Kreuzberg–Rheinbach

Es ist nur so, daß ich mit den Gedanken woanders bin. Natürlich könnte ich schreiben, natürlich fiele mir was ein – nur hab ich keine Zeit dazu, und in Gedanken zähle ich Reiherschwingen.

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In Gedanken zähle ich Reiherschwingen: Ich folge den schweren Leibern, Silbe für Silbe murmele ich ihrem Fluge nach. Ich folge der Bahn mit dem Finger; naß von stehendem Gewässer, tropf ich die träge Linie in den Wind. Den Schwingen, wie sie sich beladen mit fernem Gewölk, seh ich lange nach. Sie tragen meine Blicke in die Weiten, auf und davon —
Im Schilf die Libelle. Klappern von Flügeln.
Ein Totentanz in Türkis-moll.

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23. September 2006

Ich trete aus dem gebäude, wo die stadtbibliothek untergebracht ist; gelbgrau duften die steine; eine wasserstoffblonde frau mit einem kleinen jungen an der hand fragt an der aufsicht etwas in gebrochenem deutsch; ein missionierer streckt mir an den stufen ein jesusfaltblatt entgegen; auf der litfaßsäule prangt das wort „sex“, ein luftballon schaukelt über die dächer, ein tag wie jeder andere, ein tag für jede jahreszeit, und der himmel drückt schwer wie ein gewicht auf die stirn.
es gibt momente, da ich mich so verlassen fühle, als hätte nie jemand ein wort an mich gerichtet, nie jemand mir die hand auf die stirn, auf die wange gelegt, ein augenblick, als hätte es nie einen freund gegeben. jede erinnerung an so etwas wie wärme ist eine täuschung, und plötzlich bin ich immer schon allein gewesen. einsamkeit verästelt sich in vergangenheit und zukunft, sinnlos laufen die menschen. ein kinderwagen holpert. eine mutter schlägt ihr kind. die häuser stehen ohne schatten. zusammengesunken liegt ein bettler mehr als daß er sitzt im staub, vor den füßen hundekot, seine schwere hand leblos auf dem asphalt abgelegt, zum himmel hin die finger leicht geöffnet. eine taube pickt eine zigarettenkippe auf.
fehlt eigentlich nur noch vivaldis „winter“, wie ihn stümperhaft ein akkordeon dahinklimpert. der klang füllt die stadt, aber man bekommt es nirgends zu gesicht.
dies ist ein solcher moment nacktester verlassenheit. und während ich an den stufen stehe, das jesusfaltblatt in den händen, ist alles in bewegung. die leute laufen, kinder quengeln. aus den bäckereien duftet es, und ich weiß schon, wo meine wohnung ist, aber ist es dort nicht noch einsamer?
es gibt keinen ort mehr. wo du nicht bist, gibt es nur noch stellen, gibt es nur noch koordinaten, trigonometrische punkte, definierbar als kreuzungen, als gemeinsame zahlenwerte, als symptoten in fläche und raum, zufälliges, abstraktes, beliebiges. ein ort indes ist es noch nicht, ein ort, den man fühlen, durchmessen, umspannen könnte, wo man sich klein oder groß, beengt oder frei fühlen könnte.
so gibt es auch den ort, wo wir uns begegnet sind, nicht mehr: ich könnte die stelle wiederfinden, das schiff würde anlegen oder in den haltetrossen knarzen, und auf einer leine säße wieder eine stunde lang eine möwe, ich weiß die stelle, genauso könnte ich mich wieder hinstellen, ans geländer gelehnt, den rücken zur zukunft, die dich enthalten würde, und die züge würden wieder über die brücke donnern; aber ich könnte mich noch so oft umdrehen, du kämst nicht. und der ort hat uns schon längst vergessen. und ist zur bloßen stelle geworden.
einen ort gäbe es ja. wo du bist. da ist ein ort.
die zeit trägt masken.
seit samstag sträubt sie sich mißgünstig gegen unsere sehnsucht, schüttelt die federn aus, nimmt neue naturen an und läuft so viel träger als sonst, träger und lauter und gegen den strom unseres mühsam verhaltenen herzschlags.

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Jetzt gehe ich los, sagte er, und spannte den Körper. Die kann man schon fast zerknüllen und in die Tasche stecken, diese nicht einmal drei Stunden, sagte er. Dann lachte er ein wenig. Er legte die Hände auf den Tisch, beugte sich vor und erhob sich, ein gewaltiges Bündel von Schultern, Armen und Kopf, warf einige Geldstücke auf den Tisch und setzte die Mütze auf. Dann nickte er, wie um zu sagen, na, weißt schon … weißt schon. Der Stuhl rückte. Glas blitzte im Drehen auf, ein Quietschen von zitternden Spiegelungen, die sich über den Schultern schlossen, ein Schlag von Metall, er war draußen.
Draußen, wo wieder die Jahrmarktorgel zu spielen begonnen hatte.
Ein Kellner näherte sich lautlos und nahm die Münzen fort.

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Aber was

Aber was willst du denn mal machen, fragte auch Ioanna, oftmals, als hätte ich ihr keine antwort gegeben (hatte ich auch nicht), ich meine, du willst doch nicht ewig in diesem Hotel bleiben. Sie sprach „Hotel“ aus, als hätte „Abort“ gesagt. An ihrem Akzent lag es nicht.
Ja, was wollte ich „mal machen“, wie es immer hieß? Abgesehen von der Formulierung, die mir schon bald auf den Geist gehen sollte – in diesem Abort wollte ich wirklich nicht bleiben. „Irgend was mit Sprachen“, war meine Standardantwort, und bald sollte sie mir ebenso vague verhaßt werden wie die Frage, auf die sie Antwort gab, ohne zu antworten. Obwohl es ja stimmte. Etwas mit Sprachen: aber was? Und wirklich? Was war mit der Chemie? Mit der strengen Schönheit der Naturwissenschaft? Mit der Mathematik, die ich noch kaum kennengelernt hatte? Aber ich brauchte nur wieder zu den agglutinierenden Mäandern meiner Sprache zurückzukehren, um zu wissen, was ich wollte – oder es zu ahnen, denn ich wußte nicht, wo ich finden würde, was ich suchte – eine Wissenschaft nämlich, die mir den eben entdeckten, ungeordneten Reichtum an Struktur auffädeln, die Dinge in Beziehung zueinander setzen, in einer verallgemeinerten Weise gliedern und mir dann seine Grenzen aufzeigen würde.

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Astarte

ja, es ist sturm in der welt

und allerewig anfang zum wiedermal.

vogelgesang ruft uns die ewigkeit zu
während es überall sterblich sommert
es ruht jemand am flusse geneigt an modrige
sonne. am fuß klirren kiesel voll
herangerollter fernen. pappeln stürmen.
schiffe erklimmen die wolken
erstrebend brüllende fernen und meere.
im grase tummeln die ordnungen
er zählt sie auf. so viel hat er gelernt vom lernbaren.
ampfer wegerich knöterich lattich und da:
silbrige kranichfliege
vom nichtlernbaren:
daß es ist. was hilfts wenn
ASTARTE
gelächelt hat?

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Erinaceus europaeus

sechs uhr morgens. mitten auf der straße sitzt im laternenlicht ein dunkles knäuel, nein, keine katze, ein igel! und sieht mir mausgrau entgegen, mit erhobener schnauze.
ich verlangsame den schritt und trete sehr vorsichtig näher. der igel sitzt und rührt sich nicht. ich komme noch näher, bis ich genau vor ihm stehe und mein dreigeteilter laternenschatten über ihn fällt. der igel schaut mich kurzichtig an und rührt sich nicht. da stupse ich ihn behutsam, damit er von der gefährlichen straße weggkommt und in den sicheren büschen der vorgärten verschwindet, er aber, wie es igel nunmal zu tun pflegen, macht seinem namen alle ehre – er igelt sich ein.
andertalb stunden später komme ich wieder an der stelle vorbei. eine schule ist in der nähe. es ist acht uhr, und die straßen wimmeln schon von rangierenden, wendenden, startenden autos, mit denen die übervorsichtigen eltern – umweltbewußt, mit biodiesel – ihre kleinen zum unterricht gebracht haben. im geiste sehe ich schon die schleifspur aus blut, gedärm, krallen und fell – aber nein, die straße ist leer. zwei drei selbstbewußtere abc-schützen kommen mir hand in hand zu fuß entgegen. dann liegen die straßen wieder still in der morgensonne, und selbst ein igel käme nun gut hinüber. nur der geruch nach biodiesel hält sich noch lange und läßt sich von die morgenbrise nicht vertreiben.

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schreiben: eine halbe stunde täglich am projekt, manchmal, selten, mehr. eine halbe stunde gesammelte morgenfrühe zwischen bad und fahrrad, wenn die wirkung des coffeins sich gerade voll entfaltet hat. wie wird das im winter, wenn mein zimmer wieder doppelverglast gespiegelt mir aus dem fenster entgegentritt. beeinflußt es mich, ob die meisen sticheln, der regen rauscht oder die sonne in den hof hinabsteigt? schreibe ich in winterkälte und heizungsluft anders, als wenn mir der schweiß auf die tastatur tropft? ich hab schon einmal lange winterwochen geschrieben, einen der vielen rümpfe der alten geschichte, von denen jeder ein schatz wäre, wenn etwas schlüssiges und sich zum kreis schließendes dabei herausgekommen wäre – wenn ich es hätte herausformen, herauszwirbeln können aus den ansätzen, allein … aber davon will ich ja nicht schreiben. eigentlich glaube ich nicht, daß das anders war, auf eine verallgemeinerbare weise anders, meine ich, als das, was ich diesen sommer zu papier (oder zu dünnschichttransistor) gebracht habe.
eine andere frage ist: kann man einen roman in halbstundensitzungen schreiben? ich meine, ist es möglich, logistisch, gedanklich, ariadnefädig, zeitlich? mein tempo die letzten zwei monate: 5 seiten die woche (die seite bedeutet bei mir 60 zeilen à 30 anschläge, sofern das auf dem computer und mit proportionalschrift überhaupt ein sinnvolles maß ist). aber ist das nicht belanglose arithmetik bei einem vorhaben, dessen genaue struktur und fülle noch gar nicht feststeht?

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untergänge

daß das hotel untergeht … ob das eine gute idee ist? wofür soll das stehen, steht es überhaupt für irgendwas, heißt literatur, daß das unerklärliche damit geklärt werden kann, daß es für etwas anderes steht? ein symbol ist? eine allegorie? letztere deutung, würde sie jemand versuchen, wäre grauenvoll, kann ich doch allegorien nichts abgewinnen. sehr dagegen schätze ich Robert Gernharts gedicht „bei der deutung eines allegorischen gemäldes“.
also, was mache ich mit dem hoteluntergang? ich laß ihn stehen. ich muß nichts erklären, dafür gibt’s germanistikprofessoren. für irgendwas müssen die schließlich gut sein. nur funktionieren muß es, was immer das heißen mag, ja, was immer: ich muß fühlen, daß es paßt – und daß es sich einer allegorischen verwurstung elegant aber hartnäckig entzieht. ich fürchte aber gerade, das tut es nicht.
untergänge haben mich schon immer fasziniert. in griechenland keimte der plan auf, eine tetralogie zu schreiben, untertitel: vier untergänge. mehr verrate ich nicht, denn vielleicht schreibe ich das ding ja wirklich irgendwann einmal. frühestens dann, wenn der 30-stunden-tag und die 10-tage-woche eingeführt werden und es stipendien für arbeitsscheue künstler geben wird.
also untergänge, katastrophen. nicht der banale typ („Der Schwarm“), nicht der sci-fi-typ, oder wenn sci-fi, dann bitte so, daß am ende weniger klar ist als am anfang. und außerdem wirklich und wahrhaftig ein untergang, kein drohender untergang, der noch einmal vereitelt wird, nein, wirklich das ende. es muß nicht gleich im totalschlag das ende einer zivilisation sein; eine stadt, eine institution reichen schon; es muß aber so angelegt sein, daß sich jedes rätseln über gründe und ursachen (innerhalb der geschichte) von vornherein verbietet. außer natürlich (außerhalb der geschichte) für die germanisten. vorbilder, die mich dabei beeinflussen: „Picknick am Wegesrand“ von den gebrüdern Strugatzki (obwohl dort die welt nicht untergeht); „The City of Last Things“ von Paul Auster; „Die Wand“ von Marlen Haushofer (obwohl ich das nie gelesen habe).
in einem solchen sinn geht denn auch das hotel zugrunde. grundlos, außer vielleicht einer autobiographisch motivierten süßen rache. aber das ist jenseits der literatur, und geht, auch wenn sie so etwas total geil finden, die germanistikprofessoren gar nichts an.

Astarte (2)

Es ist Sturm in der Welt
und ASTARTES Lächeln tönt
aus Muscheln und Schnecken
Krügen und Kesseln
Ampeln, Amphoren, Ostraka.
und den Gehäusen, die man fand
eingeschlossen darin vermutet
das Meer
und zyprischen Schaumes Klang.
doch dann
lächelte sanft so sanft
daß es schmerzte wie Eis
aus lebendigem Kalk hervor
die wilde die schöne die schreckliche
ASTARTE

auf ein neues

irgendwann eines mittags vor gut einem monat erhob ich mich aus hellgelbem mittagsschlaf, ein paar sätze und bilder waren da, ausgegraben noch im traum, herübergerettet ins kissenbewußtsein, grübelte dem eine weile nach, fragte mich, ob es sich lohnen würde, das aufstehen, die wand direkt vor der nase, so müde noch, so müde, aber die worte erwiesen sich mal wieder als wichtiger.
ich öffnete den computer und schrieb eine seite.
das thema war schon mehrmals flüchtig in meinem kopf gewesen, wann zuerst, weiß ich nicht mehr, und auch nie besonders präsent oder dringlich, als nächstes anzugehendes projekt nach dem projekt schon gar nicht, eher so „das müßte man auch mal irgendwann machen“. und das tu ich nun.
und das andere, das projekt, die 8 jahre herumtexten und herumkrampfen und herumschlawinern um den heißen, unantastbaren brei? das liegt nun in einer, wie ich hoffe, dereinst fruchtbringenden brache. in einer schublade, die einen spaltbreit offensteht, damit ichs nicht vergesse. möglich scheint es mir gerade nicht, vielleicht muß ich wachsen und meine sprache mehr mir untertan, mir mehr werkzeug sein, als ich werkzeug und untertan der sprache, wies mir immer noch vorkommt. vielleicht brauch ich abstand, vielleicht fang ich nochmal von vorne an mit der rückwärtsprojektion – hat das mal jemand gemacht, außer mir, frage ich mich, eine ganze geschichte nicht nur von der bedeutung, der syntax und semantik des schlußsatzes zurückentworfen sondern von seinem bloßen klang?
genau das ist mir zu eng geworden. ich habeden weg nicht gefunden in dieser enge. den weg nicht durch diesen klang und mit diesem klang. oder besser: ich habe den klang selbst nicht gefunden. wie eine kadenz auf dem klavier, man weiß, wie sie klingen soll, man imaginiert sie, man hört sie vorweg aus dem letzten spannungsakkord – doch welche Tasten man auch immer anschlägt, es ist wie verhext, die vorstellung will einfach nicht klang werden.
das ist jetzt anders. der neue gedanke eröffnet unendliche räume, alles ist assimilierbar und dehnbar, der rahmen ist so weit, daß eine ganz welt hineinpaßt. und um genau das geht es: eine welt. eine welt, deren grenzen beim schreiben offen bleiben dürfen. es ist ein wundervolles gefühl, endlich drauflosschreiben zu können, loslaufen über die hügel und sehen, was dahinter ist. alles, was an wilden gedanken kommen mag, zulassen und annehmen. nichts verwerfen müssen. eine buntschillernde welt schaffen dürfen und eine reise durch diese welt angetreten haben, deren ziel unbekannt ist, vorbei an wunderbaren städten, deren name erst aus der ferne aufschimmert, ein name, von dem ich selbst nicht weiß, was er birgt.

zeichen

wegeweis wohin und anstelle zeiger auf zweites und drittes gedeutet muß es, und gelesen an- und verkehrs- und auch stern- gibt es und ruf- und besetzt- ist es nichts ist aber ohne deuter an ihm zwingend nur der dritte und ob es eins ist oder nicht bleibt

eine offene frage

ist ein zeichen immer will es oder will der deuter oder wollte der zeichensetzer gegrabnes in stein und fels und rinde und vergänglich in sand wachs mit der taschenlampe in die luft mit rauch in den himmel rauch bedeutet feuer ist ein zeichen vielleicht eine spur wie der abdruck in feuchtem grund von wolf kaninchen tapir wombat spur und anzeiger und ursächliches verbundensein oder trommeln weitergetragen von nacht zu nacht gesänge von walen über hunderte von meilen pheromone der ameisen und falter zeichen gemalt mit der wärme des fingers auf den fröstelnden rücken der klang einer symphonie zeichen im bezeichnen erlöschend und

sprache

bilder vererbt von jahrhundert zu jahrhundert lilien kannen rosen kreuzesbäume gartentore zeichen von zeichen von zeichen höhere

ordnungen

und zukünfte in eingeweiden lebern sternen stürmen blättern verborgenes

walten

Immerath (Eifel)

sich nicht erkundigen, die eltern nicht nach ihrem befinden fragen, auf die tabletten starren und die müden körper und rasch wieder wegsehen, still bleiben und bei sich selbst, und die frage nach ihrem glück in sich verstummen lassen, weil man keine entgegnung auf die antwort der glücklosigkeit hätte, keine antwort auf ihre ängste –
denke ich und dann, ihre hände ineinander verschränkt auf der bank wie bei verliebten, und ich staune, und so etwas habe ich bei den zweien noch nie gesehen.

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es ist nicht die frage was als nächstes kommt.
ein kulgelschreiber malt zähe linien auf ein blatt papier. darunter erstirbt ein trockenes gekritzel. innen hallt es lateinisch wieder. draußen steht das telephon, wie eine verschwörung sämtlicher ungenutzter möglichkeiten, ein schlechtes gewissen, eine allegorische statue.
allegorien mag ich nicht. allegorien sind aufdringlich, besserwisserisch, sie schreiben immer ein bißchen vor, wie man zu denken habe. allegorien sind ein-zu-eins. wenn man den anfang hat, hat man alles, die fäden sind endlich, ich aber liebe das offene und ausfransende, ausufernde, auswegende, liebe das stets deutbar bleibende, das schillernde eins-zu-vielen. auch alles, was sich entzieht. wer berührt Hajime am ende an der schulter? welche von beiden, das zimmermädchen oder die transsexuelle, ist noch am leben? gibt es noch ein gespräch mit Midori? für viele sind das unerträglich offene fragen (sie sind nicht beantwortbar, da sie nach und also außerhalb der geschichte liegen), für mich nicht. ich mag es, aber nicht deshalb, weil es zum weiterspinnen auffordert, nicht deshalb, weil es noch etwas zu tun gibt, nicht deshalb, weil man sich eine antwort für die fragen ausdenken kann, nein: einfach, weil die letzte antwort stumm bleibt. nie hab ich es leiden können, wenn in einem schulbuch die aufgabe gestellt wurde: wie könnte die geschichte weitergehen? sie geht nicht weiter, sie ist zuende erzählt. punkt. was jetzt noch bleibt, ist nur im leser, nicht in einem ohnehin nur hypothetischen weiter. die geschichte und also das, was erzählt werden soll, sind hier und genau hier zuende. der rest ist die stille des danach.
eine stille, die alles, was man zuvor gelesen hat, empfängt und aufnimmt und in kreuzweisen bögen widerspiegelt.
spiegel sind besonders schön in der literatur. ich mag spiegel, in wirklichkeit wie in büchern. man kann alles mit ihnen machen. sie sind überall, pupillen, wassertropfen, autolack, schaufensterscheiben, überhaupt fenster, wasserflächen, klar, weingläser mit und ohne wein, erloschene monitore, uhrgläser, löffel, ein aufgeschlagenes ei, früher einmal telephonhörer, öl, chromgegenstände aller art. die spiegelung kann exakt sein oder das gespiegelte geheimnisvoll verändern, etwas subtrahieren oder hinzufügen, verzerren, verbiegen, verfärben. verunklaren, mit geheimnissen umwittern, oder bloßstellen, hervorheben, betonen. etwas aussehen-lassen-wie. aussehen-lassen-als-ob. spiegel sind manchmal masken.
masken gibt es bei mir nicht im zimmer. jetzt spüre ich ihr fehlen. ich brauche eine maske. nicht für mein eigenes gesicht oder ein fremdes, nein: ich brauche eine maske mit nichts darunter, damit ich mir ein gesicht dahinterdenken kann. jedes nur mögliche gesicht, und wie es wirkt, unsichtbar hinter der maske.
und wie sich die maske selbst verändert durch das gesicht, das sie verbirgt. oder mehrere gesichter, die sich hinter der maske drängen, herauswollen, gegeneinander und gegen die maske streiten, von der maske in schach gehalten werden: ein schweigender lärm, an meiner zimmerwand.
aber das bringt mich nicht weiter. der kugelschreiber ist zerbrochen, das telephon hat zweimal geklingelt, die versammlung ist flüsternd auseinandergestoben. jetzt kommen sie alle zurück zu mir. in den flur mit den kisten von aussortiertem. ich will loswerden, wegwerfen, verschenken. zurückgeben, endlich, den geruchlos gewordenen bademantel, der alles, was er von dir einmal angenommen hatte, ausgeatmet hat. ein lebloses hemd. meine alten schulhefte. bücher. in bonn gibt es auf der poppelsdorfer allee, ziemlich weit unten, am bahnhof, einen bücherschrank unter freiem himmel. da kann, wer will, bücher hineinstellen und herausnehmen, wer will. da kommen die bücher hin, die ich loswerden will. neulich habe ich mal wieder eines mitgenommen, ein glücksgriff, „Robinson“, eine erzählung von einer niederländischen schriftstellerin, die hier keiner kennt. jetzt längst vergriffen, zu unrecht.
zeit für einen kaffee. zuletzt losgeworden bin ich fünf bildbände über fabelwesen, hexen, magier, kobolde und entrückte länder, gekauft als teenager, nie richtig hineingesehen, was wollen die noch in meinem regal. dazu noch „Die letzten Abenteuer dieser Erde“, mit einem jugendlich-vollbärtigen Reinhold Messner auf dem umschlag, Jacques-Yves Cousteau aus einem u-boot herausblinzelnd, eine straße, ein berg, ein ozean. weg damit. helden einer versunkenen zeit. es hat etwas tieftrauriges, wie das schwindet. bezüge schwinden. ich habe dann jedesmal das gefühl, selbst nicht mehr aufgehoben zu sein in der welt. andererseits, was war das schon für eine welt, als es noch neun planeten gab und dallidalli und wadenwärmer, die heutzutage, wo sie keiner mehr haben will, sicher immer noch genauso funktional wären wie damals.
sage mir was für bücher du weggibst und ich sage dir wer du bist. ich hasse phrasen, weswegen ich diesen satz ohne kommata (früher sagte man auf griechisch kommata, heute kommas, aber ich kann nicht einsehen, warum ich das mitmachen sollte, ich sage auch mobiltelephon und niemals h–, weil das ein unwort ist, ein wort, das aussehen soll wie, das klingen soll wie, ohne es zu sein), ohne kommata also, schreibe. ich hätte auch alles mit bindestrichen schreiben können, aber dann sagt der editor, ich spinne.
editoren aber, bloße deterministische realisation vorhergesehener abläufe, die sie sind, sollten ihre klappe halten.
ich weiß ohnehin am besten, wer ich bin, weshalb ich mich auch strikt gegen jede form von psychoanalyse wehre, deren erklärungswille und -anspruch ich immer als anmaßung empfunden habe. auch in büchern. jedenfalls aber konnte ich mich nur schwer von der Tlingonischgrammatik trennen (was wohl ein Psychologe dazu zu sagen hätte?); schwer gefallen ist mir auch „Die Entdeckung des Himmels“, andererseits auch wieder nicht, weil ich es einer zeit las, an die ich mich am liebsten nicht mehr erinnere.
so geht es ja überhaupt mit büchern, daß sie mit einer zeit des eigenen lebens verbunden sind, und die frage ist, ob es überhaupt eine neutrale lektüre geben kann, eine objektive lektüre, oder ob sich nicht in die wahrnehmung der geschriebenen und gelesenen welt die tatsachen, gefühle, meinungen, stimmungen der gelebten welt einmischen und ungebeten mitwirken. bereichernd kann das für beide welten sein oder störend, hindernd, mißtönlich vom einen ins andere hineinschallend, sich vordrängend, so daß man hinterher gar nicht mehr weiß, warum man nun so mißgestimmt ist, des buches wegen, oder weil die welt einem wieder mal auf der nase herumtanzt.
natürlich ist auch der weg denkbar, daß das eigene leben literatur wird. manchmal handele ich so, wie es mir für eine geschichte stimmig vorkommt, eine seltsame form von aberglaube, ich bekomme von einer frau ihre telephonnummer, frage mich einen halben tag lang, ob ich sie am abend anrufen soll, verliere in einer warteschlange den zettel, höre, wie mir jemand hinterherruft, sie haben da was verloren, und beschließe, ich rufe an. und am ende mache ich es doch nicht. ich will dem keine macht über meine entscheidungen einräumen. könnte ich aber. weil es stimmig wäre. oder ich nehme einen bestimmten weg, weil er in einem roman, der mein leben abbilden würde, szenisch passend wäre. ähnlich die auswahl des nächsten buchs. oder ob ich ins kino gehe oder lieber einen spaziergang zum grab jennifer helds mache. bestimmte orte bekommen eine symbolische dimension, sind aufgeladen mit bedeutung, werden zu einer art text, der bestimmt, was als nächstes passieren kann und was nicht, der festlegt, an welchem punkt meiner lebensgeschichte, in welcher geistesverfassung oder auch an welchem punkt meiner eigenen entwicklung ich mich befinde; ein text, der kreisläufe und wiederholungen ebenso anzeigt wie fortschritte und entwicklungen, oder manchmal auch geschehnisse und begegnungen auf eine bestimmte weise einfärbt, klassifiziert oder prismatisch aufbricht, indem er ihnen einen bestimmten modus, eine bedeutung, einen zweck, eine aussageform zuweist oder abspricht und damit ihre deutungsmöglichkeiten, ihre interpretatorischen spielräume, festlegt oder verunklart, einengt oder ausweitet. oder ich verwebe durch gezieltes hören und wiederhören ein musikstück leitmotovisch in den ablauf meiner tage und absichten. lasse es abfärben auf bestimmte vorbereitungen, ein treffen, eine wanderung, ein gespräch, einen abschied. das kann soweit gehen, daß ich dann umgekehrt von der welt erwarte, sie möge ihrerseits von literarischen kräften beherrscht sein und, indem sie meinem motivischen handeln literarisch entspricht, wahrmachen und eintreten lassen, was ich mit meinem motivischen handeln vorausweisend vorweggenommen wissen will. wer denkt, das sei nur ein literarisch-intellektuell verbrämter schamanismus, hat so unrecht nicht.
merkwürdig ist, daß sowohl die zeit, die die Tlingonischgrammatik, als auch die zeit, die die „Entdeckung des Himmels“ umgibt, schwere zeiten waren, weil sie mit der trennung von einer freundin zu tun hatten. wie eigentlich alle schwere zeiten immer in derselben weise schwere zeiten waren. es hatte immer mit einer frau zu tun. größere nöte habe ich nie gekannt. ob das daran liegt, daß ich viel glück hatte im leben oder daran, daß mir anderes unglück nie als so bedeutsam erschien, weiß ich nicht. wahrscheinlich ersteres. andere bücher, an denen schwere zeit haften geblieben ist, sind: „Morbus Kitahara“, „Die Tage müssen anders werden, die Nächte auch“, „Sommerhaus, später“, „Marie Antoinette“, dies nur exemplarisch.
und die frage ist: was werde ich als nächstes weggeben? und die frage ist: was werde ich dereinst zuletzt weggeben haben, als wäre es ein teil meines lebens, der überflüssig geworden ist und unbequem.
draußen immer noch das telephon.

Was wollten wir?
Frei sein, uns anpassen, Erfolg haben, Geld haben, eigene Wege gehen, unabhängig sein, stolz sein, es recht machen, davonkommen, ein Leben haben. Was sonst. Blöde Frage. Was sonst, war es je anders? Waren wir etwas besonderes, nur weil wir die ersten waren, die das Netz kennen sollten und die Zeit nach dem Netz ebenso wie die Zeit davor erfahren hätten? Daß wir fortan, heimgekehrt in die Alltäglichkeit und unsere alten Leben, mobil würden telephonieren können, ja müssen? Daß es fortan in dem Land, das wir verlassen hatten, verlassen zu haben glaubten, vielmehr, ein Unwort wie Handy gab? War es das, was uns ausmachte? Daß wir Händie sagten? Daß wir zurückkehrten in eine Welt der Achselrasur und der sogenannten Globalisierung, die man uns vormachte wie so vieles? Daß es nun „EU“ und nicht mehr, wie in der Welt, die wir verlassen hatten, aus der wir kurzzeitig ausgetretene waren, „EG“? Daß wir in vielerlei Hinsicht die letzten Unschuldigen waren? Daß wir die ersten (und letzten) waren, die profitierten von dem, was unsere Eltern in Kommunen, Straßenschlachten, Universitätsaulen, in fremden Betten, mit dem Mund zwischen fremden Beinen, Kundgebungen, hinter Flüstertüten und Barrikaden, in Stundenhotels und auf Open-Air-Festivals erkämpft, erstritten, erredet, erdiskutiert, und schließlich auch erfickt hatten (und die dann doch heirateten, Kinder bekamen – uns – und sich eine Reihenhaushälfte zulegten)? Daß wir die Früchte davontrugen als erste und letzte, die wirklich einmal frei gewesen waren, ebenso schwanger wie kinderlos bleiben durften, abtreiben, austragen, nach Schweiß riechen oder Deo benutzen, Beruf, Hausfrau, bärtiger Töpfergesell, Banker, alles drin, die letzten, die sich noch entscheiden durften zwischen BH oder Schwabbeln, zwischen Achselbusch und antiseptischer Glätte, zwischen Holzhütte und danish design, die letzten, die noch eine Wahl hatten, ehe wieder ein neues Diktat sich klammheimlich durch die Hintertür einschlich – das Diktat der sogenannten Freiheit, die längst keine mehr war (wen wundert’s?)? Und das ganze mühelos, ohne Kampf, den ja unsere Eltern ausgefochten hatten … Aber:
Machte uns das aus? War das unsere Generation? Das schon? Waren das wir?
Jetzt, wo ich das schreibe, im Später, an das ich mich in DER STADT fortwährend erinnerte, sind wir schon Historie, haben schon die Jüngeren wie die Älteren den Stab über uns gebrochen, sind wir schon eine Generation, eine Kategorie, beurteilbar und beurteilt, erwägbar und erwogen, kritisiert, verfehmt oder gelobt, jedenfalls seziert, auseinandergenommen, analysiert, bis nichts mehr von uns übrig war, bis nichts mehr blieb als Feuilletonartikel über die „heute 30jährigen“. Geschrieben von Alterslosen, die über jeden Verdacht, sie könnten (auch sie!) einer Generation angehören oder angehört haben, dem Verdacht, auch sie könnten bedingt und Kinder ihrer Zeit sein, wundersam erhaben waren.
Die „heute 30jährigen“ – die plötzlich, ohne, daß uns jemand um unsere hilflose Meinung gefragt hätte, wir waren. Mein Gott, das waren wir selbst! Und wir konnten es nicht einmal leugnen, wir waren ja um die 30. Kein Ausweg. Man brauchte uns nur nach dem Paß zu fragen. Wie auch immer wir uns verhielten, wir steckten in einer verdammten Schublade fest. Nicht auszudenken, was für eine Maske wir plötzlich trugen, eine Maske, die andere heimlich und in aller Stille für uns angefertigt hatten, um sie uns jetzt, wo wir uns nicht mehr wehren konnten (hatte uns jemand gewarnt?), umzuhängen. Und dann mit dem Finger auf uns zu zeigen.