Fremd bin ich eingezogen

The way my heart flutters when you look at me lesen genau in dem Moment, wo das eigene Herz wieder einmal stolpert, leider nur aus medizinischen Gründen.

Und wie ein Kommentar meiner Träume („Haben wir’s dir nicht immer schon gesagt?“) steht das Bücherregal am Fußende des Gästebetts, als ich mich mühsam erhebe. Fremde Türen, steif wie Katzenklappen, versperren den Weg zur Toilette. Die Wohnung riecht nach fremdem Revier. Vier dunkle Türen im Flur, von denen eine besonders dunkel ist. Man kann sie nicht verfehlen, und wenn man sich noch so Mühe gibt.

Tags zuvor, du in eurer Küche: Als trügst du eine andere Frisur und Kleider, die ich noch nie an dir gesehen habe. Dein Lachen, dein Gesicht so fremd wie die Stimme eines Menschen, der plötzlich Dialekt spricht, obwohl man nie etwas anderes als Hochdeutsch von ihm gehört hat. Freundlich, warm, gemütlich und sanft verstörend. Eine unbeabsichtigte, arglose Korrektur: So bin ich auch. Das bin auch ich.

Keine Phantasien, keine Träume suchen mich heim, kein luzides Glückserschrecken öffnet die Zimmertür im Halbschlaf. Die Nacht bleibt aus, eine Stunde stellt sich nicht ein. Die Luft ist eine Ausstülpung, wie ein Handschuh ohne Hand. Nur Leere und Warten und auf links gedrehter Schlummer von Straßenlaternen. Die Badezimmertür schließt nur mit Druck, es reicht ein Nachmittag in eurer Wohnung, um es zu lernen. Die andere Tür, links davon, hat ihre Klinke eingezogen und bleibt stumm, bleibt eine Nacht lang stumm, streng wie ein Wächter ohne Nase, und so hoch, daß das Schlüsselloch oben im Dunkel verschwindet wie ein Einbrecher am Seil. Draußen, in den Straßenschluchten, zirpen die kleinen Stimmen einer großen Nacht, wie Insekten im Pelz eines gewaltigen, schlafenden Tieres. Meine Uhr, mein Buch, meine Brille im Kreis des Leselämpchens. Gerettete Dinge, unersetzliche Koordinaten, mein ganzer Besitz. Ich kann weder schlafen noch lesen.

Ich erwache, wie einem ein unterbrochener Gedanke wieder einfällt, und es ist, als hätte ich gar nicht geschlafen. Unberührt steht ein Glas Wasser auf dem Nachttisch. Ausgestelltes, nicht abgeholtes Orakel. Die Bücher haben mich im Dunkel die ganze Zeit beobachtet, meinen Schlaf und meine Schlaflosigkeit; wenn ich weg bin, werden sie dir von mir erzählen. Ich weiß nicht, ob ich das hoffen oder fürchten soll. Durch den Vorhang atmet ein Morgen, der wieder mir gehört.

Die Bücher in diesem Zimmer, Titel um Titel, kennen dich alle besser als ich.

Und Tage später begreife ich, daß das nicht stimmt, daß es umgekehrt ist: So wie ich dich in eurer Wohnung sah, bist du wirklich, die Fremde bist du nicht dort, die Fremde bist du, wenn du bei mir bist und ich dich liebe.

Auf das Pfeifen der ersten Mauersegler mußtest du mich hinweisen, ich hätte es vor lauter Aufregung nicht gehört.