Ansichten



Dieser Tage gehört:

„Wir werden das Virus nicht besiegen, wir werden mit dem Virus leben müssen.“
(Reni K., 35, Lektorin)

„Daß tausende Menschen ihre Existenzgrundlage verlieren, das ist ja wohl schlimmer, als wenn ein paar Rentner, die sowieso bald gestorben wären, jetzt eben ein paar Monate eher abtreten.“ (Marcel W., 25, Landschaftsgärtner)

„CoViD-19 ist gut für die Rentenkasse.“ (anonym)

„Ich laß mir doch vom Staat nicht vorschreiben, mit wie vielen Leuten ich mich treffe!“ (Marcel W.)

Phrasen

Wie mir bestimmte Schlagwörter (Neoliberalismus, Globalisierung, Digitalisierung, Konsumgesellschaft, Patriarchat, Klimawandel, Konzern, Gewinnmaximierung etc.) jeden Sachtext von vornherein verleiden. Sobald eins davon aufscheint, klingt es immer so, als würde jemand eine auswendig gelernte Lektion herunterbeten, nachdem alle anderen Schüler sie auch schon heruntergebetet haben. Wirklich Originelles, darf man vermuten, ist nicht mehr darunter. Wir haben schon alles durch. Es bleibt, zu handeln.

Zum Beispiel in dem Nerd-Buch von Sibylle Berg. Da steht meistensteils auch nur das, was alle anderen auch schon gesagt haben. Und bei Sätzen wie diesen etwa: “Die heutige Weltordnung stößt an ihre Grenzen. Wir überbeanspruchen die Ressourcen der Welt. Das führt zu Engpässen, Konflikten, Kriegen, Massenmigration usw. … Um [das Problem] zu lösen, bräuchten wir einen Umbau unserer Wirtschaft und Gesellschaft — und zwar weltweit” oder diesen “Wir müssen aus unserer Konsum-Lethargie ausbrechen …” (Dirk Helbing, ETH Zürich, TU Delft) denkt man ja nur noch, ach ja. Verblüfffende Lösungen jeneits von schmerzlichen Rückschnitten sind da nicht zu holen — die aber, die Schnitte nämlich, werden uns ja schon andernorts und ubiquitär um die Ohren gehauen. Nicht, daß es nützen würde. Abgesehen davon, kann man es nicht mehr hören. Man tut ja schon fast alles. Man fährt kein Auto, hat noch nie eines besessen, man fliegt nicht, man fährt Rad mit Muskelkraft, der letzte Urlaub war in Darmstadt an der Bergstraße, man besitzt kein Mobiltelephon, man trägt die Klamotten, bis sie auseinanderfallen und kauft ansonsten Kleider im Gebrauchtwarenkaufhaus, man ißt wenig Fleisch und nur saisonales Obst und Gemüse, man heizt erst ab unter 16° Raumtemperatur, man duscht ausschließlich kalt, sommers wie winters. — Und? Nix is. Es ist grad egal. Aber das nächste Buch mit dem Untertitel Wie wir den Klimawandel in den Griff kriegen erscheint sicher dieser Tage.

Holzweg



(Meine unmaßgebliche Ansicht: Irgendwo zwischen 1990 und heute ist die Menschheit falsch abgebogen. Und da sind wir nun. Auf dieser absurden Nebenstraße. Eine Geisterbahn. Man möchte nach dem Sicherungskasten greifen und dem Ding den Saft abdrehen, aussteigen, aufatmen und ans Licht zurückklettern.

Und dann die Ärmel hochkrempeln und die Welt gestalten.

So.)

Systemr.

Systemrelevanz: Das Nützliche, das Notwendige, was ist es, was ist seine Natur? Es ist banal! Es ist trivial. Eben weil es nützlich ist, ist es langweilig. Kein Wort darüber zu verlieren, es versteht sich ja von selbst. Es fügt der Welt nichts hinzu, was diese an Forderungen nicht schon kennt. Der Mensch aber ist das Wesen, das stets mehr will als das Dasein, mehr will, als das Leben fordert, ja, mehr will als das Leben selbst. Er strebt danach, das Notwendige hinter sich zu lassen. Nicht um der Sicherheit willen – sondern um sich dem Überflüssigen hingeben zu können. Wenn ihm das nicht gelingt, gibt er sich dem Überflüssigen trotzdem hin, indem er sich über die Notwendigkeit hinwegsetzt oder sie ignoriert. When trouble strikes head for the library. Es heißt, während der Petersburger Blockade seien die Konzertsäle und Theater der Stadt voller Menschen gewesen. Langeweile kann schlimmer sein als Hunger. Wer aber satt ist, langweilt sich mit Sicherheit früher oder später. Leo Lionni hat mit der Maus Frederick eine treffende Parabel über das Problematische der Systemrelevanz geschrieben. Gedichte über Sonnenstrahlen, Blumen und Farben ist wohl genau das, was die Verfechter der Systemrelevanz als erstes streichen würden, wenn die Lage sich zuspitzt. Und doch ist es das, was am Ende zählt, wenn die Nahrung aufgebraucht und der Winter noch lang ist. Ein atheistisches Argument lautet: Wo bleibt denn die Pizza, wenn ich Hunger habe und zu einem imaginären Wesen bete? Die Antwort ist natürlich: den Zweck des Gebets verfehlt, wer sich davon manifeste Hilfe in Form von Nahrung verspricht. Der Zweck des Gebets ist es, den unvermeidlichen Hunger erträglich zu machen.
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Wer das Wort Systemrelevanz in den Raum spricht, muß sich Fragen nach dem System anhören.
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Tatsächlich kann das Wort ja noch etwas ganz anderes bedeuten: Die Relevanz des Systems nämlich.
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Wer Systemrelevanz fordert, hat schon sein Bündnis mit dem System geschlossen.
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Das System, machen wir uns nichts vor, ist zum Beispiel dasjenige, in dem jahrelang erbittert über die Einführung eines Mindestlohns gestritten wurde. Das System ist eines, in dem Menschen in Not, denen keiner helfen will, herumgeschoben werden wie Sondermüll. Das System ist eines, in dem Rettungsschiffen die Landung im Hafen untersagt wird, weil sie die falschen gerettet haben.
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Wer sich nützlich macht, treibt die Interessen des Nutznießers voran. Das ist nur im Idealfall dieselbe Person.
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Systemrelevanz, was habe ich mich in meiner Jugend über diesen Quark geärgert. Nichts von dem, was mich interessierte, ist jemals systemrelevant gewesen, selbst in der großzügigsten Auslegung des Begriffs nicht. Nordamerikanische Indianersprachen! Theoretische Linguistik! Indogermanistik! Modallogik! Mögliche-Welt-Semantik! Das Modussystem des Lateinischen! Sprach ich außerhalb des Kreises meiner Kommilitonen über meine Studienfächer, traf ich kaum je einen, der Neugier an der Materie gezeigt oder wenigstens Neugier dafür aufgebracht hätte, warum mich ausgerechnet diese Dinge interessierten. Das war selten die Frage. Die Frage war nach demjenigen Aspekt meiner Interessen, den man seit einigen Wochen unschön Systemrelevanz nennt, und sie erfolgte, mit wenigen Varianten, immer in derselben Form, als hätte man lauter Ausgaben von Bibi, der sprechenden Puppe vor sich gehabt: Und was macht man dann mal damit? Die einzige akzeptierte Antwort darauf wäre natürlich gewesen: Ich will noch viel mehr Spielzeug haben.

Regeln

Nicht allein, um ihre Befolgung sicherzustellen, muß die Ausstellungsinstanz von Regeln möglichst ins Innere der Regelbefolger verlegt werden; sondern, und vielleicht mehr noch, um die Befolger zu entlasten. In kürzester Zeit sind wir an einen Punkt gelangt, an dem es sich falsch anfühlt, ohne Gesichtsbedeckung einen Laden oder einen Bus zu betreten, ähnlich falsch, wie ein obszönes Wort zu äußern oder einen Fremden zu duzen. (Der Vergleich ist interessant, weil er die Frage nach einer möglichen Verwandschaft von linguistischen und moralischen Regeln aufwirft.) Derart internalisierte Regeln haben sich von ihrem ursprünglichen Begründungskontext gelöst und damit den Status religiöser Gebote erlangt. Für einen gläubigen Muslim oder Juden mag es sich ähnlich falsch anfühlen, eine Moschee mit Schuhen oder eine Synagoge ohne Kopfbedeckung zu betreten. Je stärker der Grad der Internalisierung, desto schwerer ist es, die Regel nicht mehr zu befolgen, wenn der Begründungskontext nicht mehr gegeben ist; im Fall von religiösen Geboten, die von Anfang an aus keinen Begründungen folgten, ist es ganz und gar unmöglich, es sei denn, man hört auf zu glauben, und nicht einmal dann ist es einfach. Wir werden unsere Mühe damit haben, die Internalisierung des Maskengebots wieder loszuwerden, wenn der Grund dafür einmal weggefallen sein wird. Denn es gibt ja kein Gebot, sie nicht zu tragen, nur den Wegfall eines Grundes, es zu tun; während die interne Wachinstanz noch eine ganze Weile wachsam bleiben wird. Die durch die Internalisierung bewirkte Entlastung wirkt im Regelbefolger fort: So ist es tatsächlich einfacher, die Regel weiter zu befolgen, als den gedanklichen Aufwand zu betreiben, sie fortan zu ignorieren. Ersteres bedarf keiner Entscheidung mehr, letzteres muß bewußt entschieden werden.

Taedium

Der gewaltige Überdruß an allem, was mit dem Virus zu tun hat. Die Allgegenwart der sprachlichen Reflexe der Pandemie (um nur die häufigsten zu nennen: „Mund-Nasen-Bedeckung“, „Abstands-“, „Hygiene-“ oder, der Gipfel der Dämlichkeit, „Coronaregel“, was soll das sein, ein Krönungsprotokoll?) erzeugen einen Widerwillen wie ein nervtötendes, unregelmäßig erklingendes Geräusch, dessen Ursache man zwanghaft auf den Grund gehen muß, um es zum Schweigen zu bringen. Es gibt Tage, da verspürt man das dringende Bedürfnis, laut schreiend wegzulaufen. Aber wohin? Es ist ja überall dasselbe. Die Wörter dringen ins Unterbewußte ein wie lexikalische Parasiten, wie Ohrwürmer einer verhaßten Melodie, die gerade deshalb in Dauerschleife im Ohr bleibt, weil man sie nicht ausstehen kann.

Keinfrühling

Die entgegenkommende Joggerin, die mich schon aus zwanzig Metern Entfernung anherrscht, „Rechts oder links?“ und mich dann mit einem „Gutenmorgen!“ im Kasernenton anbellt – solche gibt es auch. Und dann gibt es die Hundehalter, die selbst während der Kulmination der Krise nie Abstand davon genommen haben, sich zu viert oder fünft (Tiere nicht eingerechnet) zu ihrer gemeinsamen Hunderunde zu treffen.

Haben Sie schon einmal …


• sich einer Zahnbehandlung unterzogen?
• ein MRT von einem Teil Ihres Körpers machen lassen?
• sich einem chirurgischen Eingriff unter Vollnarkose unterzogen?
• ein Antibiotikum genommen?
• eine Röntgenaufnahme von einem Teil Ihres Körpers machen lassen?
• ein Schmerzmittel genommen?
• sich nach der Wettervorhersage gerichtet?
• ein Antiallergikum genommen?
• Sonnenschutzcreme benutzt?
• Reisetabletten genommen?
• Wasseraufbereitungstabletten benutzt?
• eine Malaria-Prophylaxe durchgeführt?
• wegen eines Insektenstichs den Arzt konsultiert?
• wegen eines Knochenbruchs den Arzt konsultiert?
• Tragen Sie eine Brille?
• Tragen Sie Kontaktlinsen?
• Benutzen Sie ein Hörgerät?

Wenn Sie mehr als zwei Fragen mit ja beantwortet haben, dann verzichten Sie bitte in Zukunft darauf, die Wahrheit finden zu wollen; hören Sie auf, von auseinandergehenden Zahlen, widersprechenden Angaben und vor allem von entgegengesetzten Meinungen zu faseln. Vertrauen Sie dem Robert-Koch-Institut und vergleichbaren Institutionen, wie Sie ihrem Sonnenschutzmittel vertrauen, richten Sie sich nach den Anordnungen der Regierung und machen Sie sich ansonsten einen schönen Tag. Danke.

Im Zuge der Pandemie treten gewisse unappetitliche Details der Funktionsweisen des menschlichen Atemwegsystems und der menschlichen Mundwerkzeuge ins Bewußtsein, über die wir bislang in fröhlicher Ignoranz befangen sein durften. Es ist zu hoffen, daß wir dieses Wissen wieder verlernen, sobald alles ausgestanden ist. Sonst könnte eine ganz neue Kultur und Ordnung des Ekels heraufdämmern und Spuckschutz und Atemmaske so selbstverständlich werden wie jetzt schon Einwegkanülen, Papiertaschentücher, Eßbesteck, Toiletten mit Wasserspülung, oder daß Hotelbetten für jeden neuen Gast frisch bezogen werden.

Homo cricetus

Frischfleisch ausverkauft, Reis, Nudeln, Tomatensaucen ausverkauft, Hygieneartikel aller Art schon seit Tagen ausverkauft, und jetzt ist auch mein Lieblingswein weg. Die Leute haben Geschmack: der ist nicht einmal günstig. Aber hätten die Idioten zum Hamstern nicht die Plörre aus dem Tetrapak nehmen können? Man ist entschlossen, scheint mir, die Krise auf hohem Niveau zu feiern.

(Jetzt geht das Theater wieder los, daß über die sogenannte Wahl in den USA ausführlicher berichtet wird als über den Bundestagswahlkampf. Es scheint fast so, daß die Politik der USA größeren Einfluß auf die Bürger Deutschlands hat als deren eigene Regierung.)

Nullhypothese

Zum Problem der vermeintlichen, überall billig konstatierbaren (der wohlfeilen) Frauenfeindlichkeit: Korrekt, weil von unvoreingenommener Warte aus gesprochen, wäre stets die Nullhypothese vorauszusetzen, also die Gleichstellung von Mann und Frau. Vor diesem Hintergrund könnte man dann nach exakten Kriterien Abweichungen feststellen. Derzeit läuft es umgekehrt: Vorausgesetzt wird die Ungleichheit und die (sowieso bestehende) Benachteiligung der Frau. Vor dieser Annahme einer latenten Ungerechtigkeit können dann nur noch konkrete Instantiierungen dieser Ungerechtigkeit konstatiert werden, die die Annahme nicht verletzen sondern sie immer nur bestätigen. (Nur so ist es beispielsweise möglich, daß an und für sich symmetrische Verhältnisse asymmetrisch gedeutet werden können, beispielsweise die Fellatio als männliches Unterdrückungsinstrument, der Cunnilingus jedoch nicht als weibliches — allenfalls wiederum als Manifestation männlicher Dominanz. Es ist zum Verrücktwerden. Desgleichen, um beim Beispiel zu bleiben, werden frauenfeindliche Deutungen eines Witzes, in der von Fellatio die Rede ist, einer Interpretation vorgezogen, die in dem Witz zwei beteiligte Männer sieht, obwohl das Geschlecht des zweiten Beteiligten für den Witz nicht relevant ist und auch gar nicht genannt wird. Es ist nur von einem Magen die Rede. Wie soll man aber beweisen, daß die Verhältnisse zwischen Fellatio und Cunnilingus symmetrisch sind, wenn als Entgegnung stets auf die prinzipielle, latente Unterdrückung der Frau verwiesen werden kann? Jede Begegnung zwischen Mann und Frau kann jederzeit als Instantiierung dieser Latenz gelesen werden und wird es auch. Paragraph 1: Der Chef hat immer recht. Paragraph 2: Sollte der Chef einmal nicht recht haben, tritt automatisch Paragraph 1 in kraft. Wie läßt sich dem entgehen? Indem man mit Gründen den Irrtum des Chefs nachweist. Unter diesen Verhältnissen kann ein Mann gar nicht anders, als seine Partnerin zu unterdrücken, ganz gleich, wie er sich verhält, und noch ein so harmloser Text wie das inkriminierte Gedicht von Eugen Gomringer kann, wenn sich geneigte Kläger finden, als frauenfeindlich gelten.) Das Problem bei der latenten Ungerechtigkeit ist, daß ich Regelbefolgungen nicht konstatieren, nur widerlegen kann, während sich allein Regelverstöße als Abweichungen der Grundannahme feststellen lassen. Das führt dazu, daß wir eine Gleichstellung niemals beweisen können, und das wiederum führt dazu, daß eine Gleichstellung niemals erreicht werden kann. Es sei denn, wir setzen sie voraus und ahnden die dann auffällig gewordenen Verletzungen derselben.

Visionen

Im Radio (Kulturnachrichten) den dämlichen Satz gehört: “Kinder sind die Museumsbesucher von morgen. Davon sind die Museumsleitungen in NRW überzeugt.”

Nun, abgesehen davon, daß die Wahrheit dieser Aussage eine Frage der Logik, nicht aber der Überzeugungen ist, sind Kinder auch die Terroristen, Sexualstraftäter, Juwelendiebe, Drogenabhängigen, Alzheimerpatienten und Pflegefälle von morgen.

Das Private ist Privat

Man kann natürlich aus allem ein Geschlechterrolenproblem machen, wenn man es darauf anlegt. In einer Kolumne, die den Einsatz von Vibratoren kritisch sieht, ist folgendes zu lesen:

Es bleiben Werkzeuge, die wir da benutzen. Dinge, die nicht zu uns gehören, die keine Empfindung haben und nicht auf uns reagieren können. Dinge, die zwischen uns und unseren Körpern stehen. Dinge, die Männer ursprünglich erfunden haben, um Frauen maschinell Orgasmen verpassen zu können.
Dabei brauchen wir Frauen nun wirklich keine Hilfe in Form von Silikon und Plastik. Was wir brauchen, ist die Freiheit, unsere Sexualität genau so schamlos leben zu dürfen wie Männer.

„Dinge die Männer ursprünglich erfunden haben.“ Herrgott. Auch der Tampon und die hormonelle Empfängnisverhütung wurden von Männern erfunden. Außerdem das Fahrrad und das Auto. Das hat ihrer Beliebtheit nicht geschadet. Wenn euch das stört, daß die Erfinder Männer waren, warum habt ihr es dann nicht selbst erfunden? Oder laßt es halt, nehmt eine Binde, benutzt Kondome (wer hat die eigentlich erfunden?), werft den Vibrator auf den Müll, wenn ihr ihn nicht mögt und euren Finger lieber habt. Aber hört doch bitte damit auf, irgendwelche politischen Erwägungen an seine Benutzung oder Nichtbenutzung zu knüpfen. Denn das nervt.
Wer hat eigentlich das Papiertaschentuch erfunden? Oder den Kugelschreiber? Und sollten Frauen nicht lieber mit dem Finger schreiben und sich in die Faust schneuzen, statt schon wieder Zuflucht zu einem Hilfsmittel zu nehmen, das Männer (vermutlich Oskar Rosenfelder im Falle des Taschentuchs, László József Bíró für den modernen Kugelschreiber) erfunden haben? Wird dadurch nicht eine Abhängigkeit von Männern zementiert? Und entfremdet es Frauen nicht von ihren Körpern, wenn sie so künstliche Dinge wie Taschentücher und Kugelschreiber benutzen? Der eigene Finger in der Malfarbe, die Rotze in der Faust dagegen vermögen Tabus und Hemmungen aufzubrechen, unter denen Frauen Jahrhunderte gelitten haben, und öffnen Frauen wieder den Zugang zum eigenen Körper, seinen natürlichen Funktionen und Ausscheidungen.
Man findet solche Überlegungen zu Recht lächerlich. Und doch werden sie allen Ernstes beispielsweise in bezug auf Tampons angestellt. Der Tampon blockiere den natürlichen Abfluß; er trage mit dazu bei, die Menstruation zu einem Problem zu machen; er suggeriere die Unreinheit des Menstruums und fördere so Schamgefühle bei den Frauen; er verhindere, daß Frauen ihre Regelblutung als etwas Natürliches, ihrem Körper Gemäßes erlebten. Undsoweiter.
Hat das eigentlich mal jemand über Klopapier so formuliert? Oder wie wäre es damit: Das Kondom verhindert den freien Ausstoß des Samens; es suggeriert die Unreinheit des Ejakulats und löst Schamgefühle bei Männern aus; es verhindert, daß Männer ihren Samenerguß als etwas Natürliches, Schönes, ihrem Körper Gemäßes erleben.
Das letzte könnte man auch vom Papiertaschentuch sagen.
Reden wir, statt solchen und ähnlichen Quatsch zu phantasieren, lieber über was Schönes. Reden wir über Vibratoren. Was für Typen gibt es, worin unterscheiden sie sich, was für Vor-und Nachteile haben sie, wie sind sie zu gebrauchen, wie eher nicht, wozu taugen sie, wozu eher nicht. Es gibt sicher gute Gründe, warum Vibratoren zum Einsatz kommen. (Sonst würden sie nicht so gerne benutzt.) Es gibt sicher auch gute Gründe dagegen. (Die Geschmäcker sind eben verschieden.) Politische Überzeugungen gehören nicht dazu. Mag sein, der Vibrator zwickt oder ist zu laut oder zu kalt oder zu starr oder was weiß ich. Dann läßt man es halt bleiben und nimmt lieber den Finger oder die Quietscheente. Jedoch bleiben zu lassen, was eigentlich Spaß macht, nur weil vermeintlich emanzipatorische Gründe dagegen sprechen, scheint mir eine bescheuerte Idee zu sein. Und was ist das überhaupt für eine Emanzipation? Von einem Gerät? Du meine Güte. Und was die in der Kolumne erwähnte Freiheit zur Schamlosigkeit betrifft: Die habt ihr. Längst. Ihr müßt sie nur noch nutzen. Das ist riskant. Aber das ist Freiheit immer.

Planeten, verschiedene

Kinder könnten auch übers Händie Eis und Süßigkeiten erstehen. Oder von Erwachsenen etwas zugesteckt bekommen, aufs Händie-Guthaben halt. Und dann hieß es noch, in Skandinavien hätten schon Obdachlose eine App auf dem Smartphone, mittels derer sie Spenden entgegenehmen könnten. Das als Entgegnung zu Einwänden gegen die Abschaffung des Bargelds.
„Wenn mich ein Obdachloser anspricht, zücke ich mein Smartphone, und wenn der das nicht will, tja, tut mir leid. Ich würde ihm ja gerne helfen, aber Bargeld habe ich keines.“
„Für genau den Zweck habe ich immer einen Euro in der Tasche.“
Mit solchen Fragen war man zwischen Espresso und Rechnung beschäftigt. Man erhob sich bereits, da sagte noch jemand was von „Hört auf zu streiten, ihr lebt auf verschiedenen Planeten.“

Planeten?, denke ich. Wenn ich einen Obdachlosen an die Bezahl-App verweise, dann will ich ihm gar nicht helfen. Ginge es mir darum, würde ich, als derjenige, der ja die Wahl hat, Wege finden, dem, der am Boden ist, wenigstens eine kleine Freude zu bereiten. Ich halte ja auch dem einarmigen Verdurstenden nicht die zugeschraubte Wasserflasche hin. Ich mache sie ihm auf, was kostet mich das? Eine kleine Freude am Tag, das kann ein Obdachloser brauchen. Was er nicht brauchen kann, ist eine Belehrung über die Zukunft des Bargelds.

Gerecht

Kaum wird ernsthaft die CO2-Steuer diskutiert, geht schon das Geschachere los. Die Steuer finden viele super, solange nur die anderen zahlen. Was, ich? Nein, ich zahle nichts! Weil ich hab es ja schwerer als die anderen. Und ich fliege ja nur einmal im Jahr. Also gut, höchstens zweimal. Und nur nach Mallorca, nie weiter weg. Das ist ja praktisch schon CO2-neutral. Aber die Wohnung, die muß ich warm haben. Weil ich friere halt schnell. Und dann werde ich krank. Oder es gibt Schimmel. Und sollen jetzt Arbeitslose nicht mehr heizen dürfen? Die werden sich keine Heizkosten leisten können. Geht immer auf die kleinen Leute, die mit zwei Autos auskommen müssen. Wie soll ich denn zur Arbeit kommen, wenn ich den Sprit nicht mehr zahlen kann? Etc etc ad nauseam.

Wenn man alle Einwände und Vorschläge zur Refinanzierung berücksichtigt, kommt man bei folgender Vorstellung heraus: Weniger Kohlendioxid, aber alles soll bitte so bleiben, wie es jetzt ist. Fliegen, Autofahren, Fernreisen; Wäschetrockner, Tiefkühlschrank und Internet; und dazu winters tropische Wärme in den eigenen vier Wänden. Die Diskussion über die CO2-Steuer ist schon jetzt, wo sie noch kaum begonnen hat, zum Davonlaufen. Ich habe allen Ernstes den Einwand gehört, daß ganze Urlaubsregionen einpacken könnten. Wovon sollen denn die Menschen auf den Kanaren leben, wenn keine Touristen mehr kommen? Worauf zu antworten wäre, daß es diesen Tourismus sowieso bald nicht mehr geben wird. Leute!, möchte man schreien, wir sind hier nicht beim Onkel Doktor. Es wird weh tun, verlaßt euch drauf.

Wen träfe eine CO2-Steuer am meisten? SUV-Fahrer, Flugreisende, Fleischesser, Menschen, die in großen Wohnungen und in freistehenden Häusern wohnen. Wen träfe die Steuer am geringsten? Diejenigen, die sich den Krempel eh nicht leisten können. Die Steuer wäre strikt verursacherbezogen, und damit äußerst gerecht. Wer viel CO2 mitproduziert, und das sind die Reichen, zahlt hohe Steuern, wer einen schlankeren Lebenswandel hat, das sind die Ärmeren, zahlt weniger. Die Not ärmerer Bevölkerungsschichten als Argument gegen die Steuer anzuführen, ist scheinheilig. Was wird besteuert? Nicht das Heizöl, sondern der CO2-Aufwand des Lebensstils. Der aber dürfte insgesamt gesehen unter den Ärmsten auch am geringsten sein, da die Mittel zur Bestreitung eines CO2-aufwendigeren Lebensstils bereits am geringsten sind. Niemand muß fliegen. Niemand muß verbrauchsintensive Autos fahren. Niemand muß Fleisch essen. Klar, die CO2-Steuer würde viele Lebensbereiche teurer machen. Und jetzt halten Sie sich fest: das ist ihr Sinn. Aber sie würde es den Steuerzahlern überlassen, wo und wieviel sie sparen, wie sie individuell auf die Steuer reagieren wollen.

Der Preisunterschied zwischen Bioprodukten und Erzeugnissen aus konventioneller Landwirtschaft würde geringer. Es gäbe einen Anreiz für die Industrie, energiesparend zu produzieren. Aufwendige Verpackungen würden verschwinden. Lokale Produktion würde gefördert, Transportwege verkürzt. Energie aus fossilen Brennstoffen würde teurer, Energie aus erneuerbaren Quellen bekäme einen Wettbewerbsvorteil. Viele Produkte, die jetzt aufgrund niedriger Energiepreise günstig zu haben sind, würden erheblich teurer. Aber der Kostendruck im Wettbewerb würde zu neuen Technologien und Vermarktungsweisen führen, die mit weniger Energie auskämen. Gegenwärtig besteht sehr wenig Anreiz, an Energie und Transport zu sparen. Das würde sich nach Einführung einer CO2-Steuer sehr schnell ändern. Auf lange Sicht würden sich auch Arbeitswege verkürzen, weil sich die Produktion lokal und dezentral umorganisieren würde. Das Wachstum der Megastädte würde abnehmen, ländliche Regionen als Arbeits- und Wirtschaftsräume aufgewertet. Vegetarische oder sogar vegane Lebensweisen wären nicht mehr nur aus ethischen oder gesundheitlichen Gründen erwägenswert – sie wären schlicht und einfach billiger. Wenn Fernreisen nicht mehr erschwinglich wären, profitierte der regionale Tourismus. Die Städte und Kommunen gerieten unter Druck, attraktive Freizeit- und Erholungsangebote zu machen. Es gäbe wieder mehr Schwimmbäder und Parkanlagen, aus der CO2-Steuer mitfinanziert. Es gäbe einen Selektionsdruck für ganze Lebensstile, Kulturen, Narrative und Techniken.

Und das alles würde sozusagen von alleine passieren – mit nur einer einzigen Maßnahme als Triebfeder. Ein kleines Gesetz würde die Entwicklung einer post-fossilen Gesellschaft einleiten. Keine andere Einzelmaßnahme, von der Wohnungsdämmung bis zum EEG, hätte ein solches Potential oder wäre so gerecht.

Noch einmal langsam zum Mitschreiben

Wenn die PR-Abteilung der Universität zu Köln von der Lehranstalt als einer Arbeitgeberin spricht1, dann sitzt sie dem gleichen Irrtum auf, wie alle Verfechter der korrekten genussensiblen Sprache, die die grammatische Kategorie des Genus (also des nominalen Geschlechts, maskulinum, femininum und neutrum) mit der biologischen Kategorie des Sexus (männlich, weiblich) verwechseln.
Die Universität, nur weil sie femininen Genus ist, ist ebensowenig ein Weibchen wie eine Lampe oder eine Flasche. Und ebensowenig wie der Bagger oder der Schraubendreher, ist ein Arbeitgeber, nur weil er masculini generis ist, ein Männchen. Warum? Weil Universitäten, Schraubendreher und Arbeitgeber keine Personen sind, sondern Institutionen bzw. Werkzeuge.
Das Suffix -in dagegen bezeichnet immer eine Person, und zwar eine (biologisch) weibliche. Weswegen es sinnlos ist, von einer Baggerin, einer Schraubendreherin oder einer Wegweiserin zu sprechen: Gegenstände haben ein Genus aber keinen Sexus. Allenfalls die Nervensäge mag eine Ausnahme darstellen. (Wobei es selbstredend auch männliche Nervensägen gibt.)

1 In einem Rundschreiben, in welchem die Teilnahme der Universität an der Kölner CSD-Parade mit einem Wagen und einer „Fußgruppe“ angekündigt wird, um „auch auf diese Weise ein Zeichen gegen Diskriminierung zu setzen.“ – Nein, meine Damen und Herren, das ist kein Scherz.

Lauda

Mitte der 80er Jahre, es war die Zeit des Waldsterbens, diverser Dioxin-Skandale, umgekippter Gewässer, toter Fische im Rhein und grüner Minister in Turnschuhen, war Niki Lauda einmal zu Gast in der Fernsehshow „Wetten daß …“ Zu dieser Zeit, man fuhr noch mit verbleitem Benzin, und der Drei-Wege-Katalysator war Science Fiction, wurde zum ersten Mal ernsthaft Tempo 100 auf deutschen Autobahnen in Erwägung gezogen und landauf, landab hitzigst diskutiert. Der Moderator Frank Elstner, unklar, ob aus naivem oder ausgefuchst-journalistischem Interesse, stellte dem Rennfahrer die Gretchenfrage, nämlich, wie der es mit dem Tempolimit halte. Lauda erwiderte, ich zitiere fast wörtlich, es führe doch nur zu noch mehr Verdummung, wenn alles noch langsamer gehe; und wenn die Technik richtig eingestellt sei, gebe es auch gar kein Problem für die Umwelt. – Frenetischer Applaus im Publikum; der Meister hatte gesprochen; die Menge johlte.
Das war meine erste Lektion in Demokratie.