Junger Mann …!

Einer der vermeintlichen Vorteile des Älterwerdens, auf den ich nach wie vor warte, ist die korrekte Anrede. Jetzt bin ich bald vierzig, aber nein, immer noch schallt mir ein nörgelndes „Junger Mann …!“ hinterher, wenn jemand sich erfrecht, mich zurechtweisen zu wollen. Ich hab’s so satt. „Junger Mann“, das geht einfach gar nicht. Das ist das allerletzte. Nicht nur linguistisch-pragmatisch (weil es aufgrund seiner lexikalischen Semantik unangebracht ist und sein Gebrauch daher über diese Semantik hinausweist), sondern auch, weil sich in dieser Phrase die Bereitschaft, mich maßzuregeln, spiegelt, ja schlimmer, das Empfinden der Legitimität der Maßregelung ihren sprachlichen Ausdruck findet. Ich frage mich ja, wie lange es noch dauern soll, bis die verhaßteste aller Anreden als nicht mehr adäquat empfunden wird – braucht es die Krücke und die Gesundheitsschuhe in fleischfarben? Das schlabbrige Sakko, die Hornbrille, der Irisch-Moos-Duft?
Spannend auch die Vermutungen, was an die Stelle von „Junger Mann“ treten wird. „Gnädiger Herr“ fände ich ja schon seit vielen Jahren meinem Lebensgefühl angemessen, ist aber bei der überwiegenden Mehrheit der Bevölkerung leider nicht mehr im aktiven Wortschatze zu finden.

0 Gedanken zu „Junger Mann …!

  1. schade, schade, schade, denke ich mir immer wieder und öfter, schade, dass ich nicht Linguistik auch noch studiere. Herrliche Beobachtungen, immer wieder bei dir..

  2. Etwas ähnliches fällt mir immer wieder auf: vor wenigen Jahren fühlte ich mich geehrt, wenn mich jemand spontan duzte (ich leitete daraus ab, dass ich jung aussehe, ohne daran zu denken, dass ich es ja war). Heute empfinde ich es als Affront, als Mangel an Anstand und Respekt, als Anbiederung und Vereinnahmung. Früher mochte ich die Höflichkeitsform nicht, wünschte sie abgeschafft, weil es unnötige Distanz herstellte in meinen Augen. Jetzt halte ich mir genau dadurch Antipathen vom Leib und erweise Sympathen meinen Respekt, indem ich sie sieze. Und in diesen Läden, in denen das Duzen zur corporate identity gehört, sieze ich stur weiter.
    (Ich warte und warte und warte, aber noch immer spriesst kein einziges graues Haar, das mir Autorität verliehe… Und die Coiffeuse behauptet, dass man das nicht färben könne und auch noch niemand verlangt habe. 🙁 ).

  3. Meine persönliche ansprachliche Unzumutbarkeit: Frollein, kommse mal. Ausgerufen im Ladeneingang stehend, an dem wohlgemerkt groß und breit meine Name steht.
    Dabei bin ich doch auch schon fastvierzigjährig..
    Trotzdem schmunzelne Grüße (Hornbrille+Sakko+Duft)..

  4. REPLY:
    also frollein geht doch schonmal gar nicht … ich dachte, dieses sexistische diminutiv sei längst den verdienten sauriertod gestorben …?

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