Untergänge (2)

Die Dachterrasse ist untergegangen. Wo gestern noch Vögel herumhuschten, Bienen summten, Fliegen durchs Sonnenlicht schossen, blickt jetzt das Wohnzimmerfenster auf den ebenen, bis zum Rand der Sichtweite, die höchstens zehn Meter beträgt, von hügelartigen Unebenheiten gewellten, wie mit abgelagerter Asche bedeckten Grund eines Meeres, in dessen träger Strömung graue, ins Milchigweiße spielende Partikel und Trübstoffe umhertreiben oder wie Flocken niederzugleiten scheinen. Gäbe es die Blitze nicht, läge die Landschaft in vollkommenem Dunkel, in dem dumpfes Wellengetön, das Grollen einer fernen Brandung, das Knistern ablaufender Gischt aus gewaltiger Höhe herabdringen. Doch ab und zu zerreißt die Dunkelheit wie ein Tuch. Scheinwerfer streifen immer wieder den Grund, tauchen das Terrain sekundenlang in magnesiumblaues Licht und erlöschen wieder, bevor die Schemen jenseits des Rands der Terrasse in die Erkennbarkeit getreten wären. Etwas wie Felsen scheint dort draußen zu liegen; wenn das Licht dort einfällt, sieht man die Schatten von Wülsten, Bändern und pilzförmigen Ausstülpungen des Meeresbodens. Vielleicht sind es Felsen, vielleicht Wracks, vielleicht ins Riesenhafte der Tiefsee hinein gesteigerte Ausgaben von Korallen oder Schwämmen oder anderer, bislang nicht klassifizierter Lebewesen. Etwas Bürstenartiges scheint auf ihnen zu hocken und das Suspensat der Trübstoffe zu durchkämmen. Aber bevor die Dinge selbst sich von ihrem ringartig um sie gelagerten, tintenschwarzen Schatten lösen und erkennbar werden, ist das Licht schon wieder erloschen. Allenfalls als Nachbild auf der Netzhaut bietet sich zur Spekulation an, was in unmittelbarer Nähe des Fensters als schlanke Aufbauten oder Säulen blitzartig aus der Folie der Finsternis stürzt und wieder darin verschwindet. Von Algen- und Muschelbewuchs verkrustet, läßt sich die einstige Funktion von Schornsteinen und Satellitenschüsseln nur noch vermuten. Der Scheinwerfer flackert, der Kegel tanzt, die Schatten krümmen sich, es scheint das Licht aus mehreren Quellen zu stammen. Plötzlich erklingt ganz in der Nähe etwas wie das Rutschen und Schürfen von Kies. Und während die Brandung verstummt, ist es, als ob über die Lichtkegel eine massive Braue fiele. Ein oberer Grund scheint sich in einer trägen Drehung herabzuwälzen, der den Raum bis zum unteren Grund rapide zum Verschwinden bringt. Für einen kurzen Moment, bis das Licht ganz ausgeht, erhellt der Blitz ein Stück pockennarbige Oberfläche, leuchtet eine Kaskade berstenden Felsens oder Mauerwerks wie eine Lilie aus Schnee auf, ehe sich vollkommene Finsternis niedersenkt und diese letzte Bewegung mit sich nimmt.

(1)

0 Gedanken zu „Untergänge (2)

Schreibe einen Kommentar zu Ulli Antworten abbrechen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.