fehl. Dort, wo man sein müßte, fehlt man, hier, wo man ist, ist man fehl am Platz: Die Stadt wird inzwischen von ganz anderen Wesen bewohnt. Alles starrt mich an, was ich hier verloren habe. Selbst die eigenen vier Wände schauen mich an, als fühlten sie sich durch meine Anwesenheit gestört. Als wäre ich in die Probe eines absolut unbegreiflichen Stücks geraten. Die Fenster werden hell. Ich begreife, daß sie darauf warten, daß ich endlich verschwinde aus diesem kühlen Innenraum, der ihnen zu dieser Stunde alleine gehört. Allein, hohl, hallend und weitläufig leer, wie die falsche, die Gangseite des Klassenzimmers, all der Klassenzimmer, nachdem es zur Stunde geklingelt hat. Nie hingen die Jacken lebloser und sinnloser an ihren Haken.

Es ist, als wäre das Wasser eines tiefen Sees abgelassen, und nun fänden sich am Grund die unglaublichsten Dinge. Dinge, die durch ihre Vereinzelung plötzlich ein intensiveres Dasein bekommen, wie ein Schornsteinfeger in einer Backstube oder ein Feuerwehrmann in voller Montur in einer Sauna. Eine Badewanne voller Schlamm. Ein Lenkrad. Ein Zahnarztstuhl. Eine Glasvitrine voller Gläser und verrutschter Untertassen. Dinge für sich allein, unbeobachtet, haben mich schon als Kind fasziniert. Es konnte etwa passieren, daß ich am Morgen der Heimreise vom Urlaubsort ein Detail meiner Umgebung fixierte, eine Terrassenkachel, einen flachen Feldstein, ein Gartentor, und mich in den Gedanken versenkte, daß Kachel, Stein oder Tor auch heute abend noch da wären, wenn meine Blicke davon schon lange abgezogen wären, ich längst fort, und hunderte Kilometer entfernt wäre; und daß mir dann an meinem entfernten Ort dieses Kachel wieder einfallen würde, so daß das, was mir jetzt noch lebendig und verfügbar und nahe vor Augen stand, zwar nicht weniger real als jetzt, aber unzugänglich weit entfernt sein würde. Eine ganz andere Welt! Zwei Welten, und ich bewegte mich von einer zur anderen, doch stets so, daß sie sich in ihrer Wirklichkeit nie würden zur Deckung bringen lassen. Dieser Gedanke verursachte mir stets ein sanftes Grauen, von dem ich bis heute nicht weiß, ob es angenehm gewesen ist oder nicht. Natürlich kann man sich solchen von jeder Beobachtung isolierten, weit entfernten, in sich selbst versunkenen Gegenständen niemals nähern. Man kann nie wissen, wie sie wirklich sind, und wirklich heißt: Unabhängig von ihrer Beobachtung. Denn näherte man sich ihnen, dann wären sie ja nicht mehr unbeobachtet. Zugänglich sind diese einsamen Gegenstände und Orte einzig durch die Sprache, durch die Imagination. Und ihren grauenhaften Zauber haben sie nur kraft der Entrücktheit und der Ambivalenz, daß sie zwar real aber unverfügbar weit entfernt sind.

Ich werde also nie wissen, wie der Weg wirklich ist. Der Apfelbaum auf der Wiese am Scheitel der Straße, er ist eben nicht auffindbar, nicht als derjenige Apfelbaum, den ich mir vorstelle, wenn ich unpäßlich im Bett liegen bleibe. Die Orte fliehen, die Wege. Man holt seinen Weg niemals ein. Der ersonnene Ort ist nicht der wirkliche Ort. So wie die Erinnerung nicht das Ereignis ist, das sie abbildet: Irgendwo gibt es das vielleicht noch, jetzt, in diesem Augenblick, die Kachel, den Feldstein und jenes Gartentor, das offen steht oder nicht.

 
Das Geräusch, mit dem ein Reh sich ankündigt, ist ein kurzes, scharfes Rascheln. Ich wende den Kopf. Die Stirnlampe schlägt den Funken des Augenpaars aus der Finsternis überm aschfahlen Laub. Merkwürdig klein, verharrt es geduckt am Boden, dann aber hochschnellend, setzt es in Bögen davon. Wie lange mag es im Dunkeln verharrt und das herannahende Licht mit wachsender Furcht beäugt haben? Eine Spielfigur in der großen Aufstellung des Waldes, die ich ihm durcheinandergebracht habe.

Der Forst, wo ich laufe, ist kein Wald, sondern eine Fabrik, wo Bäume hergestellt werden, tagsüber; nachts werden sie dann in großen Mengen geklaut. Immer wieder sind die Wege aufgefurcht von Raupenfahrzeugen, fällt der Lichtkegel plötzlich ins Leere einer Rodung, findet meterweit keinen Halt, wo tags zuvor noch in dichter Reihe die Stämme standen. Plötzlich gedämpfte Spiegelungen, Reflexe auf Lack und Glas und blinden Scheinwerferschalen. Ein Harvester, selbst fast so hoch aufragend wie die kümmerlichen Buchenstämmchen ringsum, massiv, träge vor lauter Überlegenheit, gefährlich wie ein schlafender Drache. Geruch nach Schlamm, Dieselöl, Gefahr.

Manche Amseln fliegen nicht auf, wenn ich an ihnen dicht vorbeilaufe, sie flattern nur so ein bißchen mit den Flügeln, als wäre es der Mühe nicht wert; oder als seien sie zu schwer, zu schwarz zum Fliegen, in der Dunkelheit, die sie nicht trägt.

Vielleicht ist die Nacht voller fluglahmer Vögel, festgeheftet am Leim der Dunkelheit.

In völliger Finsternis den Akku der Stirnlampe wechseln. Nach ein paar Sekunden ist es, als hebe sich der Himmel von der schwarzen Erde ab, während die kahlen Baumkronen niederzuschweben scheinen, Aufwärts- und Abwärtsbewegung im Nachlicht auf der Netzhaut. In nicht allzu großer Ferne dröhnt der frühmorgendliche Verkehr; hinter dieser Lärmkulisse, scheint es, hält der Wald den Atem an. Ab und zu entfährt den Räumen ein Tropfen oder ein Rascheln. Sortieren von Spielfiguren.

Am nächsten Morgen im Postfach ein Katalog. „Der Motorsäger. Komfortabel, sicher & günstig durch die Motorsäger-Saison.“

Mitnotiert: Hunderunde

Noch einmal hat der Sommer zugenommen, wie ein Feiernder, der ein letztes Mal die Flasche ansetzt, obwohl der Morgen schon graut, das Hemd nicht mehr sitzt und die Wege nach Hause weit sind. Einer hat schon den Kopf auf des andern Schulter gebettet, ein dritter seine Schuhe ausgezogen und die Füße auf den Sitz gegenüber abgelegt. Ein Weg verschwindet im Unterholz, wie um in Abgeschiedenheit die Notdurft zu verrichten, der Himmel schaut weg, hebt sich kaum über den Horizont. Das Grün, dieses müde, aufgedunsene Grün, etwas zu farbig, wie hängende Tränensäcke, hat die Abteiltür geschlossen, die Vorhänge zugezogen, das Licht ausgemacht. Auf Zehenspitzen gehen die Pilze. Die Vögel sind still oder schon am Abend nach Hause gegangen.

Obwohl es inzwischen um sechs noch dämmrig ist, gibt es immer noch Frühaufsteher, die Hunderundenrundgänger, auf dem Feldweg bei Heimerzheim schlendern gleich drei von ihnen, einer in der typischen Kopfhaltung, früher hätte man sich gefragt, was macht der da, Nägel lackieren? Vokabeln lernen? Horoskope lesen? Kompaß gucken? Zu keiner dieser Vermutungen hätte die Geste richtig gepaßt. Heute weiß man sofort, der starrt auf sein Schächtelchen. Es gibt Körperhaltungen, die so eng mit einer bestimmten Kultur verbunden sind, daß sie in einer anderen, könnte man vermuten, seltsam wirken müßten, verschroben, ja, verstörend. Man denke etwa an die typische Haltung, zu der man sich zwingen muß, wenn man ein Telephon unters Kinn klemmt und gleichzeitig eine Computertastatur bedient. Man hat es so oft gesehen, es stellt sich sofort ein Bild dazu ein. Noch vor ein paar Jahrzehnten hätte es die ganze Situation, zu der Bilder sich hätten einstellen können, gar nicht gegeben. Oder man denke an den Griff zur Maus, an das angestrengte Vorbeugen am Bildschirm, an die zusammengekniffenen Augen. Man denke an den raschen Griff über die Schulter, das anschließende langsamere schräg über die Brust laufende Sinken der Hand, wenn man im Auto den Sicherheitsgurt anlegt. Da ich nicht zu dieser Kultur gehöre, befremdet mich die Haltung der Schächtelchengucker weiterhin, auch wenn ich inzwischen gelernt habe, sie zu deuten.

Jenseits der Hunderunde: kein Mensch mehr. Der Wald gehört mir allein, und niemand weiß, wo ich bin. Etwas Träges haftet den Dingen an, eine zähe Schlammigkeit, die Luft ist kühl, aber nicht wirklich frisch, das Licht gefiltert wie unter der Entengrütze eines schalen Tümpels. Auch das Gelb der zahlreichen Greiskrautarten ist brüchig, blättert ab, hinterläßt Flecken von farblosem Welksein. Noch zwei Wochen, vielleicht drei, wird das Grün zunehmen, noch mehr anschwellen und dabei noch müder werden. Die Flure lauschen. In der Nähe fließt Wasser, irgendwo tropft ein Hahn. Wege wie ausgeleerte Taschen, der letzte Kreuzer ausgegeben oder verloren, was willst du hier, geh nach Hause.

Und irgendwo hinter den Sträuchern warten sie bereits, die Hand am Abzug, das Visier heruntergeklappt – die Warnwestenmänner mit ihren Motorsägen.

Mitnotiert: Spätsommer

Pilze, Pilze, wie Pockenpusteln der Erde, grün, grau, blutunterlaufen, geschwollen, verschlagen, wie mit unausprechlichem Effluvium gefüllt. Ein Gang durch den Wald, den Bach am Handgelenk schlackernd, Kopf im Fell, Augen verlieren sich im Unterholz, ein Mund voll bitteren Laubs und die Ferne zwischen zwei Fichten gezwängt und gemartert. Man kann hier nicht bleiben.

Bäume blicken sich beschämt auf die Füße. Hallen von Grün, wie leblose Blasebälge, stumme, eingerostete Windwerke des Sommers. Eine Tür geht auf, und man steht in einem Saal, in dem der Herbst geprobt wird. Generalprobe, die Premiere ist morgen oder übermorgen, bald jedenfalls. Frechheit, Frechheit, rufen die Vogel im Davonzucken.

Nur ein Pflaumensteinspucken entfernt ist das verlorene, vergessene, liegengebliebene Leben. Wenn die Sonne durch den Nebel fegt, klebt der späte Sommer unterm Gaumen, süß, gelb und ein bißchen müde, wie nicht mehr ganz ernst gemeinte Küsse. Ich vermisse die Nähe von allem, zu allem. Ich nehme deine Hand, aber wie sehr ich mich auch konzentriere, Hand, Hand, Hand, es gelingt mir nicht, nahe zu sein, irgendwem, irgendetwas. Ich bin entfernt und schaue aus dieser Ferne zu, lese uns wie in einem Buch. Die Sehnsucht ist so, als wollte ich mit deinen Lungen atmen, mich selbst küssen mit deinen Lippen. Die Sehnsucht nach einer Jahreszeit, die nie kommen wird, und an ihre Stelle tritt doch wieder nur das alte Jahr.

Ein Aufschub, Reste. Vom Jahr, vom Leben, von der Zeit selbst. Zeitweise die Einbildung, daß alles noch weiter geht, und daß morgen mehr oder weniger so sein wird wie heute, nächstes Jahr so ähnlich wie dieses. Ein Irrtum. Unterm nikotinbraunen Laub der Kastanien, das sich krümmt, als wäre der Baum in etwas Ekelhaftes getreten, ein Busunterstand, verstaubt, versponnen wie eine Larve, aus der nichts wurde, die Vergeblichkeit längst abgelaufener Fahrpläne, endgültig wie Losnieten. Man duckt sich, man rüttelt am Gehäuse, man kaut bedächtig eine grüne Pflaume, es hilft alles nichts. Zuletzt stapfen wir über ein Feld, endlose Böschungen, endloser Matsch, streberhafter Mais rechts, links die Pläne des frühen Abends, und die Luft ist eine Jacke, die nicht warm hält. Eine Absperrung, gegenüber ein Hang, ein brütender Hochsitz, ein Rabe im Wipfel eines Ahorns. Da eilt das Jahr, als gäbe es am Ende ein Zuhause für die Tage, ein Ausruhen fürs Wetter, ein Zurückzählen des Kalenders auf eine schweigende, ruhende Null, ein Münden in Frieden, aber so wird es ja nicht sein. Dort, wo wir ankommen sollten, sind wir schon entlassen (wo wir glaubten, erst begrüßt zu sein), wir sind mit der Sehnsucht allein und mit der Liebe, und immer, immer stehen wir am Anfang der Zeit. Wir sehen uns um. Die Füße sind naß, die Hosensäume verschlammt, die Ellenbogen kalt, im Tal schlagen Glocken, der Rabe schwankt und ruft, und da ist es, als dürften wir hier eigentlich längst nicht mehr sein, als hätten wir hier niemals hingehört.

Frühprotokoll: Wider das Interessieren

Es ist dunkel jetzt um fünf, stockfinster, still, die Räume nachdenklich ins Weite gespannt, eine Weite, aus der vereinzelt Regentropfen fallen. Der Nachrichtensprecher verkündet Tode, Schwert und Verderben, ich lasse ihn reden. Es ist immer das gleiche. Es ödet mich an, es ist mir gleichgültig. Als hätte ich die Pflicht zur Entrüstung! Die Pflicht, depressiv zu werden.

Ich bemitleide alle Menschen, die sich von Berufs wegen für etwas interessieren müssen. Immobilienpreise, Software-Updates, Blasenkatheter, DIN-Normen, Sicherheitslücken, Darmzotten, kubisch-zentrierte Kristallgitter, kraftschlüssige Verbindungen, Fußballergebnisse, Brandschutzverordnungen, relationale Datenbanken, laktosefreie Ernährung, Fix-A-Glut Schnellbindezement mit extrasanft modulierter Siccationsphase, doppelte Buchführung, vierlagiges Toilettenpapier mit Minzgeschmack, einzeln aufgehängte und kreuzweise verspannte Federmuffen. Was für eine Freiheit liegt darin, sagen zu können, das interessiert mich nicht. Was für eine Erlösung, sich nicht zu interessieren. Vor Jahren einmal Marcel Reich-Ranicki in einem Interview: „Die angloamerrrikanische Literraturr interrethiert mich nicht.“ Herrlich. Ich glaube, das war letzten Endes das, was jedem meiner Berufswünsche zugrunde lag: die Freiheit, einmal das tun zu können, was mich interessiert, den Rest mit einem „Interessiert mich nicht“ ungestraft von der Tischplatte fegen zu dürfen. „Die Brandschutthverordnung interrethiert mich nicht“ – Wunderbar.

Ich stelle fest: Das meiste interessiert mich wirklich nicht. Ich beobachte das im Vergleich mit anderen. Da gibt es einen Freund, der alles ausprobieren muß, einzig um der Erfahrung willen. Neugierig wie eine Elster, findet er fast alles, das er noch nicht kennt, erst einmal spannend. Das ist mir völlig fremd. Ich bin leicht überfordert und ebenso leicht unterfordert. Einige wenige Erfahrungen, Vollzüge, Erlebnisse sind mir so wichtig, daß mir die Zeit für etwas anderes, das ich noch nicht kenne, zu schade ist. Was, wenn es mich enttäuscht? Und wahrscheinlich wird es das. Die meisten Erfahrungen langweilen mich nämlich innerhalb von Minuten. Bei anderen weiß ich zuversichtlich, daß sie mir nicht behagen werden. Ich werde nie freiwillig in den Wagen einer Achterbahn steigen. Oder mit einem Gleitschirm fliegen. Ich muß auch Island nie gesehen haben, oder mit Druckluft tauchen. Schnorcheln reicht völlig. Nach fünf Minuten wird mir ohnehin kalt. Ich dachte auch einmal, man müßte, man mußte doch. Was alle sagten und dachten: Gereist sein, Länder und Menschen kennengelernt haben, man mußte doch Drogen ausprobiert, Nächte durchgetanzt, ein Open-Air-Konzert besucht, Sex am Strand gehabt, in einer Kommune gehaust haben, mit dem Tretboot in Sandalen über den Atlantik gefahren oder auf Rollschuhen den Aletschgletscher hinuntergefahren sein. Man mußte, man mußte! Sonst? Ja, was eigentlich? Hatte man dann etwas verpaßt? Es waren die Jahre, in denen man den Film Dead Poet’s Society gut finden mußte. Ich fand ihn gut. Damals. Heute finde ich ihn verlogen, ideologisch, falsch in seiner unüberlegten Hau-Ruck-Philosophie. Vom Kitsch zu schweigen.

Vielleicht ist aber auch das ein Luxus. Man mußt erst einmal so viel erlebt haben wie ich, um sagen zu können, im Tretboot über den Atlantik interrethiert mich nicht. Ich habe den ganzen Quatsch (mit Ausnahmen) ja mitgemacht, den man angeblich mußte. Trotzdem ärgert mich das Gehabe von damals noch heute. Als wäre das Jungsein eine Verpflichtung gewesen. Mich ärgert, daß ich so beeinflußbar war.

Neuweg, Apfelmaar, die letzten Regentropfen, südwestlich blauer Himmel mit Schäfchenwolken. Wind- und Vogelstille. Wie ein Fingerschnippen des Laubs manchmal ein davonstiebender Flügelschlag. Kurze, scharfe Rufe. Träges Arbeiten eines Bussards, der vor mir flieht, über die Wiese strebt, sich hunderte Meter entfernt niederläßt. Ein Mann kommt zur stillen Andacht an ein Wegekreuz, wir grüßen uns. Der Wald ist still und brütet, das Unterholz leer, die Hallen haben Ferien. Himmel, Tropfen, Pfützen, Schuppen eines Lärchenzapfens, die Hundspetersilie am Wegrand, das grüne Gähnen der Straße, ein Pilz, den ich nicht kenne, das ist Raum und Erfahrung genug für mich. Zuhause das Radio, schweigt mich an, beleidigt, schmollend, und doch im Bewußtsein des längeren Atems der äußeren, größeren Welt.

(Erst bei den Pferdeweiden ist mir der Traum wieder eingefallen. Ein Pferd schubberte zärtlich mit der Schnauze an meinem Knie oder Oberarm entlang, eine Geste so voll von Freundlichkeit und Vertrauen, daß ich die beiden echten Pferde auf der Weide am liebsten umarmt hätte. Ich habe wiederkehrende Tierträume, angenehme wie unangenehme. In den unangenehmen muß ich mich immer größer werdender Spinnen erwehren. In den angenehmen begegnen mir meist Hunde, selten Mäuse, und jetzt ausnahmsweise ein Pferd. Das begleitende, die Stimmung des Traums dominierende Gefühl ist das der Herzenshingabe. Diese Tiere vertrauen mir, nähern sich mir oder sind eng bei mir in freundlichen Absichten. Manchmal berühren sie mich. Manchmal schauen sie mich nur an. Es sind unabhängige, freie Wesen, die mir zugeneigt sind, mich aber nicht brauchen. Trotzdem ist etwas Verletzliches an diesen Tieren, man muß gut zu ihnen sein, sie schützen. Eine Gefahr, vor der sie zu schützen wären, gibt es nicht in diesen Träumen, kein Bedarf, zu handeln. Die Tiere sind da, ruhig, gelassen, meine Nähe suchend. Das ist alles. Und es ist wunderschön.)

Frühprotokoll: Freiheit und Sehnsucht

Noch einmal laufen und immer wieder laufen, ich denke nicht darüber nach, wo andere erst lange von Motivation reden, reibe ich mir die Augen, stöhne leise und schlage dann die Bettdecke weg. Kaffee kochen, Mails lesen, Zähneputzen. Und los. Ich diskutiere nicht mit mir. Wenn es regnet, fluche ich, aber ich bleibe nicht zu Hause. Es ist wie Zähneputzen oder Duschen. Man tut es halt, mal lieber, mal weniger gern, auch gegen den Widerwillen. Weil man das halt so macht. Wer spricht von wollen? Tun ist alles. Ich aber genieße es, mein Tun in niemandes Dienst zu stellen. Was ich tue, hat mit Sehnsucht zu tun, nicht mit Nützlichkeit. Auch für die Sehnsucht ist Disziplin vonnöten.

Die Sehnsucht nach einem Ort und einem Weg ist stets größer als das Gefühl, angekommen zu sein, der erwartete Friede größer als der gefundene. Weniger eine Enttäuschung als eine Unruhe, die mich noch weitertreibt, der nächsten Sehnsucht nach. Du fändest Ruhe dort heißt es im Gedicht vom Lindenbaum, das mich, wann immer es mir in den Sinn kommt, zuverlässig zu Tränen rührt, aber ich weiß: Solch einen Ort unter der Linde oder wo auch immer gibt es nur im eigenen Innern, gibt es nicht in der äußeren Welt, gibt es nur als Sehnsucht. Man fände keine Ruhe dort, wo immer dort ist. Man fände dort gar nichts. Der innere Sehnsuchtsort dient höchstens der Ordnung und Orientierung, er sortiert die Erscheinungen des eigenen Lebens, richtet sie aus, schenkt ihnen Bedeutung, indem er sie auf sich als auf ein Zentrum hin bezieht. Schon allein das kann hilfreich sein, aber man sollte nicht mehr erwarten.

Räume, die uns Frieden schenken, sind keine Sehnsuchts-, sondern Gewohnheitsräume. Selten achte ich einmal auf die Kirchenglocken in meinem Ort; klängen sie aber eines Tages anders, würde ich das sofort bemerken.

Die Luft ist noch kühl, das Licht wie frisch abgebraust, die Bäume wie gebürstet. Die Segler schlafen noch, irgendwo hoch oben, außer Sicht- und Hörweite. Daß sie da sind, ist nur eine Vorstellung, aber es beruhigt und macht froh. Sechs Uhr, die Sonne schon weit überm Horizont. Warum entscheide ich mich für diesen und nicht für den anderen Weg? Ich kann es nicht sagen. Entspricht etwas in mir einem bestimmten Ort, so daß mir die Vorstellung davon eher entgegen kommt? Woher stammen unsere Wünsche, diejenigen, die wir uns so schnell erfüllen können, daß wir sie gar nicht als Wünsche wahrnehmen? Letzten Endes ist es egal, welche Strecke ich laufe. Trotzdem weiß ich, daß ich heute diese und keine andere laufen will. Was aber heißt das, ich will?

Keine Autos heute, das ist ungewöhnlich, diese Gegend schmaler Feldwege ist sonst der beste Beweis für die Behauptung: Wo man fahren darf, wird auch gefahren. Gerne nimmt man hier eine Abkürzung, damit man unten in den Dörfern nicht an den dämlichen Ampeln warten muß. Heute aber gibt es nur Rinder. Eines fällt auf, es trägt armlange, gabelförmiger Hörner, ausladend und rätselhaft, wie eine Sendeanlage, viel zu groß für das schmächtige Tier.

Flach streichendes Licht, Zäune mit der Hand an der Stirn, blinzelnde Wegweiser. Hier bin ich zu Hause, was immer das heißt. Irgendwo zu Hause zu sein, ist für mich ein unproblematisches Gefühl, wie das Verliebtsein. Es ist nicht bezweifelbar und einfach gegeben. Es muß nicht ausgelegt oder bewertet werden. Ich muß nicht ja sagen zu meiner Heimat, die Heimat sagt ja zu mir. Problematisch sind allenfalls die Konsequenzen dieses Gefühls. Wer sich an etwas bindet, wird verletzbar.

Vorurlaubszeit. Das meiste des Sommers hat bereits geblüht, das Unterholz ist geschwollen von Grün, die Kiefern duften. Hunderte Meter entfernt dröhnt die Straße. Laß sie doch alle dröhnen! Ich nehme mir die Freiheit, jede Form von Fleiß abzulehnen. Ein alter Mann mit Fahrrad steht an einem Gatter und ruft etwas, drei Pferde trotten über die Weide auf ihn zu. Es gibt Momente, da wünsche ich mir, daß mein Leben nicht mehr umfaßt hätte als solche Dinge. Pferde, Rinder, Weiden, Zäune. Blicke, die sich nicht nach Straßenecken messen, sondern nach Quadratmeilen.

Jetzt sind die Mauersegler wach. Die Kirchturmuhr schlägt sieben. In den Straßen hat die Mobilmachung für wieder einen Arbeitstag begonnen. Ich zucke mit den Schultern. Ein halber Vers fällt mir ein, als ich die Haustür aufschließe, den kritzel ich schnell hin, bevor ich duschen gehe.

Lauf ohne Gelehrten

Später am Tag ein Lauf im Zickzack den Villehang hinauf und hinunter. Drei Tropfen besprenkeln mich aus der einen Seite, aus der anderen schlägt mir die Sonne ins Gesicht. Ein merkwürdiges Licht, denke ich, bis ich begreife, es ist nicht das Wetter, als hätte jemand den Himmel zu stark geschüttelt und dann entkorkt, es ist die Tageszeit, wann bin ich denn schon am Nachmittag unterwegs, im Sommer zumal? Zeit kurzer Schatten, flinker Vögel, lauten Verkehrs.

So ein Wetter gibt es meines Wissens nur hier, wo von Luv schweres Gewölk unter Zäunen durchkriecht und in Lee die Sonne den Kopf in einen Viehtrog steckt. Raben wie Ascheflocken, dampfende Pferdeäppel, die Erde unter den Brombeeren knochentrocken.

Das Denken nicht abstellen können, niemals. Beinahe immer, wenn es um das Erleben geht, flüstert mir wieder der Zeitdämon den Schädel voll. Seltener jetzt, wie der Gedanke an einen frischen Toten mit der Zeit größere und größere Pausen macht, aber bei bestimmten Anlässen, zack! ist er wieder da. Alleine und aufs Erleben selbst zurückgeworfen, stellt er sich zuverlässig ein, ein fester Bestandteil des Metaerlebens, keine Innenschau mehr ohne den Gedanken, daß es nur einen einzigen Zeitpfeil gibt, und daß Erleben eigentlich nicht möglich ist. Sind schon Leute verrückt geworden über so etwas.

Ich brauche zum Laufen immer zwei Hemden, egal wie heiß es ist. Ein enges, das sich ohne zu reiben an die Haut schmiegt und den Schweiß aufsaugt; und ein weiteres, das gegen Zugluft schützt. Ich gehöre zu den Läufern mit empfindlichen Brustwarzen, wenn ich die im Sommer nicht schütze, tun sie mir nach dem Laufen zwölf Stunden weh.

Natürlich wieder Fahrzeuge, ein Kampfpanzer, für den der Feldweg eigentlich zu schmal ist. Ich brauche nur ein Fünftel des Raums, aber wer ausweicht, das bin wieder ich. Später noch eine Mofafahrerin, zieht eine Schleppe aus Abgas und Parfum hinter sich her. Keine Mountainbiker, immerhin, und die verhaßten E-Biker sind wahrscheinlich alle am Rhein unten.

Der Gedanke dieser Tage, daß ich vielleicht nirgends mehr ankommen muß. Vielleicht bin ich längst da? Dann bliebe nur noch, zu leben.

Das Bedauern, allenfalls, daß ich kein Gelehrter geworden bin.

Touristen

„Dir ist aber schon klar, daß wir hier Katastrophentourismus betreiben, oder?“ sagt meine Wandergefährtin, als wir von unserem Weg abbiegen, um, von hier aus nur ein Abstecher durch den Wald, das Grauen, das wir tags zuvor aus respektvoller Ferne betrachtet haben, jetzt noch einmal aus der nächsten Nähe anzuschauen, als wüßten wir nicht, wie schlimm es ist; als müßten wir uns erst noch überzeugen. Warum tun wir uns das an?
Natürlich hat das etwas Ungehöriges an sich, etwas Pietätloses, als schlüge man am Tag nach einem Unglück ein Boulevardblatt auf oder folgte dem Einsatzwagen zum Unglücksort. Laut Karte beträgt die Distanz etwa zweihundertfünfzig bis dreihundert Meter. Auf die Entfernung ist noch nichts zu sehen, der Weg scheint ein wenig zu steigen, das Dach der Baumkronen sieht bis in die Tiefe des Wegs geschlossen aus. Nur etwas Braunes ist zunächst sichtbar, ein heller Streifen, es könnte verbranntes Gras sein oder Sand, oder auch nur der verbreiterte Grund einer Kreuzung.
Wie viele Katastrophen, so ist auch diese still. Ein Rotkehlchen schmettert, im Unterholz gluckst eine Gartengrasmücke. Schmetterlinge taumeln durch den hellen Schatten. Die friedliche Atmosphäre bekommt angesichts dessen, was wir wissen, etwas Beklemmendes. Die Stiefel knirschen, wir gehen stumm. Der braune Strich am Ende des Wegs wird größer, ohne dabei deutlicher zu werden, nicht einmal die Entfernung läßt sich schätzen. Es könnte auch etwas viel weiter Entferntes, sich hinter den Baumreihen Erstreckendes sein. Nach ein paar Minuten beginnt der Weg zu fallen. Der braune Streifen verbreitert sich, etwas Flaches an seinem Grund wird sichtbar, und die Baumreihe tritt ganz leicht auseinander, wie zu einer Kreuzung oder …
Plötzlich klärt sich das Bild. Der Streifen weicht stark zurück, macht einem asphaltierten Weg Platz, der aus der Perspektive des Waldwegs gar nicht zu erkennen gewesen ist. Das braune Gras verschwindet, oder besser, es verwandelt sich in eine Erhebung, einen Hügel, und dann in eine Halde aus Aushub. Wir treten aus dem Wald und stehen vor einem zwei Meter hohen, flachen Wall, der sich rechts in einer Kurve fortkrümmt, deren Ende nicht zu sehen ist, links aber sanft zu Tal gleitet, wo in der Ferne etwas erscheint, das wir schon aus der anderen Richtung kennen. Dort ragt der Hilfspylon der im Bau befindlichen Brücke auf, streng, riesig, unmenschlich, ein Unglück verheißend wie ein Meßturm vor dem Atomtest. Die ausgeworfene Erde ist rötlich-gelb, sandig, von metallisch schimmernden Gesteinsbrocken durchsetzt, trocken. Wir klettern auf den Wall, ins Erdreich getretene Stufen früherer Katastrophentouristen führen hinauf, und da ist sie, die neue Autobahntrasse, riesig und starrend und furchtbar, noch ohne Asphalt, aber schon planiert, mit mathematischer Akkuratesse durch den Wald geschnitten, in regelmäßigen Abständen ragen Drainagesäulen aus dem Grund. Eine Schneise. Hier Wald, drüben Felder. Ein Trekker fährt, eine silbrige Rauchwolke ausstoßend, auf der anderen Seite längs der zukünftigen Trasse vorbei. Obstbäume lassen freundliche Schatten auf eine Wiese fallen.
Es ist warm, die Sonne brennt auf den Boden wie auf eine Schürfwunde. Schon aber haben Pflanzen begonnen, das Fehlen der Bäume auszunutzen. Mohn leuchtet in kräftigem Rot. Disteln ducken sich an den Grund, als fürchteten sie den Bagger. Es ist ein schöner Anblick: Wie schnell die Natur zurückerobern würde, was ihr der Mensch geraubt hat. Als nächstes kämen Wegerich, Sauerampfer, Brennesseln. Dann Birken, Pappeln, Ahorn. In zwanzig Jahren wüchse ein junger Wald. Aber hier wird der Mensch nicht locker lassen, und der Aufmerksamkeit der Autobahnmeisterei wird kein Kräutlein ausweichen können.
Der Trekker ist fort. Meine Wandergefährtin macht ein paar Bilder. Es ist gespenstisch ruhig. Man könnte an eine Katastrophe denken, der alle Menschen zum Opfer gefallen sind: Hier verfiele gerade eines ihrer jüngsten Artefakte, zu dessen Fertigstellung es nicht mehr gekommen ist.
Aber so ist es ja nicht, denke ich bitter, als wir durch den Wald wieder zurück zu unserem schönen Weg gehen, nur fort von hier, zurück dahin, wo alles noch schön und heiter ist. Ein Blick zurück, und die Halde hat sich wieder in einen Grasstreifen verwandelt, und dann in einen braunen Fleck. Die Bäume haben sich geschlossen, die Grasmücke jubelt leise. Die Katastrophe, denke ich, ist noch gar nicht passiert.
Sie wird erst noch kommen.

Frühprotokoll unter Wolken

Über die Pferdeweiden. Wie man sich langsam eine Gegend aneignet, erst die großen, dann die kleineren Wege. Nach und nach die Ausblicke, groß wie Glaserfenster, in denen sich Wetter spiegelt. Zugleich das Gesicht bestimmter Streckenabschnitte, die stramme Haltung eines Baums, Licht, das von Pfütze zu Pfütze vorausläuft, das Grinsen einer Kurve, und wie die Ferne die Utensilien der Landschaft präsentiert. Anfang und Ende, Vorder- und Rückseite von Richtungen, ihre Farben, ihre Tiefen. Wege verändern ihren Charakter in Abhängigkeit dessen, was ihnen voranging. Wege färben Wege färben Wege, und alle zusammen, die Strecke mit ihren Bildern, tünchen die Tür, wenn man den Schlüssel wieder ins Schloß steckt.

Heute ein tänzelndes Pferd, das erst vor mir erschrickt, sich dann beruhigt und ostentativ schnaubend zum Grasen zurückkehrt, als wolle es mir sagen: Glaub ja nicht, daß ich vor einem wie dir Angst habe.

Heimat als etwas, das sich erst aus der Fremde zu erkennen gibt.

Beim Heimkommen, am Villehang, der Kirchturm mit der Uhr auf Augenhöhe. Die Wolken tief und feucht, aber regnen will es immer noch nicht. Die Wiesen braungebrannt wie im August.

Weitsicht wie vor einer herannahenden Katastrophe, diese Streifen in den Sonnenstrahlen, das unschuldige Glitzern eines fernen Stroms, eine Stadt, die sich sicher wähnt. „Ein Schulterzucken“, sage ich, Camille Paglia zitierend, zu L., als wir auf den Schandfleck in der Landschaft blicken, „der Natur, und alles liegt in Trümmern“. Was wäre, haben wir uns mal vorgestellt, wenn der Laacher Vulkan noch einmal ausbricht? Damals wurden in einer plinianischen Eruption große Mengen vulkanischer Asche und Bimsstein ausgeschleudert, deren Masse das Rheintal bei Andernach abriegelten, der entstandene See reichte bis zum Oberrheingraben hinauf. Was wäre wohl heute in unserem Ameisenhaufen los, wenn so etwas wieder passierte? Wir leben auf dünnem Eis.

Kalt duschen, dann den Vögeln zuhören, die in der Garageneinfahrt auf eine Katze hassen. Währenddessen Tee kochen und warten, daß du endlich anrufst.

Frühprotokoll ohne Wildschwein

Lauf in der Morgenkühle, gegen sechs an den Pferdeweiden, da ist die Sonne schon aufgegangen, fliegt steil hinauf, getützt auf einen Ahornbaum wie ein Springer auf seinen Stab. Turbulente Welt, strudelndes Licht, überall Plätze zum Schlafen und Aufbrechen.

Dort, wo immer die Wildschweine warten, stakst heute morgen nur ein einzelnes Reh über den Weg. Verträumt, wie in steifbeiniger Ekstase, schnuppernd, witternd, an einem Halm knabbernd. Erst sieht es mich nicht, dann sieht es mich. Dann kann es nicht abschätzen, was ich bin, dann flieht es, aus seinen Rehträumen verjagt. Ich wüßte gern, wie sich das warme Fell anfühlt. Die zitternde Flanke. Wie es riecht: nach Reh wahrscheinlich. Aber wie riecht ein Reh? Einmal habe ich aus nächster Nähe ein totes Reh gesehen. Es war erstaunlich klein. Ich habe es nicht angefaßt. Der Tod war eben erst dagewesen, er hatte die Augen glänzend und dunkel zurückgelassen, wie sie in den Himmel starrten, ein letztes Bild, in dem Tod noch nicht vorkam. Auch dies ein früher Morgen.

Klimmzüge am Fitneßpfad. Warum mache ich das? Ich werde sowieso eines Tages mit Mühe kaum über die Bettkante kommen. Und dann auch bald das nicht mehr. Soll ich mich nicht lieber jetzt schon daran gewöhnen?

Bei weiblichen Läufern zu früher Stunde füchte ich immer, daß sie sich vor mir fürchten. Rape culture. So weit geht die Indoktrinierung. Ich bemühe mich bereits, kleine Kinder nicht allzu genau anzuschauen, nicht daß jemand was denkt. Dabei ist an mir nichts, was zum fürchten wäre. Vielleicht fürchte ich es auch gar nicht, sondern mir gefällt die Vorstellung, daß sich jemand vor mir fürchtet. Die menschliche Seele ist eine Mördergrube.

Die Frau, die erst die lange Hundeleine einholen muß, bevor ich vorbei kann, ruft mir entschuldigend hinterher, Tut mir leid, kein Rückspiegel! Ich lache ihr zu und denke, wär ja noch schöner, wenn wir jetzt auf einem Fußweg auch schon Rückspiegel brauchten.

Die Sonne über der Ebene, abgestoßen vom Baum, vom Hügel, von allen Horizonten, freier Fall, lichtwärts.

Zu Hause ziehe ich erst die Spinnweben aus, dann die Kleider. Das Zimmer ist wärmer als die Luft in der Straße. Ich stünde gern nackt am Fenster, unsichtbar für alle, frei, frei im Licht und der Kühle, allein.

Unter Jägern

Aber natürlich kehrte der Wagen auf dem selben Weg wieder zurück, ich hörte das Krachen von Schotter unter den Reifen lange, bevor die helle Frontscheibe des Transporters zwischen den Bäumen erschien. Ich hatte mich bereits ausgezogen, lag schon im Schlafsack und war nach drei Stunden Wartens nur zu bereit zu glauben, nun sei es wohl vorbei, nun hätte ich meine Ruhe. Aber natürlich mußte er zurückkommen, hatte ich ernsthaft geglaubt, ein Wagen, der abends in den Wald hineinfährt, wo es laut Karte weit und breit keine Straße gibt, würde nicht auf demselben Weg auch wieder herausfahren? Zumal ich gehört hatte, wie das Fahrzeug nach etwa hundert Metern geparkt wurde. Gegen sieben war das gewesen. Da hatte mich noch niemand bemerkt, weil die Hecke mich nach Mürlenbach zu, woher der Wagen gekommen war, abschirmte, aber jetzt, jetzt war das anders, jetzt bot sich dem, der da in seinem wackelnden und rumpelnden Transporter in Richtung Dorf heranrollte, frontal ein freier Blick hinter die Hecke, auf die Wiese, auf den Fleck, wo klein und geduckt mein Zelt stand. Nicht klein, nicht geduckt genug. Zwar war es schon nach zehn, es dämmerte bereits, aber um unsichtbar zu sein, hätte um mich stockdunkle Nacht herrschen müssen; und auch dann hätten mich die Scheinwerfer des Wagens sicher gestreift. Unwillkürlich zog ich den Kopf ein, als würde diese lächerliche Bewegung, nicht mehr als eine rituelle Geste, eine Beschwörung, mein Zelt dem Zugriff ungewünschter Blicke entziehen. Am liebsten hätte ich mich mitsamt dem Zelt in die Hecke verkrochen. Aber das ging natürlich nicht. Das hätte ich mir vor einer halben Stunden überlegen müssen (und wohin dann?), nicht jetzt, wo der Wagen bereits aus dem Wald heraus war und direkt auf mich zusteuerte.
Und hoffentlich gleich hinter der Hecke verschwinden, keinesfalls anhalten, sondern einfach weiterfahren würde, fort von hier, fort von meinem verbotenen Tun, zurück ins Dorf, nach Gerolstein, nach Trier, egal, nur weg. Ich hielt den Atem an. Es war ein lange vergessenes Gefühl, das mich wieder in die Kindheit zurückkatapultierte, in ein Klassenzimmer, wo der scharfe Blick des Lehrers wie ein Radar über die Reihen der Schüler huscht. Schau woanders hin, betet man und bemüht sich, wie jemand auszusehen, der die Hausaufgaben auf jeden Fall gemacht hat, besser noch, als wäre man gar nicht anwesend. Und dann, na ja, dann spürt man, obwohl man nicht hochschaut, wie der Blick auf einem stehen bleibt, eine Hundertstelsekunde, bevor man den eigenen Namen hört.
Ich hätte gern ein Somebody-else’s-Problem-Shield gehabt.
Wie so viele andere schöne Dinge auch, ist nämlich wild Zelten in Deutschland, diesem Musterland der Gängelung und des Ordungsamts, verboten. Wenn ich es trotzdem mache, so fordert mir das, einem eher ängstlichen Menschen, der wenig mehr scheut als Ärger mit Institutionen und ihren verschiedenen Sendlingen und Vollstreckern, einen ungeheuren Mut ab. Meistens fehlt der, und ich bleibe zu Hause oder nehme mir ein Zimmer; wenn ich mich dann doch einmal überwinde und mit dem Zelt losziehe, fürchte ich nichts so sehr wie eine Begegnung, nein, nicht mit Wildschweinen, sondern mit Jägern, Förstern oder demjenigen Typ Mensch, der in vergangenen Zeitaltern gern und freiwillig den Blockwart machte. Solche Begegnungen wie eine solche, die jetzt droht, während der Wagen in den Schutz der Hecke eintaucht und kurz die Hoffnung aufflammt, daß der Fahrer mich wirklich nicht gesehen hat (oder es ihm egal ist, was ich da mache), solche Begegnungen machen ein Abenteuer aus, auf das ich mich nicht freiwillig einlasse. Es ist ein Risiko, das für mich nicht die Spannung erhöht oder gar den Reiz der Sache ausmacht, sondern mir das Vergnügen, eine Nacht in freier Natur zu verbringen, wenn nicht ganz verdirbt, so doch beträchtlich eintrübt. Das Verbotene hat für mich jedenfalls keinen Reiz, nur weil es verboten ist.
Wider alle Erwartung wurde an diesem Abend, Pfingstsonntag, gejagt. Naiv wie ich war, dachte ich, im Frühsommer sei Schonzeit. Aber keine halbe Stunde, nachdem der Wagen im Wald verschwunden war, hatte es schon gekracht. Und dann noch einmal. Und nach einer Weile, sehr nah, sehr laut, so daß es rings in allen Tälern zwei, drei Sekunden widerhallte, noch einmal. Es war nicht das erste Mal, daß ich an Jäger geriet, und obwohl ich prinzipiell nichts gegen das Jagen einzuwenden habe, regt sich in mir inzwischen ein gewisser Unmut. Weniger übers Jagen und über Jäger als wieder einmal darüber, daß die Welt einfach zu klein ist, um allen Interessen genug Raum zu geben: Den Mountainbikern zum Brettern, den Jägern zum Ballern, den Walkern zum Stöckeschwingen, den Wildcampern zum Wildcampen. So groß, daß sie alle behaupten könnten, die Welt für sich alleine zu haben.
Während der Wagen langsam vorbeirollte, dachte ich an das letzte Mal, wo jemand abends noch mein Zelt bemerkte. Wir hatten es neben einer Bank an einer Wegkreuzung aufgestellt, wo laut Karte einmal ein Naturdenkmal gestanden hatte, und saßen gerade bei Worscht und Brot in der Abenddämmerung auf der Bank, als ein Bauer, der wohl noch nach seinen Kühen geschaut hatte, auf einem Quad vorbeikam, uns sah – und so scharf bremste, daß die Hinterräder des Fahrzeugs einen kleinen Hüpfer machten. Ich hob die Hand zum Gruß, freundlich – der andere grüßte nicht minder freundlich zurück. Guten Appetit! Wir unterhielten uns eine Weile, es gab kein Problem. Das Wegeckchen war Niemandsland, der Bauer verriet und, er habe selbst schon einmal dort gezeltet. Stolz auf seine Kälbchen, machte er uns, für den Fall, daß sie uns entgangen seien, auf sie aufmerksam. Das Naturdenkmal sei ein alter Baum gewesen, der noch 2014 gestanden habe. – Also dann, gute Nacht! – Gute Nacht! Ein netter Mensch. Aber das weiß man ja vorher nicht, und der Schreck saß uns beiden noch in den Gliedern, als der Bauer auf seinem Quad heim zu seinem Abendessen knatterte.
Der Transporter war halb am Zelt vorbei und ein gutes Stück hinter der Hecke, rollte, rollte, fuhr noch ein Stück. Ich war schon überzeugt, er werde vorbeifahren, da bremste er ab. Hielt, verdammt. Fuhr ein Stück zurück, wie es Comichelden tun, wenn sie zuerst nicht glauben wollen, was sie sehen. Die Fahrertür öffnete sich. Jetzt gibt’s Ärger, dachte ich, als ich mit klopfendem Herzen den Reißverschluß des Innenzeltes öffnete.
„Guten Abend!“ rief ich in offensiver Freundlichkeit durch den Zelteingang dem Mann zu, der etwas zögernd über die Wiese herangestapft kam. Ein Jäger, natürlich. Graues Hemd, graue Flanellhose, Waffe am Gürtel. Offensichtlich wußte er nicht so recht, was er mit mir anfangen sollte. Ich war ihm nicht recht, das spürte ich. Aber Ärger mit mir wollte er auch nicht haben.
„Schlafen Sie hier?“
Merkwürdiger Akzent, vielleicht ein Belgier. Ich hatte in dieser Gegend schon einmal in der Dämmerung ein Auto mit belgischem Kennzeichen im Wald herumfahren sehen. Was zum Teufel machten die hier? Gab es in den Ardennen keine Wildschweine?
„Das ist Jagdgebiet“, klärte mich der Mann auf. Woher ich das hätte vorher wissen sollen, sagte er nicht.
Ich hob nur die Schultern. Was war da zu machen? „Sind Sie denn fertig?“
„Ich schon, aber ob die anderen einverstanden sind …“ Er ließ den Satz unvollendet. Ich hob wieder die Schultern. So musterten wir einander eine Weile.
Da wandte sich der andere mit einer resignierten Geste ab, stapfte zurück zum Wagen, lenkte auf den Weg zurück und setzte seine Fahrt nach Mürlenbach hinunter fort. Ein paar Sekunden später war das Motorengeräusch verklungen. Es herrschte wieder die Stille von vorher, nur daß jetzt das Spotten der Drossel wie ein Kommentar zu den Narrheiten der Menschen klang. Ein bißchen beneidete ich die Raupe, die sich vor dem Zelt um einen Grashalm wickelte. Sie war so zu Hause in ihrer Welt, wie ich in der meinen nie sein würde. In der Stadt ebenso wenig wie hier draußen in meinem Zelt.

Frühprotokoll: hell

Eine Vollmondnacht, Licht zwischen den Dämmerungen, Schatten, die nach der falschen Seite zeigen, gebückt durchs Fenster geschaut, bis man den Mond erblickte, wieder schlafen gegangen, weder Tag noch Nacht, sich anvertraut dritten Bezirken der Zeit.

Der Tag dann sehr hell, sehr wirr, sehr kalt. Es fehlt die alles ordnende Dunkelheit. Es ist die gleiche Stunde, in der ich mich an den meisten Tagen des Jahres mit einer Stirnlampe bewege. Jetzt ist das Licht wie ein Geräusch, ein geschäftiges Treiben des Tages. Ohne Vögel. Für Hunde zu früh. Postarbeiter die einzigen Menschen, und auch die gleichen eher gelbgestrichenen Maschinen. Es fühlt sich später an, als es ist. Die Kirchenglocken erinnern sich zu ihrer Zeit, da bin ich schon weit draußen im Feld, fern vom Waldsaum, allein im grünen Weizen wie ein einsamer Schwimmer.

Das Licht rechtfertigt mein Unterwegssein. Eine Garagentür geht auf, ein Motor startet, ich laufe am Tagesbeginn fremder Menschen vorbei. Die gleiche Stunde wie im Januar, aber ich laufe nicht mehr gegen die Nacht an. Ich bewege mich auf ausgetretenen Pfaden. Alles hat Reichweiten. Ich bin nicht allein.

Als wäre die Ebene mit den Pferdehöfen aus dem Grund eines Sees aufgetaucht. Als ich zuletzt hier war, lag alles im Dunkel. Wiesen huschten unter der Stirnlampe weg, Zäune wandten sich ab, von Tieren waren immer nur die Augenreflexe zu sehen, grüngelbe Punkte in der tiefenlosen Masse des Dunkels. Jetzt sind den Augen Körper gewachsen, aufgegangen Muskeln und Fell aus der funkelnden Saat. Drei Kamele mit schlaffen Höckern, wie eine Kreuzung aus Schaf, Pferd und ausgedientem Polstermöbel. Das Winterfell hängt in Fetzen von ihren erstaunlich mageren Körpern.

Das Laufen fällt leicht, aber die verzögert auftretende Müdigkeit ist enorm; als hätte ich mir meine Kräfte nur von der Erschöpfung geliehen. Beim Heimkommen ist der Morgen fast schon vorbei. Zwei riesenhafte Enten suchen im Gras neben dem Dorfbach nach Insekten. Schnäbel wie Musikinstrumente aus Ebenholz. Ich sehe sie nicht, aber später werde ich mich an sie erinnern.

… nicht halten, wollen wir …

Zwei Runden zu je 21 km durch den Königsforst gedreht. Zweimal der Tunnel, zweimal der Weiher, zweimal das Weglein mit den verrottenden Baumstämmen, zweimal die Kreuzung mit dem Pferdeweg, zweimal die tote Kröte. Und ich weiß jetzt, im Königsforst gibt es Feuersalamander. Nun ja, es gibt dort mindestens einen Feuersalamander. Um ganz genau zu sein, es gibt dort mindestens einen zertretenen Feuersalamander. Aber an dem bin ich nur einmal vorbeigekommen.

Bei der Beschreibung großer Erschöpfung ist oft von einem Tunnelblick die Rede. Was in diesen Tunnel gerät, stelle ich mir vor, wird eigentümlich fokussiert, unwillkürlich, drängt sich als Sekundenerscheinung auf, verschwindet gleich wieder, bleibt aber haltbar und in der Detailschärfe überreich im Gedächtnis haften. Etwa die tote, silbriggrau schimmernde Kröte auf dem Waldweg. Der dicke Hals, die vergleichsweise grazilen Beinchen mit den noch viel grazileren Schwimmfüßchen, die gelbliche Haut unterm Maul, der Eindruck von kalter Starre. Das Tier lag auf dem Rücken, die Glieder flach ausgestreckt am Grund. Bei der zweiten Runde war es etwas von der Stelle, wo ich es zuerst gesehen hatte, entfernt und lag etwas zur Seite gedreht, als walte in dem toten Leib noch ein unheimlicher, störrischer Wille.

Man könnte denken, es ist eine noch größere Herausforderung an die psychische Moral, wenn man schon 42 km laufen muß, dies auch noch in zwei gleichen Runden zu tun, so daß man nach 21 km genau weiß, jetzt exakt der gleiche Rundkurs nochmal, nochmal der Tunnel, nochmal der Weiher, die Bäume, die Kröte. Tatsächlich aber ist das gar nicht so verkehrt, denn die zweite Runde taktet sich dadurch, daß man sie schon kennt, in Abschnitte, die das Vorankommen belegen, durchgestandene Strecke wegstreichen und zum Weitermachen motivieren. Wenn man das Gelände nicht schon sehr gut kennt, sieht man, zumal bei einem Waldlauf, auf der zweiten Runde Dinge, die man bei der ersten nicht bemerkt hat. Anderes wiederum entgeht einem beim zweiten Mal: in Wirklichkeit nämlich kann ich mich nicht daran erinnern, am Weiher zweimal vorbeigekommen zu sein. Ein weiteres Merkmal der Erschöpfung und der Konzentration aufs Weitermachen: Man kann etwas so Auffälliges wie einen kleinen See tatsächlich übersehen. Erstaunlicherweise ist mir die zweite Runde zeitlich kürzer vorgekommen, obwohl ich bestimmt langsamer gelaufen bin.

Gedanken und Bilder. Die Schokolade, die gleich im Rucksack wartet. Das Bier zu Hause. Die Kraniche des Ibycus, woraus vier Verse fehlen, an die man sich einfach nicht mehr erinnert. Schluchzer in der Brust über ein Lieblingsgedicht, Drum, will schon unsrer Sonne Wagen / nicht halten, wollen wir ihn jagen, und zuletzt nur noch, nachhallend im Kopf, jagen, jagen, jagen, während aus drei Kilometern (komm schon, das ist bei dir zu Hause einmal auf den Berg und wieder runter) zweikomma Kilometer und irgendwann siebenhundert schier unüberwindliche Meter werden. Der Gedanke, wehr dich nicht. So ist es jetzt. Du läufst. So ist es jetzt. Du läufst. Es ist, wie es ist.

Oder auch: Wolkenschraffuren. Das Gitterwerk der Zweige als Schatten in einem plötzlich aufscheinenden Sonnenstrahl auf dem Weg. Oder auch: der wippende Pferdeschwanz einer Läuferin ein paar Schritte vor mir; ihr orangrotes Trikot mit dunklen Schweißflecken darauf; eine Pfütze im Tunnel, die das Gegenlicht des Ausgangs spiegelt; eine in den Schlamm getretene Gelpackung, mit ihrem gelben Schimmern der Kröte nicht unähnlich, als bestehe da eine geheime Verbindung; der Lärm unsichtbarer Riesenflugzeuge, wo der Weg die Einflugschneise unterquert. Ein geheimes Leben durchwirkt den Wald, an dem man keinen Anteil hat, ein Leben, das einen kaum beachtet, während man seine Ränder kreuzt, beschäftigt mit sich selbst wie mit einem sehr seltsamen Ding.

 
Aus der lärmigen Stadt hinunter ins Tal zu den Mühlen und den schwarzen Bächen. Schiefer, zart wie Aquarell, zerbirst unterm Trommelfeuer des Spechts. Aus den Tiefen sickert Farbe zu Tal. Da heißt es hinaus zu den Straßen, den Brücken zwischen Wolken und Wasser, mit zittrigem Stift in die Luft gemalt, hängen sie wie kaum faßbare Gedanken über der Schlucht. Alles hat es eilig, selbst die Bäume machen sich den Platz streitig, bemühen sich, als erste den Hang zu erklimmen. Langsam dreht sich Licht in der schmalen Angel einer Birke. Schwanken wie von Toren, aus denen Moder zum Trocknen ins Freie strömt. Meisen und Spatzen fallen durch die Zweige, Postkarten gleiten in verrostete Briefschlitze, Schatten bohren sich in den Grund, munter tauchen die Schuhe unter den Weg, der Himmel springt von Ast zu Ast, und leise, leise faucht der Wald vor sich hin, wie ein alter Seehund, der heimlich Arien übt.

Golberg, 11. Februar 2017

Nachts hat es geschneit.
Platzsparend voreinandergerollte Kulissen die Hügel, wo sich der Wald zu Reihen aus gestaffeltem Grau öffnet. Der Himmel so tief, daß sich die Gipfel, die Bäume, Häuser und Strommasten ducken müssen. Die Ferne läuft nur ein Stück voraus und kehrt, bleich geworden, wieder um. Nichts wirft einen Schatten, als sei der Grund zu weit weg, um darauf zu stehen. Alles ist leicht, die Mauern hohl, Scheunen aus Papier. Nur Bäche haben ein schwarzes Gewicht, sie ziehen an den Dingen, die von ihnen fortstreben. Krähen steigen aus einem kahlen Baum auf. Schnee bröselt von einer Birke, als habe ein Tier den Ast gestreift. Alles, was Blicke hat, schaut woanders hin. Fehlen nur noch heimkehrende Jäger.

Das letzte Haus vorm Wald, ein Schneehaufen markiert das Schaufelende des Räumfahrzeugs, danach fängt ein Weg an, den nur sparsam Tierspuren kreuzen. Als erster Mensch auf dem Weg, ein Stückchen weit. Es tut beinahe weh, auf die frische Schneedecke zu treten, die perfekte, mühelose Makellosigkeit mit der schnaufenden, rotzenden, behelfsmäßigen Trivialität der Sohlen zunichte zu machen. Andere menschliche Spuren sind eine Erleichterung, dort kann man gehen, dort war schon jemand, dort ist die Welt gedeutet und aufgebrochen. Wie ein Kuchen, den endlich jemand angeschnitten hat.

Ein Ort, von dem aus man die Straße hört. Kurze Blickräume zur nächsten Reihe Fichten, dahinter löst sich jede Erwartung von Sicht ins Annähern und Entfernen von Geräusch auf. Sägen oder Hundegebell, es ist nicht zu unterscheiden. Die Umwelt ist lauter als sie sichtbar ist. Meisen rufen wie von hinter den Kulissen, und ein ganz unbekannter Vogel. Der Schnee auf der Bank: unberührt. Eine Birke hüllt sich in Fetzen vergilbter Tapete.

Und dann, weniger sichtbar als fühlbar an der plötzlichen Abtönung einer Rauchschwinge über einem Wohnhaus, an der Vertiefung des Reliefs, das die Körnung auf unberührten Schneedecken bildet, an einer Auflockerung des nassen Straßenglanzes: die Sonne. Noch kein Himmelskörper, nur ein Erstarken von Flächen und Kontrasten, in dem die Verlängerungen von Wegen und Hügelachsen transparent werden, und die Bäume in perspektivisches Zucken geraten. Der Schnee schmilzt, man hört es an den Geräuschen, sie werden härter, sie isolieren sich voneinander, auch zwischen ihnen wird es heller.

Plötzlich Stimmen. Blickauf, hineingekleckst in die schwarzweiße Welt des Waldes wie Anstriche in einem Schulbuch, farbige Jacken, Mützen, Hosen. Ein Trupp Wannderer zieht vorüber, soldatisch stramm, dabei immer redend, redend, eifrig und alle auf einmal, als müßten sie alles, was irgendwo schon einmal gesagt worden ist, unbedingt noch einmal sagen. Sie verschwinden zwischen den Bäumen, die Stimmen verstreuen sich im Wald. Einen Moment später ist die Kreuzung voller Spuren, die niemandem mehr gehören. Doch noch heimkehrende Jäger, könnte man denken, aber nein, sie haben nicht woanders hingeschaut.

Noch einmal

Eine Wanderung im Schnee, anstrengendes Stapfen und Ausgleiten, ein trüber Spätwintertag, das Licht wie von Wasserströmen abgeschliffen und mild. Es tropft, es tropft überall, in den Hecken, von den Kiefern, von den Strommasten, auf die Wege und Steige und die zugefrorenen Flüsse, deren Eis sich zu geometrische Spalten und Rissen verbiegt. Wälder, Felder, Heckenläufe. Die Ferne ist klar, transparent, als sei auch vom Horizont, von den vielen gestaffelten Horizonten ein Schleier abgetaut. Ein Sonnenstrahl zersticht schwarzes Regengewölk. Mein Schatten schwebt neben mir, ich sehe mich beschwingt gehen, die Daumen unter die Rucksackschlaufen gesteckt. Ich mag staunen über den, der da geht.
Spuren zerfließen. Alte, zerschmolzene, frische, scharf eingegrabene. Von Hunden, Menschen, Traktoren, Langlaufskiern. Langsam verliert der Schnee sein Gedächtnis. Wie winzige Fäustchen geballt hängen die Haselkätzchen, bereit, aufzugehen. Kleine Fliegen, zarte Gebilde wie Anführungszeichen begegnen einander über der verharschten Schneedecke. Manchmal liegen Birkensamen vom letzten Sommer auf dem Eis, winzige Sternchen, es sieht aus wie Fastnachtsglitter.
Noch eine kleine Rast kurz vor dem Ziel. Ich trinke das letzte Wasser, habe noch einen Apfel. Selig kaue ich die süße Säure, während noch einmal die Sonne hervorkommt und den Schnee um den Rastplatz leuchten läßt. Mir ist warm, Kopf, Hände, Füße glühen. Meisen pfeifen im Gebüsch. Der Apfel kracht im Mund. Die Kiefernwipfel rauschen, wie nur Kiefernwipfel rauschen können, der Apfelrest fliegt ins Gebüsch, ich sehe den Weg sich weiterwinden, an vielen Stellen schon braun, und da ist es plötzlich, als wären die letzten fünf Jahre nicht vergangen, einfach nicht vergangen, und ich bin noch einmal da, wo ich damals irgendwie falsch abgezweigt sein muß, und es ist, als dürfte ich noch einmal von dort aus alles neu beginnen. Das Licht, der Weg, der Schnee und, wo er geschmolzen ist, der warme, von Kiefernnadeln bestreute Grund, dieser unendlich vertraute, liebe, duftende Boden, alles wieder frisch, verjüngt, in Ordnung gebracht, richtig und gut. Gut, gut: Und ich hebe einen kantigen, kupferroten, gemaserten Stein auf, reibe ihn mit Schnee ab, trockne ihn an der Hose und stecke ihn in die Tasche, wo sich sofort meine Hand wie um etwas schließt, das immer am Platz war. Eine Erinnerung an diesen Moment, an ein unfaßbares, flüchtiges Glück, eine Erinnerung für später, wenn es einmal nicht mehr so ist.

Laufen, nicht denken

 
Endlich wieder großer Revierablauf. Hufebahn, Golfplatz, am großen Zehnt links, Eiserner Mann, durch den Wald durch richtung Hausertshausen, vor der Motte in Sichtweite des Schlosses links, dann gegen den rosigen Ostwind ankämpfend (am Hochsitz klapperts) am Waldrand entlang bis kurz vor Sümpfikon, an der Wasserleitung abgebogen, durch den inzwischen sonnigen Wald in Gegenrichtung der ersten Joggertrupps und vor einem Traktor fliehend über die Tennisanlagen zurück nach Quellstätten. Siebenundzwanzig Kilometer. Durchatmen, Eis von der Mütze klopfen, Tee trinken. Vorsichtiger Optimismus. Nicht zuviel nachdenken! Vielleicht geht es jetzt mal aufwärts hier.

Eine Bahn später

Als zöge die Sonne das Gebirge aus der Schlucht herauf. Ein Vorgang voll großartigen Lärms, doch in der weiten Entfernung lautlos. Gräben füllen sich mit Licht, Eis kracht unter dem Druck des Himmels, über der Ebene steht der Rauch still, als trüge er all das Blau auf seinen abgeflachten Spitzen.

Die Rückseite vom Dunst sind Waldränder. Wie wenn man einer Photographie die Folie abzieht, die Farben frisch und noch nicht ausgehärtet, das Feuchte von Kiefern und Moos.

Fahrende Lieblingsorte. Besondere Plätze in der Straßenbahn oder im Bus, meist irgendwo am Rand, ganz hinten im Bus, vorne (gegen Fahrtrichtung), hinten (in Fahrtrichtung) in der Straßenbahn. Plätze, von denen sich alles im Blick halten läßt, selbst wenn man übers Buch gebeugt ist, wie ich meistens. Der leise Unwille, wenn so ein Platz schon besetzt ist; als hätte einem einer was weggenommen, das einem eigentlich selbst zugestanden hätte.

Der besondere Ort des Waldrands. Überblick auch hier. Anschnitt des Lichts, Schichtung der Luft, eine Art höhere Ordnung, ins Sichtbare gerückt. Einer meiner Lieblingsorte: ein Waldrand mit Kiefern, der Grund zwischen den Stümpfen vor langer Zeit gefällter, wie in silbrigen Fels verwandelter Bäume nadelbedeckt, trocken wie Bürsten, eine Lichtung zum Schauen, ein umgehauener Stamm zum Sitzen. Diesen Ort gibt es nicht mehr, der Wald hat ihn sich einverleibt, das Licht durch eine Ordnung von Schatten ersetzt. Farn wächst hüfthoch, wo ich einmal einen Nachmittag verträumt habe. Das ist so lange her, daß ich gar nicht mehr weiß, wann das war. Was einmal jener Ort war, Farne jetzt, merkwürdige Bodenschwellen wie Gräber, mannshohe Doldenblütler, frisch aufgeschossene art- und gattungslose Bäume, liefert keinen Anhaltspunkt. Selten habe ich mich so sehr von der Zeit im Stich gelassen gefühlt wie an dem Tag, als ich nach langem Suchen begriff, daß ich die Stelle längst wiedergefunden hatte. Ich hatte sie nicht erkannt. Die Wege hatten mich immer daran vorbeibugsiert, geh weiter, gibt hier nichts zu sehen, das ist nicht mehr deine Zeit, das ist nicht mehr dein Leben.

Ganz woanders, aus dem Fenster der Bahn zu betrachten, liegen jetzt die Waldränder oben an einem Hügelscheitel in der Sonne wie Gesichter, die sich der Wärme zuwenden. Die Schatten gehen nach hinten raus. Alle Wege sind kurz da hinauf, leicht zu beschreiten, mit Baumreihen als Stütze für den Blick, Alleen, entlang von steifgefrorenen Zehen.

Und natürlich Straßen. Ich wohne in einem Nest von Straßen, die mich eigentlich nur widerwillig dulden, was habe ich schon mit ihnen zu schaffen? Straßen, Kreuzungen, Verkehrsschilder, Warnhinweise. Werbetafeln, die ich als Fußgänger nur von der Rückseite sehen muß. Die Straßen und ich: Ich werde es sein, der als erster nachgibt, davongeht oder verschwindet, eines Tages nicht mehr da sein wird, die Straßen, sie werden mich überleben. Aber die Waldränder werden die Straßen überleben, denke ich, und schaue da hinauf, Wiese, Ackerrand, Weg, dann die roten, säulenartigen Stangen der Kiefern, wie der Tempel eines urwüchsigen, längst verschwundenen Volks, man könnte dort schön wandern und wäre vor allem Unheil sicher, in der Hand vergessener Götter, die aber ein besseres Gedächtnis haben als die Menschen. Man wäre ein winziges Körnchen, geborgen in Schichten und Schichten aus Zeit.

Mir schräg gegenüber sitzt eine elegant gekleidete Frau. Hohe, braune Schaftstiefel, Strumpfhose, Rock. Sie liest in einem E-Book-Reader. Sie lächelt still vor sich hin. Vielleicht sitzt sie auf ihrem Lieblingsplatz. Das Lächeln ist glücklich, amüsiert, gelassen. Unerreichbar für jede Beobachtung. Sie hat die Beine übereinander geschlagen, die schwebende Stiefelspitze wippt rhythmisch. Ein beringter Finger tippt auf den Schirm, blättert vor und zurück, das Lächeln verändert sich nicht, bleibt heiter und gelöst, wie von einer etruskischen Statue, die, ganz im Irdischen verwurzelt, dennoch von nichts Irdischem mehr überrascht werden kann.

Die Orte von der Rückseite erreichen, vom Bühnen- und Lieferanteneingang, wo die Beleuchtung schlecht ist und die Rohre verlaufen. Durch einen niedrigen Gang gehen, eine Tür aufstoßen, sagen, ich bin da.

Die Ebene löst sich vom Rauch.

Drüben sinken die Berge zurück in den Mittag.