
Kategorie: das führt ein Stückchen weit
Von Orten & Wegen
Greinstraße
Greinstraße
draußen der wind, als hätte die jahreszeit sich nun endlich ihrer selbst besonnen. die pappelblätter sind an den himmel verraucht, am silberahorn zerspalten sich die farben. alle ferne hat sich dem nahen hingegeben, und die welt endet am nächsten zweig. warten, darauf, daß sich die tage wiederholen. ich knibbele an der haut neben den fingernägeln, bis es blutet. die zeit schmerzt mich. in bibliotheken geht früh das licht an.
die welt flüchtet sich ins innere von häusern, und die lichter, deckenstrahler, leuchtstoffröhren, tischlämpchen haben vergessen, daß es ein draußen gibt. alles ist drinnen, herzschläge, buchzeichen, hoffnungen, gletscherspalten.
das war immer schon die zeit. ein ausatmen bis an den grund der welt. diese zeit. die wiederholung der erinnerung selbst. nicht dessen, woran man sich erinnert. doch das gefühl, daß alles, was man gelebt hat, nie etwas anderes als eine erinnerung gewesen ist.
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Greinstraße
die pappeln vor meinem fenster sind jetzt fast ganz kahl. nur auf der windabgewandten seite frieren noch zwei drei blättchen, so wenige, daß man sie zählen kann. dahinter der himmel: in wollene streifen geschnitten. ein fleck sonne hat sich im silberahorn eingenistet, milchiges drängen, das nach sturm schmeckt. doch der bleibt noch aus. warm ist es, und so naß, wie es sonst sich im frühling anfühlt. vögel keine zu hören. die pfützen glatt und in der tiefe mit blättert vergrätet. plötzlich ein ruf von licht. und die buschlabyrinthe für sekunden schwarzglühende kohle, rauchend vor sonne.
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Berg–Rheinbach
Die Kälte krabbelt mit erstarrten Gliedern. Übern Weg hat die Lärche Feuer gehängt. Lichtstreusel bringen das Laub zum Schweigen, die ferne ist ein schwieriger Akkord in Moll, die Hügel geronnener Klang, eine Symphonie von Brahms.
Gleichmütig nimmt die Wiese den Schlag eines Raubvogels in sich zurück und läßt eine Handvoll Raben stolz sein im gelben Gras.
Vergeblich sucht man nach Schnecken. Doch die Hände und Augen bringt man übervoll nach Haus, von verwelkter Zeit.
Eifel
sonnengefilde unter dem rad und gebell wo
von hunden, und die ferne rückt her unters kreuz –
und rauch, überm berg, verschlungen in linie und licht: hieroglyphen,
der weite an lächelnde stirne gehaucht.
ins nahe genistet fangen die raben schreie in splitternden
krügen aus ton auf. von schütteren rainen
löst der himmel sich ab. die weiten
werfen den schrei einer schimmernden
säge einander zu, das bersten der süße im lehm.
an erde geneigter schritt auswurzelt in hügel
aus eiskaltem zimt. zwischen eiben und engeln
sonnen sich gräber. daheim. und knirschkies im hellen: hier
war es wohl gut und war einst.
im winde die schatten sich drehn.
wo auf wasserstraßen ein seltenes
licht sich zu feiern versteht: dort
schreiben die reiherschreie verschnörkelte briefe.
der widerschein des dunkels mir schenkt seine köstlichsten
stunden, die wilden, in hellgelb versunkenen
wehen.
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waldlauf
wieder morgens laufen: man gewöhnt sich daran, umschattet von wald, begleitet von gewölbten tiefen zu laufen, unter einem schieferfarbenen himmel, der sich nur mühsam von den Kronen der Bäume rechts und links des weges ablöst, durch dickicht, das geradewegs in die nacht, ins wasser, in nester führt, in lichtungen auskommt, wo hexenhäuser wachsen. beim ersten, beim zweiten mal war es noch so unheimlich, daß man den atem anhalten wollte. das knacken überall, das prasseln von eicheln, die immer nur in unmittelbarer nähe fallen, als lenke sie ein widerstrebender baumwille, das gefühl von schritten im rücken, kein eigentliches geräusch, eine sinnesunbegründete gewißheit: das ist wer! so daß man sich zwingen muß, nicht ständig erschrocken den kopf zu wenden. überhaupt das erschrecken. dieses zusammenschrumpfen aller sinne, der zeit selbst, des blutes: einmal, als ich es noch nicht kannte, das kalte glimmen zweier punkte vor mir über den weg, ein reflektorstreifen! huschte laulos zum wegrain, wo es, was immer es war, stehenblieb, und meine phantasie schlug purzelbäume, was macht ein walker mit reflektorstreifen am walkingsstock morgens um sechs am wegrain? warum bleibt der stehen? wartet er auf mich, um mir im passenden moment mit seinem reflektorwalkingstock eins überzuziehen? modernes raubrittertum? ausgebrochener anstaltsinsasse?
monate später erkannte ich, daß es eine katze gewesen war.
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Kreuzberg–Rheinbach
Es ist nur so, daß ich mit den Gedanken woanders bin. Natürlich könnte ich schreiben, natürlich fiele mir was ein – nur hab ich keine Zeit dazu, und in Gedanken zähle ich Reiherschwingen.

In Gedanken zähle ich Reiherschwingen: Ich folge den schweren Leibern, Silbe für Silbe murmele ich ihrem Fluge nach. Ich folge der Bahn mit dem Finger; naß von stehendem Gewässer, tropf ich die träge Linie in den Wind. Den Schwingen, wie sie sich beladen mit fernem Gewölk, seh ich lange nach. Sie tragen meine Blicke in die Weiten, auf und davon —
Im Schilf die Libelle. Klappern von Flügeln.
Ein Totentanz in Türkis-moll.
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Insel
Und der Wein? Der Wein?
Es gibt tatsächlich solche Orte, die zu einem Moment oder Momente, die zu einem Ort passen, und vielleicht ist ja auch die Zeit nicht an jedem Ort gleich, sondern schmeckt überall ein bißchen anders, bekommt Falten, streckt sich, flattert, rauscht, bleibt an den Fingern haften, wird transparent oder flüchtig oder ganz ganz schwer. Auf einer Insel bin ich gerne, mit Sonne vollgesogen wie ein Schwamm, zerkratzt von Zikaden, ein Bier, lustige Stimmen, Dünung. Es klingt wie Urlaub, aber das meine ich nicht.
Urlaub ist Zeitvertreib. Wer aber will die Zeit vertreiben, anstatt sie festzuhalten und die Ewigkeit in einem Zikadenflügel schwingen zu sehen?
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Steinerberghaus
Hier das zelt aufbauen? Am rand der kuppe, unter die birken geschmiegt? Mein blick geht schüchtern vor lauschender einsamkeit wieder zurück zum höchsten punkt, dem ebenen stück erde bei der panoramatafel. noch ein paar schritte unter die wipfel.
Plötzlich ein laut: Geheul wie menschliches gebrüll bricht aus den schatten, ohne ankündigung von schritten oder geraschel, in den abend eingekerbt, es klingt wie hej, houuuu, wie jemand, der nach der ferne ruft, dann wie einer, der einen hund nachahmt, und schließlich wirklich wie ein hund. ein hund? ich bin seit über einer stunde keiner menschenseele begegnet. alle wege waren leer, die feiermusik in Altenahr längst von der krümmung des berges verschattet, die fliegen das lauteste geräusch. einmal ein fuchs, rotes geflitz zwischen den buchen. Wie machen füchse? Sind es schreie wie diese? Die den abend kurz erzittern lassen, ehe sie ganz plötzlich wieder verstummen, von schweigen abgeklemmt, und eine sanft erschrockene, starre stille zurücklassen, in der nicht einmal ein zweigeknacken, ein blätterrascheln übrigbleibt –
Die blicke fliegen. Sanft krümmt sich der hügel aus dem waldkranz. Wächsern und windlos ragen die blätter ins abendlicht. Schatten spreizen hangab ihre hände um stamm und gezweig, die sonne stirbt einen rosahauch auf den weg, am fuß kitzelt das gras. Kühl will es heute nacht nicht werden. Nahebei ragt stumm das dach des Steinergerghauses zwischen zwei fichten auf. Nein, hier nicht, denke ich, nicht mit dem wilden saum blicklosen buschwerks in der nähe, im nacken. den schrei noch im leib wackele ich klopfenden herzens zurück zur ursprünglichen stelle, wo ich zwar weithin sichtbar bin, aber einen ebenso guten rundumblick habe. Savannentier, denke ich, augentier, tagaktiv. Später, im zelt, zucke ich die achseln, werde ich ohnedies nichts mehr merken von dem bunten treiben, das vielleicht, vielleicht nicht, auf der kuppe einzug hält.
Später: Die flasche leert sich mit bedächtigem schaukeln, während der himmel sich anheitert, und der mond die verschatteten dinge berührt, ansaugt, in sich aufnimmt und in gefiederte weichheiten verwandelt zurückgibt. Die lichter sind fern und nah zugleich. Kein geheul mehr. Die kuppe ist völlig ruhig, der himmel rieselt darauf nieder. Mit freudigem schauern bemerke ich den kühlen flug eines leuchtkäfers. Sehr weit weg, schon in einer anderen welt, klettern die signallichter auf der hohen acht am mast auf und nieder. Gegenüber die ortschaft Lind: das licht eines fahrzeugs, das langsam zum ort auffährt. Ich stelle mir den fahrer vor, eingeschlossen in heimatliches blech und gebrumm, der gang wechselt, der motor heult, und die nacht, die stimmen um ihn wie ein meer. links fallen die felder ins dunkel fort.
Da ist mir für kostbare augenblicke alles neu, und das alte, die müden, staubigen tage, liegen abgestreift wie der enggewordene panzer eines kerbtiers unten am wegesrand, an der kreuzung, im fingerhut, in staub und sonne, von wo sich schritte und auge und atmen schon lange weggehoben haben.
(30. Juni 2006)
Neues Heim
Morgen zum ersten mal die neue reise. Wie oft bin ich diese strecke nun schon gefahren? Bonn, Koblenz, Mainz, Mannheim. Mannheim, Mainz, Koblenz, Bonn, neuerdings, seit der Intercity mit dem ehemaligen Interregio (ältere leser werden sich erinnern) zu (aktuellen, nicht ehemaligen) Intercitypreisen zusammengelegt worden ist, auch mit halten in Andernach, Remagen und Bingen. Aber das ist ein anderes thema.
Seit 1992 mehrmals im Jahr das Rheintal, die Weinberge Rheinhessens, später in der rötlich durchschimmerten ferne die Lichter der BASF, dahinter, eine dunkle linie über der ebene, die kämme des odenwalds unter den blauen osthimmel gespannt. Oder umgekehrt, zuerst die häuserschluchten Ludwigshafens, die immer wie vermodertes plastikspielzeug aussehen, bemoost und in der sonne ausgebleicht, dann der wein, die manchmal wolkenbewachte einfahrt ins rheintal, kurven, kurven, flußgeglitzer, manchmal die Loreley, ich weiß nicht, was soll es bedeuten. Wenn das Siebengebirge in sicht kam, konnte ich schonmal buch, schokolade, walkman, später cd-spieler, in letzter zeit mp3-spieler verstauen. Mehlem, Bad-Godesberg, aussteigen. Es müssen hunderte von malen gewesen sein. Die landschaft hat sich verändert, häuser sind gebaut und abgerissen worden, bahnhöfe restauriert, straßen neu gepflastert worden, selbst der rhein ist nicht immer derselbe gewesen. Mehr noch hat sich das land und der strom aber in mir verändert, ist vertraut geworden, hat sich abgesetzt, hat sich mit erwartungen, vorlieben, abneigungen und wiederholungen durchsetzt, hat hier farbe bekommen, dort farbe verloren, hat die töne und schattierungen gewechselt, verwirbelt, auf den kopf gestellt. Ist durch mich gegangen, hat sich abgewetzt, hat abgefärbt. Hat sich schließlich tief eingeprägt und ein bild von sich dagelassen. Wie viele male braucht es, bis aus einer landschaft eine art von heimat wird? Zumal, wenn man sie immer nur in bewegung, immer nur als punktreihe zwischen hier und dort, zwischen heim und heim, betrachtet? Eine reiseheimat, zweistundenheimat. Immer vom eigenen fenster aus betrachtet, für zwei stündchen wohne ich von Mannheim bis Bonn. In quadratmetern nicht ausdrückbar.
Am schönsten war immer die explodierende sonne über dem weitgespannten Rheinbogen kurz hinter Rolandseck, von Bonn kommend: in den schatten hineingestaucht fällt plötzlich das licht über die rebenhänge, stürzt auf den strom nieder und breitet gleißende schlieren auf die wasserfläche, plötzlich ducken sich die stolzen schiffe, bis nur mehr schatten von ihnen bleiben. In der ferne sah man manchmal den eigenen zug, der rumpf perspektivisch zu einer eleganten schlange verschmälert, dem schluchtengen wiedereintritt ins rheintal zustreben. Zwischen die hänge, die den himmel zwischen sich nehmen und emporwerfen. Wenn ein besonderer tag war, flutete Bach oder Sibelius aus den kopfhörern.
Morgen heißt es nun in Mainz den Rhein überqueren, was völlig falsch gewesen wäre, all die jahre, ein zeichen, daß man sich geirrt, daß man den fahrplan falsch gelesen, daß der schaffner einen kater hatte und die lautsprecheransage verrostet war. Das soll nun also stimmen mit einemmal?
Ich werde mich nicht geirrt haben. Ich werde bei Mainz den Fluß überqueren, die am horizont gespannte linie des odenwalds wird dicker wulst von hängen mit burgen daran sein, die städte heißen nicht Ludwigshafen oder Alzey, sondern Darmstadt und Weinheim. Mein Vater wird mich abholen in einer fremden bahnhofshalle, wir werden die bergstraße entlangfahren statt über den Neckar, die berge werden links sein, nicht geradeaus. Das haus liegt am hang, sagt man mir.
Wo kann ich meine schuhe hinstellen, werde ich fragen?
Ob das merkwürdig ist? Die vögel auf dem balkon werden die gleichen sein.
starre
gibt es ein höchstmaß für die anzahl von erinnerungen, die ein ort aufnehmen kann, ohne daran risse zu bekommen, ohne für den räumlich fühlenden schal, ja, unerträglich zu werden? gibt es ein höchstmaß der intensität, die ein ort vom erlebten empfangen kann, ohne unter der last zu verschwinden, ohne ein tempel zu werden, dessen innenfaltungen man nicht mehr zu betreten wagt?
und wenn es dieses höchstmaß gibt: muß man dann nicht gehen? hindert der ort nicht jedes weitere ereignis? führt er nicht den gast, den wandrer, den einwohnenden in eine lebensstarre, weil vor all dem erinnerten die hände sinken, die stirn fahl wird, der mund trocken und bar aller nur möglichen worte?
kall–satzvey
der weg führt an zeichen vorbei, er lehnt sich sanft an uralte zeit, hat sich blinden göttern verschrieben, tempeln, die kiesel, erde und wieder baum geworden sind, tiefverwurzelten fundamenten, umgestülbten gewölben, treppen, die in einen acker, in binsen, in weidengestrüpp führen, oder in den leeren himmel. die altäre haben die götter vergessen, stumm und taub luden sie schatten auf schatten ins opferbecken, blinzelten ins licht der sommer jahr um jahr, verdämmerten unter schnee, ließen sich aufreiben vom wind und vergaßen endlich auch sich selbst. laub ruht nun zwischen stein und moos, und mancherorts, versteckt im wald, geduckt in den schoß eines grabens, halten gemauerte bögen dunkelheit im maul, um das sich kalksinter schalt. spräche man, riefe man in die öffnung, es käme nichts wieder, man bliebe mit der eigenen stimme allein. das blitzlicht tritt nur wenige schritte vorwärts, dann kommt es plötzlich zum halt.
anderwegs, eine viertelstunde richtung satzvey, krümmt sich der weg unter an- und abschwellenden lärm. die autobahn, ihr dröhnender schatten liegt wie dünung über dem rain.
artemis-kraut knistert im spröden wind. überm graben, im gesperr der schlehenzweige, wedelt einmal kurz die sonne, dann kommt der schatten zurück und die wolken hängen wieder feuchtnah überm pfad. abgetropft aus nacht und dunkel wuchern blickauf die raben in den baumkronen, lassen ihre schreie los, zerpflügen den frost, streifen den himmel, ein schwung, eine schwinge. gegenlicht: der schimmer bemeißelt ihren schnabel.
eine viertelstunde weiter, im tal, hat eine halbe brücke ihre bögen aus dem hang gespreizt. die mit Eichen bewachsene Steigung führen stufen aus holzbolen hinauf, in jugendliches gelächter, bunte daunenjacken, zerschabte kunstfaserrucksäcke und drei gelangweilte gesichter. plötzlich schweigen sie und starren, mit masken vor der blässe des wintergesichts. der brückenbogen ist mit einem gitter verriegelt. wasser floß hier über wasser einst. ein strom über dem strom. jetzt führt die trasse geradewegs starr hinaus in den himmel. die kinder albern, ihre kicherlaute zirpen wie vögel. vor dem fuß, versunken in laub, erde, abfallpapier aus einer zeit nach allen zeiten, entkneift sich der austritt gerade so eben dem erdreich. so lange floß hier wasser, daß stein wuchs im strom, eine koralle geronnenen äons. zeitungspapier ballt die faust, zehn tage regen und wind, die schrift kaum noch zu lesen. spuren: eine tiefblaue wasserflasche, aufgerissenes kunstoffbriefchen, zigarettenstummel. darüber zeigt, unter moos versteckt, das mauerwerk seine einzelnen steine. zwischen den greisen ziegeln und der zeitung von gestern: ein nichts, ein trockener hauch. wie nah man ihm auch kommt, der stein ist immer ein stück weiter. irgendwo rieselt erde.
die kinder sind fort. aus der ferne schlagen die glocken.
kall/gemünd/mechernich
kurz nach der wegekreuzung mit der hütte am schneeweiß wölbt sich zur rechten baumfreie heide, und inmitten gesträuchs, strähnen vergilbten grases, gebleichter holzstümpfe, flächen gefrorener tümpel, schiebt sich backstein aus dem boden, von grassoden wie von filzigen haarflechten bedeckt, von grüngrauer erde umflankt, als sei der gemauerte stein wie ein pilz eine wurzel ein troll aus dem grund emporgewachsen. eine tür starrt verschlossen und rostig halb zum weg. eingekeilt zwischen erde, gras, geäst und himmel sind die sturen linien des quaders dem ort fremd. fast ein geräusch, ein gefährliches summen: aber alles ist still, lauscht man hin. nur eine säge, andererseits, eingraben in die baumesstille; hinter dem hügel spannt sich die siedlungsgefleckte weite.
von dort ist es noch eine halbe stunde bis gemünd.
16.
Einsam muß er, der neue Mensch, sich unter seinen Mitmenschen vorgekommen sein, einsam und in kühlen Hauch geschlungen, einsam wie auf dem Gipfel des Mont Ventoux, den er als erster erstieg: Alleine in hitzelflirrenden Steinhängen. Allein mit der neuen Sehnsucht in seiner Brust, die er mit keinem Menschen seiner Zeit zu teilen vermocht hatte und die vielleicht in jener Wanderung ihren bildhaftesten Ausdruck findet. Wir können kaum ermessen, was es bedeutet haben mußte, in jener Zeit so anders zu fühlen und damit so einzig und getrennt von allem zu sein. Als erster nach Jahrhunderten wagte er es, seine Liebe zum Mittelpunkt und Maßstab der Welt zu erklären. Seine Liebe ist alles. Die Welt wird ihm wirklich durch seine Liebe, und deutbar durch das Eigene, durch die Sehnsucht seines vereinzelten Selbst. Daß sich auch die Welt unter diesem Blick verwandeln muß, daß sie diesem liebenden Auge gänzlich neu erscheinen muß, ja, daß sich dieses Auge plötzlich selbst beobachtet und verstehen will, ist nur zu begreiflich. Damals war es unerhört. Und wir staunen über diesen plötzlichen Funken in seiner Brust, den neuen Lebensmut, der den Gestank der Gassen, das Elend von Pest und Aussatz, die Erniedrigung von Schmerz und Schmutz zu überwinden gewillt ist, und das klare Auge, das auf einmal emporblicken will zu den Hängen, die damals vielleicht noch pinienbestanden, duftend und vom Lärm der Zikaden erfüllt waren, das sich hinwendet zur harten, steinernen, sonnendurchglühten Welt und sie zum ersten Mal als etwas empfindet, das verstanden und durchwandert werden will, ohne Gleichnis, ohne Jammertal, ohne Prüfstein zu sein. Und wir bewundern das liebende Herz, das sagte: Laß uns dort hinaufgehen. Laß uns unter Pinien wandern, in Mühsal steigen, sehen und sehend dichten.
Heute jährt sich sein Geburtstag zum 700sten Mal.
S’amor non è, che dunque è quel ch’io sento?
Ma s’egli è amor, perdio, che cosa et quale?
Se bona, onde l’effecto aspro mortale?
Se ria, onde sí dolce ogni tormento?
S’a mia voglia ardo, onde ‘l pianto e lamento?
S’a mal mio grado, il lamentar che vale?
O viva morte, o dilectoso male,
come puoi tanto in me, s’io no ‘l consento?
Et s’io ‘l consento, a gran torto mi doglio.
Fra sí contrari vènti in frale barca
mi trovo in alto mar senza governo,
sí lieve di saver, d’error sí carca
ch’i’ medesmo non so quel ch’io mi voglio,
et tremo a mezza state, ardendo il verno.
Nachdichtung von Martin Opitz
ISt Liebe lauter nichts / wie daß sie mich entzündet?
Ist sie dann gleichwol was / wem ist ihr Thun bewust?
Ist sie auch gut vnd recht / wie bringt sie böse Lust?
Ist sie nicht gut / wie daß man Frewd’ auß jhr empfindet?
Lieb’ ich ohn allen Zwang / wie kan ich schmertzen tragen?
Muß ich es thun / was hilfft’s daß ich solch Trawren führ’?
Heb’ ich es vngern an / wer dann befihlt es mir?
Thue ich es aber gern’/ vmb was hab’ ich zu klagen?
Ich wancke wie das Graß so von den kühlen Winden
Vmb Vesperzeit bald hin geneiget wird / bald her:
Ich walle wie ein Schiff das durch das wilde Meer
Von Wellen vmbgejagt nicht kan zu Rande finden.
Ich weiß nicht was ich wil / ich wil nicht was ich weiß:
Im Sommer ist mir kalt / im Winter ist mir heiß.
Nachdichtung von Friedrich Wilhelm Riemer (1826)
Ist’s Liebe nicht, was dann ist dieses Meinen?
Ist’s Liebe nicht, wie nenn’ ich sie zumal?
Nenn’ ich sie gut, wie schafft sie herbe Qual?
Wenn böse, wie versüßt sie alle Peinen?
Lieb’ ich freywillig, woher Klag’ und Weinen?
Wenn wider Willen, frommt dann Thränenzahl?
Lebend’ger Tod! erquickungsreiche Qual!
Wie hast Du Macht an mir, die ich verneine?
Und hast Du sie, leid’ ich sie mir zum Schaden:
In schwankem Kahn, im Widerspiel der Winde,
Auf offnem Meere treib’ ich ohne Steuer;
An Wissen leicht, an Irrthum schwer beladen,
Bin ich nicht so wie ich mich gern empfinde,
Und fühl’ in Hitze Frost, in Kälte Feuer.
Nachdichtung von Karl Kekule (1844):
Wenn Liebe nicht, was ist es, was ich fühle?
Und ist es Liebe, was, um Gott, ist diese?
Wenn gut, wie kommt’s, daß tödtlich hier sie wühle?
Wenn bös, daß Wonne jedem Schmerz entsprieße?
Wenn ich mit Willen glüh’, was heisch’ ich Kühle?
Wenn gegen, hilft mir’s, daß die Thräne fließe?
Lebend’ger Tod, und Luft bei Flammenschwüle,
Wir zwingt ihr mich, wenn ich’s nicht selbst erkiese?
Erkies’ ich’s denn; – so fleuch, rechtlose Klage! –
So treib ich schwankend hin auf schwachem Kahne,
Und steuerlos, vom hohen Meer umsprühet;
So leicht an Wissen und so schwer an Wahne,
Daß selber ich nicht weiß, wonach ich jage;
Im Sommer eisig, Winters heiß durchglühet
