Broker Area

Sehr geehrte WDR3-Redaktion!

Auch wenn eine solche Korrektur an Pedanterie grenzt, scheint es mir angesichts der völlig kopflosen Anglophonisierung der Welt angebracht zu sein, darauf hinzuweisen, daß das sogenannte Broca-Areal, ein Bereich im menschlichen Gehirn, der für bestimmte motorische Aufgaben und sprachliche Verarbeitungs- und Produktionsprozesse zuständig ist, seinen Namen dem Franzosen Paul Broca, dem Entdecker dieser Hirnregion, verdankt. Infolgedessen erscheint es mir fragwürdig und eine in vorauseilendem Gehorsam vollzogene Verbeugung an die Hegemonie des Englischen zu sein, wenn in der heutigen Buchbesprechung in der Sendung Mosaik gegen halb acht der Sprecher wiederholt von der „Broca Area“ redet, wobei er das ausspricht, als solle so etwas wie der „Bereich des Börsenmaklers“ dabei herauskommen, also etwa Broker Area. Ich frage mich, wie man darauf kommt, den in einem auf Deutsch verfaßten Buch vorkommenden medizinischen Fachterminus, der auf einen französichen Arzt zurückgeht, ausgerechnet Englisch auszusprechen: Ist Fachchinesisch, dann wird es ja wohl Englisch sein? Im übrigen wird in der deutschen Fachliteratur, so weit ich sehen kann, nicht von der Broca Area, sondern immer nur vom Broca-Areal gesprochen. Beobachtungen wie die von heute Morgen scheinen mir auf einen sprachlichen Reflex hinzuweisen, der mehr noch als das ubiquitäre Lehngut die Dominanz des Englischen dokumentieren kann. Einen französischen Namen englisch auszusprechen, ist jedenfalls typisch für eine Zeit, die sich lieber eine BahnCard leistet und walken geht, als eine Ermäßigungskarte zu haben und zu marschieren, und der für das Mobiltelephon keine elegantere Bezeichnung als Handy hat einfallen wollen.

Hochachtungsvoll,

Ihr T. Th.

Kreuzberg–Bad Breisig

Bald sieben Stunden gelaufen, von Kreuzberg nach Bad Breisig, über den Höhenrücken zwischen Ahr und Kesselinger Tal, erst Wald, dann Wiesen, schwammige Sonne zwischen Quellwolken, das Wetter hielt; hinunter nach Ramersbach, dem Kühle versprechenden Geplätscher widerstanden und nur die Blicke übers Drüsige Springkraut ins Wasser gleiten gelassen; über Vinxt straßweise inmitten schwirrender Krafträder nach Königsfeld, dann an den fliegenverkrusteten, sanften Blicken brauner Färsen vorbei und blickauf zu einer Wiese, wo ein Schäfer in einer bukolisch modulierten Stimme seine Herde den Hang hinaufrief, weiter über verkotete Wege zum Leyenhof, wo mich drei Hunde ausbellten, die ich scharf zurechtwies; eingetaucht in den Sinziger Stadtwald, schrundiges Vorjahreslaub, milchig gestreute Sonne, die in ein graues Leuchten überwechselt, Wolken jenseits von Linde und Hainbuche, irgendwo voraus eine ansteigende Lärmwoge, wo der Wald enden muß; am Rand einer sumpfigen Lichtung einen Gedenkstein aus der Nähe betrachtet, ein Sandsteinblock mit einer darauf festgeschraubten Glasplatte; zwei Namen; „zum Gedenken“ (weswegen? wofür?); Mich gegen den unter einem Hochstand abzweigenden Weg entschieden, fehlgegangen, eine Kröte photographiert, dem Lärm entgegengetaumelt und unter der Autobahn hindurchgeschlüpft nach Franken; zum Flugplatz war es noch einen Kindergeburtstag weit, schrille Buntstiftstimmen im Wald, träge schwankende Mütter mit den Händen resolut auf der Hüfte, und über der Wiese nahebei entschwebte ein Gasballon mit Grußkärtchen, überm Segelflugplatz ein Anschleppseil am Fallschirmchen. Niemand achtete auf das eine oder das andere. Waldrainig eine letzte Rast, nachmittägliches Sonnenspiel zwischen Baumreihen betrachtet, die so aussahen, als verberge sich hangobers eine Ruine oder mindestens ein altes Herrenhaus dahinter. Ahnungen von rostrotem Geländer, überwucherten Balustraden. Eine Frau winkt aus einem Fenster. Ein Brief. Ein Gemälde …. – Abgeschüttelt, aufgebrochen. Bei fünf Wegen auf der Karte und zwei in der Wirklichkeit herumgeirrt, gleich spricht er mich an gedacht, angesprochen worden, na, haben Sie die Orientierung verloren?, mit den Achseln gezuckt, aufs Geratewohl gewählt und fort, schnurgerade abermals durch Wald, unter Häherschreien, dann in Schlangenwindungen hinab, wo der Rhein zum stolpern nah durch die Stämme schimmerte, ein Kirchturm zwischen die Bäume emporwuchs aus der belebten Tiefe; gerade rechtzeitig zum Bahnhof gelangt, fußmüde und verschwitzt. Gesprächsfetzen, eine jüngere Frau neben einer Greisin auf der Bank, die zerklüfteten Hände geborgen in den jungen, „Ist das auch kein Unmensch?“ – „Nein, das ist ganz bestimmt kein Unmensch.“ Hemd gewechselt, eine Limonade aus dem Automaten gezogen, „Ja, hallo, hier ist die Gerda, deine Mutter ist hier am Bahnhof, und …“ In die dunkle Kälte des klimatisierten Wagens gestolpert, in den Sitz geplumpst, Beine ausgestreckt und, die Limonadenflasche an den Lippen, mich nach Bonn tragen gelassen.

Blatt

Ein leiser knall in der morgenfrühe, die sich selbst noch nicht wiedererkannt hat, so liegt es beim aufschließen vor dem fuß, das blatt, rot, gesprenkelt von feinsand, aller botanischer namen ledig, ein rundes oval verästelter farbe. voll schärfe spaltet es die nachbildungen des steins; wo sein licht nicht hinfällt, wird es schlagartig herbst in den läden und buden. gierig hat es vom regen genommen; jetzt ist es satt und verfärbt von wonne und wahrsagen und leuchtet mit filigranen dämmerungen sein asphaltenes bett aus.

Plötte

Es sind dies tage, da ich mir den anschein von glück über die schultern hänge, wie einen abgetragenen mantel, im futter den duft von schlittenfahren und reisen. gemäß dem grundsatz, daß es immer besser ist zu handeln als nicht zu handeln, handele ich: und entgehe damit dem schreiben und der frage, wie die choreographie meiner figuren endlich so aufzuziehen ist, daß alles im lot und gefügt ist und die zwickmühlen feinabgestimmt und unausweichlich sind. Und wie das alles nicht um der verwicklung selbst willen eingefädelt sein könnte, sondern aus einer inneren logik heraus.
Und so tue ich eben weiter: nichts. Gehe schwimmen, gehe wandern, hier ein gespräch, hier eine radiosendung, die stiefel riechen nach wärme, der mantel duftet nach wald, so plätschern die tage dahin. Handeln, um sich nicht der unangenehmen tatsache stellen zu müssen: Ich bin ein ganz mieser choreograph, der an der linearität klebt wie eine motte am leim. ein zweidimensionales wesen, kann ich mir die vielen bunten mehr- und höherdimensionalen räume wirklich kunstvoller plots (ich bin in versuchung, den plural plötte zu bilden) nicht einmal vorstellen, geschweige denn mich darin bewegen. Ist so etwas am schreibtisch ersitzbar? Oder bin ich gut beraten, einfach weiter zu ruhen, zu wandern und zu träumen und auf den blitzhaften einfall zu hoffen?
Gibt es eigentlich so etwas wie eine morphologie, so etwas wie eine syntax möglicher geschichten?

Postscripta: Oktober 2006

ihr gesicht verbarg sich im schatten des weges. ein wort lag, kühle regung, an seiner wange, unhörbar; er hätte nachfragen müssen, tat es nicht. anbei: efeu, grauschwarze beeren wie glocken, darunter duckte sich schrift und stein. wege von da in krümmungen über wasser, licht spannte bögen und brücken, und dort wuchsen ihrer beider füße aus dem laub, sanft schwingend wie über draht.
daß sein blick dabei fortbrach und ins seitliche ging, wo die schatten des laubs am stein zerrten wie ein starker strom.

Bad Suderode

Von einer Reise zu berichten. Wenn ich die Augen schließe, ein Bahnhof. Kopfsteinpflaster im Regen, Backstein, Weidenröschen zwischen aufgeplatzen Steinen. Wasser pladdert aus einem Rohr auf die Straße. Ein Fenster, das jünger ist als alles außenrum, eine weiße Gardine hinter den Scheiben, rein wie eine Kapitulationsflagge. Am Fuß des Gemäuers ein Absatz aus Beton, eine Art flacher Rampe, darin eingelassen zwei Klappen aus Eisen. In der Verlängerung des Gebäudes leere Flächen, leerer Himmel, mehr Weidensröschen, eine Reihe stilettartiger Pappeln. Ich denke mir einen Güterwaggon dazu, auf einem Abstellgleis, einen rostroten Güterwaggon mit schweren ölschwarzen Puffern. Einen Kohleberg dazu. Schuttberge. Züge fahren hier schon lange nicht mehr. Die Schrift über dem Eingang abgeblättert, der Ortsname unleserlich. Aber: ein knallrotes, frisches „DB“. Die Glastür des Eingangs führt in staubige Blindheit, die schrägen Holzgriffe der Schwingtür sind angenehm abgegriffen, warm fast, als hätten sie die Hast so vieler Hände gespeichert. Man möchte hier bleiben, es sich gemütlich machen irgendwo und dem Regen zuhören, wie er von den Stromleitungen tropft, gegen die Scheiben mit der weißen Gardine schlägt, durch die Regenrinne rieselt. In der ferne rauchen die Hügel. Die Gleise schimmern in ihrem Bett aus Porphyr. Die Leitungen schwingen. Man kann von hier nirgendwohin, also bleibt man. Gegenüber im Garten leuchtet buntes Kinderspielzeug.

Die Ratte

wenn ich zurückkomme, wird die ratte verschwunden sein. gestreckt liegt sie da, riesenhaft in ihrem tod, größer und tierhafter als sie lebendig je war. von weitem betrachtet wölbt sich der asphalt aus wie ein steinernes geschwür. aus der nähe sieht sie dich an, das auge glänzend und hart, im maul ein verschmitztes grinsen, als sei das, als sei alles gar nicht war. ihre zitzen starren, der hinterlauf reckt sich elastisch empor, sucht halt in der luft: zwei schenkel, der eine aus schatten der andere aus fleisch, eine sonnenuhr. die krallen zählen langsam die vorübergehenden ab, die klaue zeigt: du, du, und du. man macht einen bogen um sie, man sucht ihren blick, wachsam, was sie vorhat. das lid ist halb geschlossen, aber darunter blitzt es von schalk. sie liegt gefangen in ihrem schatten, der sich wie eine klammer um den flusigen leib schließt, und wartet auf die fliegen. wenn sie kommen, wird der schatten sie vielleicht freigeben, daß sie zucken kann. der schatten frißt sie schon von innen her auf. die schnurrhaare machen sich davon, vertrauen dem wind sich an, gesellen sich zu distelsamen. später wird auch der schatten sie loslassen, wenn erst die fliegen da sind. wenn ich wieder hier vorbeikomme, wird nur noch ihr blick übrig sein, mit dem sie meinen schritten gefolgt ist.

Was wollten wir (2)

Was wollten wir? habe ich an anderer Stelle einmal gefragt.
Es ist mir egal, was ihr werden wolltet, ihr versicherten, superwachen, realitätsinfizierten, traumlosen Bausparer, ich weiß nur, was ich werden wollte:

Marspilot
Lachsektengründer
Zauberer
Hirngespinstspinner
Zeitreisender
Traumtänzer
Rosa-Brillen-Designer
Schaumschläger
Sankt-Nimmerleins-Ausharrer
Fatamorganist
Rasputin
Erdbeereisverkoster
Seifenbläser
Drachendompteur
Illusioneur
Elfenphotograph
Indiana Jones
Luftschloßarchitekt
Lummerlandentdecker
Sirenenverführer
Perpetuum-Mobile-Erfinder
Bauchschmetterlingszüchter

(Habe ich „wollte“ geschrieben?)

Auf der Terrasse

Da bin ich wieder.
Die Amsel leiert. Du nennst es „zwitschern“. Abends auf der Terrasse, ein warmes Bier in der Hand, die Füße gestemmt auf die Dachpappe. Überkreuz Mauersegler. Du nennst es zirpen. Nach Hause kommen. Zum Glück schreien unten nur ein paar von den Bengeln, die Straße, fast ist sie ruhig. Fast. Auch so ein Wort. Eigentlich müßte es dein Lieblingswort sein. Fast. Beinahe. Ums Haar. Du nennst es „immerhin“. Busfahrten von hier nach da, das trägt immer, vorwärts vorwärts, das ist nicht das Problem. Zeit auch nicht, da gibt es Zifferblätter, Fahrpläne, Schwingungen von Quarz, Pulse von Quasaren, Kursbücher. Zeitquittungen. Du nennst es den Gang der Dinge. Ich möchte bei dir sein, ich möchte nicht bei dir sein. Ich möchte heimkehren, aber wo, bitte, soll das sein? Ich möchte einen Augenblick so lange auf der Fingerspitze balancieren, daß er nie mehr entkommen kann. Ich möchte solange über die Zeit nachdenken, bis sie zurückkommt zu mir. Du nennst es melancholisch. Die Amsel leiert, die Bengel spielen Fußball im Dunkeln noch. Ich möchte dir zuhören, wie du redest und redest und redest. Ich möchte nichts davon verstehen, was du sagst, damit ich deine Stimme besser hören kann. Ich möchte nicht nachdenken über das, was du sagst, damit ich besser achtgeben kann, wie dein Atem mich streift, während du sprichst. Ich muß dich nicht berühren, denn meine Hände haben schon so viel berührt. Ich müßte dich ja wieder hergeben. Meine Hände haben verlernt, etwas loszugeben. Sie sind schmutzig von aufgehobenem. Ich möchte nicht, daß du mich berührst, damit du mich noch berühren kannst. Ich möchte nichts von dem aufbewahren, was du sagst, damit du es mir noch einmal sagen kannst. Ich möchte nicht bleiben, sonst kann ich nicht wiederkommen. Um Straßenlaternen kreisen die Falter, du nennst es Albernheiten. Da bin ich wieder. Vier Wände, morgens der Wecker, am Wochenende ein Eis. Alleine unter den Bildern an der Tapete. Die Amsel … man könnte es Ewigkeit nennen. Du schweigst. Deine Hand halten, oft ist mir das begegnet, in der letzten Zeit öfter. Fast hätte ich mich verraten. Fast, mein Lieblingswort. Fast hätte ich deine Hand berührt, fast hätte das Fahrrad einen Platten gehabt, fast hätten wir uns getroffen, fast wäre der Zug entgleist, fast wäre die Ampel noch rot gewesen, fast wäre der Sekundenzeiger stehengeblieben, fast, mein Lieblingswort, du nennst es „gar nicht so schlecht für den Anfang“. Sich verfehlen ist auch eine Kunst, der Zufall nennt es Begabung. Das Verfehlen zu verfehlen wäre noch eine prima Steigerung, und ich möchte nicht wissen, wie der Zufall es nennt. Der Sekundenzeiger geht immer noch. Der Ball prallt ans Garagentor, aus Kübeln quellen die Stiefmütterchen, der Bus macht eine Kehre, und noch eine, und die Kehren tragen mich fort und hin, und es bedürfte schon einer Sphinx, mir hier noch ein Rätsel aufzugeben.