auf reisen

Verschwitzt, und den Reisegeruch noch in den Kleidern, am Leib: so kam ich an. Schlafgedämpft dämmriger Kopfschmerz begleitet die Blicke durch Bahnhofshalle, Straße und Brücke. Die Fahrt selbst hatte ich, aufgehängt in Wahrnehmungsfetzen, durchdämmert, was sonst nie geschah. Etwas zerwalkt fühlten sich die vergangnen vierundzwanzig Stunden in Mannheim an; nicht befüllt mit Zeitfluß, sondern mit einer holprigen Fahrt, die umwegdurchkreuzt schien. Dann die Reise, erst drohend bevorstehend, dann eine Last, ein Berg, dann ein sehnsuchtsvolles dem Ende Entgegenfallen. Immer war das so, das Heimkehren in die Fremde, die plötzlich wieder fremd ist und aufs neue und immer aufs neue Heimat werden muß, fällt schwer. Seltsam. Komme ich heim zu den Eltern, immer ist da der Herd warm und die Wohnung vertraut riechend. Komme ich heim zu mir selbst, ist da ein Fremdhauch im Stiegenhaus, und die Straßen sehen wie argwöhnisch auf mich hinab, als ignorierten sie mich, indem sie mir aber dieses Ignorieren deutlich vor Augen zu führen bestrebt sind.

Diesmal gings ja aber nicht nach Hause zu fremdgewordnem Eigengeruch, sondern zu Beistand, Mutzuspruch, Korrekturlesen. Zerstreutmüde in der späten Unstunde las ich oberflächlich und hoffe, es war gut. An meine eigene Zeit mich erinnernd, und daß es so anders war, denke ich: schön und freudig waren die Monate durchlebt, wie es oft geschah, wenn sich eine unmöglich scheinende Aufgabe als mir und meinen Fähigkeiten doch noch angemessen und mein eigenes Vermögen als viel größer denn angenommen herausgestellt hatte. Obs im Kunstunterricht in der Schule war, oder im Logikseminar oder bei der Abfertigung meiner Abschlußarbeit.

Ich bin jetzt selbst froh und erleichtert. Viel habe ich – wieder einmal – nicht tun können. Hilflosigkeit hab ich in den Händen gehabt. Aber was wäre gewonnen, wenn man als Engel aufträte. Es gibt Dinge, die nur dadurch bezwingbar sind, daß man sie selbst bezwingt. Ohne Hilfe muß man sie überwinden, sonst wächst man nicht.

Was man manchmal vielleicht gar nicht will, wachsen.

Als ich soweit war, was glaubte oder mutmaßte ich denn, wie es weiterginge? Was hoffte ich? Was waren die Ängste. Was die Wünsche. Erstaunlich scheint mir, wie wenig ich jetzt über meine damaligen Befindlichkeiten noch weiß. Und was ich weiß, das ist abstrakt, ist das Wollen und Wünschen und Hoffen und Angsthaben einer von mir verschieden gedachten Person. Natürlich weiß ich: Da war ein vager Traum von einer Doktorarbeit. Da war das kurzzeitige Aufblitzen von so etwas wie Mut, noch einmal feldforschend ans andere Ende der Welt und zu den Indianern zu reisen. Da war die kribbelnde Verrücktheit, Flugbegleiter zu werden und auf 30 000 Fuß Höhe Longdrinks servierend um den Globus zu fliegen.

Press your mask against mouth and nose and breathe normally.

Aber wie echt war das? Und wie hatte es sich angefühlt? War es ein Traum? Eine an den Rand des Möglichen herbeigeholte Vorstellung? Ein Entwurf, der Entwurf eines nächsten Lebenskapitels, der gleichwohl dann doch nur Entwurf sein sollte? Sich und mir darin genug war –

Wenn ich es recht bedenke, dann war das, was mich wirklich beschäftigt hat, was mich bis ins Mark hat erschüttern und umdrehen und handeln lassen können, damals wie später, wie eigentlich immer, – das Zwischenmenschliche. LiebeLiebeLiebe. Nichts sonst war so wichtig. Bis auf das Schreiben, natürlich: Denn wie ich die letzten Jahre hätte bestehen können – vorm Sturm, vor mir selbst, vor den anderen – bestehen, ohne Zuflucht, Wehr und Bannzauber des Wortes zu haben – das entzieht sich jeder Vorstellung.

Ich weiß nicht, ob ich ohne Frau, ohne Verwirklichung und Neuerfindung des Geschlechtlichen leben könnte. Ohne das Schreiben könnte ich wohl leben; aber es wäre ein ziemlich sinnloses Leben.

Mehr ein Lebendigsein.

eis überm …

Eis überm
Herd Fenster voll
Wind und du sagst
„wieder“
ein Irrtum denn Zeit
läßt sich nicht pressen in Formen
im Wasserglas wird die Stille
schal
ungeachtet des
Tickens im Staub
unter den Beinchen einer Spinne
häuft es sich Heimlich an
Ticktack
Zufällig am Ort winterlang
Pilgerinnen drüsiger Wände
Emsig streifen Motorräder
halbe Tage strecken die Hand aus nach dir
entkleideter Nächte
weißt du nicht wohin
den Stunden ist
vieles peinlich
im See
spiegelt sich etwas das andernorts andrerzeit
oder
andernherzens ein geliebtes
Antlitz war hätte werden sein wollen können
zu Grund
schnabelvoll Geschrei als obs
so sein müßte darüber wobei
Zeit
sich absetzt auf Gießkannen, leer von Grün
letztjährig verjährte Fingerspitzen
krabbeln eine Kälte entlang so lange
ist Frühling nicht wie es noch –
„ein Irrtum“ denkst du obwohl
manchmal alles so sicher schien

aus dem stundenbuch. Néandros

Endlich fühle ich den Mut zurückkehren, und meine Seele schwingt sich voll Wildheit empor und zu den wüsten Himmeln, und reiht sich wieder ein in die Stürme. Ihresgleichen will sie, kann sie, muß sie wieder sein. Und die Stürme, die nehmen sie lachend unter sich auf. Ich erwache aus duftenden Decken. Und endlich erwache ich wieder bei-mir. Ich bin frei, was auch geschieht, ich bin frei. Die Tage mögen dunkel sein oder grell, warm oder kalt, still oder von Winden zerzaust: meinen Händen geben sie sich willig hin, zu bildender Stoff, aus dem die Geschichten herausgeträumt, herausgewacht, herausgehandelt werden müssen.

Es wird Trauer geben; aber sie wird mich nicht verschlingen. Es wird Wut geben; aber sie wird mich nicht umstürzen. Es wird Schmerz geben; aber er wird mich nicht vernichten.

Verwirrung schüttelt die Bäume aus, bis sie leer sind, so leer und einsamneu wie der Himmel, den sie festkrallen mit ihren erstorbenen Fingern. Unsicherheit streicht über die üppigen Pfützen, und der Regen gestern: War er nicht fast schon warm und vertraut angesichts dieses stürmischen Neu, das alle Zeiten vergangen und alt sein läßt und mit Macht sich gegen jedes Wiederkehren stemmt? Die eigenen Fußtritte glänzen noch im Schlamm, aber wohin sie führen, das weiß niemand mehr. Gestern schlug das Herz wie heute. Aber was tat es dazwischen? einen Augenblick nicht hingehört, und schon ist Tag und Nacht und wieder Tag entflohen.

Und so wird es auch weitergehen, wird es weitergehen müssen: Die Reihe der Tage bricht nicht ab und zu sich selbst kehrt sie nie zurück. Eins wird aus dem anderen geboren, aber die Kindertage haben die Elterntage getilgt hinter ihrer Stirn.

E.s Wohnung

Mantelloser Schlaf, schutzloser Regen, der Fernsehturm stochert im Nebel und blinzelt mir unheilvoll zu aus einem scharfroten Auge. An. Aus. An. Mechanisch. Erbarmungslos exakt. Zerstörte Trinkergesichter lauern an der Supermarktkasse. Genervt klappert der Müllschlucker und schluckt. Tropfen fallen von stillstehenden Fahrradspeichen. Oben, hoch oben, die ersten erleuchteten Fenster, sehr weit weg.

Der Herbst ist das, was sonst, und wie jedes Jahr scheue ich mich, einzutreten. Meine liebste Jahreszeit, und doch ist sie mir Aufgabe, das Bewältigenmüssen von etwas, das gelebt sein will. Aber wie? Wie?

Paul-Schallück-Straße

Plötzliche Todesangst jenseits der Dünnhaut des Schlafs: Schlimm nicht der Gedanke an das Ende an sich, sondern die Wucht der Einsicht, daß ich nichts, aber gar nichts von dem, was mir wirklich wichtig ist, geschafft habe. Und so wäre es nicht genug. Zu viel lastend Ungelebtes. Zuwenig Gelebtes. Es wäre einfach nicht genug. Es wäre bitter.
Aber täuschen wir uns nicht. Es wird wohl nie genug sein.

Was wichtig ist

  • ein erfüllendes Liebesleben (für Geld nicht zu haben)
  • viele viele Freunde (für Geld nicht zu haben)
  • die Nähe und das Gespräch geliebter Menschen (für Geld nicht zu haben)
  • Bücher (noch gibt es öffentliche Leihbibliotheken)
  • die Zeit, Tage in schöpferischer Muße hinzubringen (für kein Geld zu haben – oder für sehr viel)
  • wilde Wälder, saubere Seen, klare Luft (für Geld nicht zu haben)
  • menschenleere Räume (für Geld nicht immer zu haben)
  • gutes Essen (für wenig Geld zu haben)
  • Schreiben (für Geld nicht zu haben)
  • nächtliches Schweigen und eine Nacht unter freiem Himmel (für Geld nicht immer zu haben)
  • sich an den Lebenswundern dieser Erde freuen dürfen (für Geld nicht zu haben)

Greinstraße

Auf einmal: Ruhe Und das Herz ist still
und Traurigkeit verhängt die nassen Scheiben
Ein Nebel fällt Ein Vogel schweigt Die Eiben
wie Wälle stehn Mag sein ein Röslein will

noch wo verspätet weilen Geht ihr Jungen
und seht ob ihr sie finden könnt noch eh
der Abend sie verbirgt und netzt der Schnee
die Stirne ihr. Schon schärft der Frost die Zungen

und Dunkelheit beflüstert die Zypressen
Die Tage stürzen strenger abgemessen
so hebt sich fort des Sommers letzte Schwinge

Und wie ein festlich Lärm der in der ferne
verhallt verläßt die Liebe uns Die Sterne
stehn schön und kalt Der Mond hebt seine Klinge

7. Nachwelt

In einer Welt Lieder singen
– in dieser Welt Lieder singen –
in der die Sprache der Engel nicht mehr
verstanden wird,
muß sein,
als betrachte man den Duft einer Rose,
als wolle man den Sonnenuntergang riechen,
die Bäume wachsen hören.

Wie Splitter bleiben unsere Blicke haften
an der Welt, doch sind sie uneins,
doch will für uns sich eins in eines fügen.
Dazwischen müßte man sehen hinein,
in die eigne Blindheit, zwischen Blick und Blick,
ins Dunkle.

Hätten wir sie wenigstens einmal gesehen – wie schwer
viele uns das Leben, und wie süß
wär jeder Schritt und voll vom Ohnesie, und Schmerz und Mangel,
wie köstlich wäre es, sich nicht die Augen verhüllt zu haben,
mit ihrem Anschauen im Herzen weiter und weiter zu gehen, wie köstlich und schwer
ihnen nicht folgen zu können, zurückbleiben in der Welt ihres Fehlens,
übrigsein, ihnen verfallen sein, und doch gekettet unter den
Himmel, Erdschmerz im Auge:
Sie geschaut haben.

Und doch haftet ihr so etwas an, dieser Welt,
ein großes Nach, ein Dämmern, wie der
Schatten eines verjährten Traums. In den
Bächen ist es, und in jener Stunde, so schwierig zu kennen,
zwischen zwei Schnabelvoll Amsel, des Abends.
Wer aber erinnert sich? Sind wir es, die das Holde haben
schauen dürfen? Was erinnert sich in uns, wenn wir
das Durchziehende zu ahnen glauben?

6. Aphroditeopfer

„Aphrodite ein Opfer darbringen“ – auf einem hohen silbernen Altare
inmitten des schwärzlichen Staubs der Straßen, zitternd wogend wabernd von
nichtsahnendem Lärm
ein Opfer, sei sie gnädig, nach deren Frucht und Gabe wir dursten alle Tage, und lange schon
brennt uns das Haupt, die Glieder sind stumm, der Atem geht uns müde aus dem Körper
kein Himmel mag sich mehr
in unseren Augen spiegeln.
Ach! Kämest du, kämst du herab, oder entstiegest du doch noch einmal
noch einmal!
der See, und rührtest uns
unseren traurigen, dem Vergessen anheimgefallenen
Scheitel!
Aber wo willst du uns finden, wenn die Opfer stumpf werden unter den
harten Felsen so großer Schönheit – nennen wir’s so –
unter den Schreien des Entzückens, unter dem Stöhnen der
jubelnden Verzweiflung, der Verzweiflung die
aus den leeren Händen der Tänzer bricht, der Verzweiflung der
Ruhlosverzückten der Suchendbegeisterten, unter dem Angstblick der Verzweiflung
des Morgens und der vollen Aktenkoffer und
sanktionierten Träume – gehet hin in Frieden, ich laß euch diesen
Traum und diesen noch, wenn ihr brav seid –
Und wo willst du uns begegnen, wenn unser Blick vor Pflasterscheinen blind ist
und wie Spiegel das Licht unserer Augen, denen wir
begegnen und sonst niemandem?
Wo?
Könnten wir dich bemerken, wenn du unser Opfer erhörtest?
Sähen wir dich denn?
Wollen wir’s, oder haben
wir genug damit, daß wir die See bändigten, deren Gefahren uns
nicht mehr am Leben erhalten, lange nicht mehr,
genug auch damit, daß wir den Mondschein aus unseren Fenstern verbannt haben
daß er uns nicht länger beirre, anrenne, verfluche, beschwöre, uns
riefe, hinaus hinaus hinaus zu ihm
uns in lebendige, wirkliche, zerstörerische, gleißende, Jubelnde
Verwirrung zu stürzen, zu senken, zu taufen? Zufrieden?
Ja wir sinds, wir Zufriedenen, Glücklosglücklichen
Heiligen ohne Seele, Seeligen ohne Heil, Traurigen ohne Schmerz
Singenden ohne Musik Stimme Klang, wir sind – ein Schatten, den einst
wir uns erdachten, pflegeleicht.
Ja, wo erscheinest du? Nicht in der See, von der uns abwendeten
(denn sie vermag uns nicht mehr zu töten),
Nicht in der mondübergossenen Heide, unter dem betörenden Wacholder nicht,
und nicht unter der Last des Mittags, nicht würdest du
mehr angelockt vom Hauch der Sonne auf unserer Haut
geruchlos sind wir und sauber, kein Odem mehr stiege von unseren
begehrenden Körpern auf zum Himmel, da die Götter wohnen und du
unter ihnen
und nicht störtest du unseren Schlaf,
den wir ohne Träume schlafen, sicher und
verschlossen hinter den Fensterläden.
Nein wir
können dir noch manches Opfer bringen, und die Altäre
mögen silberner noch werden
und der Himmel nicht hoch genug ihrem Glanz
Du erhörst uns nicht mehr
nicht
hier und nicht
in den Tagen des Übermüdetseins
nicht in den Tagen
des verbotenen Irrseins
nicht in den Tagen
des angepflanzten Schmerzes, der in erträglichen Dosen
verabreicht wird, nicht in den Tagen
der Erforschung unserer Herzen
nicht heute
nein
heute nicht.