Meines Großvaters Tod – irgendwie scheint das Ereignis tiefere Spuren gegraben, tiefer in mich gegriffen zu haben, als mir zunächst bewußt war. Die Träume zeigen es mir, Blasen, die aus den Tiefen des Schlafs emporsteigen und an der Grenze zum Wachsein Bilder ausschütten, die wieder zurück in die Wirren der Tiefe weisen.

Ich halte nichts von der Vorstellung des einschneidenden, gar prägenden Erlebnisses. Halte es für romantisch und für ein literarisches Konstrukt. Etwas, das man im Englischunterricht als story of initiation durchkaut. Oftmals, so will es mir scheinen, ist man erschüttert, bewegt, verändert, allein aus dem Grund, daß man glaubt, es jetzt sein zu müssen. Es ist die Rolle, die man zu spielen hat. Wieviel davon ist echte Erschütterung, vorliterarisch, vorbildlos, musterlos? Dennoch ist da etwas – benennen kann ichs nicht – das mich unmerklich durchfurcht hat, auf eine Weise, daß es sich, zunächst unerkannt, langsam und im Kleinen äußert, gleichsam nur als Zeichen, daß etwas Grundlegendes anders geworden ist. Einesteils zeigt sich das in den Träumen; dann hab ich aber auch viel von meiner (vielleicht auch nur eingebildeten) Gelassenheit verloren, jener Gelassenheit, die glaubte, der Tod könne nicht schrecken. Aber der Tod, so wie er sich nun mir gezeigt hat, ist widerlich. Nicht unheimlich, sondern in dem, wie er sich äußert, furchterregend, weil abstoßend. Die faßbare Realität, nicht jenes Unfaßbare, daß eine Welt in der Welt plötzlich fehlt, und wies wohl sein kann, daß sie fehlt. Das ist es nicht. Faßbar: die wächserne Haut, die kalte Leblosigkeit unter dem berührenden Finger, der halboffen starrende Mund. Unter den Ohrläppchen war schon Blut bläulich zusammengelaufen. Die Stirn lag gläsern und hart ins Kissen gesunken. Die Hände hatte man ihm, ihn Anzielung einer vornehmen Haltung, eine über der anderen auf der Brust zusammengetan. Vornehm indes wars nicht, sie starrten in Nichtbewegung und leerem Greifen wie Vogelkrallen. Es war überhaupt nichts Edles daran, nichts Weihevolles, nichts Hohes. Das da war ein toter Leib, dessen Verfall im Augenblick, da das Herz still blieb, schon eingesetzt hatte.

Man sagt immer, es ist wichtig, Abschied zu nehmen, indem man den Toten zu berührt, wichtig, sich davon zu überzeugen, daß er wirklich tot und fort ist, und dieses Fortsein mit den Händen zu begreifen. Daher glaubte ich, es tun zu müssen, und ich berührte meines Großvaters kalten Leib. Das war ein Fehler. Ich hätte ihn niemals berühren, ich hätte ihn nicht einmal sehen sollen. Vielleicht blieben dann auch die Träume aus. Und das Bedürfnis nach einer letzten Berührung, die ja doch ihn, meinen Großvater, gar nicht mehr hat erreichen können, diese Bedürfnis hatte ich ohnedies nicht gehabt. Am liebsten wäre ich im Auto sitzengeblieben. Mein letztes Bild von ihm wäre nicht seine glasharte Stirn, wäre nicht der offene Mund gewesen, sondern seine genießerisch geschlossenen Augen, als ich ihm das letzte Mal beim Rasieren half. So aber werde ich jetzt dieses andere Gesicht, das gar nicht mehr seins ist, nicht mehr los. Kaum in der Wohnung meiner Großmutter angekommen tat ich etwas, wofür ich mich zwar schämte, das mir aber ein furchtbares Bedürfnis war: Ich wusch mir die Hände, wo ich den Toten berührt hatte, wusch sie mir gründlich, mehrmals, mit warmem Wasser und Seife, wusch mir die Todesbegegnung, wusch mir eine Befleckung vom Leib. Ein gräßliches, schwarzes Berührtsein wollte ich von mir abtun, das mir aber innerlich blieb, auch wenn die Hände nach Seife dufteten.

Ich träume jetzt zum dritten mal dasselbe. Er ist gar nicht tot, er kommt putzmunter zur Tür herein. Es ist ein Augenblick schreckhaften Atemanhaltens. Was passiert nun, wie geht es jetzt weiter, was wird jetzt geschehen –? Ich empfinde keine Freude, ich habe Angst. Nicht weil das da ein Gespenst sein könnte. Es ist die Angst vor etwas Monströsem, das sich da abspielt, etwas Widernatürlichem. Ich begrüße ihn nicht, ich scheue ihn. Ich frage mich, was meine Mutter, meine Großmutter sagen, tun, denken werden. In den Träumen sind sie nur Statisten. Ich erfahre nie, wie sie reagieren. Manchmal bin ich der einzige und erste, der ihn sieht und begreift, daß er zurück ist, an mir ist es dann, zu reagieren, zu handeln, die anderen zu holen, aber mir graut davor, so ungeheuerlich ist es. Mein Großvater ist bester Laune, erfreut sich guter Gesundheit, strahlt Lebenskraft aus, ist viel jünger: In dem einen Traum hatte er glänzend schwarzes Haar. Aber er spricht auch nicht mit mir. Im jüngsten dieser Träume begab er sich wieder nach draußen, vor die Tür der großelterlichen Wohnung. Die Tür schloß sich. Etwas polterte. Jemand wollte nachsehen, doch eine Stimme hielt ihn oder sie zurück, eine Traumstimme, die sagte, geh da nicht raus, sieh es dir nicht an, jetzt hat er seine tatsächliche Gestalt wieder.

Grauenvoll. Das Bildnis des Dorian Grey, sozusagen.

Die Träume sind eines. Etwas anderes ist, daß sich die Welt gewandelt hat. Sie ist eine geworden, die auf Tode wartet.

0 Gedanken zu „

  1. (29.6.05 22:30)
    Jetzt lach nicht – aber meine erste Assoziation war, dass er deine letzte, unschöne Erinnerung mit einer späteren, schöneren überlagern möchte, in der er nicht so leichenhaft aussieht.

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