Anwesenheit



Unterhalb des schmalen Wanderwegs, etwa zehn Meter den Hang hinab, liegt ein Gartengrundstück in der Sonne. Dort geht, gerade als ich oben vorbeikomme und zufällig hinunterschaue, eine Frau mit einem Tablett in der Hand vom Haus zur gegenüberliegenden, in Büsche geschmiegten Sitzgruppe. Auf dem Tablett leuchtet ein Teller mit Obst, aufgeschnittene gelbe und rote Früchte, und in einem schlanken, hohen Glas schwappt, von den Schritten bewegt, eine rotbraune Flüssigkeit, es könnte Tee sein, angesichts des warmen Frühlingstages wahrscheinlich Eistee. Das seltsame Gefühl der Gleichzeitigkeit von allem, und daß auch da unten, in einer von mir nur beobachtbaren, aber letztlich fremden, unbetretbaren Welt fremder, unbetretbarer Gedanken, Geschichten und Absichten, dieselben physikalischen Gesetze gelten wie für mich, der ihnen zehn Meter weiter oben und von der Frau völlig unbemerkt, ebenso unterworfen bin wie Tee, Frucht, Frau und Licht, das sich auf dem Tablett spiegelt.
(18.4.2020)

Alte Heimaten

Hürxberg. In der Abenddämmerung, die schon um halb vier spürbar einsetzt, drehe ich eine Runde. Wasserbehälter, Blick zurück zur Ebene, den Weg vom Bach herauf kommen zwei Hunde. Die Wege tuscheln in meinem Rücken. Ein Falke über dem Weinberg, fesgefroren an den Wolken, zappelt und kommt nicht los. Am Bach nach kurzem Zögern (große Runde hoch in den Wald, oder lieber wieder zurück?) links runter. Verschlammter Weg, Hufspuren von Pferden, weiches Wintergras. Unter dem fransigen Rand eines Wolkenbands quellen wie aus einem zu straffen Saum hellere, dickliche Schichten klarerer Luft hervor. Draußen in der Ebene rauchen die Schornsteine. Die Ebene ist erfüllt von Brausen und Donnern. Nichts an Lichtern und Strukturen bewegt sich, nichts zeigt sich als Quelle für den Lärm, es ist, als käme das Donnern aus dem Innern der Erde, als arbeiteten da gewaltige unterirdische Maschinen im Dauerbetrieb. Die Wege, die es hier herauf geschafft haben, scheinen mit Mühe entkommen zu sein. Ein Pferd schaut mich plötzlich von oben an, regungslos, weder neugierig noch ängstlich noch erstaunt, vielleicht prüft es mich, vielleicht wartet es darauf, daß ich eine Dummheit mache, damit es sich später, wenn ich weg bin, ausschütten kann vor Lachen. Etwas zischt durch die Luft wie ein Lenkdrachen: Es ist ein Schwarm Stare, der über meinem Kopf die Richtung wechselt, abdreht, in einen Baumwipfel rauscht und darin verschwindet wie in Löschpapier getaucht. Im Blick zurück plötzlich drei Schafe auf einer Weide. Sie bemerken mich nicht, was mich mit einem seltsamen Glück erfüllt. Oberhalb der Böschung halb verdeckte Bienenkörbe, ein Schuppen, nicht größer als eine Hundehütte, Brombeergestrüpp, Haselstämme, ein bleicher Himmel voller Heimaten, die meine nicht mehr sind. Hier sind Leute zu Hause, und einst war ich einer von ihnen. Der Himmel ist immer noch da, leise schaufelt er Laub über den Rand, das die Böschung hinunterraschelt bis auf den trüben Weg, bis vor meine Füße.

Laufen, Woche 48

Laufen, auf der Innenseite eines Schädels, auf der Suche nach den Augenöffnungen. Irgendwo denkt es in der Nacht, geht ein Wehen von Staub und Laub, kauert ein Frösteln von Mondschein. Die Ereignisse, unerkannt in ihrer Art, sind fern, gedämpft, rumpelnd; irgendwo grollt es am Gewölbe, als würden in oberen Geschossen Kopiergeräte hin- und hergeschoben; Lichter, nachdem sie sich eine Stunde lang genähert haben, verschwinden lautlos, ortlos. Wohin der Lampenschein auch fällt, ist Rand. Dahinter tun sich vielleicht Abgründe auf, wo die unteren Gedächtnisse der Nacht liegen.

Laufen, 9.5.2019

Hell jetzt, keine Dämmerung mehr, ein einzelner Ruf des Hausrotschwanzes weckt mich schon halb, unbestimmte Zeit, bevor es ganz der Wecker tut. Ich dachte zu dem Vogel, du bist aber früh. Tatsächlich war es schon spät, ich mußte raus. Beim Kaffeetrinken um fünf Uhr wird schon der Himmel im Fensterkreuz sichtbar.

Eine Romanfigur versucht ihren zerrütteten Geisteszustand dadurch zu heilen, daß sie nur noch Oberflächen betrachtet; daran denke ich, während ich durch das ganz junge Grün laufe. In jeder Blattoberfläche, in jeder Pfütze, im Schlamm und den Spuren, die der Schlamm trägt, drängt sich ein Zeitstau aus Vergangenheiten und Zukünften, der in jeder Fläche unendlich viel Platz beansprucht. Die Dinge sind nie, was sie sind. Ihre Zeitlichkeit zerrt an ihnen, beult sie aus, verlängert sie in eine Tiefe, in die zu blicken letztlich gefährlich wäre.

Nichts ist nur Oberfläche. Auch die Betrachtung nicht. Die Betrachtung wuchert ins Innere des Betrachters. Auch die Betrachtung verlängert sich in eine gefährliche Tiefe. Die nächste und die nächste Betrachtungen ziehen uns weiter, sonst wären wir verloren.

Manchmal kann ich mich an einen bestimmten Wegabschnitt nicht mehr erinnern; aus meiner gegenwärtigen Position muß ich aber schließen, daß ich ihn passiert habe. Doch nicht, weil ich in Betrachtung versunken war, erinnere ich mich nicht, sondern weil ich in Gedanken verloren war. Mit der Betrachtung von Innerweltlichem beschäftigt und also: außerhalb der Welt. Ich muß etwas gesehen haben, aber ich weiß nicht mehr, was. Ich weiß nur noch, was ich gedacht habe, und das würde ich immer öfter lieber nicht mehr wissen. Man entkommt den Dialogen nicht, nicht den Aporien.

Lang und leer sind die Wege, die Spuren alt, die Zeichen verwittert. Verlassen, denke ich, aber das stimmt ja nicht, es ist ja alles da, alles ist da, was hier sein Zuhause hat.

Ein neuer Hochstand lungert am Rand einer Wiese, hinter der ich einmal gezeltet habe. Das wäre jetzt keine gute Idee. Die Schießscharten schauen gelangweilt in den Morgen, ein Wachmann am Ende seiner Schicht. Jetzt kommen wohl auch bald wieder die Holztransporter, denke ich, und zwei Tage später ist es soweit.

Kleine Geräusche, kleine Bewegungen. Wie eine Absicht, die etwas vergessen hat, auf der Flucht vielleicht, und noch einmal umkehrt, um es rasch und ungesehen zu holen: Hunderfach kehrt etwas um im Wald und holt etwas, fischt etwas aus dem Laub, angelt unter den Buschwindröschen, die nicht einmal zwinkern, läßt einen toten Ast kurz beben, stößt einen Erdkrümel los und bleibt dabei selbst unsichtbar. Man ist immer zu spät; wenn man sich umdreht, ist schon alles vorbei. Dinge gehen vor sich, von denen der Winter keine Ahnung hat. Wenn er zurückkommt, findet er die Erde bloß und unschuldig vor, alle Augen offen. — Später am Tag ein Fahrzeug, an dem Weg, über den immer eine Absperrleine gespannt ist. Jetzt ist er offen, bewacht von einem PKW, dessen Scheinwerfer dunkel den Abzweig beobachten, wachsam wie ein Hund, und da kommt auch schon ein Motorsägenkrieger in voller Warnwesten-Rüstung den verbotenen Weg herauf, die Waffe im Anschlag wie ein englischer Kleinadeliger.

Sich fremd fühlen, überall.

Wenn in einer Zeitschrift, die ihre aktuelle Ausgabe der urbanen Entwicklung und zukunftsfähigen Formen des Arbeitens, Lebens und Wirtschaftens in der Stadt widmet, der als äußerst maßvoll bejubelte Mietanstieg von 225 Schweizer Franken in einem Objekt in Zürich als Beispiel und Argument für eine funktionierende Mietpreisbremse angeführt wird: Ich denke daran, daß diese durch Sanierung entstandene Erhöhung ziemlich genau meiner derzeitigen Warmmiete entspricht, und werde darüber gänzlich mutlos. Ich verdanke mein Wohlergehen nicht gern einem guten Willen oder schlechten Gewissen von Besitzenden oder auch nur einem Glücksfall. Ich würde mich gern auf das beschränken, was mir zusteht, und was mir kraft dieses Rechts nicht genommen werden kann.

In einem anderen Artikel derselben Zeitschrift versteht jemand unter „bezahlbaren Alternativen“ zur „miesen Wohnungslage“ (okay, in Manhattan, aber auch dort leben Menschen, nicht nur Anzugsfritzen) Unterkünfte für 1800 Dollar. Und, nein, damit ist nicht die Jahresmiete gemeint. Man möchte gar nicht darüber nachdenken, zu was das eine günstige Alternative sein soll. Das sind Größenordnungen, in denen mein ganzes Leben verschwindet wie eine Schneeflocke in einer Lawine. Leider sind diese Größenordnungen schon in weiten Teilen der Welt maßstäblich geworden. Damit wird die Welt unbewohnbar für einen wie mich. Ich meine nicht: Manhattan wird unbewohnbar. Sondern überall.

Eine weitere Irritation, die mir die Ausgabe verursacht, betrifft das, was ich im Freundeskreis die Lückenlosisierung der Welt genannt habe. Damals sprachen wir von der Schülernachhilfe, die laut Auskunft eines, nennen wir ihn ruhig Investor, eines Investors also ein „Riesenmarkt“ sei; in dem Zeitschriftenartikel ist es eine Vermittlungsplattform für nachbarschaftliche Handwerker- und Hausmeisterdienste. Das klingt alles wunderprächtig, was dort an wünschenswerten Effekten aufgezählt wird, nur eines gerät gar nicht erst ins Blickfeld: Daß damit wieder einmal ein Raum unterm Radar ins Licht offizieller Strukturen gehoben und damit gesetzlicher Gängelung und fiskaler Kontrolle unterworfen wird. Freilich zum Nutzen und zur Sicherheit der Beteiligten, man will ja wissen, wen man sich ins Haus holt, wenn man einen Wasserrohrbruch hat, aber eben auch unter Verlust des Inoffiziellen, steuerlich Unerfaßbaren, unter Verlust auch von Vertrauen und ungeregelt funktionierendem Miteinander.

Ich weiß auch, daß man es mir nicht recht machen kann.

Von einer Nachhilfestunde, in der ich neunzig Minuten versucht hatte, einem Unterstüfler, der keine Lust dazu hat, etwas Latein in seinen Dickschädel zu hämmern, nach Hause, zu Fuß über schnellstraßengesäumte Felder, weil der öffentliche Personennahverkehr nur zehn Minuten schneller ist. Verdient hatte ich fünfundzwanzig Euronen. Für 1800 Euro Monatsmiete müßte ich zweiundsiebzig solcher Stunden ableisten, eine durchaus erschreckende Vorstellung. Aber nicht darüber dachte ich nach, während ich am Gehölz Eichenkamp durch die Dämmerung schritt. Sondern ich dachte, daß es für einen wie mich keinen Platz gibt in der gegenwärtigen Ordnung der Dinge. Ich habe nichts Brauchbares (im Sinne von „verwertbar“) gelernt und habe auch nie etwas Brauchbares lernen wollen. Seltsamerweise interessiere ich mich ausschließlich für Unbrauchbares, und das ist von Kindesbeinen an so gewesen. Ausgestorbene Tiere und Pflanzen fand ich interessanter als lebende, schöne Bäume interessanter als eßbare Kulturpflanzen, ich wollte lieber Apachisch oder Baskisch lernen als Chinesisch oder Russisch, den Mars fand ich spannender als den Corn Belt oder den Bergbau in Nordrhein-Westfalen und im Studium Syntaxtheorie anziehender als Computerlinguistik, mit der man vielleicht noch was hätte anfangen können. Oder Logopädie: Gähnend langweilig. Dito klinische Linguistik. Und ich dachte darüber nach, wie es kommt, daß ich, egal um welches Wissensgebiet es sich handelt, immer aussteige, sobald es an die Anwendungen geht. Es interessiert mich einfach nicht, ich kann es nicht ändern. Warum aber ist das so? Die Therapeutenantwort wäre vermutlich: Sie scheuen die Erprobung Ihres Wissens an der Wirklichkeit, weil Sie dabei scheitern können. Sie fürchten sich vorm Scheitern und fliehen in die Welt des Abstrakten. Eine wohlwollende Antwort wäre: Du bist halt der geborene Wissenschaftler. Das ist nett; allein, dazu fehlt mir das Talent. Blieben vielleicht noch unterrichtende Tätigkeiten. Allerdings finde ich es furchtbar, wenn Schüler nicht von sich aus lernen wollen. Und an diesem Punkt war ich dann wieder bei meinem Nachhilfepennäler angelangt.

Soll man sein Leben der Schönheit widmen? Reicht das zum Gelingen des Lebens? Ist es egal, was die anderen von einem denken? Und was ist, wenn die Schönheit ausbleibt, sich als zu schwierig erweist, sich entzieht? Ich habe den Eindruck, man kann damit nicht mehr aufhören, wenn man mal angefangen hat. Wie eine Geschichte, die zu Ende erzählt werden muß, eher findet man seine Ruhe nicht.

Der Mensch lebt nicht vom Brot oder der Unterkunft allein, schon richtig. Aber auch von der Schönheit alleine nicht.

Ich will ja gar nicht in Manhattan oder Zürich wohnen, sollen die das doch unter sich ausmachen, die glauben nirgendwo anders leben zu können. Aber sie machen es halt nicht unter sich aus. Was dort passiert, führt dazu, daß die Mieten in Orten, die ich bevorzuge, nämlich solche, die auf -berg, -hausen, oder -scheid enden, ihrerseits mitgenommen werden: Von der Woge, von der es mal hieß, sie höbe die kleinen Boote ebenso an wie die Ozeanriesen, nur daß damit was anderes gemeint war.

(Widdich–Bornheim, 4.2.19)



Eine abwärtsgerichtete Reihe, wie Kometen bereit zum Sturz, auf einer abschüssigen Piste: So hängt eines windschiefen Orions Gürtel überm Waldrand.

Zielen auf den Hundsstern, der sich knapp über den Horizont duckt.

Auf der anderen Seite des Alls knackt das Eis in Pfützen. Der lärmenden Dämmerung der Fernstraße im Westen steht im Osten eine echte Dämmerung entgegen, die lautlos ist.

Langsam sinkt der Spiegel des Horizonts dem Grund der Nacht entgegen. Schwarzes Warten der Vögel im Gebüsch. Stummes Brausen, das aus dem Bachtal den Hang hinaufsteigt, dem vorauseilenden Orion nach.

(Brenig–Römerhof, 6:15)

Lüftelberg

Daß die Sehenswürdigkeit, um deretwillen wir siebzehn Kilometer gewandert waren, aussah wie ein Stück billiger Korktapete in einem schäbigen, schlecht sitzenden Holzrahmen, paßte zu dem Ort, an welchem diese Darbietung stattfindet. Hinter der einzigen Tür des Gebäudes gelegen, die nicht abgeschlossen war, machte das Kämmerchen so sehr den Eindruck einer beinahe privaten Andachtskapelle, und zwar einer von denen, die sich nicht entscheiden können, ob sie Wohnzimmer oder Sakralraum sind, daß ich, kaum wirklich mit einem Fuß drinnen, unter dem peinlichen Gefühl, in etwas Privates eingedrungen zu sein, den Raum hastig wieder verließ und mir das, was wir doch suchten, entging, obgleich ich es gut sichtbar vor Augen hatte. Aber sichtbar heißt eben nicht, daß man es auch sieht. Freilich hatten wir auch keine Korktapete im Holzrahmen erwartet. Sondern eine Grabplatte. Die aus dem Kalksinter der römischen Wasserleitung geschnittene Grabplatte der Hl. Liuthildis, die hier, im Weiler Lüftelberg, so wußte es das Internet, in der Kirche St. Petrus anzustaunen sei. Wären nicht die beiden alten Frauen gewesen, denen wir begegneten, als wir die Kirche auf der Suche nach weiteren Eingängen umrundeten, wir wären im Bewußtsein, die Platte nicht gesehen zu haben, wieder abgezogen. Dabei hatten wir sie bereits gesehen, wir wußten es nur nicht. Ob die Kirche offen sei, fragten wir die Frauen. Nein, das nicht, erwiderten die, aber es gebe hier etwas Interessantes zu sehen, die Grabplatte der Hl. Liuthildis, die in so einem Nebenraum untergebracht sei, „Schauen Sie sich das mal an, das ist sehenswert.“

In dem Raum steht rückwärtig ein Altar mit einer gräßlichen Steinplatte aus rosa Grabmarmor, darauf ein kleiner Schrein mit einem Vorhang aus kunstsilbernem Gewebe, das aussieht wie von der NASA für Weltraumspaziergänge entwickelt. Rechts fällt die winterliche Nachmittagssonne durch ein Fensterchen, dessen bleigefaßte Scheiben mit Baumarkt-Glasmalereifolie beklebt sind. Zwei kleine Blumensträuße verbreiten einen düsteren Trauerhallenduft. Dennoch erwartet man, gleich eine Kaffeemaschine blubbern zu hören. Wären die Blumen und der scheußliche Altarmarmor nicht, könnte man es fast gemütlich finden. Und immer noch sah ich nicht, was ich sehen sollte, suchte, von der Bezeichnung Grabplatte verleitet, nach etwas Waagerechtem, wollte gar den Altarmarmor für das Gesuchte halten, als schließlich meine Wanderbegleitung, der das Sehen mehr liegt als mir, mich auf das Ausstellungsstück hinwies. An der Wand links hängt, wie ein Klimt-Druck, das gerahmte Prachtstück, die Grabplatte, und leider ist daran einzig ihre kuriose Herkunft beeindruckend. Etwa 180 Jahre lang war Wasser durch die Gefälleleitung geflossen, die die Römer zur Wasserversorgung der Colonia Claudia Ara Agrippinensium, des heutigen Köln, aus den Quellgebieten der Eifel bei Nettersheim durchs Gebirge und Börde in einem durchschnittlichen Gefälle von 4 % bis in die durstige Stadt geführt haben. Das Wasser war kalkhaltig, wie es die Römer bevorzugten, und in den über hundert Jahren, die die Leitung in Gebrauch war, lagerten sich mit der Zeit mehrere Zentimeter starke Kalksinterschichten in der Leitung ab. Schneidet man diese Ablagerungen an, sieht man eine Musterung, Jahresringen nicht unähnlich, die Auskunft über den unterschiedlich schnellen Grad der Ablagerung gibt. Poliert macht das einen hübschen, marmorartigen Effekt, der den mittelalterlichen Baumeistern auch nicht entging, die, gleichmütig gegenüber der technischen Großleistung der Römer und den eigentlichen Zweck der Leitung verkennend, diese in erster Linie als Steinbruch betrachteten, dessen wertvollsten Schatz die Kalksinterablagerungen darstellten. Mit diesem Kalk wurde rege Handel getrieben: Teile daraus lassen sich bis in dänischen Kirchen nachweisen. Es ist schade, daß die Grabplatte aus dem ursprünglichen Kontext des Grabes herausgenommen worden ist. Die Art und Weise, wie der Stein nun in der Kirche St. Petrus zu Lüftelberg bei Meckenheim ausgestellt ist, wird seiner merkwürdigen Herkunft nicht im mindesten gerecht. Die Platte hätte mehr verdient, als wie ein Stück Korktapete behandelt und in einer Art Kaffeeküche aufgehängt zu werden.

Wir bedankten uns bei den Frauen, umrundeten die Kirche, an deren Südseite ein paar alte Gräber liegen, warfen einen Blick über die den Kirchhof einhegende Steinmauer (deren Steine womöglich wie bei so vielen anderen alten Gebäuden der Gegend vor Jahrhunderten aus der Wasserleitung gebrochen worden waren) und entdeckten eine Streuobstwiese, auf der eine Schafherde das Gras kurzhielt. Ich dachte an die Zeit, die es gedauert hat, bis die Kalkschichten in einer römischen Wasserleitung der mittleren Kaiserzeit so dick geworden waren, daß sie Jahrhunderte später das Interesse der mittelalterlichen Steinmetzen hatten wecken können. Wieviel Zeit von dem Tag an, da die Franken eingefallen waren, Köln verwüstet hatten und die Wasserleitung außer Gebrauch kam, bis zu jenem anderen Tag vergangen war, da der erste Mensch auf den Gedanken verfiel, den Sinter zu Steinmetzarbeiten zu verwenden; wie viele Jahrhunderte seitdem dieses Stück Kalk in einer Kirche die Gebeine einer Heiligen bedeckte. Von ein paar Kalziumkarbonatmolekülen, die an irgendeinem Wintertag im zweiten nachchristlichen Jahrhundert ausgefällt wurden, bis zu dem Tag, an dem dieser Teil der Leitung ausgesägt worden war, und weiter bis zu dem Moment, da meine Wanderbegleitung und ich davor standen und ich dachte, daß es sicher keine gute Idee sei, die Platte zu berühren, da der Handschweiß sauer ist und den Kalk auflösen kann, sind es viele Kaiser und noch mehr Könige gewesen, wurden Kriege geführt und ganze Völker vernichtet, stürzten Reiche, während neue auf den Trümmern entstanden, wurde Amerika entdeckt und die Schokolade, das Penicillin und die drahtlose Telegraphie erfunden, betraten Menschen den Mond, flogen Sonden zum Jupiter: eine ganz schöne Strecke Wegs. Draußen weideten die Schafe. Nicht dieselben wie zur Zeit der Römer, aber, dachte ich, im Grunde hatte sich für die Menschen seitdem alles, für diese Tiere aber so gut wie nichts verändert. (20.1.2019)

Man kann in einem Wasserglas ertrinken, von einer einzelnen Weinbeere einen Rausch bekommen, oder sich im eigenen Vorgarten verlaufen. Etwas Ähnliches wie letzteres ist mir einmal an einem eisigen Wintermorgen passiert. Es dämmerte gerade erst, war aber noch nicht hell, als ich in vielen Schichten Funktionskleidung und mit der Stirnlampe bewaffnet den Villehang hinauflief. Infolge der Klarheit der Luft und der Reflektionskraft der niedrigen Wolken, die das vom Süden Kölns aufstrahlende Zivilisationslicht zurückwarfen und über die Ebene streuten, war die Landschaft bereits in Einzelheiten zu erkennen: der abfallende Weg, links eine Wiese, rechts die gesperrte Kiesgrube mit dem Waldsaum, drüben der Talhang, an seinem Grund die Lichter vom Brenig, dahinter die dunkle, vereinzelt von Lichtreihen gegliederte Fläche der Kölner Bucht. Aber schon schien, ohne geradezu die Sicht ganz aufzuhalten, diese dunkle Klarheit vor dem Tageslicht, diese Transparenz des Raums an Zusammenhalt zu verlieren und labil zu werden wie frisch geronnener Quark. Wind kam auf, wehte von Nordosten heran, wo die Dämmerung auf einem Bein zu balancieren, dann torkelnd auseinanderzufallen schien, der Himmel wie zerrissenes, dann eingestampftes Altpapier, blaurote Fransen und Fetzen, schwefelgelbes, mit Maschinenöl verklebtes Konfetti, viel eingeblutete Druckerschwärze in kompakten, schmierigen Knäueln. Und dann noch mehr Wind, bald Sturm, der die Spalten erst aufreißt, dann zusammenpreßt, dann die Bruchkanten verwindet. Und aus der gequetschten dann wieder gedehnten, aus der mißhandelten, spuckenden Masse ergießt sich ein Strom von Blindheit über die Hänge und in die Täler, stülpt sich etwas, das nicht einmal schwarz ist, über die Baumkronen und Zaunpfosten, das die Wege auffüllt, die Wiesen stöhnen läßt, sich als dumpfer Pfropf auf Mund und Ohren legt. Dann beginnt, was zuerst als Aufhellung bemerkbar wird, sich dann aber zu einem milchig-weißen Schirm verdichtet, der noch die Dunkelheit selbst verdünnt und schließlich in sich auflöst. Es war, als bewegte ich mich in einem dreidimensionalen Fernseher, der den Sender verloren hat. Im Licht der Stirnlampe leuchteten die Schneeflocken so hell wie ein Feuerwerk, während im Augenwinkel ein graues Seufzen unablässig in die Knie ging. Die Lichter der Ebene waren verschwunden, ebenso wie der Kirchturm im Brenig drüben, die Kohlfelder, die Pferdeweiden, der Waldrand; die Welt hatte sich in eine einzige tobende, kochende, wirbelnde Taubheit verwandelt, und zu meinen Füßen war der Grund auf ein Areal von zwei Metern Umkreis geschrumpft, war eine Insel geworden, auf der ich weiterlief, die ich mit mir schleifte, die nur dank meinen Schritten existierte. Stückchen vom Wegrain wurden sichtbar, Grasbüschel, eine vereiste Pfütze, deren Oberfläche sich schnell mit Schnee überzog, ein Zaunpfosten, ein Stück Stacheldraht, aber zu welchem Grundstück gehörte der? Das blendende Licht der Flocken nervte so sehr, daß ich die Lampe ausmachte, aber jetzt war es fast völlig dunkel, und in dieser Finsternis fiel weiter der Schnee. Als hätte das Licht zuvor die Geräusche gedämpft, wurde jetzt das Fallen hörbar, flüsterte und raschelte die Finsternis ringsum. Flocken setzten sich auf die Jackenärmel, die Schuhspitzen waren überkrustet, meine Mütze zierte eine Haube aus Eis. Ich wußte, daß ich die nächste Abzweigung links abbiegen mußte, bog ab, wurde unsicher. Und dann passierte es, von einem Moment auf den andern. Ich wußte nicht mehr, wo ich war. Das Wissen über die Mikrogeographie dieser paar Quadratkilometer, in denen ich unzählige Male, bei Sonnenschein, bei Regen, bei Dunkelheit in der einen wie in der anderen Richtung unterwegs gewesen war, dieses Wissen war ebenso ausgestrichen worden wie die Kölner Bucht, der Waldsaum, das nächste Tal, der nächste Apfelbaum, die nächste Straße. Etwas, das wie eine Ansammlung von Müllsäcken aussah, aber einmal eine Hecke gewesen sein mußte, tauchte auf, der Albdruck eines Kamels, das sich als Baum entpuppte, dann kippte die Topographie wieder in die stürmische Leere eines Felds, wo sie hinter zuckenden Schemen verschwand. Ich drehte mich um mich selbst, überall das gleiche Bild. Wenn ich die Lampe wieder anmachte, schloß sich sofort ein leuchtender Ring Flocken um mich, der auch noch die letzte Tiefe vernichtete, als hätte man einen Laternenschirm über mich gestülpt. Es gibt Formen der Unsicherheit, Unkenntnis und Orientierungslosigkeit, die sich zu einem Gefühl existentieller Bedrohung auswachsen können. Dieser schneegefüllte, tiefenlose Nullraum erinnerte mich an den Film The Cube, es fühlte sich an, als hätte mich jemand, während ich schlief, in eine völlig fremde, völlig absurde Umgebung verpflanzt. Gleich bekäme ich vielleicht einen geriffelten Stahlboden unter die Füße, und wenn der Schneefall nachließe, fände ich mich mitten Im Pazifik im leeren Laderaum eines verlassenen Frachtschiffs wieder. Oder etwas in der Art: So völlig ausgelöscht war jedes Merkmal von Landschaft oder auch nur von Entfernung und Raum, ich hätte mich genauso gut in der Arktis befinden können: hier noch ein Schatten von fliehenden Hunden im wirbelnden Schnee, dann völlig allein, in Gesellschaft nur mit dem Wind, der mir vergeblich die Lösung für dieses Orientierungsproblem in die Ohren brüllt.
Minutenlang prasselte links von mir eine Hecke, als stünde sie in eisigen Flammen. Wo gab es in der Arktis Hecken? Ich spürte, daß ich Asphalt unter den Füßen hatte, aber in welche Richtung lief ich überhaupt? Was war das überhaupt für ein Weg? Ein Wegweiser tauchte auf und zeigte mir, daß ich immerhin in die richtige Richtung lief: Hier weiter, und ich wäre in zwanzig Minuten zu Hause. Aber wo ich mich befand, konnte mir der Wegweiser auch nicht sagen. Ich mußte einen mir bis dahin verborgen gebliebenen Weg entdeckt haben. Toll!
Und dann, ebenso plötzlich wie die Verwirrung eingesetzt hatte, trat Wiedererkennen ein, und sofort war alles klar. Zwar fielen die Flocken nach wie vor, betrug die Sichtweite immer noch kaum zwei Meter, aber eine Wegbiegung rechts wurde plötzlich wieder diese Wegbiegung, und eine Hecke links wurde die Hecke, etwas, das im Grund aller Wahrnehmung so fest verankert ist, daß man es erst bemerkt, wenn es fehlt; und wie wenn man in einem Vexierbild endlich das verborgene zweite Bild erkennen kann, so völlig klar, daß man sich wundert, wie man es bisher nicht hat sehen können, verschwand die unbekannte Landschaft vor meinen Augen und wurde augenblicklich durch die vertrauten Umrisse meiner Laufrunde ersetzt: durch die Interpretation dieser Umrisse, denn zu erkennen war immer noch kaum etwas. Da ich aber wieder wußte, wo ich war und was ich erwarten durfte, fügte sich, was sichtbar war, in den von meiner Erfahrung wieder bereitgestellten Rahmen. Insofern findet vielleicht jedes Verirren nicht in der Topographie statt, sondern im Kopf.

Hirxberg

Die Vögel sind weg. Im Wald noch ein einziger Zaunkönig; sonst nur trockenes Rascheln im Laub, was willst du noch hier, so raschelt es, die Vorstellung ist zu Ende, der Sommer ist vorbei, es gibt nichts mehr zu sehen.
Über Bachgründen von Libellenflügeln zuckende Luft, in Cellophan verpackter Flug.
***
Mengen an Ferne, am Horizont die Hügel der anderen Grabenseite, wie eine Karawane ziehen sie vorbei. Nach Süden und Südwesten hängt über der Ebene ein brauner Streifen, ganz schmal, nach oben scharf begrenzt, nach unten ins Transparente sich auflösend, als schwömme eine Schmutzschicht auf Wasser. Der Dunst erstreckt sich im Rund bis Westen und Nordwesten, bis er sich ganz nach Norden zu in einer letzten Rauchschleife verliert.
***
Neben dem Weg, unter Zelten aus Ahorn und Linde, saugt sich ein keuchender Bach ins Grün, und da geschieht es wie im Traum, daß über einen Wiesengrund, der Mähdesüß und Riesenspringkraut feilbietet wie ein fahrender Händler, der Fuß in etwas Feuchtes tritt. Nachgebender Grund, klebrige Haut des Weges, wo er sich schlammig krümmt, wie in einer Armbeuge die erschauernde Kühle von Schweiß. Unerfrischend, eingedicktes Salz, saures Frösteln im Haar.
***
Gespiegelt findet der Läufer seine hohlen Wangen im trockenen Bast. Blindheit kommt über die Astlöcher, wo hinter den Masken jeder Atem stoppt. Eine Birke steht vollkommen vertrocknet. Knochen und Zähne, zum mächtigen Zauber geordnet. Fell mit der Blutseite nach außen.

In den Wäldern liegen jetzt, am Ende ihrer Schleifspur aus niedergedrücktem Gras, flach ausgebreitet von der Schwerkraft der trockenen Erde, die rissigen Fluken gestrandeter Wale.

Man sieht noch das letzte schmerzhafte Atmen der Flanken. Die Augen sind feuchte Tümpel, der letzte Blick ist zu Sekret geronnen, Fliegen schwirren in der Tiefsee ihrer Blindheit.

Haken braucht man, Bagger und Leinen, Fahrzeuge, um zu bergen, was hier von der Flut abgelegt wurde. Ein Körper, schwer vom eigenen Tod, unter dem die Erde nachgibt und einsinkt.

Jenseits, ins Gebüsch hinein, verliert sich die Spur wie eine träumende Frau, und der Wind eilt fort, der Flut nach, die weit draußen vor den Säumen des Waldes Spiegelzeichen gibt.

Hirxberg am Ellerntubel

Ein einzelner Hausrotschwanz auf der Bühne des trüb verhangenen Morgens, als wäre er mir von zu Hause nach Hirxberg gefolgt. Im beginnenden Tagesschweiß den Kaffee schlürfen, während Tauben den Hausrotschwanz kommentieren, der nicht begreift, daß über ihn gesprochen wird. Grauer Himmel, wie ein Deckel über der Wärme. Seit die Fichte gefällt ist, sieht man vom Fenster in der Höhe über den Giebeln den Wald. Die Bäume streben den Hügel hinauf, als wollten sie Erfrischung in der Höhe finden.
Der Verlust der Fichte bekümmert mich. Tags hat sie dem Zimmer Schatten gespendet, Nachts das Mondlicht auf ihren weichen Nadeln gelegen. Eine Karte für Träume, so hat sich immer sich der Bau der Zweige ins Halblicht zwischen Fahrradschuppen und Straßenlaterne gezeichnet. Wenn Wind ging, wurde die Karte lebendig, entstiegen ihr Bewohner, rauschten, von den Hügeln herabgestiegen und bis in den Garten vorgedrungen, ganze Wälder auf. Wenn man jetzt den Grund vorm Haus betrachtet, scheinen die Spuren solchen Besuchs noch immer sichtbar. Wurzelwerk läuft auf den Stumpf zu, der Grund ist gebuckelt, ein Stein verrückt, die Grasnarbe bedeckt tiefer eingeprägte Zeichen.
Man sieht jetzt direkt in die Höfe und Garageneinfahrten gegenüber, man sieht die Häuserfronten, man sieht die Fenster, man sieht Zimmerpflanzen auf den Simsen, man sieht die Fußabtreter vor den Türen. Es hat etwas Schamloses, Zur-Schau-Gestelltes.
Ich denke an alle meine Lieblingsbäume. An die Schwarzkiefern auf dem Rasenstück vor dem Gebäude, in dem ich mein Geld verdiene. An die drei Kiefern in einem von mir seit je beschten Wald, die halb auf dem Weg wachsen, so daß der einen kleinen Schlenker darum herum machen muß. An die Kastanienallee in meiner Heimatstadt. Ich denke an die Bäume, die bereits gefällt sind, an die eine von zwei Linden vor dem Supermarktparkplatz, das einzige Grün in einer höllenhaft-steinernen Straße, die Tage der zweiten Linde sind sicher schon gezählt. Und zwanzig Meter weiter hat eine mächtige Kastanie einst Schatten gespendet; unter ihrem Laubdacht schien sogar der Autolärm sanfter zu klingen. Die zwei Pappeln am Bahnhof, in deren lebendigem Schatten im Sommer die Wartezeit erträglicher war. Mit Ingrimm freut mich, daß die Stümpfe auch nach Jahren noch ausschlagen.
Dr Wald ist wie ein unerschöpfliches Reservoir. Als brauchte man, wenn wieder mal irgendwo ein Baum fehlt, sich einfach nur einen neuen holen. Mich freut der Überfluß in Wäldern, und daß man ständig den Blick wechseln, einzelne Bäume herausgreifen, ja, ihnen Namen geben, oder aber das Ganze als ungeteilte Menge betrachten kann, in der Namen und Erinnerung sinnlos werden. Individuen treten heraus und sinken wieder zurück. Kronen zeigen ihre unwiederholbare Form wie Gesichter von Menschen, und in der Versammlung treten alle diese Stämme, Zweige, all das Laub zu einer großen Einheit zusammen, bilden eine Baumheit, in der der Baum verschwindet, so wie Menschen in der Menschheit verschwinden.
Um diese Zeit trifft man niemanden in dieser Gegend des Waldes. Anfang Juli, das Licht wie gebleichter Knochen, Wolken filtern den Himmel. Von den Vögeln bleibt nur der Zaunkönig und schwarzes Rascheln im Unterholz. Die Wege verschwinden morgens unter Sauerampfer und Brennesseln, tauchen abends im Tal wieder auf. Die Bäche sind verstummt, man blickt in die Täler wie ins Innere abgespannter Trommeln.
Später als gedacht schlägt die Turmuhr im Ort. Die Schläge folgen einander mühsam, jeder nächste leiser als der vorhergehende, scheinen abbrechen, aufgeben zu wollen, bevor die Stunden durchgezählt sind. Kapitulieren vor der Unzählbarkeit der Zeit.

Mitnotiert, 4.7.2018

Um halb sechs Uhr früh bin ich schon unterwegs. Es ist die kühlste Zeit des Tages, aber der Wald hält die Wärme, die unten im Ort zu Tau zerfallen ist, in Büschen fest, unter Laub, entläßt Ströme aus den Poren verfilzter Dickichte. Ich stolpere vor Müdigkeit, wie ich sie im Winter, bei schwarzem Frost, nie empfinde. Keuchende Holzstöße, abplatzende Borke, dicklich eingekochte Tümpel, die Mücken dünngerieben wie Staub. Einer nach dem andern verstummen schon die Vögel. Jede Stimme ist fern, als reichten die Kräfte nicht für die Nähe. Dafür kommen jetzt die anderen, die Zweibeiner, die Bunthemden, Sonnenbrillenträger und Stöckeschwinger vermehrt aus ihren Höhlen gekrochen. Es ist so warm, als hätte die Sonne nachts den Grund von seiner unteren Seite durcherwärmt. Lockeres Gewölk schwimmt kompakteren Schichten der Luft auf, während am Horizont bläulichgraue Kissen über der Kölner Bucht hängen, daß die samtig aufgerauhten Unterseiten, die Strommasten verschluckend, über die Felder schleifen. Nach Süden spannen sich Schlieren über den Himmelsausschnitt zwischen Siebengebirge und Villenabhang. Zwischen den porösen, schaumblasenartigen Rändern der Wolken preßt sich der Himmel besonders glühend hindurch. Die Sonnen verfangen sich in Spinnfäden, Brombeerdornen scheinen die dicke Luft zu zerkratzen, wie Späher hängen die unreifen Früchte überm Weg. Spalten von Grün öffnen sich, der Staub hat Fieber, wie leicht wäre es, hier zu verschwinden, verschluckt von einem fremdheißen Durst. Geduckt unter einen Haselnußbaum steht ein Widder, als wollte er sein gewundenes Horn, das ihm wie ein orthopädisches Korrekturinstrument auf dem Schädel sitzt, vor mir verbergen. Ein Schatten segelt über den Asphalt, eine Pflaume rollt in den Graben, die Luft belaubt sich und knistert, es ist einer von den Sommermorgen, da das Jahr vergißt, daß es noch andere Zeiten hat.

Mitnotiert 19.6.2018

Das große Springkraut und das Klebkraut machen sich Kreuze im Kalender. Asseln bevölkern das Gedächtnis der Steine.

Ins Licht gerollt wie Zirkustrommeln: Schnitte, Stümpfe, Stämme, blanke Flächen. Die Sonne sieht mich, wie ich über die Lichtung strebe. In Tiegeln hört man das Harz kochen.

Fahle Dochte ohne Wachs, fern von ihrer Flamme. Heimliches Glühen im Sumpf, schwarz gehandelte Ware. Trunkener Rost von Ameisen. Spiegel klemmen sich zwischen die Fingerspitzen. Der Wald nagt an den Wegen wie an wieder ausgegrabenen Knochen.

Zwei Autos, die gleich verdurstenden Tieren über den Waldweg holpern. In den Windschutzscheiben heben die Spiegelungen verzweifelte Hände empor. Ein verendetes Fahrzeug hängt über einem Graben. Erste Fliegen senken ihren Rüssel in den noch warmen Lack.

Eingetieft in das Siegelwachs der morgendlich weichen Schatten ruht in sich das Muster des Buchfinken. Hell und dunkel, federwechselnd, das weise ende einer langen Geschichte, ist er mir immer schon begegnet. Sein Blick, mit dem er mich erspäht hat, pflanzt sich durch alle Erinnerung fort und heftet die Begegnung fest im Strom der Zeit.

Wenn am Tümpel mein Schatten ins Naß fällt und sich zum Schlaf der Libellen legt, bin ich der eilende Zeiger einer Sonnenuhr, der dem Morgen davonflieht und keine Stunde mitnimmt, den Wald nicht leichter macht um auch nur einen Augenblick.

Ein Lauf durch die Morgenfrühe nach nächtlichem Starkregen. Im Licht der Straßenlaterne sieht es aus, als wäre Schnee gefallen, so dicht ist der parkende Wagen der Nachbarin von Blütenblättern bedeckt. In der Wohnung die muffige Luft von gestern, draußen riecht der Morgen nach Marzipan und Zimt. Blau aufschießende Luft, die Uhren schlafen, in Gräben dämmert es naß. Himmelsdome lassen Türme fallen, in der aufziehenden Dämmerung lösen sich die Wolken aus dem Gerüst der Dunkelheit und stürzen hinab zu den Lichtern der Ebene. Eingebettet in die Masse der noch trägen Luft, wie Kerne in süßschwarzem Fruchtfleisch, die Rufe der Vögel.

Das Licht nur eine Ahnung, eine Schwebung in der Luft, ein Sog am Horizont hinter den in sich versunkenen Häuserzeilen. Die wenigen Fahrzeuge im Ort haben die Zielstrebigkeit von Boten, die schon mehr wissen.

Leuchtstreifen, die das Bewußtsein der Nacht durchkreuzen. Lebendiger Lack auf den stillen Kühlerhauben. Tulpen, deren Farbe Gedächtnisse sind, im innersten ruhend. Bögen von Baumwipfeln, als steindunkle Masse gegen den Himmel geschweift. Das Paradoxe dieser hellwachen Dunkelheit, in der nichts schläft, in der ich, meine Schritte, mein Leib, mein mühsam konstruiertes Bewußtsein, das schwächste, das unaufmerksamste Element bin.

Nichts an dieser Nachtwelt ist mühsam, nur ich bin es. Ein Wesen, das sich auflehnen muß, um überhaupt existieren zu können. Andauernder Gegenwind, Sog des Nichtseins, Hintergrund endgültigen Schlafes. Jeder Atemzug buchstäbliches Arbeiten gegen die Auslöschung. Und wie das Herz dagegen anpocht, nicht nicht zu sein. Ringsum, in den Büschen, den verschachtelten Dunkelheiten, den lauernden Wegen, den wachenden Baumstämmen ist alles gegeben und alles ohne Grund. Nur ich brauche einen Grund, hier zu sein, eine Begründung, oder vielleicht eine Entschuldigung für mein verbissenes Sein.

Plötzlich Sommer, schmachtende Pfützen, Mückendurst, auf dem Asphalt stehen die Falter in Flammen. Straff wie ein Segel der Himmel, die Sonne eine Walze, die das Feld plattdrückt. Schnapsidee, bei so einem Wetter laufen zu gehen, der halbe Liter Wasser, den ich dabeihabe, verdunstet mir gleich wieder über die gerötete Haut. Schatten sind kurz und kostbar, der Waldrand geizt mit ihnen.

Erde und Wind, verschüttetes Wasser und die fettlöslichen Farben der Rapspflanzen. Staub hängt sich ans Heck eines Traktors, Geruch aus der Kindheit, das Trockene von Ackergift, erstickend und bitter; jetzt löst es melancholische Heimatgefühle aus. Noch mehr Kindheit: Endlich fällt mir ein, woran mich der süßliche Duft des Rapses erinnert. Es sind die Wachsmalkreiden der Kinderzeit. Ein Geruch, der Schminke und Lippenstift benachbart ist. Letzteren deute ich immer als Mundgeruch. Zum Glück war ich nie in Versuchung, einen Lippenstiftmund zu küssen.

Einjähriges Silberblatt, Buschwindröschen, Scharbockskraut, Lerchensporn, Wiesenschaumkraut. Flieder. Kurz vorm Blühen: die Knoblauchsrauke. Vom Bergahorn fallen schon die Blüten ab.

Nach Hause kommen, im schwarzen Hausflur schwitzt das Auge minutenlang Farbe aus. Dicht gedrängt vorm Glas die Lamellen des Fensterladens. In der kühlsten Ecke liegen die Schuhe und hecheln, hecheln. Auf Nachbars Wiese schnarcht ein Rasenmäher.

[Beethoven, Klaviersonate Nr. 16, G-Dur]

Eine Stunde gewonnen, wieder in die Dunkelheit des Jahresanfangs zurückgelangt, mit Käuzchenrufen und den Schatten von Rehen, die ihre Augen übers Feld tragen wie Schulkinder die Katzenaugen am Schulranzen. Wieder scheint mir am Übungsgelände der Polizei ein Scheinwerfer entgegen, wieder brauche ich eine Schrecksekunde um zu begreifen, daß es meine Lampe ist, die sich in einer Glasfront spiegelt. Die Nacht verzweigt sich, Gänge gehen ab ins Unterholz, wo mich das Dunkel so früh noch nicht erwartet hat, immerhin eine ganze Stunde früher als im März.

Aber man gewöhnt sich. Schon nach ein paar Tagen ist fünf Uhr wieder fünf Uhr, auch wenn es eigentlich vier Uhr ist. Wie seltsam muß das den Tieren vorkommen, wenn der ganze Werktagszirkus plötzlich eine Stunde früher losgeht.

Zirkus: Kaum sind die Feiertage vorbei, setzte umgehend eine Geschäftigkeit ein, in der Geste des Nach- und Aufholens, als hätte man irgendwas versäumt, während nicht gearbeitet wurde, tausend Laptops, Kameras, Smartphones, Sommerschuhe, Handtaschen, Autos zu wenig ausgeliefert. Das muß umgehend aufgeholt werden, vorwärtsch Marsch! – Das höre ich dann morgens um kurz nach fünf oder vier, wenn die Reifen über die benachbarte Ortsdurchfahrt brausen.

Noch hat mich das alles nicht am Wickel, aber wer weiß, wie lange das noch geht? Am Feldrand stehen und den Rehen nachsehen, bis sich ihre Schatten in Schatten aufgelöst haben und nur noch die Vorstellung ihres wachsamen Blicks mich trifft. Zeit haben, den Tag zu empfangen wie ein persönliches Geschenk, und ist das nicht so, ist nicht jeder Tag mein eigener Tag, gehört er nicht mir und niemandem sonst? Wäre es nicht so, würde jemand anders ihn leben. Aber ich lebe ihn, also ist es meiner. Wie gut es die Rehe haben, daß ihnen das niemand streitig macht. Sie gehören niemandem. Selbst wenn man sie schießt und ißt, gehören sie niemandem. Sie sind so frei wie es Menschen nie sein werden, und je mehr Zirkus sie um ihre Freiheit machen, desto weniger sind sie’s.

Lampe aus, der Weg ist wach. Aus dem Wald schlüpfen und sich an der Grabenbruchkante entlanghangeln. Unten die Ebene, in der noch die Lichter brennen, funkelnd und wachsam, als gälte es, auch noch den Schlaf zu durchleuchten. Die einzige Freiheit des Menschen ist der Schlaf. Aber auch dem rückt man von allen Seiten zu Leibe. Eine aufrührerische Frechheit ist es zumal, daß man sollte träumen können, was immer man wollte.

Und ein Schleifen dröhnt heraus, ein Schleifen und Schleifen, als wäre eine gewaltige Maschine angesprungen, um das Rad der Zukunft immer weiter zu beschleunigen.

Drei Greifvögel, einander umkreisend: Mal werden sie so schmal, daß sie in den Falten des Lichts zu verschwinden scheinen, dann tauchen sie wieder auf aus dem Blau wie Messer aus einem Tuch. Unten branden die Äcker an den Himmel, treiben eine leere Viehtränke bis zum Horizont. Dort steht sie auf einem wackligen Schatten. Vertäute Inseln liegen im Fluß, die der Strom zu Tropfen aus Jade schleift. Man muß sehr still sein und warten, dann hört man, wie Gelächter abseits der Wege leise zerplatzt, gleich einem Bonbon unter der Zunge des trägen Nachmittags. Kühl von Schatten fallen unterdessen die Küsse durchs Laub, verschwiegen wie Fledermäuse, während ein bemoostes Mäuerchen den Grund für sein Grübeln längst vergessen hat. Eine Stunde zieht die andere empor, aufs Treppchen, auf den Pavillon, zu den Balustraden des Tags, der Strom macht Pause, die Hügel sind Linien, die beim Zeichnen einschliefen, du hast Butterblumen unterm Kinn, die Viehtränke ist umgefallen, und oben, ganz oben kreisen weiter die drei Vögel, beweglich und stationär wie Bojen in starker Strömung.

Sistig

„Hier“, rufe ich laut aus, „Genau hier!“, und stoße mit dem Zeigefinger mehrmals heftig auf einen Punkt auf der Wanderkarte, „Hier, verdammt.“
Ja, hier. Hier sollte ein Weg sein, aber da ist keiner, nicht einmal ein Wegchen, da ist nur Gegend. Und wieder einmal denke ich, daß die Karte ein Idealbild zeigt, hinter dem die spröde Wirklichkeit nur allzu oft in recht enttäuschender Weise zurückbleibt. Ein paar Zäune, die sich über eine Wiese ziehen; rechts ein Bachbett, da folgt die Wirklichkeit tatsächlich der Karte; etwas weiter weg Gestrüpp. Baumgruppen auf einem Hügel. Und jede Menge jener Weglosigkeit, für die es keine rechte Bezeichnung gibt, so eine Mischung aus Welk und Wüst, aus Dorn und Dickicht, Stein, Keim und Schlamm. Auch nicht das zugewachsene Überbleibsel eines seit Jahren nicht mehr benutzten Pfades ist zu sehen. Wenn es hier (hier!) mal so etwas wie einen Weg gegeben hat, dann muß das nicht Jahre, dann muß das Jahrzehnte her sein, nicht einmal die sonst für Wegmündungen typische Einbuchtung zeigt sich am Straßenrand. Gegenüber, richtig, da ist was, da führt ein Weg an einem Gehölzrand hoch, und laut Karte müßte dessen Verlängerung geradewegs … Ja, genau. Aber da ist nichts.
Ich sehe mich um. Oben auf dem Hügelkamm, den ich gerade herabkomme, kann ich die beiden Wanderinnen ausmachen, die ich vor einer halben Stunde an einem Parkplatz überholt habe. Wenn ich der Landstraße weiter folge, komme ich in den nächsten Ort, einen Weiler namens Sistig. Das wäre ein Umweg, und ich müßte durch den Ort laufen, was eigentlich immer unerfreulich ist, nicht nur bei Ortschaften, die Sistig heißen. Wenn ich zurückgehe bis zur letzten Kreuzung und dann einen Parallelweg nehme, latsche ich auf ausgetretenen Pfaden. Und dann mag ich heute niemandem begegnen und mich auf keinen Fall von den beiden überholten Frauen überholen lassen. Außerdem ist Umkehren Mist. Ganz großer Mist ist Umkehren. Nicht einmal die Wanderfreundin L., für die kein Plan der Welt unumstößliche Geltung hat, die ein wahrer Meister ist im Um-, Neu- und Andersplanen, – nicht einmal diese sonst so adaptive L. (das Wort flexibel ist geradezu für sie erfunden worden) geht ohne Not denselben Weg wieder zurück. Bei mir kommt zu diesem Unwillen, den ich vollends mit L. teile, noch hinzu, und hier unterscheiden wir uns diametral, daß ich gegen alles, was nicht nach dem einmal ausgeklügelten Plan läuft, eine vehemente Abneigung hege, wozu sich auch noch eine gewisse Halsstarrigkeit gesellt. In meinen Augen haben Landschaftsmerkmale wie Gehölze, Hecken, Wiesen, Felsen und eben auch Wege gefälligst ewig zu sein. Oder sich wenigstens an die Vorgaben der Karte zu halten. Wo kämen wir denn da hin, wenn die Landschaft einfach machte, was sie wollte? Wozu gibt’s Landschaftsämter? Ich werde stinksauer, wenn sich da was ändert im Gelände, wenn Bäume gefällt, Wiesen aufgeforstet, Hänge abgetragen, Ruderalflächen verbaut, Bäche gestaut oder umgeleitet, Seen trockengelegt werden. Oder eben Wege verschwinden. Und an diesem Tag ist das Maß ohnehin voll, denn das ist nun schon das dritte Mal, daß sich ein auf der Karte ausgewiesener Weg als veritable Wildnis entpuppt.
Das ist mir dann jedes mal, als würde mir der feste Grund unter den Wanderstiefeln weggezogen. Und in gewisser Weise stimmt das ja auch.
Die beiden Wanderinnen streben langsam den Hügel hinunter. In der Nähe jault eine Motorsäge. Über mir verlacht mich ein Eichelhäher.
Und da stehe ich nun mit meiner Säuernis. Umkehren kommt gar nicht in Frage. Ich knirsche mit den Zähnen, mache mit der Faust eine Geste des Unwillens – und sehe mich im nächsten Moment fluchend und gestikulierend einen uralten Zaun entlang mitten durchs Gelände stapfen, geradewegs hinein in Wüst und Welk. Und vor allem in Dickicht und Dorn.
Das wollen wir doch mal sehen!
Was wir sehen, zehn Minuten später, ist indes: Hier geht es nicht weiter. Denn zu dem ersten Zaun hat sich ein zweiter gesellt, und der läuft nicht längs, der läuft quer und versperrt mir den Weg. Ich klettere fluchend über den Stacheldraht und frage mich, was wohl andere Wanderkarten für diese Stelle ausweisen.
Bei späterer Befragung der einen oder anderen Karte jüngeren Datums ergibt sich: Auf allen ist der Weg, wie er in einem sanften Bogen immer etwa fünfzig Meter Abstand zum Bach haltend nach Norden zur nächsten Straße führt, als „unbefestigter Pfad“ eingezeichnet, und auch das Internet bestätigt seine Existenz – wenn auch die Satellitenaufnahmen keinen guten Wegzustand erkennen lassen. Bei gedruckten Karten könnte man zwar vermuten, daß jede neue Auflage die Geoinformationen aus der Vorgänger-Ausgabe übernimmt, da eine gründliche Neuvermessung viel zu teuer wäre. So kommt es auch, daß eine unweit von hier gelegene mehrere Hektar große waldfreie Fläche noch in Karten neueren Erscheinungsdatums als bewaldet dargestellt wird. Dabei läßt der Zustand der verbliebenen Stümpfe sowie die Höhe der nachgewachsenen Vegetation erkennen, daß der Einschlag viele Jahre her sein muß. Aber wie eine Internetkarte, die ihre Pflege fleißigen Nutzern und Geländegängern verdankt, mithin kaum mehr als Tage oder Monate, auf keinen Fall Jahrzehnte hinter der Aktualität zurückbleiben dürfte, hier noch einen Weg ausweisen kann, das ist mir ein Rätsel.
Während ich vor dichtem Schlehengestrüpp haltmache, umkehre, über zwei weitere Zäune klettere, bis zum Knöchel im Sumpf versinke, unter einem dritten Stacheldraht durchkrieche, begleitet mich der ungute Verdacht, daß vielleicht keine zwanzig Meter neben dieser vermatschten, versumpften, dornigen, zugewachsenen Weglosigkeit ein hübscher freundlicher Pfad entlangführt, den zu entdecken ich nur zu dämlich gewesen bin. Und mich verfolgt der Gedanke an den wütenden Bauern, dem ich gleich begegnen werde, und der mich anherrschen wird, was ich hier zu suchen habe. Den Weg, werde ich ungerührt erwidern, nehme ich mir vor, und ihm meine Karte unter die Kartoffelnase halten. Hier! Hier!!
Aber da ist gottlob kein Bauer. Nur Schlehen, Weiden und Brombeeren. Spuren von Rindviechern im Schlamm, das größte Rindvieh bist du selber, denke ich mir und gleite gleich noch einmal auf dem schlüpfrigen Grund aus. Einmal kracht es hinter mir von brechenden Zeigen und galoppierenden Hufen. Zu sehen ist nichts. Kein Rind, kein Reh. Nur Gebüsch, Gesträuch, Gestrüpp, das mit jedem weiteren Schritt mehr zusammenzurücken scheint. Ein gelbes Brombeerblatt streckt mir die kreiselnde Zunge raus. Ein Erdloch glotzt mich böse an. Ein Dorn zeigt auf mich, als würde er zielen. Und die ganze Zeit über das nervtötende Kreischen der Motorsäge.
Rüber zum Bach, rein in den Sumpf, wieder ein Stück trockenen Grund erreichen, vors Gebüsch, hinters Gebüsch, durchs Gebüsch hindurch, und einmal noch einen Stacheldraht überwinden, dann sehe ich voraus tatsächlich ein Stückchen Asphalt. Darauf schieben drei alte Herrschaften gemeinsam einen Rollator den Berg hinauf. Wo ein Rollator, da ein Weg, denkt man sich. Die Säge jault und jault, auf der Nachbarweide grasen Pferde, im letzten Moment wäre ich noch fast an einem fußangelartig ausgelegten Stück Draht hängengeblieben, gerade rechtzeitig hebe ich den Stiefel, stapfe mit Riesenschritten die letzten paar Meter und ziehe mich auf den Weg wie ein Schiffbrüchiger ans rettende Ufer. Die Herrschaften sehen argwöhnisch zu mir rüber, wo der wohl seinen Rollator gelassen hat, dann starten sie ihren eigenen neu und setzen ihren Weg fort. Ich sehe mich um: Vor mir ein Wegansatz, ein Wegstumpf aus Asphalt, der aussieht, als stochere jemand mit einem abgebrochenen Blindenstock im Feld. Vielleicht, ja vielleicht ist hier mal ein Durchkommen gewesen. Aber jetzt nicht mehr. Schon lange nicht mehr. So lange nicht mehr, daß es unbegreiflich ist, wie so etwas noch auf irgendeiner Karte, die jünger ist als ein Vierteljahrhundert, verzeichnet sein kann. Diese Karte ist eine einzige dreiste Behauptung. Ich packe das nutzlose Ding weg und stopfe mir ein Stück Schokolade in den Mund.
Dann trete ich mir seufzend die Erdklumpen von den Stiefeln, zupfe mir die Dornen aus der Jacke, rücke meine Mütze gerade, und nachdem ich dem Rollator noch mal zugewinkt habe, gehe ich meinerseits meiner Wege, entschlossen, fortan auf der Straße zu bleiben.
Immerhin mußte ich nicht nach Sistig rein.

Mitnotiert (26.3.2018, Heimerzheim–Brenig): einen Augenwinkel voll Huflattich; zwei Bachstelzen, so geschwind und unter den Augen wie ein Kartentrick; eine Lerche zieht sich an einer Drachenschnur aus Schall herauf; graubraunes Moos, rostende Benzinkanister gleich gestrandeten U-Booten, das schielende Auge von Wodkaflaschen, mehrfach überschriebene Dokumente von Plastiktüten, Fruchtgummiverpackungen, Kondombriefchen; Schilf und Binsen reiben die Finger gegeneinander, wo die Bauern ihre Schnurrbärte verloren haben; eine umgestürzte Weide treibt aus und streckt leuchtende Kätzchen über den schwarzen Waldboden, als begutachte eine eitle Frau ihre manikürten Nägel; Agrarwüsten bis zum Horizont, dort die finsteren Reihen von Waldrändern, gleich herannahenden Armeen; Leitern von Licht, Dunst und Staub über der Ebene, wo die Erde Verbindung zu Wolkenstationen aufnimmt, zu einem verlorenen Halt im Himmel.