Mitnotiert: Rehe

Noch nie bin ich einem Reh so nahe gekommen, fast hätte es einen Zusammenstoß gegeben. Das erste entschied sich, noch über den Weg zu laufen, fürs zweite wurde die Zeit zu knapp – es blieb mit einem Ruck stehen, den Körper halb zur Flucht gedreht, die Beine unsortiert über Kreuz, die Augen zwei Reflexe des Schreckens. Das Tier war verblüffend klein; hätte es neben mir gestanden, hätte es mir höchstens bis zum Knie gereicht. Die im Vergleich zum Kopf riesigen Ohren waren aufgestellt und nach vorne gerichtet. Alles an diesem Tier war Alarm. Und mir tat es leid, es erschreckt zu haben. Ich entließ es aus dem Bannkreis der Lampe, ließ den Wald hinter mir in die Dunkelheit zurückfallen, wandte mich, fiel wieder in Trab. Hinter mir knackte es leise im Unterholz.

Einmal habe ich an einem Herbstmorgen am Bahnhof einen Vogel am Boden liegen gesehen, von dem ich glaubte, er sei tot. Es war ein Rotkehlchen. Neben dem winzigen Leib, so winzig, daß man glauben mochte, er wiege nichts, lag eine zerfledderte Illustrierte; abseits rollte ein Coffee-to-go-Becher vor sich hin; vor dem Vogelköpfchen erhob sich riesig und das Leuchtstoffröhrenlicht des Unterstands spiegelnd eine Glasscheibe. Wahrscheinlich war der Vogel dagegengeflogen. Jetzt lag er halb auf der Seite, halb hockte er aufrecht, so daß das zum schmalen Schlitz geöffnete linke Auge in der leichten Drehung des Körpers nach oben wies, auf mich gerichtet war. Ich bekam einen Schreck: Lebte der Vogel denn noch? Tote Vögel, überlegte ich, haben geschlossene Augen. Ich bückte mich näher. Das Rotkehlchen lag völlig reglos, sein Auge starrte mit halbem Blick, es war nicht zu sagen, ob es tot war oder tief in seinem winzigen Innern noch lebte, noch litt.

Man kommt dem Tier nie wirklich nahe; es bleibt immer eine Kluft. Wir wissen ja nicht einmal, wie unsere menschlichen Zeitgenossen fühlen, wieviel weniger können wir es bei einem Tier ahnen. Eine Kluft, eine Traurigkeit, eine Sehnsucht: Nach dem verlorenen Leben, nach der verlorenen Unschuld. Die Sehnsucht danach, fraglos dazusein, und dazu keiner Hilfsmittel zu bedürfen: selbstwirksam und selbstgenügsam, sein eigener Herr. Die Sehnsucht auch, keine Zukunft zu kennen, keine Not, bis auf den Hunger des Augenblicks. Sicher, auch das Tier stirbt. Es stirbt, und weiß aber nicht, daß es stirbt. Wir aber haben den Tod ein ganzes Leben lang bei uns. Ist dieser lang erwartete Tod besser?

Ich konnte nichts tun. Ich entfernte mich leise, wie man sich von einem Schlafenden entfernt, stellte mich in eine andere Ecke des Unterstandes und schaute in den zunehmenden Regen. Ich war völlig allein auf dem Bahnsteig. Ich und der Vogel. Ein paar Momente verstrichen. Ich schaute wieder hin. Das Tier war im verschlissenen Licht der Leuchtstoffröhren kaum mehr als ein unscharfer Fleck. Ich schaute wieder weg. Tiere sterben, dachte ich, Tiere leiden, du kannst nichts tun. Ich schaute wieder hin, zwanghaft, wie man das Photo einer Greueltat in der Zeitung anschauen muß. Ich bekam einen Schreck: Hatte der diffuse Fleck sich bewegt? Oder war es das schwache Licht, das im Verein mit meiner unausgeschlafenen Müdigkeit die Umrisse des Vogelflecks neben der Illustriertenruine tanzen ließen?

Einmal, auf einer Wanderung, traf ich auf ein totes Frettchen. Es lag, alle Viere von sich gestreckt, auf dem Rücken, den Kopf nach hinten und zur Seite geneigt, mitten auf dem Feldweg, vollständig außer Deckung. Äußerlich unverletzt, klebte auf der Schnauze ein winziger Blutstropfen. Um den buschigen Schwanz herum trocknete eine Urinpfütze in der warmen Sommersonne. Was immer geschehen war, es war eben erst geschehen, und es war endgültig geschehen. Die Felder waren menschenleer. Kein Raubtier, kein Auto, kein Traktor zu sehen. Die Wege spannten sich in alle Richtungen. Am Himmel zogen Schönwetterwolken. Ich war der einzige Zeuge. Ich ging weiter.
Man dachte, es müßte verschwinden, so ein Anblick hielte die Entfernung nicht aus, das Triviale des Raums, das Triviale der Unkenntlichkeit; aber als ich mich nach ein paar, nach zehn, nach hundert Schritten umdrehte, war es immer noch da, kleiner und unkenntlicher mit jedem Umdrehen, einem absurden und trivialen Gesetz unterworfen, für das es einfach nicht gemacht schien, nicht passen wollte. Aber es war genauso tot wie etwas, das nie gelebt hatte. Und dann war es nur noch ein Fleck in der Wegtiefe, der alles mögliche bedeuten konnte, Pferdeapfel oder Erdkrümel oder Maiskolben.

Nein, das Rotkehlchen bewegte sich wirklich. Der Kopf pickte, spähte, drehte sich hierhin und dahin, mit jener zuckenden Bewegung, wie sie kleinen Vögeln eigen ist. Ich beobachtete das eine Weile, trat aus dem Unterstand heraus und näherte mich der Stelle von der anderen Seite, von außen. Ich hatte den Fleck kaum ausfindig gemacht, als das Rotkehlchen auch schon davonschoß, mühelos, flink. In drei Bögen war es über die Gleise weg und verschwand, nur ein Fingerschnippen der Nacht, in der Dunkelheit jenseits der Bahnhofslaternen.

Erzähl er nicht weiter, Herr Urian!

Früher war es das Reisen.
Eine gebotene Narrheit, ein Traum, hatte das Reisen zur Hauptperson jemanden, der ich nicht war, der ich aber gerne gewesen wäre. Das Reisen erforderte Eigenschaften, die ich im höchsten Maß nicht besaß, aber besitzen wollte, Coolness, Anpassungsfähigkeit, Angstfreiheit, Extrovertiertheit, Neugier, Unerschrockenheit, Schläue, Abenteuerlust, und gerade deshalb war ich so oft auf Reisen, so mit verbissener Leidenschaft, Hartnäckigkeit, ja Trotz unterwegs, als könnte ich auf diese Weise die mangelnde Coolness erwerben oder einüben, bis sie saß. Je öfter gereist, je schwieriger die Umstände, desto cooler, auf Dauer. Dachte ich.
Großgeworden im Zeitalter des aufstrebenden Rucksacktourismus (Stichwort „Land und Leute kennenlernen“), neuentdeckter Authentizität von Balsamico-Essig und Single-Malt-Whisky, in einer Generation, die plötzlich genau zu wissen glaubte, wie das Originalrezept für Tiramisù gehe, und denen „Insalata caprese“ leichter über die Lippen kam als „Grünkohl mit Pinkel“, unter Menschen, die größere Vertrautheit mit dem Didgeridoo als mit der Zupfgeige bewiesen – in dieser plötzlich ganz dem Außen zugewandten, Weltoffenheit und -läufigkeit demonstrativ zur Schau stellenden Umwelt galt für mich nicht minder, was für alle Altersgenossen galt. Wer jung war, mußte reisen. Wer es nicht tat, galt als vorzeitig vergreister Toast-Hawaii-Esser. Das wollte ich natürlich nicht sein. Niemand wollte das, auch wenn der Toast Hawaii heimliche Lieblingsspeise blieb. Man war nicht ehrlich, man verschwieg das, und bildete sich ein, die „original italienische Salami“ vom Discounter sei besser. Wenn ich ehrlich zu mir gewesen wäre: Dann hätte ich lieber Ostfriesenmischung als Assam FTGFOP getrunken. Und wenn ich noch ehrlicher gewesen wäre: Dann wäre ich zu Hause geblieben.


Denn wohl habe ich mich nie gefühlt auf Reisen. Ich habe es immer schon gemütlich, vorhersagbar und bequem haben wollen. Zwar wäre ich gern ein Abenteurer gewesen, nur Abenteuer erleben, das war nun doch etwas viel. Ich wollte mutig sein, aber nicht in Situationen geraten, die Mut erfoderten. Sein, nicht machen: Ich wollte jemand sein, für den es keine Gefahren, sondern nur Herausforderungen gab, kein schlechtes Wetter, nur schlechte Kleidung (und schlechte Laune), einer, dem es gelingt, die ganze Welt zu seinem Wohnzimmer zu machen. Dabei haßte ich schon den unbedeutendsten Zwischenfall, einen verspäteten oder verpaßten Zug etwa, oder wenn ich mich in einer Altstadt verlief, mir die Landessprache trotz Intensivkurs verschlossen blieb oder eine Hoteladresse nicht zu finden war. Schmutzige Betten, kaltes Duschwasser, unlesbare Fahrpläne, überlaufene Sehenswürdigkeiten konnten mich ebenso ärgern wie nervtötende Eigenschaften Einheimischer, etwa, immer freundlich „ja“ zu sagen, wenn sie „nein“ meinten (Bolivien), mir das Blaue vom Himmel herunterzulügen über das hübsche Hotel des Schwagers (Griechenland), bei Regenwetter mit Sonnenbrille herumzulaufen (auch Griechenland), oder aus zehn Kilometern zehn Meter zu machen (überall auf der Welt).

Ich arbeitete hart an mir. Irgendwann mußte es mir doch gelingen, die albernen Sonnenbrillen exotisch zu finden und das Ramschgeschäft mit dem heruntergekommenen Hotel des Schwagers für unverfälschte autochthone Gastfreundlichkeit zu halten. Das machten die andern doch schließlich auch! Laß es einfach auf dich zukommen, sprach ich zu mir selbst mit zusammengebissenen Zähnen, alles ist Erfahrung, urteile nicht so viel, entspann dich einfach. Ich entspannte mich – und verpaßte den Bus, weil ich den Fahrplan nicht zu entziffern vermochte.

Wenn ich reiste, war ich nicht so sehr irgendwoher irgendwohin unterwegs; besuchte ich nicht andere Länder oder Gegenden; war ich nicht auf der Suche nach etwas, sondern nach meiner Rolle dabei. Spaß machte das nicht. Meistens nicht. Natürlich gab es Momente seltsamer Intensität, an die ich heute noch gerne zurückdenke. Die Fahrt um Mitternacht Ortszeit vom Flughafen El Alto hinunter in den Canyon, an dessen Hängen das Lichtermeer von La Paz, tief, tief unten, emporbrandete; ein fetter Vollmond, geschwollen wie eine leuchtende Made über Piräus, beim Auslaufen der Fähre hinüber nach Kreta; ein Tagesanbruch in einem Park in Hieraklio, griechische Erde und Sonne, das Blitzblanke eleganter Frauen beim Morgenspaziergang mit ihrem Hund. Aber diese Erinnerungen, eingebettet in den größeren Kontext der Widerwärtigkeiten, die solchen Momenten vorausgingen (Streit mit Taxifahrern) und folgten (stressige Hotelsuche im Zustand völlier Übernächtigung), sind heute stets begleitet von der Erleichterung, daß es vorbei ist – und dem Bedauern darüber, daß das Reisen insgesamt nicht schön gewesen ist, und ich an der Stelle meines Scheiterns an Widerständen, meiner Unfähigkeit, auch diese Widrigkeiten als positive Erfahrung abzuspeichern, gern eine andere Erinnerung über dieselben Ereignisse und Begegnungen besäße, eine angenehmere, anders gefärbte ebenso wie eine versöhnlichere, stolzere von mir selbst.

Das Reisen war insofern eine Probe, in der ich mich selbst zu spielen versuchte – und scheiterte. Ich mochte nicht das Reisen, ich mochte die Vorstellung vom Reisen, ebenso wie es mir mehr Freude und Erkenntnis bringt, bei einer Tasse Kaffee einen Ausstellungskatalog zu studieren, als selbst ins Museum zu gehen. Ich mochte über fremde Länder lesen; sie selbst zu bereisen, dazu fehlte mir jedes Talent, jedenfalls, wenn ich dabei einen Genuß haben wollte.
Nicht nur Mut, Anpassungsfähigkeit, Coolness fehlten. Es fehlten auch die Hartnäckigkeit und die Neugier des Entdeckers. Nicht, daß ich nichts hätte entdecken wollen. Nur wollte ich es um des Entdeckens, nicht des Entdeckten Willen. Ich wäre gern der erste gewesen, ein erfolgreicher Jäger von Kuriosem, Grandiosem, bis dato unentdeckt Spektakulärem, wäre gern auf das gestoßen, was man heute so paradox als Geheimtip weitergibt. Auch hier ging es nicht ums Reisen, auch nicht darum, etwas Aufregendes zu erleben oder etwas Neues zu sehen. Es ging einzig darum, später einem staunenden Publikum davon berichten zu können. Natürlich entdeckte ich auf diese Weise nichts, weil mir ja, was es vielleicht zu entdecken gegeben hätte, im Grunde egal war.

Einmal, auf Klassenfahrt in London, ging ich allein ins British Museum. Wir hatten einen Nachmittag zu unserer freien Gestaltung, und meine Wahl fiel auf das BM. Sicher wird mich das Museum interessiert haben, es gibt dort derart viel zu sehen, daß für jeden etwas dabei ist. Aber das war es nicht. Mir gefiel die Vorstellung von mir, wie ich ganz allein in London ins British Museum ginge. Wie ich einer wäre, dem eine solche Unternehmung Spaß machte und – gelänge. Ich ging also hin und sah – nichts. Ich hatte nicht die geringste Vorstellung von den schier unermeßlichen Dimensionen dieser Institution, ich hatte mich nicht informiert, ich zog keine Pläne zu Rate, ich fragte nicht nach einer Führung. Ich sah mich in der allerersten Halle ein wenig um, wo es irgend etwas Altägyptisches zu sehen gab, versuchte vergeblich, etwas von dem griechischen Text auf dem Rosetta Stone zu entziffern, nickte dennoch fachmännisch mit dem Kopf (sieh da, Griechisch) – und ging wieder. Nach einer halben Stunde. Weil ich dachte, das sei alles. Ich war weder enttäuscht noch verwundert, weil ich nicht wußte, was ich hätte erwarten sollen. Ich war auch eigentlich nicht besonders neugierig. Ich war dagewesen, damit war es gut. Erst später ging mir auf, daß ich vielleicht ein Promill des Museums gesehen hatte, das erste Wort im ersten langen Satz eines tausendseitigen Romans. Es war so, wie stolz darauf zu sein, die erste Seite von Schuld und Sühne aufgeschlagen zu haben. Ein bißchen schämte ich mich später dafür, aber in dem Moment, wo ich das British Museum an jenem Nachmittag wieder verließ, im Glauben, es gesehen zu haben, zählte nur eins: Ich war ganz allein in London ins British Museum gegangen. Und außerdem war mir langweilig. Jahrzehnte später las ich Neil McGregors Geschichte der Menschheit in hundert Objekten, eine kulturhistorische Schwarte, die an hundert ausgewählten Exponaten des BM entlangerzählt ist; ich fand es großartig, zum Durchlesen, zum Stöbern, zum Immer-wieder-Nachblättern und Staunen. Damals, in London, hätte ich auch besser einen Katalog oder eine Geschichte der Pharaonen zur Hand genommen, als durch die sommerheiße, schmachtende City of London zu latschen, um sowohl einer Rolle zu entsprechen, wie auf der Suche nach etwas, von dem ich erzählen könnte.

Und so war es eben oft. Doch mochte ich mir nie eingestehen, daß ich die Landkarte spannender fand als die Landschaft, deren Abstraktion sie war, eine Landschaft, deren tatsächliche, sicht- und anstaunbare Merkmale, egal wie großartig diese auch sein mochten, immer hinter der Unendlichkeit der imaginierten Räume zurückbleiben mußte, die das bedruckte Papier in seiner abstrakten Repräsentation anbot. Ich mochte mir nicht eingestehen, daß Reiseberichte weit vergnüglicher waren, als sich selbst auf den Weg zu machen. Denn mein Wunschbild von mir selbst war nicht das eines gelehrten Stubenhockers, da hätte ich niemals hineinschlüpfen können; sondern das eines Unerschrockenen, der sich selbst ein Bild von der Welt macht. Ich mochte mir nicht eingestehen, daß ich, selbst wo ich versuchte, die Rolle dieses Draufgängers möglichst echt zu spielen (wozu immer auch gehörte, daß ich mich so zu fühlen bemühte, wie ich meinte, daß sich ein Draufgänger fühlen müsse), doch nichts weniger als ein Draufgänger war. Ich hoffte, meinem Rollen-Ich immer ähnlicher zu werden, bis wir zwei, der Schauspieler und seine Rollenfigur, dereinst ununterscheidbar geworden wären.

Was ich nicht begriff, oder jedenfalls erst viel später, war, daß das Reisen, weit entfernt davon, den Reisenden in eine mutigere Version seiner selbst zu verwandeln, im Gegenteil sein wahres feiges Selbst überhaupt erst richtig zum Vorschein brachte, quasi freipräpariert vom Skalpell der Fremdheit, die es umgibt. So wurde ich auf Reisen nicht der, der ich sein wollte, sondern unvermeidlich der, den ich in mir selbst am meisten verachtete.

Mitnotiert: zunehmende Dunkelheit

Daß es immer dunkler wird, merke ich inzwischen nicht mehr beim Loslaufen sondern beim Heimkommen. Sieben Uhr und immer noch dämmrig. Dieselbe Stunde, die im Sommer voller Leben war, fühlt sich jetzt desolat an. Selbst die Mitternacht im Juni, scheint es, ist nicht so finster wie fünf oder sechs Uhr früh Ende September. Von Mittwinter zu schweigen, wo im Grunde selbst der Mittag nur eine kurze Pause zwischen zwei langen Mitternachten ist. Was noch lebt, schenkt sich her, taumelt einer letzten Sonne entgegen, verausgabt die letzten Flügelschläge, gibt sich hin, einer Straßenlaterne, einem Autoscheinwerfer, der Stirnlampe. Als risse für einen Moment die Struktur des Dunkels entzwei, zerschlitzt an einer winzigen Naht von einem sterbenden Falterflügel.

Dann ist es aber nicht die Morgendämmerung, die das erste Licht an den wolkenverhangenen Himmel wirft, sondern der gelbliche Streif im Norden stammt von den Lichtern der Raffinerie in Wesseling. Zurückgeworfen von den tiefhängenden Wolken, sieht das Licht aus, als regne dort Schwefel herab. Ausgerechnet in diesem Moment heult eine Feuerwehrsirene los. Alle Lichter der Ebene scheinen schockstarr stehen zu bleiben. Nur eine Ampel wechselt noch von rot auf grün, aber niemand fährt. Nach ein paar Minuten, die Sirene ist eben verstummt, ertönen die Signalhörner von Einsatzwagen. Das Dunkel verformt die Wahrnehmung. Es scheint, als könnten echte Katastrophen nur in der Morgendämmerung stattfinden.

Losgehen in Dunkelheit, steifbeinig vor Schlafmangel im Schein der Stirnlampe über die Blöcke eines Moränendamms staksen, während voraus, wie dümpelnd in einer See aus Finsternis, sich die Kette der übrigen Lampen den Gletscher hinaufzieht, manchmal hört man das Klappern eines Pickels, das Rieseln von Eis; oder den Reißverschluß des Zeltes aufziehen, hinausleuchten, geblendet vom Widerschein der Lampe auf den Atemwölkchen; es scheint, als müsse jegliche Helligkeit aus dem Zelt in die Nacht ausfließen und für immer entweichen; oder mit dem Fahrrad unter eiskaltem Sternenhimmel über die Feldwege zur Arbeit, links die Kammlinie der Berge, durch den Saum eines schwachen Schimmers vom Himmel abgesetzte Massen, als drängelten sich dahinter Sterne, begierig, nach oben zu kommen. Bei Dunkelheit aufbrechen hat etwas Befreiendes, es ist, als bekäme man endlich etwas zu tun, ein Mittel in die Hand gegen die Dunkelheit; als können man das Licht herbeilaufen. In der Dunkelheit anzukommen ist dagegen niederschmetternd.

Die kolossale Wucht totaler Dunkelheit, wann erfährt man die noch? Die Hand nicht mehr vor Augen sehen – für die meisten von uns ist das eine leere Phrase, die keinerlei Erfahrung aufruft. Das dunkelste, was der städtebewohnende Mensch erlebt, ist der Kinosaal zwischen dem Erlöschen des Lichts und dem Beginn des Films. Und in einer Vorortstraße denkt man, das ist jetzt dunkel, dabei kann man höchstens den Himmel meinen, oder daß halt nacht ist, denn dunkel ist es keineswegs. Und dann verläßt man den Strahlungsbereich der letzten Laterne und biegt auf den Feldweg ein und denkt, na, jetzt ist es aber dunkel. Dunkel ist es aber immer noch nicht. Streulicht schwappt aus den besiedelten und ausgeleuchteten Zonen bis ins Feld, wird von den Wolken zurückgeworfen, pflanzt sich in Dunst fort, mogelt sich an unterschiedlich dichten Luftschichten entlang. Wirklich dunkel wird es erst unterm geschlossenen Kronendach des Waldes.

Seltsam, daß ich nie von Dunkelheit träume. Es gibt Menschen, bei denen brennt tag und nacht Licht, selbst zum Schlafen wird es nicht gelöscht, ein Lämpchen zumindest muß berennen. Ich habe mal einen gekannt, der konnte ohne die bewegten Bilder eines stumm geschalteten Fernsehers nicht schlafen. „Ich brauche immer ein bißchen Leben um mich herum.“ So ein Dauerlicht und noch dazu ein bewegtes, das wäre eine Methode, mich subtil zu foltern. Ich habe mich schon als Kind nie vor der Dunkelheit gefürchtet. Daß unter meinem Bett Monster wohnen könnten, der Gedanke kam mir nicht einmal. Ich mochte auch gerne allein gelassen werden in der Dunkelheit. Niemand mußte an meinem Bett singen, damit ich schliefe, oder um mir die Nacht freundlich zu machen. Auf die Toilette bin ich immer im Dunkeln gegangen. Das ist insofern seltsam, als ich ein furchtbar ängstlicher Mensch bin. Ich habe vor tausenderlei Dingen Angst. Die Dunkelheit gehört nicht dazu.

Dunkelheit ist wie Stille ein Fehlen von Reiz, das für manche Menschen etwas Bedrückendes hat. Beide, Dunkelheit und Stille, befruchten einander aber. Die Dunkelheit gibt die Dinge anders zu schauen; die Stille erweitert den Raum alles Hörbaren. Die Stille gibt dem Raum Substanz; die Dunkelheit der Luft. Die Dunkelheit vermengt die Entfernungen; die Stille macht sie deutlich. Man muß sich einlassen, auf die Dunkelheit wie auf die Stille. Die Dunkelheit macht, daß wir den ganzen Müll plötzlich überscharf sehen, mit dem unsere Augen zugehängt und zugestellt sind; und um die Stille zu hören, muß man erst einmal die Ohren von all dem Geschepper befreien, mit dem sie beständig verstopft sind, weil des Lärmens nirgends ein Ende ist. Wer das nicht erträgt, wer diesen inneren Müll in Ohr und Auge nicht loswird, der überdeckt ihn lieber mit neuem Müll, aus dem Radio, aus Kopfhörern und Laptop-Sounkarten; oder er starrt stundenlang auf einen Bildschirm, der immer schon ein neues Bild auswirft, noch bevor das erste verdaut ist. Stille aber hat etwas Reinigendes, Dunkelheit auch. Sie befreien, sie beruhigen, sie erlösen.

Auf dem Rückweg gibt es eine Stelle, wo einen die Nacht plötzlich aus den Höhen des Villerückens entläßt und mit einem sanften Schubs an den Rand der Ebene befördert, und wenn sich unter einem dann die Lichter spreizen, die Straßenzüge sich strecken, die Autoscheinwerfer hin und her streben, Ampeln bewußtlos ihre Lichter wechseln, Logistikzentren und Gewerbegebiete sich ducken, angestrahlt wie Justizvollzugsanstalten – dann hat sich das Vertraute und das Fremde umgekehrt, und das Gewirr aus Lichtern da unten ist plötzlich kein Ort, an den man heimkehrt, sondern das Land, wo man sein Exil verbringt.

Mitnotiert: Lob der Dunkelheit

Und heute das erste Mal mit Stirnlampe unterwegs. Kein Zusammenhang damit: gegenüber ist die gräßliche Straßenlaterne, ein anderthalb Meter langes Leuchtstoffungetüm, das außer Wurfweite (mit gutem Grund, nehme ich an), an einem Ausleger am Giebel des gegenüberliegenden Hauses festgeschraubt ist, so daß mir das durchaus übertrieben helle Licht nachts aufs Kissen scheint, dieses scheußliche Ding ist also kaputt, und wunderbare, schlaffördernde Dunkelheit liegt über der Straße. Hätte Gott gewollt, daß es nachts hell ist, hätte er unseren Planeten in ein Doppelsternsystem gesetzt. Hat er aber nicht. Wo hell ausgeleuchtet wird, wird auch hart durchgegriffen, wird überwacht und drangsaliert. Wer über das Licht gebietet, hat die Macht. Wer leuchten will, will meist auch wissen, unter Umständen etwas, das ihn gar nichts angeht. Licht kann einschüchtern. Ermittler strahlen einem Festgenommenen eine Lampe ins Gesicht. Gefangenen entzieht man, um sie zu quälen, die für den Schlaf nötige Dunkelheit. Aber nicht nur für den Schlaf ist das Dunkel nötig oder zumindest hilfreich, nicht allein beim Schlafen ist Licht störend. Im Dunkeln ist gut munkeln, weiß der Volksmund. Die Dunkelheit ist der Schutz fürs Geheime, fürs Private, fürs Intime. In der Dunkelheit mag man sich trauen, zu sagen, was man bei Licht verschweigt: Liebesgeständnisse, sexuelle Vorlieben, Taten, deren man sich schämt: Im Beichtstuhl ist es ebenso dunkel wie ums Liebeslager. Licht dagegen macht nackt und wehrlos.

In dem Roman Archipel Gulag von Alexander Solschenizyn wird eine Gefängniszelle beschrieben, in der Tag und Nacht Licht brennt. Durch einen Türspion werden die Insassen rund um die Uhr überwacht. Eine Anordnung schreibt vor, daß die Gefangenen auf dem Rücken zu liegen haben, Hände sichtbar über der Bettdecke. Wer es wagt, eine andere Haltung einzunehmen, riskiert einen Brüller oder Schlimmeres. Wozu diese Anordnung, insbesondere das Gebot, die Hände auf der Bettdecke zu lassen, dienen soll, ist nicht schwer zu erraten. Nicht einmal mehr der eigene Körper darf als geheimer Raum dienen. Indem die Intimität mit sich selbst unterbunden wird, wird der Körper dem Selbst entfremdet, die Verbindung des Opfers zu sich selbst gekappt, eine besonders subtile Form der Leibeigenschaft. Ein Sklave im römischen Reich, könnte man sich vorstellen, war freier. Der nächste Schritt liegt auch schon nahe. Nach der Aneignung des Körpers kommt die Aneignung der Gedanken und Gefühle. Wer jetzt an Gehirnwäsche denkt, ist in primitiven Vorstellungen verhaftet. Das ist Schnee von Gestern. Schon jetzt kann ebenso mühelos wie zuverlässig aus meinem Internet-Verhalten mein Buchgeschmack, meine sexuelle Orientierung, die Wahrscheinlichkeit, daß ich ein schweres Verbrechen plane und manches mehr errechnet werden. Und Ingenieure und Softwareentwickler arbeiten bereits an automatisierter Erkennung der Gefühlslage anhand etwa von Stimmdaten. Es ist nicht schwer, sich vorzustellen, daß eines Tages ein Gerät wie Siri schon beim Aufstehen prognostizieren kann, was für Laune ich habe, noch bevor ich es selber weiß. Hier wirft der Algorithmus ein grelles Licht in mein tiefstes Inneres. Er durchleuchtet mich bis in meine Gefühle hinein – und errechnet mein wahrscheinliches Verhalten, zum Beispiel, ob ich dazu neigen werde, eine Ordnungswidrigkeit zu begehen oder unfreundlich zu sein und Wirtschaftsabläufe zu stören.

Von unserer Abstammung her sind wir Fluchttiere, wir haben nie am oberen Ende der Nahrungskette gestanden, wo uns keiner was konnte. Die Dunkelheit empfinden wir sowohl als Gefahr (weil wir nichts sehen) wie als Schutz (weil wir nicht gesehen werden). Nicht gesehen zu werden, ist eine Beruhigung. Fällt Licht auf uns, ein Suchscheinwerfer, das Rampenlicht, das automatische Licht eines Bewegungsmelders, das Licht der Eltern, die unverhofft ins Kinderzimmer traten, werden wir nervös. Freilich werden andere Leute umgekehrt nervös, wenn sie nicht genau sehen können, was im Dunkeln vor sich geht. Wie war das? „Wenn sie etwas vorhaben, wozu sie den Schutz der Dunkelheit benötigen, sollten Sie das vielleicht lieber nicht tun.“ Oder so ähnlich. Es sind Pläne bekannt geworden, beide Aspekte, Licht und Überwachung, in sinnreicher Erfindung zusammenzubringen in Gestalt einer Straßenlampe, die beides kann, leuchten, lauschen und lauern. Eine grauenhafte Vorstellung, wenn man mir nicht nur aufs Kopfkissen strahlen, sondern mich dort auch noch filmen kann.

Von mir aus brauchte es gar keine Straßenbeleuchtung. (Stirnlampe!). Im ländlichen Raum etwa gibt es in kleinen Ortschaften oft keine, oder sie schalten sich am späten Abend aus. Wie sehr man sich daran gewöhnt hat, daß es auch nachts hell ist, zeigt sich aber darin, daß solche Laternen mit einer roten Farbmarkierung versehen sind: Daran sollen Autobesitzer erkennen können, daß ihr Fahrzeug, wenn sie die Absicht haben sollten, es unter dieser trügerischen Lichtquelle abzustellen, möglicherweise am nächsten Morgen im Dunkeln steht. (Nicht auszudenken!)

Gegen nächtliches Lichtspektakel habe ich seit jeher eine starke Abneigung. Ich mag echtes Licht, Sonne, Mond, zu ihren jeweiligen Zyklen, Auf- und Untergängen. Ich habe nie die Läden unten, keine Gardinen, keine Vorhänge. Verhängte Fenster beklemmen mich. In Kranken- und Sterbezimmern sind die Vorhänge zu, Vorhänge haben was von Migräne und bettlägerigem Leiden. Ich mag es, im Sommer schlafen zu gehen, wenn es noch hell ist, und mit der Morgendämmerung wach zu werden. Künstliches Licht außerhalb der eigenen vier Wände ist mir ein Greuel und läßt mich an das schöne Wort Immission denken. Nach störendem Privatlicht – etwa durchgängig in Betrieb befindliche Außenanlagen vor Haustüren oder in Höfen mit Zugangsverkehr – ist mir der rücksichtslose Einsatz des Aufblendlichts auf Landstraßen oder – leider motorisiert befahrbaren – Wirtschaftswegen ein ganz besonderes Ärgernis. Als Radfahrer zählt man nämlich für solche Leute nicht als ernstzunehmender Gegenverkehr. Als Fußgänger ist man quasi stehendes Gut, auf das nicht mehr Rücksicht genommen werden muß als auf die Rindviecher und Pferde auf der Weide nebenan.

Im Wald gibt es – noch – keine Laternen, und um kurz nach sechs ist es mittlerweile stockfinster unter den Fichten. Das nächste halbe Jahr werde ich wieder den Lichtkegel der Lampe wie einen Fächer über den Weg schieben. Eine Welt der Dunkelheit, in die ich eindringe wie ein Taucher, die ich kurz zwinge, sich zu Farben und Gestalten aufzuraffen, ehe sie wieder ins geflüsterte, formlose Dunkel zurückfallen darf. Wassertropfen glänzen, ein Streifen Verpackungsmüll strahlt wie ein Maschinenbauteil, glitzernde Wegschnecken scheinen sich von dem Kegel wegzukrümmen. Laub liegt wie verwitterte Münzen auf dem Waldweg. Bewegliche Schemen erstarren bei ihrem Eintritt in den Lampenkreis zu Ästen, Fichtenzapfen oder Baumstümpfen. Manchmal zeigt mir ein merkwürdiges Geräusch die Anwesenheit von Tieren im Unterholz, kurzer Schwenk der Lampe, ein Augenhintergrund strahlt hellgelb zurück. Diese Anwesenheiten erschrecken mich nicht mehr, sie erscheinen bei fast jedem Lauf. Um die Tierkörper in der Dunkelheit sichtbar zu machen, ist die Lampe zu schwach, aber die Augen nachtaktiver Tiere schicken einen Strahl zurück, der ihre Augen in der Finsternis schweben läßt, als hätte der Wald selbst Augen bekommen. Er mustert mich, der Wald. Im Gegensatz zu Behörden ist das ist sein gutes Recht.

Daherkommen

Wann fing das eigentlich an? Seit ein paar Jahren fällt mir auf, daß Bücher in Rezensionen nicht einfach sind oder wirken oder auftreten oder einen ersten Eindruck machen, sondern, und ich finde diese Wortwahl irritierend bis lächerlich: sie kommen daher.
Da heißt es dann, das Buch kommt behäbig daher. Oder: Der Text kommt elegant daher. Oder gediegen. Oder monumental. In jedem Fall drängt sich mir immer das Bild eines gespreizten Adligen auf, der in erster Linie bewundert werden will. Manierierter Gang, manikürte Fingernägel, samtbeschlagener Schmerbauch, vorneweg ein Herold, ein Lakai trägt hinterdrein die Schleppe. Es mag sein, daß das für manche Bücher ein ganz passendes Bild ist; indessen wird das Verb aber so häufig von Rezensenten benutzt, so viele manierierte Adlige unter ihnen kann es eigentlich nicht geben. Wenn mit dem Ausdruck bereits etwas über das Werk ausgesagt sein soll, mag es ja noch angehen. Moby Dick etwa kommt durchaus daher; oder die Buddenbrooks; oder Hoffmanns Elixiere des Teufels. Aber würde man wirklich von einem feinen Fontane oder einem verliebten Eichendorff sagen, daß ihre Werke daherkommen? Fontanes Romane öffnen leise die Tür wie ein alter Diener, der das Licht bringt; Eichendorffs Erzählungen kommen angestolpert wie ein begeistertes Kind. Wieder andere Bücher, könnte man sich denke, schleichen sich an. Oder fallen mit der Tür ins Haus. Was weiß ich. jedenfalls kommen die allerwenigsten daher.
Bücher haben Charakter; Verben haben Charakter. Als Rezensent sollte man darauf achten, daß Verb und Werk zueinander passen.

Alpwach

Kälter jetzt und noch dunkler, die Dämmerung strenger, der Tagesanbruch wie eben frisch aus dem Kühlschrank geholt, naßfremd und versiegelt. Ich verzichte auf die Lampe, ich will schauen, wie weit ich ohne Licht ins Jahr komme. Wenn ich den Weg nicht mehr sehen kann, ist es soweit. Vorher nicht. Es ist viel zu warm für künstliches Licht.

So wie die Einbildung aus der Sicht der Realität völlig unglaubhaft scheint, scheint ebenso unglaubhaft die Realität aus der Sicht der Einbildung. Wach liegen und sich ein Geräusch einbilden, nein, ein Geräusch hören: Jemand schleicht ums Haus, jemand atmet laut vor der Tür, jemand hockt unterm Fenster und knistert mit einer Plastiktüte. Überzeugt sein, gegen alle Vernunft, daß es so sein müsse, daß es gar nicht anders sein kann. Oder noch schlimmer: Die Silhouette eines Kopfes im Fenster. Alles ist wahrscheinlicher als die Deutung, daß es wirklich ein Kopf ist, aber keine andere Deutung fällt einem ein. Und am schlimmsten: sich plötzlich krank zu fühlen, Übelkeit, Halskratzen, Schmerz, so echt und furchterregend, daß es absolut unglaubhaft, daß es entgegen der tatsächlichen Verhältnisse als ferne Einbildung scheint, vielleicht doch gesund zu sein.

Wenn man im Dunkeln losläuft, scheint der Tag mit Sonnenschein und Mittagswärme eine ferne Einbildung; so wie die kühlen Wege in der Dämmerung, die verhangenen Felder und tintigen Wiesenstreifen zwei Stunden später schon, beim Warten an der Straßenbahnhaltestelle, eine traumartige Beschaffenheit angenommen haben; eins wie das andere erscheint bis zur Unzugänglichkeit entfernt. Die Laufschuhe stehen im Flur, schon abgekühlt und trocken, wie etwas, das man vom Grund eines Sees herausgeholt hat; etwas Reales von einem im Grunde irrealen Ort.

Nachts an einem irrealen Ort voller Schmerzen gefangen sein, dabei wach sein, schlimmer als Träume, aus denen man immerhin aufwachen könnte. Ich muß warten, bis die Nacht erwacht und zum Tag wird, mich wie den bösen Traum, der ich mir selbst bin, vergißt und mich mitnimmt dorthin, wo Rettung ist. Aber der Morgen ist vielleicht, wie bei Prousts einsamem kranken Hotelgast, der, aus kurzem Schlummer erwachend, die Abend- für die Morgendämmerung hält und glaubt, bald Hilfe bekommen zu können, dann aber erkennt, daß die Dunkelheit erst begonnen hat, und „er die lange Nacht wird durchleiden müssen“ –: dieser Morgen ist vielleicht noch fern.

Und auch dann gibt es vielleicht keine Rettung.

Endlich ist es hell, schütteln sich die Wege frei. Ein paar glattgestrichene Wolken stehen starr am Himmel, als hätte die Nacht sie dort zum Trocknen aufgehängt und vergessen. Am Horizont Pferde vor Waldsäumen, weiß, unbeweglich, Pinselstriche auf dunkler Leinwand. Plötzlich das Schwirren einer gefährlich nahen Raubvogelschwinge direkt an meinem Ohr, fast meine ich, den Luftzug auf der Wange zu spüren, in Kopfhöhe teilt der unglaubhaft schwere Körper die Luft wie ein Schiffsbug, hebt sich davon, empor zu einem Waldrand, wo ich ihn aus den Augen verliere. Es ist derselbe Vogel, denke ich mir, der hier schon zweimal vor mir geflohen ist, beide Male aus dem Unbemerktsein herausgeflogen wie ein Steinschlag aus Luft. Morgen, nehme ich mir vor, wird er mich abermals entlassen aus der Nacht in den wartenden Tag.

(Wie betäubt im Immernochtraum nach der durchwachten Nacht zur Haltestelle gestolpert. Die Gesichter der anderen Wartenden so klar, die Blicke so scharf, als wären sie schon immer wach gewesen in ihrem eigenen Traum.)

Life-Photoalbum

Es ist merkwürdig, sich einem Ort zu nähern, den man, früher oft und gern frequentiert, seit ein paar Jahren nicht mehr betreten hat. Es ist, als habest du den Ort vergessen. Aber der Ort erinnert sich besser an dich als du dich an den Ort. Du fühlst dich wiedererkannt. Das heißt nicht, daß du schon willkommen bist, und wer bist du denn eigentlich und stiefelst hier herum, als gehörtest du dazu? Du wirst taxiert. Du bist fremd geworden, du bist hier ganz allein, allein mit deinem Packen Zeit, das du mit dir rumschleppst, und mit dem du dir so lächerlich vorkommst, als trügest du die Mode eines vergangenen Zeitalters: Mache ich auch alles richtig? Man möchte das irgendwie loswerden, diesen Ballast. Und hier wie zum ersten Mal erscheinen, am kurzen Mittagsschatten einer Erzählung, die jetzt erst anfängt. Aber hier ist ja alles herbstlich. Wie ein abgelassenes Schwimmbecken, an dessen regenfeuchtem Grund Laub liegt, die Umkleidetüren sind abgeschlossen, die Duschen abgedreht, der Eiswagen dichtgemacht, auf den Tischtennisplatten liegen Ahornsamen und Vogeldreck. Der Ort liegt verlassen und seines Zwecks verlustig da, wie ein Freibad im Winter.

Es ist ein Freibad! Aber es ist Sommer, abermals Sommer, doch nicht mehr dein Sommer, nicht mehr einer jener Sommer, du weißt schon. Als die Zukunft vibrierend überall bereit lag, man mußte nur zugreifen. Als es noch nicht schnell genug gehen konnte mit ihr. Als sie noch unendlich war und in dieser Unendlichkeit sich für jedes Unglück ein Trost, für jede Niederlage ein Sieg, für jeden Verlust ein anderer Reichtum finden ließ. Es würde alles, alles gut werden, lachte diese Zukunft, nach jedem schwierigen Stück Wegs ist immer noch genug von mir da für ein leichtes, für jede triste Zeit hab ich immer noch genug in mir für eine heitere, du kannst auf mich und zu jeder Zeit immer noch einen Tag hinzuzählen, der alles wieder wettmacht, aufhellt, überwindet, was dir an Argem zustoßen wird. Einmal hat dich ein Mädchen auf der Liegewiese angelächelt, und dann warst du zu schüchtern. Das beschäftigte dich eine Weile, aber dann machte es nichts. Es gab ja die Zukunft, und wofür du heute zu gehemmt warst, morgen würde es sicher klappen, wie überhaupt genug Zeit für alles war, um einmal einzutreffen und sich zu zeigen. Schüchtern sein, sich nicht trauen, es war nur die andere Seite der Stärke, die andere Seite von Mut, der Anfang vom Werden und Wachsen, über dich hinaus, so weit, bis du ein ganz anderer Mensch geworden sein würdest, der Mensch, der du immer sein wolltest, der Mensch, der du hättest werden sollen, der Mensch, der du ja eigentlich immer schon warst – in der Zukunft würdet ihr beide endlich eins werden, du und dieser Mensch. Wenn nicht morgen, dann nächstes Jahr, und dann würdest du, denn die Zukunft hielt so viele Wiederholungen bereit, wie du brauchtest, wieder hier liegen, das Mädchen würde dir zulächeln, und wie im Film deines eigenen Lebens würdest du dann aufstehen, zu dem Mädchen hingehen und ganz genau wissen, was du zusagen hättest, das Zauberwort.

Das warst du. Das war hier. Hier. Zwar war es auch andernorts, doch hier, hier hat es der Ort wie nirgendwo sonst aufgehoben. Und der Ort spiegelt es dir wieder zurück: als einen Betrug, dem du damals aufgesessen bist. Du kommst zurück in dieses alte Schwimmbad, in dein Lieblingsbad, das erste, das du, noch ganz neu in der Stadt, ausprobiertest, in das Bad, in dem du so oft verliebt warst oder vor Sehnsucht nach dem anderen, nach dem gänzlich fremden Glück schmachtetest, wo du im Hochgefühl des eigenen jungen Körpers, geschmeidig gemacht und aufgeladen durch Wasser, Bewegung und Sonnenhitze, einen ebenso glühenden, dir aber als etwas gänzlich Fremdes, als warmes, lebensechtes Anderssein begegnenden Leib imaginiertest (wie du und doch nur fast wie du), entwarfst und schmerzlich vermißtest (du mußtest immer wieder mit dem eigenen, vertrauten Leib vorlieb nehmen) – hierher also kommst du zurück, kehrst du wieder, als könntest du nochmal etwas von der damals prachtvollen Zukunft zurückhaben, jener Zukunft, die an die Stelle jeder Sehnsucht eine Erfüllung zu setzen versprach. Aber natürlich ist da nichts. Die jungen Frauen, diese fast unglaubhaft jungen Körper sind unerreichbar, und im Gegensatz zu damals werden sie es auch bleiben. Keine Zukunft wird daran mehr was ändern, keine Zeit verspricht dir noch was, und hier, hier ist die Zukunft, deine Zukunft, einmal verlorengegangen. Die jungen Männer am Dreimeterturm stehen wie Blinde gegen deren eigene Zukunft; nur schwer erkennst du dein damaliges Selbst in ihnen wieder, es ist, als wärst du auch in deinen Erinnerung plötzlich kurzsichtig geworden.

Damals, denkst du, während du dich ins Wasser läßt (sie haben das Becken erneuert, der Wasserspiegel ist jetzt ebenerdig, vormals ragte der Rand einen Kopf über den Schwimmern empor, eine Überlaufrinne säumte den Innenrand, man brauchte eine Leiter, um auszusteigen, das ist nach heutiger Sicht wohl zu gefährlich), damals, als alles Verheißung war, als ständig etwas in der Luft lag, als du dir sicher warst, bald, noch eher der Sommer vorbei wäre, würde etwas passiert sein, eine neue, frische Liebe, die Rothaarige aus dem Yukatekischseminar oder die Dunkle aus Theorien und Modelle, oder wieder eine andere, unbekannte, irgendeine, es wäre auf jeden Fall die richtige. Und dann passierte es tatsächlich. Die Versprechen der Zukunft gingen alle so sicher in Erfüllung, daß du dich nicht zu wundern brauchtest. Du erinnerst dich so genau, du weißt sogar noch, auf welcher Bahn du damals in welche Richtung schwammst, als dich dieses Gefühl größter Zuversicht und Ruhe durchströmte, zugleich dieses Gefühl, daß das Glück einfach sei und niemals ausbliebe, und daß dir nur geschehen würde, was dein rechtmäßiger Anteil sei, was dir billig zustehe.

Dieser Ort also, jetzt. Als bewegte man sich durch ein Photoalbum. Nur daß es das für die andern, die hier entweder jung sind oder mit diesem Schwimmbad durch eine Kontinuität verbunden, die sie niemals dem Ort entfremdet hat, nicht so ist, für die ist das alles hier primär, einzigartig, das unvergleichliche Original des Lebens, das einzige, was zählt, alles, was es gibt und, aus ihrer Sicht noch, überhaupt je geben wird. Noch keine Erinnerung gibt sich her für einen Vergleich. Und diese Wehmut, die dich von diesen Kacheln, den Hecken, den Rasenflächen, dem Vogelgezwitscher und dem Lichtgespiegel, den Brüsten der Mädchen und braunen Schultern der Jungs, dem Gejohle und dem Plonk! der Arschbomben, von diesem prallen, fröhlichen Leben her anspringt, die ist ganz deine, und nur deine, diese Unfähigkeit, in diesem Ort etwas anderes zu sehen als eine Kulisse vergangenen Lebens, einen Raum für deine Erinnerungen. Man kann ja den Erinnerungen nicht entkommen, ihrer schieren Menge und Anhäufung. Ein Spiegel, ganz wörtlich. In der Umkleidekabine schaut dir einer entgegen, den du kaum als dich selbst erkennen magst. Die Muskeln, die Schultern, der Mund scheinen dieselben zu sein, und doch, und doch. Da ist dieser stärkere Bart, da sind die Fältchen, da ist die kahle Stirn, vor allem aber dieser Schatten von gelebter Zeit in den Augen, die etwas kummervoll blicken und sich gleichzeitig der Lächerlichkeit eben dieses Blicks, seines kindischen Jammers, nur zu bewußt sind; aber für ironische Brechung, gar Sarkasmus, fehlt ihnen – der Mut? Die Kraft. Ja, die Kraft. Die Sicherheit, gewonnen zu haben, Sieger geblieben zu sein, bei allem, trotz allem, die fehlt ganz entschieden. Auf dem Gelände die Bäume, alter, dunkler Ahorn und schöne, schlanke Pappeln, stehen noch immer. Sie haben es leichter.

Du kannst diesen Ort so wenig erneuern wie diesen Leib, wie dieser trägt jener die Spuren von Leben und Erinnerung. Du kannst nicht so tun, als ließe sich hier oder mit diesem alternden Bündel aus Muskeln, Knochen, Organen und Blutgefäßen noch einmal ein neues Leben, etwas Frisches beginnen, etwas, das nicht schon vom eigenen Scheitern und Vergehen spricht, noch ehe es begonnen hat, nein: Es ist vorbei. Du kannst auch mit dieser Erinnerung nicht weiter kommen als nur zu noch einer weiteren Erinnerung, die über die erste hinwegsieht, und jede nächste Erinnerung wird von ihren Vorläuferinnen gesättigter sein. Schon das Erinnern ist ja ein anderes. Die Erfahrung färbt die Wahrnehmung, diese wird wiederum Erfahrung, eine Rekursion bis zur allerallerletzten Wahrnehmung, derjenigen, die keine Erinnerung mehr werden wird. Was jetzt aber noch kommt, ist mit dem Brot der Wehmut aufgebrockt, geschieht und vollzieht sich im Gefühl eines Rests, ist wie ein Besuch in eben diesem Freibad, ein Blick auf die ewig anders jungen Mädchenkörper. Die tausend Meter in kaltem Wasser sind anstrengend gewesen, sind fast zuviel gewesen, jetzt zitterst du am ganzen Körper, in den Ohren klingelt es. Das wäre dir früher nichts als Ansporn gewesen. Heute mußt du dich fragen, ob diese an Übelkeit grenzende Erschöpfung nicht schon ein Zeichen des Alters und des Abbaus ist. Und so geht es mit allem. Nicht: Wohin jetzt? Sondern: Wie lange noch. Der Ort sagt: Früher, als du noch oft hierher kamst, hattest du gar keinen Ehrgeiz. Den brauchtest du ja auch gar nicht zu haben. Heute, sagt der Ort, bist du in einem Alter, wo du dir etwas beweisen mußt. Also finde dich ab, daß du schwindest – oder beweise halt.

Beides aber, das weißt du, ist gleich schlimm. Das Wenigerwerden wegen des Wenigerwerdens; und das Beweisen, weil es lächerlich ist, und weil du so einer nie hast sein wollen. So einer. Einer von denen. Einer von den Mittvierzigern, die plötzlich die Krise kriegen und mit dem Bungeespringen anfangen oder mit dem Marathonlauf. Die „es noch einmal wissen wollen“. Warum haben manche Jugendliche eine Todessehnsucht in sich? Weil sie „so einer“ nie werden, weil sie genau an diesen Punkt niemals kommen wollen (im Gegensatz zu dir ist es ihnen aber tödlich ernst damit), an den Punkt, wo sie ihr altes Freibad nach Jahren ephemeren Lebens noch einmal aufsuchen und sich an den tausend Metern abkämpfen in der Illusion, den jungen Leuten vielleicht noch was vormachen zu können. Noch, noch, noch. Und irgendwann nicht mehr. Die innere Sicherheit, nur wollen zu müssen, dann ließe sich alles erreichen, jederzeit: vorbei, längst vorbei. Die Pappeln rauschen, Füße klatschen über Beton und Gras, die Jungen stoßen einander ins Wasser, Gekreisch und Gejohle. Sie werden es auch in zwanzig, dreißig, fünfzig Jahren noch tun, immer dieselben jungen Körper. Was du aber jetzt noch erreichen kannst, ist weniger ein Ergebnis deines Wollens, als vielmehr ein gänzlich zufälliges Zustandekommen, ein Geschenk, das schwindende, jederzeit aufkündbare Almosen der Zeit.

Untergänge (1)

Am östlichen Horizont eine straff gespannte Fläche gleich einer zum Platzen gefüllten Blase, in der Mitte feuchtmetallisch glänzend, am oberen und unteren Rand eingetrübt, von scharf abgezeichneten dunklen Bändern wie von eruptiven Rissen durchzogen, die ein körniges Triefen von Rot unter sich lassen, den Grund der Berge verschattend, bis hoch zum Mittag aufragend, als wälze sich von dort der Himmel einer tödlichen, fremden Welt über den grauschwarz verfärbten, narbigen Grund der bekannten und begrabe und zermalme dabei alles unter sich. Über dieser Walze ein einzelner blasser Stern am noch ungetrübten Himmel, wie etwas, das sich nicht rechtzeitig in Sicherheit gebracht hat.

Später, auf dem Anstieg vom Brenig zum Römerhof hat sich die Walze in ein orangegelbes Brennen hinein aufgelöst, das den ganzen westlichen Himmel erfüllt. Die Farbe ist von einer Kraft beseelt, die auf Zerstörung aus ist, besitzt die Zeichen einer fernen Katastrophe, deren Lautlosigkeit im Ablauf die Vollständigkeit der Zerstörung umso deutlicher verkündet. Alle Vögel haben den Himmel längst verlassen. Sie werden trotzdem nicht entkommen. Wie die Schockwellen von Detonationen hängen Streifenwolken vor dem von Minute zu Minute fahler werdenden Brand, ihr Stillstand täuscht aufgrund der Entfernung über die rasante Geschwindigkeit hinweg, mit der sich die Vernichtung ausbreiten muß.

Inzwischen ist der Himmel unter einen schwefelgelben Schleier getaucht. Langsam wandelt sich das Licht zum Grünlichen. Weiterhin Stille. Die Wiesen glühen, Schatten schlagen sich wie Nägel in den Grund, Glut legt sich um die Stämme der Birken, jeden Moment können Flammen aus dem erstorbenen Holz herausschlagen, die Blätter scheinen sich um rote Stifte zu krümmen, bevor sie verbrennen. Auf der Weide steht ein Unterstand oder Geräteschuppen, klein, von Feuer angehaucht, geduckt, er sieht aus wie jene schwarzen Kakteen im Vordergrund der Bilder von der Trinity Test Site. Lebendig im Tode. Ein hölzernes Gatter glänzt wie Metall, die Beschläge glühen. Stößt man es auf, wartet dahinter der Tod. Ein paar hundert Meter entfernt die weißen Silhouetten zweier Pferde, Momente, bevor ihr Skelett unter der Haut und dem verdampfenden Fleisch für kurze Zeit sichtbar wird, ehe auch dieser Schatten verbrennt.

Mit erhobenem Haupt untergehen? Nein. Sich niederhocken, sich klein machen, so klein, wie man wirklich ist, ein Stück letzte Erde vor Augen, ein letztes Gewimmel von Ameisen oder Käfern, ahnungslos in ihrem letzten Fleiß, und ehe die Glut über den Nacken schießt, über den Scheitel rast und alles schon ausgelöscht hat, bevor es zu Ende ist: einen Grashalm betrachten, einen Unkrautschößling, die unscheinbarste Blüte der ganzen Wiese für ein letztes, ein allerletztes Bild.

(2)

Mitnotiert

Sechs Uhr früh, noch dunkel jetzt. Nach Westen die Bäume, still unter den Laternen, darüber der Vorgebirgshang, der schieferblaue Himmel. Alles ist Schiefer zu dieser Stunde. Der Tau auf den Mülltonnen, die dunklen Fensterscheiben, der Straßenasphalt, selbst der Gingko hat Blätter aus Schiefer.

Im Osten über der Bahnlinie ein rostiger Balken Helligkeit, der sich später, beim Ersteigen des Hangs, zu einem rosaroten Wulst ausweitet, der bläulichen Dunst darunter von bläulichem Dunst darüber abtrennt. Der Sommer tauscht Amseln gegen Fledermäuse. Wie alte Damen im Theater haben sich die Bäume am Wegesrand niedergelassen. Fächer schwingen, Seide raschelt, Blüten erlöschen wie Lampen. Man läuft wie eine Sinnestäuschung an den Zäunen entlang. Die Sonne wird noch eine Stunde brauchen.

Ich denke über Sinn und Sinnlosigkeit nach, besonders über letztere. Warum quäle ich mich hier den Berg hoch, was fange ich mit meiner Fitneß, die ohnehin höchst relativ ist, an, dient sie mir zu etwas, wenn ja, zu was, zu Stolz? Zum Wohlfühlen in diesem Körper? Es ist sowieso alles nur Aufschub, der Stolz wird sich bald nur noch auf die Vergangenheit richten, und das Wohlfühlen wird seine Grenze in der Grenze nachlassender Leistungsfähigkeit noch kennenlernen. Es fühlt sich nicht falsch an, was ich hier tue, noch nicht, aber sinnlos. Es zielt nirgendwo hin, es hat nur präventiven Charakter. Aber was will ich verhüten? Das Alter? Kann man nicht. Muß ich mir Ziele suchen, um die Illusion aufrechtzuerhalten, es gehe vorwärts? Den 50-km-Lauf etwa? Oder den Two-Oceans-Run, oder ein Jahr lang jeden Sonntag Marathon? Tatsache ist, daß weder die Prävention mir zu Sinn und Motivation taugt, noch der überschießende Ehrgeiz der Mittlebenskrise für mich als Rollenmodell taugt. Dieses letzte Aufgebot, daß so viele Männer meines Alters praktizieren, habe ich schon immer lächerlich gefunden. Zwar verstehe ich jetzt, wie man darauf verfallen kann, aber es wird in meinen Augen dadurch nicht weniger lächerlich. Es ist so albern, daß ich mich fast schäme, wenn ich die Laufschuhe anziehe. Man könnte das mißverstehen, wie man mir schon vor Jahren mitteilte. Es gebe viele Männer, gerade meines Alters, die plötzlich anfingen, das Extreme zu suchen. Verdammt, ich selbst könnte das mißverstehen, wenn ich meine Laufschuhe schnüre. In solchen Momenten ekelt mich beinahe vor mir selbst.

Warum empfindet ein junger Mensch diese Sinnlosigkeit nicht? Auch er wird alt und klapprig werden, auch seine 100-Meter-in-9-Sekunden werden absolut nichts mehr wert sein, wenn es in die Grube geht. Und in die geht es mit ihm wie mit mir. Warum kommen ihm seine Strampeleien dann nicht auch schon sinnlos vor? Was sind ein paar Jahrzehnte mehr, bitteschön? Ist es die vermeintliche Offenheit seiner Zukunft? Während die meine sich zu schließen beginnt: aber das ist eine Illusion. Geschlossen ist die Zukunft für jeden Menschen, vom Moment seiner Zeugung an. Allein das Wort Lebenserwartung legt das nahe. Trotzdem leben wir fröhlich drauflos, mit unserer Erwartung, wenn wir sechzehn oder zwanzig sind, als wären 85 Jahre die Unendlichkeit.

Ich muß an Oscar Wildes Bonmot denken, daß es höchst ungerecht von der Natur sei, daß sie die Jugend an Kinder verschwende. Recht so! Wieviel mehr als die Jugendlichen von heute wüßte ich mit der Jugend anzufangen! Anders als Oscar Wilde meine ich das völlig ernst. Die Jugend sollte man sich erst mal verdienen müssen. Dieses Leben ist ungerecht, von Anfang bis Ende. Besonders am Ende.

Später die Sonne, scharf abgezeichnet, ein Auge ohne innere Struktur, böses Leuchten, unentrinnbarer Blick, wie die Ankündigung einer nahenden Katastrophe schwebt sie über der ahnungslos-geschäftigen Ebene.

Mitnotiert: Dämmerung

Schon ist es jetzt um sechs noch dunkel, bald wird man wieder die Lampe brauchen. Die Luft hat eine glatte Konsistenz, kalt auf den bloßen Armen und Beinen, kalt und fest wie Wasser, eine Kälte, die angenehm ist, sachlich, höflich, und mir meine Körperwärme läßt. Der Sonnenaufgang ist noch mindestens eine Stunde entfernt, die Börde ist mit Lichtern gefüllt, um die Berge jenseits der Sieg liegt ein dämmriger Kranz fahlroten Lichts. Schieferblaue Schleierwolken hängen am Horizont. Der Morgen ist still wie am Tag der Abreise. Die Koffer stehen gepackt im Hausflur, die Zimmer sind leer, die Türen abgeschlossen, dahinter tritt der Staub sein Amt an. Man schweigt, weil es nichts mehr zu sagen gibt, jedes weitere Wort gehört schon der kommenden Welt an. Es kann losgehen. Nur das Taxi ist noch nicht da.

Es wird alles immer absurder, und dieses Gefühl wird umso deutlicher und klarer, je weiter ich mich von der Börde entferne, von diesem mit Lichtern und Signalen angefüllten, brausenden, heulenden Kessel, den Straßen, Schienen und Stromleitungen zerschneiden, von dieser vermeintlich ordentlichen Welt. Vorhin war vom Verladehof des Paketzustelldienstes so ein glucksendes Piepen zu hören gewesen – das Signal eines Laserscanners, der das Erlebnis einer Apperzeption gehabt hat – und sofort gehen bei mir wieder die Alarmgeräte los, stellt sich das System auf Abwehr ein. Es ist zuviel Typisches an diesen Dingen, immer mehr solcher Wahrnehmungen geraten mir zum Symbol für etwas, das ich nur als zunehmende Verdrängung des Menschlichen durch das Maschinelle wahrnehmen kann. Für Kafka war es vielleicht das Klappern einer Schreibmaschine in einer Amtsstube. Für mich ist es das Kollern eines lautgebenden Laserscanners. Das Geräusch einer wachsenden, ausufernden Unmenschlichkeit, das durch keine Behauptung des Menschlichen – der Blumenstrauß im Büro, der Kaffee in der Kantine, eine Kinderzeichnung auf dem Schreibtisch, oder einfach nur der Geruch warmgelaufener Socken oder eines alten T-Shirts – gemildert wird. Wir sind Überbleibsel, und über unsere Gerüche und Gelüste, kann man sich schon mal ausmalen, werden demnächst – bald – Sensoren wachen und sie in etwas zutiefst Unmenschliches verwandeln.

Kritik am sogenannten Fortschritt, wo sie selbst sich nicht noch fortschrittlicher gibt, hat immer etwas Wohlfeiles an sich. Es ist leicht, etwas zu kritisieren, von dem man noch nicht wissen kann, wie es sich auswirkt; und es ist leicht, auf die positiven Aspekte des Bestehenden zu verweisen, weil sie bekannt und sichtbar sind. Das Bekannte ist leicht gegen das Unbekannte auszuspielen. Nur allzu oft in der Geschichte hat Kritik am Fortschritt, von Platon bis Spengler, dann aber im Rückblick etwas Weltfremdes und Verschrobenes bekommen. Dann heißt es leicht, hätte man damals auf den maschinellen Webrahmen verzichtet, würden wir heute noch, etc. Das Neue zu verteufeln fällt zwar leicht, solange das Alte noch normal ist. Aber das bedeutet nicht, daß Plato oder Spengler oder die Kritiker des maschinellen Webens nicht recht gehabt hätten, es bedeutet nicht, daß ihre Kritik nicht wohlbegründet gewesen wäre. Am maschinellen Webrahmen sind schließlich Menschen regelrecht verhungert. Die Kritik ist nur, da niemand sich darum geschert hat, irgendwann irrelevant geworden. Insofern ist die Kritik an der Fortschrittskritik selbst wohlfeil. Aber man wird über uns lachen, das steht fest. Man wird uns ewiggestrig nennen oder schlimmeres. Aber wenn ich ehrlich bin, ist mir das Gestern lieb, und vor dem Morgen, so wie es sich derzeit abzeichnet, graut es mir, zum ersten Mal in meinem Leben.

All das ist jetzt da unten, bleibt hinter mir zurück, während ich den Weg am Schützenhaus vorbei einschlage. Winters hört man hier immer ein Käuzchen. Oben die Pferde, zuckende Schweife im grasigen Frühlicht. Dahinter der Waldsaum mit den betenden Föhren. Sehnsuchtswelten, deren Sog für mich darin besteht, daß sie nicht gemacht, sondern geworden sind, daß sie nicht nur älter sind als Laserscanner, sondern älter noch als der Mensch selbst. Ich gehöre beiden Welten nicht an, weder der Welt der Laserscanner, noch der alten Welt des Gewordenen. Die einzige Welt, der ich angehöre, ist ein Ort aus Wörtern und Bedeutungen. So ein Lauf durch den Wald beschert die Illusion einer Daseinsalternative. Tatsächlich laufe ich durch diesen Wald wie ein Neanderthaler durch eine Automobilausstellung laufen würde. Ich verstehe nichts von den Dingen, die hier vor sich gehen, noch viel weniger – in High-Tech-Textilien gehüllt und mit GPS-Stopuhr am Handgelenk – kann ich mich als Teil dieser Vorgänge begreifen. Tatsache ist, daß ich mich überhaupt nicht begreife, nirgends, auf keine Weise, außer als ein Wesen, das Worte macht und Bedeutungen verknüpft. Aber ohne Welt, auf die ein Ausdruck verweisen kann, gibt es auch keine Zeichen, keine Bedeutungen. Es gibt keinen Ausweg aus der Welt, auch nicht im Wort.

Mitnotiert: Hunderunde

Noch einmal hat der Sommer zugenommen, wie ein Feiernder, der ein letztes Mal die Flasche ansetzt, obwohl der Morgen schon graut, das Hemd nicht mehr sitzt und die Wege nach Hause weit sind. Einer hat schon den Kopf auf des andern Schulter gebettet, ein dritter seine Schuhe ausgezogen und die Füße auf den Sitz gegenüber abgelegt. Ein Weg verschwindet im Unterholz, wie um in Abgeschiedenheit die Notdurft zu verrichten, der Himmel schaut weg, hebt sich kaum über den Horizont. Das Grün, dieses müde, aufgedunsene Grün, etwas zu farbig, wie hängende Tränensäcke, hat die Abteiltür geschlossen, die Vorhänge zugezogen, das Licht ausgemacht. Auf Zehenspitzen gehen die Pilze. Die Vögel sind still oder schon am Abend nach Hause gegangen.

Obwohl es inzwischen um sechs noch dämmrig ist, gibt es immer noch Frühaufsteher, die Hunderundenrundgänger, auf dem Feldweg bei Heimerzheim schlendern gleich drei von ihnen, einer in der typischen Kopfhaltung, früher hätte man sich gefragt, was macht der da, Nägel lackieren? Vokabeln lernen? Horoskope lesen? Kompaß gucken? Zu keiner dieser Vermutungen hätte die Geste richtig gepaßt. Heute weiß man sofort, der starrt auf sein Schächtelchen. Es gibt Körperhaltungen, die so eng mit einer bestimmten Kultur verbunden sind, daß sie in einer anderen, könnte man vermuten, seltsam wirken müßten, verschroben, ja, verstörend. Man denke etwa an die typische Haltung, zu der man sich zwingen muß, wenn man ein Telephon unters Kinn klemmt und gleichzeitig eine Computertastatur bedient. Man hat es so oft gesehen, es stellt sich sofort ein Bild dazu ein. Noch vor ein paar Jahrzehnten hätte es die ganze Situation, zu der Bilder sich hätten einstellen können, gar nicht gegeben. Oder man denke an den Griff zur Maus, an das angestrengte Vorbeugen am Bildschirm, an die zusammengekniffenen Augen. Man denke an den raschen Griff über die Schulter, das anschließende langsamere schräg über die Brust laufende Sinken der Hand, wenn man im Auto den Sicherheitsgurt anlegt. Da ich nicht zu dieser Kultur gehöre, befremdet mich die Haltung der Schächtelchengucker weiterhin, auch wenn ich inzwischen gelernt habe, sie zu deuten.

Jenseits der Hunderunde: kein Mensch mehr. Der Wald gehört mir allein, und niemand weiß, wo ich bin. Etwas Träges haftet den Dingen an, eine zähe Schlammigkeit, die Luft ist kühl, aber nicht wirklich frisch, das Licht gefiltert wie unter der Entengrütze eines schalen Tümpels. Auch das Gelb der zahlreichen Greiskrautarten ist brüchig, blättert ab, hinterläßt Flecken von farblosem Welksein. Noch zwei Wochen, vielleicht drei, wird das Grün zunehmen, noch mehr anschwellen und dabei noch müder werden. Die Flure lauschen. In der Nähe fließt Wasser, irgendwo tropft ein Hahn. Wege wie ausgeleerte Taschen, der letzte Kreuzer ausgegeben oder verloren, was willst du hier, geh nach Hause.

Und irgendwo hinter den Sträuchern warten sie bereits, die Hand am Abzug, das Visier heruntergeklappt – die Warnwestenmänner mit ihren Motorsägen.

Mitnotiert: Spätsommer

Pilze, Pilze, wie Pockenpusteln der Erde, grün, grau, blutunterlaufen, geschwollen, verschlagen, wie mit unausprechlichem Effluvium gefüllt. Ein Gang durch den Wald, den Bach am Handgelenk schlackernd, Kopf im Fell, Augen verlieren sich im Unterholz, ein Mund voll bitteren Laubs und die Ferne zwischen zwei Fichten gezwängt und gemartert. Man kann hier nicht bleiben.

Bäume blicken sich beschämt auf die Füße. Hallen von Grün, wie leblose Blasebälge, stumme, eingerostete Windwerke des Sommers. Eine Tür geht auf, und man steht in einem Saal, in dem der Herbst geprobt wird. Generalprobe, die Premiere ist morgen oder übermorgen, bald jedenfalls. Frechheit, Frechheit, rufen die Vogel im Davonzucken.

Nur ein Pflaumensteinspucken entfernt ist das verlorene, vergessene, liegengebliebene Leben. Wenn die Sonne durch den Nebel fegt, klebt der späte Sommer unterm Gaumen, süß, gelb und ein bißchen müde, wie nicht mehr ganz ernst gemeinte Küsse. Ich vermisse die Nähe von allem, zu allem. Ich nehme deine Hand, aber wie sehr ich mich auch konzentriere, Hand, Hand, Hand, es gelingt mir nicht, nahe zu sein, irgendwem, irgendetwas. Ich bin entfernt und schaue aus dieser Ferne zu, lese uns wie in einem Buch. Die Sehnsucht ist so, als wollte ich mit deinen Lungen atmen, mich selbst küssen mit deinen Lippen. Die Sehnsucht nach einer Jahreszeit, die nie kommen wird, und an ihre Stelle tritt doch wieder nur das alte Jahr.

Ein Aufschub, Reste. Vom Jahr, vom Leben, von der Zeit selbst. Zeitweise die Einbildung, daß alles noch weiter geht, und daß morgen mehr oder weniger so sein wird wie heute, nächstes Jahr so ähnlich wie dieses. Ein Irrtum. Unterm nikotinbraunen Laub der Kastanien, das sich krümmt, als wäre der Baum in etwas Ekelhaftes getreten, ein Busunterstand, verstaubt, versponnen wie eine Larve, aus der nichts wurde, die Vergeblichkeit längst abgelaufener Fahrpläne, endgültig wie Losnieten. Man duckt sich, man rüttelt am Gehäuse, man kaut bedächtig eine grüne Pflaume, es hilft alles nichts. Zuletzt stapfen wir über ein Feld, endlose Böschungen, endloser Matsch, streberhafter Mais rechts, links die Pläne des frühen Abends, und die Luft ist eine Jacke, die nicht warm hält. Eine Absperrung, gegenüber ein Hang, ein brütender Hochsitz, ein Rabe im Wipfel eines Ahorns. Da eilt das Jahr, als gäbe es am Ende ein Zuhause für die Tage, ein Ausruhen fürs Wetter, ein Zurückzählen des Kalenders auf eine schweigende, ruhende Null, ein Münden in Frieden, aber so wird es ja nicht sein. Dort, wo wir ankommen sollten, sind wir schon entlassen (wo wir glaubten, erst begrüßt zu sein), wir sind mit der Sehnsucht allein und mit der Liebe, und immer, immer stehen wir am Anfang der Zeit. Wir sehen uns um. Die Füße sind naß, die Hosensäume verschlammt, die Ellenbogen kalt, im Tal schlagen Glocken, der Rabe schwankt und ruft, und da ist es, als dürften wir hier eigentlich längst nicht mehr sein, als hätten wir hier niemals hingehört.

Kein Entkommen

Und wieder die Traurigkeit, ich finde sie in der Heimatlosigkeit von Heimen, in der Uferlosigkeit von Ufern, in der Pflichtgemäßheit des Sommergrüns, im feuchten Gewicht der Erde, in der Zutraulichkeit von Hunden, in der Dienstfertigkeit bedruckten Papiers. Ich wache auf mit der Traurigkeit von Fliegen, die über die Fensterscheiben krabbeln, und ich bin traurig, wenn abends eine Motte gegen die Straßenlaterne stäubt. Es ist, als strengte sich die belebte wie die unbelebte Natur zu sehr an. Ich habe Mitleid mit ihr, mit dem Licht vorm Gewitter, dem springenden Springkraut, dem Schlamm unterm Schlamm, den einsamen Spinnen unter der Zimmerdecke. Ich habe Mitleid mit dem Schrank, der so viel Dunkelheit und Staub enthält und immer nur zuhören muß, wenn Leute im Zimmer reden. Die Türen scheinen aufzuatmen, wenn endlich alle gegangen sind. Ich möchte den Dingen zurufen, laßt gut sein. Aber die Dinge machen einfach immer weiter. Sie schuften an ihrer Existenz und erschöpfen sich.

Mitleid mit Menschen, die sich selbst nicht kennen, die stumm leiden wie Tiere, die nicht wissen, warum sie leiden. Mitleid mit der naiven Freude dieses Menschen, ihrem kindlichen Entzücken über eine Kleinigkeit. Es sind die Kleinigkeiten, die so leicht zu zerstören, zu zertrampeln sind, die so leicht vergessen werden, liegenbleiben. Und man täuscht sich so leicht in ihnen. Vor Jahren einmal erlebt, wie eine, die ich gut kannte, ganz närrisch war über ein froschgrünes, pummeliges Telephon, das sie sich gekauft hatte. Ich sah sie strahlen und dachte, es ist doch nur ein Telephon, und dieser Gedanke war wie flüchtiges Pech in der Brust, eine verstörende Traurigkeit, wie wenn ein Kind sich in das häßlichste Stofftier der Sammlung verliebt. Aber vielleicht wäre ich noch trauriger, verliebte es sich in das schönste: Es gibt vor der Traurigkeit kein Entkommen.

Ich muß mir Widerstände suchen, um die Traurigkeit eine Weile in Schach zu halten. Der Aufbruch ist schwer, manchmal glaube ich, er gelingt nur kraft der Routine. Ich gehe laufen, weil man das halt so macht, weil ich das seit Jahrzehnten so mache, weil ich nicht mehr weiß, wie Nichtlaufen geht. Und weil ich vor dem weißen Papier fliehe, natürlich, vor dem Beweis meiner Mittelmäßigkeit. Manchmal wünsche ich mir den Abend herbei, noch bevor ich aufgestanden bin, sehne mich nach diesem wunderbaren Gefühl, morgen sehen wir weiter, morgen wird alles gut. Aber immer ist es schon morgen, und alles ist so wie sonst und nicht gut.

Ich liege in einem fremden Haus, mit dem Kopf auf Höhe des Regens, der auf die Dachpappe rauscht, der Fensterrahmen ist seltsam, als zweifle er über sich selbst, der Mond, wenn er schiene, wäre fremd, der Winkel falsch, wie in einem Fiebertraum, ich höre die, für die ich Mitleid habe, ohne daß sie oder ich wüßten, warum, atmen. Ihre schlafenden, ruhigen Atemzüge, es ist das einzige, was hier nicht fremd ist, es ist mir so vertraut wie die Traurigkeit, es ist selber traurig. Es regnet und regnet, und ich bin so lange schlaflos, bis mich der eigene Herzschlag wundert und endlich auch die eigenen Atemzüge mir fremd werden, wie etwas, das eigentlich ganz anders sein sollte als es ist.

Frühprotokoll: Wider das Interessieren

Es ist dunkel jetzt um fünf, stockfinster, still, die Räume nachdenklich ins Weite gespannt, eine Weite, aus der vereinzelt Regentropfen fallen. Der Nachrichtensprecher verkündet Tode, Schwert und Verderben, ich lasse ihn reden. Es ist immer das gleiche. Es ödet mich an, es ist mir gleichgültig. Als hätte ich die Pflicht zur Entrüstung! Die Pflicht, depressiv zu werden.

Ich bemitleide alle Menschen, die sich von Berufs wegen für etwas interessieren müssen. Immobilienpreise, Software-Updates, Blasenkatheter, DIN-Normen, Sicherheitslücken, Darmzotten, kubisch-zentrierte Kristallgitter, kraftschlüssige Verbindungen, Fußballergebnisse, Brandschutzverordnungen, relationale Datenbanken, laktosefreie Ernährung, Fix-A-Glut Schnellbindezement mit extrasanft modulierter Siccationsphase, doppelte Buchführung, vierlagiges Toilettenpapier mit Minzgeschmack, einzeln aufgehängte und kreuzweise verspannte Federmuffen. Was für eine Freiheit liegt darin, sagen zu können, das interessiert mich nicht. Was für eine Erlösung, sich nicht zu interessieren. Vor Jahren einmal Marcel Reich-Ranicki in einem Interview: „Die angloamerrrikanische Literraturr interrethiert mich nicht.“ Herrlich. Ich glaube, das war letzten Endes das, was jedem meiner Berufswünsche zugrunde lag: die Freiheit, einmal das tun zu können, was mich interessiert, den Rest mit einem „Interessiert mich nicht“ ungestraft von der Tischplatte fegen zu dürfen. „Die Brandschutthverordnung interrethiert mich nicht“ – Wunderbar.

Ich stelle fest: Das meiste interessiert mich wirklich nicht. Ich beobachte das im Vergleich mit anderen. Da gibt es einen Freund, der alles ausprobieren muß, einzig um der Erfahrung willen. Neugierig wie eine Elster, findet er fast alles, das er noch nicht kennt, erst einmal spannend. Das ist mir völlig fremd. Ich bin leicht überfordert und ebenso leicht unterfordert. Einige wenige Erfahrungen, Vollzüge, Erlebnisse sind mir so wichtig, daß mir die Zeit für etwas anderes, das ich noch nicht kenne, zu schade ist. Was, wenn es mich enttäuscht? Und wahrscheinlich wird es das. Die meisten Erfahrungen langweilen mich nämlich innerhalb von Minuten. Bei anderen weiß ich zuversichtlich, daß sie mir nicht behagen werden. Ich werde nie freiwillig in den Wagen einer Achterbahn steigen. Oder mit einem Gleitschirm fliegen. Ich muß auch Island nie gesehen haben, oder mit Druckluft tauchen. Schnorcheln reicht völlig. Nach fünf Minuten wird mir ohnehin kalt. Ich dachte auch einmal, man müßte, man mußte doch. Was alle sagten und dachten: Gereist sein, Länder und Menschen kennengelernt haben, man mußte doch Drogen ausprobiert, Nächte durchgetanzt, ein Open-Air-Konzert besucht, Sex am Strand gehabt, in einer Kommune gehaust haben, mit dem Tretboot in Sandalen über den Atlantik gefahren oder auf Rollschuhen den Aletschgletscher hinuntergefahren sein. Man mußte, man mußte! Sonst? Ja, was eigentlich? Hatte man dann etwas verpaßt? Es waren die Jahre, in denen man den Film Dead Poet’s Society gut finden mußte. Ich fand ihn gut. Damals. Heute finde ich ihn verlogen, ideologisch, falsch in seiner unüberlegten Hau-Ruck-Philosophie. Vom Kitsch zu schweigen.

Vielleicht ist aber auch das ein Luxus. Man mußt erst einmal so viel erlebt haben wie ich, um sagen zu können, im Tretboot über den Atlantik interrethiert mich nicht. Ich habe den ganzen Quatsch (mit Ausnahmen) ja mitgemacht, den man angeblich mußte. Trotzdem ärgert mich das Gehabe von damals noch heute. Als wäre das Jungsein eine Verpflichtung gewesen. Mich ärgert, daß ich so beeinflußbar war.

Neuweg, Apfelmaar, die letzten Regentropfen, südwestlich blauer Himmel mit Schäfchenwolken. Wind- und Vogelstille. Wie ein Fingerschnippen des Laubs manchmal ein davonstiebender Flügelschlag. Kurze, scharfe Rufe. Träges Arbeiten eines Bussards, der vor mir flieht, über die Wiese strebt, sich hunderte Meter entfernt niederläßt. Ein Mann kommt zur stillen Andacht an ein Wegekreuz, wir grüßen uns. Der Wald ist still und brütet, das Unterholz leer, die Hallen haben Ferien. Himmel, Tropfen, Pfützen, Schuppen eines Lärchenzapfens, die Hundspetersilie am Wegrand, das grüne Gähnen der Straße, ein Pilz, den ich nicht kenne, das ist Raum und Erfahrung genug für mich. Zuhause das Radio, schweigt mich an, beleidigt, schmollend, und doch im Bewußtsein des längeren Atems der äußeren, größeren Welt.

(Erst bei den Pferdeweiden ist mir der Traum wieder eingefallen. Ein Pferd schubberte zärtlich mit der Schnauze an meinem Knie oder Oberarm entlang, eine Geste so voll von Freundlichkeit und Vertrauen, daß ich die beiden echten Pferde auf der Weide am liebsten umarmt hätte. Ich habe wiederkehrende Tierträume, angenehme wie unangenehme. In den unangenehmen muß ich mich immer größer werdender Spinnen erwehren. In den angenehmen begegnen mir meist Hunde, selten Mäuse, und jetzt ausnahmsweise ein Pferd. Das begleitende, die Stimmung des Traums dominierende Gefühl ist das der Herzenshingabe. Diese Tiere vertrauen mir, nähern sich mir oder sind eng bei mir in freundlichen Absichten. Manchmal berühren sie mich. Manchmal schauen sie mich nur an. Es sind unabhängige, freie Wesen, die mir zugeneigt sind, mich aber nicht brauchen. Trotzdem ist etwas Verletzliches an diesen Tieren, man muß gut zu ihnen sein, sie schützen. Eine Gefahr, vor der sie zu schützen wären, gibt es nicht in diesen Träumen, kein Bedarf, zu handeln. Die Tiere sind da, ruhig, gelassen, meine Nähe suchend. Das ist alles. Und es ist wunderschön.)

Da steckt doch mehr dahinter!

Dieses Gefühl, daß mich jemand durchschaut, oder wenigstens zu durchschauen glaubt. Da werde ich sofort fuchsig. Mich kennen? Du ahnst nicht, was du alles nicht einmal ahnen kannst! Und dennoch, was man mir da beim Abendessen auf den Kopf zusagt, daß ich ein ängstlicher Mensch sei, das stimmt. Grund zu der Vermutung habe ich indes niemals gegeben, und so tröste ich mich damit, daß dieser Schluß von falschen Beobachtungen auf etwas zufällig Richtiges geht. Vielleicht mußte man auch einfach ein bißchen Vergeltung dafür üben, daß ich die Frage nach meinem Roman abgeblockt habe, und zwar mit klaren Worten. Doch noch ein bißchen was rausgekriegt haben über mich.

Es ist ein Muster, das sich oft wiederholt, und für einen ganz bestimmten Menschentypus charakteristisch ist. Wenn ich mich mal ausnahmsweise des gleichen Musters bediene, würde ich sagen, diesem Nachbohren liegt eine tiefe Unsicherheit zugrunde: Woran bin ich mit dem? Warum sagt der nix? Gehe ich ihm auf die Nerven? Der verbirgt mir doch was! – Und dann wird halt gestochert. Und im Nebensatz behauptet: Es ist ja nicht schlimm, wenn du Angst hast. – Wer hat hier Angst? Das sind dieselben Menschen, für die alles immer natürlich und locker sein muß. Mach dich doch mal locker! Und dabei sind sie selbst die verkrampftesten in ihrer Unfähigkeit, den andern so schweigsam, verkrampft und eingeigelt zu lassen, wie er halt ist: Da muß man doch was machen! Sei doch mal locker. Du kriegst es noch an der Nackenmuskulatur.

Nachbohren und Zuschreibungen: Klar hast du Schuldgefühle. Wir Frauen haben alle Schuldgefühle. – Das macht mich selbst stellvertretend wütend, vielleicht auch, weil die, um die es ging, es nicht wurde. Eine boshafte Vermutung wäre: Diese Menschen sind selbst so ängstlich und unlocker und voller Schuldgefühle und zugleich voller Neid auf die, die nicht ängstlich sind und keine Schuldgefühle haben, daß sie einen solchen Makel überall vermuten müssen. (Denn ein Makel ist es, sonst müßten sie nicht so sehr betonen, auch dies eine gängige Phrase aus dem Mund solcher Menschen, daß das doch nicht schlimm sei.) Und natürlich haben sie immer recht mit ihrer Vermutung! Denn wer hat nicht schon einmal Angst oder ein schlechtes Gewissen gehabt? Man muß nur laut und bestimmt genug drauflos vermuten, um Verunsicherung zu erzeugen. Und vielleicht geht es genau darum.

Dazu gehört auch, ins Licht zu zerren, was ich lieber auf dem Wege des Ausweichens oder der Diplomatie lösen würde. – Ich weiß ja, du läßt dich nicht gerne umarmen. (Gefolgt von einer dicken Umarmung.) Manche Leute sind ebenso taktlos wie dreist. Sie scheinen es darauf anzulegen, daß ich den Mund aufmache. Und loben mich dann noch dafür, daß ich unhöflich bin. – Endlich sprichst du mal Klartext! (Ich will aber keinen Klartext sprechen. Klartext ist unter Menschen, die sich nicht gut kennen, unangenehm, für beide Seiten.) Mir wäre es lieber, wir würden ganz im Stillen verstehen und unsere Schlüsse daraus ziehen. Das nennt man Rücksicht. Insbesondere, wenn es um Dinge geht, die mir peinlich sind. Nicht: die peinlich sind, sondern mir peinlich sind. Das Besprechen von Peinlichem ist etwas für engste Freunde. Aber vielleicht ist genau das das Problem: Solchen Menschen ist eben nichts peinlich, und darum akzeptieren sie nicht, daß mir etwas peinlich ist. Das muß dir doch nicht peinlich sein! Aus der Sicht solcher Leute ist das dann nur eine Frage der Lockerung, und also ein Fehler meinerseits, wenn ich eben nicht locker bin. Mir ist ja schon peinlich, daß mir überhaupt etwas peinlich ist. Und noch peinlicher, wenn das jemand merkt.

Selbst keine Geheimnisse haben, und dann dem andern die seinen nicht lassen, auch das gehört in das Muster. Alles von sich preisgeben, auch das, was ich gar nicht hören will. Neulich sagt mir jemand, Sie mögen nicht gern photographiert werden, stimmt’s? Ins Schwarze getroffen, und schon wieder werde ich ungehalten. Ich lasse mich nicht gerne beobachten, nein. Und daß jemand genau diese Scheu vor Beobachtung beobachtet hat, macht mich erst recht wütend. Wie aber verbarrikadiert man sich, ohne daß man die Barrikaden merkt?

Solche Menschen, die einem das eigene Innenleben aufzwingen und dann fast beleidigt sind, wenn man selbst von sich schweigt (Und du so? Erzähl doch mal was von dir!), haben, vermute ich, den Wunsch nach klarer Sortierung. Du bist so, ich bin so, ein Dritter ist so. Und fertig. Diese Menschen sind immer schon fertig mit ihrem Gegenüber. Dabei fängt man ja dort erst an, wo man eine Vermutung über einen fremden Menschen hat. Man wird ja mit sich selbst schon nicht fertig, wieviel weniger dann mit einem anderen.

Frühprotokoll: Regen

Schon eine halbe Stunde vor Weckerklingeln höre ich den Regen fallen. Kein Rauschen, nur vereinzelte Tropfen auf Mauerkronen, Autos, Regenrinnen. Dazwischen das laute, satte Klatschen, wenn ein Tropfen aufs Fensterbrett fällt. In einer Stunde werde ich laufen. Ich hasse dieses Wetter. Ich hasse überhaupt Wetter, wenn ich mit mir zum Laufen verabredet bin, jedes Wetter, das geringfügig von 15 °, Windstille, trocken abweicht. Ich hasse es so sehr, daß ich völlig verkrampft daliege und, statt wieder einzuschlafen, den Tropfen lausche, schwitzend vor Zorn. Ich weiß, das ist lächerlich. Und von dieser Einsicht werde noch wütender. Es regnet, denke ich, verdammt, es regnet schon wieder, es regn– Ich schlafe ein.

Wird man gelassener, wenn man viel draußen ist? Abgehärteter, gleichgültiger gegen die Unbilden der Witterung? Macht es einem irgendwann nichts mehr aus, durch den Regen zu laufen? Gelingt es irgendwann, das Wetter wahrzunehmen wie es ist, ganz ohne Bewertung? Mitnichten! Wer viel draußen ist, wer viel im Regen läuft, wandert oder arbeitet, explodiert schon bei zwei Tröpfchen. Man sensibilisiert sich. Es baut sich mit den Jahren ein Haß auf, keine Gleichgültigkeit. Man wird nicht immun, man bekommt eine allergische Reaktion.

Ich wache auf, Weckergesumm, irgendeine zu dieser Zeit unsäglich dynamische Sinfonie auf BR Classic (sic!). Nun, alles besser als das außerirdische Synthesizer-Gewabere, das sie neulich hatten (Sleep von Max Richter; mit Erstaunen nehme ich zur Kenntnis, daß Max Richter die Filmmusik zu Waltz with Bashir geschrieben hat. Und da dachte ich, die sei von Chopin gewesen!)

Ich habe Glück, der Regen läßt auf den ersten drei Kilometern nach. Der Himmel bleibt aber bedeckt und erinnert an verschimmelten Grießbrei, ohne Brille betrachtet, die Luft ist dick und dämmrig und feucht. Blinde Pfützen, triefende Brombeerhecken, das Longhorn-Rind ist umgezogen, die Antennen seiner Hörner haben mich schon aus zweihundert Metern Entfernung registriert. Es liegt zusammen mit fünf normalgehörnten Tieren auf der nassen Wiese, still wie atmende Sofas.

Seit Tagen keine Vögel mehr. Der Wald ist stumm, die Vorhänge heruntergelassen, die Darbietung beendet, die Putzkräfte noch nicht dagewesen, die Kulissen stehen noch. Die Korridore sind blind, das Grün hängt herab wie Schmutzwäsche aus einem Wagen. Keine Sonne. Nur überlaufende Pferdetränken, die Tiere dazu weit weg, schwankend und zart am dünnen Ende von Pfaden, wie die Fähnchen von Unterhändlern.

Schönen Tach noch!

Wann hat das eigentlich angefangen? Beim Bäcker, an der Supermarktkasse, am Bahnkiosk, an der Eisdiele: Und dreißig Cent zurück, bittesehr, SchönenTachnoch. Natürlich hat man das nicht schon immer gesagt, gemurmelt, genuschelt, hingeworfen, diese Phrase, man hat sie nicht schon immer fast unbewußt heruntergeleiert mit der gleichen Mischung aus Pflichtgefühl und Gleichgültigkeit wie im Gottesdienst das WirhabensiebeimHerrn. Irgendwann fing es an, beendete diese Phrase eine Zeit, als man sich einfach bedankte und ging. Wie lange ist das her? Ich erinnere mich nicht mehr. Inzwischen machen es alle, und ich frage mich: Wer hat damit überhaupt angefangen? Und warum?
Einer Vermutung zufolge, die man recht häufig liest, ist es keineswegs eine spontane Erscheinung, sondern wird beispielsweise Kassiererinnen im Supermarkt von der Marktleitung angeordnet. Einer weitergehenden Vermutung zufolge handelt es sich um die Lehnübersetzung des englischen have a nice day. Konkret wird dabei vermutet, daß es von synchronisierten Fassungen englischsprachiger Filme und Serien seinen Anfang nahm, wobei die Partikel noch angepappt wurde, um die Viersilbigkeit beizubehalten.

Was mich an dieser Phrase so stört, ist nicht, daß sie nicht ehrlich gemeint, ist nicht, daß der Wunsch, ich möge einen schönen Resttag haben, nicht aufrichtig vorgebracht sei; das ist ohnehin Quatsch. Wir sagen ja auch Guten Tag einfach so daher, ohne es zu meinen, und wir sagen Auf Wiedersehen, auch dann, wenn wir wissen, daß das nicht wahrscheinlich ist, oder den anderen dorthin wünschen, wo der Pfeffer wächst. (Immerhin sind wir uns aber der wörtlichen Bedeutung der Floskel noch so bewußt, daß wir am Telephon Auf Wiederhören sagen, und Bestatter die Formel aus Pietätsgründen vermeiden, wenn sie sich von Angehörigen verabschieden.) Das allermeiste, was wir so tagtäglich sprachlich absondern, hat weder mit Ehrlichkeit noch mit Informationsübermittlung zu tun. Das allermeiste, was wir sagen, ist irrelevant („Schönes Wetter heute, was?“) oder liefert nicht nachgefragte Informationen („Ich krieg die Krise!“) oder dient nur der gegenseitigen Bekräftigung allseits bekannter Tatsachen („Die Bahn wird auch immer teurer.“) – es hat eine andere als die wörtliche Funktion, dient etwa dazu, ein Gespräch einzuleiten, die eigene Meinung gestärkt zu bekommen oder sich mit einem Gefühlsausdruck Luft zu verschaffen, wobei alles drei und noch weitere Funktionen zusammenfallen können. Oft sagt man einfach nur deshalb etwas, weil es blöd wäre, nichts zu sagen. Etwa, wenn man den Chef der Firma zufällig in der Straßenbahn trifft. Sprechen ist die neutralste Form der Interaktion zwischen zwei Angehörigen unserer Spezies. Mit Sprache akzeptieren wir die Gegenwart des anderen; ein Guten Tag! bedeutet nicht, daß wir dem andern einen guten Tag wünschen; es bedeutet: „Ich nehme dich zur Kenntnis und respektiere wenigstens vorübergehend deine Anwesenheit; ich bin zur Interaktion, zum allermindesten zur zivilisierten Höflichkeit bereit (selbst wenn ich dich nicht ausstehen kann).“

Es gibt Menschen, die solche Floskeln prinzipiell ablehnen, wenn sie nicht ehrlich gemeint seien. Diese Menschen haben die Funktion von Formeln nicht begriffen. Daß unsere Begrüßungsformel Guten Tag lautet, ist gänzlich zufällig, was man schon daran sieht, daß sie sich in vielen Situation durch das von jeder wörtlichen Bedeutung befreite Hallo ersetzen läßt. Zu sagen, Hallo sei nicht aufrichtig gemeint, ist sinnlos. Hallo leistet reine Funktion, weiter nichts. Es gibt auch Menschen, die meinen, als Ungläubiger dürfe man nicht Gottseidank sagen. Dieser Forderung liegt derselbe Irrtum zugrunde: Der Ausdruck der Erleichterung könnte von einer beliebigen anderen Form geleistet werden. Der Spanier sagt für unser „hoffentlich“ ojalá, ruft damit aber keineswegs Allah um Beistand an. Die Formel zur Begrüßung ist nunmal wörtlich ein Wunsch; aber ihre Funktion ist nicht die, etwas zu wünschen. Und wo steckt beispielsweise der Wunsch in der erodierten Form Tach!?

Nirgendwo zeigt sich das besser als dort, wo Floskeln bis zur Unkenntlichkeit ihrer wörtlichen Bedeutung verschliffen werden. Allah ist im spanischen ojalá nicht mehr zu erkennen; niemand, der Ciao oder Servus sagt, empfiehlt sich aufrichtig als Diener; auch gänzlich unreligiöse Menschen sagen in Bayern Pfüatdi ((Gott) behüte dich) und andernorts Tschüß (adieu, adiós). Wird die wörtliche Bedeutung solcher Formeln unkenntlich, bleibt nur ihre Funktion übrig: Man könnte auch Schmackofatz oder Vitzliputzli sagen, es würde die Funktion der Begrüßung nicht besser oder schlechter erfüllen als Guten Tag.

Was mich an Einen schönen Tach noch stört, ist etwas anderes, das indessen wirklich etwas mit Ehrlichkeit zu tun hat. Man darf vermuten, daß Bedien- und Kassenpersonal die Formel nicht freiwillig verwendet, sondern daß ihr Einsatz aus einem Geschäftskalkül heraus erfolgt, dessen Absicht freilich durch allzu liebloses Daherrotzen unterlaufen wird. Dann hätte die Schönentachnoch-Pandemie eine Parallele in der Mein-Name-ist-Herta-Hohlsprech-was-kann-ich-für-Sie-tun-Pandemie. Man lese sich einmal durch, was sich Verkaufsexperten so alles an Tips und Tricks ausgedacht haben. Am Telephon sollen die Mitarbeiter lächeln, weil man das an der Stimme hört und ihr einen wärmeren Klang verleiht; sie sollen den Kunden mit Namen anreden, weil jeder gern den eigenen Namen hört und sich geschmeichelt fühlt; sie sollen den Kunden nach weiteren Wünschen fragen, vielleicht sogar etwas vorschlagen („Darf es noch ein Teilchen zum Kaffee sein?“), weil Ablehnen immer schwerer fällt, als von vorneherein keinen Wunsch zu äußern, und so weiter. Ich finde solche Spielchen widerwärtig. Und ich finde es widerwärtig, Mitarbeitern Floskeln in den Mund zu zwingen, die sie nie freiwillig in denselben genommen hätten. Kassenkräfte müssen sich vorkommen wie Aufziehpuppen. Ich stolpere jedesmal darüber, es ist wie eine sprachliche Fliege, die man ständig fortwedelt, aber sie kommt immer wieder zurück. Soll man darauf etwas erwidern? Ihnen auch oder Ebenso oder Gleichfalls? Es ist eine aufgezwungene Interaktion, die die linguistische Pragmatik im deutschen Sprachraum nicht vorgesehen hat. Es ist, als stellte sich mir die Kassiererin plötzlich mit Namen vor. Oder als streckte mir der Kioskbesitzer zum Gruß die Hand hin. Es ist ein Skript, das hier unbekannt ist, und auf das man deshalb jedesmal mit einer Improvisation zu antworten gezwungen wird. Danke, auch so Es ist anstrengend. Am schlimmsten aber ist, daß solche Verordnungen rasch Nachahmung finden und über den Bereich, wo sie absichtsvoll eingeführt wurden, hinauswuchern. Unabsichtlich. Oder mit ganz neuen Absichten. Was sagt der Oberdachlose, wenn ich ihm nichts gebe? Richtig:
Schönentachnoch! (Lächeln nicht vergessen!)

Frühprotokoll: alter Planet

Morgens jetzt schon nicht mehr ganz hell. Ich mache mir den Kaffee im Halbdunkeln, nackt bei geöffnetem Fenster, egal, fünf Uhr morgens ist die Straße sogar hier menschenleer. Die Luft riecht nach Nässe und Müdigkeit. Zwei Amseln singen gegeneinander an, während die Tasse sich füllt. Ein halbes Ohr für die Vögel, mit dem anderen halben nach den Nachrichten gelauscht.

Man merkt der Sonne die Anstrengung an. Sie hat sich beeilt, und es doch nur gerade über den Horizont geschafft. Wie ein müdes Augenlid hängen die Hügel des Siegerlandes über der Bucht. Fernsicht, ohne den Halt von Vögeln.

Man müßte ein völlig neues Vokabular für Licht erfinden. Heute früh ist es weich, geschmeidig, leicht gerötet vom Sonnenaufgang, härtet sich in der nächsten halben Stunde, hängt an Baumstämmen wie vorwitzige Tiere, die dem Schwarm vorausgelaufen sind. Früher habe ich auf diese Dinge nicht geachtet. Der Jahreslauf, das war das Wetter, nichts weiter. Seit ein paar Jahren verfolge ich die astronomischen Eckdaten, Tagundnachtgleiche, Sonnenwenden, prüfe im Kalender die Sonnenauf- und -untergänge. Es ist wie eine Unruhe, daß mir auch ja nichts entgeht, daß das Jahr, und mit dem Jahr die Zeit, nicht auch noch diesen Vertrag auflöst. Auch empfinde ich jetzt immer eine gewisse Trauer, wenn der längste Tag überschritten ist: Oh weh, so spät schon wieder.

Traurig auch der Gedanke, daß dieses Gestirn, auf dem wir leben, schon ein alter Planet ist. Es mag für menschliche Maßstäbe egal sein, ob die Zukunft des Lebens nun eine Million Jahre, hundert Millionen Jahre oder gar noch eine Milliarde Jahre zählt – dennoch macht mich die Tatsache, daß es eben nicht mehr um Milliarden geht, sondern nur noch um etwa hundert Millionen Jahre, traurig. Dem Menschen sind Zahlen egal, Geschichten nicht. Der Mensch kann sich unter hundert Millionen Jahren nichts vorstellen; aber ob eine Geschichte erst anfängt oder ihrem Ende entgegengeht, das versteht er sehr gut – da spielt es keine Rolle, nach welchen Maßstäben die Teile der Geschichte dauern. Es ist egal, wie schnell es zu Ende geht, es ist egal, daß wir das nicht mehr erleben. Ich sehe die Bäume ihre Früchte zur Reife bringen, die üppigen Brombeeren, die signalroten Vogelbeeren, die Äcker mit ihren gelben Ähren, einen Bussard, der sich träge von einem Pfahl abstößt. Ich denke daran, daß selbst dies alles nicht bleiben wird, und werde sehr traurig. Was ist schon der eigene Tod? Aber daß es keine Schnecken, keine Fliegen, keine Blauwale mehr geben wird, und nicht, weil wir sie ausgerottet hätten, sondern weil ihre Zeit auf diesem Gestirn vorbei sein wird – das ist wirklich schlimm.

Das Rind mit den Riesenhörnern wieder, womöglich sind sie noch ein Stück gewachsen, es sieht aus, als könnte das Tier den Kopf nicht wenden, ohne an irgendeinen Baum oder Zaunpfosten zu stoßen.

Und ich dacht’ schon, da läuft einer! Der Unmut, der mich angesichts dieses Irrtums anfällt, zeigt mir, wie sehr ich diese Gegend, zumindest zu dieser Stunde, als mein ureigenstes Revier betrachte. Aber dann blinkt in der Nähe eine Zentralverriegelung, und der Mann, den ich für einen Läufer hielt, setzt sich ans Steuer. Später begegne ich einem Walker. Es ist ein Mann irgendwo zwischen sechzig und siebzig, ich habe ihn schon oft gesehen. Fünf Kilometer und eine Runde weiter begegne ich ihm abermals. Und dann noch einmal. Merkwürdig. Würde er Laufen, wäre es ein Rivale, der in meinen Augen hier nichts zu suchen hat. Da er nur geht, ist er mir gleichgültig. Ich könnte jetzt ein bißchen über Konkurrenz und Wettbewerb nachdenken, lasse es aber. Der Morgen ist zu still für so laute Gedanken.

Still, und in sich gekehrt und alt, uralt, unermeßlich alt. Die vier milliardste Wiederholung des immer gleichen Vorgangs. Dieselbe Sonne, die schon über Palmfarnwäldern aufging, deren Überreste sie jetzt, wenige Kilometer von hier, aus der Erde kratzen. Dasselbe Licht, das sich in der Retina eines Velociraptors brach oder in den Facetten eines riesigen Eurypteriden regenbogenartig schimmerte. Und doch war es nie der gleiche Morgen, nie genau dasselbe Licht, nie exakt so, wie es jetzt den Staub in der Ebene in Schwingung versetzt, ins Rheintal einfällt, einen Schieferhauch übers Siebengebirge legt, sich wie kondensierender Dampf auf den Kiefernadeln absetzt, diese uralte, immer junge und doch sterbliche Sonne.

Man müßte ein völlig neues Vokabular für Licht erfinden.