Und ich will aber, daß du auf mich aufpaßt, trotzdem, hat sie einmal geschrieben.
Die Möwen auf dem Geländer der Rheinbrücke sind alle in der gleichen Richtung gesessen, die Schnabelblicke wie die Zuschauer in einem Theater auf den vorbeifließenden Verkehr gerichtet, in einer langen Reihe, dichtandicht, die Schnäbel zur Straße, weg vom Wasser. Es war Winter, als sie so dasaßen, in einer Reihe. Flügel an Flügel. Manchmal bauschte sich Gefieder, wenn eine Bö hineingriff, ansonsten saßen sie alle still da, einvernehmlich nebeneinander und ganz still. Amüsiert die der Stau, habe ich mich gefragt, die Verkeilung von Bus, Straßenbahn und PKW, das fröstelnde Flitzen der Radfahrer?
Das müßte ich ihr schreiben, habe ich gedacht, das müßte ich E. erzählen, das würde ihr gefallen. Wie sie da sitzen, aufgereiht auf dem Geländer, alle die Schnäbel in eine Richtung, du hättest gelacht, nicht?
Ich krallte die Hände in die Lehne des Sitzes, gab das Fokussieren auf, und während ich in die Glitzersterne überm Wasser flog, habe ich gedacht, wie traurig Flüsse sich anfühlen können.
Kategorie: Fremd zieh ich wieder aus
Puzzle
Manchmal ermüdete ihn das Puzzle. Er starrte auf die Teile in seiner Hand, wütend. Plötzlich stimmte nichts mehr zusammen, die eben noch gefügt geglaubte, mühsam rekonstruierte Landschaft zerbrach wieder, das Meer bekam Risse, der Himmel zerflog, er konnte von vorne beginnen; dann verlor er die Geduld, die Knie begannen vom langen Hocken zu schmerzen, das Handtuch auf den Schultern war warmgeworden. Er warf die Teile, die er wie im Krampf zuletzt in den Fäusten gehalten hatte, fort, verzog das Gesicht und rieb sich die Augen, bis er Sterne sah. Dann erhob er sich, schwankte ins Bad, tränkte das Tuch mit frischem Wasser und wischte sich damit den fettigen Schweiß von Gesicht und Brust. Solcherart erfrischt und leicht fröstelnd holte er den Karton, den einzigen, der nicht verstaubt war, vom Schrank, und legte sich, das Handtuch auf der Brust, ins Bett, wo er mit klopfendem Herzen den Deckel hob und mit spitzen Fingern in die Schichten aus Photographien hineinzupfte.
Nur von E. hatte er keine Photographie. Vielleicht war sie ihm heilig gewesen, unantastbar für den Finger des Blitzlichtes.
Normale Verhältnisse
heute im zug nach Köln der gedanke: es geht ja gar nicht, hat alles keinen zweck, laß es, du erreichst nichts, und selbst wenn–
ich kann kein normales verhältnis haben, um nicht schon von freundschaft und den damit zusammenhängenden leeren und schmerzenden phrasen zu reden, wie sollte denn ein normales verhältnis aussehen, verfädelt in die melancholie wie ich bin. wie sollte – weiß sie das? ist sie klüger als ich, mir darin voraus, tut sie das einzig richtige? hab ich es einfach noch nicht begriffen, daß ihr schweigen ein weises schweigen ist? das einzig richtige, denke ich und dann: wie sollte denn so etwas wie glück mit ihr aussehen, jetzt oder irgendwann, was, außer dem aufrollen der vergangenheit, haben wir denn noch? können wir noch einmal gemeinsam bärenbude hören und gemeinsam pizza backen, so daß es nicht eine wiederholung, nicht ein handelndes erinnern wäre?
wir können den faden nicht wiederaufnehmen wie man ein spielzeug wiederaufnimmt, ohne daß es eine art von nachahmung wäre und ich verloren im gestern, mit bewegungen, die verzweifelt so tun als ob.
Himmelfahrtstag 2002
damals, ein spaziergang, der kottenforst zwischen bahnstation und schnellstraße, durch schatten, zwischen bäumen, und, hätten wir es nur gewagt in so viel licht, auch abseits vom wege, immer den küssen nach. in einer stillen kurve zeit menschenstimmen vergessen. brot und eier essen an einer bank, die ich nicht wiederfinde und nicht zu suchen wage, an wegekreuzen vorbei, unter denen heute abendlicht liegt und aller lärm fern ist.
ein bach, der bach, trug die landschaft und die weidenwipfel (oder waren es erlen, oder pappeln?) davon, oder verhielt sie, je nachdem, wie man den kopf wandte, während hinter den bäumen (erlen, weiden, pappeln), jenseits des schattens, die felder, oder waren es wiesen, in strahlung standen, halm um leuchtenden halm; und du später, nachdem du verborgen in gräsern wasser gelassen hattest, über die wiese schrittest, rechts und links versonnen nach den blütenköpfen zielend, dein haar schwarz unter der sonne, und pollen deine füße netzte. und wir hatten ein insekt beobachtet, weiß ich noch, und ich narr! habe vergessen, ob es ein käfer war oder eine hummel oder etwas ganz anderes, ebenso wie ich nicht mehr weiß, ob es pappeln oder weiden oder erlen waren, und ob dahinter felder leuchteten oder eine wiese. hast du gelacht, als du über die wiese gingst, den kopf leicht zur seite geneigt? hast du gelächelt? wie oft haben wir uns geküßt an diesem tag?
könnte ich diesen tag, den einen nur, noch einmal erleben, wir würden den küssen folgend vom wege abgehen. und wie genau wollte ich mir dann alles merken, und es niemals mehr vergessen, nicht die weiden, nicht den käfer, die gefangenen bilder des bachs nicht und auch nicht dein lächeln, wie es sich mir entgegenhob, abseits des weges, bekränzt von knisterndem laub.
wegekreuz
Gestern an alten wegekreuzen vorbeigelaufen, erschöpft zuletzt schon, und mit einem atem, der dünn ist von zweieinviertel stunden wegs, ins seltene gelaufen, in überwachsene pfade, filigranes, zitterndes, gewoge von mücken. zeit. zeit, die hier als ein licht greifbar scheint, als ein stofflich-atembares dunkel, das für sich an solchem ort existiert, in abwendung und gleichgültigkeit. daß ich hier war, zuzweit, es ist wahr und gleichzeitig nicht. so ist das, sage ich mir, schon zum soundsovielten male seit damals, seit der letzten gütigen erscheinung ASTARTES, sage ich mir vor: so ist das. so war es. aber keine grammatik hat das geeignete tempus für diesen satz, so viele sprachen man auch kennen mag.
auf einem alten friedhof, an einem tag im februar
wieder erinnerungen, wo man bereit ist, sie nicht zu erwarten: das brot im knisterlaub, in die helle geschrieben. wabernde schaufenster, herrische verkehrsampeln. überall, fast überall. hier war ich mit dir, und ich sollte wohl besser „ihr“ schreiben, und da waren wir auch.
laub im hof: in ständigem kreis kratzen wieder die sterne ans fenster. die altäre stehen leer. moos auf den knien von statuen, den flügeln von engeln, spitz wie schulterblätter. zwei schwerter des behutsam aufgehobenen glücks, messerscharfen glücks. ein ichkannnichtmehr, dessen blaßrosa schrift verläuft und eins wird mit erde und duft. klarsichthülle um abschiedsbrief, während schritte sich entfernen, handinhand, und der kies leise knirscht, als schäme er sich, ein geheimnis preisgeben zu müssen.
Über der Stadt Trier
auf der brücke sah
er sich noch einmal um, während allerorten
ASTARTES
schweigen wuchs und wuchs
ein wanderer mußte er werden, nun
da der strom unten in reine strahlung
aufging, die brücke in nichts als in
helle fortrug
da stand er und sah
erde sich drüben beständig in himmel
wandeln, in leuchten
drüben, am ende schon,
wo der wein überm ufer des raums
nur ein atmen war hinauf
klimmende höhung, streckung
in wölbung und zeit.
zeit:
wäre sie wenigstens
voll mühe und mürrisch
täte sie doch weh
und wär nicht dies lächelnd
zergleiten unter
Auge
und schweigen, das wächst und wächst
der schönen,
der schrecklichen
ASTARTE.
geister
es gibt geister, von denen kommt man nicht los. wahrscheinlich nie mehr.
da heißt es tragen tragen tragen, und gehen, und weitertragen. an sich selbst. an sich selbst schwer tragen. sich selbst eine last.
mit dem finger den wein auf der tischplatte malen, einen namen, einen schwanenhals, einen kiesel. dem rätsel so nahe sein wie nie, aber nie mehr so wie damals.
in der winterkälte bogen sich immer die photographien. wie sich etwas einbrennen kann: ich weiß noch genau, wie sich das bett anfühlte, der stuhl, der widerstand der tür beim öffnen und schließen, schränke, spüle, die gegenstände, die geräusche.
aufsehen vom tisch und den schwarzen pferdeschwanz wippen sehen, draußen im licht, draußen. ich bin gefaßt auf das zusammenzucken, und dennoch kommt es jedesmal unerwartet.
geister kündigen sich selten an.
An C. („Wenn ich einmal groß bin …)
„[…] Doch, eine Zeitlang wußte ich sehr wohl, wohin ich wollte. Ich hütete mich davor, so großspurig wie jener Literat mit den Schweinsäuglein (Thorsten, Markus, Thomas, Michael, keine Ahnung) aufzutreten, aber im Grunde war mein Ziel genau das: Wenn ich groß bin, will ich Professor werden. Ich sah allerdings in diesem Bild des Professors, der ich einmal sein würde, eine Figur, die es nicht gibt und auch nie gegeben hat. Es war eine Phantasie, die sich einen feuchten Dreck um die Wirklichkeit scherte, eine Phantasie, die einer Gedankenwelt entsprungen war, in der Vokabeln wie Forschungsfinanzierung, Drittmittel, Projektanträge, Gutachten und Bewilligung nicht vorkamen. Eine gedachte Entität in einer gedachten Welt, in der es zur Forschung nicht Geld sondern Fleiß, Eingebung, Kreativität und Freiheit brauchte. Eigentlich kann man sagen, daß ich eine Märchenfigur werden wollte. […]“
manchmal
was ersehnt diese sehnsucht eigentlich? … wenn man so sehr und so lange etwas will, bis das, was man will, zurücktritt und unsichtbar wird und schließlich ganz aus dem wollen verschwindet. allein, daß man will, bleibt: eine hohles gefäß wollens, in das man so komplett hineingewachsen ist, daß man es vollkommen ausfüllt.
1981
das ist einfach grotesque, widernatürlich, unanständig. ich möchte nicht von sabbern sprechen, aber letzten endes ist es dieses wort, das in den gewölben widerhallt.
es kommt mir wie ein wahnsinn vor. was habe ich da zu suchen, nichts. elf jahre, ein augenblick, ein schicksal. zwei reisende in sich kreuzenden zügen, die einander für die schreckliche dauer eines wimpernschlags ins antlitz schauen und sich dann verpassen auf immer. doch in meinem fall, denke ich mit bitternis im herzen, hat es nicht einmal einen solchen augenblick gegeben; denn wir haben uns schon vor unserer geburt verpaßt; von anfang an konnten wir einander niemals mehr begegnen. (wenn es denn überhaupt beide gewollt hätten, versteht sich.) elf jahre. ein leben. sterblich sind wir von geburt an.
was für ein morgen ist das wieder, denke ich. jetzt mußte ich auch noch davon träumen. ein kuß. ein gemeinsames bad. ein sonnengebräunter rücken mit den hellen blässen des badeanzugs darauf sich kreuzend. ihre hände, die sie nicht schön findet, aber ich. ein traum: und noch im traum plötzlich die unumstößliche gewißheit, daß es nur ein traum war. ja, aber sie hat mich doch geküßt? wehre ich mich gegen mich selbst, aber ich muß es doch einsehen. und dann erwache ich, und es war wirklich nur ein traum, und der briefkasten ist wirklich wieder leer.
Oh ich verstehe. Ich würde das auch nicht mehr wollen. Warum nicht? Damit ich späterhin nicht in die Verlegenheit käme, es ihm erzählen zu müssen. Und wer wollte schon eine Liebe mit Heimlichkeiten beginnen … Und weil ich es verstehe, mehrt es mir den Schmerz. Meine eigenen Bedürfnisse, so wie ich sie in ihrer Haut hätte, finde ich ja in ihr wieder. Das erlaubt den Schluß auf Gefühle in ihr, die mich schon ausschließen aus dem innersten Kreis.
Wenn nicht die letzten Monate sowieso einer Illusion anhingen. Ich war ja längst draußen.
Wieviele dieser Abschiede und kleinsten schrittweisen Ausschließungen muß ich noch erleben? Das letzte Mal ihr Körper auf mir; dann die Nachricht; ein letztes Mal Händchenhalten im Kino (was für eine Illusion auch dies!); und nun das letzte Mal wenigstens neben ihr, an ihr fernes Atmen gedrückt, einschlafen, ach, und schon dieses letzte Mal war zu viel, ein bitterer Nachtrag. Reuen muß mich das. Zuvor wäre ein schönes Letztesmal gewesen. So aber steht als frischester und wohl bleibender Eindruck nun dieses Erzwungene da. Das zu denken, und auch, daß ich die Grenze überschritten, lästig geworden bin, macht mich noch viel trauriger.
Noch einmal trinke ich nun aus dieser Ringeltasse. Ich frage mich plötzlich, ob sie ein Geschenk an mich war? So sehr gehört sie in diese Wohnung, an dieses Bett, zu dieser Stunde, ist verbunden mit E.s halbschlafender Stirn („Soll ich dir einen Kaffee machen?“), an den Duft der Decken, daß ich es nicht mehr weiß. Jedenfalls kann ich sie nicht mitnehmen. Auch wenn sie ein Geschenk war, es ist unmöglich. Ich kann wohl dies Stück gebrannten geformten Tons mitnehmen, diese Tasse aber, an der die Monate hängengeblieben sind, die nun mehr ist als sie selbst, die hätte ich dann nicht mehr in den Händen.
Was steht nun aus? Der Tag, an dem der Herold eines schwarzen Frühlings ihr Glück mit dem Anderen verkünden wird.
Fast wünsche ich ihn herbei, diesen Tag, damit endlich Ruhe ist.
Nichts tritt aus der Nacht. Überall ist Dort, ist Jenseits. Die Füße kommen nirgendwohin, die Arme, ausgestreckt bis in die Fingerspitzen, berühren nichts. In den Handgelenken, in den Schläfen, in den Füßen pocht es ganz leise, hörbar nur, wenn man die Augen schließt und geneigter Stirn den Atem verhält. Der Kopf bebt vorm Ansturm des Bluts, Schlag auf gesammelten Schlag. Kühlschrankbrummen zittert an den Beinchen des Weberknechts, die Kochdünste von gestern, der Schimmel von vorgestern, das ist fast schon ein Trost, ein Leben, eine Stimme. Geisterstühle tragen Riesenschatten unter sich. In der Weinflasche schwimmt drei Sehnsüchte hoch der Mond. Vorhin enttraten Amselschnäbel der Dämmerung, den letzten Wind wollen die Eiben aufgesogen haben, man steht plattgedrückter Nase am Fenster und breitet aus sich Nebel über die Welt, und das Herz so müde und drangegeben an Dunkel und Vollmond und die Schatten in der Küche, im Rücken, im Raum, daß nicht einmal mehr Worte, die letztgebliebenen Geister, sich vom Dunkel entkleiden.
Ich freue mich auf den Tag, wo ich mir wieder Melancholie leisten kann. Und ich fürchte diesen Tag. Ich sehe ihn voraus, ich sehe die Abende voraus, am Fenster, durchwetterleuchtet von Erinnerung und Süße, sehe es voraus als dasselbe, das ich jetzt schon von anderen Geschichten heraufziehe und nach-fühle. Was für ein bitteres Erschauern, bitter, weil es dann nicht mehr bitter ist … bei Kerze, Tee und Schubert. Und noch eine Geschichte, groß wie ein ganzes Leben, und noch eine. War das wirklich alles, was davon übrig sein wird, ein wohlig-trauriges Erinnern an frühen Herbstabenden? War das alles? Ich werde einreihen, diese Geschichte zu den anderen, und sie wird sich gesellen und den anderen gleichwertig, ja ähnlich werden. Dieser Gedanke ist voller Wehmut. Vergänglichkeit nennt man das wohl, was da so schmerzt.
So oft ich besuche, gutlaunig bin, zu zweit lache, Schatz sage, eingehakt durch die wohlig geneigten und lauschenden Straßen, „Erzählst du mir eine Geschüschte?“, im Café, Hand auf Schulter und Wange, „Und was noch?“, ists ein Erinnern. Eine Geste voller Nostalgie, eine Nacherzählung. Jede Minute ein Seufzer aus meinem Mund, ein Geschmack unter der Zunge, weißtdunoch.
Rückwärtsgewand die Hände nach vergilbten Lenzen auszustrecken, so dämmert mir dieser Lenz herauf, lauthals, voller absurder Fanfaren.
Daß allenthalben die Vögel vor Licht wie verrückt sind und ihre Stimmen die Dämmerungen durchweben; daß die Weiden endlich ausschlagen, und die Krokusse, nein, an die will ich gar nicht denken … daß der Himmel wieder weit wird und die Fenster klein, und die Zimmer eng und von Frischluft wie zersprengt; das
stimmt alles nicht.
Es kann doch jetzt gar kein Frühling sein, wie soll das gehen. Es war doch Herbst, damals, und wir gingen auf dem Friedhof spazieren. Es war doch Herbst und ist immer noch Herbst.
Aufarbeitung (6): Nicht mehr da
Sie, meine Liebe, verliebt, andernwärts, andernaugs. Das trifft mich ganz tief drinnen, wo es wahnsinnig schmerzt, an einem Ort, vergraben in mir, wo jede Vernunft fehlt und fehlgeht. Schmerz, übelkeitstiftender Schmerz.
Sie wird nicht mehr da sein. Sie, die ich anrufe, immer wenn es schlimm ist und ich was zu tragen und eine Trauer hab. Zusammen gehören wir eigentlich schon seit längerem nicht mehr; aber eigentlich, in meiner Vorstellung, waren wir es doch die ganze Zeit, in Keuschheit beisammen und füreinander und versprochen einander. Ja. Einander.
Sie, meine Liebe, verliebt, andernwärts, andernaugs –
Aufarbeitung (5): Wildrosen, Mahler
Erwacht ruckartig aus schütterstem Schlafe, emporgezuckt und gewuchtet in schwärzestem Schrecken: Es ist wahr. Esistwahresistwahresistwahr. Herzgehämmer, Atemlosatem, einen Moment Schweben, dann Sturz in Übelkeit, der Magen verknotet zu hartem Dingsda. Die Zeit: Nichtvornichtzurück. Elendewig.
Sichhochkrallen, emporknistern, die Finger in die Luft geschlagen, den Fuß überm Licht. Wie soll das, wie soll das nur gehen, weiter auch noch, weiter und weiter, wie nur?
Später: schreiben. Das Wunder stellt sich auch diesmal wieder ein. Es hilft.
Noch später Gustav Mahler. Das Lied von der Erde. Der Einsame im Herbst. Im Frühling, haha, es ist Frühling, wer jetzt kein Haus hat, stimmt alles nicht, ist alles verschoben und falsch.
Gedanken an meine Großmutter, deren eigenes Leid ich jetzt gerade nicht zu teilen, nicht zu umgreifen vermag, verstrickt wie ich bin ins Selbst. Wann duften die wilden Rosen auf Sylt, habe ich sie gefragt.
Den ganzen Sommer über, antwortete sie.
Aufarbeitung (4): Der Andere
„Ich hab halt seit ein paar Wochen gedacht, wir könnten … einander wieder näher kommen.“
„Oh … aber nein … aber nein…“
Faustworte in Bittermagengrube.
Ich war im Grunde, stelle ich rückblickend fest, überzeugt: Wir gehören eigentlich, komme was wolle, zusammen, und alles ist nur schwierig, aber nicht endgültig, zu Ende schon gar nicht. Ich stelle fest, daß ich die ganze Zeit im Grunde nicht geglaubt habe, daß es vorbei sei. Ich habe es gar nicht begriffen, und schon gar nicht das Ausmaß all dessen, was es heißt, wir sind nicht mehr zusammen. Nämlich, daß das bedeutet, wir gehen jetzt ein jeder unserer Wege, getrennter Wege. Nämlich, daß das bedeutet: Sie und er, wer auch immer es ist, haben ein Leben zusammen. Er, nicht ich. Das ist unvorstellbar.
Eifersucht? Nein, das hat damit nichts zu tun. Der Schmerz ist ein Verlustschmerz und kommt aus dem glasharten Bewußtsein, daß sie nun fort ist. Aus-meinem-Leben-entfernt ist. Daß uns keinerlei Ausschließlichkeit mehr unter sich aufnimmt und die Welt draußen sein läßt. Ich bin nun bloß noch Welt und draußen. Und drinnen, irgendwo, in irgendeinem warmen Raume, der diese Welt ausschließt und Erinnern und Wärme und Geborgenheit schafft, da ist sie – und das fremde Herz, mit dem sie dieses Drinnen nun teilen will.
Alleinsein heißt: Draußen sein, und von draußen in einen verwehrten Raum sehen, wo man selbst einmal war.
Aufarbeitung (3)
Alteram Venerem tecum habere volebam, novam Venerem et quae nos renovare posset. Alteram Venerem volebam tecum, non nullam. Pristinam ferocitatem corporis animique, qua olim iungebamur, redinvenire volui.
Nunc autem cor tuum vagatum est longe et vidit quem amare vult. Meum ipsius cor quoque vagabitur per planities et silvas et montes; at videbit amabitque nullam.
Aufarbeitung (2)
Diese Sehnsucht und Gier wird doch wieder nur dazu führen, daß ich nicht wähle, sondern daß es die erstbeste wird. Wie schon E. die erstbeste gewesen ist – um sich dann auch als die erstrichtigste zu erweisen, bis auf jene klitzekleine wichtigste Kleinigkeit, manche sagen auch: Nebensache, der Welt.
Wenn auch dies gestimmt hätte und wir darin überein – wo wäre ich dann jetzt. Noch zermalmter, als ich es so schon bin.
Aufarbeitung (1)
Ich gewöhne mich. Ich wage, mich ohne sie, sie ohne mich zu denken. Das geht schon ganz gut. Wieder einmal bemerke ich meine starken und schnellwirkenden Selbstheilungskräfte. Dennoch liegt mir der drohende Tag im Magen, an dem E. mehr nicht nur verliebt, sondern auch zusammen sein wird, mit dem Großbuchstaben-Ihm. Dem Andern eben, der nicht mehr ich bin.
Ich komme leichter über alles hinweg, wenn ich zu denken wage: Auch du hattest deine Zweifel. Auch ein Teil von dir wollte nicht mehr. Auch du gucktest wieder hin und vergucktest dich. Auch du wolltest dich schon trennen, oder sahst das als einzigen Ausweg. Freilich kann auch ein Trennungswunsch ein falscher Wunsch sein, der schadet oder blindlings wütet — ohne zu begreifen. Aber er war da, der Wunsch, in Kauf nehmend.