post aestatem

In der Stille aufwachen, in der Nachwelt der Vögel. Ein Name, ein Pfeil. Ein Hunger. Barfuß in Zuckerkrümel treten.

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Bis in den letzten Winkel ausgeleuchtet. Kein Raum für Zweideutiges, Anspielungen, Hoffnungsheimligkeiten. Das Abenteuer, in einer Wohnung aufzuwachen, wo man nicht weiß, wo die Kaffeedose steht. Am Bahnhof nicht abgeholt zu werden. Warten können und Zeit haben in der felsenfesten Gewißheit, daß die Schönheit für dich allein bestimmt ist, kommt Zeit kommt Rat. Raufzählen und zunehmen und die Bäume für bare Münze genommen. Man macht den Wecker aus. Man kennt schon fast alle Stücke. Es kommt nichts Neues dazu. Mit jedem neuen Tag wird die Wahrscheinlich größer fürs Déja-vu. Diesen Moment, der war doch schon einmal, der ist doch schon gelebt. Sendungswiederholung.

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Und zwischendrin: Ihren erstaunten Blick wärs doch wert gewesen, sich noch vier Stunden im Zug abzumühen und einen weiteren Tag mit den Kindern – , ihre Freude, daß ich mitkomme, doch noch, nachdem ich schon ausgestiegen war, das wäre es wert gewesen, ja, und ihr kindliches, simples Entzücken. Das ausblieb. Meinetwegen. Und das nicht wieder-holbar ist, nicht dieses, jedenfalls, nicht dasselbe. Nicht so schlimm, aber das Kleine ist ebenso unwiederbringlich vorüber wie das Große. Und wer mag schon genau behaupten, was groß und was klein ist. Ihr Strahlen, vielleicht wär‘s groß gewesen. Für mich, für sie. Für uns. Das sind so Gedanken. Und auch, daß die Tür von Wagen 254 schon geschlossen war, sich mit Gezisch und Geächz vollautomatisch zwischen uns geschoben hatte, meine Schroffheit/ihren traurigen Blick, und lag dann spiegelig hart zwischen den mühsamen Luftküssen. Aber ich hätte wieder einsteigen können, ein Ruck nur, ein Sprung, einzig und allein um ihre Freude zu erleben, dafür hätte ich gut und gern noch ein bißchen Plackerei und das Generve der Kinder – und die Tür zum Wagen 255 noch offen, der Pfiff noch nicht ertönt, das Signal auf Rot. Ich hätte, ich wäre, aber nein. Es ging zu schnell, könnte man sagen, um das alles durchzudenken und wirklich schon vorgreifend diejenige Reue zu spüren, die mich anfiel, anfallen mußte, sobald der Zug davongerollt war, ich nicht mehr sie hinter der verspiegelten Scheibe, sie nur noch mich sehen konnte (oder sich schon, enttäuscht?, abgewandt hatte); es ging zu schnell, um die Reue schon vorauszufühlen, als noch Zeit gewesen wäre, auf so eine Ahnung zu reagieren, aber die Zeit war nicht, und vielleicht ist das auch ganz falsch, vielleicht war Zeit zuviel, zuviel Zeit zum Zögern, zuviel Zeit zum Abwägen und Ausbaldovern und stur bleiben, zuviel Minuten, als daß ich blindlings … vielleicht ging es nicht zu schnell sondern, nicht schnell genug.

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Zuletzt noch die Mauersegler, abends, die ihre Leuchtspuren in den Schlaf hineinfräsen. Späteste Minuten. Wenn der Himmel sich vom Fenster löst, gerät das Zimmer ins Schweben. In der Luft hängen die Stimmen von damals. Einer Zeit, als kein Mangel war an Tag und Traum.

Fringilla coelebs

Wie von Weitem tönen eines morgens die Stimmen. Über Nacht haben Wetter und Wolken gewechselt. Die Schatten sind ernst geworden, die Wege reif von Fernen, am Horizont wälzen sich die Wälder. Die Stimmen haben ihre liebgewonnen Singstände aufgegeben, aus anderen Richtungen tönen sie, und leiser jetzt, gefiltert, gedämpft. Unentschlossen gegen die Entschlossenheit des grimmigen Jahres. Noch ein Versuch, zu retten, was verloren ist, schwebend zwischen Noch-hier und Schon-weg. Über Nacht sind die Zimmer des Sommers zu groß für sie geworden, In den Räumen verheddern sich die Stimmen, die Luft ist voller Winkel, wo immer man sie vernimmt entfernen sie sich, noch einmal und noch einmal, und dann werden sie verstummen. Eine dieser zaghaften, widerstrebend entäußerten, von ferne herangewehten Phrasen wird die letzte sein, mit einer jeden könnte der Sommer enden, und so klingen sie auch.

Leuchtspur

Sich so in den Morgen hineinschreiben. Den Leuchtspuren folgen, Zeichen um Zeichen die Zeit nachbuchstabieren, notieren, was rumliegt, an den Spülsäumen des Tags; findet sich immer was: Seemannsgarn, Flaschenpost, eines Gefangenen in Balken geschnitzte letzte Botschaft, Imaginiertes von Meister Krabbe, und wohin die Krallen der Möwen weisen. Das hat alles Richtung, wenn auch nicht die gleiche immer. Auch Sand beginnt als Versuch. Traubenlese der Algenfelder, die noch ins Dunkel spülen. Küstenwärts Sturm und Licht, lichtwärts die Klingen der Felsen, die Luft blankgewetzt unter den Schnäbeln der Vögel. Dunkelwärts Schlick in der Faust, und einen Keil in den Tag getrieben, einen Anker, der die Geschichten festmacht, ein Zeichen fürs Wachsein, ein Wort für die Stunde.

Das Kölner Urteil zur Beschneidung von Knaben verweist auf die prinzipielle Frage, ob Kinder vor den religiösen Ansichten ihrer Eltern zu schützen sind.
Ist es in Ordnung, wenn Eltern ihren Kindern weismachen, die Welt sei in sieben Tagen erschaffen worden und wer etwas anderes behaupte (“nur eine Theorie”) sei des Teufels? Vielleicht. Immerhin haben wir ja die Schulpflicht, um das wieder geradezubiegen. Ist es in Ordnung, das eigene Kind in komische Klamotten zu stecken, so daß es in der Schule zum Gespött der Mitschüler wird? Warum nicht, ein bißchen Anderssein stärkt den Charakter, könnte man sagen. Ist es in Ordnung, einem Kind von kleinauf einzureden, es sei sündig und schlecht und müsse bereuen, andernfalls es in die Hölle komme? Winken wir’s zähneknirschend durch. Gibt ja Therapeuten, die können das im Notfall wieder geradebügeln. Ist es in Ordnung, einem Knaben ein physiologisch entbehrliches Hautläppchen am Dödel wegzuschnippeln? Anästhesie und Wundpflege vorausgesetzt, na gut, wenn auch mit schwerem Seufzer. Ist es in Ordnung, einem Mädchen die Klitoris zu entfernen und es seiner sexuellen Genußfähigkeit zu berauben? Nicht mal unter Narkose, da ist man sich einig. Und ist es schließlich in Ordnung, einem Kind die überlebensnotwendige Blutkonserve vorzuenthalten, auf daß seine Seele nicht zugrunde gehe?
Irgendwo auf diesem Kontinuum verläuft die Grenze dafür, was Kindern an religiösem Brauchtum zugemutet werden darf und was nicht. Das Kölner Urteil könnte diese Grenze jetzt neu abgesteckt haben.

Beim Laufen

Der Asphalt blubbert, darüber schleppen die Tiere sich dahin, Krallen im Karamell. Staub und Kletten striegeln das Fell. Schnauzen suchen nach ihresgleichen. Irgendwo gehört ein Mensch dazu. Unklar, wer hier wen zieht, der Mensch den Hund oder der Hund den Menschen. Schweben von Schemen, wegauf und wegab, Schiffe und Segel. Die Hecken stehn im Dunst, beschämt über den Gestank von Kot, der an ihren Wurzeln hockt. Hammerschläge lassen ein Echo hinter sich fallen, mit Mühe schlägt es die Wand zurück. Die Farben hadern mit dem Licht. Sie halten es nicht, sie warten auf die Hand der Schatten, während die Sonne sich um den Kirchturm krümmt. Ein Eselskopf schaut über die Hecke, die Augen voller Fliegen. Durst, und rote Wangen, wie ausgespuckte Bonbons, Lippen unter der Nase, und wieder Durst, nach Dunkelheit. Ein Spaten ist in der Erde festgewachsen. Wohin auch immer, die Schatten sind stets noch ein paar Schritte weiter weg. Die Hitze ist ein Haar, das auf der bitteren Stirn klebt. Sie schneidet unter den Fingernagel, sie hält Wache am Bett der Liebenden, sie schläft ein in der geschmolzenen Vanille im Abfalleimer. Die Mauersegler fliehen zu den Horizonten der Wolken. Die Wege sind beladen mit Rainen, die sich aufrollen, um sich im Dunst zu verlieren. Dort versacken alle Richtungen. Laufen, nirgendwohin, bis die Sonne Mauern baut und sich der Schweiß in Käfer verwandelt. Der Wald zerkratzt den Blick. Häute wachsen zwischen den Fingern. Prüfungen des Rauchs, unter der Zunge singt Salz, die Plastiktüten quietschen bei jedem Schritt. Einzig frisch bleiben die Autos mit ihrem messerscharfen Lack, ihre Motoren heulen unwirsch über so viel Trägheit auf zwei Beinen.