Lexothelminthes (4)

im grunde genommen ist es nicht ganz richtig zu sagen, daß ein wort, das den lexothelminthen instantiiert, „im ohr nachklingt“. da klingt nichts. viel eher geht das wort „im kopf herum“. es scheint plötzlich auf, so als wolle man es gerade aussprechen. es kommt einem in den sinn, oder, wenn noch ein bildhafter ausdruck gestattet ist, es „liegt auf der zunge“ – nicht als etwas, das, in die ränder des bewußtseins eingeschlungen, dem wachen erinnern gerade nicht zugänglich, doch eben als existenz erahnbar ist; sondern als etwas, von dem man den sanften zwang verspürt, es zu vollziehen: es auszusprechen, wenn auch nur innerlich. der ausdruck im ohr haben oder im ohr klingen ist schon deshalb falsch, weil es nicht der klang des wortes ist, der sich zwanghaft ins bewußtsein schiebt, sondern die vorstellung seiner motorischen realisierung.
geradezu typisch für den lexothelminthen ist es, aus einem text zu springen. so klang mir gestern abend nach der Apuleiuslektüre beim spülen das verb periclitari im ohr nach. fremdsprachliche lektüre scheint sich überhaupt besonders als auslöser zu eignen. mal war ist es latein, wie gestern, oder damals, als ich zum erstenmal intensiv die Metamorphosen des Ovid las, poetische wörter wie amnis, nemus, pentralia; ein andermal neugriechisch oder spanisch. fachwörter bleiben auch leicht hängen: ich erinnere mich, daß ich beim lesen von Th. Kuhns „Struktur wissenschaftlicher Revolutionen“ das wort transversal innerlich nachzusprechen mich genötigt fand. oder namen: tagelang ging mir die lautfolge Cirith Ungol nicht mehr aus dem kopf, und noch heute kann sie eine ganze welt, die der lektüre, wie die der wirklichkeit, die das lesen lebensweltlich umgab, heraufbeschwören wie ein feiner, seit kindertagen nicht mehr vernommener duft.

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ars poetica

so tun, als gäbe es das alles nicht.

so tun, als gäbe es das alles nicht: und doch schöpfen daraus. und entgegnen. und widerstreiten.

so tun, als ob es kein widerspruch wäre und von vorn anfangen, ja, ganz von vorn. ohne marschgepäck. leben von dem, was am wegesrand wachsen mag, in den wäldern, in der wildnis und im meer. klar. im meer. fluten, foeten, flimmern von sonne. und quallen, medusen, was brauchen sie zum leben, außer dem licht, das sie durchschimmert und sichtbar macht?

also von vorn beginnen und so tun, als sei noch nie ein wort … anders geht es nicht. von dem leben, was mich als licht durchschimmert und sichtbar macht.

achte ich auf andere, reibe ich mich auf und zerteile mich, und jeder teil wird zur unmöglichkeit. so ist schreiben und erzählen einfach nicht möglich. man darf sich die frage nach dem wozu-noch-mehr nicht stellen, niemals. man darf es nicht denken, weil es nicht auszudenken ist, genausowenig, wie man sich die frage nach dem großen-und-ganzen nicht stellen darf, nach dem leben nicht, niemals.

wir leben. ich lebe. ich erzähle. ich dichte. das ist nicht der gegenstand einer frage.

sondern die allererste voraussetzung. für den ganzen rest, sollte noch was übrig sein.

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