am abend

wieder vergnügungen mit spielzeug, in dampfwarmen decken, zwischen singenden wänden, und draußen wimmelt es unterdes emsig von frühling. stimmen von weither, bienen, die an die scheiben torkeln. ein schweißtropfen sammelt sich auf der abgewandten stirn. abgewandt auch der atem, zur seite, leicht angewinkelten arms ein und aus voll tagesmüdem duft, und aus der gehöhlten beuge steigt des verlebte des tags, süß und unwiederbringlich. darüber die verschwielte braue und die heiße stirn, die braue, die sich später, am ende, zusammenziehen wird in der anstrengung des beschwörens … vertrauter raum geht auf zwischen muskel und gelenk und dem beginnenden pochen, in sich eingesunkenes entspanntsein, vertraute strecken, vertraute wege, wissend wo man auskommt, wie weit die finger reichen, und die spitzen der zehen, und die gedanken, die pfade im dschungel, die verwinkelungen fremder zimmer bekannt-unbekannter körper, antlitze, blicke. strecken soll man sich, auch die bilder strecken, und ausfüllen und hineinwachsen in sie, und in die dämmervolle luft, und sie auch einlassen, ein, ein, aus, ein. bald rascher. bald von allein. so tun und abermals so tun als gäbe es etwas zu entdecken an sich selbst, ja, als könnte man sich vor sich selbst verbergen, mit sich selbst schach oder dame spielen und aus dem verborgnen wieder überraschen, um an sich selbst heiße zeilen zu richten, die dann, später, wenn das licht gedämpft ist, zurückführen zum altvertrauten ritual, das sich selbst nur zum feiern hat. bis dann, noch ein wenig später, wieder stille einkehrt und die luft zu frösteln beginnt auf der betrognen haut.

dünnhäutig

Zu früh zurück in die Welt aus Licht und Stimmen. Zu früh wieder auf Reisen. Die Räume zu weit; zu verwirrend und zahlreich die Details; die Fenster voll fremder Himmel. Der prasselnde Strom aus Einzelnem, unüberschaubar; die Abfolge der Überraschungen, die jede neue Stunde, sich aus der alten lösend, hinwirft; die Vielzahl der Zimmer, ein jedes voller Möglichkeiten, alle beängstigend; ich bin überfordert. Ich kann nicht so viel auf einmal.

Ich kann den Instinkten der Heilung nicht nachgehen, die mir nur die konzentrierte, gesammelte Ruhe hat schenken können. Morgens der Neanderthaler, dann die Hauptseminararbeit, dann Mittagessen, Henry Miller, Schlaf. Kaffee und Teilchen. Dann Herodot bis zum Abend, bis in die Nacht, vielleicht abgelöst durch die weitgespannten, langsam voranschreitenden, zum Einhalt zwingenden Perioden Prousts. Und das in einer schönen Folge von Tagen, logisch und richtig im Ablauf, und keinem Zweifel unterworfen: Wieso sollte man auch etwas anderes machen, wenn das vom Vortage so gut tat? Ich wußte nicht, was richtig war, habs einfach getan; und nun geht es nicht mehr.

Ich bin traurig darüber, daß ich glücklich war, ohne es zu wissen, und mich selbst aus diesem blinden Glück wieder verbannt habe, vor der Zeit. Nun bin ich in Lärm und wenig überzeugender Lautheit, in einer wirren Abfolge von Dingen und Kenntnisnahmen, eine so beliebig wie die andere. Nun steht nur noch eine Reise bevor. Und dann trennt mich nur mehr ein schmaler Abend, feinhäutig und ohne Schutz, vom Poltern, der Hast, der Lautheit und Grelle des Alltags. Dann ist wieder Montag. Dann tragen die Tage wieder Namen, jeder einen anderen.

Vor mir auf dem sofa hinter dem bildschirm sitzt die clownspuppe und lächelt mich schüchtern an. Ein trauriges lächeln, hilflos, sommersprossig und so verloren unter dem wirren haar. Warum bin ich hergekommen, denke ich, ein fehler, ich kann ja nirgends hin. Ich fühle mich elend und nach decke über dem kopf und alleinsein, und ich kann nirgends hin. Gestern war es doch so gut. Heute überall die umzugskartons, ich darf nicht helfen, aber zurückziehen kann ich mich auch nicht. Wie stille es war gestern und vorgestern. Wie wundervoll. Warum mußte ich gehen? Hab mich doch gefreut auf die reise, hab mich gefreut, daß ich wieder zu kräften … Nein. Alles zuviel und zufrüh. Bin selbst eine Clownspuppe. Ich will nach hause zurück und in die stille meines zimmers. Und dort weiter gesunden. In die ruhe der letzten fünf tage zurück. In die mitte der schonenden sammlung, des regens auf der terrasse und dem kaffe nach mittäglichem schlaf. Zurück in die Räume, die von Miller, Ovid, Herodot und dem neanderthaler abgesteckt worden sind. nach haus. Unter die decke, unter die dunkelheit. Wenn es nicht so traurig wäre, vor die eltern hinzutreten und zu sagen, ich fahr wieder, es ist so traurig, sagen zu müssen, es tut mir nicht gut, und dann … die lange lange bahnfahrt, der graue rhein. Die möwen. Die verlassenheit der clownspuppe, die einem aus den scheiben zurücklächelt, dahinter die wolken … der fluß … noch einsamer als es gewesen wäre, wär ich nie weggegangen.
Fast wäre ich dann glücklich gewesen.

Zu Hause

Das mit den wackersteinen war gar kein so schlechter vergleich.

Wieder zu hause. Etwas hilflos und kopflos in diesem käfig aus vertrautem. Die abende sind später als bei meinem aufbruch, der morgen ist früher. Die rotschwänze haben nicht gewartet auf mich. Nur die krümel auf der anrichte, die saftkreise, die tomatenstielansätze, die sind noch dieselben. Ich habe bedarf an zuviel ruhe. Ich hab keinen bedarf am späten licht. Ich finde auch im dunkeln den lichtschalter.

Im zickzack-kurs durch die räume freier zeit, viel bleibt da rechts und links einfach liegen.

Ich träume wieder. Das recht zum träumen aber gesteh ich mir nicht zu.

Vorhin draußen. Ich bin entwöhnt. Eine woche leise töne, enge grenzen, überschaubare räume, langsame regungen: Und schon komme ich mit dem anprall des lärms und der geschwindigkeit nicht mehr klar. Halb vier nachmittags, und die straßen brausen, das licht zittert, die häuserwände donnern. Zuviel, zuviel, ich möchte schützend die hände übers gesicht schlagen, den kopf abwenden, die schultern einziehen. Fast presse ich mich an die häuserwand. Der wind kommt beladen mit fahrzeugen. Fahrzeuge, so viele so schnelle fahrzeuge, waren die vorher auch schon da?

Rasch wechseln licht und schatten in der engen straße. Die menschen werden von ihren plastiktüten vorangetrieben.

Keine mitbewohner da, und ich drehe die lautstärke auf. Endlich. Wie ein schrei brausen die streicher, ein stellvertretender schrei, ein ersatzschrei, weil man den eigenen noch immer nicht wagt.

irgendwas ist immer

und ich bin wieder geneigt zu denken: wenn ich DAS erst nur hinter mir hab …

aber und dann? ja, was ist dann? warum vermeine ich, dann glücklich zu sein, wenn ich VORHER doch auch nicht …

es poltern dann doch wieder die luxusmelancholien los, der künstlerschmerz, der kunst-schmerz, das leiden aus plastilin. es bekommen doch die verluste, die ängste, der liebeswunsch wieder ihre frischen farben, chamäleonblaß, wie sie jetzt sind. haben sich getarnt, glauben, ich sähs nicht.

und ich sehe es wirklich nicht, jetzt. glück als schiere erleichterung. glück als NICHTS VOR SICH HABEN. glück als das freisein von unglück oder schmerz. wie lange hält das?

„irgend etwas ist immer“

und dann: irgendwann kommt es ja doch noch einmal auf einen zu, mindestens. das größte ereignis. wie kann man sein leben wohlgeordnet und glücklich damit zubringen „istjanochzeit“ zu sagen, und es dabei nicht einmal zu denken?

hernia

nachdem mir meine hausärztin in den schillerndsten farben die zu erleidenden schmerzen ausgemalt hatte:
„sie werden natürlich innerlich schmerzen haben, ganz klar, es wird spannen, sie werden das gefühl haben, der bauch ist zu eng, es wird beim bewegen ziepen, sie werden das gefühl haben, daß sie da statt zwei kunststoffnetzchen zwei wackersteine eingesetzt bekommen haben … da werden sie froh sein, noch nicht sofort nach hause zu müssen …“
nachdem mir also meine hausärztin vorgeschwärmt hatte, wie toll das alles sei, nicht ohne nachblutungen zu erwähnen und erschöpfend auf die drainageschläuche einzugehen, war der ton im krankenhaus selbst sehr entspannt. der arzt und ich plauderten, während die schwester meine armvene perforierte („geht das im sitzen oder kippen sie?“).
der arzt war sehr lustig („dort werden sie dann noch rasiert … also nicht im gesicht, falls sie jetzt denken …“), die schwester, die mir blut abnahm, nicht weniger. der arzt erklärte mir, was ich schon x-mal in den letzten vierzehn tagen gehört und gelesen hatte, es würde der bauch mit Kohlendioxid aufgepumpt (wußte ich schon), eine kamera und zwei geräte eingeführt (wußte ich schon) ein kunstoffnetz am bauchfell festgetackert (der ausdruck „tackern“ war neu) und auch am schambeinknochen (die information „am schambeinknochen“ war neu). auf meine bange frage, wie ich mich nach der op fühlen würde, antwortete der arzt grinsend, langfristig gut.
und kurzfristig?
der arzt zögerte. nun, unmittelbar nach dem aufwachen sei ich zu benebelt, um irgendwas zu spüren, begann er vorsichtig. die schwester aber verdehte mitleidsvoll die augen, während sie ein röhrchen an der kanüle wechselte.
„aber dazwischen … !“ stöhnte sie und schüttelte, schwach seufzend, den kopf.
der arzt führte dies genauer aus:
„dafür, daß sie zwei postkartengroße wunden im bauch haben werden, so etwa“ – und er machte mir dies anschaulich, indem er mit einer handbewegung eine ungefähr einen quadratmeter große fläche abgriff – „dafür also wird es ihnen vergleichsweise gut gehen.“
die schwester zog die kanüle heraus und ich eine grimasse. „mal eine weile fest drücken. so ist gut.“
ich fühle mich schon jetzt gut aufgehoben.

wasserschildkröte

einmal erzählte mir E., wie sie in griechenland auf dem markt eine wasserschildkröte gekauft habe. es gibt in Athen ganze straßenzüge, in denen allerlei haustiere zum kauf angeboten werden, volieren mit vögeln sind da aufgereiht, käfige mit hamstern, mäusen und kaninchen, wasserschildkröten in großen eimern. so eine wasserschildkröte, ein kaum kinderhandgroßes tier, kaufte E.; bekam ein gefäß mit, ein eimerchen vielleicht, oder eine plastiktüte mit wasser, ich weiß es nicht mehr, und damit ging sie nach hause.
und da war sie nun, die wasserschildkröte, bei E. zu hause. saß in ihrem eimerchen, hatte das köpfchen halb aus dem wasser erhoben und paddelte verloren mal hierhin, mal dahin; und als sie das erzählte, da legte E. ihre stirn mitleiderregend in falten, weitete die hilflosen augen und bewegte die angewinkelten arme wie beim schwimmen, so sei die wasserschildkröte in ihrem eimerchen herumgeschwommen, sagte sie, „das war so traurig, wie die wasserschildkröte allein in ihrem eimerchen herumschwamm, das köpfchen halb aus dem wasser, – wo bin ich, was mach ich hier? –, ich hab das nicht ertragen“, sagte sie und machte noch eine hilflose schwimmbewegung.
anderntags brachte sie die schildkröte zurück zum händler. „Δεν μπορώ“, sagte, sie, „ich kann das nicht.“ der händler nahm das tier zwar zurück, das geld wollte er E. aber nicht herausgeben.
ab und an denke ich an diese wasserschildkröte und wie E. die arme anwinkelte und die stirn in falten legte, und es greift mir ans herz.

kein

niemand
schreie ich ins nichts
und das nichts
nimmt es hin

das schweigen hat viel raum
da kann man schreien so viel
man will.

paßt immer noch ein
keil verzweiflung
hinein irgendwo
zwischen einmal stille
und zweimal stille

wieder schweigen?
nein
jedes
schweigen
hat ja seine eigene maske

und darunter
wir selbst, unerträglich
gespiegelt

jede keine antwort
ist eine neue keine antwort
ein nie gehörtes kein ja
ein ganz frisches kein lächeln

wie ein frühlingsmorgen
ja, jedes abwenden
lächelt auf seine eigene weise, und

jedes mal leerbriefkasten
fügt dem warten
ein neues steinchen zu

hart wie glas
draus baut man sich einen palast
da ist viel platz, wie im nichts
zeit hat man ja nun

genug

der 20ste.

das gastmahl war; und nun?
zitterte mit verschlungenen eingeweiden durch die gedehnten stunden des nachmittags, schlich mich zum einkaufen, wankte zurück. sah dreimal im seit gestern gepackten rucksack nach, ob ich alles hatte, wein, stadtplan, die CD vor allem. legte mich aufs bett mit trockenem mund und klopfendem herzen, lauschte dem gluckern im bauch, stand wieder auf, ziellos. aß noch etwas, was zuviel war. legte mich wieder hin, hörte musik, zuletzt, kurz vor dem aufbruch, Brahms. sah noch einmal nach: die CD war immer noch da. schrieb endlich in dicken lettern „DIE ANGST“ auf einen notizzettel, faltete ihn zusammen sooft es nur ging, und auf der rheinbrücke, genau in der mitte des stroms, warf ich das papier in hohem bogen in die graubraun strudelnde flut; wartete, bis es unter meinen füßen davongeschwommen war. atmete. da war mir tatsächlich leichter.
und dann geschah das gastmahl.

gleichung

die nacht vor meinem geburtstag war es, da kam plötzlich der gedanke: irgendwann werde ich ebensolange nicht mehr mit ihr zusammen gewesen sein wie ich mit ihr zusammen gewesen bin. könnte mich dieser tag entlassen, oder ist es dann immer noch und erst wirklich schmerzlich zu denken:
es war nur vorübergehend.
denn die zeit mit ihr, sie wird dann für immer kürzer sein als die anschließende zeit ohne sie, die anhält und anhält und immer weiter wachsen wird.

in wenigen tagen, am 13ten, unser nunmehr ungültiger jahrestag, es wäre der vierte gewesen erst.

traum

wieder geträumt, aus blinden räumen plötzlich hervorgetreten, vom wein entblößt, vielleicht: wieder sie und doch gleichsam verwandelt, eine neue frisur, kurzhaar und frech wie ein erstarrter sturm auf dem kopf, ich treffe sie mit ihm und will ihnen ausweichen, aber der raum wird zu eng, enger als berechnet, ich muß einen sprung machen, und sie merken, ich hab sie bemerkt. ihm weich ich aus, er bleibt in der nähe, aber mischt sich nicht ein. gegen sie aber bin ich auf eine weise kühl, die mich selbst schmerzt, aber es ist, als sei ich nicht ich selbst, als spräche eine andere gewalt in mir, ich kann nicht anders als rüde sein, abweisend, ablehnend. sie ist neutral. höflich? nein, einfach nur neutral. ich will ihr kein zeichen der zurückweisung geben, ich will ihr zeigen, daß sie so viel für mich bedeutet, es ist lebenswichtig in diesem augenblick, aber es geht nicht, ich bleibe eiskalt. irgendwann fehlt sie, ich stehe an ein mäuerchen bei einem aufzug gelehnt, ich denke, das wollte ich nicht, und der mund verzieht sich mir zum stillen weinen.

Naso

lachendes murmeln wache gesichter da federt die stimme. da wirbeln die worte, da verketten sich die gedanken. und der atem erschafft und beugt und formt den raum. auf einer bühne sein. auspacken, einpacken, verbergen, enthüllen, zaubern und verzaubern, den dichter wiederdichten kenntnisreich, blicke herumführen wie ein puppenspieler die fäden hält, und spielen, spielen, sich selbst spielen, und die grenze zu sich selbst aufheben, wände in sich einreißen und zerkrümeln lassen: Macht, ein brausen, brausen, und hämmern, und das herz so offen und sich hinneigend nach dem außen, den anderen, begierig nach blick, begierig nach bewunderung, begierig nach liebe –

dann –
ist stille. eine stille, in der man zappelt wie in einem netz. und einen langen ödtag hört man das inwendige brausen langsam langsam verklingen. es wär ja auf dauer nicht auszuhalten, dieser rausch; aber die stille ist fad. da wären wir wieder. nüchtern. in einer ahnungslosen welt.

ich komme allmählich dahinter, trage mir den berg an unklarem und nebelhaftem ab, um dahin vorzudringen, wo klein und hart und tief eingebettet in wirres gefühlsgewebe der schmerzenskristall liegt. ihn freizulegen. ihn herauszupräparieren. dann zu sehen, was daraus folgt oder wie sich weitermachen läßt. gestern nacht auseinandersetzung und ringen mit meinem tagebuch und der sprache und mir selbst.
mir sind zweieinhalb jahre abhanden gekommen. die fehlen nun. die sind nicht mehr mein. und jeder neue tag, jede neue stunde fängt mir völlig bedeutungslos aus einem namenlosen nichts heraus an. die zeit wurzelt nicht. ich bin zeitwurzellos. meine lebenszeit kommt nirgendwoher, sie ist plötzlich da, tritt auf, einfach so, verfügbar, transparent, blutleer, zu allem befähigt und zu nichts fähig. sie hat keine geschichte und keine herkunft und überläßt mich einer öden freiheit, die, statt mich zum handeln zu bewegen, mich bewegungsunfähig macht.

du altgewordne zeit
steingewordne stunde
tritt über tritt
felsgewordnes jahr
wohin man sieht
hab ich was erzählt was hab ich erzählt
du alte zeit
wohin man die träume richtet
du uralte zeit
du steingewordne stunden
verloren hab ich den
lachenden mund an die
räuberische jugend
du uraltalte zeit
du steingewordnes
lächeln