Feiertagnachmittag

Feiertagsnachmittag, Hunde statt Glocken, Sonne und Regen im Wechsel. Meisen stehen wie Schauspieler hinter dem Vorhang und vermasseln einander den Auftritt. Eingeklemmt zwischen Zweigen klappert der Himmel mit den Zähnen. Und die Wasser grinsen, entblößt bis auf die eisigen Ziffern der Kiesel. Wind fegt die Täler aus, wo die Sonne einen Bachlauf trifft, blitzt es so schwarz aus dem Schilf, daß alle Stirnen schmerzen. Überall herrscht Traurigkeit, die Einheit sucht und nur Einzelnes antrifft, das sein eigenes Vorrecht behauptet. Wo nur immer eine Wunde ist, findet sich jederzeit ein Finger, der sie fühlen muß.

Insulationen

Man sieht das Haus erst, wenn man schon fast mit dem Knie an das kauernde Dach stößt. Unvermittelt liegt es vor einem in der ebenen Senke, umstellt von Dünen, selbst kaum auffälliger als ein von Besenheide bewachsener Hügelrücken. Reetgedecktes Dach, die Tragkostruktion mit Tauen befestigte Stämme, aus der Mauer läßt sich ein einzelner Grassoden einfach so herauslösen. Ich hätte gern einen Blick hineingeworfen, aber zum ersten Mal, seit wir hier Urlaub machen, scheint die Tür verriegelt. Jungsteinzeit, auch so ein Wort. Nahebei liegt die Fundstätte zweier Gräber. In einer der unter rohen Steinen angelegten Grabkammern hat man einen trepanierten Schädel gefunden, dessen Besitzer jedoch den Eingriff nicht überlebt hat. Hundert Meter weiter finden aktuell Grabungen statt, man vermutet ein Haus wie das, vor dessen Nachbildung wir gerade stehen. Man versucht sich vorzustellen, was das für ein Leben gewesen sein mag. Die Insel noch keine Insel, sondern Sumpf- und Feuchtgebiet, sicher reich an Vögeln; kein Wald; verschwommene Küsten, weder richtig Land noch richtig Meer. In der Nähe Herdrauch, Tierwärme, Zugluft durch die Ritze, wo ein Grassoden fehlt. Auf der Infotafel Wörter wie „Fischfang“, „Dinge des täglichen Gebrauchs“, aber es bleibt reine Information, ohne Anschauung. Mit welchen Gedanken wurden die Menschen morgens wach? Was war ihr letzter Gedanke beim Schlafengehen? Was taten sie gegen Rückenschmerzen, gegen Langeweile, gegen Überdruß? Was hatten sie für Träume, für Hoffnungen? Was waren ihre Vorstellungen von der Welt und ihrer eigenen Rolle darin? Was hielten sie für den Sinn ihres Daseins? Was war für sie das gute Leben? Hier haben Menschen gelebt, gelitten, sich gefreut und geärgert, geliebt und gestritten, deren untergegangenes Leben (Durchschnittsalter, Fortpflanzungsrate, tägliche Kalorienaufnahme, Körpergröße) heute nur noch aus Zahlen besteht, sich nur noch in archäologischem Fachvokabular (Jungsteinzeit, Steingrab, Wall-Graben-Konstruktion) fassen läßt; voller Leerstellen, die nur die Phantasie zu füllen vermag. Und einen Moment später fragt man sich: was sind denn unsere eigenen Vorstellungen von der Welt und von unserer Rolle darin? Was sind unsere Träume und unsere Hoffnungen? Was ist unser letzter Gedanke vorm Schlafengehen? Und man fragt sich, ob jene Menschen damals nicht sehr viel besser über sich selbst bescheid wußten, als wir über uns.

Insulationen

Die Felder zwischen dem Wald auf der Inselmitte und dem Wattenmeer sind morgens hell, alles auf dieselbe Art nah, der Raum gleichmäßig und schattenlos ausgeleuchtet vom Schnee. Am Horizont ein Traktor, daneben ein Pferd, Scherenschnitte vor dem Himmelsschirm. Alles bewegt sich so langsam wie Minutenzeiger, und doch passiert ständig etwas. Gänse warnen einander auf einer Weide, Raben haben Ziele unter den Wolken, Wind sucht Löcher im Land, irgendwo muß das ganze Gestrüpp für das Biikefeuer liegen. Aber die Pfade enden ereignislos und stumpf vor Viehzäunen, Straßen kehren um und gehen die Strecke noch einmal, die Äcker stoßen erfroren ans Watt.

Insulationen

Gegen 15:00 noch einmal zum Dünenrand. Dort entlang zwischen den beiden Wegen. Einen Moment stehengeblieben: Eine Kiefer wackelt mit den Zweigen, ein vergilbter Grashalm zuckt, die Bürstchen der Besenheide strecken sich wie zahnärztliche Instrumente aus dem sterilen Schneeweiß. Man schaut wie auf ein Diorama in eine andere Welt. Im Rücken lärmt eine Motorsäge, rauscht eine Straße von Verkehrslärm; aber hinter der Absperrung dehnt sich Stille aus, die zu sandigen, schneeigen, wolkig sich aufhügelnden Dünen erstarrt ist. Aus den feierlichen Bezirken der Luft streicht unsicherer Vogelflug in die schnellere Zeit am Grund hinein.

Odins Altersruhesitz

Auf die Einsamkeit des Ortes ist Verlaß. Niemand zeigt sich an diesem Feiertagmorgen auf dem Gipfel des Eichelberges (irgendwas über 500m, ein Turm aus Granit, Bänke und Tische) in den zwanzig Minuten, die ich dort frierend auf einem Wurstzipfel herumkaue, während die Sonne Mond übt, der Mond sich nicht blicken läßt, der Wind Reisekoffer über den Gipfel schleift und die Eichen mit den Zähnen klappern. Keine Stimmen, keine Hunde, kein noch so fernes Autogeräusch. Es knistert frierend und friert knisternd in den Baumkronen. Aber unbelebt ist der Ort nicht: erst dreht er die Wegezeichen um, dann, als ich umgekehrt bin und endlich auf dem richtigen Weg, stößt er mich mit einem trickreichen Rempeln ins Laub.

Diese seltsame Sucht des Menschen, überall Türme aufstellen zu müssen. Der auf dem Eichelberg taugt für nichts, nicht für Aussicht, denn die Eichen ringsum sind höher; nicht zum Zeichen (Drohgebärde, Orientierungspunkt) für andere, aus demselben Grund; die Zeiten, sich zwecks Schutzes vor Feinden in einer Burg zusammenzuscharen, sind auch vorbei, und was sollte man mitten im Wald verteidigen? Und doch, ein Turm muß es sein, und sei es auch nur, um darin Erbsensuppe mit Bockwurst anbieten zu können. Eine lässige Prahlerei: wir haben einen Turm! Mit Erbsensuppe! Man baut in die Höhe, wo das Gelände schon einen höchsten Punkt bildet, und setzt noch eins oben drauf. Niemand käme auf den Gedanken, in einem Talgrund einen Turm zu errichten. Man hat nach dem Aufstieg noch etwas, das einem selbst gehört, etwas Menschengemachtes, ein paar Stufen, als würde man nur so ein ganzer Mensch, wenn ganz oben das eigene Werk ist, wenn man auf steinernen Stelzen steht. Babels Fundament war mit Sicherheit ein Berg.

An diesem Winter- und Feiertag gibt es keine Suppe. Im obersten Stockwerk, wo man die Suppenküche vermuten darf, sind die Rolläden heruntergelassen, im unbeheizten Raum hinter den Granitmauern dürfte es ungefähr so gemütlich sein wie in einem Mausoleum. Immerhin, der Wind hätte es schwer, ins Gemäuer zu dringen, die Mauersteine liegen fugenlos aufeinander, die Tür paßt in ihren Rahmen wie ins Gehäuse eines Tresors, die Treppe zum Eingang liegt bescheiden wie ein Bettelpilger vor der Schwelle.

Früher habe ich in dieser Landschaft immer nur gesehen, was sie nicht war; in meinen Augen sah sie so aus, als sehnte sie sich danach, eine andere zu werden — und ich, gerade aus den Alpen heimgekehrt, die nun wieder für 11 Monate unerreichbar sein würden, teilte ihre Sehnsucht: nach etwas Wilderem, Größerem, Gefährlicherem. Nach einer Umgebung, in der ich selbst auch wilder, größer und gefährlicher sein würde. Alles schien mir damals besser als dieser Altersruhesitz für greise Götter, diese Handkäs-mit-Äppelwoi-Gegend mit ihren sanften rollatorgerechten Hügeln, ihrem behäbigen Klima, ihren schattenlos-breiten Tälern und den weichen Kuppen, für die das Wort Gipfel eine Anmaßung wäre. Diesen feuchten Wiesen und matschigen Anstiegen, die immer nur ein Anfang von etwas waren, das nie über dieses Anfängerstadium hinaus gelangte. Alles unter 3000m, so dachte ich damals, verlohnt nicht, daß man die Bergschuhe dafür schnüre.

Zurück aus den Alpen, mit stumpfgebrannten Adrenalinrezeptoren, das Auge voller Vertikalen, die Lunge geweitet von Höhenluft, und dann das hier: alles weit unterhalb der Baumgrenze, eis- und schneefrei, von Gletschern zu schweigen, und die einzigen Felsen lagen als Schottersteinchen zermahlen auf den Waldwirtschaftswegen. Die endeten dort, wo im Hochgebirge nicht einmal der Einstieg erreicht war, bevor das Bergsteigen richtig beginnen konnte, war es schon vorbei. Man fühlte sich wie in einem Käfig der Horizontalen gefangen. Dieses Land taugte einfach für gar nichts. Nicht einmal Höhlen gab es, in die man sich hätte abseilen können. Der Klettergarten im Steinbruch war genau das: ein Garten. Warum war ich nicht in einer Berghütte oder wenigstens in Martigny oder Chamonix aufgewachsen, wo ich mich schon hätte anstrengen müssen, um kein Bergsteiger zu werden. Warum war ich nicht auf einem Segelschiff, warum nicht wenigstens an der See geboren? Warum war mir das Segeln, warum war mir nicht irgendein Abenteuer in die Wiege gelegt? Niemals würde ich Mittelgebirgsbleichgesicht den Vorsprung einholen können, den die Kinder Chamonix‘ oder Zermatts natürlicherweise besaßen. Das einzige, was ich in die Wiege gelegt bekommen hatte, war eine Toleranz gegenüber Handkäs mit Musik.

Inzwischen muß ich nicht mehr in die Berge, und das Höher habe ich gegen das Weiter eingetauscht. Diese Landschaft zwischen Main und Neckar eignet sich hervorragend für 50-km-Märsche, wenn man es darauf anlegt. Anders als im Hochgebirge, wo man vom Tal zur Hütte in sechs, sieben Stunden kaum 5 km Luftlinie zurücklegt, kann man hier über die Hügel förmlich fliegen und dabei ordentlich Strecke machen. Ich sehe es meinem jüngeren Selbst nach, daß es diese Landschaft nicht zu schätzen wußte.

Diese Landschaft: Wenn es stimmt, was die Geologen sagen, und dies einmal einmal ein Hochgebirge war, dann erinnern sich diese Hügel nicht mehr an ihre wilde und schroffe Vergangenheit, eine Vergangenheit, so weit entfernt, daß sie mit modernen Zeitbegriffen nicht zu fassen ist. Was wir unter Vergangenheit verstehen, ist ein Teelöffel aus dem Ozean der Zeit. Und was hier noch steht, ist ein Rest, ein Sockel, ein von Wind und Regen heruntergekauter Zahnstumpf. Ich. Bin. Hier., murmele ich vor mich hin, als könnte ich damit einen Anker setzen: das war Jetzt. Und dieses Jetzt irgendwie auszeichnen gegen die unzählbaren Momente, die alle schon auf diese Berge geblickt haben und vergangen sind.

Nach Hause, dorthin, als wo ich nirgends bejahender zu Hause bin. Die Felder liegen schwarz und brach, die Schollen glänzen blankgeschliffen. Die Wege sind menschenleer, Baumwurzeln bohren sich durch zum Licht, der Wind hat die Pässe wieder für sich allein.

Insulationen

Man kann die See vom Weg aus nicht sehen, aber hinter den Dünen hängt ein grauer Film am westlichen Horizont, dort wirft das Wasser seinen Schatten an den Himmel. In einer Umkehrung der optischen Verhältnisse leuchtet die Landmasse Föhrs im Osten den Himmel über der Insel mit einer hellweißen Haube aus; wo das Land endet, senkt sich ein Schatten herab und löst sich in der Farbe des Meeres, daß es scheint, als schwebte die Insel gleich einem Augenschlitz in einem Element, das weder dem Wasser noch der Luft verwandt ist, aber von beidem sich die Licht- und Äthersubstanzen leiht.

Und dann, nach einem Tag, über dem der Himmel wie ein bleierner Sargdeckel lag, doch noch Sonne. Ein Vexierspiel aus verschiedenen Wolkentiefen, die alle aufeinander verweisen und der Helligkeit ausweichen; bis endlich ein Schleier so dünn wird, daß die Gleichung aufgeht und die Sonne auf einem Wolkenband nach Westen rollt. Bleich, eine papierene Krone, die Krümmung der halben Scheibe läßt auf etwas Größeres schließen, als das Gestirn, als was sich da mondähnlich über den Dunstwirbeln erhält. Schon halb fünf und noch so viel Weg bis zum Horizont. Als hätte der Winter den Mut verloren.

Mut zur Farbe: ein letztes Rotkehlchen am Futterhaus trotzt mit stolzer Brust dem Grau des Abends.

Die Leinen spannen sich von Dämmerung zu Dämmerung, halten mit Mühe die Dünen zusammen in ihrem windgefegten Gehege. Darin laufen die Hänge wie Tiere hin und her. Kiefern spähen über den Zaun, die Spione der Besenheide sind schon auf die andere Seite gelangt. Der Abend kommt früh, die Leinen gehen in der Dämmerung verloren. Eine Fußspur bleibt in den Schnee geprägt, wenn alles schon wieder zu Hause ist, in einer der schnuckeligen Häuschen im Kiefernwald, deren Lichter man durch die Zweige flackern sieht, davor das unschuldige Auto mit dem fernen Kennzeichen, das die Gäste hierher gefahren hat. Zu Hause ist hier niemand. Man tritt auf eine Straße, aus der Dunkelheit herangekrochen kommt, und über einem schreit eine Krähe. Plötzlich klingen nahebei Kinderstimmen auf, lachen, johlen, entfernen sich, zeigen sich nicht, bleiben Stimme, verstummen pfeifend und dünn in der sandigen Tiefe des Pfades. Jetzt heißt es, Fersengeld geben, bevor es dunkel wird. Doch jeden Schritt so vorsichtig setzen, als lauerten Scharen von Baumstümpfen vor den Zehen.

Insulationen

Auf dem gefrorenen Bohlenweg knackt es, wenn der schmale Eisfilm zwischen den schwingenden Brettern unter den Schritten bricht. Es hört sich an, als käme der Weg auf einem Holzbein hinterdrein gehinkt. Ich weiß, daß hinter mir niemand ist, ich habe mich schon dreimal umgedreht, aber, knack, knack, ich drehe mich auch noch ein viertes Mal um, felsenfest überzeugt, daß mir diesmal wirklich jemand auf den Fersen ist.

Wie aus einer nebligen Milch ragen die abgeblühten Fruchtstände der Calluna. Gerötete Schwielen, Frostbeulen, das Kameraobjektiv, eine schwarze, glänzende Sonne, bringt die erhoffte Wärme nicht.

Die Dämmerung bleibt lebendig. Der Schnee springt den Vögeln nach, ohne sie je zu fangen.

Das Ticken der Stricknadeln kann die Dämmerung nicht einholen. Schon hängt der Rettungsring mit dem recherchierbaren Schiffsnamen und Heimathafen (Erena Majuro) im Dunkel der frühen Nacht an seinem Gartenzaun, dient Landrattengeistern zur Rettung. Unterm Schnee Träume von Seeleuten, dick wie Teer sintert der Tee in der Kanne, die Nacht schwimmt allen Inseln voraus.

Bald übernehmen die Spiegelungen das Draußen.

Selten drängt sich der Grund unter den Füßen auf. Wörter wie Geestkern bleiben abstrakt. Felsen schafft es kaum an die Oberfläche, der Granit erstickt im Sand, was die See nicht beansprucht, fristet unter Dünen und Kiefern eine Art windgeschenktes Dasein.

Insulationen

(Vortag, Festland) Wind ohne Wellen, Wasser ohne Haltung. Aquarellierter Himmel, darunter liegen die Fernen dunstig und eng beisammen. Was man gerade noch sieht, ist schon unzugängliches Sagenland: tropische Wälder auf Inseln, Türme von Schlössern, Leiber wandernder Tiere am Horizont. Der Wind hält sich mit dem Wasser nicht auf, er kommt direkt vom Horizont herangeflogen.

Wir sitzen in den Spiegelungen der Fenster beim Frühstück, es ist sieben Uhr, noch Nacht in diesen Breiten, die Lichter des Fähranlegers schweben in der Dunkelheit, mal weiter, mal näher, je nachdem man die Höhe überm unsichtbaren Wasser schätzt. Wir sehen die 7:15-Fähre, die Brücke dunkel, hinter den Panoramafenstern des Zwischendecks glimmt eine schwache Beleuchtung. Die Tage sind kürzer als im Süden, wo wir herkommen, und wo um diese Zeit schon der Morgen graut. Erst Ende März werden alle gleichauf sein, bevor der Norden überholt.

Eine kaum merkliche Verschiebung der Fensterreihe des Zwischendecks verrät, daß die Fähre ablegt, dann erscheint ein bislang verdecktes Positionslicht, dann ein weiteres. Der Körper wendet sich, die Masse löst sich von der Verankerung und nimmt, nunmehr voll sichtbar mit allen Positionslichtern, Kurs auf jene schmale Lichterkette, fern wie eine Milchstraße, die das nächste Eiland bezeichnet. Dazwischen, irgendwo weit draußen, blinkt eine Fahrrinnenboje grün — später, bei Tageslicht, wird man sehen, daß sie kaum hundert Meter vom Ufer entfernt in der Hafeneinfahrt installiert ist. Im Scheinwerferlicht sieht man das Wasser am Bug wie ein Knäuel Mäuse aufschäumen und ins Schwarze der Nacht zurückwallen. Bis die Fähre um die Landzunge der Insel herum verschwunden ist, hat auch der Tag dort das ferne Ufer erreicht.

Heiliger Abend

Noch eine kleine Runde, und dann ist es geschafft. Wind staucht die Wege, die Hügel rücken zusammen, Krähen fallen dem Gewölk in den Schoß. Die Menschen eilen nach Hause, als schlüpften in ihren Manteltaschen Küken. Zwei Esel auf der Weide grasen in Ruhe, sie haben schon alles gesehen. In der hereinbrechenden Dämmerung wandern die Glocken wie Bettler von Turm zu Turm.

Noch einmal in O.

Lange habe ich dieses Glücksgefühl nicht mehr gehabt. Ich fuhr mit dem Zug nach Alsheim, saß alleine am Fenster, den Blick hinaus gerichtet, ziellos, wie wenn man das Auge Gassi führt. Hinter den Scheiben kein Wetter, weder richtig Wolken, noch Sonne, keine Schatten, die Strecken flachgestrichen, die Tiefen nur Erzählung, Gemälde, und darin alles an seinem Platz, das Bekannte wie das Unbekannte, ich kann nicht sagen, daß ich diese Böschung, diese Brücke, diese Stück Zaun oder Hecke mit den verwelkten Brombeerranken wirklich kenne, auch nicht die Pferde auf der Weide, den Kirchturm, den Waldrand, die Fahnenstange überm Schrebergarten, die Weinreben; aber es sind Typen, die mir vertraut sind, Variationen über ein Thema, das ich in- und auswendig kenne, so sehr, daß ich weniger Betrachter als Teil des Betrachteten bin, weder der, der über diese Umgebungen nachdenkt, noch der Gedanke selbst. Ein Stück Weg schob sich aus einem Acker ins Blickfeld, Telegraphenmasten holten die Ferne ein, und plötzlich war ich genau so sehr am Platz wie alles andere auch unbestreitbar am Platz war, als hätte etwas eingerastet. Es war wie eine immense Erleichterung, als höbe sich eine Last von den Schultern, als löste sich eine Sorge auf, von der ich bis zu diesem Moment gar nicht wußte, daß sie mich bedrückt hatte. Es hatte etwas damit zu tun, daß ich mich zu Hause fühlte, angekommen, mit einer freudigen Überraschung, die darin lag, zu bemerken, daß ein lange Vermißtes die ganze Zeit zu Händen, in der Nähe und greifbar gewesen sei und nun nie mehr fehlen würde.

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Nach ein paar Kilometern von Alsheim nach Norden haben wir dann an einem Wingertsturm halt gemacht, jetzt sitzen wir Brote kauend im Durchzug und sind in Minuten durchgefroren. Ein schwarzer Fleck am Boden verrät, daß jemand versucht hat, in dem Raum ein Feuer zu machen. Augenscheinlich war ein Kunststoff mit in den Flammen, denn der Beton ist verkrustet von einer harten, aus dem Flüssigen wiedererstarrten Masse. Ich schüttele den Kopf und schimpfe laut und heftig, da sei wieder jemand zu dumm gewesen, einen Eimer Wasser umzukippen. Ich bin überhaupt, stelle ich mehrmals fest auf dieser Wanderung, sehr laut „Aber das ist nicht gerecht!“). Ich registriere es und kann es nicht abstellen, als müßte etwas Aufgestautes, Hintangehaltenes immer wieder nach draußen. Ich bin grundgereizt, vielleicht geht es wie mir vielen, aber warum ändert sich dann nie etwas? Will ich diesen zornigen Ausbruch, dieses Geschimpf wirklich in Erinnerung behalten für später, wenn ich an unser klammes Frühstück zurückdenken werde?

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Es ist ein Tag mit einem Licht wie aus niederländischer Malerei geborgt, nicht ganz echt, als könnte jederzeit sich ein Riß in der milchig grundierten Leinwand zeigen. Was man sieht, ist, so deutlich es sich in der Ferne auch zeigt, nie ganz wirklich, es ist wie ein Name, ein Zeichen für die Sache selbst. In diesem hellen Dunst glaubt man den Einzelheiten ihre Existenz nicht, glaubt nicht, daß man sieht, was man sieht, als müßte es einem jemand erst erklären. Immerhin, der Odenwald, das muß der Odenwald sein. Aber schon die Fabrik mit dem Schlot, an dem fortwährend die gleiche Abgasfahne klebt, schwebt mal wie auf hoher See, wenn der Gebirgsrand sich hinter Schleiern zurückzieht, läßt sich dann wieder im Raum verorten, mit anderen Strecken und Winkeln in Beziehung setzen, wenn die Hügel als Grundierung wieder sichtbar werden. Die Ortschaften und Straßen sind mehrfach deutbar, als Nähe oder als Ferne, und mehrfach versuchen wir, den Rhein zu identifizieren, lassen uns mehrfach von flachen Gebäuden und Agrarfolien narren. — Die Ebene scheint abgerutscht von den Hängen, über die wir spazieren, die Straßen lärmen darin herum, ab und zu zeigt sich in der Ferne das Ziel, die Zeichnung eines Kirchturms am Hang.

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Das Sehen an diesem Tag ist wie Segeln, man braucht dichtgeholte Schote, sonst landet man sonstwo. Das Weite der Ebene mit ihren Strecken und Panoramen entfaltet sich ins Innere des Betrachters hinein, und indem es das Bewußtsein mit etwas füllt, das leichter ist als Luft, läßt es die Schritte fliegen.

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Wir kennen uns seit Jahren, und seit ebenso langer Zeit gehen wir wandern. Wir kennen uns gut genug, um einander diese Sehnsucht nicht mehr mitteilen zu müssen, wir wissen beide, was das andere denkt: einmal mit einer großen Kelle aus der Zeit schöpfen! Nicht lange planen, einfach hinauslaufen in diese weiche, gemalte Landschaft, ihr auf den Pelz rücken, an der Leinwand kratzen, bis sie ihr Geheimnis preisgibt; diese flusige, aufgeweichte Ebene überqueren und in den Bergen auf der anderen Seite verschwinden, in den Schluchten, Spalten und Falten, wo uns keiner kennt und wir sein dürfen wer wir sind.

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Aber dazu wird es nicht kommen. Selbst um einen Ausflug wie diesen müssen wir ringen. Schon zeigt sich die Kirche zum Greifen nahe, eben noch schien sie viele märchenhafte Meilen entfernt. Ruinenfenster rahmen die Ferne, halten unseren Weg an der Leine, halten ihn für Augenblicke fest, ehe wir uns abwenden; wir umrunden den Kirchenbau, tun einen Blick hinein und schließen unsere Wanderung im Ort bei Kaffee und Kuchen ab. Ringen um Zeit, ringen um gemeinsame Fluchten, abgetrotzt den prosaischen Verhältnissen. Und schon sind wir am Ziel, die Meilen haben uns betrogen, die Zeit sowieso. Wie immer denke ich, ich bin nicht wach genug gewesen.

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Auf der Rückfahrt sah ich noch einmal das grüne Dach des Wingertsturms in den Höhen, und es erschien mir absolut unglaubhaft, daß wir vor einigen Stunden dort gesessen haben sollten. Dieser Ort war in diesem Moment leer; er existierte vermutlich, aber niemand betrachtete ihn. Er war wieder so leer, wie er es war, bevor wir dort frühstückten. Es gab keine Beweise für unser Dasein, und wenn es sie gegeben hätte, wären sie nutzlos gewesen. Ein Schwarm Vögel stob vom Acker auf, das Gras leuchtete plötzlich, die flatternden Leiber funkelten in einem Sonnenstrahl. Fort war der Dunst: Das Licht meißelte Wege und Pappelreihen konturscharf aus der Tiefe der Ebenen. Oben trug der Turm seine leere Kammer zum Horizont, ehe er aus dem Zugfenster verschwand, und da war es wieder, als hätte es uns nie gegeben.

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Einen Tag später der dämmrige, nebelige, sanft verregnete Wald mit seinen steilen, tropfenden Wegen, dem vergeßlichen Laub, den schrottreifen Farnrotoren, den sabbernden Rinnsalen; das Regengetröpfel lief als Gerücht überall herum, irgendwo verbargen sich Rehe; Steine glänzten fett, wie Wahrheiten, die sich als schmucke Lügen tarnen; der winzige beobachtbare Ausschnitt der Welt war auf geheimnisvolle Weise vollständig und zugleich offen, grenzenlos, und ich dachte, daß es keinen schöneren Ort gebe auf der Erde.

Wuppertalsperre

Wie das Wasser jede noch so geringe Beunruhigung zur Angst verstärkt: Der Gedanke, es könnte ja gewittern, ließ mich neulich sofort zum Rucksack zurückschwimmen; dabei war gar kein Gewitter vorhergesagt; und auch nicht das geringste Anzeichen einer solchen Wetterentwicklung (regnerisch, ja, aber nicht wüst und wild) erkennbar — es reicht, den Gedanken zuzulassen, und schon verwandelt sich die zwar nicht freundliche, aber insgesamt öde-harmlose Szenerie in die Kulisse eines tödlichen Dramas. Und ist es nicht immer so mit der Angst? Man darf sie nicht zulassen, andernfalls gewinnt sie Macht über einen.

Am nächsten Tag dann fast ganz gekniffen und umgekehrt, noch bevor auch nur die Zehen naß wurden, so unfreundlich, so abweisend, so diffus-bedrohlich war die Landschaft, dieses Jahr verbreitet sie aufgrund des geringen Wasserstandes und den kahlen, von den unterschiedlichen Wasserpegeln der letzten Jahrzehnte bebänderten Uferstreifen den Charme eines Industriekanals. Es ist eine Landschaft, in der man jederzeit auf an rostigen Zäunen hangende totenkopfverzierte Warntafeln zu stoßen glaubt. Dazu regnerisch, windig, die Luft schon so fröstelig, daß jeder Gedanke ans Schwimmen Gänsehaut bekommt. Also rein, trotz allem. Es ist kalt, aber ich habe jeden Vergleich verloren, die Temperatur ist dieses Jahr zu launisch, es waren schon 24°, jetzt sind es höchstens noch 21°, doch diese Schätzung hat nichts mehr, woran sie sich orientieren kann. Immerhin einen guten Kilometer geschwommen, eingestiegen auf der Höchstener Seite, weil am gewohnten Ort die Ufer infolge des gesunkenen Wasserstands so steil sind, daß man klettern muß, diagonal rüber, dann am Lenneper Ufer bis fast gegenüber der Spitze, Querung und zurück. Sicher Einbildung: das knarrende Geräusch, das ich auf einmal unter Wasser gehört haben will; als drehte jemand am verschleierten Seegrund Radbolzen fest. Ein interessanter Gedanke an Land, läßt mir die Idee im Wasser und knapp bei Atem das schon ziemlich kühle Blut in den Adern stocken. Sehr entmutigend auch der plötzlich einsetzende Regenschauer, denn ich bin mit dem Fahrrad da, ohne Schirm, und wenn es jetzt anfängt zu schütten, brauche ich mich an Land gar nicht erst abzutrocknen. Aber der Regen hört gleich wieder auf. Ich kämpfe mich mit abwechselnd Brust und Kraul vorwärts. Am Ende noch auf den letzten hundert Metern in einen ganz neuen Rhythmus gefunden und mich mit Atmen nach nur einer Seite (mehr rechts als links) ganz behaglich gefühlt. Aber die Kälte setzt zu. Sie ist es, die die Strecke limitiert, nicht die körperliche Ausdauer. Meine gewohnten drei Beckenkilometer scheinen in dieser klammen Brühe undenkbar. Lange Zeit sehe ich nur einen weißlichen Fleck voraus. Dann, nach ein paar kräftigen Zügen Kraul liegt plötzlich der Rucksack keine zehn Meter vor mir, und es ist geschafft. Der weißliche Fleck ist ein ominöser Schaumschwamm am flachen Ufer, als hätte jemand Geschirrspülmittel ins Wasser gekippt. Mit einer Art trotzigen Hochgefühls steige ich aus dem Wasser. Ich schaffe es gerade, mich abzutrocknen, bevor es zu schütten anfängt.

Sommer, ein Aufholen des Jahrs. Langsames Strömen, in Beharrlichkeit, unmerkliches Schreiten. Die Fernen schießen Garben von Wärme ab, auf den Feldern liegen die Heuballen wie betrunkene Tagelöhner herum, im mürben Laub am Waldgrund platzen Hitzebomben. Luft scheuert an Luft wie die Haut zwischen Zehen. Hart straffen sich die Muskelstränge der Buchen, mit geschwollenen Wurzeln graben sie nach Wasser. Oben kreischen die Schnecken auf den Wegen, während sich die Schatten ins tiefere Gehölz zurückziehen. Verborgen ruht irgendwo ein Lichtfleck auf einem Polster erschlaffter Dunkelheit.

Satyrica

Am Teltschik-Turm scheinen Leute mit Hunden zu sein, schon aus einiger Entfernung höre ich ein Jaulen und Fiepen. Tatsächlich, ein Wagen hat nahebei geparkt. Aber wo ist der Hund, wo seine Halter? Der Platz um den Turm ist verlassen, die Bänke und Tische stehen wie Viehtränken im Regen. Und überhaupt, das Geheul klingt seltsam, bei näherem Hinhören eigentlich gar nicht nach Hund. Kann es sein, daß …? Ernsthaft, bei dem Wetter? Doch doch, unter dieser Annahme ergibt das Geräusch sofort Sinn. Kein Zweifel, was da so jault, kläfft, heult, ist ein Mensch, und der Ursache des jetzt neu eingeordneten Schalls zufolge sind es mit ziemlicher Sicherheit zwei — auch wenn man zunächst nur sie hört. Aber wo sind die beiden? In dem Wagen? Bestimmt nicht, denn sonst wären die Scheiben von Innen wohl ziemlich beschlagen, und nach der Heftigkeit der Schreie zu urteilen, müßte das Fahrzeug tüchtig wackeln. Daß sie irgendwo im nassen Gras liegen, auf dem feuchten Waldboden im Unterholz, scheint wegen der Witterung unwahrscheinlich. Andererseits ist an der Situation sowieso und überhaupt nichts wahrscheinlich. Auch stimmt die Richtung nicht: Die Laute kommen ganz klar von oben, vom Turm. In offener Bauweise errichtet, sind dessen Treppen von außen einsehbar. Würde das Epizentrum des Schalls auf einem der unteren oder mittleren Absätze liegen, müßte man Bewegungen sehen können. Aber da rührt sich nichts, da ist nur tropfender Stahl und nasses Holz. Indessen das Geschrei kurz verebbt, nur um gleich darauf umso lauter wieder einzusetzen. Aber ganz oben, wirklich? Der Turm ist mindestens 40 Meter hoch, die Spitze mit der Aussichtsplattform verliert sich im Nebel. Dort oben weht selbst an einem vermeintlich windstillen Tag immer eine steife Brise, und an diesem Spätwintertag, Temperaturen zwischen 1 und 8 Grad, Nieselregen, muß es da oben scheußlich sein — triefende Nase, klamme Finger, quid non vincit amor?

Rücksichtsvoll doch amüsiert verzog ich mich unter die nächststehenden Bäume (obwohl mich von oben so wenig jemand würde bemerkt haben, wie ich von unten die Aussichtsplattform im Nebel erkennen konnte), dachte an ein Lessinggedicht (nur umgekehrt) und lauschte mit einigem Vergnügen, wie oben die Schreie spitzer und schriller wurden, Fleisch gegen Fleisch klatschte und endlich auch seine Stimme, ein kurzes Keuchen, sich hören ließ — und dann war es vorbei. Ein, zweimal quiekte und seufzte es noch von oben, dann hörte ich, wie zwei sich vermutlich Liebes zumurmelten, und beschloß, daß es Zeit sei, dem Ort und dem Geschehen taktvoll den Rücken zu kehren.

Bever

Die Farben an diesem Wintertag, als hätte jemand versucht, aus welken Blüten ein Gemälde zu sticken. Matt, fahl, erklären sie die Materie zu etwas Durchscheinendem. Selbst der Stein vor dem Fuß, der schwarze, tote Baumstamm am Wegesrand, ein geknickter Ginsterstrauch, sie sind so ausgehöhlt wie ein Teil der Ferne; als dränge nichts ins Nahe, ins Erreichbare hinein. Das Wasser der Bevertalsperre spannt sich wie Folie von Talhang zu Talhang, darunter, scheint es, ist eine Quelle flimmernden Lichts, in dessen je verschiedenen Brechungen nähere und fernere Flächen ineinander verzahnt sind. Niemand bewegt sich an den Ufern, obwohl es immer wieder wie Stimmen übers Wasser fliegt. Wendet man den Kopf; bleibt man stehen, um zu lauschen: so war es doch nur wieder Gänse- oder Reiherruf. Oder das Rascheln der eigenen Kleidung. — Alle zehn Schritte drehe ich mich um, damit ich den Moment nicht verpassen, da der See hinter dem Bogen des Hügels abtaucht und verschwindet, durchsichtig wie Nebel, und gibt doch kein Geheimnis preis.

Das war im November: Asberg

Wenn jetzt eine Faust aus dem Wasser sich streckte, mit einem Schwert darin, und dies Schwert dreimal schüttelte, ehe sie wieder verschwände — man wäre an diesem Ort kaum erstaunt. Schilf hilft dem Nebel, ans Ufer zu kommen, die Bäume treten einen Schritt zurück und angeln nach Schlick, eine unhörbare Ursache wirft Ringe zur Wasserfläche hinauf. Ein Zucken von Schatten, und drüben, wo kaum das andere Ufer sichtbar wird, scheint es schon Abend zu werden.

Eine Erle streckt ihre fast ganz entlaubten Äste übers Wasser. Der Grund ist aufgeweicht, schlammig, von grauschwarzem Erlenlaub bedeckt. Der Pfad hierher, nicht leicht zu finden, windet sich durch Gestrüpp. Das Wasser, eher fühl- als sichtbar, zeigt sich erst, wenn man fast hineintritt, und verleibt sich Sumpfflächen ein, die die Grenze zwischen Land und See verschwimmen lassen. Ist das schon Spiegel mit treibenden Blättern oder Blätter, die über einer Schlucht hängen? Ein Vexierspiel, in der die Luft selbst spiegelnde Schichten einzieht, die sich als Trug erweisen und das Auge taumelnd weiterstürzen lassen. Wagte man hier zu schwimmen, bliebe man vielleicht aufgehängt zwischen den Spiegeln gefangen, eisig und zappelnd.

„Du willst doch jetzt nicht etwa ins Wasser?“ Dazu ein Himmel, aus dem das Licht diffus und richtungslos ohne Schatten und ohne Reflexe fällt.

Aber ich habe die Schnürsenkel bereits gelöst und lehne mich mit dem Rücken an die Erle, um die Socken abzustreifen. Ringsum herrscht tiefe Stille, die Geräusche einer Landstraße kommen aus einem Traum, der seine Ränder nicht mit diesem Ort teilt.

„Na, doch.“ Meine Stimme klingt wie in einem Karton. Irgendwo hinter den nebligen Brombeeren und Erlen sind Spaziergänger mit Hunden unterwegs, laufen Jogger in grellen Klamotten herum, aber diese Sphäre haben wir verlassen, indem wir uns über die Warnung von umgestürztem Baumstamm und Gestrüpp hinweggesetzt haben.

Braunes Laub drückt sich zwischen die Zehen. Meine tapfere Begleitung bietet mir ihren Arm als Kleiderständer. Sie kennt mich gut genug, um zu wissen, daß ich weiß, was ich tue. Wie jedesmal bei solcher Gelegenheit weiß ich aber selbst nicht mehr, ob ich das weiß. Das Wasser ist still, grau, vollgesogen vom Nebel, der über dem Ufer hängt wie eine bergende Hand. Mehr als anderswo bin ich Fremdkörper, Eindringling, unerwünscht, nur kurz geduldet. Wäre das Wasser wärmer, würde es wahrscheinlich schmeicheln, wäre weich und kühl wie die Gewandfalten auf einem Renaissancegemälde. Kalt wie es ist, unter acht Grad sicherlich, gleicht es eher einer Ritterrüstung, schwerem Stahl, der auf jeden Zentimeter Haut drückt. Ich habe die Mütze aufgelassen, untertauchen kommt nicht in Frage, fünf, sechs Schwimmzüge bringen mich in Sichtweite einer hinter Erlenbestand verborgenen Bucht, der See öffnet sich. Plötzlich stürzt ein Reiher aus dem Wald, schwingt sich so nah in die Luft, daß ich meine, den Flügelstrom im Gesicht zu spüren. Ich drehe mich auf den Rücken. Das Wasser färbt die Haut kupferfarben. Besonders klar ist es nicht. Der Nebel setzt sich unter Wasser fort. Und still ist es, sehr still, das Plätschern der Schwimmzüge weithin das einzige Geräusch. Sagenstill. Visionen- und Illusionenstill. Ich bin zu beschäftigt mit meinem Körper und seinen Signalen, um in diesem Moment zu sehen, was zu sehen gewesen wäre. Fern am Ufer wartet meine Wanderfreundin, und mir schmerzen die Glieder vor Kälte. Das hier ist etwas völlig anderes als vorgestern am Dümpfhaub. Als hätte der November über Nacht beschlossen, ernst zu machen. Mit kräftigen Stößen sehe ich zu, das ich schlammigen Grund gewinne, und taumele lange Augenblicke später ans Ufer. Meine Wanderfreundin reicht mir strahlend das Handtuch. Hast du ihn gesehen, fragt sie.
Nein, wen?
Den Eisvogel!

Ich habe nichts gesehen, wieder einmal war ich nicht da, nicht wach, nicht bereit. Ich sehe die Dinge immer erst später, am Schreibtisch, nicht klarer, aber schärfer umrissen in der imaginären Erinnerung. Blau, blitzend, eine Fremdwimper im seitwärts taumelnden Blick, im Davonzucken kaum zu registrieren, ein Wahrzeichen der Stille an diesem Ort, ein Siegel, das uns ausschließt von hier, eine Linie, die wir nicht übertreten können, und kämen wir auch mit Booten, Flößen, Plattformen, rückten mit Kameras und Tauchausrüstung dem See zu Leibe. Wir könnten nie einen Ort mit dem Vogel teilen.

Ich trockne mich schnaufend und schnaubend ab, das Handtuch bekommt schiefergraue Flecken, die noch Wochen später sichtbar sind, ich lasse mir von meiner Frreundin die Klamotten einzeln geben und zwänge zuletzt die eisigen Füße in die Schuhe, in denen kein Rest Wärme zurückgeblieben ist. Brombeergestrüpp, Erlenbüsche, sumpfiger Weg, dann die Stacheldrahtrollen, die zukünftige Besucher demnächst schon weit vor dem Ufer stoppen werden, unter einem umgestürzten Baum durchgeklettert, dann sind wir wieder auf dem Wanderweg und in der Welt der grellen Joggingklamotten, Bell00-Tüten, Funktionsjacken und Händiegelaber. Im Blick zurück sieht der Ort hinter den drahtigen Vegetationsschichten unzugänglicher aus als jemals ein durch Stacheldraht abgeriegelter Bezirk. Um uns laufen und hasten und quasseln Menschen; da hinten aber, nunmehr unerreichbar, läßt der Vogel sein unglaubhaft-blaues Gefieder leuchten, niemandem zu Gefallen als nur ihm selbst.

Das war im November (1)

Spaziergänge vom Bahnhof Obertwiern hinauf zum Dümpfhaub. Jede Woche jetzt ein- oder zweimal der Weg. Erst Spätsommer- dann unmerklich Herbstregister im Laub, die Wege beginnen zu nuscheln und mit den Zähnen zu knirschen. Erste verhüllte Vormittage, kalt wird es trotzdem nicht, ich komme jedes Mal verschwitzt am See an, streife vorm Bad ein feuchtes T-Shirt von den Schultern. Blätter fallen, jedes einzeln und wie zufällig. Als ginge der Herbst die verbleibenden nichts an. Ich aber ginge den Herbst gern, oder der Herbst mich, etwas an.

Und so, in einer Beziehung wechselseitigen Etwas-Angehens, wäre ich wieder so sehr Teil der Welt wie ihr melancholischer Beobachter. (Muß ich deshalb so verzweifelte Dinge unternehmen, wie im November im See schwimmen — ist es der Versuch, die Trennung zur Welt durch Schmerz zu überwinden? Weil die Welt mir anders nicht als durch eisiges Wasser auf der Haut zu brennen kommt?) Ein Vers: „Erster Versuch: Melodie. Die das Blaue der Ferne herbeizieht.“ Der Herbst bleibt fern, keine Musik zieht ihn ins Nahe. Selbst der Schlaf ist sachlich und gut. Die Wege: bereitwillig. Doch ohne Seele, nicht mit dem Herzen dabei, nicht bei mir. Es ist eine seltsame Beiläufigkeit in allem, eine Routine, über der man das Erstaunliche vergißt. Oder man vom Erstaunlichen als seinesgleichen — vergessen wird.

Schwangau (3)

Es soll tatsächlich Touristen geben, die sich über das Gebimmel der Viehglocken aufregen und über die Kuhfladen auf der Straße ärgern. Was wollt ihr hier, denke ich, was erwartet ihr euch von diesem Land? Ihr wollt Idylle ohne Klänge und Gerüche? Bleibt zu Hause und schaut euch lieber einen Heimatfilm an.

Abends aus dem Wagen steigen und das Gesicht in die Regenluft tauchen. Zusammen mit dem Herdrauch und den Kuhglocken ist da sofort wieder dieses immense Zuhausegefühl, eine Heimat der Zeit, abgelegte Spielzeug-Fremde, eine verlorene Art des Daheimseins, nach langer Fahrt, an einem wilden, abendkalten, bachklirrenden Ort im Schatten von Bergen. Damals zogen wir unsere Heimat in den vier Wänden des Wohnanhängers mit uns herum und waren, wo wir auch eintrafen, und sei es ein Atobahnrastplatz, daheim. Die Fremde blieb zahm, legte sich auf die Türschwelle und schnurrte. Menschen brauchen einen Innenraum, und sie schaffen ihn sich, wie Sloterdijk gezeigt hat, wo auch immer sie sich niederlassen und mit ihrer Umgebung auseinandersetzen.

Schon eine Nacht in der Ferienwohnung, und man kennt die Winkel und die Entfernungen und die Geräusche. Man entfernt sich sehr schnell vom ersten Eindruck und schaut auf die Ankunftsstunde mit Verwunderung. Man kennt noch die Fremdheit dieses Augenblicks, als man die Wohnung zum ersten Mal betrat, aber man empfindet sie nicht mehr. Man füllt die Räume mit Traulichkeit, und die Fremde bleibt vor der Tür.

Der Fremde ausgesetzt sein, mit allem, was man ist, das ist schrecklich. Die Heimatlosigkeit und das Heimweh. Mit müden Gliedern in einem regennassen Wald nichts als ein mickriges Zelt haben für den Bau der Heimatblase. Unter einer Masse gutgelaunter Gleichaltriger im Zeltlager einen Platz für Intimssphäre finden müssen und aber nirgends finden. In einem schmutzigen Hotel absteigen, von schlechtgelauntem Personal empfangen werden. In einer fremden Wohnung mit fremden Familienregeln unterkommen müssen. Der Grund, warum ich nicht mehr reise und eigentlich nie hätte reisen dürfen, ist der, daß ich sehr spezielle Dinge benötige, um diesen magischen Kreis des Zuhauseseins um mich zu ziehen. Ich brauche einen Filter zwischen mir und der Fremde. Eine Wand, die nur ich öffnen kann. Selbstwirksamkeit und vier Räder samt Motor. Das bewirkt ein Nicht-Ausgeliefertsein, das für die Reiseideologen gar kein richtiges Reisen ist.

Dümpfhaubsee

Neue Erfahrung von Kälte. Das Thermometer zeigt 7° Wassertemperatur, mit gutem Willen und scheelem Blick 7,5°. Neulich schon bis fast zur Hälfte des kleinen Sees am Dümpfhaub zurückgelegt, gestern dann wirklich die Hälfte, bis an die Stelle, wo sich das Gewässer weitet. Meine zehn klammen Schwimmzüge bringen mich nicht einmal an den Rand der Nachbarschaft des Vorbereichs dieser Zone, schrieb ich im Frühjahr; inzwischen bin ich da, wohin zu gelangen damals unmöglich schien. Beim Zurück dann ein erstaunliches Brennen in den Oberarmen. Keine Schwäche; aber eine spannende neue Empfindung; ein Gefühl von Wärme, wie von einem Panzer. Die Atmung macht noch Probleme, tauche ich den Kopf ein (in der graugrünen Wassersäule schweben hydrostatisch aufgehängte Blätter und vermitteln ein Gefühl von Tiefe und Räumlichkeit, deren es der trüben Brühe sonst ermangelt), will mir der Atem stocken, man muß eine Weile untergetaucht bleiben, und sich zum Ausatmen zwingen. Immerhin schmerzt die Stirn nicht mehr, das war vor zwei Tagen noch sehr unangenehm. Was sonst noch schmerzt, davon will ich lieber schweigen … Was bei normalen Wassertemperaturen nicht auffällt, daß ich rechts nicht so gut atme wie links, wird, je kälter das Wasser, desto deutlicher.

Schwangau (2)

Früh am Tag in Füssen, ein Herbstmorgen Ende September, die Berge überzuckert von vortäglichem Schneefall, die Straßen naß, die Luft kalt, klar, trägt jedes Sonnengleißen leicht und weit in die verschatteten Straßen hinein. Leuchtender Kaminrauch, darunter stehen die Häuser kältestarr, Atemwölkchen verdampfen von den Lippen der Touristen, die sich, noch nicht allzu zahlreich, am Bussteig („Tegelberg Station via Castles“) einfinden.

Ein katholisches Land, die Glocken tragen uns stundenlang bergauf, bis wir das Tal hinter uns gelassen haben.

Überhaupt, Glocken: eine Herde Kühe ist vom Schlafzimmerfenster aus hörbar am Abend. Wenige Geräusche sind so friedevoll wie das Läuten von Viehglocken, munter, behaglich, träge wie die Wiederkäuer selbst, die die Glocken tragen.

Nachts Stille, wie man nur sehr selten nichts hört. Es ist weniger als nichts zu hören. Als wäre der Raum, in dem sich das Schweigen abspielt, größer als dort, wo ich zu Hause bin. Als verteilte sich das Schweigen und würde dabei immer noch tiefer, nein, nicht tiefer; reiner, klarer, durchhöriger, offener und empfindlicher für jedwede Störung. Ein hochskaliertes Nichts, die akustische Parallele zur Nachtschwärze, in der selbst ein raschelndes Blatt, ein fallender Tropfen, der Schritt eines Vogels noch wie Lärm toben würde.