die tage haben weniger stunden.
noch einmal …
noch einmal ein senkblei aus gedankenschwere in die wärme tauchen, ins gelb der blätter hineingreifen, nachhängen der wehmut, abschiede fußwärts in schlamm und moder hineinbuchstabieren. sonne glitzert flache gräben entlang, stirnwärts das laub wie schleifen in den himmel geknotet, sanft ins blau verschnürt die gelben pappelmeere. die weite jenseits des waldsaums füllt sich mit glockenschlag.
der herbst trägt bunte mützchen. der herbst lächelt aus knopfaugen. der herbst pflügt mit blauen und roten und gestreiften gummistiefeln durchs raschellaub. mit kinderhänden hebt er behutsam die kastanien auf. manchmal sticht er sich, bekleckert sich das jäckchen, verbrennt sich die stirn an den lichterlohen lärchen. der herbst hat ein hohes stimmchen, damit johlt er durch den wald.
und während schritte von nah und fern rascheln: noch einmal, ein letztes mal, geblendet sein dürfen und die augen gegen die wärme schließen. die stimmen klingen von weit durch den wald, und die bäume so leicht, die luft so papierdünn, daß die ferne widerhallt zwischen den stämmen; stimmen und stimmchen und hundegebell, zwischen rieselnder, niederfallender stille; da noch einmal innerlich leer werden und alles an welt in sich hineinlassen. wieder ausatmen, während man das gewicht der eigenen hand bemerkt, das leise klopfen an den türen der ewigkeit. lauschen. und dann wieder und noch einmal die schwere des wortes noch einmal fühlen.

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ich warte immer noch, aber je länger ich warte, desto weniger weiß ich, worauf. auf sternschnuppen. auf die andere seite des mondes. auf die kaiserliche botschaft. auf einen schatten vor meiner tür. auf mich selbst. auf die vergangenheit. ich warte um des wartens willen, was sonst ist zu tun. ich hab vergessen, was ich wollte. ach so, ja. das telephon. das schweigt immer noch, ich laß es schweigen, ich hör gar nicht mehr hin. es muß allein damit klarkommen.
ich fühle mich nicht mehr verantwortlich.

ich fühle mich nicht verantwortlich und suche in meinem gesicht nach spuren. ich schneide eine grimasse. ich denke, ich kann mich nicht in mich hineindenken. geschweige denn mich mit den augen eines anderen denken. ich bin eine nullstelle, der punkt, an dem die welt stillsteht, der punkt, von dem alles ausgeht. der punkt, der die welt aus sich entfaltet, und zu dem sie zurückkehrt, um dort zu verschwinden, ohne selbst etwas gewesen zu sein.

ich wünsche mir gespräche. ich wünsche mir, daß mich wer aufschlägt und mir vorliest aus mir. ich wünsche mir, daß ich meinen mantel ausziehen, den stock in die ecke stellen, mich an den tisch setzen darf. und dann legt mir wer die hand auf den kopf und sagt mir, alles ist gut. und alles ist gut.

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keine erdbeeren

wieder einmal mich anhalten zu einem sieh-was-da-ist.
aber erst einmal: abschiede. eine handvoll sand zusammenraufen und emporwerfen. die finger im vorbeigehen durch die hecke gleiten lassen, sagen: hier war ich. hier war es. die verstreute herde der blicke wieder einsammeln. nach hause gehts, das herz voll mit fremdem, die hände gelb vom staub, das letzte, was blieb. wieder muß ich es aufgeben. wieder ist eine geschichte vorbei, die nie zu ende erzählt wurde. die abende schaukeln in der wärme, die kinder sind am meer oder im freibad, sie ist fort, und ich denke: jetzt kommt richtig der sommer. sieh, was da ist.
später wird das „der sommer“ heißen, „wo ich keine erdbeeren aß“.

Kirschblüten parodieren sich selbst (wie jedes Jahr …)

es gibt nichts zu sprechen. weder inwändig noch auswändig. weder zu menschen noch zu pilzen, noch zu wasserfällen, falls es irgendwo noch welche geben sollte, nein, worte sind nicht, und das leben spielt sich ab zwischen pflasterstein, tastatur, bier und bett, höhepunkt der woche ist die sonntägliche masturbationssitzung. im wortsinne.

ein baufahrzeug hängt in den scheiben, unsichtbar, drängelnd. überall wird jetzt gebaut, als wüßten sie alle genau, wofürs gut ist. ich weiß es jedenfalls nicht, und so erscheint mir das alles albern und wichtigtuerisch. kirschblüte parodiert wie jedes jahr ihren eigenen kitsch. wahrscheinlich weiß sie, wofürs gut ist. aber käme nur noch auf platz zwei.

so sind die zukünfte: banal. die wege geben nichts zurück von dem, was man ihnen überließ und überläßt, tag für tag, die hoffnungen sind alltäglich und maßlos. herrlich, wie spaßhaft das alles ist. nichts verpflichtet. morgen ist ja auch noch ein tag.

aus dem stundenbuch. worte und tage

Worte und tage.
Sublimes wortgeklingel.
Ich trete hinaus, die welt zu finden, Regen, Blüte, Fels, aber es strömen wieder nur worte zu mir zurück, „Regen“, „Blüte“, „Fels“, die mir, wie alte, lästige freunde, immer wieder aufs neue und erwartungsgemäß begegnen. Vertraute gefährten, die mir eine welt, keine neue, erschließen, immer und immer dieselben staubigen räume. Ich strecke die hände aus und zurück kommt leeres geklingel. Es ist etwas unüberbrückbares zwischen mir und dir, da draußen. Worte klingen wie vermittler. Aber sie prallen zu mir zurück, ehe sie dich erreichen können.
Manchmal gibt es nichts außer worten. Dann muß man sogar dankbar sein. Ich weiß nicht welches von beiden schlimmer ist, in der welt sein zu müssen, ohne schreiben zu können, oder schreiben zu können, ohne in der welt sein zu dürfen. Heimat ist jedenfalls nirgends.
Wie ein pfeil die sehne besteht, um geammelt im absprung …

und so

Und so warten wir weiter, daß etwas passiert. Trinken kaffee, ärgern uns über die zweitakter, lesen herodot und warten, daß endlich etwas passiert. Etwas, das wir, aufgeschrieben, gerne läsen, mit schauern im herzen.
Ja, genauso wars, werden wir dann gesagt haben. Doch das zweite futur ist noch nicht das richtige tempus.

wieder, und derzeit die einzige möglichkeit eines atemzugs glück (oder etwas ähnlichem, voll davon): mich selbst ablegen in geschriebenem. für einen augenblick, der nicht länger dauern muß als es braucht, den stift niederzulegen: frei sein von mir selbst.

laß endlich die alten geschichten.
wirf deinen kummer hinaus in die lüfte, vertrau ihn dem himmel an, laß ihn fliegen, den schwarzen vogel wehmut, laß ihn endlich frei. gib das Alte auf, flüstere es in einen hohlen baum, grab ein loch in die erde, dort sprich es hinein und schütte es zu. oder schreib es auf einen stein und schleudere ihn ins meer.
dann halte deine hände wieder auf den wundern. sieh hin, hör zu, male ein fragezeichen, gib dem gang der dinge einen kleinen schubs. höre Dvořák, lies Ovid, verwandle dich und freue dich auf das gastmahl.

hangend
in einem vogelflugvoll raum

und wieder,
denk ich,
einen fuß schlackernd
in der luft

die hände rudernd
nach einer stunde halt

die zeit stürmte. wie sie es immer tat.
und der mond stahl der unruh eine stunde.

am fuß nistete geraschel.
laubwerfende stunde
dachte ich und schriebs
mit dem fuß in den sand.

die perpendikel sahen zu
wie kristall sie bewuchs.

und wieder
sagte ich zur pergamenthaut
des feuersalamanders.

er aber hielt mir nichts hin
als das trockene
seiner gebrochenen farbe.

Köln, Agnesviertel

Das sind ja nun Orte, die ich selten aufsuche, daher waltet an ihnen immer noch emsig die Erinnerung. Wie lang es auch her sein mag. Nichtabgeschlossenes wirkt viel in mir. Die Jahre schieben sich dazwischen, aber es ist als fließe das Alte, das Gelebte, Stunden des Glücks und des Unglücks, jedenfalls aber des Reichtums, widerströmig zurück. Nichts ist so fern, daß es blaß würde. Im Gegenteil ist es so lebendig, daß es mich schreckt, wenn ich mir die lange Zeit vergegenwärtige. Wie lange bin ich schon hier in dieser Stadt, beispielsweise, und die Orte, wieviel haben sie schon gesehen, und sind immer noch die alten orte und ich immer noch da.

III

sieh, was da ist. nimm einen kiesel aus dem bach, steck ihn in die tasche, trag ihn herum, bis er sich in die furchen deiner haut eingepaßt hat, bis er dein ist. nimm das licht aus dem gatter der zweige, häng es dir über die schultern, trage es. streiche die SCHWACHEN STUNDEN glatt. falte daraus ein knisterndes origami. und so tu es mit allem.
verwandle es.
vertraue dich dem gedanken an: du hast kein heim. daran erstarke.

die nächte tragen mal um mal masken vorm antlitz. wenn du nicht darunter blicken kannst, gib ihnen namen. (Träumerin, Muse, Göttin, Frevlerin, Täuscherin, Trost, Zorn, Keusche, ‚Eωσφόρa …)

nimm den duft der blumen, berühr ihn mit der zungenspitze. fahre dem schatten einer rose nach mit dem großen zeh. (lerne, selbst einen schatten zu werfen? ja.) schnuppere an den wasserlichtern auf dem tisch. laß dich in einem tautropfen zerkrümmen. konvex und konkav, überlege, was was war. hole atem, als trügest du einen lateinischen vers vor: mit staunen.
so viel leichtsinn braucht es mindestens. wenn du müde bist, so fordere den schlaf.

II

ihr tauftet die dinge

priesterinnen des wortes
kalligraphische tänzerinnen
tönend grammomorphe nymphen

alles trug schon mehrere namen

ich drehte den stein um
ich leuchtete die schatten aus
ich zerdrückte die davoneilende assel
ich riß dem fliehenden vogel
eine feder aus seinem schwanz
ich grub mein messer in die triefende borke
brach ast und knochen
schöpfte das naß
brannte einen felsen nieder
meißelte gekritzel in den stein
(doch sah ich wieder hin
stand dort immer nur
mein eigener name geschrieben)
durchbohrte den fisch
preßte die blumen
drückte trauben zu brei

und das buch
ächtete ich
den faden
zerriß ich
den herrlichen stier
verschnitt ich

während ihr lauschtet

(den dingen
und was sie euch erzählten)

und dann tauftet ihr sie

aus dem stundenbuch

man muß sich nicht immer als reibefläche erweisen. es ist immer noch träumbar, sich unter die sonne zu beugen und sich so dünn zu machen, daß man zwischen zweimal luftholen weite räume aufstieße. träumbar, zu verschwinden in den spalten zwischen dem gras, oder in die poren eines steines sich aufnehmen zu lassen.

das licht ist ja unüberwindlich. die amselgesänge grausam und schön, und jahr für jahr kehren sie wieder. nur eines ist noch schlimmer als ein sieg, und das ist die niederlage. ich empfinde es als zumutung, daß ich sterben muß. es gibt nur eines, das schlimmer ist als sterblich zu sein, und das ist die unsterblichkeit.

es bleibt immer aufgabe: ins reine kommen mit dem eigenen. den finger befeuchten, in die träume halten und prüfen, wo das meer liegt.

sich verneigen gegen die richtung, in der einst das zu wagende lag und dreimal mutabor rufen.

aus dem stundenbuch

arbeitsmüde bin ich nicht, ich tue ja doch nichts, kaum etwas. aber ich bin wohl der täglichalltäglichen orte müde, nicht mal wochenends bin ich draußen gewesen seit wochen, in der eifel oder mal, was weiß ich, in der fremde, zwischen andern wänden, über andre straßen, unter fernwolken, die meine aufmerksamkeit einfordern. dieselben haltestellen, dieselben fahrpläne, dasselbe fußgetrippel, dieselbe plakatwand tagaustagein, derselbe baum hier, dasselbe schlagloch hier, jeden nachmittag gegen den wind, jeden abend mit dem wind. die handgriffe sind schal und zerfallen in den fingern wie mehliger apfel im mund.

ich will raus. ich will wieder mal ein gewicht auf den schultern haben. will mal wieder eine straße vor mir, eine herberge hinter mir haben. ein gebüsch teilen, durch einen eisbach waten, einen verborgenen pfad gehen, auf einen gletscher blicken, das meer sehen, nach schwämmen tauchen, sternennächte ausstrinken statt zu schlafen.

einmal nicht wissen, wo der weg auskommt.

aus dem stundenbuch

so viel tagessteine und jahresringe ich mir auch angehäuft hab, zum blumenstolz meiner fußspuren, ich kann die stimmen, die

sirenenstimmen

nicht niederleben. doch auch das bescheidene wachs ist mir gällig, das machen, das machten andere zuhauf zuunwerthauf, das ist nicht meins, lieber, ja, lieber zerschellen und stolzes unglück tragen wie ein prachtgewand.

hab mich doch einst, wiedergekehrt aus der stadt am ende des jahrtausends, nach leidendem mute benamst. nun will ichs dulden.

immer mehr himmel fahren sich auf, und sind immer fremdere himmel. ich kehre zu den fernen inseln zurück, unerreichbar wie je, kythera, thule, ogygia, doch nun tragen sie andere masken vor den lieblichen gestaden. ich kenn sie ja gar nicht. selbst die phantome wechseln das antlitz. frei zu sein glaubte ich. nun hat mir ein dieb nächtens die träume gestohlen, sie weitergeschenkt, vergraben, in göttereschen gehängt, nun bin ich ohne sie frei. bin so schrecklich frei, daß ich gehen kann, wohinimmer ich will. ich schmecke den pollen, ich sehe die weite, ich verachte das wetter, ich stemme die wolken, ich höre die stimmen, neue und neue, ich muß es dulden.

auf dem weinfarbenen meer.

aus dem stundenbuch

Abend in Impekoven. Gras unter schräger Sonne besponnen mit silbrigschwankenden Drähten von Halm zu Halm. In Stille eingesunkenes, zerhuftes Klappern, Stimmen von fern, vertröpfelnd zagen die Vogelstimmen. Meisen, eine letzte Amsel, ein Zilpzalp, fast ists ein Zuhause, zumindest tönt die Stunde wie eine Rückkehr. Nur so allein, was aber vielleicht gar nicht so schlimm ist.

Ende März schrieb ich dies, erinnernd. Ich konstruiere mir meine neue Verfaßtheit, eine Ichbestimmung für die nächsten Monate erfinde ich mir, lege mir meine Einsamtage, meine Genügsamtage zurecht und vor mich hin. Betrachte diese neue Zeit und nehme mir vor, ohne Leid, ohne Zerquältheit zu sein. Annehmen, was kommt, ebenso wie was ausbleibt, das will ich, und keinen Mangel dabei haben.