Frühreifunreif

Ein seltsames, sich selbst in Verwirrung begegnendes Unausgewogensein aus Verfrüht und Frühreif einerseits und verträumtem Spätdran, ja, schneckenhäuslichem Zurückbleiben andererseits. Das war ich. Manchmal denke ich, das ist es immer noch mit mir, mein Wesenszug, daß ich so uneins mit mir bin, und beheimatet zur selben Zeit in verschiednen Zeiten, Teenager noch, Erwachsener schon, dummer Bub und verstockter Greis in einem.

Kein Wunder, daß ich nicht aus noch ein wußte, Wurde geschlechtsreif im dreizehnten Lenz, las aber noch Kinderbücher. Wunderte mich über meine weiterhin völlig unbeflaumten Körperstellen. Selbstspiel mit 2 entdeckt, mit 20 erst kam es zum Anderspiel. Schockiert, als ich mit 14 eines Nachmittags sehen mußte, daß es sich in den Achselhöhlen der Mädchen erwachsen kräuselte (plötzlich waren es keine Altersgenossinnen mehr, und das schlimmste, meiner übern Augenblick erwachsenen Angebeteten war ich – Kind noch immer – nicht gewachsen, mußte aufgeben, ein Abgrund zwischen uns). Voller Zärtlichkeitswunsch seit 13, aber die Mädchen fremde Wesen, und nie hätte ich den Mut gehabt, eine in Öffentlichkeit zu küssen oder auch nur händchenhaltend durch die wachsamen Gänge des Schulhauses zu wandeln. Ja, noch 22jährig mit der ersten Freundin erinnere ich mich an das Schwindelgefühl, als wir am Morgen nach der ersten Nacht im Café saßen, uns gegenseitig mit den Augen am Ineinanderstürzen hinderten oder unter aller Augen küßten. Unheimlich war das. Schön zwar. Trotzdem schauten in diesen Augenblicken alle uns zu, ich spürte es so deutlich wie das Warme ihrer Lippen. Jugendlicher Widerständler und Oppositioneller, Aufbegehrer und Freiheitskämpfer, doch nie das Bedürfnis, abends mit Gleichaltrigen wegzugehen. Komponierte künstliche Sprachen. Lernte seit der achten Klasse Latein mit dem Feuereifer eines Studenten, wußte mit 14, was ich studieren wollte – aber war zu verträumt, auch nur zu denken, andere Quellen (Uni-Bibliothek) könnten mir offenstehen. Andere Jungs gingen Biertrinken und heimlich rauchen, ich spielte auf der Straße Ritter und schnitzte mir ein Holzschwert. Schwärmte jedoch im selben Alter für Musik von Händel und Pergolesi, und begann, mir Altblockflöte selbst beizubringen. Baute ein Segelschiff aus Pappe, das für Playmobilfigürchen geschaffen war und experimentierte zur selben Zeit mit ausgefallenen Masturbationstechniken. Las den „Herrn der Ringe“ neben Prinz-Eisenherz-Heftchen.

Lange war ich furchtbar verliebt in eine Klassenkameradin, die ich irgendwann einem andern Mädchen verkünden hörte, sie „fahre nur auf ältere Jungs ab“. Komisch, ich fuhr nie auf jüngere Mädchen ab. Wohin sollte das führen? Erste Freundin eigentlich mit neun, dann aber erst wieder mit Zweiundzwanzig. Doktorspiele weitestgehend übersprungen, bis auf einen kribbelnd gemeinsamen Klogang. Küssen geübt mit meinem Bruder.

Zerrissenheit will mir als Wort dafür einfallen. Doch vermutlich ist es immer und bei jedem so. Ist es ein Zeichen des Erwachsenwerdens, daß die Dinge plötzlich nicht mehr zueinander passen wollen. Nur: Es scheint sich seitdem so verflixt wenig daran geändert zu haben.

unbotmäßig

maßlos messen
anmaßen, was mir angemessen
erscheint ohne maß abmessen.
zumessen, was vermessen ist
in den augen der maßvollen und
mittelmäßigen
zufriedenheitsmaß bemißt das unmäßige
aufs maßvolle zurückgeschippelt
ists mäßig und rechtens und
was man erwarten darf ohne
saumäßig zu sein
wegemaß und hohlmaß und längenmaß
und allenthalben wird gemessen, beckmesserisch.
ohnmaß macht ohnmächtig
vermaß mich und irrte dabei
durchmaß maßvoll raummaße
zu mäßige meßgröße, allzu kleinmutmäßig
da angst vor zugroßmaßvermessung
selbstmaß und andermaß, zweierleimaß und
einheitsmaß und dabei immer
ein vollmaß sehnsucht nach
unbotmaß

eis überm …

Eis überm
Herd Fenster voll
Wind und du sagst
„wieder“
ein Irrtum denn Zeit
läßt sich nicht pressen in Formen
im Wasserglas wird die Stille
schal
ungeachtet des
Tickens im Staub
unter den Beinchen einer Spinne
häuft es sich Heimlich an
Ticktack
Zufällig am Ort winterlang
Pilgerinnen drüsiger Wände
Emsig streifen Motorräder
halbe Tage strecken die Hand aus nach dir
entkleideter Nächte
weißt du nicht wohin
den Stunden ist
vieles peinlich
im See
spiegelt sich etwas das andernorts andrerzeit
oder
andernherzens ein geliebtes
Antlitz war hätte werden sein wollen können
zu Grund
schnabelvoll Geschrei als obs
so sein müßte darüber wobei
Zeit
sich absetzt auf Gießkannen, leer von Grün
letztjährig verjährte Fingerspitzen
krabbeln eine Kälte entlang so lange
ist Frühling nicht wie es noch –
„ein Irrtum“ denkst du obwohl
manchmal alles so sicher schien

21. An Claudia

Und noch ein Tag Sommer: Riesige Menschenschatten wandeln über die Plätze, das Laub der Bäume ist still, die Flächen des Betons strecken sich. Die Scheiben des Uni-Centers blinzeln in die Sonne. Irgendwo ist noch eine Pfütze vom letzten, schon vergessenen Regenguß liegengeblieben und spiegelt einen Himmel voll Laub wider. Der eigene Schatten fällt überlang aus dem Schatten des Ahorns. Die Insekten sind träge von der Nachtkühle. Mit ihren krummen Bahnen spannen sie Räume unters Gezweig. Es ist überall Licht, teils versteckt, teils offen leuchtend, teils gerade, teils verwinkelt, hier in Stücken und Flecken, dort herrlich über eine Straße hingegossen, Licht, das sich die Schatten zurückerobert, und so eines, das wir gestern abend noch für unmöglich erklärt hätten.

Gestern sind wir hier noch gegangen, Liebe, ja, gestern wars. Wir sprachen. Wir lachten. Du berührtest mich am Arm. Wir gingen. Wir blieben stehen. Du so entspannt und ganz du und voller ausgelassener Gelassenheit und Freude an allem. Ich ganz Aufschub, Hinhalt, Verzögern. Dich noch länger, noch eine weitere Minute, sehen und beimirhaben. Nur noch eine Minute, ehe du dich, schon weiter, schon abgewendet, verabschiedest, schon verabschiedet hast von mir und dich aus mir löst und fort bist für ichweißnichtwielang. Nur noch diesen Augenblick. Und dann noch einen und noch einen.

6. Aphroditeopfer

„Aphrodite ein Opfer darbringen“ – auf einem hohen silbernen Altare
inmitten des schwärzlichen Staubs der Straßen, zitternd wogend wabernd von
nichtsahnendem Lärm
ein Opfer, sei sie gnädig, nach deren Frucht und Gabe wir dursten alle Tage, und lange schon
brennt uns das Haupt, die Glieder sind stumm, der Atem geht uns müde aus dem Körper
kein Himmel mag sich mehr
in unseren Augen spiegeln.
Ach! Kämest du, kämst du herab, oder entstiegest du doch noch einmal
noch einmal!
der See, und rührtest uns
unseren traurigen, dem Vergessen anheimgefallenen
Scheitel!
Aber wo willst du uns finden, wenn die Opfer stumpf werden unter den
harten Felsen so großer Schönheit – nennen wir’s so –
unter den Schreien des Entzückens, unter dem Stöhnen der
jubelnden Verzweiflung, der Verzweiflung die
aus den leeren Händen der Tänzer bricht, der Verzweiflung der
Ruhlosverzückten der Suchendbegeisterten, unter dem Angstblick der Verzweiflung
des Morgens und der vollen Aktenkoffer und
sanktionierten Träume – gehet hin in Frieden, ich laß euch diesen
Traum und diesen noch, wenn ihr brav seid –
Und wo willst du uns begegnen, wenn unser Blick vor Pflasterscheinen blind ist
und wie Spiegel das Licht unserer Augen, denen wir
begegnen und sonst niemandem?
Wo?
Könnten wir dich bemerken, wenn du unser Opfer erhörtest?
Sähen wir dich denn?
Wollen wir’s, oder haben
wir genug damit, daß wir die See bändigten, deren Gefahren uns
nicht mehr am Leben erhalten, lange nicht mehr,
genug auch damit, daß wir den Mondschein aus unseren Fenstern verbannt haben
daß er uns nicht länger beirre, anrenne, verfluche, beschwöre, uns
riefe, hinaus hinaus hinaus zu ihm
uns in lebendige, wirkliche, zerstörerische, gleißende, Jubelnde
Verwirrung zu stürzen, zu senken, zu taufen? Zufrieden?
Ja wir sinds, wir Zufriedenen, Glücklosglücklichen
Heiligen ohne Seele, Seeligen ohne Heil, Traurigen ohne Schmerz
Singenden ohne Musik Stimme Klang, wir sind – ein Schatten, den einst
wir uns erdachten, pflegeleicht.
Ja, wo erscheinest du? Nicht in der See, von der uns abwendeten
(denn sie vermag uns nicht mehr zu töten),
Nicht in der mondübergossenen Heide, unter dem betörenden Wacholder nicht,
und nicht unter der Last des Mittags, nicht würdest du
mehr angelockt vom Hauch der Sonne auf unserer Haut
geruchlos sind wir und sauber, kein Odem mehr stiege von unseren
begehrenden Körpern auf zum Himmel, da die Götter wohnen und du
unter ihnen
und nicht störtest du unseren Schlaf,
den wir ohne Träume schlafen, sicher und
verschlossen hinter den Fensterläden.
Nein wir
können dir noch manches Opfer bringen, und die Altäre
mögen silberner noch werden
und der Himmel nicht hoch genug ihrem Glanz
Du erhörst uns nicht mehr
nicht
hier und nicht
in den Tagen des Übermüdetseins
nicht in den Tagen
des verbotenen Irrseins
nicht in den Tagen
des angepflanzten Schmerzes, der in erträglichen Dosen
verabreicht wird, nicht in den Tagen
der Erforschung unserer Herzen
nicht heute
nein
heute nicht.

4

… daß ich einen Blick getan habe in ein fremdes Inneres; und den Sog eines fremden Lebenliebenleidens an mir gespürt habe, als wäre es mein eigenes … so nah. Und doch: je tiefer ich eindringe, desto fremder, ja entrückter wird sie mir. Wird mir dies Lieben und Leiden; so fremd, daß ich glauben muß, selbst nicht so tief und hingabevoll leiden-und-lieben zu können. Es ist nicht so, daß ich mich erkenne, denn wie könnte ich? Es ist, wie wenn man etwas schaut, das heilig ist und deshalb verborgen, und das zu schauen nur dem besonderen Augenblick vorbehalten ist; und das zu schauen wohl nicht verboten, nicht versagt ist, aber auch nicht folgenlos bleiben kann. Die Welt wird nicht mehr so sein wie vorher. Wie ein Blinder, der plötzlich sieht und am Sehen schuldigheilig werden kann. Und so bin ich berührt, ja durchwallt und durchwühlt. Die Stimme dieser Frau spricht in mir fort. Nein, sie spricht nicht, aber ich weiß immer um sie. Sie hat etwas in mich gelegt, und indem sie dies tat, etwas bewegt und umgestoßen. So daß etwas neu ist in mir, … oder neuentdeckt?

Das Gefühl ist weiterhin und nach einem Wochenende lang Glühen und Denken und Schwelgen und Rätseln so fremd, daß die Worte nicht heranreichen; was ich auch denke, es kreist nur darum herum, ohne sein Wesen zu treffen. Alle Vergleiche gehen fehl. Es ist als ob ich verliebt wäre in das bunte Herz … nein. Es ist wie etwas Verbotenes geschaut zu haben … nein. Es ist die Fassungslosigkeit vor so viel Tiefe und so viel schön gesungenem Wort … nein.

Es ist von allem etwas, und nichts ganz.

Manchmal auch stelle ich mir vor, daß diese Schilderungen, daß die Geschichte hinter den wildtraurigen Gesängen gar nicht wahr ist. Vielleicht handelt es sich nur um eine Erfindung, wenngleich eine wunderbare? Wäre das eine Enttäuschung?

Dann wieder will ich diesen Gedanken gar nicht denken. Es soll echt sein. Es soll diese Geschichte, diese Gefühle, diese Trauerwildheit geben.

Als Beweis für die Möglichkeit einer solchen Geschichte?

Ja, ich fühle mich auch ausgeschlossen; nicht von dieser Geschichte, aber von den Geschichten überhaupt, die mir mit einemmal unwählbar vorkommen. Unbeginnbar. Unwollbar. Sie geschehen, aber nicht, weil jemand will, und sie geschehen anderen, nicht mir. Die Stimmen eines Festes am anderen Ufer, dahinfließender Feuerschein im Spiegel des Flusses, Gesang und Gitarrenklänge, die herüberzittern und auf den Wassern treiben, und dies warme, menschenbeherzte Ufer mit dem Gesang und den Stimmen und der Liebe, die dort vielleicht zwischen zwei Menschen beginnt, dies Ufer ist unerreichbar weit. Und das Wasser zu meinen Füßen kalt, und das Schilfgras totendunkel. Hinter mir ist nichts und nicht einmal Schlaf und Traum, und hellwach muß ich hinüberblicken und hinüberlauschen, und starr und aller Brücken entbehrend. Die Frage ist, ob wir unsere eigene Geschichte wählen. Vielleicht nicht. Aber vielleicht ermöglichen? War das nicht schon immer die Frage und das quälende Rätsel? Nichts hat sich geändert. Vielleicht schaue ich einfach nicht mehr hinüber. Vielleicht ziehe ich die Vorhänge zu und drücke mir ein Kopfkissen auf die Ohren und warte, bis das Lichtchen zwischen den Föhrenstämmen verglommen ist und die Stimmen unhörbar weit sind. Manchmal ist der Wind in den Wipfeln ein Trost.

Berührt. So wie der langsam verhallende Klang von Haut auf meiner Haut. So fein wie das Spiegelbild, das ein Blick auf meine Augen legte. Berührt von Worten, die ja gar nicht an mich gerichtet waren, wandele ich, reise ich, bin ich unter Menschengelächter und Menschenwärme. Ich höre und sehe es wohl; doch in mir erklingt eine andere Stimme, und hinter meiner Stirn schaut mich eine an, die ich nicht kenne. Sind wir nicht stundenlang in einem Café gesessen und haben geredet und geredet? Haben sich unsere Hände nicht berührt, miteinander einverstanden, so daß meine Haut noch von deinen Fingern singt?

Nein, du weißt nichts von mir, und hast doch dein Herz mir geöffnet. Berührt bin ich von dir. Ich bin gezeichnet und heilig befleckt. Ich habe dich gesehen, und es ist, als wärest du nackt gewesen, doch verhüllt dein Antlitz, verschlossen dein Auge. Du kennst mich nicht, und bist mir doch gefolgt, überallhin. Tagelang gab es nichts Schöneres, als über dich und dein verhülltes Antlitz und deinen verschlossenen Mund nachzudenken. Verschwendet waren die Stunden ans Menschengelächter, an Speise und Sonnengang und Buch, ja, an die Stimme der Freundin. Lieber wollte ich es dir nachtun, in ein dampfendes Bad gleiten um dort zu-lesen-und-nicht-zu-lesen.

1

Ποικιλόθρον‘, ἀθάνατ‘ Ἀφρόδιτα,
παῖ Δίος, δολόπλοκε, λίσσομαί σε
μή μ‘ ἄσαισι μήτ‘ ὀνίαισι δάμνα,
πότνια, θῦμον·

ἀλλὰ τυῖδ‘ ἔλθ‘, αἴποτα κἀτέρωτα
τᾶς ἔμας αὔδως ἀΐοισα πήλυι
ἒκλυες, πάτρος δὲ δόμον λίποισα
χρύσιον ἦλθες

ἄρμ‘ ὐποζεύξαισα· κάλοι δέ σ‘ ἆγον
ὤκεες στροῦθοι περὶ γᾶς μελαίνας
πύκνα δινεῦντες πτέρ‘ ἀπ‘ ὠράνω αἴθε-
ρας διὰ μέσσω.

αἶψα δ‘ ἐξίκοντο· τὺ δ‘, ὦ μάκαιρα,
μειδιάσαισ‘ ἀθανάτῳ προσώπῳ,
ἤρε‘, ὄττι δηὖτε πέπονθα κὤττι
δηὖτε κάλημι,
κὤττι μοι μάλιστα θέλω γένεσθαι
μαινόλᾳ θύμῳ· τίνα δηὖτε Πείθω
μαῖς ἄγην ἐς σὰν φιλότατα, τίς σ‘, ὦ
Ψάπφ‘, ἀδικήει;

καὶ γὰρ αἰ φεύγει, ταχέως διώξει,
αἰ δὲ δῶρα μὴ δέκετ‘ ἀλλὰ δώσει,
αἰ δὲ μὴ φίλει, ταχέως φιλήσει
κωὐκ ἐθέλοισα.

ἔλθε μοι καὶ νῦν, χαλεπᾶν δὲ λῦσον
ἐκ μεριμνᾶν, ὄσσα δέ μοι τελέσσαι
θῦμος ἰμέρρει, τέλεσον· σὺ δ‘ αὔτα
σύμμαχος ἔσσο.