
glück ist kein guter dichter
wieder einmal zeigt sich, daß sich über erfüllte liebe nicht schreiben läßt
kreativität
alles, was ich mir ausdenken kann, ist tabellarisch. was mir fehlt, ist der sprung, der plötzliche satz heraus aus den tabellen ins kreuzundquer, eine querfeldeine, nicht-lineare verbindung, vernetzung nach außerhalb.
außerhalb, das ist das problem. immer schon gewesen: das paradox des kreativen. wie entsteht in einem einzelnen geist aus der verbindung von vorhandenen teilen etwas neues, das mehr ist als die summe seiner teile, ja sogar mehr als die summe seiner teile und der art ihres ineinandergefügtseins?
ungelöst.
das müßte etwas sein, das, aus dem eigenen geist geflossen, diesem geist völlig fremd und als das werk eines anderen erschiene. (geht es nur mir so, daß die erzeugnisse der anderen immer so viel vielschichtiger und kreativer, eigensinniger, rätselhafter scheinen als das eigene? oder liegt das in der natur der sache?) und ein weiteres paradox: könnte ich es lösen, wäre es lernbar. aber gerade ein algorithmus (und nur ein algorithmus ist lernbar) darf es ja nicht sein. oder gibt es algorithmen, die unerwartetes produzieren? wohl gemerkt: nicht zufälliges. sondern nicht-vorhersehbares, das gleichwohl aus der rückschau völlig folgerichtig, bedeutungshaft, stimmig und doch: neu ist.
statistik
meine topic statistics wird immer blauer.
…

am ersten januar
in säulen gebogenen lichts kann man hier wandern, unter einem himmel, von winden eingezwängt nach allen seiten, und über dem grat der fichten, die nach der wiese greifen, lauert der nächste regenguß. zerspelltes licht liegt auf hüttelbohlen; kommst du herein, tritt dein schatten zu dir, dir entgegen, winkt dir zu, ein bild deiner eigenen sterblichkeit, beweglich wie du selbst. du setzt dich zu ihm, der tee dampft, spiralen von sonne steigen der decke zu, in den händen zerfällt das frische brot. kein laut außer dem feuerknistern der verkrümmten buchenblätter. alles hält dieser boden voller moose für dich bereit, ein bett, ein grab, ein liebeslager.
Loch (Eifel)

nachts. in den straßen
Ich blieb stehen. Die Nacht peitschte weiter. Ein Wind kam von See, wirbelte Dunkelheiten verschiedener Färbung und Schwere an mir vorbei, leise Stimmen an die gesättigte luft abgebend, so daß die Laternen straßauf straßab zu flackern schienen; doch waren es nur Herden von Käfern, die staubig und wie eine bewegte Verschmutzung der Nacht, aus der das Licht der Lampen floß, um die Pfähle und Schirme schwirrte. Ab und zu brummte es, wenn ein gepanzerter Leib silbrig gegen das Licht schlug und torkelnd wieder vom Dunkel zurückgenommen wurde, das ihn Sekunden zuvor losgeschickt hatte. Die Flügelpaare knisterten.
Manchmal wogte ein Platz von Stimmen, klangen Spiegelungen von Weingläsern, Auslagenfenstern, Vitrinen mit Fisch und Meeresfrüchten, zuckte Neon in grün, rosa, blau, spiegelte sich Uhrglas und Brillenbügel und Frauenschmuck in zitternden Pfützen, denn die ersten Regenfälle waren eben gewesen.
herausgefordert
sich den gesellschaftlichen herausforderungen des Landes stellen – wenn ich so etwas schon höre. diese herausforderungen gehen von uns selbst aus. verzichten wir darauf, gibt es auch keine herausforderung und damit kein problem, dem man sich stellen müßte. da wird wieder mal so getan, als seien unsere sozialen probleme eine naturkatastrophe.
An C. („Wenn ich einmal groß bin …)
„[…] Doch, eine Zeitlang wußte ich sehr wohl, wohin ich wollte. Ich hütete mich davor, so großspurig wie jener Literat mit den Schweinsäuglein (Thorsten, Markus, Thomas, Michael, keine Ahnung) aufzutreten, aber im Grunde war mein Ziel genau das: Wenn ich groß bin, will ich Professor werden. Ich sah allerdings in diesem Bild des Professors, der ich einmal sein würde, eine Figur, die es nicht gibt und auch nie gegeben hat. Es war eine Phantasie, die sich einen feuchten Dreck um die Wirklichkeit scherte, eine Phantasie, die einer Gedankenwelt entsprungen war, in der Vokabeln wie Forschungsfinanzierung, Drittmittel, Projektanträge, Gutachten und Bewilligung nicht vorkamen. Eine gedachte Entität in einer gedachten Welt, in der es zur Forschung nicht Geld sondern Fleiß, Eingebung, Kreativität und Freiheit brauchte. Eigentlich kann man sagen, daß ich eine Märchenfigur werden wollte. […]“
eine unscheinbare reise
eine schöne fahrt. langsam über den tiefen des flusses dahingeglitten. in die gewißheit gefahren. ins heute. der fluß rauchend hinter weidengewirr. drüben die weinreben, gekämmtes steigen. eine rabenkrähe hockt auf einer schlanken pappel. möwen sicheln über den strom. sanft neigt sich der zug gegen die schleife des stroms. ich bin immer noch am leben. herzschlag für herzschlag immernoch.
scharf gestanzt plötzlich die sonne über den abgeschatteten hängen, die sich gegen den himmel über ihnen aufzulösen scheinen. dann fällt wieder nebel. erst gegen mittag in Mainz klirrend kalter sonnenschein auf zügen und gleisen, knisternder zigarettenrauch, atemwölkchen tragen das licht fort, taubenschatten eilen zu füßen vorüber. hier schließlich in Mannheim ist es genauso. so hell. so ein sanftes licht überall, scharfe ecken, klare schatten. eisgeglitzer, das eine scholle eingefaßt hält. darüber viel ferne. ein hängen zwischen bangigkeit und freude, es hat wieder einen schweren unfall gegeben, hört man.
23:30 : Zuviel von allem
Zuviel von allem.
generalurlaub
warum es einerseits nicht schnell genug gehen kann, so daß schon ab september dominosteine und lebkuchen erhältlich sind und der weihnachtsmarkt bereits ende november öffnet; warum aber andererseits die stadt Bonn wenige tage vor heiligabend noch auf die schnelle eine großinspektion der kanalisation verordnet zu haben scheint – das begreife ich einfach nicht. dazu bin ich zu blöde, zu naiv oder einfach nur zu schwer von begriff. wie wäre es mal mit kürzer treten und langsam machen? ebensowenig habe ich je verstanden, warum es für industrie & wirtschaft vorteilhaft sein soll, einen feiertag zu streichen, noch weniger, warum man damit irgendetwas „finanzieren“ können soll. womit denn bitteschön? nur etwas herzustellen, bringt doch nichts, ich muß es auch verkaufen, es muß jemand haben wollen. und: der feiertag ist doch eine pause für alle. auch für die konkurrenz! wer hat also einen vorteil davon, wenn ein feiertag entfällt? und überhaupt: haben topmanager und aufsichtsratsvorsitzende keine familie? freuen sich solche menschen nicht über einen tag der ruhe, der einkehr, des zu-sich-selbst-kommens? über einen tag mit kindern im grünen? oder geben die ihr menschsein an der garderobe ab?
mein vorschlag: eine woche frei. für alle. die woche vor weihnachten gibt es einen generalurlaub. die räder stehen still, die baumaschinen auch, und einmal, einmal im jahr können alle aufatmen.
warum es so etwas nicht gibt (ich hielte es für vernünftig und menschlich), verstehe ich wie so vieles nicht. ich glaube, ich bin zu naiv für diese welt. und wenn ich mal was verstehe – dann verschlucke ich mich vor entrüstung.
An C.
„[…] Wäre es also gutgegangen? Ich habe den Verdacht, daß sich in meiner Sicht auf die Vergangenheit etwas Typisches zeigt, nämlich, daß für mich das Imaginäre wichtiger war als das Wirkliche, der Traum bedeutsamer als das Erreichbare, die Vorstellung bedeutsamer als die Tat, das Erdachte wirklicher als das Praktische, die Idee wichtiger als die Entscheidung. Und die Vergangenheit der wirklichen Zukunft überlegen.
Und genau deswegen ist für mich die Vergangenheit, oder ihre Deutung, so immens wichtig. Wenn Du daher schreibst, daß Du das anders in Erinnerung hast, so klingt das für mich, als ob ein Teil meiner selbst ungültig würde. Indem es für Dich so viel weniger wiegt, bleibe ich endgültig allein. Mit einem Traum. Mit einer Vergangenheit, in der nur mehr ich vorkomme, und die Du, so wie ich sie mir deute, nicht teilst. Mit einer Erinnerung, deren imaginierte Fortsetzung zur Illusion geworden ist. Und nicht nur das: Auch mein Traum von damals hat sich dann als Illusion erwiesen. So bin ich in zweifacher Weise einsam: Im Jetzt und in der Erinnerung.
Verrückt? Vollkommen![…]“
Apuleius & sim.
Teil eins der dieswintrigen Ablenkung ist geschafft und trägt die Überschrift: Narratologische Untersuchungen zu den „Metamorphosen“ des Apuleius“. Ich habe mal wieder viel und viel zu flüssig über ein Thema geredet, von dem ich keine Ahnung habe. Herrlich. So sollte es öfter sein. Wenn nur nicht immer so viele Woche damit ins Land gingen, sich keine Ahnung anzulesen.
Zu guter letzt noch eine Klausur. Ich habe „erst spät“ mit tardius wiedergegeben, sowie „über die Verfassung und Ordnung des Staates“ mit de instituenda instruendaque re publica und frage mich, ob ich mich dereinst dessen schämen werde müssen.
Ach, egal. Ganz egal. Jetzt heißt es erst einmal Ferien, Vollbad, Frascati.
Nullam, Vare, sacra vite prius severis arborem …
Greinstraße
aus der gedämpften weite hinter den fenstern die baumaschinen. in der helle das knisternden licht. vergessen, mich an die blätter zu erinnern, an ihren gelbstrahlenden tod. jetzt, am beginn der stille: wege waren hier und führten einen sommer zusammen. das denkt sich ganz leicht. es ist schön, es zu denken. über gras und nackte füße, zwischen kies und geröll. jetzt dröhnt ein horn. ein arbeiter ruft. die ritzen hocken lauernd, vor stimmen sprungbereit, und da ist niemand, zu dem ich weißtdunoch sagen könnte.
nebenbei bemerkt nicht abgeschickt
auch wieder charakteristisch für Dich, und ich möchte es als weiteres zeichen von modelleben deuten: daß Du „fertig stellen“ schreibst, statt „fertigstellen“, mit dem vermerk, daß man letzteres „ja nicht mehr schreiben dürfe“. und „schade, nicht?“.
warum? in einem persönlichen brief, ich bitte Dich. hast Du sorge, durcheinanderzukommen oder durcheinander zu kommen? da war es schon wieder, kein widerstand, keine eigene stimme. sondern die stimme des man.
aber nein, meine adresse in griechenland hast Du immer translitteriert, das war Dir „zu blöd, fremde buchstaben zu malen“. wenn ich daran denke, daß auch Du linguistik studiert hast.
aber das schreibe ich Dir nicht. das ist nur fürs protokoll, das innere.
Dafür nicht
„[…] Mich stört an einem Leben mit FrauHausKind, daß es ein millionenfach vorgelebtes, ein erprobtes Leben ist, ein Modelleben. Ich will kein Modelleben. Ich wollte, ich will, ein Leben leben, für das es kein Modell, kein Vorbild gibt. Ich will Räume aufstoßen. Ich will zerschneiden. Ich will Neuland betreten. Mit der Schreiberei ebenso wie mit meinem eigenen Leben. Als ich aus dem Zivildienst entlassen wurde, als ich von zuhause auszog, als ich anfing zu studieren, da war es ein Aufbruch. Eine Eroberung. Ein Ergreifen. Und ich konnte nie verstehen, wie es manchen nur darum zu gehen schien, anzukommen: bei einem Job, einem Partner, bei Kindern, beim Eigenheim. Dich mit eingeschlossen. Wenn die ersten Freunde und Bekannten verkündeten, daß sie sich ein Auto gekauft, geheiratet, Kinder bekommen hätten, habe ich oft gedacht: War es das? Doch wohl nicht! Dafür sind wir nicht aufgebrochen. – Und jetzt frage ich mich: Wofür dann? Ich weiß es nicht. Jedenfalls nicht, um in der PR-Agentur eines Megaunternehmens zu landen, bitte um Verzeihung. Ich habe Dich einmal gefragt, warum Du es denn so eilig habest mit dem Studium. Ich ließe mir doch auch Zeit. Du sagtest, bei mir sei es etwas anderes, Du aber wollest in die „freie Wirtschaft“. So drücktest Du Dich aus. In die „freie Wirtschaft“. Es klang nicht wie „Freiheit“. Es klang wie „freie Wildbahn“. Ich verkniff mir damals die Gegenfrage. Sie hätte gelautet: Und warum studierst Du dann Germanistik? – Ich konnte (und kann) mir einfach nicht vorstellen, warum jemand so etwas „Schönes“ wie Germanistik studiert und dann aber nicht auch etwas „Schönes“ damit anfangen will, wobei ich die Erklärung, was denn etwas „Schönes“ sei und wo man es ausüben könnte, schuldig bleiben muß.[…]“
ad absurdum
das anhaltende gejammere über rückläufige geburtenzahlen wird tag für tag in den pendlerzügen ad absurdum geführt.
vom scheitern (1)
das wird einstweilen nirgendwohin führen, so viel sollte mir mittlerweile klargeworden sein. zwischen den koordinaten lebensglück, aufgabe, bewältigung, frist hänge ich nicht fest, sondern drehe mich im teufelskreis. die gedanken schnappen zu wie fallen. vexierbilder, zwickmühlen, karusell, geisterbahn. eins gibt sich dem anderen als lösung, die lösungen führen zur aufgabe, und am ende ist man wieder dort, wo man begonnen hat.
ernst machen birgt die gefahr des scheiterns; jeder kompromiß zielt darauf ab, ein solches scheitern zu vermeiden. netz und doppelter boden. ich habs ja gar nicht versucht. nein, ich wurde ja abgelenkt, hatte soviel um die ohren, mußte mich kümmern, war in aufgaben verstrickt, gab wichtigeres, kurz: es liegt gar nicht an mir.
also bin ich auch nicht gescheitert.
vor einigen tagen stand ich plötzlich allein im stockfinsteren hausflur, in einen seltenen augenblick der stille gehüllt. ich hatte aus der küche in mein zimmer gehen wollen und das licht im flur ausgemacht. unfähig, mich zurechtzufinden, wartete ich, bis sich meine augen an das dunkel gewöhnt hätten. umrisse erschienen. die dunkelheit bekam tiefe und raum. türrahmen und regal verdichteten sich zu linien und kreuzungen. unten trat die glastür als heller fleck auf die stufen, deren schatten sich langsam zur treppe zusammenfügten, bis der weg zur tür sichtbar war. ich wartete, bis ich alles klar erkennen konnte: die wände, die stufen, die tür. mit einemmal der gedanke. was wäre, wenn ich jetzt ginge? wenn ich jetzt die treppe hinunterstiege, die tür öffnete und hinausginge, so wie ich war, in pullover und hausschuhen? unterm mond, durch die straßen, in die dunkelheit hinaus? die tür fiele ins schloß, der schlüssel bliebe drin und weg wäre ich.
plötzlich schlug mein herz wie wild. ich holte tief atem. hier waren die stufen. unten war die tür. dahinter die welt. eine wilde furcht hatte mich gepackt, vor mir selbst, vor der freiheit, vor der möglichkeit, sich zu entscheiden. ja, was wäre, wenn ich jetzt losliefe? und plötzlich durchzuckte mich die gewißheit, daß ich es jetzt tun würde, jetzt sofort, im nächsten moment, halsüberkopf, gleich wäre ich auf und davon. es war nicht zu verhindern. ohne netz und doppelten boden.
meine füße regten sich nicht. die stille war keinen laut weitergerückt, das licht unverändert. draußen raschelte das laub wie von schritten.
der atem floß wieder, das herz schlug ruhiger. ich seufzte und schlich mich zurück in mein zimmer, siegreich und besiegt.