Zum Beispiel

So möchte ich es wieder haben, zum Beispiel so: ihre Arme hinter den Kopf erhoben, ihre schwere Brust gegen meine Halsgrube geschmiegt. Meinen Kopf eingetaucht in den Duftfluß der Achsel, trinkend draus mundvoll salzige Schlucke. Bauch an klebrigem Bauch, Hand auf der andern seitlich weggleitenden Brust, Beere zwischen Ringfinger, Mittelfinger. Fußgewirr, und die Beine verknäuelt. Mein Geruch ihr Geruch ununterscheidbares Gewölk, ihr Honig aus meiner, mein Samen aus ihrer Mundhöhle steigend, verknotete Schreie und ihr Schrei mein und mein Schrei ihr Verlangen befeuernd, bis ein letzter uns vor uns selbst davonträgt; und die Decken, das wünsch ich mir auch, sollen auch später noch danach duften, so daß mans errät … Und beim Einschlafen noch einmal, das möchte ich, das stelle ich mir vor: beim Einschlafen noch einmal die Oberlippe schürzen und darauf wahrnehmen den forteilenden Duft ihres Schoßes.

So beispielsweise. Jedenfalls so ähnlich.

unbotmäßig

maßlos messen
anmaßen, was mir angemessen
erscheint ohne maß abmessen.
zumessen, was vermessen ist
in den augen der maßvollen und
mittelmäßigen
zufriedenheitsmaß bemißt das unmäßige
aufs maßvolle zurückgeschippelt
ists mäßig und rechtens und
was man erwarten darf ohne
saumäßig zu sein
wegemaß und hohlmaß und längenmaß
und allenthalben wird gemessen, beckmesserisch.
ohnmaß macht ohnmächtig
vermaß mich und irrte dabei
durchmaß maßvoll raummaße
zu mäßige meßgröße, allzu kleinmutmäßig
da angst vor zugroßmaßvermessung
selbstmaß und andermaß, zweierleimaß und
einheitsmaß und dabei immer
ein vollmaß sehnsucht nach
unbotmaß

Tagfrauenauge

In der Mensa der flüchtige Aufblick über den Tellerrand plötzlich und noch mehrfach abgefangen von Frauenfremdauge, das herzlich ist und offen; Neugier zuckt hin und her, zwischen Salat und Fisch und über das Stimmengemurmelbesteckgeklirr hinweg, schlenkert weg, blitzt zurück, schaut hierhin, während der Mund dorthin spricht, und ich denke, daß vielleicht doch noch nicht aller Tage abend ist, und daß es in diesem Fall wohl noch nicht aller Nächte Morgen heißen müßte.

Mit allen Nerven Dir lauschend, wie ein diesmal heiterer Seismograph, so fühlte ich mich, und so saßen wir, noch im Gestern halb und schon im Heutemorgen, mit all seinen Fragen und Möglichkeiten und Hoffnungen und Ängsten, saßen und aßen und musterten und sprachen, und du mir in schwarz und Blüte und Lächeln gekleidet gegenüber, sagtest Kluges und was sich warm anfühlte, während ich schlaftrunken hellwach war, und warm, und vom Winterlicht zwischen den Wolken durchsonnt bis ins Herz.

Ich greife mir das Büchlein, und die Fuchsgedanken klingen, als seien sie für uns ersonnen und geschrieben worden. Du erzählst es mir, wie du dich fühlst, Reh oder Löwin oder Häsin bist du, und wieder verstehe ich. Oder glaube es zumindest zu verstehen.

Auf der Heimfahrt dann tatsächlich ein herrlicher Regenbogen.

Sonntag, den 5.12.

Ein Tagtraum.
So stark, so außer mir, daß ich die Gewalt über die Bilder verliere, diese Bilder: Wir umarmen uns und lassen uns nicht mehr los. Ich spüre Sosiglaúkes Luftholen gegen meine Brust. Ich fühle die Maschen ihres Pullis unter meinen Fingern, und wie sich das Gestrick spannt, wenn sie Atem holt in meinem Atmen. Ihr Ohr hört an meinem Ohr hört an ihrem. Rückgrat und Schulterblätter lauschen unter meinen Händen. Der Herbduft ihres Haars umschließt Wange und Kinn mir.
Später.
Vor dem Bettsofa hockend ich, Sosiglaúke auf dem Rücken liegend, und sie nimmt mein Gesicht in die Hände, zieht mich, zieht mich und holt mich aus unendlichen Fernen her zu sich hin und saugt, plötzlich und mit einer unerwarteten Heftigkeit, die alles lange Zaudern Lügen strafen will, saugt mich in einen nicht enden wollenden, bewußtseinsausblendenden Lippenkußzungenstrudel.
Mit einer gewaltigen Willensanstrengung reiße ich mich los aus diesem Bild. Aber es kommt wieder, kommt wieder und kommt wieder, ehe Dunkelheit und Schlaf es von mir nehmen.

Aber das macht er ja doch nicht. Statt dessen hockt er auf seinem Zimmerchen und heult und klappert mit den Zähnen, weil natürlich prompt eine Nachricht von ihr ausgeblieben ist.

Kann ers ihr verübeln? Nein.

Und jetzt?

In den Arm nehmen möchte er sie und ihr was Schönes sagen. Trotzallemwegenallem. Ihr was ins Ohr raunen, das er selbst nicht verstünde, und sie dabei wiegen und dann warten, bis sie selig eingeschlafen ist.

Seismographisch

wie schlangenhaut auf
zuckendem gestein
hören können
felsengespräche und
grundgeflüster
was gäbs da zu merken
schneckenfühler
lufthauchverzuckt
und
inhäusig weitergelauscht
auf draußen
istdawer-weristda
schalenentzweibruch
seitdem
bloßliegen mit haut
wasserdünn an winterkaltes
enggeschmiegt
tauziehen mit
glasfäden
mit dickgewebten
taubfingrighilflosigkeiten
als wollte man
kartenhaus
einfädeln
splitterziehen
mit fäustlingen
um fühlfinger

anhänglich
anhängen
an dir hängen
aber nicht
von dir ab hängen
und auch nicht
ver hängen
zu hängen
weg hängen
was noch wo
fest hängt
oder
auf hängen
(höchstens blicke
ins
fenster)
und nicht
mir oder dir
was an hängen
lieber
sich ein lächeln
um hängen
anhänglich
miteinander
rumhängen und
zusammen hängen
und solche stiften

Inwendig

freudig
zwar: aus den wolken fallen zumindest
aus manchen und wachwerden und
augenreiben
aber auch das spiegelbild
kann mich mir nicht wiederschenken
drehe ich mich ist es weg
verkehrtherum
nebenauge
unohr
mißhandundfuß und
das herz ist wohl
am rechtenfleck, wosonst
nur recht ist es nicht
wasesist
wasistes
im stich
gelassen vom eigenen
augen sind ganzstill
wie von rehen

18. Sterne

Wenn die Nacht kommt
Und die Stimmen erwachen
Wenn die Finsternis naht
ungerufen wie meist
und die Zufluchten der Stille
abhanden kommen.
Wenn der Himmel sich abwendet:
An welche Sterne hängen wir dann
das Gewicht unserer Seele?

Musik von irgendwoher, Schönheit in
ihre Schranken verwiesen. Unmöglich,
irgendetwas, Seele, Tag, Nacht, Stern, Mond,
Lied, Meer, Land, Wüste, Wald,
auszuhalten, ließen wir ihr,
ließen wir der Schönheit die Zügel gehen.

Aber die Nacht kommt auch ungerufen, und
die Sterne, die Sterne: vergessene Speise der Engel,
verworfenes Mahl, abgelegtes Singen, nachlässig erübrigt, die
Sterne tragen die Last unseres Herzens nicht.

Sagtest du nicht: Halte mich fest, begrenze mich?
Aber du sollst Nacht werden
und Himmel.

Soviele Blicke an dich angehängt. Ziert dich nicht
die Liebesfeuchte sovieler Lider?

Aber falsch: unter deinen Füßen ruht die Straße. Es ist
nicht so, wie ich dachte, und deine Hände schütteln
Liebe von den Bäumen. Greif
in mein Herz, greif durch mich hindurch, nimm mit,
was du an Toden findest, such dir den schönen Schmuck aus und
Die schillernde Einsamkeit, den Vogel, die Spur
seines Fluges im Licht des Morgens
das Gesicht in der Fensterscheibe, das Eisige
des Fingers, der
deine Wange ungefragt berührt hat.

4

… daß ich einen Blick getan habe in ein fremdes Inneres; und den Sog eines fremden Lebenliebenleidens an mir gespürt habe, als wäre es mein eigenes … so nah. Und doch: je tiefer ich eindringe, desto fremder, ja entrückter wird sie mir. Wird mir dies Lieben und Leiden; so fremd, daß ich glauben muß, selbst nicht so tief und hingabevoll leiden-und-lieben zu können. Es ist nicht so, daß ich mich erkenne, denn wie könnte ich? Es ist, wie wenn man etwas schaut, das heilig ist und deshalb verborgen, und das zu schauen nur dem besonderen Augenblick vorbehalten ist; und das zu schauen wohl nicht verboten, nicht versagt ist, aber auch nicht folgenlos bleiben kann. Die Welt wird nicht mehr so sein wie vorher. Wie ein Blinder, der plötzlich sieht und am Sehen schuldigheilig werden kann. Und so bin ich berührt, ja durchwallt und durchwühlt. Die Stimme dieser Frau spricht in mir fort. Nein, sie spricht nicht, aber ich weiß immer um sie. Sie hat etwas in mich gelegt, und indem sie dies tat, etwas bewegt und umgestoßen. So daß etwas neu ist in mir, … oder neuentdeckt?

Das Gefühl ist weiterhin und nach einem Wochenende lang Glühen und Denken und Schwelgen und Rätseln so fremd, daß die Worte nicht heranreichen; was ich auch denke, es kreist nur darum herum, ohne sein Wesen zu treffen. Alle Vergleiche gehen fehl. Es ist als ob ich verliebt wäre in das bunte Herz … nein. Es ist wie etwas Verbotenes geschaut zu haben … nein. Es ist die Fassungslosigkeit vor so viel Tiefe und so viel schön gesungenem Wort … nein.

Es ist von allem etwas, und nichts ganz.

Manchmal auch stelle ich mir vor, daß diese Schilderungen, daß die Geschichte hinter den wildtraurigen Gesängen gar nicht wahr ist. Vielleicht handelt es sich nur um eine Erfindung, wenngleich eine wunderbare? Wäre das eine Enttäuschung?

Dann wieder will ich diesen Gedanken gar nicht denken. Es soll echt sein. Es soll diese Geschichte, diese Gefühle, diese Trauerwildheit geben.

Als Beweis für die Möglichkeit einer solchen Geschichte?

Ja, ich fühle mich auch ausgeschlossen; nicht von dieser Geschichte, aber von den Geschichten überhaupt, die mir mit einemmal unwählbar vorkommen. Unbeginnbar. Unwollbar. Sie geschehen, aber nicht, weil jemand will, und sie geschehen anderen, nicht mir. Die Stimmen eines Festes am anderen Ufer, dahinfließender Feuerschein im Spiegel des Flusses, Gesang und Gitarrenklänge, die herüberzittern und auf den Wassern treiben, und dies warme, menschenbeherzte Ufer mit dem Gesang und den Stimmen und der Liebe, die dort vielleicht zwischen zwei Menschen beginnt, dies Ufer ist unerreichbar weit. Und das Wasser zu meinen Füßen kalt, und das Schilfgras totendunkel. Hinter mir ist nichts und nicht einmal Schlaf und Traum, und hellwach muß ich hinüberblicken und hinüberlauschen, und starr und aller Brücken entbehrend. Die Frage ist, ob wir unsere eigene Geschichte wählen. Vielleicht nicht. Aber vielleicht ermöglichen? War das nicht schon immer die Frage und das quälende Rätsel? Nichts hat sich geändert. Vielleicht schaue ich einfach nicht mehr hinüber. Vielleicht ziehe ich die Vorhänge zu und drücke mir ein Kopfkissen auf die Ohren und warte, bis das Lichtchen zwischen den Föhrenstämmen verglommen ist und die Stimmen unhörbar weit sind. Manchmal ist der Wind in den Wipfeln ein Trost.

Berührt. So wie der langsam verhallende Klang von Haut auf meiner Haut. So fein wie das Spiegelbild, das ein Blick auf meine Augen legte. Berührt von Worten, die ja gar nicht an mich gerichtet waren, wandele ich, reise ich, bin ich unter Menschengelächter und Menschenwärme. Ich höre und sehe es wohl; doch in mir erklingt eine andere Stimme, und hinter meiner Stirn schaut mich eine an, die ich nicht kenne. Sind wir nicht stundenlang in einem Café gesessen und haben geredet und geredet? Haben sich unsere Hände nicht berührt, miteinander einverstanden, so daß meine Haut noch von deinen Fingern singt?

Nein, du weißt nichts von mir, und hast doch dein Herz mir geöffnet. Berührt bin ich von dir. Ich bin gezeichnet und heilig befleckt. Ich habe dich gesehen, und es ist, als wärest du nackt gewesen, doch verhüllt dein Antlitz, verschlossen dein Auge. Du kennst mich nicht, und bist mir doch gefolgt, überallhin. Tagelang gab es nichts Schöneres, als über dich und dein verhülltes Antlitz und deinen verschlossenen Mund nachzudenken. Verschwendet waren die Stunden ans Menschengelächter, an Speise und Sonnengang und Buch, ja, an die Stimme der Freundin. Lieber wollte ich es dir nachtun, in ein dampfendes Bad gleiten um dort zu-lesen-und-nicht-zu-lesen.

2

Ποικιλόθρον‘, ἀθάνατ‘ Ἀφρόδιτα,
παῖ Δίος, δολόπλοκε, λίσσομαί σε
μή μ‘ ἄσαισι μήτ‘ ὀνίαισι δάμνα,
πότνια, θῦμον·

ἀλλὰ τυῖδ‘ ἔλθ‘, αἴποτα κἀτέρωτα
τᾶς ἔμας αὔδως ἀΐοισα πήλυι
ἒκλυες, πάτρος δὲ δόμον λίποισα
χρύσιον ἦλθες

ἄρμ‘ ὐποζεύξαισα· κάλοι δέ σ‘ ἆγον
ὤκεες στροῦθοι περὶ γᾶς μελαίνας
πύκνα δινεῦντες πτέρ‘ ἀπ‘ ὠράνω αἴθε-
ρας διὰ μέσσω.

αἶψα δ‘ ἐξίκοντο· τὺ δ‘, ὦ μάκαιρα,
μειδιάσαισ‘ ἀθανάτῳ προσώπῳ,
ἤρε‘, ὄττι δηὖτε πέπονθα κὤττι
δηὖτε κάλημι,
κὤττι μοι μάλιστα θέλω γένεσθαι
μαινόλᾳ θύμῳ· τίνα δηὖτε Πείθω
μαῖς ἄγην ἐς σὰν φιλότατα, τίς σ‘, ὦ
Ψάπφ‘, ἀδικήει;

καὶ γὰρ αἰ φεύγει, ταχέως διώξει,
αἰ δὲ δῶρα μὴ δέκετ‘ ἀλλὰ δώσει,
αἰ δὲ μὴ φίλει, ταχέως φιλήσει
κωὐκ ἐθέλοισα.

ἔλθε μοι καὶ νῦν, χαλεπᾶν δὲ λῦσον
ἐκ μεριμνᾶν, ὄσσα δέ μοι τελέσσαι
θῦμος ἰμέρρει, τέλεσον· σὺ δ‘ αὔτα
σύμμαχος ἔσσο.