II

ihr tauftet die dinge

priesterinnen des wortes
kalligraphische tänzerinnen
tönend grammomorphe nymphen

alles trug schon mehrere namen

ich drehte den stein um
ich leuchtete die schatten aus
ich zerdrückte die davoneilende assel
ich riß dem fliehenden vogel
eine feder aus seinem schwanz
ich grub mein messer in die triefende borke
brach ast und knochen
schöpfte das naß
brannte einen felsen nieder
meißelte gekritzel in den stein
(doch sah ich wieder hin
stand dort immer nur
mein eigener name geschrieben)
durchbohrte den fisch
preßte die blumen
drückte trauben zu brei

und das buch
ächtete ich
den faden
zerriß ich
den herrlichen stier
verschnitt ich

während ihr lauschtet

(den dingen
und was sie euch erzählten)

und dann tauftet ihr sie

s
o viel tagessteine und jahresringe ich mir auch angehäuft hab, zum blumenstolz meiner fußspuren, ich kann die stimmen, die

sirenenstimmen

nicht niederleben. doch auch das bescheidene wachs ist mir gällig, das machen, das machten andere zuhauf zuunwerthauf, das ist nicht meins, lieber, ja, lieber zerschellen und stolzes unglück tragen wie ein prachtgewand.
hab mich doch einst, wiedergekehrt aus der stadt am ende des jahrtausends, nach leidendem mute benamst. nun will ichs dulden.

immer mehr himmel fahren sich auf, und sind immer fremdere himmel. ich kehre zu den fernen inseln zurück, unerreichbar wie je, kythera, thule, ogygia, doch nun tragen sie andere masken vor den lieblichen gestaden. ich kenn sie ja gar nicht. selbst die phantome wechseln das antlitz. frei zu sein glaubte ich. nun hat mir ein dieb nächtens die träume gestohlen, sie weitergeschenkt, vergraben, in göttereschen gehängt, nun bin ich ohne sie frei. bin so schrecklich frei, daß ich gehen kann, wohinimmer ich will. ich schmecke den pollen, ich sehe die weite, ich verachte das wetter, ich stemme die wolken, ich höre die stimmen, neue und neue, ich muß es dulden.

auf dem weinfarbenen meer.

in den tiefen fältelungen einer lang nicht getragenen jacke: finde ich heute morgen unter vielen zetteln, leihquittungen der bibliothek im schumannhaus (mozart orgelwerke, vivaldi concerti grossi, widor orgelwerke), kassenzetteln von edeka (milch, pepperoni mild, hefe, mehl, wein) auch die quittung. café ehrenstraße. 02.01.2002. zweitausendzwei. ich muß nicht lang überlegen, ich gehe ja nie in cafés.
um mich ein bißchen selten zu machen, hatte ich das institut gemieden und die mail an o. von einem internetcafé aus geschrieben. bis zur verabredung hatte ich nun noch zwei, drei stunden zeit, die ich nicht wußte, wie füllen. was zu denken war, war alles bis an die grenze der angst gedacht, was zu hoffen war, gehofft, nun ging das bangen los, wohin mit all dem in den drei stunden, bis ich das jüngste vom tag zuvor (orgelflimmern im dom, seil ohne bahn, frühstück, dann die blaue kälte über den schnurgeraden wegen im königsforst, der mann mit dem opi-parfum, die getrennt frierenden handpaare) endlich o. würde erzählen können?
also ein café, ein beliebiges, und ich gehe ja doch nie in cafés, also egal. zum zweiten oder dritten mal in meinem leben mit der neuen währung zahlen. zuckerkrümel zählen. passanten beobachten. bang sein. hoffen. irgendwie ging es vorbei. las ich was? schrieb ich was? ich weiß nicht mehr wie, nicht einmal an das unangenehme, das zähe, wie es doch gewesen sein mußte, erinnere ich mich. die stunde kam, die stunde ging, ich zahlte in der neuen währung und ging hinüber zum neumarkt. damals fuhr die linie 16 noch nach mühlheim.

Zeitzeichen

in den tiefen fältelungen einer lang nicht getragenen jacke: finde ich heute morgen unter vielen zetteln, leihquittungen der bibliothek im schumannhaus (mozart orgelwerke, vivaldi concerti grossi, widor orgelwerke), kassenzetteln von edeka (milch, pepperoni mild, hefe, mehl, wein) auch die quittung. café ehrenstraße. 02.01.2002. zweitausendzwei. ich muß nicht lang überlegen, ich gehe ja nie in cafés.
um mich ein bißchen selten zu machen, hatte ich das institut gemieden und die mail an o. von einem internetcafé aus geschrieben. bis zur verabredung hatte ich nun noch zwei, drei stunden zeit, die ich nicht wußte, wie füllen. was zu denken war, war alles bis an die grenze der angst gedacht, was zu hoffen war, gehofft, nun ging das bangen los, wohin mit all dem in den drei stunden, bis ich das jüngste vom tag zuvor (orgelflimmern im dom, seil ohne bahn, frühstück, dann die blaue kälte über den schnurgeraden wegen im königsforst, der mann mit dem opi-parfum, die getrennt frierenden handpaare) endlich o. würde erzählen können?
also ein café, ein beliebiges, und ich gehe ja doch nie in cafés, also egal. zum zweiten oder dritten mal in meinem leben mit der neuen währung zahlen. zuckerkrümel zählen. passanten beobachten. bang sein. hoffen. irgendwie ging es vorbei. las ich was? schrieb ich was? ich weiß nicht mehr wie, nicht einmal an das unangenehme, das zähe, wie es doch gewesen sein mußte, erinnere ich mich. die stunde kam, die stunde ging, ich zahlte in der neuen währung und ging hinüber zum neumarkt. damals fuhr die linie 16 noch nach mühlheim.

tapp, tapp hinter mir her. jeder schritt, jede wendung, jedes stolpern, tapp, tapp. jedes zögern, jedes weiter, tapp? tapp!, jedes schreiten, jedes schlendern: tapp … tränen stehen wartend hinter wällen aus schalentieren. tapp … musik bricht nachmittageweis aus den gefäßen, ein klingender mehltau, abgeschwitzt aus der trägheit der stundenweiser und in die mittagshitze verzittert, die draußen vor dem fenster hockt und grinst, so geht es nicht weiter.

ich könnte so viele konjunktive. doch geschichten sind schwerer zu erzählen, als einem die bücher weismachen wollen.

ich könnte beobachten, und ich tus auch. ich könnte schreiben und ich tus auch. ich könnte mich untätig ins gras setzen und der sonne beim rollen zusehen. ich tus. beobachtetes beobachten. als könnte jemand seinen eigenen schatten einfangen und unter glas setzen. in meiner kindheit sagte man neber mir. ich horche. die entschlüsse brodeln. ehe sie sich milde in schlaf auflösen, dann ist wieder ruhe und die kurven sind still. so geht es nicht weiter.

jedes glück ein pakt. jedes aufatmen und aufbrechen eine übergangsregelung. jede sonne im gesicht aufschub. hinhalt. noch einmal und noch einmal und noch einmal pause. so oft sich sammeln und haltmachen, daß das sammeln und haltmachen zum lebensinhalt wird. wenn es nicht das eine ist, ist es das andere, manchmal rauschesgrelle am morgen, dann wieder tropft spermatöses erwachen von den wänden. tapp, tapp. folgt es mir, oder folge ich? je schneller ich renne, desto ruhiger wird alles. bleibe ich stehen, bricht der lärm aus gesichtslosen mündern. so geht es nicht weiter. so. nicht.

tapp, tapp, wohin des weges. kein weg mehr führt ins wasser, oder in den rausch blinder helligkeit, die das samenkorn in sich barg. nein, wir sind ja schon weiter, höchstens noch, daß die tage bäume schütteln. kenn ich schon kenn ich schon. von hier aus geht’s nach da und dann nach dort. träume schäumeln unentwegt. da sitzt etwa die alte auf der schwelle unterm feigenbaum, kinder spielen ausgelassen in geweißelten gäßchen, sonnenuntergang verheddert sich in piniennadelgrün, auf dem marmor klirrt eis und anis. wär das was?

tapp, tapp.

oder die uferpromenade, die man mit dem kinderwagen abfährt, während onkeltanten, gattin oder dergleichen am arm hängen, wär das was? sonntagnachmittage mit sahnetorte, die im magen schaukelt, schläfrigem bauchansatz und kindergeplapper und in gedanken weilt man schon beim braten, beim üblen projekt des montags, wär das was?

oder einfach weitermachen? aber das tut man ja sowieso, wenn man gar nichts tut. und das tut man meistens.

oder das haus am meer. da sieht man den eigenen riesen vor seinem schatten am schreibtisch sitzen, bücher neigen sich halbschattig aus dem regal, draußen kocht die see. wär das was. dazu müßte man jeglichen traum von sich getan haben: der da sitzt, ist ein riese ohne traum. oder er ist sein eigener traum, was auf dasselbe hinausläuft.

tapp, tapp, tagaustagein, bahnsteigauf bahnsteigab, von stadt zu stadt von haus zu haus. tapp tapp. wie licht über die stirn geworfen.

am heck stehen und dorthin sehen, wo längst keine küste mehr ist. tapp tapp, ist da wer. der versuch einer rettung scheitert täglich. mit jedem scheitern aber wachsen die heimstätten des riesen, die süßen höhlen, die stille ruh. die traumlose ruh.

(tapp tapp)

kein zuhause haust mehr, und die frage ist, ob es jemals anders war.

so geht es nicht weiter.

weiter geht’s.

über weblogs

was ich bei der ganzen sache nicht optimal finde, das ist — aber natürlich eine definitorische eigenschaft — die strikt und unänderbar chronologische darstellungsform eine weblogs. alles, was jenseits der „neuesten einträge“ ist, verschwindet auf immer in der versenkung, höchstens noch einmal überflogen von augen, die über einen suchbegriff hereingeschneit sind — und wohl meist ebenso schnell wieder herausschneien. (die meisten zugriffe über suchmaschinen sind bei mir aus dem bereich der botanik zu verzeichnen, was nun wirklich nicht ein zentrales thema auf meinem blog ist).
mir geht es so, daß meine texte fast nie mit ephemerem tagesgeschehen zu tun haben, meist jedoch auf ein allgemeines hinausweisen, und, sofern es mir gelingt, als text für sich allein stehen können. neue leser kann man in einer blogsphäre immer nur mit neuen texten gewinnen (denn niemand stöbert in den archiven, ich übrigens auch nicht; und niemand „sucht“ dich, der autor muß zum leser kommen, nicht umgekehrt), was einen ständigen druck bewirkt, immer neues zu produzieren. wenn man erreichen will, daß ein bestimmter text von möglichst vielen gelesen werden soll, so darf man aber lange nichts veröffentlichen, damit der text am anfang stehenbleibt. daraus ergibt sich ein paradox: um gelsen zu werden, muß man viel schreiben; damit etwas bestimmtes gelesen wird, darf man nicht viel schreiben. daher denke ich in letzter zeit verstärkt über eine eigene hp nach.

auch sehr enttäuschend finde ich die discrepanz zwischen eigener und fremder beurteilung meiner texte. meist bekomme ich gerade auf arbeiten, die mir besonders wichtig sind, auf die ich besonders viel mühe und nachdenken verwendet habe, die mich schweiß und ausdauer gekostet haben, auf die ich dann stolz bin, bekomme ich auf solche texte keinen kommentar. nicht einmal ein „find ich gut“, ein „find ich langweilig“ oder ein „verstehe ich nicht“, nein, nichts. schweigen. atmosphärisches rauschen. dann wieder schreibe ich einen text aus drei wörtern („halt dich raus“), der mich kaum mehr zeit gekostet hat als nötig war, ihn einzutippen, und bekomme 8 Kommentare. das dürfte anderen auch so gehen; ich habe schon einträge gesehen, die nur aus „ich hab kopfweh“ oder „der regen geht mir auf’n keks“ bestanden, und kommentare im zwanzigerbereich auslösten.

Incipe!

dimidium facti qui coepit habet; sapere aude,
incipe! Viuendi qui recte prorogat horam,
rusticus expectat dum defluat amnis; at ille
labitur et labetur in omne uolubilis aeuum.

halb hat die arbeit getan schon, wer anfängt nur. klug zu sein, wage,
mach dich ans werk! denn wer aufschiebt die stunde des richtigen lebens
wartet dem bauer gleich, daß nur versiege der strom, aber jener
fließet und wirbelnd wird fließen dahin bis ans ende der zeiten.

(Q. Horatius Flaccus, Epist. I, 2)

wenn ich mal groß bin (4. Juli 2005)

Heute morgen, nicht unbedingt im Halbschlaf, aber mit den Gedanken noch im Dunkeln wurzelnd, schoß mir ein beängstigender Gedanke durch den Kopf. Plötzlich war es greifbar und in die nächste Zukunftsnähe gerückt. War nicht mehr weit fort und wie dem Leben einer andern Person angehörig, in die ich erst langsam würde hereinwachsen müssen; war nicht mehr, was ich noch würde werden müssen, erträumt beim Blick auf den Kalender, oder auch gefürchtet; war nicht mehr ein ferngespiegeltes Nochncihtich: nein, das war bereits ich – und es war der, der ich jetzt bin, völlig banal ich, weder gewachsen noch gereift noch klüger noch weiser noch erwachsener, vernünftiger, besser. Keine subtile Metamorphose käme mir zu Hilfe und machte die Tatsache dieser Zahl erträglicher. Dieser Zahl, derer es noch viele gibt, bei Gelegenheit: Wenn mein E-Mail-Account ausliefe und ich das nächste Mal eine Verlängerung beantragen müßte, wäre ich fast vierzig. Juni 2010. Ein Datum, das es geben wird, ein Datum, das ins Jetzt hinübergreift, indem es eins von den Daten ist, die man in Gedanken großzügig abschreitet. Räume sind das, so naheng, daß mein Planen und Voraussehn schon um sie herumfaßt. Ach, hatte ich gedacht, verlängerst dir deinen Account mal um fünf Jahre, dann hast du eine Weile Ruhe. Wie leichtsinnig. Eine Weile Ruhe. So lange ist das gar nicht, ist im Gegenteil gräßlich nah. Früher waren fünf Jahre lang, und immer noch in der eigenen Jugend beheimatet. Jetzt weisen fünf Jahre hinaus in eine Welt jenseits. Weit jenseits des Jung- aber auch des Jugendlichseins, selbst dann, wenn – was wahrscheinlich ist – ich mich kaum anders fühlen werde als jetzt, und das ist immer noch: reichlich pubertär. Wenn ich mich das nächste Mal um meinen Account kümmern muß, bin ich vierzig. Fast. Das ist ein wahnwitziger Gedanke, und sieben Uhr morgens keine gute Stunde, ihn zu denken.fficeffice“ >

Zumal fünf Jahre immer weniger wert sind, je spätere fünf es sind.

Ich versuche, mich unabhängig davon zu denken, welche Zahl nun mein Alter angibt. Versuche, in mich hineinzufühlen. Versuche, umgekehrt, mich in eine Zahl, sei es 34, sei es dereinst 40, hineinzufühlen, es mir irgendwie behaglich, nein, stimmig darin zu machen. Aber ich habe nicht die geringste Ahnung, wie ich mich zu fühlen habe; weiß nicht und rätsele, wie man sich stimmigerweise mit 34 fühlt soll, so daß Zahl und Lebensgefühl zusammenpassen. Doch wie man sich fühlt, ist kaum zu trennen von dem, wie man von außen bestimmt wird. Hier klafft eine immer größere Lücke. Und der Macht der Zahl, wenn sie von allen Seiten und in gänzlichem Übereinstimmen aller an einen herangetragen wird, von der Wiege bis zur Bahre, kann man sich schwerlich entziehen. Was aber genau wird da an mich herangetragen? Und es geht mir auf: In meinen Bekanntenkreis ziehen immer mehr Menschen ein, die bedeutend jünger sind als ich; und die Gleichaltrigen sind alle durch die Bank Ausnahmen (wie ich selbst?). Das typische entzieht sich (und vielleicht ist das ja ein Hauptwesenszug, nein, der Wesenszug des Typischen?), wenn ich ein Beispiel nennen wollte. Es bleiben die, die vor mir 34 waren, lange vor mir; aber die entziehen sich auf andere Weise:

Denn eigentlich ist es immer schon so gewesen, mit dem Erwachsenwerden: Das war immer ein anderer. Der vorgestellte Zwanzigjährige, der anvisierte Dreißigjährige, und jetzt der Vierzigjährige, der ich bei ablauf meines Accounts (fast) sein werde, immer sah ich Menschen oder stellte sie mir vor, die auf unfaßbare Weise fertiger, ich will nicht sagen, reifer, aber ausgestalteter waren und das Leben fester in den Händen hielten. Nie hatte ich das Gefühl, jetzt dort angelangt und auch so zu sein. So einer. Ein Großer. So groß, wie die Großen es waren, als ich selbst jung zu ihnen aufsah. Ich blieb immer ich und dem Leben schwankend ausgeliefert, fragend, unverstehend, kopfschüttelnd, aufbegehrend, strampelnd, irrlichternd. Und sehr wenig Herr meiner selbst oder Bezwinger meiner Träume. Immer schon hab ich geträumt. Und gerade kommt mir der Gedanke: Vielleicht unterschied das genau die Erwachsenen von mir, der ich einer werden mußte: Daß sie in meiner Vorstellung nicht mehr träumten, sondern auf schwer bestimmbare Weise waren. Lebten.

Meistens fühle ich mich albern, und kein bißchen schlauer. Verrannt in Unhaltbares. Versponnen in wilde Träumereien, manchmal nur zusammengehalten von einem unguten Stolz. Manche sagen auch Sturheit dazu.

aus dem stundenbuch

man muß sich nicht immer als reibefläche erweisen. es ist immer noch träumbar, sich unter die sonne zu beugen und sich so dünn zu machen, daß man zwischen zweimal luftholen weite räume aufstieße. träumbar, zu verschwinden in den spalten zwischen dem gras, oder in die poren eines steines sich aufnehmen zu lassen.

das licht ist ja unüberwindlich. die amselgesänge grausam und schön, und jahr für jahr kehren sie wieder. nur eines ist noch schlimmer als ein sieg, und das ist die niederlage. ich empfinde es als zumutung, daß ich sterben muß. es gibt nur eines, das schlimmer ist als sterblich zu sein, und das ist die unsterblichkeit.

es bleibt immer aufgabe: ins reine kommen mit dem eigenen. den finger befeuchten, in die träume halten und prüfen, wo das meer liegt.

sich verneigen gegen die richtung, in der einst das zu wagende lag und dreimal mutabor rufen.

konservativ

ich habe immer die erwartung, nach jahren der wanderung heim zu kommen und alles so vorzufinden, wie ich es verließ. es war gut so, als ich ging; warum sollte man etwas ändern, das gut war? also erwarte ich, hier den bäcker wiederzufinden, wo es meine lieblingsbrötchen gibt; dort den drogisten im weißen kittel, der immer das richtige lösungsmittel wußte und auch bilder entwickelte; hier die stadtbibliothek und gegenüber die kleine pizzeria mit dem wunderbaren pizzabrot, das es auf kosten des hauses vorneweg gab. hier die grundschule, dort der radioladen, wo man sich zartfühlend um eine aufgesprungene audiokassette bemühte und sie immerhin so zusammenleimte, daß ich sie wieder abspielen konnte; dort der apfelbaum in nachbars garten. hier der kanal, auf dem immer die schiffe schwermütig vorbeituckerten. so war es, es war gut, warum sollte es sich ändern?

der duft des sonnenschutzmittels, das eine kindheit lang den geruch von sommer, ferien, bergabenteuern oder mittelmeerschlauchbootpiraterien in sich barg, winters verschloß, sommers uns immer neu wiederschenkte: jahre war er gut genug, warum mußte man ihn ändern? mein lieblingsschampoo, was gab es daran auszusetzen, daß es aus den läden verschwand?

heute wollte ich in der zülpicher straße einen bremszug kaufen, in einem fahrradladen, den es, gleich am südbahnhof, die ganzen jahre meiner studienzeit dort gab; dort verkaufte man nicht nur fahrräder sondern auch ersatzteile und führte reparaturen durch.

jetzt gibt es dort einen „Mister Döner“. War es nicht gut, daß es den fahrradladen gab? wo gibt es den nächsten? war eine dönerbude, eine kette zumal, nötig in gesellschaft einer bäckerei, eines schickimickilaffeeladens, eines „subway“, einer eisdiele und einer kombinierten stehpizzeriaasiatakeaway? ganz zu schweigen, daß die gesamte zülpicher straße auf länge ungefähr eines kilometers kaum eine andere form des einzelhandels als resaurationsbetriebe aufzuweisen hat.

und der nächste fahrradladen?

septembermorgen

draußen war eines morgens wieder draußen.
ein graureiher strich die tage ab.
wolken schüttelten die fäuste,
und das tolle windkind zog die föhre an den haaren,
wieder und wieder. die laternen trugen bärte.

auf dem bahnsteig des balkons sahen
die erikablüten auf die uhr.
tropfengeklingel zuckte die achseln,
darüber wurde es morgen, ehe
es sich die gießkanne versah.

es geht über nacht, dachte ich, über nacht.
die kinderstimmen trieben welk auf dem vogelbecken und
die zugvögel buchstabierten die weite.
der efeubekränzte
könig mit-dem-dicken-bauch betrachtete
nachdenklich sein szepter.

da war es schon spät und noch einmal still.
und die stunden flüsterten sich was zu.

Warum …

… erhält man bei „google“ oftmals mehr ergebnisse, wenn man suchtext zusätzlich ausschließt? weil es mehr seiten mit und ohne gibt als mit und mit? wie kann das sein? und wenn wir schon dabei sind: warum schlägt „google“ eine korrektur des suchtextes vor, wenn dann keine seiten mit dem korrigierten text zu finden sind? erwähnenswert in diesem zusammenhang erscheint mir auch, was die amazon-datenbank vorschlägt, wenn man beispielsweise „bloody“ „rome“ und „history“ eingibt:

„wir haben keine genauen …“ blablabla, und dann: „unten sehen sie die ergebnisse für „romeo“.

das kommt davon, wenn man das denken maschinen überläßt.

und warum …

bekommt man bei amazon keine intelligenten suchergebnisse? man versuche einmal, einen pflanzenführer zu finden, der die flora der alpen erschöpfend behandelt. ich halte für eine solche suche den suchtext „alpen“ sowie „pflanzenführer“ gar nicht so abwegig. allein, keine ergebnisse. wie man bei einem blick in die liste der ca. 700 naturführer (von schnorchelführer über mineralien bis hin zu barbiepuppen (sic!) ist alles da) sieht, gibt es aber bei amazon (mindestens: bei 300 habe ich die probe abgebrochen) fünf alpen-pflanzenführer. nur kommt bei denen weder in titel noch in untertitel „alpen“ oder „pflanzenführer“ vor, sondern die heißen „pflanzen der bergwelt“, oder „Pareys Bergblumenbuch“ oder „Die Alpen. Pflanzen und Tiere sicher bestimmen“.

liebe amazon-redaktion, es gibt einen vorgang, bei dem man zu einem buch eine liste mit möglicherweise relevanten suchbegriffen erstellt. das nennt man „verschlagworten“. sollten Sie keine bibliothekare beschäftigen, was wahrscheinlich ist, fragen Sie einfach mal in einer universitätsbibliothek nach, wie man das macht. die helfen ihnen sicher gerne weiter.

gott, hab ich schlechte laune heute.

aus dem stundenbuch

arbeitsmüde bin ich nicht, ich tue ja doch nichts, kaum etwas. aber ich bin wohl der täglichalltäglichen orte müde, nicht mal wochenends bin ich draußen gewesen seit wochen, in der eifel oder mal, was weiß ich, in der fremde, zwischen andern wänden, über andre straßen, unter fernwolken, die meine aufmerksamkeit einfordern. dieselben haltestellen, dieselben fahrpläne, dasselbe fußgetrippel, dieselbe plakatwand tagaustagein, derselbe baum hier, dasselbe schlagloch hier, jeden nachmittag gegen den wind, jeden abend mit dem wind. die handgriffe sind schal und zerfallen in den fingern wie mehliger apfel im mund.

ich will raus. ich will wieder mal ein gewicht auf den schultern haben. will mal wieder eine straße vor mir, eine herberge hinter mir haben. ein gebüsch teilen, durch einen eisbach waten, einen verborgenen pfad gehen, auf einen gletscher blicken, das meer sehen, nach schwämmen tauchen, sternennächte ausstrinken statt zu schlafen.

einmal nicht wissen, wo der weg auskommt.

wald der möglichkeiten

Beschäftigung mit den verwandten Plänen anderer wirft sich zurück auf meine eigene Situation und weckt prinzipielle Fragen auf, die, nein, nicht schliefen, aber immer wieder glücklich sich verdrängen ließen und lassen. Immer wieder am selben Punkt. Ich bin doch schon da, wo ich hinwollte. Oder nicht? Ist das Aufgeben des Veröffentlichungsgedanken nur ein Rückzug, ein selbstbetrügerischer Verzicht, gewissen zu sauren Trauben nicht unähnlich? Und zufrieden kann ich erst sein, wenn ich mit dem „Werk“ zufrieden bin. Und von dessen Ausformung in einer Gestalt, mit der ich zufrieden wäre, bin ich fürchterliche Meilen entfernt, oder besser: Jahre.

Klar, danach wäre etwas Neues zu erringen. Aber dann hätte ich doch wenigstens schon mal was. Etwas Abgeschlossenes, auf das sich blicken ließe. So hänge ich mir selbst im Raum meiner Träume und Ansprüche fest. Ich schreibe noch nicht, ehe ich geschrieben habe.

Daß aber nur als Lebensweltproblem. Davon unabhängig sind die technischen Probleme

Und die sind schwer zu erfassen.

Dramaturgie? Szenengestaltung? Spannungsaufbau? Wechsel von beschreibenden und erzählenden Passagen? Was sage ich wann wie? Aber wieviel läßt sich überhaupt lernen?

Ein Exposé hab ich schon oft versucht. Problem (und da kann mir kein Kurs helfen): Es ändert sich ständig. Ich kriege keine story line zu fassen, die dem Eindruck, den ich vermitteln will, angemessen wäre. Hab schon zig Handlungsverläufe und Konstellationen durch. Es kommt nicht das raus, was ich will.

Ich zäums von hinten auf. Stehe am Ende und frage mich, wie es dazu kommen konnte, in den vielen Einzelheiten, die so arrangiert sein wollen, daß sich ein ganz bestimmter Eindruck daraus ergibt. Sich im Kopf des Lesers quasi synthetisiert aus dem vielen Einzelnen, das ich zu diesem Zweck anordnen muß. Es muß etwas geschehen sein, damit dieses Ende so zustandekommen kann. Das Problem ist das, was am Ende nach- und mitschwingen soll. So wie sich das Gesamtgeschehen einer Symphonie angehäuft hat, wenn der Schlußton verklungen ist. Die gesamte Stimmung ist nur in wenigen Absätzen aufrechtzuerhalten. Ich weiß nicht, welche kleinen Schritte (Wörter, Sätze, Phrasen) ich wie zusammenstellen muß, um eine bestimmte Gesamtatmosphäre zu erschaffen, die gleichsam in den Schlußsätzen mündet und in ihnen gipfelt. Ich kann nicht einfach drauflosschreiben und mich selber überraschen. Ich fühle mich ein bißchen wie ein verrückter Ingenieur, der einen Haufen Drähte, Stahl, Plastik und Schaumstoff in die Luft wirft und hofft, daß sich daraus eines Tages ein Flugzeug ergibt. Das Ergebnis steht schon fest, aber wie dahin gelangen? Und dazu ist es ein so diffuses Ziel, daß ich mich selbst verlaufe im Wald der Möglichkeiten.

automobilia

zum beispiel autos. stünde es in meiner macht, ich würde jegliche private kraftfahrzeugnutzung untersagen. ich will eine welt, in der kraftfahrzeuge nur gelegentlich vorkommen. ich will diese dinger aus der welt haben und mit ihnen autobahnen, verkehrsampeln, parkplätze, gigantomanische supermärkte, parkhäuser und was der paraphernalia mehr sind.

nun gibt es zur stützung der these, daß eine autofreie welt die bessere welt ist, eine menge rationaler argumente, und die wenigen argumente dagegen lassen sich im allgemeinen leicht entkräften. aber das ist für mein wollen zweitrangig. ich habe diese ablehnung nicht, weil es die argumente gibt, sondern ich ziehe die argumente heran, weil ich diese meinung habe. zur bildung dieser meinung sind sie unerheblich gewesen. wenn ich also diskutiere, dann nur deshalb, weil ich predige, weil ich missioniere. das ist das fundamentalistische daran, deswegen bin ich fundamentalist. die wahrheit steht schon fest. aber um sie für jünger, die die offenbarung nicht erfahren haben, akzeptabel zu machen, braucht es vernunftsgründe.

so ziehe ich argumente nur heran, weil und wo sie mir in den kram passen. das heißt, ich benutze zufällig passende vernunftsgründe nur, um für bzw. gegen eine sache zu sprechen, die für mich jenseits aller vernunft, jenseits aller diskussionen längst entschieden ist, entschieden selbst für den fall, daß alle oder einige dieser argumente wirkungslos werden (etwa durch bessere technologien): selbst im falle das auto weder in produktion, noch in betrieb und entsorgung auch nur den geringste umweltschaden verursachte, selbst wenn es schon seit jahren keinen verkehrstoten mehr gegeben hätte, meine position der ablehnung bliebe dieselbe. ganz einfach, weil es mich stört. persönlich. weil ich es für ein symptom von großschnäuzigkeit, wichtigtuerei und anzugsheldentum halte. weil ich mich beschnitten und beengt fühle. weil es für mich ein symbol für eine ganze wirtschafts-, gesellschafts- und lebensordung ist. eine lebensordung, die ich aus ganzem herzen ablehne.

fundamental

früher hielt ich toleranz für eine prima tugend. ihre grenzen, oder vielmehr die grenzen meiner eigenen toleranz sehe ich heute deutlicher. wie ich schon schrieb: ich habe begriffen, daß ich in gewissen dingen ein fundamentalist bin. das bedeutet, daß ich für mich eine absolute position einnehme, die mit argumenten nicht mehr erreichbar ist. daß es mir in gewissen dingen gar nicht mehr darum geht, mich zu einigen, weil ich die antwort auf die vorliegende frage schon festgelegt habe. ich sehe klarer, wann ich überhaupt nicht mehr argumentieren will, sondern nur noch durchsetzen, was meins ist.

dabei bin ich natürlich nicht so naiv wie der rest der fundamentalisten, die glauben, ihre wahrheit sei für alle die wahrheit, oder die dem anderen mit gewalt ihre wahrheiten aufzwingen wollen. nur: ich lasse mich nicht mehr überzeugen, weil ich diesen prozeß für mich abgeschlossen habe. (in den bereichen, in denen ich fundamentalist bin) was bedeutet, daß ich mich auf die kärglichen freiräume beschränke, in denen das meine absolute geltung haben darf. ich fliehe.

selbstentlarvung, unfreiwillig: sich informieren, wie man gegen fundamentalisten argumentiert (ohne den verstand zu verlieren), und darüber die feststellung machen: man ist selber einer!

freilich auch schön: wenn ein erboster rezensent des buches genau einen derjenigen tricks anwendet, die der autor in seinem buch analysiert. und sich damit gleichfalls als fundamentalist mit fundamentalistischen argumentationsstrategien zu erkennen gibt.

ich glaubte schon das meer an den fühlerspitzen, vermeinte schon zu schwimmen augenblicks und jeden moment unterzugehen in ihr, doch dann war die stunde wieder umzäunt und gezäumt, und lautes ticktack schlug hölzern von den wänden wider.

meine wetterfühligkeiten lauschen nun. mein verlangen grapscht nach ungezäumten stunden, die gleichfalls so hell wären wie jene. woher weiß man, daß nicht noch eine hellere kommt? erstemale lassen sich niemals wiederholen. das macht sie zu gefährlichen raubtieren.

ein feuerreif spiegelt sich in katzenaugen … das birgt die gefahr, langsam aufgefressen zu werden. im voraus.