Sprachen erfinden (1)

Es begann alles damit, daß ich im Frühjahr und Sommer 1984 den Herrn der Ringe las. Damals war überhaupt nicht zu ahnen, was dieses Buch mit mir machen würde. Es war nicht einmal vorauszusehen, daß cih dieses Buch lieben würde. Ich war zögerlich, ja skeptisch: Zwei Jahre zuvor hatte ich Bekanntschaft mit dem Kleinen Hobbit gemacht und ihn abgelehnt; nur auf die dringende Empfehlung einer Freundin meiner Mutter näherte ich mich noch einmal Tolkien. Wenn ich daran zurückdenke, wird mir ein bißchen schwindlig angesichts der Tragweite einer derart simplen und ephemeren Entscheidung. Ohne die Lektüre dieses Buches wäre mein Leben völlig anders verlaufen. Lesen oder nicht lesen? Ich las.
Wie jeder weiß, ist die Geographie Mittelerdes mit Kartenmaterial gut belegt. Auch ist es wohl niemandem, der auch nur einen flüchtigen Blick auf eine dieser Karten geworfen hat, entgangen, daß eine Vielzahl an Toponymen in einer merkwürdigen Sprache begegnen. Ebenso offensichtlich steckt hinter diesen Namen ein System. Wenn Ered Nimrais „Weißes Gebirge“ bedeutet und Ered Luin „Blaue Berge“, dann mußte Ered natürlich „Berge“ oder „Gebirge“ bedeuten. Derlei Übereinstimmungen finden sich nicht nur in den Toponymen, sondern auch in den Ausrufen, Sprüchen und Gedichten auf Quenya oder Sindarin, die im Text des Herrn der Ringe eingestreut sind.
Die Karte, die fremde Sprache, die Namen – das alles hatte es mir so sehr angetan, daß ich selbst begann, Karten eines Phantasielandes zu zeichnen, und natürlich bedurfte es fremder, klangschöner Namen zur Bezeichnung von Flüssen, Gebirgen, Wüsten und Wäldern. In der Zusammensetzung dieser Namen sollte eine ebensolche Regelmäßigkeit aufscheinen, wie sie in den Karten von Mittelerde zu erkennen war. Damit hinter den Toponymen für meine Karte ein System erkennbar sei, mußte ich mir natürlich zuerst das System selbst ausdenken. Ich brauchte Wörter für geographische Erscheinungen, und ich mußte festlegen, auf welche Weise sich diese Wörter zu größeren deskriptiven Benennungen zusammenfügen ließen. Ich brauchte Nomen, die „Berg“, „Schlucht“, „Meer“ bedeuteten. Ich brauchte Adjektive, die man modifizierend zu diesen Begriffen stellen konnte. Ich mußte mir Gedanken zu Komposition und Wortbildung machen. Kurzum, eine richtige Sprache mußte her, und das war der Anfang.

Urlaub

Urlaub?
Seit ich meine Eltern Jahr für Jahr miesepetrig aus dem Urlaub habe heimkommen sehen („das war’s jetzt wieder für ein Jahr“ – Als müßten sie anderntags in den Knast oder ins Arbeitslager), stand für mich fest: Das machst du anders.
Sie blinzelten in die fremdgewordenen Räume der Wohnung, rissen Rolläden und Fenster zum Lüften auf und stöhnten über die Berge von Post, die eine Nachbarin auf den Wohnzimmertisch gelegt hatte. Seufzer ausstoßend und mit den Zähnen knirschend räumten sie das Wohnmobil aus, ächzten verbissen durchs Treppenhaus, kratzten sich am Kopf, rangen die Hände über die eingegangenen Topfpflanzen, die gemahnten Rechnungen und den frischen Schimmel im Bad, räumten, fluchten, schüttelten den Kopf und saßen dann endlich inmitten von halb ausgepackten Taschen, Mitbringseln, Badematten, Wanderschuhen und Sandalen, an denen noch der feine Sand ferner Meere klebte, im Wohnzimmer, den Geruch von Fahrgastraum vertrömend, das Brausen der Autobahn noch im Ohr. Wehmütig öffneten sie eine Flasche mitgebrachten Rotweins und schwärmten bald von den wunderbaren Landschaften, durch die sie gereist waren, bald schmatzten sie genießerisch den ungewohnten Speisen der Fremde nach, bald wurden sie wieder trübsinnig und malten einander in den schrecklichsten Farben die Ödnis der bevorstehenden 11 Monate Alltags aus: Die Trübsal des Winters! rief mein Vater, Das triste Wetter! ergänzte meine Mutter, Die Scheißarbeit! stöhnte mein Vater, Die öden Supermärkte! das verschrumpelte Gemüse! beschwor meine Mutter die düstere Zukunft. Fassungslos alle beide: Vor nicht einmal 12 Stunden haben wir noch im Meer gebadet! Ach, und die französischen Pfirsiche! Jetzt litten sie unter ihrer Heimat, die ebenso flach wie meerlos ist, wie unter einer chronischen Krankheit, von der sie für kurze Zeit ein viel zu teures Medikament erlöst hatte. Die Heimat: Eine im Sommer feuchtheiße, im Winter feuchtkalte und ansonsten verregnete Ebene. Neubaugebiet, Gewerbegebiet, Industrieanlage. Der Himmel selten farbig. Selbst die Luft und die darin immerhin vorhandenen Amseln schien ihnen langweilig und widerwärtig zu sein. Besonders meiner Mutter: „Ich könnte auf dem Absatz kehrtmachen!“ rief sie mit einer Geste, die an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrigließ. Man spürte, wie sie körperlich litt, an der Wohnung, an den Nachbarn, am Geruch der Zimmer, dem Ausblick auf die Fassade gegenüber, den trivialen Sonderangeboten im Discountmarkt und den Amseln, natürlich.
Man sah es ihnen an, daß sie im Stillen schon wieder den nächsten Urlaub planten, nach dem Wohnmobil schielten, das Jahr, 11 Monate, über 330 Tage, in einem Satz der Imagination übersprangen und mit dem Herzen schon im Juli des nächsten Jahres zu Hause waren. Mir aber schwebte schon damals etwas anderes vor, ein Leben, in dem jeder Tag zählt. Gelungen ist mir das nicht immer. Aber eins wußte ich: Ich würde nie zwischen Badelatschen und Reisetaschen in meiner Wohnung sitzen und fassungslos dem verschwundenen Paradies nachweinen.

22:09

manchmal wird es so sein: man kommt nach hause, man sitzt im schein der lampe, man hört musik, man war im wald gewesen.
manchmal vermißt man, und man glaubt es sich selbst nicht, das buch fällt zu, man glaubt es nicht, den verblüfften finger in den seiten starrt man von weitem ins nahe geleuchtete fenster, und in die gegeneinander gelehnten flächen dahinter, und man ist schon ziemlich fassungslos, vermissen? fragt man, vermissen? droben am berg gongt die längste zeit der kirchenschlag.
an die grenzen gestellt, unter den scheren der straßenlaternen, tick tick tick geht die blindenampel, aber nicht das war es, das man suchte. aber was und wo? tatsachen, fakten, blinken, rotes ampellicht. städtische nachtkerzen, geflacker, geheul. irgendwo das eigene, die wände, eine küche, die von ihren spiegelungen begrenzt wird, vermissen? fragt man.
während ein einsamer einen brief schreibt. während ein jüngling eine treppe zum letzten mal hinuntersteigt. während eine tür über ein hell aufflammendes schluchzen fällt und den laut in seinem verlaufe weggknickt und abschlägt; während die blätter über den straßenlaternen stillstehen; zwei uhr nachts, drei uhr nachts und kein hauch. ein motor erstirbt in der ferne, eine nachtigall. oder irgendso ein vogel, dessen namen einem im unpassendsten moment einfällt. ein rotkehlchen. ein gimpel. pyrrhula pyrrhula.
die tür fällt der geschichte ins schloß. ein augenpaar sagt, alles in ordnung, monate später, wieder eine ampel, grün genug für ein mach’s gut komm nie mehr wieder, nicht rot genug für eine berührung, oder war es der frühling.
heimkehren. aus der stimme entlassen. die stadt, die stadt ist dieselbe. aber ich nicht, oder umgekehrt. ich fahre, ich vermisse. verschwiegene syntax ohne pronomen. vermissen, verlangen, vergessen.
kreuzungen in rot, tick tick tick. phasenversetzt reihum, tick tick. tick tick. hier oder hier, jeder ort seine geschichte, meine geschichte, palimpsest der erinnerung, zeichen, die einander durchdringen, durchwachsen und schließlich zu neuen zeichen verschlingen, und irgendwann, in der Stadt der Städte, am ende des jahrtausends oder sonstwo, wird man das vermissen selbst noch vermissen lernen.

Postscripta: Oktober 2006

ihr gesicht verbarg sich im schatten des weges. ein wort lag, kühle regung, an seiner wange, unhörbar; er hätte nachfragen müssen, tat es nicht. anbei: efeu, grauschwarze beeren wie glocken, darunter duckte sich schrift und stein. wege von da in krümmungen über wasser, licht spannte bögen und brücken, und dort wuchsen ihrer beider füße aus dem laub, sanft schwingend wie über draht.
daß sein blick dabei fortbrach und ins seitliche ging, wo die schatten des laubs am stein zerrten wie ein starker strom.

Lac d’Annecy

sehnsucht nach einer stunde am Lac d’Annecy, übernachten auf einem parkplatz am ufer, in den zurückgeklappten sitzen eines kleines autos. geruch nach moder und enten strömt durch das spaltbreit heruntergekurbelte fenster, zwischen pappeln springt der mond vor und zurück, vor und zurück auf dem träge bewegten wasser, und die berge tönen oben, weit über see und stadt, über der angehaltenen zeit der straße. zu zweit, den schalthebel zwischen uns, hand in hand, so lauschen wir. es ist ungewohnt und abenteuerlich geborgen, mit dir an diesem ufer. wir neigen den kopf und sehen einander in die müden augen. wir nicken. gelbliches laternenlicht hängt wie ein zelt über dem kleinen parkplatz, und manchmal, ganz nah, hört man ein plätschern, ein gluckern, das aus der stille silbrig schimmernd emporbricht und wieder eintaucht in die gekräuselte fläche des schweigens.

when everything made sense, long ago

“There was a time in my life when I spent many months in utter darkness. I wasn’t really unhappy. In a sense, I was relieved. It was sad. It was bitter. But it wasn’t unbearable and I developed even something like a pride for my love and my pain. I lived in a cloud, shrouded in black veils. A nonsensical job in an office where orthographical and stylistic revisions where performed and which entailed long commuter trips to Düsseldorf and back, a lack of orientation after University, and a general uneasiness about life and my aims and further struggles in this world added to my state of mind. I saw so many rainy train stations; so many sad, shivering people waiting for something; so many desolate places, wet railways, shimmering in the yellow light of electric beacons, graffiti on lifeless train hulls that looked like helpless whales thrown onto the beach. While over me arched the constructions of a forgotten race of steel-builders, whose works of wonder and of genius served now as a brooding place for doves and gulls, and the faint echoes of machines and vehicles, once filling the beautiful halls, whispered from time to time between the cracks in the iron. The stars shone above, on the other side of the huge masses of metal, glass and stone. The walls were covered with symbols of a script of which no memory knew; and the shadows of the moonlight that seeped into the darkness drew whispering traces among the pillars. I was soaked with sadness, exhaling sadness, being blinded by sadness.
There was a dark and warming spell over me like the light steps of an angel at my side, an angel who cherished my pain and kept a hand over it, kept vigils to it, adorned it and clad it in bright garments. A dark angel with a sad heart who needed my consolation as much as I needed his sadness. I felt chosen to suffer. I had the feeling that what I had gone through had to show me something. And I felt in-the-world again, I could touch and see and smell; the cold was burning on my cheeks, the ice was glistening, the ground frozen hard. I was alive; and I was sure that everything made sense and that I would never be alone.”

wieder erinnerungen, wo man bereit ist, sie nicht zu erwarten: das brot im knisterlaub, in die helle geschrieben. wabernde schaufenster, müde verkehrsampeln.
laub im hof: in ständigem kreis kratzen wieder die sterne ans fenster. die altäre stehen leer. moos auf den knien von statuen, den flügeln von engeln, spitz wie schulterblätter. zwei schwerter des behutsam aufgehobenen glücks, messerscharfen glücks. ein ichkannnichtmehr, dessen blaßrosa schrift verläuft und eins wird mit erde und duft. klarsichthülle um abschiedsbrief, während schritte sich entfernen, handinhand, und der kies leise knirscht, als schäme er sich, ein geheimnis preisgeben zu müssen.

.

23. September 2006

Ich trete aus dem gebäude, wo die stadtbibliothek untergebracht ist; gelbgrau duften die steine; eine wasserstoffblonde frau mit einem kleinen jungen an der hand fragt an der aufsicht etwas in gebrochenem deutsch; ein missionierer streckt mir an den stufen ein jesusfaltblatt entgegen; auf der litfaßsäule prangt das wort „sex“, ein luftballon schaukelt über die dächer, ein tag wie jeder andere, ein tag für jede jahreszeit, und der himmel drückt schwer wie ein gewicht auf die stirn.
es gibt momente, da ich mich so verlassen fühle, als hätte nie jemand ein wort an mich gerichtet, nie jemand mir die hand auf die stirn, auf die wange gelegt, ein augenblick, als hätte es nie einen freund gegeben. jede erinnerung an so etwas wie wärme ist eine täuschung, und plötzlich bin ich immer schon allein gewesen. einsamkeit verästelt sich in vergangenheit und zukunft, sinnlos laufen die menschen. ein kinderwagen holpert. eine mutter schlägt ihr kind. die häuser stehen ohne schatten. zusammengesunken liegt ein bettler mehr als daß er sitzt im staub, vor den füßen hundekot, seine schwere hand leblos auf dem asphalt abgelegt, zum himmel hin die finger leicht geöffnet. eine taube pickt eine zigarettenkippe auf.
fehlt eigentlich nur noch vivaldis „winter“, wie ihn stümperhaft ein akkordeon dahinklimpert. der klang füllt die stadt, aber man bekommt es nirgends zu gesicht.
dies ist ein solcher moment nacktester verlassenheit. und während ich an den stufen stehe, das jesusfaltblatt in den händen, ist alles in bewegung. die leute laufen, kinder quengeln. aus den bäckereien duftet es, und ich weiß schon, wo meine wohnung ist, aber ist es dort nicht noch einsamer?
es gibt keinen ort mehr. wo du nicht bist, gibt es nur noch stellen, gibt es nur noch koordinaten, trigonometrische punkte, definierbar als kreuzungen, als gemeinsame zahlenwerte, als symptoten in fläche und raum, zufälliges, abstraktes, beliebiges. ein ort indes ist es noch nicht, ein ort, den man fühlen, durchmessen, umspannen könnte, wo man sich klein oder groß, beengt oder frei fühlen könnte.
so gibt es auch den ort, wo wir uns begegnet sind, nicht mehr: ich könnte die stelle wiederfinden, das schiff würde anlegen oder in den haltetrossen knarzen, und auf einer leine säße wieder eine stunde lang eine möwe, ich weiß die stelle, genauso könnte ich mich wieder hinstellen, ans geländer gelehnt, den rücken zur zukunft, die dich enthalten würde, und die züge würden wieder über die brücke donnern; aber ich könnte mich noch so oft umdrehen, du kämst nicht. und der ort hat uns schon längst vergessen. und ist zur bloßen stelle geworden.
einen ort gäbe es ja. wo du bist. da ist ein ort.
die zeit trägt masken.
seit samstag sträubt sie sich mißgünstig gegen unsere sehnsucht, schüttelt die federn aus, nimmt neue naturen an und läuft so viel träger als sonst, träger und lauter und gegen den strom unseres mühsam verhaltenen herzschlags.

.

Sæby (2)

Nie ist das Drinnen so sehr drinnen wie zu jener Stunde, nie das Draußen so sehr draußen. Das Fenster ist eine Grenze; nacht aber ist es auf beiden Seiten. Nacht ist es in aller Welt. Die Welt selbst ist Nacht.

Ob die Stimmen schon immer da waren? Haben sie ihn geweckt, ihn heraufgelockt aus bewußtlosem Schlaf?
Ja, sie zogen ihn herauf und ans Fenster und waren: draußen und fern. Von jenseits des Schlafes herangeweht. Nicht zu ihm gekommen. Nicht zu ihm. Aus unerkannten Fernen, nach verborgenen Plänen handelnd, waren sie dorthin gekommen, wo auch er sich zufällig aufhielt. Und er war in den Begrenzungen von Zimmer, Haus und Mauer gefangen, auch ins Eigene gesperrt. Sie wußten nichts von ihm. Sie werden auch nie etwas von ihm wissen, oder von irgendeinem andern, der am Fenster steht. Sie brauchen nichts. Sie gehören auch nicht zur Nacht, sie gehören nur: sich selbst. Und sie singen. Sie singen sich selbst zur Freude.
Sie füllen den Wald mit Klang und Wundern, entfernen sich, verlieren sich, verstummen und lösen sich auf in der Stofflichkeit der Nacht, noch einmal klingt es auf unterm den Mondfäden, in der Tiefe der Bäume, dann fallen sie zurück ins Dunkel, aus dem sie getreten waren, und das sie nun wieder hält und birgt. Und das Kind, die Nase am Fenster plattgedrückt, zum ersten Mal ist es allein.

Paul-Schallück-Straße

ich stelle mir vor, daß dort die schwarzweißgeringelte tasse immer noch steht, auf dem klavier, und daß eben erst der dumpfe, saitenverstärkte hall verklungen ist, mit dem sie dort aufkam. ich stelle mir vor, daß alles so ist, wie es war, als ich ging. vielleicht mit ein wenig staub überall, mit lustig wirbelnder leichtigkeit vor den morgendlichen fensterscheiben, einem duft nach unbewohnheit, oder nach ebengegangensein; daß das licht eingefroren ist über den blüten des ahorns; daß gegenüber die menschen überm schreibtisch sitzen, weder unbeweglich noch in bewegung, gerade nur so, wie jemand still steht, den man mit einem raschen blick erfaßt und wieder fortstößt, starr, obwohl vielleicht inmitten einer fließenden bewegung.
ebenso dieses zimmer, starr inmitten von bewegung, erfüllt von tanzendem staub, behängt mit träge wippendem papier, beschriebenem, das mit einer reißzwecke angepinnt ist; stille inmitten von klang, das knarzen des futons, das hohle poltern, mit dem die tasse aufs klavier trifft, verhalten, um eine schlafende nicht zu stören. das eine wird für immer eben erst gewesen sein, das andere wird für immer noch sein. gleich. jeden moment.
dieser raum hat sich abgelöst von allen räumen, die ich nun bewohne oder nicht bewohne. nur mehr zugänglich der vorstellung, verharrt er nun ewig in einem augenblick, kurz bevor jemand fragt, soll ich dir einen kaffee machen? und dennoch liegt staub über den noch fußwarmen sportschuhen am fenster, das handtuch ist noch feucht, die stretchhose zerknüllt unter dem zerschabten lederrucksack, der sich nicht mehr schließen ließ. ein sonnenstrahl liegt quer über einem mit georgischen schriftzeichen bekritzelten blatt papier, das nicht mehr vergilben wird. am klavier biegen sich die photographien. und werden sich immer biegen, die farben dazu verdammt, immer frisch zu bleiben, die gesichter immer strahlend. hier kann es nicht nacht werden und nie richtig tag; es herrscht ein ewiger morgen, mit dem immer im selben winkel verharrenden licht, dem staub, der tasse, in der noch der duft des kaffees ruht, eingefangen zwischen feuchter wärme und eintrocknung, und ein faden flüssigkeit spannt sich über die keramik, schwarz und weiß geringelt.

Nittel

ein regen schlief. ein fenster stand weitauf. leise stahl der mond der nacht eine stunde. lichtrauten schufen die wände wieder, während … und jetzt –
(einmal …. )
da
war sommer …
da war noch einmal: ein aufschub. ein weg. eine helle kreuzung. die man hätte nehmen können, die man nicht nahm. man streut es hin mit einem achselzucken und ein vogel kommt und pickt es auf. das ist alles.
sonne schien rechts, links stand der fuß auf schattenkühle. der hasel flatterte gegenüber. eine brise war. sonne war. menschen waren, unaufmerksam in eine ecke geweht, stimmen waren, und erwartung. der garten lag leer einen halbsommer. immer noch schwebte der fuß, bis er warm wurde in der sonne, immer noch hafteten links die zehen am stein, vergeblich kühle von sich streifend. um die andere ferse schloß sich gras weingedämpft. da zuckte die pupille, und sonne brandete und stirn schwamm davon über grünzerspelltes funkeln. lider senkten sich, lider schirmten. mit so einem schritt vornüber tauchend ins sonnenlicht fallen, aus dem schatten geneigt, einen hellen schritt. und immer. und immer.

und ewig. (sekt schaukelt in der hand)

zischende holzkohle, linkerhand spülte die sonne um finger, stimmengewirr hob sich und fiel ringsum, trunkener blick stolperte übers gras. eine großmutter schnarchte bedrohlich im liegestuhl, zuckte die achseln übers ersticken. feuchtigkeit schlug sich am wein nieder, wobei fett aus dem eschenahorn austrat. es tat gut, die hände vor sattheit niederfallen und ruhen zu lassen, es tat gut, zu schweigen, es tat gut, einfach alles ruhen zu lassen, mucksmäuschenstill. es tat gut, nicht zu denken, untätig zu sein, auch wenn es feststand, daß später das denken über uns kommen würde wie ein helleuchtender wirrer sturm. es tat gut, zu atmen.
ich war muchsmäuschenstill.
irgendwann jener tage steckte ich mir einen apfel ein und ging alleine in den wald. unruhige pläne geisterten herum, doch war man froh und voller vager zukünfte. träge blätterte man in büchern, schläfrig vom mittag. dann gab es essen. oben im haus warteten keusche nächte der liebesruh, und ein vertrauendes antlitz, das später in absurde gleichgültigkeit sich lösen sollte und vieles löschen auf immer: später, jahrhunderte später, als einmal herbst war.
da weiß man nicht: soll man vielleicht lachen? das weinen blieb im hals stecken, während die rosen wieder ausschlugen.
als wäre nichts gewesen, haben zwei jahre und ein bißchen mehr zeit die augen geschlossen.

ein regen schlief. ein fenster stand weitauf. leise stahl der mond der nacht eine stunde. lichtrauten schufen die wände wieder, während … und jetzt –

Sæby (1)

(Alouette, gentille Alouette …)

erinnere dich an jene stunde.

erinnere dich an hütte, fenster, wald. an die dunkelheit, die gegen das fensterglas anstieg, an die dunkelheit, die kühl und ein wenig fremd unter deinen fingerspitzen kribbelte. an die andersseitige dunkelheit, den weiten raum, die verhüllten kiefern. an die dunkelheit, die den gesang barg, freigab und dann wieder in sich zurücknahm.
erinnere dich. du warst das. du standest am fenster, du preßtest die nase an die scheiben, du hörtest die stimmen, wie sie jenseits sangen und verklangen, die leuchtenden stimmen.
(Alouette, gentille Alouette …)
da beugtest du dich vor, atmetest einen nebel aus, stießest mit der nase gegen die nacht draußen und wußtest nicht ein noch aus vor schönheit. du hattest noch keine worte, alles stellte sich unmittelbar vor dir auf, wuchs dir
(Alouette, je te plumerai …),
direkt ans herz, und doch … und doch … (je te plumerai la tete …) fühltest du damals schon, daß du nicht ganz warst. daß die schönheit von dir getrennt, dir entfremdet war. wem hättest du es sagen können? im nebenraum, meilen entfernt, schliefen die eltern, denen du es am morgen erzähltest. aber hatten sie denn verstanden? hätten sie es dir deuten, hätten sie es dir auflösenkönnen? du fragtest sie nach dem lied, summtest es ihnen vor, glaubtest, es damit erworben und beherrscht zu haben, wenn du nur einen namenhättest. als könntest du dem schönen näherkommen, indem jemand das lied für dich sänge, wieder und wieder! als könntest du das schöne begreifen, wenn es wiederholbar geworden wäre … doch in demselben augenblick, da du
(Alouette? – Alouette!, Ooooh …),
da du begriffst, daß es schönheit gab, spürtest du schon ihre unerreichbarkeit und den schmerz, und auch, daß du allein sein würdest im angesicht des schönen. und später:

da erfandest du worte: behelf, meßgerät und prothese. aber näher würdest du ihm niemals kommen.

s
o viel tagessteine und jahresringe ich mir auch angehäuft hab, zum blumenstolz meiner fußspuren, ich kann die stimmen, die

sirenenstimmen

nicht niederleben. doch auch das bescheidene wachs ist mir gällig, das machen, das machten andere zuhauf zuunwerthauf, das ist nicht meins, lieber, ja, lieber zerschellen und stolzes unglück tragen wie ein prachtgewand.
hab mich doch einst, wiedergekehrt aus der stadt am ende des jahrtausends, nach leidendem mute benamst. nun will ichs dulden.

immer mehr himmel fahren sich auf, und sind immer fremdere himmel. ich kehre zu den fernen inseln zurück, unerreichbar wie je, kythera, thule, ogygia, doch nun tragen sie andere masken vor den lieblichen gestaden. ich kenn sie ja gar nicht. selbst die phantome wechseln das antlitz. frei zu sein glaubte ich. nun hat mir ein dieb nächtens die träume gestohlen, sie weitergeschenkt, vergraben, in göttereschen gehängt, nun bin ich ohne sie frei. bin so schrecklich frei, daß ich gehen kann, wohinimmer ich will. ich schmecke den pollen, ich sehe die weite, ich verachte das wetter, ich stemme die wolken, ich höre die stimmen, neue und neue, ich muß es dulden.

auf dem weinfarbenen meer.

in den tiefen fältelungen einer lang nicht getragenen jacke: finde ich heute morgen unter vielen zetteln, leihquittungen der bibliothek im schumannhaus (mozart orgelwerke, vivaldi concerti grossi, widor orgelwerke), kassenzetteln von edeka (milch, pepperoni mild, hefe, mehl, wein) auch die quittung. café ehrenstraße. 02.01.2002. zweitausendzwei. ich muß nicht lang überlegen, ich gehe ja nie in cafés.
um mich ein bißchen selten zu machen, hatte ich das institut gemieden und die mail an o. von einem internetcafé aus geschrieben. bis zur verabredung hatte ich nun noch zwei, drei stunden zeit, die ich nicht wußte, wie füllen. was zu denken war, war alles bis an die grenze der angst gedacht, was zu hoffen war, gehofft, nun ging das bangen los, wohin mit all dem in den drei stunden, bis ich das jüngste vom tag zuvor (orgelflimmern im dom, seil ohne bahn, frühstück, dann die blaue kälte über den schnurgeraden wegen im königsforst, der mann mit dem opi-parfum, die getrennt frierenden handpaare) endlich o. würde erzählen können?
also ein café, ein beliebiges, und ich gehe ja doch nie in cafés, also egal. zum zweiten oder dritten mal in meinem leben mit der neuen währung zahlen. zuckerkrümel zählen. passanten beobachten. bang sein. hoffen. irgendwie ging es vorbei. las ich was? schrieb ich was? ich weiß nicht mehr wie, nicht einmal an das unangenehme, das zähe, wie es doch gewesen sein mußte, erinnere ich mich. die stunde kam, die stunde ging, ich zahlte in der neuen währung und ging hinüber zum neumarkt. damals fuhr die linie 16 noch nach mühlheim.

Zeitzeichen

in den tiefen fältelungen einer lang nicht getragenen jacke: finde ich heute morgen unter vielen zetteln, leihquittungen der bibliothek im schumannhaus (mozart orgelwerke, vivaldi concerti grossi, widor orgelwerke), kassenzetteln von edeka (milch, pepperoni mild, hefe, mehl, wein) auch die quittung. café ehrenstraße. 02.01.2002. zweitausendzwei. ich muß nicht lang überlegen, ich gehe ja nie in cafés.
um mich ein bißchen selten zu machen, hatte ich das institut gemieden und die mail an o. von einem internetcafé aus geschrieben. bis zur verabredung hatte ich nun noch zwei, drei stunden zeit, die ich nicht wußte, wie füllen. was zu denken war, war alles bis an die grenze der angst gedacht, was zu hoffen war, gehofft, nun ging das bangen los, wohin mit all dem in den drei stunden, bis ich das jüngste vom tag zuvor (orgelflimmern im dom, seil ohne bahn, frühstück, dann die blaue kälte über den schnurgeraden wegen im königsforst, der mann mit dem opi-parfum, die getrennt frierenden handpaare) endlich o. würde erzählen können?
also ein café, ein beliebiges, und ich gehe ja doch nie in cafés, also egal. zum zweiten oder dritten mal in meinem leben mit der neuen währung zahlen. zuckerkrümel zählen. passanten beobachten. bang sein. hoffen. irgendwie ging es vorbei. las ich was? schrieb ich was? ich weiß nicht mehr wie, nicht einmal an das unangenehme, das zähe, wie es doch gewesen sein mußte, erinnere ich mich. die stunde kam, die stunde ging, ich zahlte in der neuen währung und ging hinüber zum neumarkt. damals fuhr die linie 16 noch nach mühlheim.

Vielleicht der peinlichste Moment meines Lebens

Einst in meinem 14 Lenz, vielleicht war es sogar der 15. kam mein Vater abends zu mir ins Zimmer, mir eine gute Nacht zu wünschen, trat an mein Bett, ließ sich in die Hocke nieder und sprach: Mein Sohn … nein, so wars nicht, er sagte einfach, sinngemäß: Wenn ich mal nachts wach werden sollte und mein Bett sei naß, dann solle ich mich nicht beunruhigen, weil, das sei dann Samen. Er sage mir das, da er selbst zu seiner Knabenzeit furchtbar erschrocken sei; das wolle er mir ersparen.

Ich schluckte und nickte. Er verschwand.

Der Gute tat es in der besten Absicht, ich weiß, und leicht wird es ihm auch nicht gefallen sein. Ebensowenig wie seine eigene Pubertät leicht gewesen sein wird. Nur machte er meine eigene damit ein gutes Stück schwieriger, und außerdem kam er ein gutes Jahr zu spät; und auch sonst war seine aufklärende Beruhigung völlig überflüssig, denn ich habe mich nie über ein nasses Bett erschreckt. Dazu konnte es auch kaum kommen. Weil ich nämlich ein Taschentuch benutzte. Als mein Vater aufklärerisch in Aktion trat, da bestimmte ich schon lange selbst darüber, wann mein Bett wenn überhaupt naß werden sollte, indem ich der Spontanfreisetzung meiner Gameten meist zuvorkam. Da lag ich nun, zwar nicht hochroten Kopfes (dazu war ich viel zu panisch), wohl aber hämmernden Herzens. „Das ist dann Samen“, hallte es in meinem Kopf wieder. Ach nein, wirklich, ich dachte das sei Vanilleeis.

Das schlimmste aber war danach die Sorge, er könne das tun, worum ich sämtliche mir bekannten und unbekannten höheren Mächte bat, er möge es unterlassen: mich zu fragen, ob es denn schon soweit sei. Was hätte ich ihm da antworten sollen? „Weißt du, Papa, wenn man sich da unten anfaßt, das ist dann ein total schönes Gefühl, ja, und wenn mans richtig anstellt, dann …“? Ich war wochenlang in wilder Angst. Aber er hat geschwiegen.

25. Post scripta. Frühjahr 1999

Manche Orte haben ihre eigene Zeit. Manche Orte altern nach ihren eigenen Gesetzen. Manche Städte gehen dahin, unmerklich und jahrhundertelang, gemäß dem Zeitschlag ihres Herzens, manche Plätze, von Menschen wimmelnd und ungeachtet der vielen Füße, die über sie schlurfen und trampeln und schreiten und trippeln: ihr Antlitz wandelt sich, unwahrnehmbar, mit dem Schlagen ihrer innewohnenden Uhr. Und es gibt Orte, die sich nicht wandeln. Sooft du wiederkommst, es erwartet dich immer derselbe Ort; dieselbe Katze hockt auf der Fensterbank und sieht deinen Schritten mißtrauisch entgegen. In der Dämmerung schimpfen die Amseln in sich verdunkelnden Büschen. Ein Laden klappert, ein Hund bellt, die Glocken läuten, und plötzlich wird dir klar, daß Abend geworden ist, und es ist, als habest du dein Leben schon hinter dir. Der Ort, an den du zurückkehrst, starrt dich, alterslos, an, und die dich doch erwarten wollten, am Herd mit der Schürze die Mutter, und du siehst sie schon von der Straße, ein fleißiger Schatten im dampfhellen Fenster, der Vater, groß und ruhig wie die schützende Welt, als seist du wieder ein Kind, die, die dich erwarten sollten, sie sind lange tot. Und dennoch hallen deine Schritte in den Gassen wie jedesmal, der Flieder und der Liguster duften in den Vorgärten, überm goldüberstreiften Grün siehst du die Mücken tanzen. Die Häuserflure stehen hell, irgendwo qualmt Kartoffelgeruch aus der Glut, von ferne trägt der Wind das Tuckern der Kanalschiffe heran, und vielleicht erwarten dich wirklich die Mutter und der Vater, und du setzt dich mit ihnen in den Kreis der Lampe. Aber wo du warst damals und welche Wege du gegangen bist, das ist fort, das holst du nicht mehr ein; du folgst den Schatten der Jahre und dem Kind, das du warst. Aber der Ort, mag er so langsam altern, daß er dich weit überlebt, gibt dir nichts wieder, und einmal kehrst du zum letzten Mal vergebens zurück, und dann weißt du plötzlich, daß die Straßen dunkel sind, die Sonne lange untergegangen und Nacht ist.
Dann stehst du am Morgen an der Bushaltestelle, und während du noch nicht weißt, wohin du gehst, bist du schon eingestiegen, und über dein Gesicht am Fenster schiebt sich das Spiegelbild der Häuserzeilen, die du für immer verläßt. Die Sonne blitzt auf dem Glas, wenn der Bus eine Wendung macht; dann ist er fort, über die Brücke und um die nächste Kurve, und es ist, als hallten die Straßen noch nach von seinem Lärm.