Beruhigend: Der Verleger und Autor Michael Krüger schreibt auch nicht mehr als zwei Stunden am Tag.
Kategorie: Tagewerke
Unendliche Geschichte
Je länger ich mich mit dieser Geschichte beschäftige (man darf sagen: sehr lange), desto mehr wächst sie, wobei sie wahllos neue Gedanken und Möglichkeiten zu ihrer Verzwirbelung an sich saugt und zu verwerten trachtet. Jede neue Krise ihrer Bewältigung war von der Schwierigkeit ausgelöst worden, einen frischen Gedanken, eine bestimmte als magisch angesehene Atmosphäre, eine neue verrückte Konstruktion, eine weitere aberwitzige Verspinnung dem bestehenden Gerüst aufzupflanzen und im bereits ausgesponnenen Textkörper unterzubringen, bis das so aufgeblähte und überkonstruierte Geflecht unter der eigenen Spannung zusammenbrach und ich wieder ganz von vorne beginnen mußte. Tabula rasa, und dann ging alles wieder von vorne los. Ich konnte und kann mich nicht entscheiden. Jeder neue Gedanke ist so bestechend, daß er unter allen Umständen verwertet werden muß. Auch nur einen dieser Gedanken fallenzulassen hieße, in der Geologie der narrativen Räume eine wichtige Bedeutungsschicht auszuklammern, und damit, so scheint es, die Geschichte zu einem bloßen Ausschnitt eines viel größeren, eigentlich zu erzählenden Ganzen zu reduzieren, das dann immer noch zu erzählen bliebe. Wollte man dem erfolgreich vorgreifen, so erwüchse ein Erzählen von wahrhaft kosmischen Dimensionen daraus: Um zu gelingen, müßte es schlechthin alles enthalten, was je über das Scheitern der Liebe zu sagen war.
alles richtig
Wenn es möglich ist, daß jemand alles richtig macht, und trotzdem ein miserables Buch schreibt, dann besteht doch die Hoffnung, daß vielleicht auch die Umkehrung stimmt, und man ruhig den einen oder anderen Fehler machen und dennoch ein wundervolles Buch dabei schreiben kann?
Silhouetten
Die frage nach der lebendigkeit der figuren. Ich frage mich, ob eine geschichte so funktionieren kann, ob sie interessieren kann. Meine figuren haben kein eigenes leben außerhalb ihres begehrens und wollens. sie haben triebe ohne triebfedern. sie sind typen, keine personen. sie sind schattenrisse des begehrens.
Allmähliches Umkreisen der wirklich schwierigen Szenen. Ich schreibe um den heißen Brei (in dem Fall sogar die heiße Liebe) herum und lege Kreis um Kreis an Ausweichmaterial um das Noch-zu-Schreibende, den Kern, das Gravitationszentrum. So gruppiert sich die Geschichte allmählich aus lauter infinitesimalen Annäherungen um ein Nichts herum, um ein noch zu füllendes, alles entscheidendes Nichts. Je näher ich aber komme, desto mehr bleibt noch. Sich zu zwingen, täglich zu schreiben, das kann die unerwünschte Wirkung haben, daß man Beliebiges zusammenstoppelt, nur um irgendwas zu sagen. Auf diese Weise kann es bis zur ersten Berührung noch etwas dauern, vom ersten Kuß (den es nicht geben wird, oder wenn, dann ist es ein anderer) oder gar weiteren ersten Dingen ganz zu schweigen.
Nicht daß ich beabsichtige, in diesen Punkten allzu explizit zu werden, ohnedies.
„… poetische Visionen …“
Ich sollte solche Bücher nicht lesen. Das macht alles kaputt. Wenn ich von „poetischen Visionen“ lesen muß, die sich als „tragfähig“ erweisen (oder eben auch nicht!), werde ich ganz furchtbar klein und mache mich auf die Suche nach einem Mauseloch …
Gut war auch der Ausdruck: „gefällige Proben von guter Handwerkskunst“ (wenn die „poetische Vision“ fehle und der „Telos“ nicht „stark zu spüren“ sei)
Erzählen
Oft habe ich Ransmayr bewundert für diese verblüffend gelassene art, etwas zu erzählen, ohne es zu erzählen. Immer wieder zurückblättern, innehalten, austreten aus dem sprachstrom und mich fragen: Wie sind wir jetzt hierher gekommen? Wie ist es möglich, daß hier erzählung stattfindet, zwischen den sätzen, sozusagen, und kein einziges mal mit diesem gruseligen, von mir so verachteten und doch immer wieder sich einschleichenden, scheinbar unvermeidlichen hinweis darauf, daß erzählt wird. Bei mir schreit jedes wort laut heraus, daß es erzählung sei. Ich bin als erzähler allzu präsent, meistens in beschämender weise, als hätte ich in einem flüsterleisen kirchenraum plötzlich mit lauter und zugleich unsicherer stimme falsch zu singen begonnen. Bei Ransmayr nichts davon, die erzählung geschieht, sie spricht nicht, sie spricht sich nicht aus. Auf einmal sind wir in Irland, auf Horse Island, in Sechuan, im Eis, ohne je – kein „und dann zogen wir drei tage gen Sechuan“ oder ähnlicher quatsch – geführt worden zu sein, ohne erklärungen aus dem off (obwohl fast alles aus dem off ist), alles nebenbei (aber woneben eigentlich?), ohne eröffnung, ankündigung, einleitung, jedes setting wie aus sich selbst geboren, und erst im nachhinein stellt man fest, man ist ja mittendrin! Wie aber aus den einzelnen, für sich völlig unauffälligen (sieht man von ihrem geschliffenen glanz ab) sätzen die erzählung entsteht, bleibt ein geheimnis, und auch zurückblättern enthüllt es nicht. In geradezu beängstigender weise ist hier das ganze mehr, weit mehr, als die summe seiner teile.
Ein Stückchen
Ein Stückchen weiter. Ein Mosaiksteinchen, aber vielleicht nun das entscheidende, das letzte, das Auge im Gesicht der Sphinx.
Oder so ähnlich und vielleicht auch nicht. Vorläufig geht es aber weiter, und wenn ich um sechs in der Früh aufstehe, ist wieder eine Menge zu tun.
Was Coffein in Verbindung mit Bewegung und frischer Luft so alles zutage fördert ist, wirklich erstaunlich.
Wieder am Ende, am Anfang
Krise. Nie war das Projekt in den letzten vier Monaten so sehr gefährdet, ja überhaupt in Gefahr. Alles droht wieder an inneren Spannungen zu zerbrechen, die Gewichtung der Einzelteile, die Bezüge untereinander, die Verwiese, alles wieder fraglich. Zu gewollt, zu konstruiert. Einen Textteil durch einen anderen erklären zu lassen, warum ist das so schwer? Warum liest es sich so mühelos bei anderen, zerfällt aber beim eigenen Schreiben immer wieder unter den Fingern?
Ein Hemmschuh ist auch meine fatale Eigenschaft, an einmal glänzend Fomuliertem festhalten zu wollen, um jeden Preis: Ich tue mich unsäglich schwer damit, eine gelungene Szene wieder wegzugeben, wenn sie nicht mehr in ein (wieder mal) umgekrempeltes Gesamtkonzept paßt. Dann versuche ich, das Gelungene doch noch irgendwie unterzubringen, mit dem Ergebnis, daß alles sich aufbläht und überkonstruiert und überkompliziert gerät. Besser wär’s freilich, einfach das Konzept so lange durchzukauen, bis es feststeht, und dann erst mit einzelnen Szenen und Formulierungen zu beginnen, wenn ich mir ganz sicher bin.
Verdammt, ich war mir bereits ganz sicher. Wie oft, weiß ich schon gar nicht mehr.
…
Paradox: Je mehr ich schreibe, desto mehr wächst auch der Umfang dessen, was noch zu schreiben ist.
Trick 17
Morgens jetzt immer um sechs aufstehen, nicht zum laufen, sondern zum schreiben. Unter allen schwierigen schreibstunden des tages scheint das die am wenigstens schwierige, die am schwächsten widerstand leistende stunde zu sein. Der kaffee durchhellt und befeuert die müdigkeit, nimmt ihr das schläfrige und schwere, und verwandelt sie in eine so transparente konzentration, daß es, horcht man nur hin, aus dem noch in den träumen wurzelnden unterbewußten worthaft zu brodeln, zu schillern und zu purzeln beginnt; oder vielleicht ist es einfach ein von der stille des schlafs geschärftes inneres ohr, das später am tag für gewöhnlich zufällt. Jedenfalls scheint der trick zu funktionieren, vorläufig zumindest. Ich werde nicht so wach, daß die stimmen verstummen, und bin doch dank dem kaffee nicht mehr so schläfrig, daß jeder tastendruck ein schrei nach ausruhen wäre. Eine halbe seite ist in so einer morgendlichen sitzung durchschnittlich schaffbar. Läuft es gut, auch beträchtlich mehr.
Das ganze in strenger disziplin. Das heißt: Jeden werktag. Ein ritual. Nur so ist gewährleistet, daß ich nicht wieder den kontakt verliere zur in der erschaffung befindlichen (und erst halbgeschaffenen) welt, daß die wege offenbleiben, die ver- und abzweigungen sichtbar und zahlreich. Das ziel: die rohfassung fertigzustellen bis zu meinem geburtstag. Ein geschenk an mich selbst, könnte man sagen. Es ist jetzt zehn jahre her, daß ich begann, diese geschichte zu schreiben, wieder und wieder von neuem.

Keine Tränklein
die eine ist schwanger, der andere denkt, er hat, hat er aber nicht, sie weiß es besser, ein anderer will es gar nicht so genau wissen, ein dritter fürchtet sich, das dorf jagd einen fort, und so geht alles im kreis und im kreis, aber der kern, der kern bleibt weiß. ist alles ganz nett und verwinkelt und verwickelt, haut aber nicht hin. warum? weil es nicht trifft. das herz der dinge. den grund von allem. M. will J und betreibt x, und genau damit verliert sie ihn. wie genau?
das problem: eine zwickmühle zu konstruieren, die sich erst im nachhinein als zwickmühle zu erkennen gibt. eine falle. ein klassisches dilemma. gleichzeitig: plausibilität, und nicht wieder liebestränklein und ähnliches ins spiel bringen.
Plötte
Es sind dies tage, da ich mir den anschein von glück über die schultern hänge, wie einen abgetragenen mantel, im futter den duft von schlittenfahren und reisen. gemäß dem grundsatz, daß es immer besser ist zu handeln als nicht zu handeln, handele ich: und entgehe damit dem schreiben und der frage, wie die choreographie meiner figuren endlich so aufzuziehen ist, daß alles im lot und gefügt ist und die zwickmühlen feinabgestimmt und unausweichlich sind. Und wie das alles nicht um der verwicklung selbst willen eingefädelt sein könnte, sondern aus einer inneren logik heraus.
Und so tue ich eben weiter: nichts. Gehe schwimmen, gehe wandern, hier ein gespräch, hier eine radiosendung, die stiefel riechen nach wärme, der mantel duftet nach wald, so plätschern die tage dahin. Handeln, um sich nicht der unangenehmen tatsache stellen zu müssen: Ich bin ein ganz mieser choreograph, der an der linearität klebt wie eine motte am leim. ein zweidimensionales wesen, kann ich mir die vielen bunten mehr- und höherdimensionalen räume wirklich kunstvoller plots (ich bin in versuchung, den plural plötte zu bilden) nicht einmal vorstellen, geschweige denn mich darin bewegen. Ist so etwas am schreibtisch ersitzbar? Oder bin ich gut beraten, einfach weiter zu ruhen, zu wandern und zu träumen und auf den blitzhaften einfall zu hoffen?
Gibt es eigentlich so etwas wie eine morphologie, so etwas wie eine syntax möglicher geschichten?
Faun (2)
Oder ist der Faun die Zukunft des Reisenden? Um nicht zu sagen, seine uneingestandene Sehnsucht. Seine Flucht nach vorn.
statistik (2007)

glück ist kein guter dichter
wieder einmal zeigt sich, daß sich über erfüllte liebe nicht schreiben läßt
kreativität
alles, was ich mir ausdenken kann, ist tabellarisch. was mir fehlt, ist der sprung, der plötzliche satz heraus aus den tabellen ins kreuzundquer, eine querfeldeine, nicht-lineare verbindung, vernetzung nach außerhalb.
außerhalb, das ist das problem. immer schon gewesen: das paradox des kreativen. wie entsteht in einem einzelnen geist aus der verbindung von vorhandenen teilen etwas neues, das mehr ist als die summe seiner teile, ja sogar mehr als die summe seiner teile und der art ihres ineinandergefügtseins?
ungelöst.
das müßte etwas sein, das, aus dem eigenen geist geflossen, diesem geist völlig fremd und als das werk eines anderen erschiene. (geht es nur mir so, daß die erzeugnisse der anderen immer so viel vielschichtiger und kreativer, eigensinniger, rätselhafter scheinen als das eigene? oder liegt das in der natur der sache?) und ein weiteres paradox: könnte ich es lösen, wäre es lernbar. aber gerade ein algorithmus (und nur ein algorithmus ist lernbar) darf es ja nicht sein. oder gibt es algorithmen, die unerwartetes produzieren? wohl gemerkt: nicht zufälliges. sondern nicht-vorhersehbares, das gleichwohl aus der rückschau völlig folgerichtig, bedeutungshaft, stimmig und doch: neu ist.
statistik
meine topic statistics wird immer blauer.
…
der erste rückschlag, die erste kursänderung des romans: ich kann nicht über „unsere generation“ schreiben, wie gerne ich es auch täte, mit wieviel wut im bauch: es geht nicht, weil es nicht „meine generation“ ist. ich kann mit dieser generation nichts anfangen, und Florian Illies hat wohl leider recht. eine gegendarstellung von mir kann kein wir enthalten, nur ein ich. das ist schade, weil es dem gegenentwurf die wucht nimmt. es bleibt nur ein kümmerliches selbszeugnis. ich habe keine genossen.
sich zum sprachrohr einer generation machen wollen, ist auch nicht gerade der beste grund, eine längere prosaerzählung in der volkssprache zu schreiben. unbescheiden außerdem. man könnte auch sagen größenwahnsinnig. nur mal so angemerkt. auch wenn ich wirklich sehr gerne die frage nach dem was wollten wir? gestellt und beantwortet hätte.
…
schreiben: eine halbe stunde täglich am projekt, manchmal, selten, mehr. eine halbe stunde gesammelte morgenfrühe zwischen bad und fahrrad, wenn die wirkung des coffeins sich gerade voll entfaltet hat. wie wird das im winter, wenn mein zimmer wieder doppelverglast gespiegelt mir aus dem fenster entgegentritt. beeinflußt es mich, ob die meisen sticheln, der regen rauscht oder die sonne in den hof hinabsteigt? schreibe ich in winterkälte und heizungsluft anders, als wenn mir der schweiß auf die tastatur tropft? ich hab schon einmal lange winterwochen geschrieben, einen der vielen rümpfe der alten geschichte, von denen jeder ein schatz wäre, wenn etwas schlüssiges und sich zum kreis schließendes dabei herausgekommen wäre – wenn ich es hätte herausformen, herauszwirbeln können aus den ansätzen, allein … aber davon will ich ja nicht schreiben. eigentlich glaube ich nicht, daß das anders war, auf eine verallgemeinerbare weise anders, meine ich, als das, was ich diesen sommer zu papier (oder zu dünnschichttransistor) gebracht habe.
eine andere frage ist: kann man einen roman in halbstundensitzungen schreiben? ich meine, ist es möglich, logistisch, gedanklich, ariadnefädig, zeitlich? mein tempo die letzten zwei monate: 5 seiten die woche (die seite bedeutet bei mir 60 zeilen à 30 anschläge, sofern das auf dem computer und mit proportionalschrift überhaupt ein sinnvolles maß ist). aber ist das nicht belanglose arithmetik bei einem vorhaben, dessen genaue struktur und fülle noch gar nicht feststeht?
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