Solstitium, eine Elegie

Tauben sahen mich an am Morgen, als alles zu
früh war.

Wo ich gewesen sei? Müde
hob ich die Hand.

Licht schoß von unten herauf. Die Menschen,
als hätten sie ihren

Koffer verloren im Zug, nichts
war begreiflich, die Bahn

kam nirgends an, die Tauben flogen davon, und
das Türschild

schwieg. Und als letzter Verlust
stimmten die Wörter genau.

Du hieß „du“ und „ich“ war ich, genau
wie wir hießen.

Wort für Wort ein Verlust.
„Nie“ hieß „vorbei“ und war „je“.

Einmal betratst du ein Zimmer, hattest von je
eins besessen,

Zimmer und Sternstaub und
Nacht. Ich aber löste mich auf,

hatte mich schon verloren, in Städten,
in zuvielen Leben

zuvieler Zeit, die je zuviele
Läufe begann

nie zu erreichender Marken. Du erst, als längst
schon kein Ort war,

hobst noch im Fallen es auf,
schenktest den Leib mir zurück.

Eines strahlendsten Morgens verließ dich
das Sternenstaubzimmer,

sparte der Raum dich aus,
wo ich zu früh mich erhob.

Nun, wo warst du? fragten die Tauben, zertraten
die Spuren,

zogen zu zweit durch die
Luft, ließen gesegnet mich hier.

Entgegen des Zeitgeistes

“Unsere Erbanlagen sind entgegen unseres bisherigeren Verständnisses in ständigem Wandel begriffen …”

Die ZEIT, Online-Ausgabe dieser Woche.

Statt sich in geschraubtem Zeitungsjargon zu ergehen und die unmöglichsten Verbiegungen zu machen, um nur ja keinen bösen Dativ zu benutzen, wo die Sprache ihn durchaus vorgesehen hat, könnte man auch einfach gelassen bleiben und ein bißchen des natürlichen Sprachgebrauchs entgegenkommen.

Störer

„Entschuldigung, darf ich mich hierhin setzen?“ spricht mich der Anzugsfritze an und deutet auf den Nebensitz, wo ich meinen Rucksack abgestellt habe.
Nein, denke ich, nein, dürfen Sie nicht. Sie stören. Sie rücken mir auf die Pelle. Deswegen habe ich ja gerade meinen Rucksack genau dort abgestellt, daß Sie eben nicht auf den Gedanken kommen, sich hier hinzusetzen. Im übrigen ist ein Sitz weiter auch noch ein Platz frei.
Statt es zu sagen, nehme ich wortlos den Rucksack, erhebe mich und suche mir eine Stelle, wo ich den Rest der Fahrt wenigstens bequem stehen kann. Der andere wundert sich nicht einmal, und zu meiner Wut über die Störung tritt nun noch der Zorn auf die Selbstverständlichkeit, mit der er den Umstand hinnimmt, daß er mich vertrieben hat aus meinem Territorium, ein Gewinner, denke ich, ein Störer. Ich koche innerlich. Er sieht mich nicht einmal an, vielleicht hat er nicht einmal bemerkt, daß ich aufgestanden bin, und es läßt mir keine Ruhe, daß er nicht gesagt hat, bleiben Sie doch sitzen, bleiben Sie doch … „Es ist mir zu nah“, hätte ich dann erwidern können.
Aber wahrscheinlich hätte er das nicht verstanden. Hätte er die dafür nötige Empfindlichkeit, er hätte sich von vornherein nicht neben mich setzen wollen.
Ich schweige und köchle. Und komme zu dem Schluß: Die Welt gehört den Störern, die sich selbst an nichts stören. Den Autofahrern, den Rauchern, den Lärmern und Schulterreibern.

Fairer Handel

Als ich kürzlich ich in einem Dritte-Welt-Laden, der politisch korrekt jetzt „Eine-Welt-Laden“, oder knapp einfach nur „Weltladen“ heißt, fair gehandeltem Espressokaffee erstand, äußerte ich (ahnungslos) der Mitarbeiterin gegenüber mein Bedauern, daß zwar im Supermarkt schon seit langem fair gehandelter Filterkaffee, leider aber nicht der von mir sehr geschätzte Espressokaffee angeboten werde. Woraufhin mich die Mitarbeiterin etwas säuerlich anlächelte und erwiderte, es müsse ja auch irgend etwas geben, das nur in Weltläden zu haben sei, andernfalls solche Läden ja überflüssig wären.
Wie bitte?
Prüfen wir doch mal die Konsequenzen dieser leichtfertig hingeworfenen Bemerkung. Die Mitarbeiterin des Ladens wünscht sich für diesen und ähnliche Läden eine Art von Exklusivität, einen Unterschied, ein Merkmal, das ihn von anderen Geschäften, Supermärkten etc. unterscheidet: Einen Wettbewerbsvorteil. Fragen wir nun nach der Art dieses Wettbewerbsvorteils. Was verkauft ein Weltladen? Fair gehandelte Produkte aus ungerecht behandelten Ländern der Erde. Worin unterscheidet sich der Kaffee im Weltladen vom Kaffee im Supermarkt? Durch den Umstand, daß er nicht unter ausbeuterischen Umständen produziert wurde; er ist etwas teurer, weil beispielsweise bei seiner Produktion akzeptable Löhne bezahlt wurden. Worin liegt also der Mehrwert? Doch wohl darin, daß dieser Kaffee, im Gegensatz zum Supermarktkaffee, sich einem gerechten, eben „fairen“ Handeln verdankt. Was die Weltläden demnach verkaufen, ist: Gerechtigkeit. Oder einen Unterschied in der Gerechtigkeit. Dieser Unterschied ist ihr Wettbewerbsvorteil gegenüber Supermärkten, die in diesem Sinne „ungerecht“ sind, weil sie Produkte anbieten, die ihren niedrigen Preis einer Ungerechtigkeit verdanken.
Fair gehandelte Produkte sind also nach Meinung dieser Mitarbeiterin ein Gut, daß es im Weltladen gibt, und auch nur dort geben sollte, damit der Weltladen überlebt und weiter – Gerechtigkeit verkaufen kann? Nun ist aber Gerechtigkeit kein relatives Gut wie Aroma, Ergiebigkeit, Koffeingehalt undsoweiter, sondern ein absoluter Wert, der nicht verhandelbar und also auch nicht handelbar ist. Welche Absicht steht denn hinter den Weltläden und Fairhandelsgenossenschaften? Doch wohl eine gerechtere Art des Handelns und im weitesten Sinne eine bessere, weil gerechtere, Welt. Gäbe es in einer Welt, die den Betreibern und Gründern von Weltläden, Fairhandelsmarken etc. vorschwebt, noch Bedarf an einem Weltladen, an Fairhandelsmarken etc.? Die Antwort ist nein. Es gäbe dann nämlich überall „gerechte“ Produkte, weil es überhaupt nur noch „gerechte“ Produkte gäbe.
Die Aussage der Mitarbeiterin kann aber so umformuliert werden: „Es soll andernorts Ungerechtigkeit herrschen, damit wir weiter Gerechtigkeit verkaufen können.“
Und noch schärfer:
„Es muß andernorts ungerecht zugehen, damit wir weiter dafür sorgen können, daß es gerechter zugeht.“
Aha, ich verstehe: Nur in einer Welt der Ungerechtigkeit können Weltläden sich durch die Fairneß ihrer Produkte auszeichnen – und daran arbeiten, daß die Welt gerechter wird. Freilich nicht so gerecht, daß es Weltläden nicht mehr geben müßte. Die Welt muß schon ungerecht bleiben, damit sie gerechter werden kann. Wer das für widersprüchlich hält, könnte recht haben.

Pasta

Während die Milchbauern lautstark krähen, ihr Untergang stehe unmittelbar bevor, die Milch überall anfängt, sauer zu werden und die Supermärkte so tun, als könnten sie sich vor Lieferungen nicht retten, finden die wirklich unerhörten und umwälzenden, die tatsächlich einschneidenden (auf eine Weise einschneidend, die die Welt ein für allemal ein Stück voranbringt) Veränderungen unkommentiert, unbeschrieen und unbemerkt von der großen Öffentlichkeit statt. Dabei ist es doch mal wieder so offensichtlich, was hier läuft.

Was ist die Differenz von 55 und 39? – 16. Wieviel Prozent von 39 sind 16? – 41. So viel beträgt die Preissteigerung der billigsten zu habenden Packung italienischer Pasta (und Pasta überhaupt). Die kostete nämlich in schönem Einvernehmen der Discounter bislang 39 Cent (nachdem sie viele Jahre schon einmal 25 gekostet hatte – wie schnell man sich an die 39 gewöhnt hat!) und seit zwei Wochen, schwuppdiwupp! 55. Und natürlich ziehen alle, aber alle, nach. Wohin man schaut, nicht 40, nicht 45, nicht 54, nein genau 55 Cent für die billigste Pasta, landauflandab. Es sind sich mal wieder alle einig, und der Verbraucher kann zähneknirschend sehen, wo er bleibt. Ausweichen geht nicht, da es sich ja schon um die absolute Untergrenze handelt und die Konkurrenz auch nichts Billigeres führt. Dummerweise merkt es der Verbraucher aber nicht. Ich habe den Verdacht, der Verbraucher schaut überhaupt nicht hin, sind ja eh nur Centbeträge. Und das genau ist der Fehler. Denn auf das Verhältnis kommt es an. Was würde derselbe Verbraucher, der anstandslos die 55-Cent-Pastapackung in den Korb legt, sagen und tun, wenn der CD-Spieler statt gestern 390 Euren heute 550 kostete? Zähneknirschen und zugreifen? Wohl kaum. Obwohl es gar nicht so schlimm wäre, denn: Wann kauft man sich einen CD-Spieler und wie oft Pasta? Angenommen, ich verbrauche monatlich 3 Packungen (das ist bei mir durchaus realistisch; für Familien ergeben sich da noch ganz andere Zahlen), dann waren das bislang 14,04 Euren im Jahr. Jetzt sind es 19,80, also mehr als 5 Euren Differenz. Jahr für Jahr. Und das nur für die Pasta. Den Reis habe ich noch gar nicht nachgesehen. Neulich habe ich ein gewöhnliches Roggenbrot für 6 Euren erstanden. Aber wo war ich? Ach so. ja: Zum Vergleich: Ich habe mir genau einmal in meinem Leben einen CD-Spieler gekauft, das war 1988, er kostete knapp 800 DM, und ich mußte ein Jahr lang Zeitungen austragen, um ihn mir leisten zu können, aber das nur nebenbei. Also ein CD-Spieler in 20 Jahren. In diesem Zeitraum hat sich die Differenz zwischen billigeren und teureren Spaghetti schon auf 100 Euren angewachsen, und da sind die zu erwartenden weiteren Steigerungen nicht berücksichtigt.

Was ich damit sagen will, ist dies. Es ist uns des langen und breiten gebetsmühlenartig versichert worden, nein, es habe keine Teuerung nach 2002 gegeben, die Preissteigerung sei eine Illusion, weil nur besonders häufig gekaufte Artikel ein wenig teurer geworden seien.
Ja. Ja! Verdammtnochmal, aber das ist es doch gerade. Mag sein, daß Autos und Elektronik und Badehosen billiger geworden sind. Aber was nützt das, wenn ich Autos nie, Elektronik alle Jubeljahre und Badehosen vielleicht alle zwei Jahre kaufe? Brot. Gemüse. Pasta. Milch. Das kaufe ich täglich, und deshalb fallen dort Preissteigerungen von 41 % ungleich mehr ins Gewicht als Preisverfall bei Artikeln, die man nur ausnahmsweise kauft. Außerdem verbietet sich sowieso ein Vergleich von entbehrlichen Autos mit unentbehrlicher Nahrung. Von Autos und Elektronik wird man nicht satt. Geht das eigentlich in diese Finanzdickschädel rein, die uns weismachen wollen, es habe keine Teuerung gegeben nach 2002?

Übrigens würde die Rosinenschnecke nach dem Preisninveau von Ende 2001 heute umgerechnet 45 Cent kosten. Fünfundvierzig Cent. (Dafür bekommt man heute vermutlich nicht einmal mehr einen Kaugummi. Übrigens gab es in meiner Kindheit sogenannte Fünferkaugummis und Zehnerkaugummis. Für 5 resp. 10 Pfennig. Dieser Zustand dauerte viele viele Jahre, meine ganze Kindheit lang. Alle waren es zufrieden.)

Ich habe den leisen Verdacht, daß eine Erhöhung von 266% innerhalb von sechs Jahren nicht allein durch Inflation zu erklären ist.