über weblogs

was ich bei der ganzen sache nicht optimal finde, das ist — aber natürlich eine definitorische eigenschaft — die strikt und unänderbar chronologische darstellungsform eine weblogs. alles, was jenseits der „neuesten einträge“ ist, verschwindet auf immer in der versenkung, höchstens noch einmal überflogen von augen, die über einen suchbegriff hereingeschneit sind — und wohl meist ebenso schnell wieder herausschneien. (die meisten zugriffe über suchmaschinen sind bei mir aus dem bereich der botanik zu verzeichnen, was nun wirklich nicht ein zentrales thema auf meinem blog ist).
mir geht es so, daß meine texte fast nie mit ephemerem tagesgeschehen zu tun haben, meist jedoch auf ein allgemeines hinausweisen, und, sofern es mir gelingt, als text für sich allein stehen können. neue leser kann man in einer blogsphäre immer nur mit neuen texten gewinnen (denn niemand stöbert in den archiven, ich übrigens auch nicht; und niemand „sucht“ dich, der autor muß zum leser kommen, nicht umgekehrt), was einen ständigen druck bewirkt, immer neues zu produzieren. wenn man erreichen will, daß ein bestimmter text von möglichst vielen gelesen werden soll, so darf man aber lange nichts veröffentlichen, damit der text am anfang stehenbleibt. daraus ergibt sich ein paradox: um gelsen zu werden, muß man viel schreiben; damit etwas bestimmtes gelesen wird, darf man nicht viel schreiben. daher denke ich in letzter zeit verstärkt über eine eigene hp nach.

auch sehr enttäuschend finde ich die discrepanz zwischen eigener und fremder beurteilung meiner texte. meist bekomme ich gerade auf arbeiten, die mir besonders wichtig sind, auf die ich besonders viel mühe und nachdenken verwendet habe, die mich schweiß und ausdauer gekostet haben, auf die ich dann stolz bin, bekomme ich auf solche texte keinen kommentar. nicht einmal ein „find ich gut“, ein „find ich langweilig“ oder ein „verstehe ich nicht“, nein, nichts. schweigen. atmosphärisches rauschen. dann wieder schreibe ich einen text aus drei wörtern („halt dich raus“), der mich kaum mehr zeit gekostet hat als nötig war, ihn einzutippen, und bekomme 8 Kommentare. das dürfte anderen auch so gehen; ich habe schon einträge gesehen, die nur aus „ich hab kopfweh“ oder „der regen geht mir auf’n keks“ bestanden, und kommentare im zwanzigerbereich auslösten.

wenn ich mal groß bin (4. Juli 2005)

Heute morgen, nicht unbedingt im Halbschlaf, aber mit den Gedanken noch im Dunkeln wurzelnd, schoß mir ein beängstigender Gedanke durch den Kopf. Plötzlich war es greifbar und in die nächste Zukunftsnähe gerückt. War nicht mehr weit fort und wie dem Leben einer andern Person angehörig, in die ich erst langsam würde hereinwachsen müssen; war nicht mehr, was ich noch würde werden müssen, erträumt beim Blick auf den Kalender, oder auch gefürchtet; war nicht mehr ein ferngespiegeltes Nochncihtich: nein, das war bereits ich – und es war der, der ich jetzt bin, völlig banal ich, weder gewachsen noch gereift noch klüger noch weiser noch erwachsener, vernünftiger, besser. Keine subtile Metamorphose käme mir zu Hilfe und machte die Tatsache dieser Zahl erträglicher. Dieser Zahl, derer es noch viele gibt, bei Gelegenheit: Wenn mein E-Mail-Account ausliefe und ich das nächste Mal eine Verlängerung beantragen müßte, wäre ich fast vierzig. Juni 2010. Ein Datum, das es geben wird, ein Datum, das ins Jetzt hinübergreift, indem es eins von den Daten ist, die man in Gedanken großzügig abschreitet. Räume sind das, so naheng, daß mein Planen und Voraussehn schon um sie herumfaßt. Ach, hatte ich gedacht, verlängerst dir deinen Account mal um fünf Jahre, dann hast du eine Weile Ruhe. Wie leichtsinnig. Eine Weile Ruhe. So lange ist das gar nicht, ist im Gegenteil gräßlich nah. Früher waren fünf Jahre lang, und immer noch in der eigenen Jugend beheimatet. Jetzt weisen fünf Jahre hinaus in eine Welt jenseits. Weit jenseits des Jung- aber auch des Jugendlichseins, selbst dann, wenn – was wahrscheinlich ist – ich mich kaum anders fühlen werde als jetzt, und das ist immer noch: reichlich pubertär. Wenn ich mich das nächste Mal um meinen Account kümmern muß, bin ich vierzig. Fast. Das ist ein wahnwitziger Gedanke, und sieben Uhr morgens keine gute Stunde, ihn zu denken.fficeffice“ >

Zumal fünf Jahre immer weniger wert sind, je spätere fünf es sind.

Ich versuche, mich unabhängig davon zu denken, welche Zahl nun mein Alter angibt. Versuche, in mich hineinzufühlen. Versuche, umgekehrt, mich in eine Zahl, sei es 34, sei es dereinst 40, hineinzufühlen, es mir irgendwie behaglich, nein, stimmig darin zu machen. Aber ich habe nicht die geringste Ahnung, wie ich mich zu fühlen habe; weiß nicht und rätsele, wie man sich stimmigerweise mit 34 fühlt soll, so daß Zahl und Lebensgefühl zusammenpassen. Doch wie man sich fühlt, ist kaum zu trennen von dem, wie man von außen bestimmt wird. Hier klafft eine immer größere Lücke. Und der Macht der Zahl, wenn sie von allen Seiten und in gänzlichem Übereinstimmen aller an einen herangetragen wird, von der Wiege bis zur Bahre, kann man sich schwerlich entziehen. Was aber genau wird da an mich herangetragen? Und es geht mir auf: In meinen Bekanntenkreis ziehen immer mehr Menschen ein, die bedeutend jünger sind als ich; und die Gleichaltrigen sind alle durch die Bank Ausnahmen (wie ich selbst?). Das typische entzieht sich (und vielleicht ist das ja ein Hauptwesenszug, nein, der Wesenszug des Typischen?), wenn ich ein Beispiel nennen wollte. Es bleiben die, die vor mir 34 waren, lange vor mir; aber die entziehen sich auf andere Weise:

Denn eigentlich ist es immer schon so gewesen, mit dem Erwachsenwerden: Das war immer ein anderer. Der vorgestellte Zwanzigjährige, der anvisierte Dreißigjährige, und jetzt der Vierzigjährige, der ich bei ablauf meines Accounts (fast) sein werde, immer sah ich Menschen oder stellte sie mir vor, die auf unfaßbare Weise fertiger, ich will nicht sagen, reifer, aber ausgestalteter waren und das Leben fester in den Händen hielten. Nie hatte ich das Gefühl, jetzt dort angelangt und auch so zu sein. So einer. Ein Großer. So groß, wie die Großen es waren, als ich selbst jung zu ihnen aufsah. Ich blieb immer ich und dem Leben schwankend ausgeliefert, fragend, unverstehend, kopfschüttelnd, aufbegehrend, strampelnd, irrlichternd. Und sehr wenig Herr meiner selbst oder Bezwinger meiner Träume. Immer schon hab ich geträumt. Und gerade kommt mir der Gedanke: Vielleicht unterschied das genau die Erwachsenen von mir, der ich einer werden mußte: Daß sie in meiner Vorstellung nicht mehr träumten, sondern auf schwer bestimmbare Weise waren. Lebten.

Meistens fühle ich mich albern, und kein bißchen schlauer. Verrannt in Unhaltbares. Versponnen in wilde Träumereien, manchmal nur zusammengehalten von einem unguten Stolz. Manche sagen auch Sturheit dazu.

konservativ

ich habe immer die erwartung, nach jahren der wanderung heim zu kommen und alles so vorzufinden, wie ich es verließ. es war gut so, als ich ging; warum sollte man etwas ändern, das gut war? also erwarte ich, hier den bäcker wiederzufinden, wo es meine lieblingsbrötchen gibt; dort den drogisten im weißen kittel, der immer das richtige lösungsmittel wußte und auch bilder entwickelte; hier die stadtbibliothek und gegenüber die kleine pizzeria mit dem wunderbaren pizzabrot, das es auf kosten des hauses vorneweg gab. hier die grundschule, dort der radioladen, wo man sich zartfühlend um eine aufgesprungene audiokassette bemühte und sie immerhin so zusammenleimte, daß ich sie wieder abspielen konnte; dort der apfelbaum in nachbars garten. hier der kanal, auf dem immer die schiffe schwermütig vorbeituckerten. so war es, es war gut, warum sollte es sich ändern?

der duft des sonnenschutzmittels, das eine kindheit lang den geruch von sommer, ferien, bergabenteuern oder mittelmeerschlauchbootpiraterien in sich barg, winters verschloß, sommers uns immer neu wiederschenkte: jahre war er gut genug, warum mußte man ihn ändern? mein lieblingsschampoo, was gab es daran auszusetzen, daß es aus den läden verschwand?

heute wollte ich in der zülpicher straße einen bremszug kaufen, in einem fahrradladen, den es, gleich am südbahnhof, die ganzen jahre meiner studienzeit dort gab; dort verkaufte man nicht nur fahrräder sondern auch ersatzteile und führte reparaturen durch.

jetzt gibt es dort einen „Mister Döner“. War es nicht gut, daß es den fahrradladen gab? wo gibt es den nächsten? war eine dönerbude, eine kette zumal, nötig in gesellschaft einer bäckerei, eines schickimickilaffeeladens, eines „subway“, einer eisdiele und einer kombinierten stehpizzeriaasiatakeaway? ganz zu schweigen, daß die gesamte zülpicher straße auf länge ungefähr eines kilometers kaum eine andere form des einzelhandels als resaurationsbetriebe aufzuweisen hat.

und der nächste fahrradladen?

septembermorgen

draußen war eines morgens wieder draußen.
ein graureiher strich die tage ab.
wolken schüttelten die fäuste,
und das tolle windkind zog die föhre an den haaren,
wieder und wieder. die laternen trugen bärte.

auf dem bahnsteig des balkons sahen
die erikablüten auf die uhr.
tropfengeklingel zuckte die achseln,
darüber wurde es morgen, ehe
es sich die gießkanne versah.

es geht über nacht, dachte ich, über nacht.
die kinderstimmen trieben welk auf dem vogelbecken und
die zugvögel buchstabierten die weite.
der efeubekränzte
könig mit-dem-dicken-bauch betrachtete
nachdenklich sein szepter.

da war es schon spät und noch einmal still.
und die stunden flüsterten sich was zu.

Warum …

… erhält man bei „google“ oftmals mehr ergebnisse, wenn man suchtext zusätzlich ausschließt? weil es mehr seiten mit und ohne gibt als mit und mit? wie kann das sein? und wenn wir schon dabei sind: warum schlägt „google“ eine korrektur des suchtextes vor, wenn dann keine seiten mit dem korrigierten text zu finden sind? erwähnenswert in diesem zusammenhang erscheint mir auch, was die amazon-datenbank vorschlägt, wenn man beispielsweise „bloody“ „rome“ und „history“ eingibt:

„wir haben keine genauen …“ blablabla, und dann: „unten sehen sie die ergebnisse für „romeo“.

das kommt davon, wenn man das denken maschinen überläßt.

und warum …

bekommt man bei amazon keine intelligenten suchergebnisse? man versuche einmal, einen pflanzenführer zu finden, der die flora der alpen erschöpfend behandelt. ich halte für eine solche suche den suchtext „alpen“ sowie „pflanzenführer“ gar nicht so abwegig. allein, keine ergebnisse. wie man bei einem blick in die liste der ca. 700 naturführer (von schnorchelführer über mineralien bis hin zu barbiepuppen (sic!) ist alles da) sieht, gibt es aber bei amazon (mindestens: bei 300 habe ich die probe abgebrochen) fünf alpen-pflanzenführer. nur kommt bei denen weder in titel noch in untertitel „alpen“ oder „pflanzenführer“ vor, sondern die heißen „pflanzen der bergwelt“, oder „Pareys Bergblumenbuch“ oder „Die Alpen. Pflanzen und Tiere sicher bestimmen“.

liebe amazon-redaktion, es gibt einen vorgang, bei dem man zu einem buch eine liste mit möglicherweise relevanten suchbegriffen erstellt. das nennt man „verschlagworten“. sollten Sie keine bibliothekare beschäftigen, was wahrscheinlich ist, fragen Sie einfach mal in einer universitätsbibliothek nach, wie man das macht. die helfen ihnen sicher gerne weiter.

gott, hab ich schlechte laune heute.

automobilia

zum beispiel autos. stünde es in meiner macht, ich würde jegliche private kraftfahrzeugnutzung untersagen. ich will eine welt, in der kraftfahrzeuge nur gelegentlich vorkommen. ich will diese dinger aus der welt haben und mit ihnen autobahnen, verkehrsampeln, parkplätze, gigantomanische supermärkte, parkhäuser und was der paraphernalia mehr sind.

nun gibt es zur stützung der these, daß eine autofreie welt die bessere welt ist, eine menge rationaler argumente, und die wenigen argumente dagegen lassen sich im allgemeinen leicht entkräften. aber das ist für mein wollen zweitrangig. ich habe diese ablehnung nicht, weil es die argumente gibt, sondern ich ziehe die argumente heran, weil ich diese meinung habe. zur bildung dieser meinung sind sie unerheblich gewesen. wenn ich also diskutiere, dann nur deshalb, weil ich predige, weil ich missioniere. das ist das fundamentalistische daran, deswegen bin ich fundamentalist. die wahrheit steht schon fest. aber um sie für jünger, die die offenbarung nicht erfahren haben, akzeptabel zu machen, braucht es vernunftsgründe.

so ziehe ich argumente nur heran, weil und wo sie mir in den kram passen. das heißt, ich benutze zufällig passende vernunftsgründe nur, um für bzw. gegen eine sache zu sprechen, die für mich jenseits aller vernunft, jenseits aller diskussionen längst entschieden ist, entschieden selbst für den fall, daß alle oder einige dieser argumente wirkungslos werden (etwa durch bessere technologien): selbst im falle das auto weder in produktion, noch in betrieb und entsorgung auch nur den geringste umweltschaden verursachte, selbst wenn es schon seit jahren keinen verkehrstoten mehr gegeben hätte, meine position der ablehnung bliebe dieselbe. ganz einfach, weil es mich stört. persönlich. weil ich es für ein symptom von großschnäuzigkeit, wichtigtuerei und anzugsheldentum halte. weil ich mich beschnitten und beengt fühle. weil es für mich ein symbol für eine ganze wirtschafts-, gesellschafts- und lebensordung ist. eine lebensordung, die ich aus ganzem herzen ablehne.

fundamental

früher hielt ich toleranz für eine prima tugend. ihre grenzen, oder vielmehr die grenzen meiner eigenen toleranz sehe ich heute deutlicher. wie ich schon schrieb: ich habe begriffen, daß ich in gewissen dingen ein fundamentalist bin. das bedeutet, daß ich für mich eine absolute position einnehme, die mit argumenten nicht mehr erreichbar ist. daß es mir in gewissen dingen gar nicht mehr darum geht, mich zu einigen, weil ich die antwort auf die vorliegende frage schon festgelegt habe. ich sehe klarer, wann ich überhaupt nicht mehr argumentieren will, sondern nur noch durchsetzen, was meins ist.

dabei bin ich natürlich nicht so naiv wie der rest der fundamentalisten, die glauben, ihre wahrheit sei für alle die wahrheit, oder die dem anderen mit gewalt ihre wahrheiten aufzwingen wollen. nur: ich lasse mich nicht mehr überzeugen, weil ich diesen prozeß für mich abgeschlossen habe. (in den bereichen, in denen ich fundamentalist bin) was bedeutet, daß ich mich auf die kärglichen freiräume beschränke, in denen das meine absolute geltung haben darf. ich fliehe.

selbstentlarvung, unfreiwillig: sich informieren, wie man gegen fundamentalisten argumentiert (ohne den verstand zu verlieren), und darüber die feststellung machen: man ist selber einer!

freilich auch schön: wenn ein erboster rezensent des buches genau einen derjenigen tricks anwendet, die der autor in seinem buch analysiert. und sich damit gleichfalls als fundamentalist mit fundamentalistischen argumentationsstrategien zu erkennen gibt.

die blitze zuckten, ohne der dunkelheit raum zu lassen, sich dazwischen niederzusenken; so lag man geblendet bis unter die geschlossenen Lider, und noch im niederfahren des richtungslosen lichts zerbrach schon der donner am himmel, jeder neue schlag noch ins verhallen des früheren hineinkeilend.

unruhe kam auf, sirenen heulten weit hinter dem regenrauschen. im nebenzimmer wurde ein stecker aus der dose gezogen. mühsam erhob auch ich mich, wankte schläfrig zum schreibtisch, nahm das notizbuch vom stromnetz.

später, nach dem wiedereinschlafen und wiedererwachen, finsterten tropfen in eine gewaltige stille hinein. ich wälze mich aus dem bett, fingere nach einem kugelschreiber, erahne mehr als ich sehe, wo die letzte reihe buchstaben endet und setze blind darunter: die die stille nicht vorrückten.

Lance gegen Patroklos

schreibt mir jemand auf meinen artikel, man habe es insgeheim schon geahnt, daß ich von diesen dingen keine ahnung hätte und es wahrscheinlich auch gar nicht wissen wolle; das könne man zwar tolerieren, es sei aber schwer vorstellbar.

es stimmt allerdings, es macht mir nichts aus, mehr noch: ich will es gar nicht wissen, ja, ich ärgere mich gar darüber, daß die information, wer Lance Armstrong ist, in meinem gehirn jetzt vielleicht den speicherplatz belegt, auf dem etwas für mich wissenswertes liegen könnte, das ich gleichwohl und zu meinem verdrusse nicht weiß, zum beispiel, welcher von beiden, Hektor oder Patroklos, Achills freund war. (ich glaube, es war Patroklos). Da kann man sehen, ich weiß sicherer, wer LA ist als wer Patroklos ist, ich weiß sogar das mit den siebenmaltourdefrance und die details über seine erkrankung, die ich noch viel weniger wissen will, und ich weiß es, obwohl ich nichts, aber gar nichts getan habe, diese informationen zu suchen, geschweige denn, sie mir zu merken. das macht mich rasend. irgendwer muß es mir ins hirn gehämmert haben, diese absolut nutzlose, irrelevante, ballasthafte wissen. und vergessen ist manchmal weit schwieriger als merken.

anfangs strudelte hitze um die beine und sprang aus dem kraut in die wege, sonnenlicht drang auf die stirnen und ermattete die lider, so ging man sparsam und leise, redete viel („hat wohnen einen imperativ?“ „warum tun sich so viele mit latein so schwer?“), aß himbeeren, die wie kleine geschmackssonnen über schattengesträuch schwebten, ließ sich endlich in baumesschatten nieder, still streckte sich der see, eingesunken in sein bett.

(haben seen betten?)

während jedoch schon am himmel sich einiges heimliches streuwolkiges beisammenfand zu grauweißem spiel. bevor es dort ernst wurde, gab es aber nach einigem auf und ab und grünen schatten und über allerlei pferdeäpfel hinweggeschritten, wiesen rechts und links, und immer mal wieder kalkweiß der stille stausee: bergische kaffeetafel.

gesättigt, verklebt von soviel kirsche und eis und zuckriger waffel, nahm man den weg wieder auf, verirrte sich auf der flucht vor der straße, sah pferde unter bremsenstichen leiden, ärgerte sich mal wieder über schokoladenpreise; dann, schon auf abwegen, tat man das einzig vernünftige, nahm denselben weg zurück, den man gekommen, und da hatte es schon zu nieseln begonnen.

viele pferdeäpfel später hatte sich das laubdach der buchen vollgesogen und der regen pladderte mittlerweile munter. das hemd klebte, plitschtropen trafen braue, nacken, ohr, glatze, der weg vermatschte, die pferdeäpfel fielen auseinander. die pferde freuten sich, denn das geschmeiß suchte schutz und war gar nicht mehr zum stechen aufgelegt.

„nicht so schnell, nicht so schnell“, tönte es hinter mir, doch der regen trieb die beinchen von alleine an in richtung parkplatz. am schluß noch brillenloses ausweichen grell aufleuchtend entgegenkommender fahrzeuge, denn zuletzt blieb nur die straße.

in köln deutz angekommen war man fast schon wieder trocken.

im wind, der gestern die fäuste ballte gegen baumeswiderstände, häuserzeilen und augenwimpern, wisperte es schon, wisperten schon die bekannten stimmen. noch ist alles sehr hell; wieder ist die zeit des verschlafenen lichts, des sturms. die städte haben sich gelehrt, die pflichten sind getan, die arbeit ruht, und mit ihr des sommers grelle und lauthalsigkeit. der letzte buchfink ist dem gedächtnis schon entschlüpft und hat die leichtigkeiten und sprühseligkeiten, das fruchtgedüft eines heranbrausenden sommers mitgenommen und eingetauscht gegen das grübeln eines stehenden. die linden haben die süße zusammengerollt und weggenußt, und nun bleibt: des sommers schwere, das schweigen des lichts und das reden des windes, die matten straßen und das warten auf ernte und frucht.

nach der prüfung

was ihn wieder einmal am meisten befriedigt: (vermutlich) besser gewesen zu sein als die anderen. am meisten freut ihn nicht, daß seine übersetzung stilistisch und grammatikalisch einwandfrei und vielleicht sogar elegant ist; nicht, daß er alle vokabeln, wenn nicht gewußt, so doch richtig geraten hat; nicht, daß ihm keine konstruktion durch die lappen gegangen ist, nein:

er war besser als die anderen, das ist es.

„ganz schön abscheulich“, grinst er bei sich.

vor der prüfung

Die luft so schal und schwer und unbeweglich, als hätte sie ein riese schon einmal geatmet. keine flugbahn erlaubt das stille brüten, keinen vogellaut. schweiß bricht unvermutet aus und füllt den raum zwischen stoff und haut mit poriger klebrigkeit. magenzusammenziehungen künden schwerstarbeit an, greifen voraus auf leere blätter, nehmen sich schonmal siegel und linierung vor. die mauern fenstern grimmig, augenhinterlos, als sei schon über jede zukunft das los geworfen. über den bahnsteig hin wölkt es von schimmernden vokabeln. an den zeigern der uhren versammeln sich seitenzahlen.

die schritte fallen auf einen termin zu. unbesehen kräuselt sich das blut.

Die Tage werden kürzer, die Pfützen dunkler, die Buchfinken verstummen einer nach dem anderen, und der Himmel ist fliehend und hoch: Aufgestiegen aus den Tiefen der Dämmerung stürzt nun der Sommer dahin. Noch merkt man den Tagen ihr Schwinden nicht an, und daß die Buchfinken schweigen, fällt lange nicht auf, bis der letzte still geworden ist. Aber die Straßenbahnen schrillen langsamer um die Kurve, das Morgenlicht tastet sich träger als gestern über die Scheiben, die Menschen sind müde oder haben die Stadt vor Tagen verlassen. Das Leben ist anderswo in diesen seltsamen Hochsommerwochen, ist an Stränden, auf Inseln, auf Berggipfeln, im Eis. In der Fremde, während Haus, Hof, Straße und Café vom hektischen Frühling träumen.

Es ist merkwürdig: Das, was eine reiche und volle Zeit später ausmacht, ist gar nicht der Höhepunkt, sondern das Mehrwerden, das Wachsen, ein Noch-nicht voller Verheißung. So wie die Verheißung stets mehr ist als ihre eigene Erfüllung.

Grauenhafte Träume haben mich heute Nacht heimgesucht, und dann polterte auch noch ein Gewitter los. Schon wieder katastrophische Ereignisse, Leichenberge, kreischende Frauen — gräßlich. Entwand mich nur mit größter Mühe, strampelte viel, ehe ich schließlich wieder wußte, wer ich bin, und wo ich mich befand. Da war es draußen still, so entsetzlich still, daß mich wieder Angst anschwemmte. Als wäre tatsächlich alles tot, und draußen lägen nur noch zugerichtet die entseelten Leiber. So still! Vielleicht, da es gerade zwei Uhr war, eine Stunde, die ich sonst glücklich verschlafe. Kein Vogel. Kein Motorenlärm. Keine Schritte im Hof. Nur stummes Geflacker, das irgendwo in den Fernen geisterhaft blitzte und wieder erlosch, und der Hof erhellte sich und sank wieder ins Dunkel hinab. Die Schreie aus dem Traum hallten noch nach, die Bilder eines gesunkenen Schiffes, blitzhaft aufleuchtende und wieder von Wasserschwärze verhängte Anblicke von Gegenständen, die vielleicht Leichen waren. Ein Gang, eine Grube, ein Schacht? Zuletzt, kurz vor dem Erwachen, ein Bahnhof, auch hier viele Tote, halbversteckt, lagen da schon lange. Wir beide mußten ans Ende eines Bahnsteigs, um dort Bier abzufüllen, doch dazu mußten wir an den Kadavern vorbei, und … ich konnte nicht, konnte nicht. Aber es war doch meine Pflicht! Alle hatten es getan, und es gab keinen Weg, es nicht selbst auch zu tun, überall war die Erwartung, daß ich es tun müßte, daß ich mich nicht dieser Aufgabe, die alle andren auch auf sich genommen hatten, entziehen könnte. Aber alles in mir wehrte sich. Schon vermeinte ich, daß es nach süßlicher Verwesung röche — da erwachte ich strampelnd zu Fremdzimmerwänden, Stille und Wetterleuchten.

Meines Großvaters Tod – irgendwie scheint das Ereignis tiefere Spuren gegraben, tiefer in mich gegriffen zu haben, als mir zunächst bewußt war. Die Träume zeigen es mir, Blasen, die aus den Tiefen des Schlafs emporsteigen und an der Grenze zum Wachsein Bilder ausschütten, die wieder zurück in die Wirren der Tiefe weisen.

Ich halte nichts von der Vorstellung des einschneidenden, gar prägenden Erlebnisses. Halte es für romantisch und für ein literarisches Konstrukt. Etwas, das man im Englischunterricht als story of initiation durchkaut. Oftmals, so will es mir scheinen, ist man erschüttert, bewegt, verändert, allein aus dem Grund, daß man glaubt, es jetzt sein zu müssen. Es ist die Rolle, die man zu spielen hat. Wieviel davon ist echte Erschütterung, vorliterarisch, vorbildlos, musterlos? Dennoch ist da etwas – benennen kann ichs nicht – das mich unmerklich durchfurcht hat, auf eine Weise, daß es sich, zunächst unerkannt, langsam und im Kleinen äußert, gleichsam nur als Zeichen, daß etwas Grundlegendes anders geworden ist. Einesteils zeigt sich das in den Träumen; dann hab ich aber auch viel von meiner (vielleicht auch nur eingebildeten) Gelassenheit verloren, jener Gelassenheit, die glaubte, der Tod könne nicht schrecken. Aber der Tod, so wie er sich nun mir gezeigt hat, ist widerlich. Nicht unheimlich, sondern in dem, wie er sich äußert, furchterregend, weil abstoßend. Die faßbare Realität, nicht jenes Unfaßbare, daß eine Welt in der Welt plötzlich fehlt, und wies wohl sein kann, daß sie fehlt. Das ist es nicht. Faßbar: die wächserne Haut, die kalte Leblosigkeit unter dem berührenden Finger, der halboffen starrende Mund. Unter den Ohrläppchen war schon Blut bläulich zusammengelaufen. Die Stirn lag gläsern und hart ins Kissen gesunken. Die Hände hatte man ihm, ihn Anzielung einer vornehmen Haltung, eine über der anderen auf der Brust zusammengetan. Vornehm indes wars nicht, sie starrten in Nichtbewegung und leerem Greifen wie Vogelkrallen. Es war überhaupt nichts Edles daran, nichts Weihevolles, nichts Hohes. Das da war ein toter Leib, dessen Verfall im Augenblick, da das Herz still blieb, schon eingesetzt hatte.

Man sagt immer, es ist wichtig, Abschied zu nehmen, indem man den Toten zu berührt, wichtig, sich davon zu überzeugen, daß er wirklich tot und fort ist, und dieses Fortsein mit den Händen zu begreifen. Daher glaubte ich, es tun zu müssen, und ich berührte meines Großvaters kalten Leib. Das war ein Fehler. Ich hätte ihn niemals berühren, ich hätte ihn nicht einmal sehen sollen. Vielleicht blieben dann auch die Träume aus. Und das Bedürfnis nach einer letzten Berührung, die ja doch ihn, meinen Großvater, gar nicht mehr hat erreichen können, diese Bedürfnis hatte ich ohnedies nicht gehabt. Am liebsten wäre ich im Auto sitzengeblieben. Mein letztes Bild von ihm wäre nicht seine glasharte Stirn, wäre nicht der offene Mund gewesen, sondern seine genießerisch geschlossenen Augen, als ich ihm das letzte Mal beim Rasieren half. So aber werde ich jetzt dieses andere Gesicht, das gar nicht mehr seins ist, nicht mehr los. Kaum in der Wohnung meiner Großmutter angekommen tat ich etwas, wofür ich mich zwar schämte, das mir aber ein furchtbares Bedürfnis war: Ich wusch mir die Hände, wo ich den Toten berührt hatte, wusch sie mir gründlich, mehrmals, mit warmem Wasser und Seife, wusch mir die Todesbegegnung, wusch mir eine Befleckung vom Leib. Ein gräßliches, schwarzes Berührtsein wollte ich von mir abtun, das mir aber innerlich blieb, auch wenn die Hände nach Seife dufteten.

Ich träume jetzt zum dritten mal dasselbe. Er ist gar nicht tot, er kommt putzmunter zur Tür herein. Es ist ein Augenblick schreckhaften Atemanhaltens. Was passiert nun, wie geht es jetzt weiter, was wird jetzt geschehen –? Ich empfinde keine Freude, ich habe Angst. Nicht weil das da ein Gespenst sein könnte. Es ist die Angst vor etwas Monströsem, das sich da abspielt, etwas Widernatürlichem. Ich begrüße ihn nicht, ich scheue ihn. Ich frage mich, was meine Mutter, meine Großmutter sagen, tun, denken werden. In den Träumen sind sie nur Statisten. Ich erfahre nie, wie sie reagieren. Manchmal bin ich der einzige und erste, der ihn sieht und begreift, daß er zurück ist, an mir ist es dann, zu reagieren, zu handeln, die anderen zu holen, aber mir graut davor, so ungeheuerlich ist es. Mein Großvater ist bester Laune, erfreut sich guter Gesundheit, strahlt Lebenskraft aus, ist viel jünger: In dem einen Traum hatte er glänzend schwarzes Haar. Aber er spricht auch nicht mit mir. Im jüngsten dieser Träume begab er sich wieder nach draußen, vor die Tür der großelterlichen Wohnung. Die Tür schloß sich. Etwas polterte. Jemand wollte nachsehen, doch eine Stimme hielt ihn oder sie zurück, eine Traumstimme, die sagte, geh da nicht raus, sieh es dir nicht an, jetzt hat er seine tatsächliche Gestalt wieder.

Grauenvoll. Das Bildnis des Dorian Grey, sozusagen.

Die Träume sind eines. Etwas anderes ist, daß sich die Welt gewandelt hat. Sie ist eine geworden, die auf Tode wartet.

19. Juni. ein brief

Nein, ich war nicht in der Eifel ich war: zu Haus. Samstag lang lange schlafen, einkaufen, Essen machen, dann stundenlang die Vertracktheiten der lateinischen Syntax und Semantik in mich hineingefressen. Hoffentlich blieb genug hängen. Sonntag morgen war die Luft noch kühl, und ich hab mir den Luxus eines Frühmorgensumsiebenfröstelns gegönnt, bin raus mit dem Rad über Felder, durchs Grafschafter Ländchen, an dichtem Erdbeerduft vorbeibrausend, Fahrtwindgeklingel im Ohr, und fruchtansatztragende Edelobstplantagen hingen im Augenwinkel fest, Insekten verprallten auf der Haut, summten im Ohr, Licht stand hoch und blinzelnd flach zurückgeworfen auf der Straße: Die Sonne war schon lange auf den Beinen, doch die Luft noch verschlafen und erdfeucht und frisch. Getupf gebeugter Leiharbeiterrücken, mühselig mein späteres Frühstück sammelnd um geringen Lohn. Feudalherrengefühl schmückte mir die Sinne. Um neun wieder zu Hause, da war ich schon zwei Stunden unterwegs. Den Magen mit Haferflocken, Erdbeeren, Bananen und Milch besänftigt lockte dann das Bett noch einmal, und ich hab mich guten Gewissens dem Schlaf hingegeben.

Der Nachmittag ging mit Latein dem Abend entgegen, als das Telephon läutete und mich zu Weg und Besuch und Liegewiese lockte und rief.

Von meinem Großvater geträumt. Immer derselbe Traum, er ist gar nicht tot, sondern kommt plötzlich putzmunter zur Tür herein, oder, wie heute Nacht, wird plötzlich unruhig, spricht mit sich selbst, schlägt die Decke weg, will aufstehen, erhebt sich halb. Es ist etwas Grauenhaftes daran, etwas völlig Unmögliches passiert und verstört mich. Halb ist es auch gar nicht wahr und er ist doch gestorben, und seine Bewegungen sind eine Laune der Natur, ein übriggebliebener mechanischer Reflex, ein Reststrom in den Nerven, der sich gliederrührend entlädt, wasweißich.

Solche Träume werden noch öfter kommen, denke ich, und mit allem Schlimmen, was passiert, werden neue, sich dann ebenfalls wiederholende Träume sich hinzumehren. Das Leben wird schwieriger. Die Träume zeigen es an.